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Full text of "Abhandlungen"

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ABHANDLUNGEN 



DER 



KÖMGLICHEN GESELLSCHAFT DER WISSEIVSCHAFTEIV 



zu GÖTTINGEN. 



ACHTZEHNTER BAND. 



VOM JAHRE 1873. 



MIT ACHT STEINDBUCKTAPELN UND EINER KARTE. 



GÖTTINGEN, 

IN DER DIETERICHSCHEN BUCHHANDLUNG. 

1873. 



* 



Y r r e d e. 



Dieser achtzehnte Band der Schriften der Königlichen Ge- 
sellschaft der Wissenschaften zu Göttingen enthält die in dem 
J, 1873 in den Sitzungen derselben vorgetragenen oder vorge- 
legten Abhandlungen. Die der Societät mitgetheilten kleineren 
Arbeiten sind in dem Jahrgange 1873 der „Nachrichten von der 
K. Gesellschaft der Wissenschaften und der G. A. Universität" 
veröffentlicht worden. 

Das Directorium der Societät ging zu Michaelis d. J. von 
dem Herrn Weber in der mathematischen Classe auf Herrn Ewald 
in der historisch - philologischen Classe über. 

Von ihren auswärtigen Mitgliedern und Correspondenten verlor 
die Societät in diesem Jahre durch den Tod: 

Theodor Georg von Karajan in Wien, gest. am 28. April 
im 64 Lebensjahre. Ehrenmitglied. 

Justus von Liebig in München, gest. 18. April im 70. Lebens- 
jahre. Mitglied der physik. Cl. 

Gustav Rose in Berlin, gest* 15. Juli im 76. Lebensjahre. 
Mitgl. der physik. Cl. 

Christoph Hansteen in Christiania, gest. 15. April im 89. Le- 
bensjahre. Mitgl. der mathem. CL 

Christoph Friedrich von Stalin in Stuttgart, gest. 12. August, 
im 68. Lebensjahre. Mitgl. der histor.-philol. Cl. 



a* 



IV VORREDE. 

Joh. Frieä/r. Augmt Breithaupt in Freiberg, gest. 22. Sept. 
im 83. Lebensjahre. Correspondent der physik. Cl. 

Johannes Brandts in Berlin, gest. 8. Juli im 43. Lebensjahre. 
Corresp. d. histor.-philol. Cl. 

Carl Friedrich Naumarm in Dresden, gest. 26. November im 
77. Lebensjahre. Mitgl. der physik. Classe. 

Aiigust De la Rive in Genf, gest. 27. November im 72. Le- 
bensjahre. Mitgl. d. physik. Classe. 



Einem Kufe nach Wien folgend ist Herr G. Claus aus der 
Zahl der hiesigen ordentlichen Mitglieder ausgeschieden. 



Zu Ehrenmitgliedern wurden erwählt: 
Hr. Joachim Barrande in Prag. 
Hr. Giusseppe Fiorelli in Neapel. 

Zu auswärtigen Mitgliedern: 
Hr. Eduard Frankland in London, phys. Classe. 
Hr. Otto Hesse in München, seither Corresp. math. Classe. 

Zu Correspondenten: 
Hr. Jean Servais Stas in Brüssel, phys. Classe. 
Hr. C. Ä. Bjerknes in Christiania, math. Classe. 
Hr. J. Thomae in Halle, math. Classe. 

Zum Assessor in der mathem. Classe: 
Hr. B. Minnigerode. 



Die im Laufe des J. 1873 in den Sitzungen vorgetragenen 
oder vorgelegten Abhandlungen und kleineren Mittheilungen 
sind folgende: 



VORREDE. V 

Am 4. Januar. Marx , Zur Beurtheilung des Arztes Chr. Fr. Paulliri. 

Bd. xvni. 

Ewald, Ueber Erwerbung und Herausgabe Orientalischer 

Werke durch die K. Soc. d. Wiss. N. 1.^) 

Claus, Zur Kenntniss des Baues und der Entwickelung 

von Brancbipus stagnalis u. Apus cancriformis. Bd. XVIII. 

Listing, lieber unsere jetzige Kenntniss der Gestalt und 

Grösse der Erde. N. 3. 

Schering, Ueber Curven-Flächen und höhere Gebilde im 

verallgemeinerten Gauss sehen und Biemann'schen Baume 

N. 13. 

Quincke, Corresp., über die Beugung des Lichtes. N.22. 

Ihering , Zur Entwickelungsgeschichte des menschlichen 

Stirnbeins. (Vorgelegt von He nie). N. 5. 

Rethy, Ueber ein Dualitäts-Princip in der Geometrie des 

Raumes. (Vorgel. von Schering). N. 6. 

Am 1. Februar. Schering , Die Schwerkraft in mehrfach ausgedehnten 

Gtiuss'schen und Riemä m'schen Bäumen. N. 133. 
Wieseler, Beiträge zur Symbolik der Griechen und 
Römer. N. 363. 

ToUenSy Ueber ein Parabansäure-Hydrat und über Schwe- 
felreaction vorm Löthrohr. (Voi^el. von Wöhler). N. 101. 
Nöther und Brill, Ueber die allgebraischen Functionen 
und ihre Anwendung in der Geometrie. (Vorgel. von 
Stern.) N. 116. 

Grenacher, Zur Entwickelungsgeschichte und Morphologie 
der Cephalopoden. (Vorgel. von Claus.) N. 107. 

Am 1. März. Claus^ Ueber die Abstammung der Diplophysen und über 

eine neue Gruppe von Diphyden. N. 257. 
Benfeg, Indogermanisches Particip Perfecti Passivi auf 
tua oder tva. N. 181. 



1) N. bedeutet »Nachrichten von der K. Gesellsch. d. Wiss.« 1873 , mit der 
Seitenzahl. 



VI VORREDE. 

Derselbe, Dionysos: Etymologie des Namens. N. 187. 

Klinkerfues, Ueber einen grossen Sternschnuppenfall aus 

dem J. 524 n. Chr. und seinen Zusammenhang mit zwei 

Cometen. N. 275. 

Kohlrausch^ Corresp., Ueber das elektrochemische Aequi- 

valent des Wassers. N. 262. 

Noether, Ueber algebraische Functionen. (Vorgel. von 

Stern.) N. 248, 

Pischel, Ueber eine südindische Recension des ^fikuntalam. 

(Vorgel. von Benfey.) N. 189. 

Enneper, Ueber die Enveloppe einer Kugelfläche. N. 217. 
Am 3. Mai. Marx^ Kasper Hofmann, ein deutscher Kämpfer für den 

Humanismus in der Medicin. Bd. XVIII. 

Wüstenfeld, Zur Geographie des Gebietes von Medina. 

Bd. XVIII. 

Klinkerfues, Ueber Fixstern - Systeme , Parallaxen und 

Bewegungen. N. 339. 

Sturm, Ueber das Problem der räumlichen Oertlichkeit. 

(Vorgel. von Stern). N. 311. 

ToUens, Ueber Monobromacrylsäure, Bibrompropionsäure 

und Diallyl. (Vorgel. v. Wo hier.) N. 320. 324 u. 330. 

A. Mayer, Corresp., Zur Integration der partiellen Dif- 
ferentialgleichungen erster Ordnung. N. 299. 

Marx, Ueber Konrad Victor Schneider und die Katarrhe. 

Bd. XIX. 
Am 14. Juni. Waitz, Verlorene Mainzer Annalen. N. 388. 

Benfey, Die Suffixe anti, äti und ianti, iäti. N. 391. 

Derselbe^ Ein Theil des Mongolischen Ardschi Bordschi 

und Stücke des Pantschatantra im Singhalesischen. N. 404. 

Derselbe, Skizze einer Abhandlung über Augensprache, 

Mienenspiel, Gebärde imd Stimmmodulation. N. 407. 

Klinkerfues, Nachtrag zur Methode der Parallaxenbe- 
stimmung durch Badianten. N. 460. 



VORREDE. Vn 

Enneper , Bemerkungen über die orthogonalen Flächen. 

N. 423. 

Quincke, Corresp», £me neue Methode Kreistheilungen 

zu untersuchen. N. 411. 

Voss, 1. Ueber eindeutige Transformation ebener Curven. 

2. Zur Geometrie der Flächen. (Vorgel. von Stern.) 

N. 4U. 

Bjerknes, Das Dirichlet'sche Kugel - Ellipsoid - Problem. 

(Vorgel. von Schering.) N. 439. 

Derselbe, Verallgemeinerung des Problems von dem 

ruhenden Ellipsoid in einer bewegten unendlichen Flüs- 
sigkeit. N. 448. 

V. Brunn ^ Ueber das Vorkommen organischer Muskel- 
fasern in den Nebennieren. (Vorgel. v. He nie.) N.421. 

Lolling, Beiträge zur Topographie* von Athen. (Vorgel. 

mit Anmerkungen von Wie sei er.) N. 463. 
Am 23. Juli. Benfey, äsmrtadhrtl Rigveda X. 61. 4. N. 519. 

Wieseler, Ueber einige im Orient erworbene Bildwerke 

und Alterthümer. N. 522. 

Riecke, Ueber das Weber'sche Grundgesetz der elektr. 

Wechselwirkung in seiner Anwendung auf die imitarische 

Hypothese. N. 536. 

V. Brunn, Zur Lehre von der Knorpel- Verknöcherung. 

(Vorgel. von Henle.) N. 551. 

Voss, Zur Geometrie der Plücker sehen Liniengebilde. 

(Vorgel. von Stern). N. 644. 

P. du Bois - Reymond , Ueber die Fourier sehen Reihen. 

(Vorgel. von Schering). N. 571. 
Am 2. August. Ewald, Ueber die Eintheilung der Babylonischen Mine 

in S^kel. N. 600. 

Waitz, Ueber die Annales Sithienses. N. 587. 

Wieseler, Archäologischer Bericht über seine Beise nach 

dem Orient. Bd. XIX. 



vm 



VORREDE. 



■ 



Am 1. Novbr. 



Am 6. Decbr. 



Hühner, (in Gemeinschaft mit seinen Schülern), über eine 
Base aus Nitrobenzanilid, über die Xylidine aus Stein- 
kohlen theer, über Thihydrobenzoesäure, über Verbindungen 
der Nitrile mit den Aldehyden. N. 655. 
Voss, Ueber die Geometrie der Brennflächen von Con- 
gruenzen. (Vorgel. von Stern.) N. 611. 
Minnigerode, Ueber eine neue Methode, die Pell'sche 
Gleichung aufzulösen. (Vorgel. von Schering.) N. 619. 
Schering, Die Hamilton -Jacobische Theorie für Kräfte, 
deren Maass von der Bewegung der Körper abhängt. 
N. 744. u. Bd. XVIII. 

Derselbe, Theorie der Poisson'schen Störungsformeln. 
Bd. XIX. 

Derselbe, Fundamentalsatz des Pfaff sehen Problems. N. 26. 
H. Ethi, Beiträge zur Kenntniss der ältesten Epoche 
neupersischer Poesie. (Vorgel. von Ewald.) N. 663. 
Enneper , Bemerkungen zur allgemeinen Theorie der 
Flächen. N. 785. 

Bjerknes , Verallgemeinerung des Problems von den 
Flüssigkeits-Bewegungen in einem ruhenden, unelastischen 
Medium, durch die Bewegungen eines Ellipsoids. (Vorgel. 
von Schering.) N. 829. 

Hattendorf, Bemerkungen zu den Sturm'schen Functionen. 
N. 779. 

Lüroth, Ueber das Rechnen mit Würfen. (Vorgel. von 
Stern.) N. 767. 
ToZZew^, Ueber Verbindungen von Amylum mit Alkali. N.762. 

Derselbe, (mit v. Grote,) Ueber eine aus Rohrzucker durch 
verdünnte Schwefelsäure entstehende Säure. N. 759. 
Derselbe, (mit Wagner und Philippi,) Untersuchungen 
über die AUyl-Gruppe. (Vorgel. von Wohl er.) N. 754. 
Feier des Stiftungstages der K. Societät und Jahresbericht. 
N. 805. 



VORREDE. IX 

Ewald, Ueber den sogenannten orientalischen Eedeschwulst. 

N. 810. 

Benfey, Einleitung in die Grammatik der vedischen 

Sprache. (Bd. XIX.) 

Reinke, Ueber die Function der Blattzähne und die 

morphologische Werthigkeit einiger Laubblatt-Nectarien. 

(Vorgel. von Wohl er). N. 822. 



Die für den November d. J. von der mathematischen Classe 
gestellte Preisfrage hat keinen Bearbeiter gefunden. 

Für die nächsten Jahre werden von der K. Societät folgende 
Preisfragen gestellt: 

Für den November 1874 von der historisch-philolo- 
gischen Classe: 

Für die weitere Fortbildung der Sprachwissenschaft sind jetzt zwei Momente 
von besonderer Erheblichkeit. Zunächst gilt es das Spiel und die Wechsel- 
wirkung der sprachschaffenden und entwickelnden Kräfte, deren Wirkungen in 
der Analyse der alten erstorbenen Sprachen erkannt sind, in den lebendigen 
Sprachen zur vollen Anschauung zu bringen. Dazu werden diejenigen lebenden 
Sprachen die besten Dienste leisten, welche mit alten, sorgfaltig durchforschten, 
eng verwandt sind. Femer gilt es seine ganze Aufmerksamkeit auf die Erfor- 
schung des Verhältnisses zu wenden, in welchem die Sprachen eines Astes, oder 
Stammes, zu einander stehen, was sie von der ihnen zunächst zu Grunde liegenden 
Sprache bewahrt, was eingebüsst, was neugestaltet, welchen Mitteln und Einflüssen 
diese Neugestaltungen verdankt werden, mit einem Worte: was allen Sprachen 
eines Astes, den Aesten eines Stammes, gemeinsam und was den besonderten 
besonders eigen sei, was auf dem Grunde der gemeinsamen Unterlage die be- 
sondre Eigenthnmlichkeit der Aeste und ihrer Sprachen bilde. Dadurch wird 
es möglich zu bestimmen, welche Stelle jede der besonderten Sprachen in dem 
Sprachkreis einnimmt, zu welchem sie gehört. 

Zu derartigen Forschungen scheint die Sprache der Kurden besonders geeignet 
zu sein. Sie ist mit den übrigen eranisdien Sprachen so eng verschtvistert , dass 
sie nickt allein fähig ist, Licht von ihnen au empfangen, sondern auch auf sie 
zurückzuwerfen; zugleich uoird es möglich sein durch eingehende Vergleichung mit 

b 



X VORREDE. 

den verwandten Sprachen die Stelle zu bestimmen, welche sie im Kreise derselben 

einzunehmen berechtigt ist. 
Diese Erwägungen haben die Eönigl. Ges. d. Wiss. bewogen, aufzufordern 

zu der Bearbeitung einer: 

Grammatik der Kurdischen Sprache in Vergleich mit dem ÄUbaärischen 
und den persischen Sprachen (dem Altpersischen der Keilinschriften, dem 
Mittelpersischen [Päzendischen] und Neupersischen sammt dessen schon 
bekannten Dialekten), insbesondre um die Stellung derselben im eranischefi 
Sprachkreise genauer zu bestimmen. Gewünscht wird auch die Berücksichtigung 
des Armenischen, doch wird diess nicht als unumgänglich gefordert. 

Für den November 1875 von der physikalischen Ciasse: 

Um der Lösung der Frage naher zu kommen, unter welchen Bedingungen die 
in den Erzgängen vorkommenden hrystdUisirten Schwefel' und Fluor-Verbindungen 
entsta/nden sind, tvünscht die K. Societät über die künstliche Darstellung solcher 
krystallisirter Mineralien, une lichtes und dunkles Rothgiltigerz, Sprödglaserz, 
Fahler z, Bleiglanz, Flussspath, Versuche angestellt zu sehen. 

Für den November 1876 von der mathematischen Classe: 

Nachdem die von Siemens dargestellten Widerstandsmaasse und Widerstands- 
skalen allgemeinere Verbreitung und Anwendung gefunden, und dieselben von 
Eohlrausch mit grosser Sorgfalt und Genauigkeit auf absolutes Maass zurück- 
geführt worden sind (siehe Poggendorffs Annalen 1873. Supplementband VI), 
ist es möglich geworden, auch die Stromarbeit nach absolutem Maasse genau 
zu bestimmen. 

Die Königliche Societät verlangt nun eine Untersuchung über Strom- 
arbeit, d. i. über die von den elektromotorischen Kräften durch ihre Wirkung 
auf die strömende Elektricität geleistete Arbeit, insbesondere über das Verhältniss 
und den Zusammenhang derselben mit der vo^n Strome erzeugten Wärme, und 
über die von ihr unmittelbar in der strömenden Elektricität oder mittelbar in 
andere im Leiter enthaltenen beweglichen Theilchen erzeugte lebendige Kraft. 

Die Concurrenzschriften müssen vor Ablauf des Septembers 
der bestimmten Jahre an die K. Gesellschaft der Wissenschaften 
portofrei eingesandt sein, begleitet von einem versiegelten Zettel, 
welcher den Namen und Wohnort des Verfassers enthält und 
auswendig mit dem Motto zu versehen ist, welches auf dem Titel 
der Schrift steht. 



VORREDE. XI 

Der für jede dieser Aufgaben ausgesetzte Preis beträgt 
fünfzig Ducaten. 

Die von dem Verwaltungsrath der Wedekind'schen Preisstif- 
tung für deutsche Geschichte gestellten Aufgaben für den dritten 
Verwaltungszeitraum, d. i. für die Zeit vom 14. März 1866 bis 
zum 14. März 1876, sind in Nr. 9 Seite 265 der „Nachrichten" 
von 1873 wiederholt bekannt gemacht worden. 

Göttingen, im December 1873. 

F. Wöhler. 



Xn VEBZEIGHNISS DER MITGLIEDER 



Verzeichniss der Mitglieder 

der 

KönigL Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen, 

Januar 1874. 



Ehren -Mitglieder. 

Peter Merian in Basel , seit 1862. 

Adolph von Warnstedt in Göttingen , seit 1867. 

Johann Jacob Baeyer in Berlin, seit 1867. 

Freiherr F. H. A. von Wangenheim auf Waake, seit 1868. 

Graf Sergei Stroganoff in St Petersburg, seit 1870. 

Ignatz von Döllinger in Mtlnchen, seit 1872. 

Michaele Amari in Florenz, seit 1872. 

Joachim Barrande in Prag, seit 1873. 

Giuseppe Fiorelli in Neapel, seit 1873. 

Ordentliche Mitglieder. 

Physikalische Classe. 
C. F. H. Marx, seit 1833. 

F. Wo hl er, seit 1837. Beständiger Secretair seit 1860. 
F. Gottl. Bartling, seit 1843. 
A. Grisebach, seit 1851. 

F. G. J. Henle, seit 1853. 

W. Sartorius von Waltershausen, seit 1856. 

G. Meissner, seit 1861. 

Mathematische Classe. 
W. E. Weber, seit 1831. 
G. C. J. Ulrich, seit 1845. 
J. B. Listing, seit 1861. 
M. Stern, seit 1862. 
E. Schering, seit 1862. (Zuvor Assessor seit 1860). 




DER KÖNIGL- GESELLSCHAFT DER WISSENSCHAFTEN. YttT 

Historisch - philologische Classe. 

H. Ewald, seit 1833. 

C. Hoeck, seit 1841. 

G. Waitz, seit 1849. 

H. F. Wttstenfeld, seit 1856. (Zuvor Assessor, seit 1841.) 

H. Sanppe, seit 1857. 

J. E. Wappäns, seit 1860. (Zuvor Assessor, seit 1851.) 

Th. Benfey, seit 1864. 

F. Wieseler, seit 1868. 
H. Brngsch, seit 1869. 

G. Hanssen, seit 1869. 

Assessoren. 

Physikalische Classe. 
£. F. G. Herbst, seit 1835. 
C. Boedeker, seit 1857. 
C. von Seebacb, seit 1864. 
W. Krause, seit 1865. 
W. Henneberg, seit 1867. 
H. Hübner, seit 1871. 
W. Marm6, seit 1871. 

Mathematische Classe. 
E. F. W. Klinkerfues, seit 1855. 

A. Enneper, seit 1865. 
E. Riecke, seit 1872. 

B. Minnigerode, seit 1873. 

Historisch philologische Classe 
A. Fick, seit 1869. 

Auswärtige Mitglieder. 

Physikalische Classe. 
Carl Ernst von Baer in St. Petersburg, seit 1851. 

Jean Baptiste Dumas in Paris, seit 1851. (Zuvor Correspondent, seit 1849.) 
Christian Gottfried Ebrenberg in Berlin, seit 1851. 
Ernst Heinrich Weber in Leipzig, seit 1851. 



XIV VERZEICEENISS DER MITGLIEDER 

Robert Bnnsen in Heidelberg, seit 1855. 

Elie de Beaumont in Paris, seit 1855. 

Louis Agassiz in Boston, seit 1859. 

Eiehard Owen in London, seit 1859. 

Adolf Brongniart in Paris, seit 1860. 

August Wilh. Hof mann in Berlin, seit 1860. 

H. Milne Edwards in Paris, seit 1861. 

Hermann Kopp in Heidelberg, seit 1863. (Zuvor Corresp., seit 1855.) 

Carl Theodor von Siebold in München, seit 1864. (Zuvor Corresp., seit 1850.) 

Michel Eugfene Chevreul in Paris, seit 1865. 

Joseph Dalton Hook er zu Kew bei London, seit 1865. 

Theod. Ludw. Wilh. Bisch off in München, seit 1866. (Zuvor Corresp., seit 1853.) 

Hermann Helmholtz in Berlin, seit 1868. (Zuvor Corresp., seit 1859.) 

Henri Sainte Ciaire Deville in Paris, seit 1869. (Zuvor Corresp., seit 1856.) 

Franz von Kobell in München, seit 1870. (Zuvor Corresp., seit 1861.) • 

Anton Sehr Ott er Ritter von Kristelli in Wien, seit 1870. (Zuv. Corr., seit 1856.) 

Ernst Heinrich Carl von Dechen in Bonn, seit 1871. 

Carl Claus, seit 1873. (Zuvor hies. ordentl. Mitgl. seit 1871.) 

Eduard Frankland in London, seit 1873. 

Mathematische Classe. 

U. J. Leverrier in Paris, seit 1846. 
P. A. Hansen in Gotha, seit 1849. 
George Biddel Airy in Greenwich, seit 1851. 
Charles Wheatstone in London, seit 1854. 
Joseph Liouville in Paris, seit 1856. 

E. Kummer in Berlin, seit 1856. (Zuvor Corresp., seit 1851.) 

F. E. Neumann in Königsberg, seit 1856. 
Henri Victor Regnault in Paris, seit 1859. 
William Hallows Miller in Cambridge, seit 1859. 

Edward Sabine in London, seit 1862. (Zuvor Corresp., seit 1823.) 

Richard Dedekind in Braunschweig, seit 1862. (Zuvor Corresp., seit 1859.) 

Aug. Robert Kirchhoff in Heidelberg, seit 1862. 

Heinrich Wilhelm Dove in Berlin, seit 1864. (Zuvor Corresp., seit 1849.) 

Johann Christian Poggendorff in Berlin, seit 1864. (Zuvor Corresp., seit 1854.) 

William Thomson in Glasgow, seit 1864. (Zuvor Corresp., seit 1859.) 

Ferdinand Reich in Freiberg, seit 1864. 



/ 



DER KÖNIGL. GESELLSCHAFT DER WISSENSCHAFTEN. XV 

Heinrich Buff in Giessen, seit 1865. (Zuvor Corresp., seit 1842.) 

Carl Weierstrass in Berlin, seit 1865. (Zuvor Corresp., seit 1856.) 

Enrico Betti in Pisa, seit 1865. 

Leopold Kronecker in Berlin, seit 1867. (Zuvor Corresp., seit 1861.) 

Friedr. Wilh. August Argelander in Bonn, seit 1868. (Zuvor Corresp., seit 1864.) 

Carl Neumann in Leipzig, seit 1868. (Zuvor Corresp., seit 1864.) 

Francesco Brioschi in Mailand, seit 1870. (Zuvor Corresp., seit 1869.) 

Arthur Cayley in Cambridge, seit 1871. (Zuvor Corresp., seit 1864.) 

Otto Hesse in München, seit 1873. (Zuvor Corresp., seit 1856.) 

Historisch - philologische Classe. 

G. H. Pertz in Berlin, seit 1837. 

FrauQois Guizot in Paris, seit 1841. 

Leopold von Ranke in Berlin, seit 1851. 

Justus Olshausen in Berlin, seit 1853. 

Christian Lassen in Bonn, seit 1860. (Zuvor Corresp., seit 1850.) 

Georg Friedr. Schömann in Greifswald, seit 1860. (Zuvor Corresp., seit 1850.) 

Gottfried Bernhardy in Halle, seit 1860. (Zuvor Corresp., seit 1854.) 

Friedrich Ritschi in Leipzig, seit 1860. (Zuvor Corresp., seit 1854.) 

Samuel Birch in London, seit 1864. 

Friedrich Diez in Bonn, seit 1864. 

Theodor Mommsen in Berlin, seit 1867. (Zuvor Corresp., seit 1857.) 

Richard Lepsius in Berlin, seit 1867. (Zuvor Corresp., seit 1860.) 

Ernst Curtius in Berlin, seit 1868. (Zuvor hies. ord. Mitglied, seit 1856). 

George Bancroft in Berlin, seit 1868. 

Franz Miklosich in Wien, seit 1868. 

Ludolf Stephani in St. Petersburg, seit 1869. 

Wilhehn von Giesebrecht in München, seit 1871. (Zuvor Corresp., seit 1863.) 

Moritz Haupt in Berlin, seit 1871. (Zuvor Corresp., seit 1857.) 

Carl Hegel, in Erlangen, seit 1871, (Zuvor Corresp., seit 1857.) 

Heinrich von Sybel in Bonn, seit 1871. (Zuvor Corresp., seit 1863.) 

Johann Nicolaus Madvig in Kopenhagen, seit 1871. 

Rudolph Roth in Tübingen, seit 1872. (Zuvor Corresp., seit 1853.) 

August Dillmann in Berlin, seit 1872. (Zuvor Corresp., seit 1857.) 

Sir Henry Rawlinson in London, seit 1872. 



DER KÖNIGL. GESELLSCHAFT DER WISSENSCHAFTEN. XVII 

Asa Gray in Cambridge, V. St., seit 1868. 

Jean Charles Marignac in Genf, seit 1868. 

Alex. Theodor von Middendorff auf Hellenorm bei Dorpat, seit 1868. 

Adolph Wurtz in Paris, seit 1868. 

William Sharpey in London, seit 1868. 

August Eekul6 in Bonn, seit 1869. 

Robert Mall et in London, seit 1869. 

Wilhelm Hofmeister in Tübingen, seit 1870. 

Carl Friedrich Rammeisberg in Berlin, seit 1870. 

Friedrich Hessenberg in Frankfurt a. M. , seit 1871. 

Adolf Erik Nordenskjöld in Stockholm, seit 1871. 

Anton de Bary in Strassburg, seit 1872. 

Eduard Pflüg er in Bonn, seit 1872. 

Wilh. Philipp Schimper in Strassburg, seit 1872. 

Max Schnitze in Bonn, seit 1872. 

J. S. Stas in Brüssel, seit 1873. 

Mathematische Classe. 

A. Quetelet in Brüssel, seit 1837. 

Humphrey Lloyd in Dublin, seit 1843. 

C. A. F. Peters in Altena, seit 1851. 

John Couch Adams in Cambridge, seit 1851. 

Thomas Clausen in Dorpat, seit 1854. 

Ludwig Seidel in München, seit 1854 

Georg Rosenhain in Königsberg, seit 1856. 

Peter Riess in Berlin, seit 1856. 

John Tyndall in London, seit 1859. 

Charles Her mite in Paris, seit 1861. 

Julius Schmidt in Athen, seit 1862. 

Carl Wilhelm Borchardt in Berlin, seit 1864. 

Andreas von Ettingshausen in Wien, seit 1864. 

Wilhelm Gottlieb Hankel in Leipzig, seit 1864. 

Moritz Hermann von Jacobi in St. Petersburg, seit 1864. 

Philipp Gustav JoUy in München, seit 1864. 

Carl Hermann Knoblauch in Halle, seit 1864. 

Georg Gabriel Stockes in Cambridge, seit 1864. 

James Joseph Sylvester in Woolwich, seit 1864. 



XVin VERZEICHNISS DER MITGLIEDER 

Heinrich Eduard Heine in Halle, seit 1865. 

Rudolph Jul. Emannel Clausius in Bonn, seit 1866. 

Erik E dl und in Stockhokn, seit 1866. 

Georg Quincke in Würzburg, seit 1866. 

Charles Briot in Paris, seit 1867. 

Benj. Apthorp Gould in Cambridge, V. S., seit 1867. 

Rudolph Lipschitz in Bonn, seit 1867. 

Benjamin Peirce in Cambridge, V. St., seit 1867. 

Siegfried Aronhold in Berlin, seit 1869. 

E. B. Christoffel in Strassburg, seit 1869. 
Luigi Cremona in Mailand, seit 1869. 

Wilh. Theod. Bernhard Holtz in Berlin, seit 1869. 

George Salmon in Dublin, seit 1869. 

H. A. Schwarz in Zürich, seit 1869. 

Friedrich Kohlrausch in Darmstadt, seit 1870. (Zuvor Assessor seit 1867.) 

Paul Gordan in Giessen, seit 1870. 

Hermann Grassmann in Stettin, seit 1871. 

Ludwig Schlaefli in Bern, seit 1871. 

Arthur Auwers in Berlin, seit 1871. 

Felix Klein in Erlangen, seit 1872. 

Sophus Lie in Christiania, seit 1872. 

August Mayer in Leipzig, seit 1872. 

C. A. Bjerknes in Christiania, seit 1873. 

J. Thomae in Halle, seit 1873. 

Historisch - philologische Classe. 

F. E. G. Roulez in Gent, seit 1841. 

Adolph Fried. Heinr. Schaumann in Hannover, seit 1853. 
J. G. Droysen in Berlin, seit 1857. 
Wilh. Henzen in Rom, seit 1857. 

G. C. F. Lisch in Schwerin, seit 1857. 

A. B. Rangabe in Athen, seit 1857. 

B. von Dorn in St. Petersburg, seit 1859. 
L. P. Gachard in Brüssel, seit 1859. 
Johann Gildemeister in Bonn, seit 1859. 
Franz Palacky in Prag, seit 1859. 
Theodor Bergk in Bonn, seit 1860. 

Carl Bötticher in Berlin, seit 1860. 



DER KÖNIGL, GESELLSCHAFT DER WISSENSCHAFTEN. XIX 

Georg Gurtins in Leipzig, seit 1860. 

E. Lehrs in Königsberg, seit 1860. 

Giovanni Battista de Rossi in Rom, seit 1860. 

Leonhard Spengel in Mtlnchen, seit 1860. 

Heinrich Lndolph Abrens in Hannover, seit 1861. 

Carl Ludwig Grotefend in Hannover, seit 1861. 

Max Müller in Oxford, seit 1861. 

Arnold Sebäfer in Bonn, seit 1861. 

Friedr. Ferdin. Carlson in Upsala, seit 1863. 

Martin Hang in München, seit 1863. 

Ludwig Lange in Leipzig, seit 1863. 

Theodor Nöldeke in Strassburg, seit 1864. (Zuvor Assessor, seit 1860.) 

Hermann Bonitz in Berlin, seit 1865. 

Jacob Burckhardt in Basel, seit 1865. 

Adolph Kirchhoff in Berlin, seit 1865. 

Leo Meyer in Dorpat, seit 1865. (Zuvor Assessor, seit 1861.) 

Matthias de Vries in Leiden, seit 1865. > 

Wilhelm Wattenbach in Berlin, seit 1865. 

Jean de Witte in Paris, seit 1865. 

Leopold Victor Delisle in Paris, seit 1866. 

Julius Ficker in Innsbruck, seit 1866. 

Jacob Bernays in Bonn, seit 1867. 

Ernst Dtimmler in Halle, seit 1867. 

Wilhelm Nitzsch in Berlin, seit 1867. 

William Nassau Lees in Calcutta, seit 1868. 

Theodor Sickel in Wien, seit 1868. 

William Wright in London, seit 1868. 

Theodor Aufrecht in Edinburg, seit 1869. 

Alfred Ritter vonArnethin Wien, seit 1870. 

Ulrich Köhler in Strassburg, seit 1871. 

Ludwig Müller in Kopenhagen, seit 1871. 

Carl Müllenhof f in Berlin, seit 1871. 

E. A. Freeman zu Somerleaze, Engl., seit 1872. 

M. J. de Goeje in Leiden, seit 1872. 

Giulio Minervini in Neapel, seit 1872. 

William Stubbs in Oxford, seit 1872. 



Inhalt. 



Vorrede. Seite III 

Verzeichniss der Mitglieder der Königl. Gesellschaft der Wissen- 
schaften zu Göttingen. Januar 1874. XII 

Physikalische Classe. 

JBT. F. H. Marx, zur Erinnerung der ärztlichen Wirksamkeit 

Hermann Conrings. 3 

K. F. H. Marw, zur Beurtheilung des Arztes Chr. F. PauUini. 54 

C. Claus, zur Kenntniss 4es Baues und der Entwickelung von 

Branchipus stagnalis und Apus cancriformis. 93 

K. F. H. Marx , Kaspar Hofman , ein deutscher Kämpfer für 

den Humanismus in der Medicin. 141 

* 

Mathematische Classe. 

E. Schering, Hamilton - Jacobische Theorie für Kräfte, deren 

Maass von der Bewegung der Körper abhängt. 3 

Historisch-philologische Classe. 

G. Waitz, die Formeln der Deutschen Königs- und der Rö- 
mischen Kaiser - Krönung vom zehnten bis zum 
zwölften Jahrhundert. 3 

JF. Wüstenfeld, das Gebiet von Medma. 93 



ABHANDLUNGEN 



DER 



PHYSIKALISCHEN CLASSE 



DER 



KÖNIGLICHEN GESELLSCHAFT DER" WISSENSCHAFTEN 

ZU GÖTTINGEN. 



ACHTZEHNTER BAND. 



Phys. Clam. 'KVIU. 



Zur Erinnerung der ärztlichen Wirksamkeit 

Herman Conring's. 



Von 

Dr. K. F. H. Marx. 



Vorgelegt in der Sitzung der Eönigl. Gesellschaft der Wissenschaften am 7. December 1872. 

§. 1. 

Ist es verlockend geniale Naturen und epochemachende Entdeckungen 
zu schildern, um durch das Ideale zu begeistern und durch die höchsten 
Vorbilder Herz und Verstand zu erwärmen und zu erstarken, so ist es 
Verpflichtung der Dankbarkeit von solchen Menschen und Werken nähere 
Kunde zu ertheilen, welche zwar nicht das Grösste, aber Grosses zu 
Stande brachten, bewiesen, was Kraft und Thätigkeit im Dienste höherer 
Zwecke vermögen; die zur Nacheiferung anspornten und durch ihre 
Anleitungen wie Vorarbeiten veranlassten, dass dauernd Fortschritte für 
das Gesammtwohl geschehen. 

Da wunderbare Gaben und Leistungen seltne Vergünstigungen des 
Schicksals sind, wobei Verdienst mit Glück geeinigt erscheint, so hat 
das Bedeutende, als Folge tüchtiger Bemühung und consequenten Fleisses, 
keinen geringeren Werth. 

Verlangt die Gerechtigkeit, dass das Andenken an ausgezeichnete 
Individuen; wenn sie auch nicht für alle Zeiten, doch für ihre Zeit viel 
wirkten, bewahrt werde, so darf das an Herman Conring nicht un- 
beachtet bleiben. 

Von ihm, der ruhmbekränzt eine lange Reihe von Jahren nicht 
blos eine Zierde der Universität Helmstedt, sondern Deutschlands war, 
wissen die Rechtsgelehrten, Politiker, Theologen, mehr als die Aerzte. 
Doch auch diese sollten nicht vergessen , was er , unter keineswegs er- 
munternden Zeitumständen, zur Entwicklung verschiedener Wissenszweige 

Aß 



4 K. F. H. MARX, 

der theoretischen und praktischen Medicin beitrug, und wie er, im an- 
gestrengten Streben, die Ergebnisse vergangener Zeiten mit Sachkenntriiss 
und klarem Blicke zu verbinden, selbständiger, gründlicher Forschung 
Bahn brach. 

§. 2. 

Das 17te Jahrhundert war für die besseren Aerzte Deutschlands 
eine Zeit des Kampfes, aber auch des Sieges. Im Organismus des Staats 
wie der Doctrin drängten die innersten Bewegungen zur Krise. 

Durch die gewaltigen Anstrengungen, das religiöse Bekenntniss von 
den Satzungen Koms zu befreien, war der 30jährige Krieg entstanden. 
Mit seinem Ende, dem Westfälischen Frieden (1648), bildete sich wenig- 
stens insofern eine Religions Verfassung , als die Macht der Hierarchie 
beschränkt, Verfolgung und Bedrückung in Betreff des Bekenntnisses 
verhindert wurden. 

Man fühlte, wie nothwendig es sey, die Gebiete des Glaubens und 
Wissens zu trennen; man lernte immer möhr erkennen, dass Einsicht 
in die Gesetze der Natur nicht durch Deduction aus metaphysischen 
Prinzipien , sondern durch Induction , durch sorgfaltige empirische For- 
schung, erlangt werden, und dass man, um wahre, heilbringende Resultate 
zu gewinnen, der blossen Speculation, sowie träumerischen Vorstellungen, 
entsagen müsse. 

Trotz dieser immer mehr auftauchenden Einsicht behauptete sich 
in Sachen des medicinischen Treibens hartnäckig die Auctorität; ein 
rein objectives, von geltenden Schulmeinungen unabhängiges, Streben ge- 
hörte zur Seltenheit und wurde angefeindet. Die Erklärung der natür- 
lichen Erscheinungen, wie das therapeutische Verfahren, richteten sich 
weniger nach selbstgewonnenen Erfahrungen als nach traditionellen An- 
gaben ; die Aussprüche der Alten , gröstentheils noch für unfehlbar ge- 
halten, nicht eigene Beobachtungen und Versuche, entschieden. 

Selbst die einfiussreichsten Männer, wie z.B. Daniel Sennert i), 



1) Als in Wittenberg die Pest grassirte, schrieb Gonring am 24. Juni 1637 an 



ZUR ERINNERUNG DER ÄRZTLICHEN WIRKSAMKEIT HERMAN CONRING'S. 5 - 

schwankten zwischen selbständiger Prüfung und gebotenen Meinungen, 
zwischen fester Ueberzeugung und Aberglauben. 

Die physiologischen und pathologischen Ansichten des scharfsinnigen, 
aber unklaren und absonderlichen J. Baptist van Helmont, sowie die 
gewinnenden Lehren des reich begabten F. Sylvius de le BoS von dem 
physikalischen Verhalten der Säfte und der festen Theile , den Schärfen 
und den auf Chemiatrie gegründeten therapeutischen Vorschriften, galten 
solange als Leitsterne der Medicin, bis eine grössere Kenntniss von dem 
Bau und den Verrichtungen des Körpers eine geläuterte praktische 
Anwendung gestatteten. 

Neue Bahnen der Forschung schufen und betraten Fr. Bacon [f 1626], 
Jo. Kepler [f 1630] , Fr. Sanchez [f 1632] , G. Fabricius Hildanus 2) 
[tl634], S.Sanctorius[tl636], Casp.Hofman [f 1648], W. Harvey {f 1657], 
Joachim Junge [f 1657], Thom. Bartholinus [f 1680], Rob. Boyle [f 1691]. 

Unter diesen Bannerträgem einer selbstgewählten strengen Unter- 
suchung und vorsichtigen Prüfung befand sich auch H. Conring. 

§.3. 

Zur Ausbreitung freier Gesinnungen und grösserer Bildung trug in 
Deutschland die wachsende Zunahme der Hochschulen viel bei. Schon 
der Umstand, dass an zerstreuten Orten die Gesammtheit der Studien 
gelehrt und empfohlen wurde, weckte ein geistiges Interesse und regte 
zur Theilnahme an. 

Dadurch dass die einzelnen Fürsten stolz darauf waren, Sitze der 
Universitas scholarum zu gründen, solche als Zierden ihres Landes hoch 
hielten, andere, im Wetteifer des Ruhmes, zu übertreffen suchten, ge- 
langten selbst kleine Universitäten zu hoher Bedeutung und mächtigem 

ihn : doch ja Sorge zu tragen sich zu erhalten , da es an ärztlichen Bauherrn 
{ciqjixstxovhxoXC^ ^ wie er und Caspar Hofmann, in Deutschland mangle. 

2) in der Stelle, wo Conring die verdienten Männer um die Heilung der Krank- 
heiten aufführt, wie Wierus, Forestus, Schenck, Plater, Ballonius, G. Horst, N. Tulpius 
nennt er auch Fabricius aus Hilden mit den TV orten: quorum ego nunquam soleo 
sine tacita gratiarum actione meminisse (Opp. VI. 358). 







T ■ 



-6 K. F. H. MAKX, 

Einfluss. Sie wurden nicht bloss für die heranreifende Jugend anziehende 
Bildungsanstalten, sondern Pflanzstätten grosser Männer. 

Nachdem im Jahre 1575 Helmstedt vom Herzog Julius von Braun- 
schweig gestiftet wurde, folgten 15 76 Altdorf, 1582 Würzburg, 1585 Bamberg, 
1607Giessen, 1616 Paderborn, 1621 Rinteln, 1622 Salzburg, 1654 Herborn 
1655 Duisburg. 1665 Kiel, 1673 Innsbruck, 1694 Halle. 

Gleichviel, ob die einzelnen eine allgemeine oder eine engere wissen- 
schaftliche Richtung vertraten, alle trugen sie das ihrige bei, dass in 
steigender Progression Aufklärung verbreitet, der Eifer für höhere Cultur 
unterstützt und die Behandlung der Berufsgegenstände sachgemässer 
betrieben wurde. ^ 

Die protestantische Universität Helmstedt sollte, nach dem Willen 
ihres Stifters, zunächst eine Eintracht imter den streitenden Lutheranern 
erwirken, allein nicht minder mithelfen, dass die Erwerbung gelehrter 
Kenntnisse den Zöglingen erleichtert und dem Staate eine gehörige An- 
zahl tüchtiger Beamten erzogen würden. 

Wie sehr man darauf sah den Lernenden die Grundbedingungen 
wahrer Bildung einzuprägen, das geht schon daraus hervor, dass, nachdem 
für den Unterhalt der Unbemittelten reichlich gesorgt war, statutenmässig 
festgesetzt wurde: die Stipendiaten aus allen Facultäten sollten immer 
erst „zwei Jahre lang in Humanioribus wohl studieren.** 

Der hervorragendste unter den Humanisten war Johann Caselius 
aus Göttingen [geb. 1533 f 1613], Lieblingsschüler von Melanchton und 
Camerarius. 

Unter den mit glücklicher Auswahl 1592 Berufenen verdient be- 
sonders genannt zu werden der Professor der Logik Cornelius Martini 
aus Antwerpen , [geb. 1568 f 1621] ein Mann von universellem Wissen, 
die Medicin nicht ausgeschlossen, geistreich und witzig. 

Als ihm ein lateinisches Spottgedicht auf die gekrönten Poeten in 
die Hände fiel und er erfuhr, dass dasselbe von einem 14 jährigen Jüng- 
ling, dem Sohne des Pfarrers Conring zu Norten in Ostfriesland, herrührte. 



ZUR ERINNERUNG DER ARZTLICHEN WIRKSAMKEIT HERMAN CONRING'S. 7 

schrieb er an den Vater, mit dem Gesuche, ihm seinen hoffnungsvollen 
Sohn zur weiteren Ausbildung anzuvertrauen. Der Vater ging willig 
darauf ein , und so kam Herman 1620 in das Haus seines Beschützers. 

§. 5. 

Die gedruckten zugänglichen biographischen Notizen über Herman 
Conring sind so dürftig, dass es, bei noch so sorgfaltiger Durchsicht und 
Vergleichung derselben, nicht gelingt eine genügende Darstellung seines 
Lebens zu liefern; manche Angaben bleiben zweifelhaft, viele Fragen 
unbeantwortet. 

Es ist schwer zu begreifen, warum nicht längst eine genaue Schil- 
derung des Lebensganges eines so seltnen Mannes versucht wurde , und 
in hohem Grade schmerzlich, wenn es je geschah, das man sie nicht 
veröffentlichte, und vielleicht mit den die Universität Helmstedt betreffenden 
zerstreuten Akten und Papieren verloren ging, oder in der schmerzlichen 
Gleichgültigkeit gegen das aufgehobene theure Institut, seinen Unter- 
gang fand. 

Die Leichenpredigt von Andreas Fröling^), welche dieser der 
Familie Conring's gewidmet hat, verdient, unter den mannigfachen gleich- 
zeitigen und spätem biographischen Mittheilungen, am meisten beachtet 
zu werden. 

An sie reiht sich eine andere Leichenrede, fast gleichen Inhalts, 
von Melchior Smidius^) (Schmid). 



3) Der Titel lautet : Spiegel der Eitelkeit in irdischen Dingen, Aus dem Prediger- 
Buch Salom. I, 14. Bey angestellter ansehnlicher Leich-Begängnis des weiland Hoch- 
Edlen -Best- und Hochgolahrten Herrn Hermann Conrings Erbsassen zu Grossen- 
Twülbstett und Grossen - Sisbeck etc. Helmstedt. -4. [1681]. Ohne Seitenzahl. 

4) Programma in funere viri nobilissimi et excellentissimi Hermann! Gonringü, 
primum Physicae, deinde Medicinae et Politicae Professoris optime mjeriti, Regum et 
plurium Imperii Prineipum Gonsiliarii, Academiae Juliae Senioris. 1681. 4. 
ohne Seitenzahl 

Diese Schilderung findet sich als Vita, mit einigen Anmerkungen versehen, ab- 
gedruckt im Iten Bande der Opera curante J. W. Goebelio. Brunsvigae. 1730. fol. 



8 K. F. H. MARX, 

Was ich in andern Schriften Besonderes vorfand, werde ich, nach 
ihnen, in eigenen Citaten hervorheben. 

Geboren am 9ten Nov. 1606, unter zahlreichen Geschwistern, wurde 
Herman, mit mehrern derselben, von der Pest befallen. Einige starben; 
er überwand sie, behielt aber eine Spur davon 5) sein Leben lang. 
Auch blieb er so geschwächt ^) , dass er erst im 7ten Jahre die Schule 
besuchen konnte. Seine Mutter ^ unterrichtete ihn in den Anfangs- 
gründen der lateinischen Sprache, 

In der Schule brachte er 7 Jahre zu, und machte darin so ausser- 
ordentliche Fortschritte, dass er alle seine Genossen weit übertraf, darum 
aber auch so sehr von ihnen beneidet und verfolgt wurde, dass er oft, 
um von ihnen nicht mishandelt und geschädigt zu werden , lange zu 
Hause gehalten und seinem Privatüeisse überlassen werden musste. 

14 Jahre alt (1620) bezog er die Universität Helmstedt und kam 
nicht nur in das Haus , sondern in den näheren Umgang mit Cornelius 
Martini, der ihn in die Aristotelische Philosophie -einweihte. 

Als dieser trefftiche Lehrer ein Jahr darauf starb, wurde er der 
Obhut von Rudolph Diepholz, dem gründlichen Kenner der griechischen 
Sprache, Geschichte und Geographie, anvertraut. 

Mit diesen Studien beschäftigte sich Conring angelegentlich; allein 
die durch den Krieg zerrütteten Vermögensumstände seiner Eltern nö- 
thigten ihn , zu diesen ^) zurückzukehren. 



5) Fröling a. a. 0.: Er ist niclit leer ausgangen, massen Er eine Pestilentz 
Kohle auf der linken Brust gehabt, die ihm aosgebrandt worden, davon Er das 
Zeichen noch mit in sein Grab nehmen wird. 

6) Fröling a. a. 0. bemerkt: Als Kind hat er zwei Pestbeulen, dieser am 
Unterleibe gehabt, verschwiegen, so denn zurückgeschlagen und zwar der guten Natur 
halben, nicht tödlich geschadet, aber eine böse blatterige Grätze nachgelassen, die 
ihn dermassen mitgenommen, dass er in vielen Monaten nicht gehen imd in vielen 
Jahren es nicht verwinden können. 

7) lieber diese sagt Smidius a. a. 0.: femina pietatis et prudentia singularis, 
cujus Hermannas noster fiiit proles nona: 

8) Fröling a. a. 0. erzählt: Er blieb 3 Jahre bis 1623, wo seine Eltern, 



ZUR ERINNERUNG DER ÄRZTLICHEN WIRKSAMKEIT HERMAN CONRING'S. 9 

Im Jahr 1624 besuchte er von Neuem die nicht nur durch die 
verschiedenartigen Truppen, sondern auch durch die Pest schwer heim- 
gesuchte Universität. Viele Professoren waren geflohen ^), wie z. B. von 
den Medicinern Joh. H. Meibom und Joachim Jungius, von den Huma- 
nisten Diephold und Heidmann. 

Unter solchen betrübenden Einflüssen entschloss er sich seinen ge- 
liebten Musensitz mit einem andern zu vertauschen. 

§. 6. 

Als Overbeckscber Stipendiat äusserlich sicher gestellt, begab er 
sich, um Medicin zu studiren, 1625 nach Leyden. 

Hier verweilte er 6 Jahre. Schon 1627 hielt er eine Disputation 
de calido innato ^ö). 



durch den Krieg, die Macsfeldische Armee, ruinirt, gezwungen waren ihn zurück zu 
rufen. Das folgende Jahr kam er wieder, bis Pest und Krieg Alles verjagte und er 
wieder nach Haus zurückkehrte. 

P. J. Bruns, Verdienste der Professoren zu Helmstedt um die Gelehrsamkeit. 
Halle. 1810. 8. S- 76. 

9) E. L. Th. Henke, Georg Calixtus. Halle. 1853. Bd. 1. S. 380. 

10) De calido innato disputatio publice habita X November. 1627. Lugd. 
Bat. 4. Sie enthält 62 Thesen auf 12 Blättern. 

Aus einem Briefe des Thomas Fyens (Fienus), welchen er aus Löwen am 24. 
Januar 1629 an Conring nach Leyden sandte (Opp. VL p. 362), erhellt, dass er den 
jungen Mann achtete *). 

Haller (Bibliotheca anatomica. Tiguri. 1774. 4. p. 359) sagt: Leidae dis- 
putavit pro gradu doctoris ; jedoch dem war nicht so. 

Diese Erstlingsarbeit nannte später Conring in der Vorrede adolescentiae foetum. 
Den gleichen Gegenstand bearbeitete er ausführlich auch unter dem Titel de calido 
innato sive igne animali Liber unus. Helmestadii. 1647. 4. auf 263 Seiten. In 
der "Widmung an M. A. Severinus in Neapel äussert er: igneam calidi animalis na- 
turam jam a viginti annis adolescens defendi. (M. vergl.: Opp. VI. p. 353). 

*) Litterae taae mihi gratissimae fuerunt, tum propter dispatationem tuam de calido innato, 
quam illis adjunxisti, qoae mihi perplacet et toam doctrinam lucolenter testatnr. Gaudeo videre 
studia illa theorica et philoBopbica. 

Fhys. Classe. XVIII. B 



10 K. F. H. MARX, 

Im Jahre 1629 ^^) gab er dort die Schrift des berühmten Anatomen 
Berengar von Carpi über den Schädelbruch heraus, der bereits vom 
Trepan Gebrauch machte. 

In einer Bücher- Auction kaufte er sich ein Vorlesungsheft des Pro- 
fessors zu Löwen Fienus ^^) , den er sehr verehrte und wovon er gleich- 
falls eine Ausgabe zu besorgen wünschte. 

Im Jahr 1630 hielt er daselbst eine öffentliche Vorlesung über die 
Entstehung der Formen ^^). 

Wie sehr er sich den Fachstudien hingab ^''•) und als Arzt sich 
hervorthat, erhellt daraus, dass er in dieser Eigenschaft eine Einladung 
nach Paris erhielt ^^), der er aber nicht Folge leistete. 

Die in Holland herrschende Freiheit des religiösen Cultus wurde 
Veranlassung, dass er sich auch mit der Theologie eingehend beschäftigte. 

Während er über Bleiben oder Gehen unentschlossen schwankte, 
erhielt er von seinem Lehrer und Gönner Calixtus aus Helmstedt einen 
Brief ^^), der ihm die Aussicht eröffnete, eine Professur der Naturlehre 
daselbst zu erwerben. 



11) In der Widmung seiner Ausgabe des Fienus bemerkt er (Opp. VI. p. 361:) 
ego aureum de fractura cranii librum multo studio emendatum adolescens feci. 

12) Ebend. : Adolescens Lugduni Batavorum in publica librorum auctione, Lovanii 
quondam exaratum codicem mihi comparavi. Jam tum colebam Fienum summae 
doctrinae nomine, excitatus diligenti lectione scriptorum ejus, potissimum quae de 
viribus imaginationibus , deque foetus formatrice causa ediderat; cujusmodi contem- 
plationibus isthaec mea aetas unice delectabatur. 

13) De Origine Formarum secundum Aristotelem disputatio publice habita VI. 
Julii Lugduni Batavorum. 1630. 4. LII: Forma est perfectio materiae, et materia 
nunquam existit separata aut sine forma aliqua. 

14) Fröling a. a. 0. sagt von seinem dortigen Aufenthalt: er hat schon Kranke 
zu besuchen und curiren angefangen. 

Smidius a. a. 0.: Medicinae operam dedit indefessam, ut praxeos et medendae 
tyrocinium ibi quoddam posuerit. 

15) Fröling a. a. 0.: Er wurde nach Paris von der daselbst sich aufhaltenden 
Teutschen Nation als ein Medicus gerufifen. 

16) Conring schreibt an Caspar Barlaeus (Vorrede zum Iten Band der Opera 
auf der 12ten (nicht paginirten) Seite): Heri per literas oblatum mihi est a clarissimo 



t-: 



ZUR ERINNERUNG DER ÄRZTLICHEN WIRKSAMKEIT HERMAN CONRING'S. 11 

Da er nun nichts sehnlicher wünschte, als academischer Lehrer 
zu werden 17)^ go war sein Entschluss rasch gefasst. 

§. 7. 

Nachdem er, der angenehmen Verlockung folgend, trotz des ge- 
fahrlichen Reisens bei den fortwährenden Kriegsunruhen, wohlbehalten 
in Helmstedt 1632 angelangt war^»)^ fand er die Stadt mit Gras be- 
wachsen ^^y, viele Häuser durch die Pest verödet. Nicht lange hernach 
(1633) musste er selbst, durch die Gewalt der Zeitereignisse getrieben, 
einen andern Aufenthalt suchen ^o). 

Erst nach Verlauf eines Jahres (1634) kehrte er zurück und ging 
muthig und hoflfhungsreich an sein Tagewerk. Er disputirte öffentlich ^^) 
und bereitete sich zur Promotion vor. 

In der Zwischenzeit war auch seine frühere Hoffnung, Professor 
Philosophiae naturalis zu werden, verwirklicht und die Stelle von ihm, 
mit zwei Lobreden auf Aristoteles , übernommen ^^) worden. 



Calixto, ut praeficiar studüs filii magnifici viri Gancellarii Brunsvicensis ducatus, li- 
berali satis stipendio, certaque spe Physicae professionis in Aeademia Juliai 
quae hodie ibi vaeat, obtinendae. 

17) Ebend. : Omnibus divitlis aut aliis etiam summis honoribus semper docendi 
aeademicum munus anteposui. 

18] In einer Rede, welche er später hielt (de iis, quae in Stndioso quoyis re- 
^uinintur, qui in Aeademia velit Studionim fnictum carpere Opp. T. VI. p. 27) 
bemerkt er: Annus bodie quartus est tricesimum agitur, quum in hanc Acade- 
miam puer a parentibus ab Oeeani usque littore, Studiorum capessendorum gratia, 
fui missus. Tertius vicesimus [annus, wohl 1632] est, ex quo itidem hac 
in inclyta Julia docendae juventuti sum admotus. 

19) Fröling a. a. 0. 

20) Fröling a. a. 0.: »1633 hat ihn das Pappenheimische Heer nach Braun- 
schweig gejaget. Hat kein Mensch wegen Unsicherheit sich aus dem Thore machen 
dörffen.« 

21) Fröling a. a. 0.: »Im 1634. Jahr hat er hier seine disputationem inau« 
guralem gehalten, und ist also Doctorandus Medicinae worden.« 

22) Orationes duae quarum prior habita in acad. Julia XX Sept. anno 1632| 

B2 



12 K. F. H. MARX, 

§. 8. 

Im Jahr 1636 erlangte er die summos in medicina honores. Sein 
Promotor war Tappe ^^). Die von ihm aufgestellten Thesen mögen inte- 
ressant gewesen seyn, denn Hugo Grotius^''') bedankte sich warm dafür. 

Er hatte 1634 über den Scorbut^^) disputirt, wurde dadurch Li- 
cenciat und 2 Jahre hernach Doctor der Medicin und Philosophie ^. 

Bald darauf bewarb er sich beim Senat um die, durch den Abgang 
von Johann Wolff, erledigte Professur der Medicin ^^, die ihm auch 
sofort übertragen wurde. 

Von nun an erreichte er, wie im Siegeslaufe, die mannigfachsten 
Auszeichnungen. 



quum publicam naturalis philosophiae professionem aggrederetur: Opp. T. V. 
p. 726—35. Oratio altera. Clarissimo Viro C. Barlaeo, Philosopho, Medice etPoetae 
ebend. p. 735 — 61. 

23) Diese Notiz entdeckte ich in der unter seinem Praesidio zu Helmstedt 1672 
erschienenen Disputation von And. Behrens de Galculo renum et vesicae, wo es 
(Tb. 80) heisst: Excellentissimus Dr. Tappius Praeceptor et Promotor mens plurimimi 
colendus. 

24) Er schreibt ihm aus Paris am 22. Oct. 1636 (Opp. T. I. gleich vorn, wo 
doctorum virorum judicia et testimonia) : Quanta in Te sit cognitio rerum naturalium, 
ac praecipue excellentissimi inter corpora bumani, et eorum, quae id perpeti natum 
est, docent theses medicae, quas ad me misisti, praeterea, quae antehac tua 
mihi videre summa cum voluptate atque utilitate mea contigit. 

25) üeber diesen Gegenstand erschienen unter seinem Praesidio 3 Dissertationen, 
nemlich von den Respondenten Leonbard Krüger 1638, von Laurent. Gieseler 1644, 
von Jul. G. Bebrens 1659. 

26) Fröling a. a. 0. theilt mit: 1636 bat er zugleich in der Philosophie und 
Medicin den Doctor -Hut erhalten, auch eben selbigen Tag Hochzeit gemacht. 

Ebenso Smidius a.' a. 0.: Anno seculi 34 Disputatione de Scorbuto publice 
habita, summorum in Medicina bonorum petendorum licentiam impetravit, et 
biennio post tarn Philosophiae quam Medicinae Doctoris insignibus fuit ornatus. 

27) Seine Epistola IV. Calend. 1636, qua ejus commendationem in consequenda 
Professione Medica sibi expetit (Opp. T. VI. p. 523) setzt aus einander, dass er vor 
4 Jahren den Befehl erhalten habe naturalem philosopbiam zu lehren, er nun aber 



ZUR EBINNERÜNG DER ÄRZTLICHEN WIRKSAMKEIT HERMAN CONRING'S. 13 

Zu seinen beiden Doctor-Hüten der Medicin und Philosophie scheint 
noch ein dritter, der des Eechts ^8), gekommen zu seyn. 

Die Fürstin von Ostfriesland ernannte ihn 1649 zum Leib Medicus 
und geheimen Rath, ebenso 1650 die Königin Christine von Schweden, 
(wohin er auf einige Zeit sich begab), auch 1658 der König Carl 
Gustav von Schweden ^9), 1660 der Herzog von Braunschweig und 1670 
der König von Dänemark zum Staatsrath ^o). 

§. 9. 

Die Königin Christine gab Veranlassung , dass man Conring auch 
die Professur der Politik übertrug. 

Sie hatte ihn nemlich, solange er in Schweden verweilte ^ i) , nicht 
nur mit Wohlwollen überhäuft ^^) , sondern ihm auch 1600 Thaler Be- 
soldung geboten. 



bitte ihn zum Professor der Medecin vorzuschlagen quoniam id semper habui propo- 
situm, ut, si quidem ita Deo fuerit visum, tandem aliquando in Artis Medicae po- 
tissimum exercitiis consenescerem. 

28) Summis in Aristotelis Hippocratisque castris donatas est honoribus, quibns 
postea et Jurisconsultorum lauream adjeeit (V. F. L. Petri, Parentalia Academiae 
Juliae in der Quartschrift: Feier des Gedächtnisses der vormaligen Hochschule Julia 
Carolina. Heimst. 1822. S. 50.) 

29) Fröling a. a. 0. giebt an: 1658 wurden ihm 3000 Reichsthaler Besoldung 
angeboten, wenn er, nachdem er bereits zum Staatsrath und Leibmedicus des Königs 
Carl Gustav ernannt worden, nach Schweden sich begeben wollte. Er aber zog 
vitam Academicam tranquillam turbulentiae vitae aulicae vor. 

30) Fröling a. a. 0. bemerkt: Er wurde Dänischer Staatsrath mit 1000 Thaler 
jährlicher Besoldung. 

31) Iter in Sueciam 20. Maji 1650 ingressus est. Postquam Holmiam appulit, 
a regina et omnibus regni proceribus summa quidem dementia et favore exceptus 
est. Post trimestre tempus, non sine opulentissimis donis et regiis munerationibus 
reversus est (Opera. T. 1. auf der 3ten (nicht paginirten) Seite.) 

32) Die Vollmacht, wodurch sie ihm eine Vikarie im Hochstifte Bremen verlieh, 
findet sich in Longolischer's Beschäftigungen mit bewährten Nachrichten. Hot 
1770. Bd. 1. S. 251. 



14 K. F. H. MARX, 

Der von seiner Regierung gewählte Ausweg, um ihn an die Uni- 
versität zu fesseln und seine Resignation auf die ehrenvollen Anträge 
zu erwirken, erfreute sich seines Beifalls keineswegs, theils weil er die 
Abhängigkeit von der sich überhebenden academischen Jugend unan- 
genehm empfand ^3), theils weil er es für die Universität für angemessener 
erachtete, dass die Politik selbständig von einem eigens dazu angestellten 
Lehrer vorgetragen würde 5^). Er wünschte nichts mehr, als den Stu- 
dierenden durch seine Vorträge zu nützen 35j. 

§. 10. 

Was ihm als Pflicht- und Berufstheil zugewiessen wurde, und mehr 
als das, besorgte er mit stetem Fleiss und gewissenhafter Sorgfalt, wovon 
die vielfältigen literarischen Zeugnisse hinreichende Beweise liefern* 
Und da er sich nicht blos auf die nächsten Aufgaben beschränkte , son- 
dern in weitem Umfange das menschliche Wissen zu umfassen strebte, 
gründliche historische Kenntnisse mit eindringender Urtheilskraft verband, 
so verbreitete sich nicht nur sein Ruhm als Arzt und Gelehrter immer 
weiter, sondern er erhob sich in mehreren Doctrinen zur entscheidenden 
Autorität. 

Das glückliche Zustandekommen des Westphälischen Friedens wird 
mit als sein Verdienst gepriesen ^^). 



33) Er schreibt an Boineburg am 23. Jan. 1651: Regina et Archiatrum suum 
cubicularium et a consiliis aulicis rerum Germaniearum, praemiis sie satis amplis pro« 
positis esse voluit. Forte rectius ibi inservire licuerit Germaniae nostrae et studiis 
publicis, quam dum hie haereo apud tyrones et insolentem adoles* 
centiam. (Commercii epistolici Leibnitiani Tomus Prodromus. Recensuit J. D. 
Gruber. Hanoverae. 1755; 4. p. 23.) 

34) Ebend. p. 24: si duos habuerit artis Medicae altermn, alterum Politices 
professorem. Nee enim ab uno utraque haec simul commode doceri poterunt. 

35) nihil est magis in votis, quam adolescentiae Aeademicae inservire viva voce 
(J. Burckhard&istoriae Bibliothecae Augustae quae Wolfenbutteli est. Lips. 1747. 
4. Pars 11. p. 262. 

36) Fröling a. a. 0. hebt hervor: »Ihm ist eines Theils zu dancken, dass nach 
dem 30jährigen Kriege im J. 1649 unserm allgemeinen Yaterlande der edle Friede 



ZUR EEINNERÜNG DER ÄRZTLICHEN WIRKSAMKEIT HERMAN CONRING'S. 16 

Er drang auf die Philosophie des Rechts 5^). 

"Was er für die Begründung des deutschen Rechts gethan, darüber 
spricht sich ein competenter Richter ^^) folgendermassen aus : ,,Die Theorie 
kannte nur ein Recht der Kirche und der Kaiser; für das einheimische 
des deutschen Volks, für die Besonderheiten der Länder und Städte 
hatten die gelehrten deutschen Juristen wenig Interesse und wenig Kunde. 
Er hat für die Geschichte des deutschen Rechts mehr geleistet , als das 
ganze Jahrhundert, in dem er lebte.'* Ferneres): ,,Er war der erste 
deutsche Reichshistoriker, dessen Leistungen für die Geschichte der 
deutschen Rechtsquellen und der Verfassung weit hinausragen über alles, 
was das 16te und 17te Jahrhundert sonst auf diesem Gebiete zu Tage 
gefördert hat.** 

§. 11. 

Obgleich Conring's vaterländische, unabhängige Gesinnung, wie sie 
sich, unter anderm'*'^), auch in seinen Schriften gegen die Anmassungen 
der Päbste aussprach '*^), allgemein gelobt und er als Schöpfer des deut- 
schen Staatsrechts anerkannt wurde , so fehlte es nicht an Stimmen, be- 



wieder gegeben worden, massen auf sein Buch unter dem Namen Irenaei Eubuli de 
Face servanda ausgegeben, grosses Absehen von denen Herrn Gesandten und Depu- 
tirten gemacht worden, wäre auch ohne solches noch wohl eine Zeitlang hinterblieben.« 
Der Titel des Buchs ist folgender: Pro pace perpetuo protestantibus danda 
consultatio catholica. Frideburgi. Apud Germanum Patientem 1648. 4. 

37) In dieser Beziehung bemerkt Hugo (Lehrbuch der Geschichte des Eömischen 
Rechts seit Justinian. Berlin. 1830, Dritter Versuch. S. 382): Schon der Name 
jurisprudentia war ihm ein Beweis, dass blosse Kenntniss des Rechts, wie es einmahl 
sey, nicht zureiche. 

38) 0. Stobbe, Hermann Conring, der Begründer der deutschen Rechtsgeschichte. 
Berlin. 1870. 8. S. 6. 

39) Ebend. S. 13. 

40) namentlich de finibus imperii Germanici (Opp. I. p. 114 — 485). 

41) z. B. im Fundamentum fidei Pontificae concussio. Helmstadii. 1654. 4r 



16 K. F. H. MARX, 

sonders in der neuesten Zeit, welche ihm es äusserst verargten"*^), dass 
er von Ludwig XIV ein Jahrgehalt angenommen ^^). 

Allerdings wäre es besser gewesen jeden Schein einer denkbaren 
Bestechung von sich entfernt gehalten zu haben; allein da mehrere an- 
dere unbescholtene Männer in Deutschland und Holland die ihnen ge- 
botene Pension annahmen, so darf ihm damit kein zu harter Vorwurf " 
gemacht werden. 

Abgesehen davon, dass er in beschränkten Verhältnissen aufge- 
wachsen , den Werth des Geldes zu schätzen lernte, war er Vater einer 
zahlreichen Familie ^), und da er an Steinschmerzen litt, musste er be- 
fürchten, der Sorge für sie zu frühe entzogen zu werden. Auch war das 
Nationalgefühl damals noch nicht so ausgebildet wie in unsern Tagen. 

Den Empfang noch so häufiger Geschenke kostbarer Dosen oder 
Ringe würde man nicht getadelt haben, als ob zwischen jenen und baarem 
Gelde ein wesentlicher Unterschied bestände. Und wird derjenige, 
welcher ausländische Orden annimmt, dadurch als Verräther seines Va- 
terlands angesehen? 

Ueberdem aber hat er in seiner Mittheilung über diese Angelegen- 
heit an seinen Fürsten vom 26. Sept. 1664 erklärt "^^j: „Wil nicht ver- 
hoffen, dass hierob einige widrige Suspicion solte erwecket werden : sonsteu 
ich das Gelt niemals würde in die Hände nehmen.** 

Hat er doch die ganz Europa bedrohende französische Uebermacht 
mit prophetischem Geiste vorhergesehen ''•^). 



42) So besonders Fr. B üb s, Historische Entwickelung des Einflusses Frankreichs 
und der Franzosen auf Deutschland und die Deutschen. Berlin. 1815. 8. S. 18L 

43) Fröling a. a. 0. bemerkt darüber: 1664 erhielt er von Königlicher Fran- 
zösischer Hand den damals vielen für andern berühmten Leuten ausgetheilten 
Gnaden - Pfennig in einer ansehnlichen Summe. 

44) Fröling a. a. 0.: »Seine Frauj mit der er 45 Jahre in friedlicher Ehe 
gelebet, die ihm 11 gesunde Kinder zur Welt gebohren, hat ihn überlebt. 

45) J. Burckhard a. a. 0. Pars IL p. 167. 

46) In einem Briefe an seinen Herzog vom 1. Oct. 1664 setzt er auseinander* 
»wie Renuntiationes bei einem mächtigen Potentaten selten pflegen attendiret zu 



"V 



ZUR ERINNERUNG DER ÄRZTLICHEN WIRKSAMKEIT HERMAN CONRING'S. 1 7 

§. 12. 

Conring verwandte keineswegs seine Zeit und Kraft zur Erlangung 
von Fürstengunst; galt es für das Recht einer Commune einzutreten, 
so säumte er nicht mit allen seinen Mitteln hülfreich zu erscheinen. 

In dem Prozesse der Stadt Köln gegen ihren Erzbischof begab er 
sich 1667 mit seiner Familie dahin. Er wurde durch einen Trompeter 
und Abgeordneten abgeholt ^^. Nach einem Aufenthalt von einigen Mo- 
naten nahm er eine Kolonie von Schülern mit sich auf die Universität ^^)* 

1672 vertheidigte er die Freiheit der Stadt Lindau gegen das dasige 
Kloster, und da es auf die Entscheidung eines gefälschten Diploms ankam, 
priess Job. Mabillon die von ihm befolgten Grundsätze ^^). 

Unger&hte Anträge zur Uebernahme von Defensionen wiess er von 
sich; von solchen wollte er der Patron nicht seyn ^ö). 

§. 13. 

Die Mannigfaltigkeit seiner Studien und seine von Schulmeinungen 
freigerungene geistige Stellung ist um so mehr zu bewundern, wenn 
man sich die schweren Heimsuchungen, sowie die vorgeschriebenen engen 
Wissens- Gränzen der damaligen Periode, vergegenwärtigt. 

werden. € »Frankreichs Macht würde dem gantzen Europa höchst formidabel seync 
Vor des Königs hohem Geiste »habe sich der Papst, iDsolito dudum exemplo^ bücken 
müssen.« »Wie Spanien, so würden alle übrigen Königreiche und Potentaten sin 
Don aperte, saltim clam, sich nicht dawider setzen, ne et ipsi a nimia illa Oallica 
potentia opprimantur.« S. Burckhard a. a. 0. II. p. 118. 

47) Fröling a. a. 0. 

48) parvam quamdam discipnloram coloniam iüde in Academiam Juliam secum 
deduxit (Burckhard a. a. 0. II. p. 260). 

49] Opera T. I vorn auf der 4ten (nicht paginirten) Seite. 

Smidius a. a. 0. äusserte: edita Gensura sua toti erudito orbi falsitam diplo- 
matis demonstravit. 

Die Schrift von Conring hat den Titel: Gensura diplomatis, quod Ludovico Im- 
peratori fert acceptum coenobium Lindaviense. Heimst. 1672. 4. 

50) »Bei wehrenden Osnabrückischen Friedens-Tractaten bin ich ab Erfurtensibas 
ersuchet, ihre Jura praetensa zu defendiren: habe es aber abgeschlagen, ne essem 
patronus iniquae caussae« (Burckhard a. a. 0. II. p. 122). 
Phys. Glosse. XVtll. C 



18 K. F. H. MARX, 

Wissenschaftliche Gegenstände, wie z. B. Statistik, Volkswirth- 
schaftslehre , Ton dem bei den mitlebenden Schriftstellem kaum eine 
Spur sich findet, werden von ihm besprochen 5i). 

Störungen durch Kriegsgetümmel und die herrschende Pest ^^} treten 
häufig ein 53] _ auch durch eigene Krankheit. Da er Blut spuckte, 
fürchtete man Schwindsucht, allein sie bildete sich nicht aus^*). Die 
Schwächlichkeit in der Jugend schwand allmälig 5äj mit zunehmenden 
Jahren; Steinbeschwerden jedoch pl£igten ihn*). 

51) HoBcher (lieber die gelehrte Nationalökonomik in Deutschland während 
der RegieruDg dos grossen Kurfürsten in den Berichten über die Verbandlungen der 
Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Leipzig. Fhil. bist. Claase. 1863. 
Leipzig. 1861. 8. S. 194} zeigt, dass Conring za den Ersten gebort habe, welchen 
ein Ideal der Volkswirthscbaftslebre vor Augen sebwebte und ebenso das mit der 
Nationalökonomik verwandte, der Statistik und Staatskunde. Seine BeTÖlkerungs- 
tbeorie eey von grossem Interesse- 

52) Nach Fröling a. a. 0. wurde er 1657 ein ganzes Jahr mit seiner Familie 
durch die Pest vertrieben. 

53) So entschuldigt er sich z. B., dass er sein Werk über die Fehler der Er- 
nährung noch nicht herausgegeben. Dasselbe hätte erscheinen können nisi immanes 
bellicae turbae et me domo, et omnem prope studiorum curam animo meo expulissent 
{Opp. VI p. 351). 

In einem Briefe vom Januar 1643 an die fürstliche Wittwe Anna Sophie (ebend. 
p. 352) schreibt er: vivimus loco nullis praesidüs tuto; nee semel, sed frequentissime 
et legiones aliquot et immanes bostium ezercitus, aut oppidum ipsum insederunt, aut 
proxima quaeque depopulati sunt. 

54) Nach Fröling a. a. 0. warf er 1651 Blut ans; es drohte Schwindsucht »wovon 
er aber durch seine Wissenschaft sich glücklieb, wiewohl erst folgende Jahre, glück- 
lich befreit hat.< 

55} Wie leidend er zuweilen war, ersieht man aus einem Briefe vom 19tenMärz 
1662, wo er mittheilt, dass er einige Zeit zuvor am Tode gelegen: in limite mortis 
quasi constitutus , nee legere quicquam potaram, nee tntelügere (Commerc, epist. 
Leihnit. Pars U. p. 769). 

In einem Briefe an Stepbanas Baluzius vom 19tea Oct. 1672 schreibt er: in 
aulam non licuit Convenire prao nephriticis doloribus. Ad te literas addere prohi- 
bnorunt dolores. 

An denselben vom 25. Mai 1679: languebam ab animi deUquio (Epistolarum Syn- 
tagmata duo. Helmstadii. 1694. 4. p. 51. 100). 

56) Smidius a. a. 0. sagt: Corporis fuit in juventute quasi morhidi, poatea 
vero sie satis firmi, nisi quod calculo subinde teutaretur. 



ZUR ERINNERUNG DER ÄRZTLICHEN WIRKSAMKEIT HERMAN CONRING'S. 19 

Da den Professoren aller Facultäten, wie für ihre philosophischen 
Ansichten und religiösen Gesinnungen, so auch für ihre Fachstudien, 
bestimmte Richtungen vorgeschrieben waren , so kann man nur staunen, 
dass Conring die Selbständigkeit erlangte und bewahrte, wie solche sich 
in seinen Werken kund giebt. 

Nur die aristotelische Philosophie war die officiell anerkannte. 

Die in das Corpus Doctrinae aufigenommenen Bekenntnissschriften 
mussten beschworen werden. 

Auf Hippokrates, Galenus, Avicenna wurde, wie auf unfehlbare 
Aussprüche und Vorschriften, hingewiesen ^7). 

Diese äusseren Anordnungen, so beengend sie auch waren, trugen 
vielleicht das ihrige bei, dass Conring vor der Vorliebe für unge- 
prüfte Neuerungen geschützt blieb und, fern von der noch fleissig ge- 
pflegten Scholastik und Theosophie, den Grundgedanken wie der Methode 
des grossen Peripatetikers huldigte, um durch Beobachtung, Versuche 
und vorsichtige Schlussfolgerungen die Vorgänge der Natur kennen 
zu lernen. 

Gegen übernatürliche, abergläubische Behauptungen erklärt er sich 
bei jeder Gelegenheit, so z. B. gegen die des spanischen Jesuiten Poza, 
dass Christus vermocht hätte einzig durch Berührung Todte zu erwecken ^^). 

Ueber manche Versagung seiner Bedürfnisse und Wünsche, sowie 
über manche unangenehme Erfahrung, führte ihn wahrscheinlich seine 
poetische Ader hinweg.^ 

• 

In einem Briefe an Boineburg vom 28. Nov. 1660 schreibt er: multum adhuc 
langueo ab hesternis doloribus, quibus me gravissime calculus renum afflixit (Commerc. 
epist. Leibn. T. Prodromus p. 426). 

57) Die Statuten sehreiben vor (fol. 15. p. 2): Nos artem medicam, sicut Deo 
duce et monstrante ab artificibus divinitus exdtatis, Hippocrate, Galeno et Avicenna, 
recte et integra constituta et tradita est, conservari et propagari docendo in Aeademia 
nostra volumus. Empiricos vero onmes ac Paracelsi tevQaXoytag et alias medicinae 
corruptelas, cum Galeni et Avicenae doctrina pugnantes, penitus ex Aeademia nostra 
eliminari et explodi mandamus. 

58) divina virtute solo contaetu mortuos in vitam revocare (Opp. IV. De republica 
Hispanica. p. 85). 

C2 



20 .K. F. H. MARX, 

Es wird ihm mit den entgegen getreteten Hindernissen ergangen 
seyn, wie mit dem von einem Maler angefertigten Bildnisse seiner Person, 
das keine Aehnlichkeit mit ihm hatte, und worüber er in einem Epigramm 
sich ausliess ^^). • 

§• W. 

Ueberblickt man Conring's erstaunliche Menge bedeutender Werke 
aus den verschiedensten Gebieten des Wissens, seine mannigfachen Gut- 
achten über Fragen in den wichtigsten Angelegenheiten von Staaten, 
Gemeinden und Privatpersonen, bedenkt man seine häufig veranlassten 
Reisen als Rathgeber und Sachwalter, seine ausgebreitete Correspondenz ^^) 
mit den Celebritäten in Staatsangelegenheiten und in den mannigfachsten 
wissenschaftlichen Dingen, so sollte man glauben, für die Medicin wäre 
ihm keine Müsse geblieben; allein es verhält sich anders. 

Nicht zu übersehen ist, dass bei seinen Arbeiten über öffentliche 
Angelegenheiten, in den häufigen Vergleichungen mit kranken Zuständen, 
stets der Arzt durchblickt. So z. B. in den zwei Abhandlungen, worin er 
die Krankheiten des Staats bespricht ^^), den Ausgang der gleich Anfangs 

59) Pergula pictorum, veri nihil, omnia falsa. 
Decepta vero posteritas me ex pictura aestimabitt 

Me talem ac tantum pictor facit atque poeta: 

Artificum quid non sumit uterque sibi? 
(Conringiana epistolica cura C. H. Bitmeieri. Helmstadii. 1708. 12. p. 140). 

üeber seine Gedichte s. : J. C. Boehmer Gonringii Musae errantes dispersas col- 
legit ediditque. Opp. VI. p. 633—659. 

60) Ein äusserst ititeressanter Briefwechsel, ehrenhaft für beide Tbeile, ist der 
zwischen Conring und dem Freifaerrn von Boineburg, dem Churmainzischen 
Geheimenrathe (Commercii epistolici Leibnitiani prodromus. Recensuit Gruber. I. II. 
Hanov. 1745. 4), und nicht minder der mit dem Fürstbischof Ferdinand von 
Fürstenberg (Gonringii Epistolarum Syntagmata duo una cum responsis. Helm» 
stadü. 1694. 4. p. 1—89). 

Ueber den letzteren, den Verfasser der Monumenta Paderbornensia, bemerkt er 
(Opp. II. p. 576): literatissimi profecto sine exemplo Principis, et summi tempestatis 
bujus universae, praecipue autem Germaniae nostrae ornamenti. 

61) De morbis ac mutationibus rerum publicarum Opp. HI. 1046—1066. 



jä 



ZUR ERINNERUNG DER ARZTLICHEN WIRKSAMKEIT HERMAN CONRING'S. 21 

nicht beseitigten Uebelstände als hektisches Fieber betrachtet ^^) etc. 
Auch bei mehreren Titeln seiner Schriften offenbart sich die gleiche 
Herkunft 65). 

Wie hoch man ihn als Arzt achtete, lässt sich schon daraus schliessen, 
dass, während er noch als Student in Leyden sich aufhielt, die Deutschen 
in Paris zu ihrer Behandlung ihn haben wollten, und später Fürstinnen 
und Fürsten ihn zu ihrem Leibmedicus ernannten. 

Seine Wirksamkeit als Lehrer, Mitglied und, in spätem Jahren, 
als Senior der medicinischen Facultät, erhellt aus der Anerkennung und 
Dankbarkeit seiner Schüler und CoUegen, sowie aus der grossen Anzahl 
von Dissertationen, die unter seinem praesidio erschienen und die ge- 
wöhnlich unter seinem Namen erwähnt werden. 

Uebrigens ist damit nicht gesagt, dass er sie gemacht hat, sondern 
nur, dass die darin sich findenden wesentlichen Punkte von ihm herrühren. 

In die von Goebel herausgegebenen 6 Foliobände sind die medi- 
cinischen Schriften nicht aufgenommen; diese muss man sich einzeln zu 
verschaffen suchen. 

Da mehrere derselben in verschiedenen Ausgaben heraus kamen, 
auch oft in Betreff der Zeit ihres Erschienenseyns unrichtig angegeben 
sind, so ist bei den von mir benutzten, wenn Citate controlirt werden 
sollten, genau auf die Jahrzahl zu achten. 

Obgleich die Ausgabe der Werke in 6 Folianten nichts weniger als 
bequem und correct ist, so habe ich sie dennoch sorgfaltig benutzt, 
theils weil sie eine grosse Anzahl der Briefe Conring's und andere ihn 
betreffende Angaben enthalten, theils auch, weil in den nicht medicinischen 
Schriften beiläufig eine Menge interessanter Bemerkungen sich finden. 



62) Ebend. p. 1073. §. 28: Accidit, quod de hectica febri ajunt medici, ubi 
scilicet primum aliquem init, facilem esse curatu, sed cognitu difficilem; progressu 
yero temporis non percepta nee curata, facilem esse, ut cognoscatur, at ut quis eam 
sanet, perdifficilem. 

63) So z. B. Diss. de morbis ac mutationibus Oligarcbiarum eammque remediis. 
Heimst 1661. Diss. de morbis et mutationibus rerum publicarum. Heimst. 1640. 



22 K. F. H. MARX, 

§• 15. 

Im Jahre 1637 sagte Conring der philosophischen Facultät Lebe- 
wohl und ging insofern in die medicinische über, als er die Professur 
der Philosophie zwar beibehielt, aber auf deren Emolumente verzichtete ^^). 

Als befreundete SpecialcoUegen , die auch seine Lehrer waren, 
hatte er Henning Arnisaeus, Job* Heinr. Meibom ^^), Joh. Wolff, und aus 
den andern Facultäten zuerst Martini und Diephold , dann Calixtjis ß^), 
Hornejus, Heidmann, Joh. v. Fuchte, Ph. Berkelmann. 

Namen, wie Arnisaeus, sind verklungen, obgleich dieser [f 1635 
zu Copenhagen als Leibarzt von Christian IV.] nicht nur in der Medicin ^^j, 
sondern auch in der Aristotelischen Philosophie, selbst in der Staats- 
wissenschaft, viel geleistet hat. 

Gleich ihm werden die meisten Professoren der medicinischen 



64) Er bemerkte im Decanatsbuche , welches im Archive zu Wolfenbüttel auf- 
bewahrt wird: professione licet physica retenta, ne si duorum collegiorum fructibus 
ego gaudeam fraus aliqua legibus fiat, decanatum resignavi. VII. Id. Aug. loDge 
carissimo mihi ac bonorando philosophico coUegio valedixi. M. vergl. : E. L. Tb. Henke, 
G. Calixtus. Halle. 1856. Bd. 2. S. 55. 

65) In einem Briefe vom Nov. 1660 an den jungen Heinr. Joh. Meibom (Opp. VI. 
p. 388), worin er die Tugenden und Verdienste des Grosvaters desselben hervorhebt 
äussert er: talem illum deprehendi in hac Julia jam ante quadraginta propemodum 
annos, cum ille admodum senex esset, ego autem vix ephebus. 

66) Wie sehr er sich zum Dank seinen Lehrern Calixtus und Hornejus verpflichtet 
fühlte, das spricht er aus in der Disputation de origine formarum. Lugd. Bat. 1630, 
(Opp. T. VI. p. 348). Er sagt: Vobis, optimi praeceptores, jamdiu debebam aliquod 
gratitudinis testimonium. Non quod arbiträrer ita me solutum iri aere vestro, sed 
ne forte debita mea negligere viderer. Vestra cura ad sacros Philosophiae fontes 
adductus sum. Docuistis me veritatem seriis argumentis ponderare, non vanis ho- 
minum titulis, sed ita non potest evenire quin subinde a vulgi placitis paululum 
declinemus. Vestrae autem censurae omnia submitto. 

67) H aller (Bibl. anat. 1.298) hebt besonders hervor: ossa pubis in partu dis« 
jungi, proprio experimento docet. Ebenso Bibl. chir. I. 288. Bibl. med. pract. U. 415. 



ZUR ERINNERUNG DER ÄRZTLICHEN WIRKSAMKEIT HERMAN CONRING'S. 23 

Facultät in Helmstedt so wenig mehr bekannt seyn, dass ihre Erwäh- 
nung^^) gerechtfertigt scheint. 

Wie mit seinen älteren Freunden, so blieb er auch mit seinen 
jüngeren im innigen Verkehr; die Wahrheit aber zog er der Freund- 
schaft ^^) vor. Diese • musste bei ihm in wechselseitiger OflFenheit be- 
gründet seyn 70). 

§. 16. 

Die Art und Weise, wie Conring die Medicin behandelte, zeigt, 
dass er jeder Obliegenheit ganz gehörte 7^). Er erklärt selbst 7^) , dass 
die Studien, wozu Lehramt und Beruf ihn verpflichteten, ihn so sehr 
in Anspruch nehmen, dass er von allem Uebrigen abgezogen werde. 



68) Von der Stiftung der Universität an bis zu ihrer Aufhebung (am Iten Mai 
1810) waren daselbst: Joa. Boeckel, Henr. Paxmann, Jac. Horst, Herrn. Neuwald, 
Mart. Biermann, Joa. Sigfrid , Arn. Freitag, Fr. Parcow, Casp. Amoldi, Joa. Werner, 
Duncan Liddel, Andr. Adam, Joa. Freidag, Adam Luchten, Henninges Amisaeus, 
Joa. Wolflf, Godofr. Vogler, Joa. Henr. Meibom, Joach. Junge, Jacob Tappe, 
Herm. Conring, Val. Henr. Vogler, Henr. Meibom, Guenth. Chr. Schellhammer, 
Fr. Schrader, Joa. And. Stisser, And. Jul. Boetticher, Joa. Georg Steigerthal, 
Alex. Chr. Gackenholz, Brandanus Meibom, Joa. Car. Spiess, Joa. Andr. Schmid, 
Laurent. Heister, Petrus Gericke, Joa. Fr. Crell, Ph. Conr. Fabricius, Jo. G. Krueger, 
G. Fr. Cappel, G. Chr. Beireis, P. J. Hartmann, Joa. Fr. Adolph, G. R. Lichtenstein, 
Laur. Crell, J. Fr. E. Sievers, G. H. G. Remer, E. D. A. Bartels. 

69) Veritatem amicitiae anteferendam (Opp. VL' 350). 

70) Ebend. p. 349 schreibt er von seinem Verhältnissen zu A. G. Billichius: 
Inter nos non vulgaris quaedam amicitia coierat, in dispari licet aetate, plane intima: 
alter alterum ope et consilio juvabat, alter alterum docebat, nemine erubescente 
discere quod ignorabat; qualis amicitia, ni fallor, decet literas professos. 

71) Smidius a. a. 0.: Tam docendo quam faciendo medicinam aliaque nolvfAa- 
^sia sua gloriam non exiguam nominis excitavit. 

72) in seinem Widmungsschreiben an den Herzog von Braunschweig vor der 
Schrift De Germanorum Imperio Romano. 1643. Opp. T. 1. p. 26: Quod ab artis 
medicae studiis, quibus me et vitae ratio et munus Academicum adstringit, toto 
pene, quod ajunt, coelo remotum est. 



24 K. F. H. MARX, 

Seine Bearbeitungen der einzelnen Gebiete zeichnen sich vor denen 
seiner Zeitgenossen dadurch aus, dass sie mit philosophisch - kritischem 
Geiste und beständiger Rücksicht auf Geschichte und Literatur ^^) aus- 
geführt sind. 

Er war von der Ueberzeugung durchdrungen, dass gründliches 
Wissen, gereiftes imd gerechtes Urtheil nur aus der sorgfaltigsten Ein- 
sicht und Prüfung der Vorarbeiten gewonnen werden können. 

Je mehr beim Arzte fast ausschliesslich die praktische Leistung 
gelobt und belohnt wird, um so verdienstlicher ist es, wenn der tüch- 
tige , nicht bloss selbst auf gelehrte Bildung Gewicht legt , sondern auch 
Andere dafür zu interessiren sich bemüht. Dieses ist nun von Conring 
in reichlichem Maasse geschehen. 

Um für die Geschichte Anhänger zu gewinnen , schildert 7^) er das 
Vergnügen und den Nutzen, den sie gewährt, wie in mannigfacher Hin- 
sicht, so besonders in der, sowohl das Bekannte als das Geheime aus 
vergangener Zeit zu erfahren. Da es dem Menschen nicht gegeben sey 
Alles aus sich zu ermitteln, bedürfe er der Hülfsmittel zur Aufklärung; 
diese verschaffe ihm am sichersten 4ie Geschichte; durch sie werde in 
jedes Wissensgebiet Erleuchtung gebracht 7^). 



73) Als Quelle für die Literatur galt mit Recht Conrad Gesner's vortreffliche 
Bibliotheca universalis, welche dieser, 29 Jahre alt, in Zürich 1545 herausgegeben. 
Ihn verehrt Conring, wie er es verdient, obgleich er bei seiner Veröffentlichung des Buchs 
von R. Capellatius über die Pest eine von jenem begangene Verwechslung des Namens 
nachwiess (Opp. VI. p. 350 : eum errorem cum errasset magnus vir Conradus Gesnerus etc.) 

Für die Verbreitung und Benutzung der besseren Bücher, hinsichtlich der einzelnen 
Fächer der Medicin, hat Conring vielleicht am meisten beigetragen. 

74) In der Vorrede seiner Besorgung von C. Cornelii Taciti de moribus Ger- 
manorum. Helmstadi. 1652. 4. sagt er (p. 5.): qui vere homo est, illum arbitror 
non posse non historiarum lectione vehementer affici. Historiae jucunditatem (p. 7) 
hinc dependere, quod sit compendium eorum omnium quae sensu quondam percepta 
sunt. Alterius notitiae historia est quasi manuductor. Quid jucundius, quam ea 
quae quodammodo confusa animo circumfers, numquam visa, credita tamen, ceu clara 
in luce per partes conspicere? 

75) Ebend. : Mirum quantam adferat lucis doctrinae cuilibet ea quae illi respondet 



ZUR ERINNERUNG DER ÄRZTLICHEN WIRKSAMKEIT HERMAN CONRING'S. 25 

In seinen Vorlesungen gab er, verbunden mit Erläuterungen, Dic- 
tate über die Ausbreitung der Gelehrsamkeit ^^) seit der Geburt Christi 
bis zum Ausgange des 16ten Jahrhunderts, wo er -auch die Medicin 
abhandelte. 

Ob die Angabe : Conring habe eine Abhandlung über den blutigen 
Schweiss Christi verfasst ^7^^ richtig ist, vermag ich nicht zu entscheiden. 
Ich suchte vergebens nach der Bestätigung. 

Seinen Bemühungen, den Sinn für das Studium der Vergangenheit 
zu wecken, dadurch Gelehrsamkeit zu fördern, Unpartheiligkeit im Urtheil 
und den Blick in die Zukunft zu schärfen , blieb auch die späte Aner- 
kennung nicht aus 7^). 

§. 17. 

Obgleich durch seine Verpflichtung als Lehrer auf die alten Aerzte. 
wie auf canonische Bücher , angewiesen (§. 13) , diese äusserst hoch hal- 
tend , fleissig benutzend und empfehlend 79) , unterdrückte er dennoch 
die ihm au%estossenen Bedenken und seinen Tadel nicht. 



historia: ceu naturali philosopho Daturalis, astronomo coelestis, dvili civilis, medica 
medico, singulis sua. 

76) De universae eruditionis propagatione et scriptoribus commentarius chrono« 
logicus (Commerc. epist. Leibnit. P. II. p. 1386). 

77) De südore Christi sanguineo. Soll stehen am Ende des Buchs von Joh. 
Albrecht, Tom Leiden Jesu Christi. Hildesheim. 1674. 12. 

78) L. Wachler (Geschichte der historischen Forschung und Kunst. Göttingen. 
1812. Bd. 1. S. 872) sagt: »Conring's Unterricht und Schriften machten Epoche 
und bildeten eine Schule, welche durch gelehrte Gründlichkeit, philosophischen Blick 
und praktische Gewandtheit die glücklichere Forschungsmethode vorbereitete«. Fer- 
ner (S. 883): »Die fruchtbarsten Ideen«zur Begründung kritischer Forschung gingen 
von ihm aus : er muss als ihr Schöpfer in Teutschland angesehen werden. Er drang 
auf prüfendes Quellenstudium«. 

79) M. vergl. die reichhaltigen Auszüge in der vortreflFlichen Schrift Introductio 
in uniyersam artem medicam singulasque ejus partes, quam ex publicis praecipue 
dissertationibus Hermanni Conringii concinnatam eodem Praeside publice examinan- 
dum proponit Sebastianus Schefferus. Heimst. 1654. 4. 

Pht/s. Glosse. Xrill. D 



26 E. F. EL MARX, 

So äussert er , dass Avicenna den AStius ausgeschrieben habe ^^). 
Zeitmangel habe ihn gehindert und hindere ihn, wie es erforderlich 
wäre , die arabischen Aerzte durchzugehen ^^). 

Wie sehr er sich jedoch mit den Arabern befasste, ersieht man, unter 
Anderm, aus seinem Briefe an J. H. Meibom ^) in Lübeck, dem er auf 
Fragen in dieser Beziehung antwortet, auf Mehreres aufmerksam macht ^'), 
aber beifügt, dass er ihm mehr nützen könnte, wenn er naher bei ihm 
wäre ö^). 

Den Hippokrates verehrt er im höchsten Grade ; nicht so den Grälen, 
obgleich er diesen bewundert. Er habe den Vater der Medicin oft un- 
richtig verstanden ^5) und Manches behauptet, was sich bei jenem nicht 
so fände. Wie übrigens der Pergamener zur Interpretation ein Recht 
gehabt habe, so stehe dieses jedem Andern um so mehr zu, als die 
Gesetze der Einsicht und Erklärung,' obgleich bestimmt und unvergänglich, 
keineswegs als Normen vorgezeichnet seyen ^). 

Habe er den Ruhm des Hippokrates und Galenus nicht so gepriesen, 
wie den des Aristoteles, so zolle er ihnen doch die gleiche Anerkennung. 
Sie selbst hätten ihn abgehalten auf ihre Worte zu schwören ^7). 



80) Ab Aetio, ut ab hujus ezscriptore Avicenna. S. den Brief an Samuel 
Stocjdiausen in Goslar (praemissa libro de Lithargyri fumo noxio morbifico. Gosla« 
riae. 1656.) Opp. T. VI. p. 363. 

81) Aus einem Briefe an Meibom vom 14. Febr. 1652 in der angeführten In- 
troduetio p. 80. 

82) Opp. VI. p. 372: Schenckius etiam me olim multom turbayit, praesertim 
cum nemo esset dux iis in Arabum desertis. 

83) Ebend.: Nescio an usui esse tibi qneant mea illa quae de Arabnm scholis 
dissertatione 1. de antiquitatibus aeademids, aut de cbemico eorum studio c. 26. 
Hermeticae medicinae habentur. , 

84) Plura forte possem suggerere interdum, si propius adessem. 

85) Multa a Galeno in Hippoeratem auctorem quasi per vim esse translata, 
nemo aequus atque in utriusque scriptis versatus arbiter negaverit (Opp. VI. p. 351). 

86) Ebend.: Esse immobiles et quasi aeternas ut sciendi ita et interpretandi 
leges, etsi hactenus illae in artem non sint redaetae. 

87) Ebend. p. 352: Aristotelem sane nemo me prolixius commendavit, sdo: ut 



ZUR ERINNERUNG DER ARZTLICHEN WIRKSAMKEIT HERMAN CONRING'a; 27 

§. 18. 

Nach Conring's Ansichten müssten sich Aerzte um das Greschehene, 
von Andern Mitgetheilte , um so angelegentlicher kflmmern 88j ^ ^eil sie 
erst spät zur eigenen Erfahrung gelangten, und dem Einzelnen nur 
wenig Bemerkenswerthes zur Beobachtung vorkomme. 

Freilich gäbe es Viele, welche nur nach Neuem strebten und 
das Alte verachteten, als ob dieses roh und nicht gehörig gebildet ge- 
wesen sey 89). Aber , wie oft das Neue Vorzüge habe vor dem Alten, 
so oft auch das Alte vor dem Neuen ^o). 

Um das Interesse für Geschichte und Literatur der besondem 
Fächer der Medicin lebendig zu erhalten, theilt er solche mit von der 
Physiologie 91) , Pathologie 9^) , Semiotik^S), Therapie 9*), Arzneimittel- 



in cujus laudem duae orationes a me editae sint. In Hippocratis et Galeni gloriam 
minus quidem hactenus verborum feci, paria pene tarnen illis a me tribui, sanete 
profiteor. Ut in illorum verba jurem , ab ipsis illis sum prohibitus. 

Einige Male begegnete mir die Angabe: Gonring habe zu einem Buche des 
Galen's einen Gommentar verfasst (in libr. XIII de Methode jnedendi una cum deli- 
neat. Meth. general. curandi omn. morb.), allein ich bezweifle die Bichtigkeit; mir 
wenigstens wollte die Auffindung nicht gelingen. 

88) Facilior ad prudentiam medicam via est per historiam, quam per usum 
ipsum: utpote cum hie seris demum ab annis veniat, historia autem juvenem erudiat; 
hie de Omnibus uni homini vix contingat, historia omnium in promtu sit singulis 
(Opp. VI. 355). 

89) ut tantum novis delectentur, veterum omnia spernentes, quasi äqxoXov omne 
rüde sit et impolitum (in der Zuschrift an Lilienström vor seiner Ausgabe des Fienus: 
Opp. VI. p. 360). 

90) Ebend.: Sane fit saepenumero, ut majorum res nostris, ut nostrae quoque 
illis multum antecellant. 

91) Introductio in universam artem medicam. Heimst. 1654. 4. p. 81. 

92) Ebend. p. 112. 

93) Ebend. p. 125. 

94) Ebend. p. 136. 

D2 



28 . E. F. H. MARX, 

lehre ^^) , Mineralogie und Zoologie ^^ , Botanik ^'^, Fharmacie und 
Chemie 98), Chirurgie 9^) , Diätetik ^oo). 

Bei jeder sich darbietenden Gelegenheit hebt er hervor, wie durch 
das Studium det Geschichte nicht nur eine Fülle von Kenntnissen, son-» 
dem ein selbständiges, sicherndes und gerechtes Urtheil erworben werde. 
Wer z. B. mit Autoren, wie Hippokrates und Galenus, näher sich be- 
freunde, der bliebe vor verführerischen Lehren, wie namentlich vor der 
der Chemiatrie , bewahrt ^^^). 

Aus den Aphorismen des Hippokrates lasse sich mehr Klugheit 
schöpfen, als aus einer Masse von Büchern; schon deswegen, weil er von 
der Schwierigkeit der Erfahrung spreche ^^^j. 

In reeller Handlungsweise habe er alle Nachfolger ^^5) übertroffen. 

Der Ausdruck des Coers „vom Göttlichen in Krankheiten^' bezeichne 
nichts weiter als Etwas, was die natürlichen Kräfte überstieget^). Er 
bedaure, dass in den Schriften der Aerzte davon so» wenig die Bede sey ^^^). 
An Behandlung der sogenannten göttlichen Krankheiten durch magische 
Mittel dürfe man dabei ja nicht denken. 

95) Introductio. p. 152. 

96) Ebend. p. 161. 

97) Ebend. p. 168. 

98) Ebend. p. 205. 

99) Ebend. p. 222. 

100) Ebend. p. 226. 

101) Opp. VI. p. 349: Qui Hippocratica ac Galenica amplexantur , artifidnm 
chemicnm ignorant: qui vero hoc callent, yetere ac solida doctrina destituti, in Pa- 
racelsicum solent labyrinthum inddere. 

102) Diss. de Autoribus politids Opp. T. lU. p. 29 : Ex bistoriae lectione potest 
condi prudentia, quoniam ex yariis experimentis potest condi ars. Sed condere artem 
et prudentiam est ejus qui yalet peritia demonstrandi, eamque accorate noyit. Pru- 
dentia est uniyersalium: qui enim prudens est, habet sdentiam uniyersalium: pru- 
dentiam condere debet fieri per inductionem sdentificam. Hippocrates didt (Aph. I) 
experientia diffidlis. Vult hoc, esse perdificile, condere artem ex experientia. 

103) omnes post secutos anteyertit (Opp. VI. p. 357). 

104) TD ^cToy significare aliquid naturae yires excedens. 

105) Sane doleo, raram adeo in medicorum libris hujus rd memoriam reperiri. 



ZUR EMUNERÜNG DER ÄRZTLICHEN WIRKSAMKEIT HERMAN CONRING^S. 29 

Die Koryphäen der Medicin, die Aerzte der Jahrhunderte, kann 
Conring nicht oft und empfehlend genug als Muster unhe&ngener , ein- 
dringender Betrachtung, umsichtiger Frfifung und angemessener Behand- 
lung hinstellen; aber auch den minder ausgezeichneten, wenn sie sich 
irgend reelle Verdienste erwarben, weisst er die gebührende Stelle an ^^. 

§. 19. 

Das Interesse, welches er an guten Schriften nahm, sprach sich 
auch dadurch aus, dass er einige, von denen er glaubte, dass sie zu 
wenig bekannt und benutzt, oder, weil selten vorkommend, kaum be- 
achtet würden, selbst herausgab. 

Er hielt nur solche für fichte Schriftstellerin?)^ welche, vor den 
Scriblern ^^^ sich auszeichnend , das noch Unbekannte über die Natur 
der Krankheiten genau nachwiesen. 

Noch als Student in Leyden'(§. 6) Hess er anonym Berengar's 
Buch vom Schädelbruch ^^^) erscheinen, um dem Publicum, welches nur 
nach lieblichen , nicht nach tüchtigen Büchern Verlangen habe ^ ^^) , ein 
solches zu bieten. 

Mit der Herausgabe des gekauften Heftes nach den Vorträgen des 
Lehrers in Löwen m) hätte er laich, streng genommen, nicht befassen 



106) M. 8. den von Gotlob Erantz [f 1733] mit seinen Anmerkungen heraus- 
gegebenen Gommentar des Conring: De scriptoribus XYI post Christum natum se* 
cnlorum commentarius , cum prolegomenis , antiquiorem eruditionis historiam sisten- 
tibus , Opp. T. V. p. 789. cap. 4. p. 793. c. 4. p. 796. c. 4. p. 798 c. 4. Femer 
p. 801. 804. 807. 809. 810. 813. 816. 819. 822. 829. 850. 

107) legitimi Apollinis filii, deque familia Aesculapii (Opp. VI. p. 363). 

108) scripturientium. 

109) Jacobi Berengari Carpensis de fractura Cranii über aureus. Lugd. Bat 
1629. 8. 

110) Derartige Bächer, sagt er (Opp. VI. p. 348) omnia longa firmata expe* 
rientia schätze man nicht. Pestis hodie lepidos invasit animos, ut nisi verba sesamo 
conspergas, non habeas lectores. 

111) Thom. Fieni Libri chimrgici XII primum editi cura H. Conringii. Franeof. 
1649. 4. 



30 E. F. H. MARX, 

dürfen, weil Fienus [f 1631] ihn dringend gebeten hatte, es zu unter- 
lassen ^^^); Conring aber war der Ansicht, dass der reichhaltige Inhalt 
seine Indiscretion entschuldige. 

Zu der von ihm besorgten Ausgabe der Beobachtungen des Anhalt- 
sehen Leibarztes Philipp Salmuth zu Dessau [f 1626] , einer Sammlung 
merkwürdiger Fälle, untermischt mit seltsamen Mittheilungen, ladet ein 
beachtungswerther Brief von ihm ein ^^^). 

Die angehängte Schrift von R. Capellutius i^*), der Arzt und Wund- 
arzt in Parma war, erklärte Conring für wichtig in Betreff der gelieferten 
Krankheitsgeschichten und Behandlung. 

Die Schrift des Bischof Janus Dubravius [f 1553] über die Fisch- 
teiche ^^^), worin besprochen wird, wie solche einzurichten, mit welchen 
Arten sie zu versehen, wie deren Brut zu behandeln seyen; femer ihre 
Nahrungsweise in den einzelnen Jahreszeiten, ihre Fangart, ihre Krank- 
heiten ^^^), namentlich der Karpfen, vermehrte er durch Beiträge ^'7). 



112) In einem Briefe antwortet er auf die Anfrage, ob er die Veröffentlichung 
billige: Bogo te per affectum tuum erga me, hoc ne facias, quia nomini ac honori 
meo injuriam faceres. Scio esse rüdes, impolitos, non limatos, sicut sunt omnia 
dictata mea, quae studiosis praelego. Habemus semper et rarissimos auditores et 
communiter stupides, ignaros, nee dignos limatis aut valde elucubratis lectionibus 
(Opp. VI. p. 362). 

113) Philippi Salmuthi Observationum medicarum Centuriae tres posthumae. 
Cum H. Gonringii praefatione de doctriua Pathologica. Accedit Rolandi Gapelluti 
libellus de Feste a mendis liberatus. Brunsvigae. 1648. 4. 

114) Rolandi Gapelluti de curatione Pestis tractatus cura Gonringii. Brunsvigae. 
1649. 4. 

115) De Piscinis Libri V. Helmstadii. 1671. 4. 

116) Lib. IV.' Gap. 6. p. 14. 

117) Von M. T. Varro de rustica das 17. Kapitel des 3ten Buchs — von L. J. 
M. Columella de re rustica das 16. und 17. Kap. des 8ten Buchs — von G. Plinius 
Secundus das 54., 55. und 56. Kap. des 9ten Buchs der Naturalis Historia — von 
Gonstant. Porphyrogeneta das 20te Buch der Geoponica — von Petrus de Grescentia 
das 21. Kap. des 9ten Buchs de agricultura, auch das 37., 38. und 39. Kap. des 
ipten Buchs — von Gonr. Heresbachius de rustica aus dem 4ten Buche das, was 
die Fischteiche betrifft. 



ZDR ERmitERUNG DER ÄRZTLICHEN WIRESAllEEIT HERMAN CONRINO'S. 81 

§. 20. 

Bei aller Vorliebe fflr die Gescliichte der Völker fühlte sich Conring 
mit Herz und Sinn hingezogen zu der seines Vaterlandes, und empfand 
es bitter, dass dieses natürliche Gefühl von anderer Seite so wenig em* 
pfunden wurde. Er klagt ^^^) , dass die Deutschen um ihre Geschichte 
sich nicht kümmern, ja das Deutsche verachteten, dagegen eifrig das 
römische und griechische Alterthum studierten, nicht blos in wichtigen 
Dingen, sondern in den aller gleichgültigsten. 

Wie jedoch diejenigen, welche eine geringe Meinung von den deut- 
schen Vorfahren äusserten, nicht wüssten, was sie thun, das beweist er, 
nach besten Kräften, in einer eigenen Schrift ^^^), um wenigstens selbst 
der Vernachlässigung der Pietät gegen die eigenen Vorfahren nicht 
schuldig zu werden ^^^). 

Jene hätten sich, solange sie un vermischt mit andern Stämmen ge- 
blieben, durch auffallende Länge, Weisse der Haut, blaue Augen, langes 
gelbliches oder röthliches Haar ausgezeichnet. 

In Folge der Keuschheit und nicht zu früher Verheirathung wären 
von ihnen starke Kinder gezeugt worden. 

Ihre Nahrung sey einfach und gesund gewesen; sie habe haupt- 
sächlich im Genüsse von Milch bestanden. Käse wäre erst in später 
Zeit bereitet worden. 

Gebratenes Fleisch hätten sie gegessen und Bier, jedoch ohne Hopfen, 
getrunken. 

Aufenthalt in frischer Luft, namentlich bei der Jagd, habe zum 
Wohlbefinden viel beigetragen. 

118) Opp. VI. p. 389: Ita res sese habet: plurimos videas in populo nostro 
quos nulla capit historia; multos qui fastidiunt Germania omnia, illa maxime obso- 
letiora et quasi cassa, impense nihilominus studentes historiis priscis Bomanarum 
Graecarumque gentium. Multum torquet potius lectoris auimum quam instruit. 

119) De habitus corporum Germanicorum antiqui ac uovi causis. Editio tertia 
(aetate jam in Senium vergente, suprema manu emendata atque aucta). Helmstadii. 
1666. 4. 

120) Opp. VI. p. 389: pietas jubet, quam majoribus debemus postgeniti. 



82 E. F. H. MARX, 

Sie hätten sich an Kälte gewöhnt, aber auch der Waschungen und 
Bäder mit warmem Wasser sich bedient. 

AUmSlig hätten schwächende Einflflsse Statt gefunden durch er- 
wärmte Stuben, Federbetten, Misbrauch geistiger Getränke, Rauchen 
des Tabaks i^^). 

§. 21. 

Aus dem Standpunkte, von dem ein Fachgenosse die Aufgabe der 
Arbeit und die Theilnehmer betrachtet, lässt sich auf die Anforderung 
schliessen, die einer an den Grad der eigenen Leistung und die Art 
der Durchführung stellt. 

Zur Medicin, sagt Conring, sollten nur wenige, brave, mit natür* 
liehen Anlagen versehene, talentvolle, Individuen zugelassen werden ^. 
Da ihr Object ein kostbares sey , Fehler , welche Gefahr bringen , leicht 
begangen werden könnten, so wäre der Eintritt zu ihr nur denen zu 
gestatten , welche von der Bedeutung der Kunst eine volle Einsicht 
besässen '^^^). ^ 

Am besten passten dazu ^^^) au%eweckte, emsige, beherzte, menschen- 
freundliche, angenehme, geschmackvolle, zu allen Stunden taugliche 
Personen. 



121) Opp. VI. p. 118: Quin arbitror haud param daturum damni tabacifamum, 
quem nuper adeo conciliandi ebrietati America coepit nostro orbi mittere, quasi 
deessent nobis instrumenta dementiae. 

122) De antiquitatibus aeademicis. Diss. 11. Opp. 423: paucissimi, et Uli quidem 
boni atque edtfvetg^ sive ab ingenio instructi. 

123) Ebend.: Quanto nobilius est objeetum illud circa quod ipsa yersator, 
quantoque errores ejus sunt faciliores pariter ac cum majori periculo conjuneti, tanto 
magis opus est uti caveatur, ne ad artem üetoiendam admittantur, nisi qui id quod 
artis est praestare norunt. 

124) Diss. de requisitis in quolibet Studioso Academico. Opp. VI. p. 86: 
Ad artem medicam faciendam quam maxime apti sunt homines alacres, gnavi, erecti, 
humani, suayes, elegantes, et fere quales dici solent omnium horarum; ez adverso 
morosi, difficiles, tardi, rixosi, meticulosi, queruli, superciliosi, humiles, inurbani« 
agrestes artem medicam non feliciter exercebunt. 



ZUR ERINNERUNG DER ÄRZTLICHEN WIRKSAMKEIT HERMAN CONRING^S. 88 

Von blosser Empirie könne keine Rede seyn, denn Nachdenken 
und Vergleichung , die Ermittlung der Ursachen von Gesundheit und 
Ejrankheit, Schlussfolgerungen vom Bekannten auf Unbekanntes ^^^ 
wären unerlässlich. 

Im Leben freilich komme es nicht blos auf theoretische Studien 
an, sondern auf praktische , werkthätige i^^. 

Diejenigen Aerzte , welche einzig der Erkenntniss wegen ^^7) sich 
abmühten, seyen selten; bei den meisten wären Gewinn und äussere 
Ehre die Motive. 

Die Pflicht bestehe darin, alles Krankhafte zu vertreiben, die ge- 
störte Gesundheit wieder herzustellen und zu erhalten ^^^). 

Trennung zwischen Medicin und Wundarzneikunst habe unglaublich 
geschadet ^^^). Der Arzt brauche so wenig selbst Chirurg zu seyn als 
der Baumeister Zimmermann und Maurer; allein die Kenntnisse davon 
müsse er besitzen ^^o). 

Die verschiedenen Theile der Heilkunde, nemlich Physiologie, Diä- 
tetik, Pathologie, Semiotik und Therapie wären auch die der MoraP^ij^ 

125) De civili prudentia. Gap. 7. Opp. m. p. 314: ratiociDationi alicoi, adeoque 
deductioni ignotae rei ex notis. Quo quis est prudentior, eo magis perspectas habet 
rerum causas. 

126) Diss. de requisitis in quolibet Studio Academico. Opp. VI. p. 35: Vita 
non consistit duntaxat in solis studiis Theoreticis, sed etiam in quibusvis Practicis 
et Operativis. 

127) sola dueti veritatis cognoscendae jucunditate Opp. VI. p. 356. 

128) Diss. de boni consiliarii in re publica munere. Gonclusio. I. Op. III. p. 1111 : 
restituto homine dat operam in suo ut genere sanitas illa inducta incolumis maneat 
et servetur. 

129) Opp. VI. p. 361: ut medici quidem Uli, isthoc remedii genere destituti, 
saepenumero passi sint virn quorundam morborum ad desperationem usque augescere, 
qui a manu potuissent accipere medelam. Ghirurgi vero artis medicae imperiti per- 
frequenter confugiunt ad aspera ignis et ferri remedia, non tantum nulla poscente 
necessitate sed etiam morbi natura id improbante. 

130) Ebend.: Tantum yolo, illi cui sanitatis cura committitur, etiam manuaria 
illa remedia intime cognita esse oportere. 

131) Scipionis Glaramontii praefatio. Opp. lU. p. 108: 

Phys. Glosse. XVIII. E 



34 K. F. H. MARX, 

Wirft man auch nur einen fluchtigen Blick auf das , was Conring 
als Schriftsteller zu Stande gebracht, so könnte man versucht werden 
zu glauben, er habe nur als solcher gewirkt; allein er gehörte seinem 
ärztlichen Berufe nicht nur als Lehrer an, sondern auch als ausübender 

Praktiker. 

Oft finden sich Aeusserungen von ihm, dass er ganz von der ärzt- 
lichen Praxis in Anspruch genommen werde ^^^) , und ebenso wichtige 
Bemerkungen von Kranken, die er selbst behandelte. 

Interessant z. B. ist seine Mittheilung ^35) der Heilung eines jungen 
Mannes , der in Folge einer starken Einreibung von Bleisalbe ^^4) gegen 
hartnäckige Krätze, an heftigem Krampf. Schmerzen und Verstopfung litt. 

Er erwähnt eines äusserst seltenen Falles von Lähmung, die, vom 
Nacken an, den ganzen Rumpf befiel ^35j, 



Primam quidem, dum partes animae subjeotas moribus horumque et affectuum 

causas considerat. 
Seeundam, dum animorum optimam constitutiouem , virtutem scilicet omnem, tradit. 
Tertiam, dum depravationem animi, vitia nempe ejus, aperit. 
Quartam, dum Signa morum et occuitorum interim affectuum, ad animi morbos aut 

tollendos aut mitigandos affert. 
Quintam, dum curationem ejusmodi vitiorum morborumque animi molitur, primo 

institutione ad virtutem tradita. 

132) So z. B. in einem Briefe vom März 1644, womit er dem G. J. Yossius 
die von ihm, gegen seine Neigung verfassten historischen Schriften des letzten 
Jahres, um der Verdunklung der Wahrheit entgegen zu wirken, übersandt hatte. 
Er schreibt (6. J. Vossii et clarorum Virorum ad eum Epistolae. CoUectore G. Co- 
lomesio. Augustae Vindelicorum. 1691. fol. p. 289): Haud diffiteor procul a me 
munere et vitae genere ut qui totus praxi Medica occuper esse quicquid istuc 
est studiorum , sed protractus sum inyitus in hanc scenam ab iis qui novis artibus 
clarissimae veritati nebulam objicere in laude collocant. 

133) In dem Briefe an S. Stockhausen in Goslar vom Jahr 1656. Opp. VI. p. 363. 

134) Ebend. p. 864: rubri Lithargyrii. 

135) paralysis a nucha incipiens Universum truncum occupans, ceu vidimus in 
rarissimo exemplo (de Paralysi Th. V. in H. Jordani de eo quod Divinum est in 
morbis. Francof. ad M. 1651. 4.) 



t 



ZUR ERINNERUNG DER ÄRZTLICHEN WIRKSAMKEIT HERMAN CONRING'S. 35 

§. 22. 

Die Empfehlung der propädeutischen Studien kann man 
von Conring um so mehr erwarten , als er zuerst die Professur der 
Naturlehre bekleidete und erst darauf die der Medicin erhielt. 

Das that er auch in Betreff der Chemie, Mineralogie, Botanik und 
Zoologie in seiner Einleitung zur Gesammtmedicin ^^^). 

Ob er nun gleich die Erwerbung von Kenntnissen aus den ein- 
zelnen Reichen der Natur für nothwendig erachtet, so hält er es doch 
fflr mehr als bedenklich, sie auf Unkosten der eigentlichen Aufgabe des 
Arztes zu erlangen, oder zu cultiviren ^^TJ 

Ueber allgemeine Naturbetrachtung, als Gegenstand der Phitosophie, 
handelt er, nach der Auffassung des Aristoteles, in einer besondern 
Schrift ^5^) und erwähnt dabei der Autoren, welche jene besprochen haben ^^9), 

Zur Einleitung der Naturphilosophie gehöre die Chemie, aber ja 
nicht die der Chemiatriker ^'*^). 

Die Chemie sey gut, um die Arzneimittel zu vermehren, nicht aber 
um die Erscheinungen in der Natur des Menschen aufzuhellen. Im 
Organismus seyen noch andere Kräfte thätig, als die, welche von der 
Form und Mischung der Materie abhängen. 

Die natürlichen Dinge beständen nicht, wie angenommen werde, 
aus Quecksilber, Schwefel und Salz, würden auch nicht in dieselben 
aufgelöst. 



136) Introd. in univ. artem medicam. p. 205. 161. 168. 

137) Quis non videt turpe esse metallorum, plantarum, animaliumque philo- 
sophiam occupare medicos et negligere morbonim? (Opp. VI. p. 356). 

138) Introductio in naturalem Philosophiam et naturalium Institutionum Liber I. 
Helmestadii. 1638. 4. ohne Seitenzahl. 

139) Ebend. De naturalis Scientiae optimis auctoribus. Dieser Abschnitt wird 
von Manchen als besondere Schrift citirt. 

140) Ad Philosophiae naturalis nQonaidsiav pertinet sane quadamtenus Chemia: 
quin imo ita solet illa vulgo laudari, tanquam nihil aeque Philosophiae huic prosit 
atque Ghemiae cultura et exercitatio (De Hermetica Medicina. Editio secunda. 
Helmestadii. 1669. 4. L. IL cap. 9. p. 295). 

E2 



36 E. F. H. MARX, 

Viele deuteten unter Mercurius den Geist an, unter Sulphur die 
Seele, unter Sal den Körper; allein damit sey wenig gewonnen. Mit 
Mercurius suche man viel zu viel zu erklären. Aus Luft entstehe 
Wasser, aus Wasser Luft, aber aus Mercurius weder Wasser noch Luft ^^^). 

Der Uebelstände, wovon die Verantwortung nicht die Chemie, 
sondern ihre falschen Jünger träfe, wären gar zu viele. Magie, Gold- 
macherkunst, Pralerei mit Arcanen verdrängten die Heilkunst. Die 
Leichtgläubigkeit des Volks und das Haschen nach Geld schadeten noch 
mehr als die Anhänger des Paracelsus; denn, während diese mit an- 
geblichen Wundercuren anzulocken sich bemühten , . wären sie selbst 
schwere Patienten und würden in den besten Jahren Leichen ^*^). 

Mit dem Processe der Gährung beschäftigte sich Conring in frü- 
heren ^^^) und späteren Jahren ^^). Feuchtigkeit und Wärme kämen 
dabei hauptsächlich in Betracht ^*^). 

Unter den Gegenständen aus dem Mineralreiche werden die Erd- 
arten ^^ö) besprochen nach ihrem Ursprung , ihren Eigenschaften , ihrer 
Verschiedenheit und Anwendung in der Technik und als Heilmittel. 

Aehnlich werden Salz, Salpeter und Alaun nach ihrem Ent- 
stehen, ihrem Vorkommen, ihren Eigenschaften und ihrem Gebrauche 
abgehandelt ^^^. 

Die Luft enthalte manchmal Krankheitselemente, wie z. 6. die in 



141) Disputatio physiologica de chymicis principiis corporum natoraliom. 
Respond. H. Guntherus. Helmestadii. 1683. 4. Diese Abhandlung wird allgemein 
unter Conring's Namen aufgeführt, allein er starb 1681. 

142) Opp. VI. p. 359. 

143) Von Billichius waren erschienen Exercitationes de fermentatione. Francof. 
1643. Als Conring seinen Tod erfuhr bemerkte er (Opp. VI. p. 349). Majus ingenii 
specimen exhibent nobis Billichii Observationes et Paradoxa chemica. Quorum 
editionem ipse ego Lugd. B. curavi. 

144) D. de fermentatione. Resp. J. G. Behrens. Helmstad. 1672. 4. 

145) Ebend. Tbesis 47: Fermentatio est motus corporum mistorum, inprimis 
plusculum humidi habentium, vi calorils interni ortus. 

146) De Terris. Resp. A. Probst. Helmest. 1678. 4. 

147) De sale, nitro et alumine. Resp. H. Jordanus. Heimst. 1639. 4. 



ZUR ERINNERUNG DER ÄRZTLICHEN WIRKSAMKEIT HERMAN CONRING'S. 37 

Rom. Veranlassungen seyen daselbst die Ausdünstungen von Sümpfen 
durch Ueberschwemmung und aus den ehemals kostbaren, nun verfallenen 
Wasserleitungen ^*8). 

§. 23. 

Mit Anatomie und Physiologie beschäftigte sich Conring nicht 
bloss durch Leetüre, sondern er untersuchte sorgfaltig Leichen und 
machte Versuche an lebenden Thieren, 

Er selbst bemerkt einmal, dass er schon f über 8 Tage an einem 
männlichen Cadaver Studien treibe ^^^). 

Ueber ihn wird hervorgehoben ^ ^^) , dass er die öffentlich vorge- 
nommenen Untersuchungen benutze, um die eigenen Beobachtungen 
mit denen der früheren Zeit zu vergleichen, ja dass er bis zum Ekel ^^ij 
mit der Anatomie sich befasse. 

Den Nutzen dieser Lehre i^^), ihren Werth für die Pathologie ^^^j 
preist er. Durch Unkenntniss derselben sey Hippokrates zu argen 
Fehlern verleitet worden ^5^). 

In Folge eigener Prüfung kömmt er zu andern Ueberzeugungen 
als seine Vorgänger und Zeitgenossen. So z. B. in Betreff einer Angabe 
von Vesalius ^^5), und gemäss seiner Verfolgung der Lympfgefasse, von 
Pecquet^^^). 



148) De republica papali Opp. IV. p. 372. 

149) In einem Briefe vom 14. Febr. 1652 an Job. H. Meibom Opp. VI. p. 372: 
redeo ab exercitio anatomico, quod per octo amplius dies jam in virili cadavere obeo. 

150) Ex anatome corporis humani frequenter publice instituta observationes 
snas cum venerandae antiquitatis placitis diligenter contulit, et ubique solertiam 
Buam Omnibus luculenter demonstravit (Opp. I. auf der 2ten (nicht paginirten) Seite). 

151) Anatomia ad nauseam usque a Conringio traetata (Opp. VI. p. 371). 

152) Incisio Cadaverum et perlustratio quid praestet (Opp. VI. p. 355). 

153) Anatomia facit ad perficiendam pathologiam (ebend.) 

154) Auatomiae ignorantia Hippoeratem ad gravissimos lapsus adduxit (ebendL 
p. 358). 

155) Opp. III. p. 196. 

156) Opp. VI. p. 371. 



38 K. F. H. MARX, 

« 

Die angeblichen Knochen von Riesen erklärte er fär die grossen 
wilder Thiere ^^^j. 

Das anatomische Wissen der alten Aegypter sey ganz unbedeutend 
gewesen ^^^). 

Mit Ausnahme des Herophilus habe Galenus in der Zergliederungs- 
kunst am meisten früher geleistet ^^^]. 

§. 24. 

Einen so grossen Werth er auch auf das geschriebene Wort, na- 
mentlich der griechischen Aerzte legte, da, wo es galt, machte er, frei 
von bannenden Vorurtheilen, einzig auf das Buch der Natur aufmerksam 
und blieb bei der Quelle der Beobachtung. 

Nur diese hielt er für entscheidend. Darum verlangt er auch von 
Andern ^^^j , dass sie , wollten sie seinen , durch seine Sinne und viele 
Versuche erlangten Behauptungen, weil als Neuerungen erscheinend, 
nicht zustimmen, erst eigene Erfahrung erwerben sollten. 

Er sagt, dass er, sowie er nur bei seinen vielen Arbeiten Müsse 
fände, sich zu seiner alten Liebhaberei, zur Zergliederung lebender 
Hunde i^^) , wende. 

Dass er wichtigen fremden Erwerbungen, sobald er deren Bedeutung 
erkannte, ohne langes Säumen, zustimmte, das bewiess er ganz besonders 
nach Entdeckung des Blutkreislaufs. 

Wer weiss, wie wenig Anerkennung William Harvey in England 



157) Gigantium ossa, quae putantur, ingentium belluarum sunt (Opp. V. p. 231). 

158) De Hermetica Medicina. Helmestadii. 1669. 4. L. I. cap. 10. 

159) Opp. VI. p. 358. • 

160) Opp. VI. p. 351: Quae a me proferuntur tanquam sensu et multis 
experimentis cognita, utut nova yideri possint et a fide aliena, ne quis temere 
rejiciat, nisi in consilium ante sensibus suis et propria vel aliorum fide digna expe- 
rientia , adhibitis. 

161) In einem Briefe vom 6. Febr. 1652. Opp. VI. p. 371: Simulac nonnihil 
otii a laboribus alienis plurimisque nactus sum, statim ad vivorum canem dvatoikriv, 
vetera mea oblectamenta , redibo. 



ZUR ERINNEEÜNG DER ÄRZTLICHEN WIRKSAMKEIT HERMAN CONRING'S. 39 

fand, wie er sich sogar veranlasst fühlte sein Buch de motu cordis 1628 

in Frankfurt drucken zu lassen, wie aber auch in Deutschland dem 

Marktschreier (circulator) kein Glauben geschenkt wurde, der begreift, 

dass moralischer Muth und wissenschaftliche Freudigkeit dazu gehörten, 

sich dafür zu erklären. 

Kurz nachdem Werner Eolfink [f 1673] den Blutkreislauf ver- 

theidigte, trat auch Conring öffentlich dafür auf i^^). 

Seine in der Jugend verfasste Arbeit über die eingebome Wärme 
(§. 6) , von der er glaubte , dass sie itn Herzen ihren Sitz habe ^^^) und 
von da sich weiter verbreite, war mit Veranlassung, dass er die schla- 
genden Beweise für das Centralorgan des Kreislaufs um so lieber annahm. 

Die Galle werde in der Leber abgesondert ^^^). 

Den Nutzen der Milz ^^^) suchte er in einer Anziehung des Chylus. 

Ueber Ernährung entwickelte er in seinen Vorlesungen, wie er 
selbst angiebt ^^^), neue Ansichten. In der Dissertation darüber ^^^j 



162) Paul Marqnart Siegel (Schlegel) [f 1653] sagt in der Vorrede zu seiner 
Schrift de saDguinis motu commentatio. Hamburgi. 1650. 4. auf der 5ten nicht 
paginirten Seite: Si quis inter Gerinanos antiquitati est deditus et yetemm gnarus, 
certe est Hermannus Conringius Phil, et Med. excellens. Hie vero in epistola ann. 
1640 ad me scripta fatetur, yenerari se %d nalMctj si quis alius: at sensibus magis 
fidere. Item, yel inyitum, se rapi in castra Haryei et manus dare. Inquisiyit autem 
stndiosissime in totam hanc doctrinam, et ipse egregio opere illustriorem reddidit. 

Unter den yerschiedenen Ausgaben benutzte ich die deutlich gedruckte: De 
Sanguinis generatione et motu naturali. Lugd. Bat. 1646. kl. 8. 

163) M. Vergl.: Scipionis Claramontii de conjectandis moribus L. 1. §. 2. 
Opp. III. p. 116, 

164) Ex sanguine in parenchymate aut tenuissimis jecoris yasis contento, fei 
nascitur (de sanguinis generatione. cap. 18). 

165) potulenti chyli majorem partem ex ipso mox yentriculo a liene attrahi 

(Opp. VI. p. 351). 

166) In der Vorrede zum Buche de sanguinis generatione .*^ Ante hos tres annos 
de Vitiis natritionis ipsaque nutritione multa a popularibus sententiis dissidentia 
apud auditores in diatribus disserui. 

167) D. de nutritione hominis. Disputatio prima. Kesp. H. Jordanus. Heimst. 
1639. 4. 



40 K. F. H.MARX, 

wird aus einander gesetzt , wie die Nahrungsmittel verarbeitet und um- 
gewandelt werden. 

Ausführlich wird gehandelt , wie die Absonderung der Milch ^^^ 
geschieht ; über den Unterschied der Thiere ^^^) , welche athmen und 
nicht athmen; über Leben ^7^) und Sterben. Das Leben könne lange 
dauern und viel für die Verlängerung gethan werden, aber eine Gränze 
sey gesetzt. 

§. 25. 

Die Wichtigkeit derSemiotik, Diätetik, Arzneimittellehre 
berührt er in seiner Einleitung zur Gesammtmedicin ^7^), kömmt aber 
öfters , mit näheren Angaben , an anderen Orten darauf zurück. 

Die Pulslehre des Galenus sey allzu subtil ^72^; allein der Puls 
liefere wichtige, sichere Zeichen ^73), 

Auf das Athmen ^^*) müsse genau geachtet werden, je nachdem es 
schwächer, ganz anders als gewöhnlich, erfolge und nachzulassen drohe. 

Der Schmerz offenbare sich auf mannigfache Weise ^7^). 

Kinder von zu alten oder zu jungen Eltern blieben, wenn sie 
nicht früh zu Grunde giengen, Schwächlinge ^76j, 

Dem Künde sey die Muttermilch die von der Natur angewiesene 
Nahrung ^77). Die Mütter müssten selbst stillen ^^sj. 

Massigkeit im Essen und Trinken befähige zu grossen Thaten. 
Durch sie hätten die Spanier die Herrschaft über die neue Welt erlangt. 

168) Exercit. physiologica de lacte. Heimst. 1678. 4. 

169) D. de respiratione animalium. Resp. Th. Conerding. Heimst. 1634. 4. 

170) D. de vita et morte. Bcsp. Hier. Eberhart. Heimst. 1645. 4. 

171) Introd. p. 125. 226. 152 und 161. 
172)^Ebend. p. 128. 

173) Diss. V. L. 5. Q. Scipionis. Glaramont. Cap. 4. §. 3. Opp. JH. p. 184. 

174) D. de difficili respiratione. Resp. 'Andr. Probst. Heimst. 1639. 4. 

175) Opp. m. c. 4. p. 258. 

176) De Republica antiqua veterum Germanorum. XVH. Opp. I. p. 13. 

177) Ebend. p. 6. 

178) Ebend. p. 7. v 



ZUR ERINNERUNG DER ÄRZTLICHEN WIRKSAMKEIT HERMAN CONRING'S. 41 

Die Mannschaft der spanischen Marine bliebe deswegen gesunder als 
die der Holländer, weil alle deutschen Stämme der Unmässigkeit 
fröhnten i?^)^ 

Den Körper sollte man von Jugend auf an Kälte gewöhneü ^^o). 

Umständlich werden die natürlichen einfachen und zusammenge- 
setzten Wasser, sowie die Thermen, besprochenes^), Carlsbad und Eger 
besonders hervorgehoben ^^^). 

Die Liebhaber des Selbstdissensirens finden an dem Manne keine 
Stütze, der wusste, was dazu gehöre mit ganzer Kunst und Seele den 
Kranken zu dienen. 

Die Arzneimittel müsse der Apotheker bereiten, nicht der Arzt. 
Diesem fehlten dazu die erforderliche Vorsicht und die Zeit. Kämen in 
der Apotheke Nachlässigkeiten, selbst Betrügereien vor, so träfe die 
Schuld nur Einzelne ^^^). 

Beim Verschreiben der Rezepte bediene man sich fremder Wörter 
und Zeichen, damit das Lesen derselben verhütet und ihr Werth, dem 
Publicum gegenüber, nicht geschmälert werde ^^). 

Ob ausländische oder vaterländische Arzneimittel zu gebrauchen 
seyen, wäre noch eine unerledigte Frage ^85). 



179) De Republica Hispanica. Opp. IV. p. 74. 

180) quod facit ad sanitatem, robur et omnem vitam (De recta in optima 
republ. educatione. lU. p. 1093. oben). 

181) D. de aquis. Resp. H. Conerding. Heimst. 1680. 4. 

182) De regne Bohemiae. Opp. IV. p. 317. 

183) Nee fieri potest, ipse ut manu sua omnia conficiat: utque confecerit, non 
cavebit tamen semper, negotiis medicis cumprimis occupatus, omnem culpam. Quidni 
vero parem diligentiam et fidem adhibeat pharaacopoeus, cui a magistratu id muneris, 
post perspectam quidem hominis integritatem et peritiam, jurato concreditum est, 
atque ipsius medici domesticus minister? Per negligentiam, imo et dolose, multa in 
pharmaceuticis officinis quam frequentissime contingnnt quidem; non ferenda, multo 
minus laudanda. Verum haec culpa absit ut omnes commaculet (de bermetica Medicina. 

Lib. n. cap. 8. p. 293). 

184) De caritate rerum. Opp. IV. §. 139. p. 807. 

185) De maritimis commerdis. §. 12. Opp. IV. p. 861. 

Fhys. Glosse. XVUI. F 



42 E. F. H. MARX, 

Gegen magische Mittel, seltsame Worte, Zeichen, Bilder, Anrufung 
von Geistern und Wunder-Salben müsse man sich erklären; sie könnteu 
nur durch Einbildung nützen ^^^. 

§• 26. 

Pathologie und Therapie, sowohl die allgemeine wie die spe- 
cielle, erscheinen als diejenigen Doctrinen, auf welche Conring die gröste 
Mühe verwandte. Daraus geht auch überzeugend hervor, dass das rein 
Praktische, die Erkennung und Behandlung der Krankheiten, ihm Le- 
bensaufgabe war. 

Unter vielen hierher gehörenden Bemerkungen mögen nur einige 
zur Charakterisirung seiner Denkungsart dienen: 

Die Pathologie biete deswegen so grosse Dunkelheiten, weil die 
Ermittlung der Ursachen der Krankheiten äusserst schwierig sey ^Ö7J, 

Um dazu zu gelangen, müsse man mit geschärften Sinnen alle Ein- 
flüsse in Bechnung bringen und sich dieselben klar zu machen bemühen; 
auch dürfe man sich nicht blos auf Beobachtung der Symptome beschränken, 
sondern die Leichen seyen auf das sorgfältigste zu untersuchen ^^^. 

Quellen des Wissens wären solche Krankheitsgeschichten, welche 
von tüchtigen, wahrheitliebenden Aerzten herrührten. 

Derjenige heile am besten, der sich über die Veranlassung der 
Krankheit nicht täusche '^^^). 



186) Usus imaginarius. M. s.: H. Conring de morbomm remediis magids et 
ungnento Armario im Theatmm sympatheticum auetum. Norimbergae. 1662. 4. 
p. 613—623. 

187) In seiner Widmung der Ausgabe von Salmuth vom Juni 1642 an die 
Braunschweiger Leibärzte Behrens und Comerding Opp. VI. p. 354: Gausas omnium 
perridere, superat fortassis indolem ingenii nostri. 

188) Ebend.: Abhibendi sensus non tantum ad ea quae in corporibus integris 
datur percipere, sed etiam in mortuorum corpora incisa eorumque viscera et recon- 
ditos recessus summo studio animadvertendum. 

189) Ebend. p. 356: Eum quam rectissime curaturum, quem prima origo causae 
non fefellerit. 



ZUR ERINNERUNG DER ÄRZTUCHEN WIRKSAMKEIT HERMAN GONRING'S. 48 

Verborgene Krankheiten ermittle man aus der Untersuchung der 
Gelegenheitsursachen und aus den Zeichen der Störung ^^^). 

Mit die wichtigste Heilungsanzeige bestehe darin, zur rechten Zeit und 
mit dem rechten Mittel die Darm- Ab- und Ausscheidung zu befördern ^^^). 

Die Behandlung der Entzündung verlange Vorsicht. So wichtig 
auch die Blutentziehung sey, so köfine damit äusserst geschadet werden ^^). 

Mit Besprechungen ^^^) huldige man dem Aberglauben. 

Der Transfusion i^*) gelinge es zuweilen bei starkem Blutverlust 
das Leben zu retten. 

Ein grosser Theil der speciellen Krankheits- und Heilungslehre 
erhielt Erläuterungen. 

So z. B. aus der Abtheilung der Fieber die Bubonenpest ^^5), welche 
damals noch arg Deutschland heimsuchte. 

Conring lobt in einem Briefe vom März 1663 den Laurentius Gieseler, 
dass er seine eigenen, in Braunschweig gesammelten, Erfahrungen über 
dieses Leiden veröffentlichte ^^^j, da dasselbe so verschiedenartig be- 



190) Opp. m. §. 1. p. 112. 

191) D. de purgatione. Resp. Job. Probst. Heimst. 1652. 4. 

192) D. de ratione cnrandi inflammatioDes. Besp. J. M. Beinesius. Heimst. 
1662. 4. Cap. 6. p. 57: Sicuti Natura debilitata non amplius debilitari debet, ita 
cane et angue pejus fugienda tunc venaesectio. 

193) D. de incantationis circa morbos efficacia. Resp. H. A. Heintze. Heimst. 

1659. 4. 

194) Nonnisi extrema cogente necessitate et vitae noDDibil sustentandae causa, 
posse illam curationem iuterdum, sed rare, admitti (Opp. VI. p. 578). 

195) D. de peste. Resp. Theoph. Matthaeus. Heimst. 1678. 4. Merkwürdig 
ist die Ableitung des Worts (Thesis 3): Dicitur pestis sive a nitfuy quod cadere, 
aut prosterni denotat; sive a pessum, quod quos semel corripuit, facile pessumdet; 
sive a pascendo, quod instar belluae venenatae urbes integras depascat, sive a peri- 
mendo, quod in morem jaculi derepente adoriatur mortales. 

D. de febre maligna vulgo dicta üngarica. Resp. H. C. Stisser. Heimst. 1668. 
4. Unter den herzstärkenden Mitteln wird noch Bezoar empfohlen. 

196) Gieseleri Observationes medicae de peste Brunsvicensi. Brunsvici. 1663. 4. 
Cf. Opp. VI. p. 412. 

F2 



44 E. F. H. MARX, 

schrieben werde, verschieden auftrete und verschieden behandelt werden 
müsse. 

Das hektische Fieber ^^7] ^ird sehr genau untersucht. 

Unter den Entzündungen werden einzeln vorgeführt die des Ge- 
hirns i^S)^ des Brustfells 199) ^ der Lungen 200), und der Leber 20 x). 

Was die Hautausschläge betrifft, so hegt er über die Entstehung 
der Blattern mehrfache Vermuthungen. Den Ansteckungsstoff räumt er 
ein 202). Den Griechen und Lateinern wären Blattern und Masern un- 
bekannt geblieben 2^5). 

Den Cachexieen, namentlich dem Scorbut^^*), aber auch der 
Wassersucht 2^^) , widmete Conring viele Aufmerksamkeit. 

197) D. de febre hectica. Resp. J. W. Berckelman. Heimst. 1659. 4. 

198) D. de phrenitide. Resp. H. Corbejus. Heimst. 1645. 4. Kopfschmerz, 
Schlaflosigkeit, rothe Augen, Nasenbluten begleiteten das Leiden. 

199) D. de pleuritide. Resp. Jac. Roeseler. Heimst. 1654. 4. Thes. 29: 
Indicia a coctione et maturatione seu qualitate sputi desumantur. 

200) D. de peripneumonia. Resp. 6. Huhn. Heimst. 1644. 4. Thes. 39: 
Materia affluxura revellenda, illa quae affluxit derivanda. 

D. de peripneumonia. Resp. J. A. Papke. Heimst. 1676. 4. üeber den 
Einfluss der Luft als Ursache und das epidemische Auftreten. 

201) D. de inflammatione hepatis. Resp. W. Berckelman. Heimst. 1656. 4. 
Die Zufälle werden fleissig angegeben. In den CoroUarien XI: Hepar non est prin- 
cipium venarum , ceu Galeno visum , sed Cor , quod placuit Aristoteli. 

202) Certum est, in vulgus contagio quodam luem illam serpere (Opp. VI. p. 593). 

203) D. de variolis et morbillis. Resp. H. Corbejus. Heimst. 1641. 4. Die Meinung, 
dass durch diese Krankheiten die Gesundheit gestärkt werde, sey durchaus irrig (§. 46). 

204) D, de scorbuto. Resp. Leonh. Krüger. Heimst, 1638, 4. (der Drucker hat die 
Zahl 1671). Niederdeutschland werde heftig davon heimgesucht. 

D. de scorbuto. Resp. Laur. Gieseler. Heimst. 1644. 4. Die Anschwellung der 
Milz verdiene Berücksichtigung. 

In der Th. 10. heisst es am Ende: perdocte de bis egit clarissimus Praeses in 
Bua de Scorbuto disputatione (M. vergl. früher §. 7). 

D. de Scorbuto. Resp. J. G. Behrens. Heimst. 1659. 4. Die Krankheit sey den 
alten Aerzten bekannt gewesen. Die Antisscorbutica zeigten grössere Wirksamkeit, 
wenn als ausgepresste Säfte genommen, geringere als Decocte und Extracte (§. 55). 

205) D. de hydrope ascite Resp. J. H. Bossen. Heimst. 1672. 4. Darin audi 



w. 



ZÜK ERINNERUNG DER ÄRZTLICHEN WIRKSAMKEIT HERMAN CONRING'S. 45 

Die Ab- und Aussonderungskrankheiten , sowie die Krankheiten 
durch Zurückhaltung von Ausleerungsstoffen , erhielten reichliche Bearbei- 
tung, wie Blutspucken 206) ^ Ruhr^oT), Harnruhr ^os)^ Podagra ^o^), 

Stein 2^0) der Niere und Blase. 

Von Nervenleiden wurden einer näheren Betrachtung unterzogen 
die Zahnschmerzen 21^) , das Herzklopfen ^^^j , die Ohnmacht ^ ^^j ^ der 



(Th. 31) die allgemeine Bemerkung: non adhibendi sensus tantum ad ea, quae in 
corporibus integris datur percipere, sed etiam in mortuorum cadavera incisa eorum- 
qne yiscera et reconditos recessus summe studio animadvertendum. 

206) D. de haemoptysi. Resp. M. Homeyer. Heimst. 1676. 4. Es erfolge in 
den Lungengefässen entweder blos Durchschwitzung, oder Zerreissung. 

207) D. de dysenteria. Resp. E. A. Schowartus. Heimst. 1656. 4. Was ge- 
nossen würde, dürfe nicht reitzen, auch nicht kalt seyn. Mandelmilch und Opium 
wirkten gut. 

D. de dysenteria. Resp. Z. Neukranz. Heimst. 1676. 4. 

208) D. de diabete. Resp. M. A. G. Rivinus. Heimst. 1676. 4. Natur, Ur- 
sache und Cur werden besprochen. Was aber die letztere beträfe, so sey sie mei* 
stens erfolglos. 

209) D. de podagra. Resp. J. H. Hasselt. Heimst. 1678. 4. Der Ausspruch 
des Poeten: tollere nodosam nescit medicina Podagram gelte immer noch. 

210) D. de calculo renum et vesicae. Resp. Andr. Behrens. Heimst. 1672. 4. 
Die Steine bildeten sich auf verschiedene Weise. Ob der in der Blase in den Nieren 
entstehe, sey zweifelhaft. Die ili^Awvwg wären, wegen der geringen Hülfe, sehr zu 
beklagen. In der Th. 81 wird bemerkt: Galculos valide concretos nuUum medica- 
mentum potest comminuere; quicquid multi jactitent. 

211) D. de natura et dolore dentium. Resp. Fr. Heye. Heimst. 1662. 4. 
Gelegentlich (Th. 81) ein Fall vom gefährlichen Menschenbisse. 

212) D. de palpitatione cordis. Resp. G. Huhn. Heimst. 1643. 4. Auf Blä- 
hungen als Ursache würde zu wenig geachtet. 

213) D. de gravissimo cordis affectu, Syncope. Resp. W. Beust. Heimst. 1652. 
4. Hauptveranlassungen seyen Schwäche des Herzens und Abnahme der eingebor- 
nen Wärme. 



46 E. F. H. MARX, 

Schwindel 2H), der Schlagfluss 2i5), die Lähmung ^i 6), die Zuckungen ^i ?), 
die Fallsucht 2^^), die Melancholie ^i 9) und die Hypochondrie 220j^ 



Die klassischen griechischen Aerzte sowie die späteren Matadore 
der Medicin werden zwar vorzugsweise in der Darstellung berücksichtigt, 
aber überall entscheidet selbständiges ürtheil und eigene Erfahrung. 

§.27. 

Conring starb im Jahr 1681 und wurde auf einem seiner Güter 
zu Gross - Twülpstedt , nicht weit von Helmstedt, begraben. 



214) D. de Vertigine. Resp. V. H. Voglerus. Heimst. 1650. 4. Gelehrte 
Arbeit hinsichtlich der Schilderung der Zufalle, Ursache, Dauer, Behandlung. 

215) D. de Apoplexiae natura, causis et curatione. ßesp. Andr. Probst. Heimst. 
1640. 4. Die Deutschen nennten diesen gefahrvollen Zustand »die Hand Gottesc. 
Elystiere dürften nicht versäumt werden. 

216) de Paralysi. Ohne Bespondent und Jahrszahl in Hieronymi Jordani De 
eo quod Divinum aut Supematurale est in morbis humani corporis. Francof. adM. 
1651. 4. Eine lehrreiche Auseindersetzung über die verschiedenen Arten der Läh- 
mung und deren Ursache. Th. 17: abscissis nervis sensum et motum perire. Th. 
66: obstruuntur nervi et vasa vel in exortu suo vel in progressu. Als Heilmittel 
werden (Th. 90) Gegenreitze empfohlen. 

217) D. de Convulsionum natura, causis et curatione. Resp. Sam. Stockhausen. 
Heimst. 1638. 4. Berichtigung der Annahme des appetitus sensitivus. Man müsse 
untersuchen y ob der Grund inanitio oder repletio. 

218) D. de Epilepsia. Resp. H. Comerding. Heimst. 1642. 4. Nicht Amulete» 
sondern zweckmässige Mittel seyen anzuwenden. 

D. de Epilepsia. Resp. A. W. Frisius. Heimst. 1656. 4. Die älteren Ansichten 
sorgfaltig zusammengestellt. 

219) D. de Melancholia. Resp. N. du Mont. Heimst. 1659. 4. In der Th. 16 
wird bemerkt: vdq(o(foßia Anginae speciem esse, non melancholiae. 

220) D. de Morbo hypochondriaco. Resp. J. H. Brechtfeld. Heimst. 1662. 4. 
Raro quenquam inveniri qui ab hoc morbo sit immunis (Th. 59). Die Schlussworte 
lauten: Deo gloria, erratis venia. 



ZUR ERINNERUNG DER ÄRZTLICHEN WIRKSAMKEIT HERMAN CONRING'S. 47 

Heinrich Meibom ^^i) setzte ihm folgende Grabschrift : „Dieser 
Hflgel umschliesst den Rathgeber von Königen und Fürsten, den Lehrer 
des Natur- und Völkerrechts, den erfahrensten in der praktischen und 
theoretischen Philosophie, den ausgezeichneten Sprachforscher, Bedner, 
Dichter, Geschichtschreiber, Arzt, Theologen. Viele glaubst du hier 
umschlossen? Es ist nur der Eine Herman Conring, das Wunder des 
Jahrhunderts." 

Eine andere Grabschrift, auf einem, über hundert Jahre später zu 
seinem Ehrengedächtnisse von Strombeck ihm errichteten Monumente, 
lautet folgendermassen ^^^) : 

221) Hoc Tumulo clanditar 

Regum Prineipumque Consiliarios, 

juris Naturalis gentium publid 

Doctor 

Philosophiae omnis peritissimus Practicae et Theoreticae 

Philologus insignis, Orator, Poeta, Historicus, Medicus, Theologus. 

Multos putas hie conditos? 

Unus est Hermannus Conringius saecuU miraculum. 

Abgedruckt in den Opp. I. vorn. — in Conringii Epistolarum Syntagmata. Heimst. 

1694. 4. vorn. — im Dictionnaire historique de la Medecine par N. F. J. Eloy. T.I. 

Mens. 1778. 4. p. 698. — in der Quartschrift: Feier des Gedächtnisses der vorma** 

ligen Hochschule Julia Carolina zu Helmstedt. Heimst. 1822. S. 103. 

222) Quocum bonae literae heic interdum rusticabantur , Hermannus ConringiuB 
tenues vastae mentis exuvias volebat isthoc obscuro angulq repostas, lucidi nominis 
late diffusi certus, lustris abhinc viginti quinque, Germaniae libertatis, virtutis, 
gloriae, rebus gestis, legibus, moribus partae justus vindex, Germanici imperii fines 
calamo felicius quam Caesar gladio tutatus, Germaniae ne suus deforet Grotius, 
tyrannidi sacrae et civili terror, artis rempublicam sobrie gerendi catus nee scholarum 
in tenebris, sed vitae in luce edoctus magister, prineipum quorundam non in palatiis, 
sed e suo domicilio prudens consultor, optimisque inter illos, quos istud seculum 
ostentavit, carus et honoratus, aevi sui inter doctos miraculum, academiae Juliae 

insigne decus. 

Nomini post lustra viginti quinque nobili totidem exactis, ac, dum suus bene 
meritis bonos manebit, aeque futuro nobili Ao. MDCCCVII. (Die lateinische Fassung 
ist von Henke. M. s.: P. J. Bruns, Verdienste der Professoren zu Helmstedt um 
die Gelehrsamkeit. Halle. 1810. 8. S. 78). 



48 K. F. H. MARX, 

„Hermann Coming, mit dem die Musen auf diesem Landsitze 
oftmal weilten, wollte vor 125 Jahren, dass die kleine Hülle seines 
grossen Geistes hier im unbekannten Winkel ruhe ; gewiss , es 
strahle dennoch stets der weit berühmte Name. 

Ein treuer Kämpfer für deutsche Freiheit, Tugend, Ehre, erworben 
durch Thaten, Gesetze, Sitten; der des deutschen Reiches Gränze 
glücklicher mit der Feder, als mit dem Schwert der Kaiser schützte ; 
damit ein Grotius auch nicht den Deutschen fehle, ein Schrecken 
kirchlicher und bürgerlicher Herrschsucht; kundig der Kunst, des 
Staates Steuer zu lenken, belehrt nicht in der Schulen Dunkel, 
sondern in des Lebens Helle; der Fürsten Rather, in ihren 
Schlössern nicht, sondern in dem eigenen Hause; von den Besten^ 
derer sich sein Jahrhundert rühmte, geehrt und geliebt; ein Wunder 
unter den Gelehrten seiner Zeit, eine ausgezeichnete Zierde Juliens. 
Dem Manne annoch hochberühmt nach 125 Jahren, nach abermal 
125 Jahren, und so lange Wohlverdienten Ehre bleiben wird, noch 
immer hochberühmt; im Jahre 1807." 

In der Bewunderung und in Lobpreisungen des Hingeschiedenen 
wetteiferte eine Unzahl der berühmtesten Männer ^^^). Wenige Anfüh- 
rungen mögen genügen: 

So äusserte Justus Cellarius in der Rede ^^) , die er vor der Beer- 
digung hielt: „Gewiss ist unser seliger Conring als ein Wunder der 
Gelehrten zu schätzen, indem er den Ruhm eines tiefsinnigen Philosoph!, 
eines hocherfahrnen Medici und hochgelehrten Theologi zugleich vor der 
gantzen Welt behauptet.** Die Rede schliesst mit den Worten: Das 
Wunder des gelehrten Erdkreises, Conring, hat ausgeathmet ^^^j. 

Smidius^^^ hob hervor, dass er eine lebendige Bibliothek und 
ein wandelndes Studirzimmer genannt werden konnte. 

223) M. sehe die ludicia et Testimonia auf den 6 Folioblättem vorn im Iten 
Bande der Opera. 

224) Abdanckungs-Bede (ohne Ort und Jahreszahl). 

225) Miraculum eruditi Orbis Conringius exspiravit. 

226) a. a. 0. : Sine exaggeratione Bibliotheca vivens et Museum ambulans dici meroit. 



ZUR ERINNERUNG DER ÄRZTLICHEN WIRKSAMKEIT HERMAN CONRING'S. 49 

H. Wiedeburg, Professor der Logik, bemerkte als Decan der Philo- 
sophischen Facultät, über Conring in den Annalen, dass derselbe eine 
Zierde der ganzen Academie gewesen sey^^^. 

Jac. Br ucker 228J igsst es ungewiss, ob Deutschland in jenem 
Jahrhundert einen gelehrteren Mann besessen habe. 



H. F. Link nannte zu seinem Ehrengedächtniss eine Pflanzen- 
gattung Conringia ^^9^. 

Wie viele lebende Mediciner, alte wie junge, kennen, wenn auch 
den Namen, die Verdienste Conring's, welche im Auslande die Achtung 
vor deutscher Gelehrsamkeit und im Vaterlande so mannigfache be- 
deutende Bestrebungen weckten? 

Leider gilt die Unbekanntschaft mit seinen, wie mit ähnlichen Ar- 
beiten, nicht als Mangel, sondern fast als Vorzug, denn da nur die der 
Gegenwart der Anerkennung sich erfreuen, wird die Vertrautheit mit 
denen der Vergangenheit für Zeitverlust gehalten. 

Möge in unsern Tagen, wo ein grosses und starkes Volksbewusst- 
seyn sich immer mehr ausbildet, den Aerzten der Sinn für die Geschichte 
ihres Fachs , und namentlich ihrer tüchtigen älteren Collegen , wieder 
beachtungswerth erscheinen, und das Studium der Leistungen der 
Männer, welche die den Lebenden gebotenen Früchte heranreifen halfen, 
zur tiefgefühlten Verpflichtung und ehrenden Noth wendigkeit werden ! 

227) Singulare Ordinis philosophici ornamentum atque decus totius Aeademiae, 
cujus gloriam per integros quinquaginta fere annos docendo scribendoque plurimum 
illustrarat. Erat in viro hoc excellens ingenium, Judicium acre, memoria firma, eru- 
ditio varia atque prorsus exquisita, nee non veteris Aristotelicae veraeque philosophiae 
propagandae atque tuendae Studium indefessum. M. s. : P. J« Bruns, Verdienste 
der Professoren zu Helmstedt um die Gelehrsamkeit. Halle. 1810. S. 78. 

228) Historia eritica Philosophiae. T. 4. Pars I. Lips. 1734. 4. p. 324: Quo 
viro incertum est utrum eruditiorem isto in saeculo habuerit Germania. 

229) nemlich alpina (Arabis brassicaeformis — Brassica alpina — Erysimum 
alpinum) und perfoliata (Erysimum perfoliatum — Orientale — Brassica orientalis — 
perfoliata). 

Phys. Glosse. XVIII. Q 



Sa E« F. B. MAEX^ 



§• 


1. 


§. 


2. 


§. 


3. 


§• 


4. 


§. 


5. 


§• 


6. 



§. 


9. 


§. 


10. 


§. 


11. 


§. 


12. 


§• 


13. 


§. 


14. 


§. 


15. 


§. 


16. 


§• 


17. 


§. 


18. 


§• 


19. 



Uebersicht des Inhalts. 



Pflicht auf Herman Conring aufmerksam zu machen. 

Lage und Stimmung seiner Zeit. 

Einfluss der Universitäten. 

Die Bedeutung von Helmstedt. 

Biographische Notizen. Erste Jugend und Ankunft auf der Universität. 

Besuch vonLeyden. Hielt 2 öffentliche Reden. Gab eine Schrift desBerengar 

von Carpi heraus. Einladung als Arzt nach Paris. Aussicht in Helmstedt 

Professor der Naturlehre zu werden. 
§. 7. Ankunft in Helmstedt. Trauriger Zustand der Stadt. Anstellung als Professor 

der Naturlehre. 
§. 8. "Wird Doctor der Medicin und Philosophie, Professor der Medicin, Doctor 

der Jurisprudenz, Leibmedicus, geheimer Rath, Staatsrath. 

Wird auch Professor der Politik gegen seine Neigung. 

Verdienste um das öffentliche Wohl, um die Philosophie des Bechts, nm die 

Begründung des deutschen Rechts. 

Anschuldigung wegen einer Pension von Ludwig XIV. 

Sachwalter für die Städte Göln und Lindau. Nur Patron gerechter Sachen. 

Engbegränzte, vorgeschriebene Studien. Störungen durch Krieg und körper- 
liche Leiden. Poetische Ader. 

Vorliebe für die Medicin. Achtung seiner Person in dieser Hinsicht. 

Wirksamkeit in der medicinischen Facultät. Lehrer, Freunde, CoUegen. 

Hochhalten der Geschichte. Deren Empfehlung durch Lehre und Schriften. 

Beurtheilung der alten Aerzte. 

Geschichte und Literatur der einzelnen Fächer der Medicin. 

Besorgte Ausgaben der Schriften von Berengar, Fienus, Salmuth, Capellutius, 

Dubravius. 
§. 20. üeber die Ursachen der Körperbeschaffenheit der Deutschen in alter und 

neuer Zeit. 



ZUR ERINNEBUNG DER ÄRZTLICHEN WIRKSAMKEIT HERM AN CONRING'S. 5 1 

§. 21. Bildungsgrad und Wahl der Aerzte. Gegen die Trennung der Medicin und 
Chirurgie. Vergleichung der Lehren der Medicin mit denen der Moral. Aerzt- 
liche Thätigkeit und Erfahrung Conring^s. 

§. 22. Propädeutische Studien. Warnung vor ihrer übermässigen Cultur auf Un- 
kosten der eigentlichen Aufgabe des Arztes. Begränzung der Chemie. Phy- 
sikalisches. 

§. 23. Anatomische und physiologische Untersuchungen. 

§. 24. Versuche an Thieren. Oeffentliche Erklärung für Harvey. 

§. 25. Ueber Semiotik, Diätetik, Arzneimittellehre. Gegen die Pulslehre des Galen's. 
%npfehlung der Massigkeit. Gegen das Selbstdispensiren. 

§. 26. Pathologie und Therapie. 

§. 27. Grabschriften. Urtheile und Lobeserhebungen* Pflanzengattung Conringia. 



G2 



Zur BeurtheiluDg des Arztes Christian Franz Paullini 



Von 

Dr. K. F. H. Marx. 



Yorgelegt in der Sitzung der König!. Gesellschaft der Wissenschaften am 4ten Januar 1878. 

§. 1. 

JlLit dem Ruhme verhält es sich wie mit dem Gerüche des Moschus; 
80 sehr dieser auch haftet und sich bemerklich macht, auf einmal ist 
er verschwunden. So lange ein bedeutender Mann lebt, wird man nicht 
mfide von seinen seltnen Eigenschaften und unsterblichen Verdiensten zu 
reden; ist er todt, so wird das Lobpreisen still und stiller, die Erinne- 
rung an ihn immer seltner und schwächer. Die junge Generation nimmt 
wenig Notiz von ihm ; glaubt sie auch nicht gerade , dass derselbe der 
Anerkennung genug gehabt hätte , so hat sie vollauf mit der Bewunde- 
rung Lebender zu thun. 

Sinken erst die Freunde des Gefeierten ins Grab, verstummen die 
Posaunen, so erlischt allmälig das Gedächtniss für seine noch so grossen 
Leistungen. Sogar errichtete steinerne Monumente, welche davon zeugen 
sollen, bleiben wenig berücksichtigt und verwittern unbeachtet. 

Auch das geschriebene Wort, welches die Zeiten überdauert, findet 
später kaum Le^er, wenn die Schilderung nicht anziehend und leicht 
geniessbar erscheint, denn die Neigung fehlt alte, vergilbte Papiere, 
zumal wenn deren Sprache lateinisch ist, in die Hand zu nehmen. 

Bei den Aerzten, deren Beruf auf die unmittelbare Gegenwart hin- 
weist, sie auch völlig in Anspruch nimmt, könnte die Vernachlässigung 
der Ueberlieferungen entschuldigt werden, wäre nicht die Medicin eine 
Erfahrungswissenschaft, die ihre Wurzeln in der Vergangenheit hat. 

Je mehr sie ihren Wirkungskreis lieben, und je tiefer einsehen, 
was erforderlich war, um den jetzigen Höhepunkt des Begreifens und 



54 E. F. H. MARX, 

Könnens za erreichen, um so dankbarer müssten sie denen seyn, welche 
zum Ausbau der Lehre, wie zur Anerkennung des Standes, das Ihrige 
beigetragen haben. 

Genau betrachtet ist nur derjenige wahrer Heilkünstler, welcher, 
abgesehen von dem Wissen und den Fertigkeiten , die sich von selbst 
verstehen , die Beurtheilung seines Fachs nicht aus dem Becher der 
Tagesliteratur, sondern aus dem Born der Geschichte schöpft, der aus 
innerster Ueberzeugung die Stammhalter hochhält und Gerechtigkeit übt 
gegen frühere Verdienste. 



§. 2. 

Die Erinnerung an einen ehemaligen ergiebigen Schriftsteller scheint 
um so gerechtfertigter, wenn derselbe, ohne es verschuldet zu haben, 
den Lebenden nur von einer verwerflichen oder komischen Seite bekannt 
und zu befürchten ist, dass ein solches Vorurtheil, je länger es dauert, 
immer mehr zur unbezweifelten Thatsache sich gestalten werde. 

Nicht nur die Jugend ist rasch mit dem Worte fertig, auch das 
Alter. Ohne viel Bedenken werden lieblose, harte Urtheile geäussert. 
Es schmeichelt dem Selbstgefühle, einen Andern für unbedeutend halten 
zu dürfen. 

Das Publicum pflichtet dem Hörensagen bei ; die Gebildeten richten 
sich nach den Aussagen von Autoritäten, sowie nach dem, was in Recen- 
sionen oder literarischen Werken angegeben ist. Was in derartigen 
Schriften gedruckt steht, wird nur zu häufig vertrauensselig hingenommen 
und der Wahrspruch derselben, wenn er auch nichts weniger objectiv, 
nach tiefeingehender, ruhiger Prüfung, gefallt wurde, sondern nach ober- 
flächlicher Abschätzung, nach leidenschaftlicher, gehässiger Partheylich- 
keit, verpflanzt sich, als unbeanstandetes Axiom, wie eine Erbkrankheit, 
von Geschlecht zu Geschlecht. 

Es ist übrigens eine unbillige Forderung, dass gelieferte biographische 
Mittheilungen und Gelehrten - Lexica in allen Fällen unbedingt das 
Richtige anzeigen ; die Masse, welche von ihnen bewältigt Werden musste» 



ZUR BEÜRTHEILÜNG DES ARZTES CHRISTIAN FRANZ PAÜLLINI. 65 

war zu gross. Der strenge Leser, welcher sie benutzt, darf sich bei ein- 
zelnen ihm aufstossenden Ungenauigkeiten , keinen Vorwurf gegen ihre 
erschütterte Zuverlässigkeit gestatten, sondern er hat die erstaunliche 
Schwierigkeit der überwundenen Arbeit zu bedenken. Seine Anerkennung 
fBr die von jenen Verfassern aufgewandte unsägliche Mühe, bewiesene 
Einsicht und Gewissenshaftigkeit, kann er blos dadurch bethätigen , dass 
er Nachsicht übt und sich bestrebt, das Vermisste zu ergänzen und zu 
berichtigen. 

Ein Recht zum Tadel oder Ignoriren von Individuen scheint vor- 
zuliegen , wenn nicht zu lobende Ansichten oder Handlungen derselben 
nachgewiesen werden. Wie aber, wenn es sich, bei gründlicher Nach- 
forschung und Vergleichung, ergiebt, dass die vorgebrachte Anschuldigung 
an Glaubwürdigkeit leidet, nur aus Missverstehen der Sache wie der 
Zeitumstände entsprang und blos aus bequemer Nachsprecherei sich 
erhält? 

Wer noch so empfindlich ist in Betreff der Beurtheilung seiner 
eigenen Person, verfahrt oft rücksichtslos mit der von Andern. Der 
mahnende Spruch: was du nicht willst, dass dir die Leute thun sollen, 
das thue ihnen nicht, bleibt unbeachtet. 

Ehe von der Natur eines Stoffs geredet wird, sucht man durch die 
genaueste Analyse, sowie durch das Mikroskop, diesen kennen zu lernen; 
allein von der Natur eines Menschen wird geredet, ohne sich um die 
wahren Eigenschaften zu kümmern, nach allgemeinen Eindrücken, dem 
blossen Scheine. 

Die Gegenwart wird zu häufig auf Unkosten der Vergangenheit 
gepriesen. Die vielgerühmte gute alte Zeit war allerdings nicht die 
beste, und der Weise sieht sich ?iicht veranlasst sie zurück zu wünschen ; 
allein im Schaffen war sie nicht müssig. Wer einst das Seine, wenn 
auch in geringem Maasse, zu den jetzigen Errungenschaften beigetragen, 
verdient in Ehren gehalten zu werden. Hat doch der Bewohner eines 
Hauses, das auf nassem Grunde erbaut worden, die trocknen gesicherten 
Räume den eingerammten Pfählen zu verdanken. 



56 K. F. H. MARX, 

§. 3. 

In unseren Tagen, wo die Aeusserung vaterländischer Hochgefühle 
nicht mehr, wie in dem Jahre des Heils 1819, mit dem Kerker bestraft 
wird, ist es wohl gestattet die Aufmerksamkeit auf einen Mann hinzu- 
lenken, der nicht nur als Praktiker, medicinischer Schriftsteller, Poly- 
histor, gekrönter Dichter, Pfalzgraf in hohen Ehren stand, sondern als 
warmer Patriot für das Ansehen und die Macht Deutschlands sich aus- 
gesprochen hat. 

Je weniger von einer Persönlichkeit, von der man es am wenigsten 
erwartet, nicht nur tüchtige Gesinnungen für die Ehre des Vaterlands, 
sondern auch eifrige Bestrebungen für die Begründung und Förderung 
der Geschichte desselben ausgingen , scheint es um so mehr geboten, 
dieselben hervor zu heben und zur Geltung zu bringen, als nur weg- 
werfende Urtheile, wie über den Menschen, so über seine Arbeiten, ver- 
breitet sind. 

Wer freilich nur Sinn und Verständniss für die Gegenwart hat, 
blos deren Maassstab kennt und anzulegen versteht, wer durch Voll- 
kommenes verwöhnt Mangelhaftes belächelt und verachtet, in Gesinnungen 
und Thaten nur das Ideelle würdigt und hochhält, der wird überhaupt 
von Individuen und Werken , die einer Zeit angehören , wo umfassende 
geistige Beurtheilung und geschmackvolle Darstellungsgabe erst im 
Durchbruche begriffen waren, nicht angezogen werden. 

Sind nun gar Sprache und Art der Darstellung nichts weniger als 
gewählt, sondern hart und absonderlich, so begreift es sich, dass eine 
gewisse Ueberwindung dazu gehört, eine genauere Bekanntschaft mit 
einem solchen Autor zu pflegen. 

Um jedoch so zuverlässig als möglich die Wirksamkeit eines Viel- 
genannten in einer Periode kennen zu lernen, wo bei aller aufgebotenen 
Kraft und Anstrengung der Einzelnen, nur Verbreitungen für das spä- 
tere Schöne und Brauchbare getroffen wurden, dann auch, um zu erfahren, 
ob die Erneuerung des Ehrengedächtnisses sich als Pflicht herausstelle 
oder nicht, da bleibt nur übrig, unbekümmert um die Mühe des Auf- 



ZUR BEÜKTHEILÜNG DES ARZTES CHRISTIAN FRANZ PAÜLLINI. ÖT 

snchens oder um die fragliche Ausbeute, das vorhandene Material zu 
sammeln , und gewissenhaft zu prüfen. 

Zeigt es sich, dass in irgend einer Richtung Wichtiges nicht nur 
angeregt« sondern hervorgebracht, aber verwischt und vergessen wurde, 
so ergiebt sich die Forderung: ein erworbenes Recht unpartheiisch zil 
vertheidigen, die übertriebene Verehrung ebenso sehr wie die unverdiente 
Verwerfung zu bestreiten, in der Schätzung Maass zu beobachten. 

Mit Schädeln Kegelspiel zu treiben ist ein an Wahnsinn gränzender, 
ruchloser Uebermuth; aber in der Literatur an nicht unverdienten, längst 
Verstorbenen, Spass und Hohn auszulassen, ist ebenso unbesonnen als 
frevelhaft. 

Die Todten soll man ruhen lassen ; nur das Denkmal über ihrem 
Grabe erneuern, oder das fehlende, wenn das Gedächtniss in Ehren 
gehalten werden muss, errichten. 

Die Gräber aufwühlen, um Etwas aufzufinden, was zur Unterhaltung 
dienen könnte, ist ein trauriges Geschäft. 

Das Leben jedes Individuums, wenn richtig aufgefasst, kann zur 
Erläuterung des Begriffs der Menschheit dienen. Vor falscher Auslegung 
und verwirrender Zusammenstellung, sowie vor Missbrauch der vorhan- 
denen Data ist zu warnen. Behauptungen, welche zu unwahren Folge- 
rungen veranlassen, sind nicht zu rechtfertigen. 

Wer die Fackel der Greschichte, statt damit das Dunkel zu erhellen, 
zur Belustigung oder gar zur Brandfackel gebraucht, der ist ein 
Possenreisser , Lügner oder Verbrecher. ^ 

An der Menschennatur ist so viel zu bewundern, dass dem sinnigen 
Forscher kaum Zeit, noch weniger Neigung bleibt, nach dem ünlautern 
und Hässlichen zu spähen. Genug, dass solches vom Tage gezeugt 
wird; der Tag mag es auch wieder verwischen. 

Damit soll nicht gesagt seyn, Unrecht zu verscKweigen , Tadel zu 
unterdrücken, sondern nur lieber das Positive als das Negative aufzu- 
suchen und, ohne vollständige Kenntniss, nicht zu richten. Auch der 
starke consequente Wille wird durch verführerische Stunden gelähmt. 

Der Unterschied zwischen einem Thoren und Weisen giebt sich 
Phys. Classe. XVIII. H 



58 K. F. H. MARX, 

dadurch kuDd, dass jener Delirien belacht oder deutet, dieser sie als 
Ausdruck einer Störung und als Aufgabe der Heilung erkennt. 

Jede biographische Notiz kann für den Leser Spiegel und Auffor- 
derung werden zur Vergleichung der fremden Denkart, Schicksale, 
Mängel und Leistungen mit den eigenen. 

§• 4. 

Wird auch das Bild eines Menschen vorzugsweise aus dem deut- 
lich, wie er sich Andern zeigte, wie er fühlte, dachte und was er that, 
so ist doch sein Lebensgang mehr als blosser Rahmen, denn wie das 
Innere auf das Aeussere wirkt, so das Aeussere auf das Innere. Auf 
Inhalt und Ton der Schriften haben Erlebnissse grossen Einfluss. 

Daher sind Notizen über Entwicklung, Fortbildung, Gunst und 
Ungunst des Verhängnisses höchst wichtig. 

Vom grösten Interesse sind selbst verfasste Mittheilungen, mögen 
diese auch noch so fragmentarisch seyn. 

Solche nun, obgleich blos in wenigen Blättern bestehend, existiren 
von PauUini , zwar unter einem andern Namen erschienen i) , aber un- 
verkennbar von ihm. 

Schon die Schreibart macht ihn kenntlich, noch mähr die Erwäh- 
nung einer Unzahl seiner alphabetisch aufgeführten gelehrten Bekannten, 
Theologen , Juristen , Mediciner , Philosophen , Philologen , Dichter, 
Historiker, sowie die Titel von 19 Ausarbeitungen, welche er noch her- 
aus zu geben beabsichtigte. 

Ich wenigstens bin so fest überzeugt, dass das Schriftchen von ihm 
selbst herrührt, dass ich dasselbe ohne Weiteres als seine Autobiographie 
citire ^). 

Ein mit ungewöhnlicher Sorgfalt durchgeführter Artikel über PauUini 



1) Vita, Studia et Gloria Paulliniana, fida crena descripta ab Esaja Dahlbom, 
Ph. et. M. D. 1703. 8. ohne^eitenzahl. Hinter dem Buche von Pauliini : Nucis moschatae 
curiosa descriptio. Francofurti et Lipsiae. 1704. 8. 

2) Da ein Pseudonymus als Verfasser genannt wird , so geschehen die An- 
fuhrungen wie von einer andern Person. 



ZUB BEÜRTHEILÜNG DES ABZTES CHRISTIAN FRANZ PAÜLLINI. 59 

erschien von Johann Moller 5), Eector in Flensburg [f 1725]. Aus ihm 
ist genommen, was im Allgemeinen seit mehr als 100 Jahren über 
FauUini hie und da in Büchern sich vorfindet. 

Beide standen, wie Moller angiebt, in Briefwechsel, und FauUini 
erwähnt seiner *). • 

§. 5. 

Christian Franz FauUini zu Eisenach am 25. Febr. 1643 geboren, 
wuchs als Waise und mittellos ^) auf. 

Nachdem er, von wohlwollenden Gönnerinnen und Gönnern unter- 
stützt, die Schulen seiner Vaterstadt, zu Mühlhausen und Gotha besucht 
hatte und sich für seinen künftigen Beruf entscheiden sollte, war er in 
der Wahl zweifelhaft. Seine verstorbene Mutter hatte ihn nemUch, 
während ihrer Schwangerschaft, dem geistlichen Stande gewidmet; er 
selbst neigte zur Arzneikunde. Um nun beiden Anforderungen gerecht 
zu werden, entschloss er sich Theologie und Medicin zu studieren, wozu 
er in Coburg den Grund legte. 

Die Reiselust, die er nun anfing, zu befriedigen, hielt er, nach dem 
Rathe Galen's , für einen Arzt gerechtfertigt ^. 

Er besuchte zu seiner weiteren Ausbildung zunächst Copenhagen. 

Von Erasmus Bartholinus [zuerst Frofessor der Geometrie, darauf 
der Medicin f 1698] , dem jüngsten Sohne von Caspar B. , scheint er 
immatriculirt worden zu seyn ^. 



3) In dessen Cimbria literata. Havniae. 1744. Fol. T. II. p. 622—633. 

4) in der Dedication seiner Observationes medico-physicae. Lips. 1706. 8. an 
den Fürstabt in Corvey auf der 4ten (nicht paginirten) Seite. 

5) Es heisst in der Autobiographie am Schlüsse: parentibus orbatus, Patrimo- 
nium ab aliis raptum. 

6) Ebend.: Medicum oporteat varias regiones orbis perlastrasse, diversasque 
civitatum et locorum temperaturas , situs et constitutiones accorate novisse , ut de 
illis possit Judicium ferre. 

7) Ebend.: Fasces academicos tunc tenebat Erasmus, in cujus museo juramentum 
praestitit Nester. 

H2 



60 K. F. H. MARX, 

Er hörte theologische , juristische, philosophische, philologische und 
medicinische Vorlesungen ; letztere bei Thomas und Erasmus Bartholinua, 
Olaus Borrichius, Olaus Worm. 

Ihm gefiel die dortige Einrichtung, von einem Studien - Director 
geleitet zu werden ^). 

Darauf hielt er ,sich einige Zeit in Hamburg auf, verschaffte sich 
in Wittenberg den Magistertitel, und begab sich dann nach Leyden. 

Diesen Aufenthalt kann er nicht genug rühmen ^), namentlich seinen 
Hauptlehrer Sylvius de le Bo6 ^^), und äusserst dankbar für seine Fort- 
bildung durch den Besuch der CoUegien und Hospitäler schied er ^^). 

Nun ging'3 nach England. Nach Bezahlung des Schifferlohns war 
ihm nur Ein Mark im Beutel geblieben ; allein er vertraute auf Gott ^). 
Auch wurde es ihm leichter, als er dachte« Er erfuhr nicht nur, weiJt 
über sein Erwarten , das herzlichste Entgegenkommen ^^) , sondern als 
Frivatlehrer zweier deutschen Adelichen fand er Gel^enheit sich das 
liEnd, namentlich Cambridge, näher anzusehen. 

In London wurde er von Robert Boyle freundlich aufgenommen,^^); 
in Oxford wurde ihm Gelegenheit den Ruhm von Thomas Willis zu 
theilen. 



S) Ebend.:Laudabilis mos est in Regio hoc Archi-Gymnasio, ut noTitius quisque 
peculiarem sibi seligat studiorum directorem , cui dubia mentem animumque suum 
fideliter exponat , adiens eum quavis hebdomade , monita ejus attendens , eumque, 
ceu fidum hodogetam, tuto sequens. 

9) Ebend.: urbem, benignissimam suam nutricem, benefactricem et fidelissimam 
magistram. 

10) Ebend«: Placuit Leyda, inque hac praesertim o ^avykdtfiog dvi^q Sylyius seu 
Franciscus de le Boe, famam qui terminat astris. 

11) Ebend.: Sub manuductione Sylyiana, Lindeniana aliorumque re sua in audi- 
toriis et nosocomiis feliciter acta. 

12) Ebend.: Soluto LoDdini naulo, unica adhuc marea Lubecensis in zona hae- 
rebat. Deo tarnen commendabat vias suas, ipseque omnia bene fecit. 

13) Ebend.: Reperiebat tales patronos et amicos in terra aliena, quos nunquam 
in patria, seu consaDguineos inter suos, sperasset. 

14) Ebend.: humane alloquio dignabatur. ^ 



ZUR BEÜRTHEILÜNG DES ARZTES CHRISTIAN FRANZ PAÜLLINL 61 

Er verweilte an diesem Musensitze fiber ein Jahr, theils im Interesse 
seiner Kunst, theils um die gelehrten Schätze zu benutzen und die frucht- 
bringenden Geister der Engländer anzustaunen ^^). 

Befriedigt in jeder Weise kehrte er nach Leyden zurück, wurde 
da Doctor, machte einen Ausflug nach Amsterdam, wo er die unter- 
richtenden Gespräche von Blasius, Decker, Barbette genoss, und reiste 
darauf in den fernen Norden, nach Schweden, Norwegen, Lappland, 
Island. 

Auf den Rath eines in Bergen lebenden deutschen Arztes, Treubier, 
hatte er sich nach dem letzteren Lande begeben, das man für das nörd- 
lichste Europa's hielt i^), und er brauchte die ausgeführte Unternehmung 
nicht zu bereuen. Wie überhaupt jene grosartige Natur, fesselte ihn 
besonders der Vulkan Hekla *7). 



15) Ebend.: Ultra annum honeste et sioe qnerela, magno cum artis suae incr^ 
mento, ibi Yixit, nocturna diurDaque manu Eruditorum monumenta versans et fei:^ 
Upsima Anglorum ingenia serio admirans. 

TS) Ebend.: cujus consilio et hortatu ultimam adiit Thulen, abstrusissima Naturae 
magualia et alia scitu notatuque digna in remotissima hac insula studiosius con- 
templaturus. • 

17) Er soll sich darüber in einer eigenen Schrift (De famoso et ignivomo Islan^ 
diae monte Heda observationes physicae singulares. Hamburgi. 1676. 4.) ausge^ 
sprochen haben , die ich jedoch nicbt auftreiben kounte. 

In einer seiner ersten Schriften: (Dissertatio epistolica, complectens problema 
curiosissimum : an mors naturalis sit substantia yerminosa ? Viro super aethera 
noto et vere Athanasio Eirchero inscripta. Romae. 1671. 4. Spätere Ausgabe: 
Disquisitio curiosa an . mors naturalis plerumque sit substantia verminosa ? revisa, 
aucta et emeudata. Fraucof. et. Lips. 1703. 8.) kömmt er §. 74. p. 161 auf diesen 
Gegenstand zu sprechen, indem er bemerkt: Der Berg Hekla liege nicht am Meere, 
auch nicht nach Norden, wie behauptet würde, sondern gegen Mittag. Ego istum nee 
perpetuum ignem eructare vidi, nee tanta saxorum cinerumque egestorum copia 
omnia longo lateque explere, ut ad vigesimum lapidem terra coli nequeat, nee spectra 
aut circumvolitantia corvorum agmina, nee lamentabili ejulatu personantem audiyi. 

Was nun diese Schrift über die Frage betrifift, ob der natürliche Tod eine wurmige 
Substanz sey, so sagt er: Alles Lebendige habe in sich eine Unzahl Thiere, schlechthin 
Würmer genannt. Und wie im Hieb stehe (XVII. 14) »die Verwesung heisse ich meinen 



62 E. F. H. MARX, 

Nachdem er wieder in Hamburg eingetroffen, erhielt er den ehren- 
vollen Ruf als Professor nach Pisa. Das Reisegeld für ihn war bereits 
vom Herzog von Toscana nach Köln abgeschickt ^^). 

Die Wahl desselben hatten , seiner Vermuthung nach , auf ihn ge- 
lenkt der ihm geneigte ^^) Athanasius Kircher [f 1680] , und der in 
Florenz weilende Nicolaus Stenonis ^oj [^ 1686]. Krankheit jedoch 
zwang ihn zur Resignation. 

Wie diese beiden einflussreichen Männer ihm fortwährend gewogen 
blieben, das ersieht man aus späteren Briefen von ihnen, so z. B. von 
Kircher ^1), wo dieser ihn wegen seiner deutschen Redlichkeit und Ge- 
lehrsamkeit rühmt , und ebenso von Steno ^^) , der ihn vermisst und 
seinen Fleiss anerkennt. 

Nun prakticirte er in Hamburg und dem benachbarten Holstein, 
unternahm eine kurze Reise nach Frankreich und folgte dann einer 
Einladung zum Bischof Christoph Bernhard in Münster als Leibarzt und 
Historiograph ^3). in dieser Stelle blieb er drei Jahre bis zum Tode 
dieses Herrn im J. 1678. 



Vater und die Würmer meine Mutter und Schwester« bildeten diese die Substanz 
des Todes. Der Herzensfreund von Luther, Niklas von Amsdorff, habe sogar die Erb* 
Sünde eine Substanz genannt. 

18) Antobiographie : Magnus Hetroriae Dux locum inter professores Pieanos ei 
spoponderat, cambiumque miserat multorum scutorum Goloniam Agrippinam pro 
snmtibus itineris. 

19) Ebend.: qui semper amavit enm. 

20) Ebend.: Steno degens tunc in aula Florentina« 

Steno ) zuerst Professor der Medidn in Gopenhagen, nachher, weil zum Ca- 
tholicismus übergetreten, Titularbischof von Titiopolis in Griechenland. 

21) Non solum pectus germano candore praeditum, sed et omnigena eruditione 
et doctrina excultum luculenter cognovi. (Vota et censura excellentium Yirorum vom 
in Paullini's Cynographia). 

22) Si hie Te haberem, de loco Pisis obtinendo inter Professores non desperarem. 
Laudo industriam (ebend.) 

23) Autob. : Christoph, Bernhard , Magnus Germaniae Princeps , Episcopus Mo- 
nasteriensis et Administrator Corbejensis Medici Historicique spartam ei demandabat* 



ZUR BEÜRTHEELÜNG DES ARZTES CHRISTIAN FRANZ PAÜLLINI. 68 

Nach dieser Zeit hielt er sich in Wolfenbüttel und Hameln auf, 
bis er im Jahre 1689 als Physikus seiner Vaterstadt angestellt wurde 24), 
in welcher Eigenschaft er auch bis zu seinem Tode am lOten Juni 1712 
verblieb. 

Im Jahre 1706 erlitt er einen Schlaganfall, der seine rechte Seite 
und den rechten Arm lähmte. Stets unverheirathet geblieben, und ge- 
nöthigt das Haus zu hüten, hörte er nicht eher auf zu arbeiten, als bis 
die Füsse anschwollen, die Schwäche zunahm und das Herz still stand ^^. 

§• 6. . 

Die Art und Weise, wie für das Fortkommen und die Behandlung 
des alleinstehenden Jünglings gesorgt und ihm, fem von der Heimath, 
jede Thüre, an der er klopfte, geöffnet wurde, lässt vermuthen, dass er 
sich durch anziehende Gaben zu empfehlen verstand und durch auffallende 
Kenntnisse sich auszeichnete. Diese Vermuthung wird auch durch 
Thatsachen bestätigt. 

Während er als Student in Copenhagen sich aufhielt, weilte da- 
selbst Joseph Franz Borri^ß). Dieser, ein vorzüglicher Arzt, besonders 

In seiner Bestallung zum Stifts- und Landmedicus der Beichsabtei Corvey, 
welche zur Jurisdiction des Bischofs zu Paderborn gehörte, und wovon er auch eine 
Geschichte schrieb, wird er verpflichtet, Krankheiten zu verhüten und zu heilen, 
bei Seuchen den Armen beizustehen, Quacksalber abzuhalten, die Apotheke zu beauf- 
sichtigen. Sie findet sich vom 16. Juli 1675 abgedruckt in den Wetzlar'schen Bei- 
trägen. II. S. 351. 

24) Autob. : vocatus tandem a Patria nt Physicus Ordinarius cum lautiori salario, 
miram Dei providentiam admirabatur. 

25) Moll er a. a. 0. p. 625: Tot libris, operibus consiliisque, in coelibatu per- 
petuo bene de republica conatum mereri literaria Paulinum apoplexia dextri lateris 
brachiique vehementior domi se continere coegit, usuque orbavit brachii. Ille tamen, 
corpus admodum debile animo jubens obsequi adhuc vegeto, non ante studiis incum* 
bere desiit literariis , quam morti , a tumore pedis acceleratae lethali senex septua. 
genarius succumberet. 

26) M. vergl. meinen Aufsatz: Borri oder der Tod eines Arztes im Gefangnisse 
in meinen Mittheilungen über Zwecke, Leiden und Freuden der Aerzte. Göttingen. 
1867. 8. 8. 6—10. 



64 E. F. H. MARX, 

auch Augenarzt und Chemiker [er starb 1695 im Gefängnisse der In- 
quisition zu Rom] , hatte an seinem Wohnorte durch seine freisinnigen 
Aeusserungen über Religion den Verdacht der Ketzerei auf sich geladen. 
Excommunicirt und vom Gerichte vorgeladen, war er von Land zu Land 
bis nach Dänemark geflohen. Der Sprache unkundig, bedurfte er eines 
Dolmetschers und einen solchen fand er an Faullini ^Tj. 

Wie ihm dieser Umgang mit dem selbstdenkenden Italiener von 
vielen Seiten verargt wurde, so auch der mit dem feingebildeten Polen 
Stanislaus Lubienski (Lubenicius) , einem eifrigen Socinianer, der viele 
Zweifel hegte an den Satzungen der Kirchenlehre ^^j. 

Von seinen Neidern, die auf eine Gelegenheit warteten, ihm zu 
schaden, in Betreff seiner Rechtgläubigkeit verdächtigt, musste er sich 
aur Vertheidigung vor der versammelten Geistlichkeit stellen ^^). 

Das Urtheil jedoch fiel so sehr zu seinen Gunsten aus, dass seine 
Beden nicht nur jeden Argwohn gegen ihn beseitigten, sondern ihm die 
Achtung der Versammlung zuzogen, ja dass sogar der Vorsitzende, der 
Erzbischof, ihm das Werk von Athanasius Kircher über den Magneten 
als Geschenk verehrte und sein Freund wurde ^o). 

Auch in seinen alten Tagen scheint er von den Wächtern Zion*s 



27) Autob.: Sub umbra augustissimi Friderici III vivebat Hafniae, a Romana 
Eoclesia ob heterodoxiam proscriptus, cujus interpretem aliqualem egitNoster. Com 
enim Dani et Germani opem viri et consilia medica certatim expeterent, ipseque 
harum lioguarum haud guarus esset, Romano ore Ei, quae Yoluere, dixit, ideoque 
se gratum reddidit inclyto Italo. Et sane hac occasione multa e blateronibus et 
invidis ficta falsoque divulgata audivit. 

28) Ebend.: Suspectum fecerat conversatio celeberrimi, at heterodoxi, Lubenizii. 
AHithematici excellentissimi. 

29) Ebend. : Yocatus a Doctoribus et professoribus Theologiae, ut rationem fidei 
suae redderet , comparuit animose , cunctaque dubia solvit prudentissime , ut Archi- 
^»scopus Swaningius ceterique assessores maxime aestimarint juvenem de rebus 
theologicis accurate et nervöse discurrentem. 

30) Ebend.: Cumque nihil omnino reperirent optimi viri reprehensione dignum, 
candorem ejus remuneravit Arcbi-Praesul Magnete Eircheriano , et ardentius postea 
amavit. 



ZUR BEÜRTHEILÜNG DES ARZTES CHRISTIAN FRANZ PAULLINI, 65 

beaufsichtigt worden zu seyn, .da man ihm einmal mittheilte, seine hi- 
storischen Abhandlungen würden von der Inquisition verdammt '^). Ob 
die Jesuiten, von welchen er nichts wissen wollte, wie er sie auch der 
Geschichtschreibung fflr unföhig erklärte ^) , daran schuld waren, bleibt 
dahin gestellt. 

Wahrscheinlich haben seine aufgeklärten Ansichten, sowie seine 
Bedenken und Zweifel in Betreff der Evangelien 55). Misfallen erregt und 
ihm den Verdacht des Unglaubens zugezogen. 

Die Huldigung übrigens, welche er der Forschung und berühmten 
Männern darbrachte, hielt ihn nicht ab, solche auch merkwürdigen Frauen 
zuzuwenden, von deren Seite eine wohlwollende Anerkennung ihm nicht 
entzogen worden zu seyn scheint. 

Als nemlich Anna Maria Schurmann, eine hervorragende Grösse in 
der Kenntniss alter und neuer Sprachen, in der Mathematik, in der 
Dicht- und Kupferstecherkunst 54) , mit ihrem Freunde, dem Theologen 
Labadie, in Hamburg war, wurde er häufig, zur Unterhaltung zuge- 
lassen 55) , Beweis genug, dass es ihm besser gelang ihr Rede zu stehen 
als den doch sonst nicht ungeschickten Jesuiten, welche so von ihr in 
Verlegenheit gesetzt wurden, dass sie meinten : jene besässe eine spiritum 
familiärem. 



31) Quod vero, ut nuncius attulit ex Italia, inquisitio romana dissertatiooes meas 
historicas damnarit, cachinnos meretur, non indignationem (aus einem Briefe von 
ihm aus Eisenach am 23. Juni 1696 an den Fürstabt Florenz von der Velde in 
den Wetzlar^schen Beiträgen, ü. S. 344.). 

32) In nuUa re magis stultescunt Jesuitae quam si historias scribere velint, ad 
quod negotium omnes inepti sunt (ebend.). 

33) M. 8. seine Schrift : Anmuthige Lange Weile. Frankfurt. 1703. XXVII— 
XLn. S. 87—126. S. 127 bemerkt er, dass in den Offenbarungen Petri und Pauls 
»albern Fratzen un^ alt-vettelisch Gewäsch« enthalten sei. 

84) lieber sie spricht Paullini mit der höchsten Bewunderung in seinem Teutschen 
Frauen-Zimmer. Frankfurt 1705. 8. S. 121— 130. 

85) Autob.: alloquiis celeberrimae Schurmannae crebrius osus. 
Phys. Glosse. XVUL I 



j» . K. P. H. MARX, 

§. 7. 

Im gewöhjilicben Leben heissi es : „eage mir, mit wem du umgehst; 
und ich fiage dir, wer du bist*' Diese Schlussfolgerung erleidet hei 
Gelehrten insofern eine Ausnahme, als deren Verkehr weniger dur^ch 
gleichartige Gesinnungen als durch zufallige Arbeiten unterhalten wird. 
Doch, ein« gewisse Schätzung lassen solche Verbindongiea , weim me 
nicht blos momentan Statt finden» immerhin zu. 

TJeberblickt man des m Paullini's Aut)obiographie enthaltene Ver- 
zeichniss der Ceüebritäteoi aus verschiedenen Ländern von allen Facul- 
täten , mit denen er vertraut gewesen , so kann man sich dem Glaubeu 
nicht verschliessen , dass nicht nur eitles BemQhea von ^seiner Seiten 
sondern Anerkennung bestimmter Yorzflge nion der andern dazu mit- 
helfen musste. 

Aus der grossen Zahl von Aer^ten werden solche, wie Ammaon, 
Caspar und Thomas Bartlnilinus , Claus Borrichius, Cameraritts, T3L Con- 
ring^, DolXue, Franck von Fran<:kenau, Garman, Horst, Heinrich Meibom, 
Carl Patin, Peyer, Rhodius, Riedlin, Schellhammer, Tralles, Wedel eleu 
ein gutes Yerhältnite nicht unterhalten haben, wenn sie nicht am Wissen 
oder am Charakter eine gewisse Garantie gehabt hätten. 

Und allerdings gewinnt man eine sehr gute Meinung über ihn', 
wenn man sich die in seinen Schriften befindlichen, einfach edlen 
Grundsätze und freimüthigen Bekenntnisse vergegenwärtigt. 

£r fahrte als Motto : candore ^^ et labore , und ohne Zweifel liess 
er es an Anstrengung nicht fehlen, dasselbe im Leben zu bewähren« 



36) Wie dieser zn Paullini stand, ergiebt sich aus der Stelle eines Briefes von 
jenem an ihn : Ne dubites et conatibus Tuis me etiam atque etiam favere et quoque 
promtissimum esse ad oinnia amidtiae officia exhibenda (Vota et censm*a ezcdlentinm 
Virorum vom in Paullini's Cynographia). 

37) Seine Schrift De candore liber singularis, yariis Antiquitatibus , memorabi« 
libus et curiositatibus illnstratus. Francof. et Lips. 1703. 8. bespricht die weisse 
Farbe. Daran schliessen sich Betrachtungen und Nachweisungen, wem diese BeaKdeh* 
nung zukomme. Derartige Namen, wie Albinus (p. 24); Entstehung der weissen Farbe; 



ZUR BEÜRTHEILÜNG DES ARCTES CHRISTIAN FRANZ PAÜLLINI. 99 

Fieiss^ sagt er, kOnme kein Guter tadeln ^S). Um das Quacken 
^r Frösche kfimmere er sich nicht ^^). Was er für recht erachte, das 
vertrete er, ohne zu wanken und zu weichen. Wie hart der KieseJt«* 
stein sey, das erfahre der, welcher daran sehlage^^. 

Selbstgfiffähl hatte er, allein er überhebt sich nicht. Wenn er auch 
dem Fürstabt Franz von der Velde es vorhält, dass er ihn statt mit 
„Edel und Hochgelarf' mit „Ehrsamb*' anredet ^^), so nennt er sieb 
seihet Menschlem, Bodensatz, Schatten^). 

Auch für seine literarischen Arbeiten zeigt er keine Ueberschfttzuwg^ 
deim er bezeichnet sogar seine angeborne Fähigkeit ak unfruchtbare. 
Er könne aber nicht müssig seyn^^j. 

£r erklärt , dass er nach dem Lorbeer , iiicht nach Gold , gestrebt 
habe. Obgleich ohne Besitz thum, wäre ihm der Mangel fern geblieben ; 
durch Arbeit und edles, redliches Betragen seyen ihm Ehre und Kuhra 
M Theil geworden ♦*). 



weisse Gewänder bei den yerschiedensten Gelegenheiten; Licht; Oreisenhaar; Thfere mit 
weissem Felle etc. Die Rose sei ursprünglich weiss gewesen, allein durch das Blut 
des Adcmis oder der Venus nach Verwundung ihres Fusses wäre sie in roth umge* 
wandelt worden (p. 243). 

38) hdustriam nemo bonus vkuperabit (Vorrede zu der Schrift de Lumbrioo 
terrestri. Francof. 1703. 8). 

39) Ranas coxantes haud formido. Ebend. 

40) P^aebeo me non aliter, quam rupes aliqua in vadoso mari destituta» quam 
fluctus non deisinuiit, undecunque moti sunt verberare, nee ideo aut loco eam movent 
aut per tot aetates crebro incursu suo consumunt. Assilite, fticite impetun, ferendo 
Yos yincam. Duritia silicis nulli magis quam ferientibus nota est. Ebend. 

41) Wetzlar'sche Beiträge. II. 346. 

42) Ego pusillus homuncio, fex et umbra (Vorrede zu seiner Cjnographia). 

43) Cum secundum lemma Academiae nostrae »nunquam otiosusc esse teoear, 
semper aliquid parturio. Et licet e sterili ingenio animalculum omoibus invisum 
aliquando prodeat, satius tamen est^ legibus obsequi, quam nihil egisse (Vorrede 
zu seiner Lyeographia). 

44) Autob.: Laurum, non aurum quaesivit. Interim nihil habenti nihil unquam 
dlBfiiit. Labore et candore gloriam honoremque adeptus est. 

12 



68 K. F. H. MARX, • 

Der sey glflcklich, welcher wenig begehrt und mit seinem Schicksal 
zufrieden ein ruhiges Leben fQhrt, ohne Weiteres zu verlangen ^) ;• aber 
wie ein zusammengeballter Igel mflsse man sich wehren ^. 

Niemals mfissig habe er seine Zeit verbracht ^^. 

Von Jugend auf habe er mit Missgunst zu kämpfen gehabt, aber 
ihm habe einzig am Herzen gelegen guten und gelehrten Männern zu 
gefallen *8). 

Grosse Menschen würden durch die Tugend, nicht durch das Glftck 
gemessen ^^) 

Mehr als einmal sey ihm die Stelle eines Professors und Leibarztes 
angetragen worden , aber mit seinem Schicksal zufrieden , habe er sich 
wohl befunden ^^). 

Wer dem Herrn lebe, dem Erdkreise und sich, der bleibe vom 
gekftnstelten , nebelhaften Treiben fem^^). 

Wie diese seine eigenen Herzensergiessungen , so lauten auch die 
von Fremden. 

Als er z. B. zum Adjunct der Academia Caesareo Leopoldina 
Naturae Curiosorum erwählt worden war , schrieb ihm , unter mannig- 
fachen Lobeserhebungen, der Präsident Lucas Schroeck, dass er uner- 
müdlich , ohne Rücksicht auf das eigene Befinden , sich bemüht habe 
Andern zu nützen und treu, nicht aus Gewinnsucht, sondern aus Liebe 
zur Sache, an ihrem Schiffe die Ruder geschlagen ^^). 

45) Beatus , qui minima capit , snaque sorte contentas tranquillam agit Titaoii 
et nil ultra appetit (Vorrede zu seinen Obs. medico-pbysicae. Lips. 1706. 8). 

46) Eminus et cominus pugnandum est, more echini conglobati (ebend.). 

47) Autob.: nunqoam otiosus rem suam egit. 

48) Ebend.: Aequos et iniquos, fidos et invidos rerum snarom censores ab ipsa 
adolescentia habuit, bonis tarnen doctisqne placuisse sat est. 

49) Ebend.: Magnos homines yirtute metimur, non fortuna. 

50) Ebend.: Hand semel Ei oblatum memini professorium munus et spartam 
archiatri, sed sua sorte contentas, bene yixit. 

51) Ebend.: Qui Deo vizit, Orbi et sibi, ab omni fuco et fomo, qni totom de- 
mentat mundum, alienus. 

52) Ebend.: Tanta sunt tua merita, nt recensere cuncta chartae hujus angostia 



ji 



ZÜB BEURTHEHÜNG DES ARZTES CHBISTIAN FRANZ PÜLLINI. 69 

Faullini äussert am Schiasse seiner Autobiographie, dass Alles 
untergehe, nur nicht Arbeit und Sechtschaffen hei t ^^). 

Aussprüche solcher Art lassen vermuthen, dass der Grund seines 
Gemüthes rein war. 

§. 8- 

Das Richteramt über längst Vei^angenes zu üben ist schweif Liegen 
auch noch so mannigfache, gültige Zeugnisse vor, viele Anhaltspunkte 
fehlen. Haben sich Gewohnheiten, Sitten, Ansichten geändert, Sachen 
einen entgegengesetzten Werth, Worte eine verschiedene Bedeutung 
erlangt , so tritt an die Stelle des Wissens gar leicht blosse Mnthmassung, 
subjective Auffassung, selbst anmassendes Aburtheilen. 

Dazu kömmt, dass hochwichtige einflussreiche Momente der Berück- 
sichtigung sich entziehen. Lage und Stimmung, unter welchen literarische 
Arbeiten ver&sst wurden, bleiben häufig unbekannt oder gelangen nicht 
in Bechnung. 

Pauliini z. B. scheint oft missverstanden, angefeindet, verstimmt 
worden zu seyn; auch war er 6 Jahre lang (von 1706 — 1712) an der 
rechten Seite gelähmt, also von fremder Hülfe abhängig. Was unter 
solchen Umständen in die Oeffentlichkeit gelangte, ermangelte der in- 
neren Freudigkeit und der eigenen strengen Controle. 

Aus den von ihm häufig angefahrten Stellen aus griechischen und 
römischen Geschichtsschreibern, Rednern, Dichtem ergiebt sich, dass er 
in der klassischen Literatur bewandert war. Da diese nun dazu dient 
einen feinen, geschmackvollen Sinn auszubilden , so sollte man erwarten 
letzteren auch bei ihm zu finden, doch das ist nicht der Fall. Bei ihm 
erfährt man zur Genüge, wie Urtheil ohne Kritik über Vielerlei, ohne 
Auswahl sich äussernd, ein ungeniessbares Wirrwarr hervorbringt. 

prohibeat. Placuit Tibi hacteniis contemto omnis laboris onere, aut propriae valetu* 
dinis periculoy multis prodesse, fideliter in Arge nostra promovenda remnm dmdstiy 
non lucri cupidine, sed virtutis amore. 

63) CuDCta rannt, vastae turres labuntnr et nrbes, 
sed labor et candor nesdt in orbe mori. 



10 K. F. H. MARX, 

Die Bidutang der Zeit^ Absonderliches miteuiheileii und recht 
ausführliche Arbeiten zu liefern, übte auf ihn einen überwältigendcoi 
Einfluss. 

Das Auffallende, Ungewöhnliche, Monströse, Pikante zog so allgemein 
an, dass vorzugsweise darnach getrachtet wurde. Die Neugierde hatte 
die Wissbegierde überwuchert. 

Mit aus diesem Grunde prangt fast auf allen seinen Titeln von 
Büchern und Abhandlungen die Ankündigung von raren und curieusea 
Dingen. 

Die damals berühmtesten Gesellschaftsschriften der Academia Na-t 
turae Curiosorum, wovon er eifi:%er Mitarbeiter war, haben das ihrige 
treulich dazu beigetragen« 

Im den meisten seiner Froductionen behauptet sich das Haschen 
Bsdi Befriedigung von wenig Bekanntem, Unerhörtem,, wie eine fixe Idee« 

Um im. Bestreben« Vollständiges zu Stande zu bringen, hinter Aur 
dem nicht zurück zu bleiben, sondern sie, wo möglich, zu übertreffen« 
adbleppt er um aUesi Winkeln Masse zusammen, Brauchbares und 
VnbioniclLb aie». 

Das Gesammelte und Erlebte wird in einem so vollen Schwsdler 
mitgetbeilt, dass man vor der fiberströmenden Fülle, wie Göthe's 2iauber*' 
lehrling, der das bannende Wort nicht kannte, ausruft: 

Immer neue Güsse 
Brmgt er schnell herein. 
Ach! und hundert Flüsse 
Stürzen auf mich ein. 

Zur Erklfirong, selbst zur Entschuldigung, dieses Verfahrens kann 
ifdelleicht Folgendes dienen: 

Bevor FauUxnl die Ausarbeitung einer Monographie unternahm^ 
meldete er seine Absicht seihen Bekannten mit der Bitte um Beiträge. 
Kamen solche, so mussten sie höflicherweise benutzt werden. 

Die Anordnung des Stoffs geschah in einer vorgeschriebenen, gleich- 
lautenden Norm der Academia Naturae Curiosorum, nemlich zuerst das 
philologische , physische , auch anatomisch Bemerkenswertbe , dann Defi« 



ZUR BEÜBTHEILUNG DBB ARZTEB CHRISTIAN FRANZ PAÜLUNI. TI 

oitkm, Bescfareibung; hierauf das historisch Interessante im Gottesdienste» 
im gewöhnlichen Leben, bei Eidesleistungen, Träumen etc. Es folgte 
das Politische in Betreff der Verwaltung, Benennung von Orten, ^ FamiUe«, 
Gesellschaften; das Vorkommen in Spielen, Abbildungen, aufMfinsen, im 
Frieden wie im Kriege, bei LeicfaenbegSngnissen etc. Nach Schilderung 
der öconomischen Benutzung und dem Misbrauche kömmt nun erst reefat 
ausführlich das Chemisch-Medicinische , Eigenschaften, Kräfte, bereitete 
Arzneimittel, innere Krankheiten, äussere Uebel, und den Schluss macht 
der Hausgebrauch. 

Dass die Ausfünung einer solchen Uebersicht ein embarras de 
richesse verursachen musste, ist einleuchtend. 

§.9. 

Gebietet die Billigkeit von einem nicht mehr zu erwarten, als den 
umständen nach möglich ist, so kann Nachsicht dem so eben Getadelten 
durch die Verhältnisse, in denen er sich bewegte, nicht versagt werden. 
Nach Ansicht unserer Periode wäre es weit besser gewesen, wenn er 
keine so dickleibigen Bücher, sondern dünnere mit au%ewandter PrAfiang 
geschrieben hätte, aber in der damal^n scheint man diesen Uebelstand 
nicht empftmden zu haben. 

Was in einer Zeit und an einem Orte hochgehalten wird, steht 
nicht selten zu einer andern und wo anders, in geringer Geltung. So 
giebt es bekanntlich Länder, wo Asant den Namen cibus deorum trägt, 
wogegen in andern den von stercus diabolL 

Und wie wenig der Gehalt zuweilen den Erwartungen entspricht, 
das zeigt die Analyse wie der Destillirapparat der Blüten der Linden 
und Akazien, aus denen, so weithin sie auch duften, kein Tropfen 
ätherischen Oels gewonnen werden kann. 

PauUini hat viel gedichtet ^^) und dieses Talent muss anerkannt 

54) Lanms Poetamm Magistra. Hafoiae. 166T. 4. -^ Pygmaeos Academicus s. 
scSectoram Epigrammatnm tres Genturiae. Hafn. 1671. 4. «— Nordische Palm* 
Sprossen oder allerhand geistliche und weltliche Gedichte. Lfibeck. 1672. 8. 

Das Bach betitelt: Poetische Erstünge, OdcRr Allerhand Geiste und Weliliohe 



72 K. F. H. MARX, 

und gefeiert worden seyn, da die Leopoldina ihm keinen angemesseneren 
Beinamen beizulegen vermochte, als den von Arion. Da dieser, der Sage 
nach, den Dithyrambus erfand, und ins Meer gestürzt, von einem Delphin, 
welcher seinen Tönen gelauscht hatte , auf seinem Rücken ans Ufer ge- 
tragen wurde, so ist nicht zu verwundern, dass er glaubte, als Dichter 
ewig zu leben ^^). 

Aber seine Weisen sind längst verklungen und es würde fär kin- 
disch erachtet werden, daran jetzt noch erinnern zu wollen. 

Alles hat seine Zeit, und vor dem Vergessen werden giebt es nur 
schwache Schutzmittel. Wer kümmert sich noch um die , Jahrzehnte 
später erschienenen, kostbaren, Gedichte von Haller? 

In Prosa Uess FauUini sich's angelegen seyn für angenehme Un- 
terhaltung zu sorgen zum Nutzen und Ergötzen für Jedermann ^^. 

Teutsche Gedichte. Leipzig 1703. 8. stammt, wie die Vorrede ergiebt, aus dem Jahre 
1671, wo er zu Copenbagen sich aufhielt. 

Als Probe der 3 Abtheilungen möge folgendes Gedicht auf die Vergnfigsan&eit 
eines guten Gewissens, wenn auch nicht die hohe Dichtergabe, doch' die gute Ge- 
sinnung des Verfassers andeuten: 

Was soll ich hier und dar nach eitler Ehre lauffen, 

und falsche Menschen -Gunst mit schwerem Gelde kaufifen? 

Wenn mein Gewissen nur nicht einen Makel kriegt, 

So bin ich allgenug an diesem Lohn vergnügt. 

55) Autob.: Omnia dum fiierint, suavis Arion erit 

56) Zeitkürtzende erbauliche Lust, zum vortheilhaften Abbruch yerdriesslicher Lang- 
weil und mehrerem Nachsinnen. Frankfurt 1694. zweiter Theil 1695. dritter Theil 1697. 8. 

Anmutige lange Weile, das ist, allerley rare und curieuse Aufgaben, Fragen und 
Denkwürdigkeiten zu jedermanns Nutzen und Ergetzung. Ebend. 1703. 8. 

Philosophische Lust-Stunden, Oder Allerhand schöne, anmutige, rare, so nütz» 
lieh als erbauliche. Politische, Physicalisohe, Historische, Geist- und Weltliche Gu- 
riositäten, Männiglich zur beliebigen Ergetzung wohlmeinend mitgetheilt. Frankfurt 
xmä Leipzig. 1706. 815 Seiten. 

Besonders beaohtungswerth sind: Von Lutherischen Eajsem S. 17. Ob das in 
der Beschneidung Christi abgenommene Vorhäutlein noch in der Welt sey, oder wo 
es hinkommen ? S. 254. Ob Comes Palatinus befugt sey Doctoren zu creiren S. 294. 
Die durch Fabuln Terunehrten Aposteln S. 324. Von yergifteten Oblaten. B. 468. 



ZUR BEÜRTHEILÜNG DES ARZTES CHRISTIAN FRANZ PAÜLLINI. 7S 

Mehrere dieser Schriften sind sehr belehrend und reichhaltig. 

Man wird überrascht von allgemein interessirenden Fragen und 
historischen Notizen. 

Auch die Medicin geht nicht leer aus, wie z. B. die Auseinander- 
setzung, dass jeder Mensch, wie alle Thiere aus einem Ei geboren wer- 
den ^^; über das Wiederanwachsen abgehauener Nasen ^8); über die 
Heilung der Krankheiten blos durch Kly stiere ^9) etc. 

Wie sehr ihm daran gelegen war erprobte praktische Rathschläge 
zur allgemeinen Kenntniss zu bringen oder richtigere Begriffe als damals 
herschende zu verbreiten, das zeigt seine Bauren-Physic ß^). 

Dass er das Seinige that, um die vaterländische Mundart zu ver- 
bessern , ersieht man daraus , dass die beiden Gesellschaften , welche 
damals sich die Aufgabe gestellt hatten, die Reinheit der deutschen 



Philosophischer Feyerabesd. In sich haltende Allerhand anmuthige, so nütz als 
ergetzliche, auch zu allerlei nachtrücklichen Discursen anlassgebende Realien und 
merkwürdige Begebenheiten, In Leyd und Freud , Zum lustigen und erbaulichen 
Zeitvertreib wohlmeinend mitgetheilt. Frankfurt. 1700. 892 Seiten. 8. 

Nicht ohne Werth sind folgende Artikel: Eine Dome 30 Jahre lang im Auge 
und ein Messer 8 Jahre lang im Gehirn, ohne alle Beschwerde, beherbergt. S. 235. 
Ob ein Apotheker zugleich Doctor Medicinae seyn könne? S. 273. Ein langweilig 
Fieber mit einem Euss im Huy völlig curirt S. 404. Schwere Krankheiten vom blosen 
Lachen glücklich curirt S. 547. Die grösten Krankheiten mit blossem Anrühren 
geschwind curirt S. 561. 

57) Anmuthige Lange Weile. Frankfurt 1703. S. 1—8. 

58) Ebend. : S. 45. 

59) Ebend.: S. 81. 

60) Kleine doch curieuse und vermehrte Bauren-Physic. Von Neuen mit unter- 
schiedlichen Stücken vermehret und verbessert. Frankfurt und Leipzig. 1711. 8. 
So z. B. S. 43. Einen guten Wein aus Rosinen zu machen. S. 49. Wie man Wasser 
zu einem Brunnen suchen soll. S. 75. Von den feurigen Meteoris. S. 82. Vom Donner, 

Einen Aufsatz betitelt: »Curieuse, und abergläubische Bauren-Physica« findet 
sich in seinem Philosophischen Feyerabend. Frankfurt. 1700. S. 860 — 872 mit jEdI- 
genden Schlussworten: 

Ist lernen keine Schand' und nirgendswo verboten, 
80 lern' ich immer, ja auch wohl von Idioten. 
Vhys. Glosse. XVIII. K 



74 K. F. H, MARX, 

Sprache zu verfolgen, der Fegnitzorden und xler Falmenorden , ihn zu 
ihrem Mitgliede ernannten. 

Auch ist seine Sprache, was Anerkennung verdient, für jene Periode 
gewählt, richtiger als die der meisten seiner Zeitgenossen. 

Als Biograph war er gleichfalls thätig. Er lieferte nicht blos 
einen Lebensabriss des im J. 1703 verstorbenen Job. Dan. Dolaeus, 
der Arzt in Kaiserslauten war^^), sondern mehr als 40 Lebensbeschrei- 
bungen, von Erzbischöfen und Bischöfen ö^). 

In einem kaum bekannten, aber lehrreichen Buche ^^) schildert er, 
mit literarischen Nachweisungen versehen, in alphabetischer Ordnung 
die gelehrten deutschen Frauen. 

Von seiner Bekanntschaft mit der älteren Literatur, wie mit der 
seiner Zeit in verschiedenen Gebieten des Dissens, zeugen die überall 
sich findenden reichlichen Noten; auch bei den von ihm angeführten 
interessanten Fällen wird nicht versäumt ähnliche, von Andern beobachtete, 
zu erwähnen. 

Die Menge des Stoffs ist Erstaunen erregend, und konnte die Fülle 
nur durch die umfassendste Leetüre und einen unermüdlichen Fleiss 
zusammen gebracht werden. 

§. 10. 

Beeile Verdienste erwarb sich FauUini um die Geschichtsforschung, 
zumal Deutschland's. Selbst Leibnitz^^) lobt ihn. Auch G. Waitz 



61) Memoria Dolaeana s. dissertatiuncula de vita J. D. Dolaei. Hamb. 1703. 
Ich konnte die Abhandlung nicht erhalten. 

62) Theatrum illustrium Corbejae saxonicjie virorum. Jenae. 1686. 4. l^ach 
Moller (a. a. 0. p. 626) wäre diese Schrift, ohne Wissen und Willen des Paullini, 
von dem Professor C. Sagittarius in Jena herausgegeben wo:gden. 

63) Das Hoch- und Wohlgelahrte Teutsche Frauen-Zimmer Nochmals mit merck- 
lichem Zusatz yorgestellet. Frankfurt und Leipzig. 1705. 8. Abgedruckt aus seinem 
Philosophischen Feyerabend. Frankfurt. 1700. S. 140 — 219. 

64) Accessiones historicae. T. 11. Hannoverae. 1698. 4: Vir in his studiis et 
ipse cum laude versatus. 



ZUR BEÜRTHEILÜNG DES ARZTES CHRISTIAN FRANZ PAÜLLINI. 75 

hebt seine guten Eigenschaften hervor und unterlässt nicht, ihn gegen 
die Anschuldigung eines Fabrikats in Schutz zu nehmen ^^) , woran der, 
welcher Paullini's, bei jeder Gelegenheit dargelegten moralischen Grund- 
sätze kennt, nicht im Mindesten zu zweifeln vermag. 

Ohne nähere Kenntniss von ihm, aus blosser Verlegenheit den 
wahren Autor nicht bezeichnen zu können, einen so verletzenden Ver- 
dacht auszusprechen, wäre für einen Historiker Uebereilung uifd Ver- 
sehen, aber für einen Juristen, dem Studium und Stellung allseitiges 
Prüfen zur Pflicht machen, ist es ein arges Unrecht. Unmöglich hätte 
Wigand, nach einer nur flüchtigen Bekanntschaft mit der Denkungsart 
des von ihm Beschuldigten, so urtheilen können. 

Da die Universitätsbibliothek zu Jena einen bedeutenden Theil des 
Briefwechsels von PauUini enthält, so hat W a i t z denselben benutzt und 
in seiner musterhaften Prüfung mehrere Stellen hervorgehoben, welche 
von der Redlichkeit und Gewissenhaftigkeit des unbesonnen beschuldigten 
Mannes Zeugniss ablegen. So z. B. ^^) : „Diess betheure ich , wie ich 
wissentlich^ nichts verfälschet, sondern all und jedes nach umständlich 
reifer Erwegung ohne Falsch und Argelist treulich mit eingeschoben, 
worauf sich künlich zu verlassen." Ferner ^^j: „Dass ich partes judicis 
etwa vertreten und den Ausschlag geben sollte, wer links oder recht 
hätte, kommet mir als einem historico nicht zu.*' 

Der verletzende Vorwurf wird hoffentlich unbeachtet bleiben ; allein 
dass er geäussert werden konnte, zeigt, wie leichtsinnig zuweilen mit 
dem guten Namen eines Menschen, selbst von denen verfahren wird, 
die berufen sind, ihn zu schützen und zu vertheidigen. 

65) Nachrichten von der K. Gesellsch. der Wissensch. zu Göttingen. 1853. 
S. 91—104. 

Während Waitz und andere tüchtige Forscher den Pastor Falcke für den Fal- 
sarius des Chronicon Corbeiense erklärten, wollte P. Wigand den Panllini dafür 
verantwortlich machen (Wetzlar'sche Beiträge für Geschichte und Rechtsalterthümer. 
Bd. 2. Halle 1845. S. 53). Er nennt ihn einen charakterlosen, eigennützigen 
Gharlatan (ebend. S. 340). 

66) Ebend.: S. 96. 

67) Ebend.: S. 99. 

K2 



76 K. F. H. MARX, 

Blickt man nur in einen kleinen Theil ^^ der historischen Arbeiten 
Paullini's, so muss der unermüdlichen Nachforschung und Gewissen- 
haftigkeit Anerkennung gezollt werden. 

Was er von wichtigen Papieren und Pergamenten vorfand, das 
suchte er nutzbar zu machen. 

Nicht zu übersehen ist , dass er wiederholt ^^) dazu aufforderte : 
merkwürdige üeberbleibsel zum Andenken unserer Vorzeit, beachtungs- 
werthe historische Denkmale, zu sammeln und zu veröffentlichen. 

Seine brave vaterländische Gesinnung giebt er bei jeder Gelegen- 
heit kund. 

. §• 11- 

Die eigentliche Wirksamkeit PauUini's, seine ärztliche, war eine 
umfassende. 

Er sagt von sich, dass er die Medicin mit der Naturlehre und den 
humanen Studien von Anfang an mit Umsicht und Ausdauer verbunden 
habe, dass er seyn, nicht scheinen wollte, gleichviel ob Funken oder 
Stern 70). 



68) 16 yerschiedene Schriften kamen zusammeDgedruckt heraus unter dem Titel: 
Rerum et Antiquitatum Germanicarum Syntagma. Francof. 1698. 4. 

Besondere Beachtung verdienen: Geographia curiosa, s. de pagis antiquae prae- 
sertim Germaniae commentarius. Francof. 1698. 4. und Antiquitates Pagorum et 
Gomitatum Principatus Anhaltini. Ebend. 1699. 4. 

69) Delineatio Imperialis CoUegii Historici, a Sinceris aliquot doctisque Ger- 
manis gloriose et feliciter fundandi, ad cordatos et eruditos. 1687. 4. 

Propositio Imperialis Collegii Historici ddianotoq qua omnes sinceri et eruditi 
Germani, quorum id talentum est, ad cgyascribendas patriae Annales, a primordio 
gentis, inter Gollegas distribuendos, officiose et amice sunt invitati. Jenae. 1688. 4. 

Eurtzer Bericht vom Anfang und bissherigen Fortgang des vorhabenden 
historischen Reichs Collegii, allen Patriotischen Liebhabern der teutsdben. Historie 
herausgegeben. Frankfurt. 1694. 4. 

70) Autobiogr.: Medicinam cum Philosophia, inprimis naturali et humanioribus 
literis eo, quo coeperat, studio prudenter constanterque copulans. Maloit enim esse, 
quam videri aut Stella seu favilla. 



ZUR BEÜRTHEILUNG DES ARZTES CHRISTIAN FRANZ PAULLINI. 77 

Er hatte vom Berufe des Arztes einen hohen Begriff und beklagt, 
dass oft ein solcher, gegen die nothwendige Voraussetzung, ohne Gelehr- 
samkeit 71) , seihst ohne Kenntniss der Anatomie 72j ^ gey. 

So viele grössere seihständige Arheiten er auch herausgegehen, 
hestehen doch die meisten in kürzeren Aufsätzen, als Beiträge zu den 
Miscellanea Naturae Curiosorum, wozu, wie der Geschichtsschreiher dieser 
Gesellschaft erwähnt '^^) , er , unter allen Mitgliedern , durch die bedeu- 
tendste Zahl sich auszeichnete 7^). 

Die gedrängten Angaben haben vor den mit den sonderbarsten 
Nebendingen voUgepropften , hypertrophischen, Monographieen Vorzüge. 

Bei dem damaligen häufigen Gebrauche der Elixire. Bereitungen, 
welche das Wesentliche, ohne das Fflegma, enthalten sollten, hätte man 
von den einsichtigen Aerzten erwarten können, dass sie in ihren Büchern 
auch nur das erwogene Beste darböten ; allein, wie Sitte und Geschmack 
der Zeit Mittel aus Dutzenden von Substanzen bestehend, ellenlange 
Rezepte, verlangten, so in den Druckwerken monströse Froductionen, 
ermüdende Compilationen. 

Da die Mehrheit in dieser Bichtung sich bewegte, theilte auch 
PauUini, bei seiner Vorliebe für auffallende Erscheinungen» aus der 
Pflanzen- und Thierkunde, aus der Anatomie und praktischen Medicin 
am liebsten das mit, wovon er vermuthen durfte, dass es des Sonderbar- 
lichen wegen, am begierigsten gelesen werde. 

71) Er sagt: »Was ist ein Doctor und Magister anders denn Bin Lehrer? warum 
besteigen sie bei ihrer Einweihung den Ober-Catheder? dass sie andere hinwieder 
lehren sollen. Warum legt man ihnen ein offen Buch vor? dass sie immerfort noch 
zu lernen haben. Es fehlt heute nicht an Doctom (oder Doch-thoren) wohl aber 
an gelahrten Männern.» (Vorrede zu seinem Flagellum Salutis). 

72) EinPrahler oder Aufschneider sey kein AnatomCVorredezuseiner Dreckapotheke). 

73) M. B. Valentini (Historia literaria Aoademiae Nat. Cur. Oissae. 1708. 4. 
p. 132): Tot scriptis se celebrem reddidit, ut si numerum illorum spectes, onmibos 
fere palmam aut eripere omnino dubiam videatur reddere. 

74) Diese seine zerstreuten Beiträge gab er gesammelt heraus unter dem Titel: 
Observationes medico-physicae , rarae, selectae et curiosae, quatuor Centurüs com- 
prehensae. Lipsiae. 1706. 8. 



78 E. F. H. MARX, 

§. 12.- 

Nach den vorliegenden Beobachtungen aus der Naturlehre er- 
giebt sich, dass bei ihm und seinen Gewährsmännern Zweifel nicht der 
Wahrheit Anfang war. Viele derselben setzen einen Köhlerglauben 
voraus; die angeblichen Wunder erscheinen einfach als Täuschung oder 
Betrug, und ist es zu beklagen, dass die merkwürdigen Fälle mit den 
unwahrscheinlichen gemischt vorkommen. 

Er berichtet nicht blos von einer Lilie, auf deren Blättern deutlich 
drei Buchstaben zu lesen waren 75), sondern von einer, welche aus einer 
Rose hervor wuchs 7^). Ein Schwamm soll die Gestalt eines Lammes 
gehabt haben 77). 

Was die Schrift über die Multebeeren ^8) enthält, vermag ich nicht 
zu sagen, da ich sie nicht erlangen konnte. 

Ein Mann , der zum Frühstück frische Eier zu geniessen pflegte, 
habe in einem springende Flöhe entdeckt 79). 

Auf den Hügeln eines Schmetterlings habe man die Buchstaben 
A und O beobachtet ö^). 

Eine vollkommen grüne Fliege habe drei Flügel gehabt ö^). 

Das Vorkommen einer weissen Maus verkünde immer Unglück ^). 

Ein Huhn legte ein 4eckiges Ei ^3). 

Von einem zahmen Baben wurden regelmässig durch Krähen die 
Stunden angezeigt ^^). 

75) Miscell. Nat. Cur. Dec. 3. A. 3. 1695. p. 309. 

76) Ebend.: p. 310. 

77) Ebend.: p. 311. 

78) Diss. botanica de Chamaemoro Norwagiae, variis obseryationibus illustrata. 
Hamburgi. 1676. 4. 

79) Miscell. Dec. 3. A 3. 1695. p. 310. t 

80) Ebend.: p. 311. 

81) Duae alae in loco ordinario, tertia supra podicem. Ebend. p. 316. 

82) Ebend.: p. 314. 

83) Ebend.: A. 9. 1701. p. 85. 

84) Ebend.: A. 3. 1695. p. 315. 



ZUR BEÜßTHEILÜNG DES AKZTES CHRISTIAN FRANZ PAÜLUNI. 79 

In einem eigenen Buche wird der Regenwurm abgehandelt ^^) nach 
Namen, Beschreibung und Anwendung. 

Ueber die Kröte ^6) und den -Aal ^7) äussert er sich ausführlich; 
ebenso über den Maulwurfes). 

Dem Hasen ^^) wird viel Ehre angethan. Die Stadt Bäas in La- 
conien wäre durch das Vorkommen eines Hasen gegründet worden ^^}. 

Der Hund in seinen manigfachen Beziehungen füllt einen ganzen 
Quartband 91). 

Für die Eigenschaften dieses Thiers: natürliche Geschicklichkeit, 
Gedächtniss, Klugheit, Treue, Wachsamkeit, Anhänglichkeit und Stärke 
werden Haufen von Beweisen aus aller Herren Ländern beigebracht. 

Die anatomische Beschreibung geschieht ausführlich. 

Der Hund leide an 3 Krankheiten, an der Wuth, dem Podagra 
und der Bräune. Ein grösseres Gift als das der Wuth gäbe es nicht 9^). 

In seinem Buche über den Wolf ^^j unterlässt er nicht auf den 

85) De Lumbrico terrestri Schediasma, variis Memorabilibus, Curiositatibus et 
Obserrationibus illustratum. Francof. et Lips. 1703. 8. In der Vorrede heisst es: 
In vilissimo et sordidissimo lumbrico longe majus artifidum yisendum est, quam in 
maximo elephanto. 

86) Bufo, juxta methodum et leges Acad. N. G. breviter [descriptus, multisque 
Naturae et Artis obseryationibus , aliisque utilibus curiositatibus refertus. Norimb. 
1686. 8. S. 9 wird erzählt, woher der Ausdruck Schulfuchs, vulpecula scholastica. 
Die Kröten seyen um so giftiger , je dunkler die Stellen , wo sie sich aufhielten. 
Sol. (S. 19) venenis adversatur. 

87) Goenarum Helena , seu Anguilla. Francof. et Lips. 1689. 8. Das 4te Ca* 
pitel der Iten Abtneilung handelt de pretio et cultu piscium, inprimis anguillae. 

88) De Talpa. Francof. et Lips. 1689. 12. £inmal wurde einer gefangen, der 
ein röthliches Fell mit weissen Flecken hatte. Eph. Nat.^G. 3. A. 3. 1695. p. 312. 

89) Lagographia curiosa, seu Leporis descriptio. Augustae Vindelicorum. 169L 8. 

90) auspicio leporis p. 115. 

91) Gynographia curiosa, s. Ganis descriptio. Aec. Mantissa complectens Jo. Gaji 
libellum de canibus britannicis et Joh. Henr. Meibomii Epist. de Kvvofpoqm aucta 
a Chr. Fr. Pauliini Academico Gurioso. Norimb. 1685. 4. 

92) Non datur majus venenum, quam caninum (p. 164). 

93) Lycographia, seu de Natura et usu Lupi. Francof. ad M. 1694. 8. 



80 K. F. H. MARX, 

Sprach aufmerksam zu machen, dass man unter Wolfen mit ihnen 
heulen müsse ^^). 

Die Behauptung ^^) : der Wolf nütze weder im Leben noch im Tode, 
sey unrichtig, denn das Herz desselben, verbrannt und zerrieben, helfe 
bei Epilepsie ; das Hirn bei Lähmung ; das Fell bei der Wasserscheu ^^ . 

Den Esel ^7) genau zu schildern, sey Schuldigkeit, denn er habe 
den Heiland nach Jerusalem getragen. Das Anagramm ^^) des Namens 
beweise schon, welche Heilkraft in ihm sich befände. Gegen Schwach- 
heiten und Gebrechen werden unfehlbare Compositionen aus seinen Theilen 
angerathen, wie z. B. gegen Unfruchtbarkeit beider Geschlechter ein 
Julep ^^) aus dem Blute. Die Epizoen des Langohrs werden in ihrer 
schrecklichen Gestalt bildlich dargestellt ^^ö). 

§. 13. 

Die Arzneimittellehre ist Veranlassung, dass die Aerzte den Namen 
Paullini kennen. Sie wissen, dass er eine Dreckapotheke ^^^) geschrieben 
habe. Grund genug, um über ihn zu lachen und mit ihm fertig zu seyn. 



94) ulula cum lupis, com quibus esse cupis (p. 22). 

95) Reperiuntur, quae yiva pariter atque extincta pessima esse comperionturi 
ut lupus (p. 31). 

96) pellis lupi super eum, qui a cane rabioso est demorsus, suspensa, hydro* 
phobiam demulcet. 

97) De Asino über historico-physico-medicus. Franeof. ad M. 1695. 8. Vom 
ist auf 7 Seiten ein überschwengliches Lobgedicht auf den VerSpser zu lesen von 
Esajas Dahlbom. 

98) Statt Asinus J, s^nus. 

99) p. 250. Es helfe auch gegen Bezauberung (p. 270). 

100) pediculi ejus terribiles sunt (p. 84). 

101) Heilsame Dreck- Apotheke, wo nemlich mit Eoth und Drin fast alle, ja auch 
die schwersten gifftigen Krankheiten und bezauberten Schäden, vom Haupte bis zun 
Füssen, innerlich und äusserlich glücklich curirt worden ; durch und durch mit aller* 
band curieusen Historien und andern Denkwürdigkeiten bewährt und erläutert« 
Frankfurt am M. 1696. 8. 



ZUR BEÜRTHEILÜNG DES ARZTES CHRISTUN FRANZ PAÜLLINI. 81 

Die Sache an sich und das ürtheil darüber verdienen jedoch näher 
erörtert zu werden. 

Schon gleich nach Veröffentlichung dieser Schrift erhoben sich da- 
gegen so ungünstige Stimmen, dass der Verfasser sich veranlasst fühlte 
darüber sich zu äussern 102). Er sagt: auf den Ausdruck Dreck statt 
Koth oder Erde, was gleichbedeutend sey, komme nichts an. Der Mensch 
sey Erde und diese unser aller Mutter; aus ihr wachse Alles, und in 
sie kehre Alles wieder zurück. ,,Die Fäule giebt das Leben und fol- 
gentlich der stetige Wechsel eine zeitliche Ewigkeit." „Gott ist und 
bleibt der alte Töpfer, so auf seiner Scheiben aus Koth täglich aller- 
hand dreht und formiret** 

„Womit erhalten wir die annoch so weit völlige Gesundheit, und 
womit bringen wir die verlohrne, nechst Göttlicher Gnade, wieder herbey? 
mit Artzeneyen aus Kräutern, Wurtzeln, Thieren und Mineralien ge- 
macht. Erforsche aber aller derer Ursprung, so hastu Dreck und nichts 
mehr**. 

„Lutum heisse qs. laetum, weil er die Aecker erfreue.** „Wer den 
Koth verachtet, verachtet seinen Ursprung.** Christus habe den Blinden 
dadurch geheilt, dass er Koth auf seine Augen legte. 

Der Grundgedanke dieser Schrift ist also der, dass das anscheinend 
Niedrige keineswegs für gering geachtet werden dürfe, sondern in der 
Reihe des Geschaffenen eine einflussreiche Stelle behaupte. 

Zur weiteren Rechtfertigung des gewählten Themas giebt er an ^^5), 
dass der Ungeborne im Mutterleibe 9 Monate lang eingekerkert liege 
zwischen Koth und Urin ; dass die Cardinäle in Rom den heiligen Vater 
auf einen Dreckstuhl setzten zur Erinnerung an Demuthi04j; (jass der 



102) Der Artikel überschrieben: »Dass Dreck das allererste, älteste, edelste, 
Tomehmste, nützlichste und nothwendigste unter allem in der gantzen Welt sey, 
und ohne solchen nichts werden, leben, wachsen, noch bestehen könne« findet sich 
in seinem Philosophischen Feyerabend. Frankfurt. 1700. S. 462 — 473. 

103) In der 32 Seiten langen Vorrede zur 3ten Auflage. 

104) Er finge denn an zu singen: Suscitat de pulvere egenum et de stercore 
pauperem. 

Phys. Glosse. XVUL L 



82 K. F. fl. MARX, 

heilige Bernhard den Menschen einen Drecksack nenne ^^^ , und dass 
das stolze Paris seinen Namen vom Dreck hahe ^^. 

Dieses sein Buch mit den empfohlenen wohlfeilen Mitteln gegen 
yiele Beschwerden und Leiden , selbst zur Unterstützung der Schönheit, 
könne, wie er im Einzelnen zu beweisen sich bemüht, die theuren aus- 
ländischen ^^^) Substanzen entbehrlich machen , und dürfe es , w^gen 
seiner Niedrigkeit, nicht schel angesehen werden. 

Im Fortschritte feinerer Bildung unterliessen es die Aerzte widrige 
Stoffe zu verordnen; aber, wie solche seit frühen Jahrhunderten im Ge- 
brauche waren, blieben sie noch lange nach dem Tode Paullini's in den 
Pharmakopoen 108^. ja sie werden in den Apotheken vom Volk noch 
immer verlangt. 

Wie wenig empfindlich übrigens selbst die höheren Schichten der 
Gesellschaft gegen derartige Eindrücke sich verhielten, das ersieht man 
aus einem Briefe ^^^) Paullini's an den Fürstabt Florenz von der Velde, 
dem er die genannte neue Schrift mit der Versicherung anzeigte, dass 
sie Mittel enthalte, welche schnell, sicher und angenehm heilen. 

Hat auch vielleicht Pauliini dabei an die Forderung gedacht, welche 
Asclepiades mit den drei Worten an die Aerzte und Arzneien stellt, der Abt 
that es sicherlich nicht und musste sich einfach an das gespendete Lob halten. 

Die Muskatnuss mit ihrem Mantel, der sogenannten Blüte, wird 



105) Medit. G. 3. §. 1 und 2. Si diligenter consideres, quid per es et nares 
ceterosque corporis meatus egrediatur, vilias sterquilinium , saccum stercontm, nim- 
quam vidisti. 

106) Lutetia. 

107) »Wir läppische Teutschen betteln immer von Aussländem.« 

108) So z. B. im Thesaurus medicamentorum curante D. W. Trillero. Franoof. 
ad M. 1764. 4. Stercus caninum album (album graecum), pavonhm stercos, Yaccae 
stercus et urina, bufones exsiccati, ceryi priapus, equi testes etc. 

109) Nuper construxi pharmacopolium ex solo stercore et urina, monstrans, 
qui binis hisce excrementis omnes omnino morbi a vertice ad calcem, etiam desperati 
et a fascinio inducti, dto, tuto etjucunde feliciter curari queant (Wetzlar^sche 
Beiträge. II. S. 344). 



ZUR BEÜRTHEILÜNG DES ARZTES CHRISTIAN FRANZ PÜLLINI. 85 

m einem Buche ^i^) von 87ft Seiten besprochen. Zuerst das Erforder- 
liche in philologischer, historischer, physischer Beziehung, dann dag 
Praktische, der Nutzen in Krankheiten und äusseren Schäden. Zuletzt 
folgen Bemerkungen über die Verwendung zu Kuchen, Ehrenkränzen 
und zur Einbalsamirung. 

Einer ähnlichen Vollständigkeit erfreuen sich Salveykraut ^^^)^ 
Theriak 1^^) und Jalappenwurzel ^^5). 

Aus den mehrfachen, diese Lehre betreffenden, kürzeren, Beiträgen 
mögen nur folgende erwähnt werden: 

Auf eine Drachme Gummigutt, welche ein Pfuscher nehmen liess, 
foJgte der Tod n^). 

Nach dem Gebrauche von Extractum panchymagogum stellte sich 
Priapismus eini^^), 

Campher vermöge die übermässige Geschlechtslust nicht zu massigen ^^^. 

PauUini lieferte die Beschreibung einer Heilquelle ^^^jj allein mir 
gelang es nicht dieselbe einsehen zu können» 

110] Mo(fxoxaQVoyQa(p$aj seu Nncis moschatae curiosa descriptio, amoenis 
ouriosrtatibus eonfirmata. Frwicof. et Lips. 1704. 8. 

111) Sacra herba, s. nobilis Salvia descripta selectisqae remediis et propriis 
observationibus conspersa. August. VindeL 1688. 8. 414 Seiten. 

Sacra, quod steriles mulieres foecundare soleat. Salvia komme a salvando, 
selbst gegen die Hundswuth (p. 89). 

112) De Theriaca coelesti reformata etc. multis varioribus observationibus medico- 
physicis illustrata. 1701. 8. 347 Seiten. 

Es überrascht auch den Misbrauch und Schaden angezeigt zu finden (p. 62 — 67). 

118) De Jalappa liber singularis etc. variis observationibus et memorabilibus 
conspersus. Francof. 1700. 8. 417 Seiten. 

Purgandi vis fluit ex acrimonia et illa ipsa mistura seminali, quam mortalium 
ingenia vix scrutabuntur (p. 23). 

114) Mise. N. C. Dec. 1. A. 8. 1677. p. 139. 

115) Ebend.: Dec. 3. A. 1. 1694. p.240: ut etiam gravidae non pepercerit conjugi. 

116) Ebend.: Dec. 1. A. 6. 1675. p. 343. 

» Dec. 3. A. 7. 1699. App. p. 142. 

117) Scrutihium Pbysico - Medicum fontis medicati S. Helenae prope villam 
Tyswelte in ripa maris in Seelandia Danica. Lubecae. 1668. 4. 

L2 



84 K. F. H. MARX, 

Hausmittel leisteten oft mehr als man glaube; sie dürften nicht 
verachtet werden ^^^). 

§. 14. 

Wegen der grossen Zahl von Beobachtungen zur Anatomie, 
pathologischen Anatomie und Physiologie bedarf es einer 
Auswahl : 

FauUini gab, noch als Student, die Beschreibung eines Riesen, 
welche er an Steno nach Florenz sandte und welche dieser dort drucken 
liess 119). 

Bei einem Hypochonder habe man das Gehirn schwarz gefunden ^^). 

Ungewöhnliche Stärke der Haare i^i). 

Auf der rechten Seite gelbe, auf der linken, zugleich am Barte, 
weisse Haare, die nach einem heftigen Fieber sämmtlich schwarz wurden i^^). 

Eine Nase, die sich während des Sprechens bewegte i^^). In einer 
Nase ein weisses Sternlein i^^). 

Eine Niere in einen Kieselstein umgewandelt!^^). 

Ein monströses männliches Glied i^^). Eines , das durch Kitzeln 
gekrümmt wurde i^^. 



118) Vulgi experimenta non semper deliramenta. M. N. C. Dec. 2. A. 7. 
1688. App. p. 136. 

119) Dissertatio curiosa de Starcutero, famosissimo Gigante boreali, ad Virum 
celeberrimum N. Stenonis, Episcopum postea Titiopolitanum, cujus cura et impeDsis 
prodiit. Florentii. 1677. 4. Mir unzugänglich geblieben. 

120) Mise. Dec. 2. A. 6. 1687. p. 37: totum cranium cum cerebro intus nigram« 

121) Ebend.: App. p. 12. 

122) Ebend.: Dec. 3. A. 3. 1695. p. 315. 

123) Ebend.: p. 312. Quod spectaculum omnibüs movit risum. 

124) Ebend.: p. 84. 

125) Ebend.: Dec. 2. A. 6. 1687. App. p. 48. 

126) M. N. C. Dec. 2. A. 5. 1686. App. p. 51. 

127) Ebend.: Dec. 2« A. 9. 1691. p. 358: ex crebriori titillatione et subse- 
quente seminis ejaculatione. 



ZUR BEÜRTHEILÜNG DES ARZTES CHRISTIAN FRANZ PAÜLLINL 86 

Ungewöhnlich grosse Clitoris ^^^). 

Bei einem Mädchen eine struppige Scheide ^^^). Eine, die wie 
mit einem fleischigen Geldbeutel bedeckt war ^^^). 

Ein seltsam geformter Uterus ^^i). 

Bei einem Manne wurmiger Saamen ^^^. 

Ein Kind mit einem Gänsefusse ^^5), 

Ein wie ein Hund aussehendes Monstrum ^^% 

Eine Kuh ohne Lunge ^^^). 

Ein Kalb, das im Uterus in Fäulniss übergegangen, stückweise 
durch Maul und Scheide ausgestossen -wurde ^^6), 

Bei einem 60jährigen Manne Milch in den Brüsten ^57). 

Bei einem Mädchen die Periode aus der linken Brustwarze ^^sj^ 

Brüste ohne Warzen ^39), 

Pechartiges Blut ^^^). Scharlachrothes ohne Serum ^*i). 

Coitus mit blutigem Schweisse ^^^). 



128) Ebend.: Dec. 2. A. 5. 1686. App. p. 62: extra pudendum adeo inter- 
dum prominentem habuit, ut etiam ausa fuerit aliquando cum puellis libidinosius 
KX&Toqt^iVf easque TQ$g)etv. 

129) Ebend. : p. 53. 

130) Ebend.: p. 12: Vulva marsupio quasi camoso contecta et obvoluta. 

131) Ebend.: p. 68. 

132) Ebend.: p. 6. 

133] Ebend.: Dec. 2. A. 6. 1687. App. p. 70. Der so gebome Knabe starb 
kurz darauf. 



134) Ebend. 

135) Ebend. 

136) Ebend. 

137) Ebend. 

138) Ebend. 

139) Ebend. 

140) Ebend. 

141) Ebend. 



p. 48. 

A. 5. 1686. App. p. 12. 
Dec. 2. A. 7. 1688. p. 155. 
p. 60. 

A. 5. 1686. App. p. 41. 
p. 67. 
p. 39. 
A. 6. 1687. App. 80. 



142) M. Dec. 2. A. 6. 1687. p. 66. Ego constitutionem yalde scorbuticam incoso. 




8& E. F. H. MARX, 

I 

§. 15. 

Da PauUini praktischer Arzt war, so begreift es sich, dass er 
das, was auf Krankheit und Heilung Bezug hatte, vorzugsweise 
cultivirte. 

Die einfache Medicin hielt er fElr die beste ^^). 

Selbst schwere Leiden würden durch die einfachsten Mittel besei- 
tigt, weswegen es auch keineswegs so oft complicirter Verfahrungsweisen 
bedürfe ^^). 

Beschwerden und Uebel, welche der Kunst trotzten, würden durch 
Schläge gehoben. Dieser Gegenstand findet sich ausführlich besprechendes). ' 

„Attila, sagte er^'''^), habe Grottes Peitsche, üagellum Dei, geheissen; 
alle Krankheiten wären solche Peitschen und wunderlich, dass eine 
Peitsche die andere heile." 

Ausser dem Nutzen gegen bedenkliche Leiden wird der gegen Luxa- 
tion der Kinnlade und gegen Schlucksen hervorgehoben ^e^. 

Die umständliche Auseinandersetzung fallt jedoch dem nicht auf, 
der weiss, dass die Flagellation mit trocknen Birkenreisem, das Peitschen 
vermittelst frischer, mit Blättern versehener und in warmen SeifenschauuL 



143) Shnplex mediana optima. Mise. Dec. 2. A. 5. 1686. App. p. 72. 
Eine Reihe merkwürdiger Beobachtungen. 

144) »Ein Thörichter (bemerkt er in der Vorrede zu seinem Flagellum Salatis) 
glaubt das nicht, und ein Narr achtet solches nicht. c 

145) Flagellum Salutis, das ist curieuse Erzählung, wie mit Schlägen allerhand 
schwere, langweilige und fast unheylbare Krankheiten offt, bald und wohl curirt 
worden. Durch und durch mit allerley annehmlichen und lustigen Historien, Selbst- 
eignen Anmerkungen, auch andern feinen Merkwürdigkeiten bewährt und erläutert 
Frankf. am M. 1698. 8. 158 Seiten. 

146) Vorrede zum Flagellum S. 

147) »Wenn durch allzustarkes Jahnen oder unmässiges Xiaehm der innere 
Kinnbacken verrenkt wird, so gieb einem nur. eine diarbe Maultasehe, damit wird 
üwaMbefitmgeiäient seju^ (&4d)K. >iDaasolbQ hilft bei unmässigom Sdünchtzenc (S. 75). 



ZUR BEURTHEILUNG DES AEZTHS CHRISTIAN FRANZ PAÜLLINI. €7 

getauchter Birkenruthen, selbst die Fnstigation, das Klopfen mit Stöcken, 
Bogar mit der Knute, in manchen Läitdern noch zu Heilzwecken dient ^^^). 

Wie Kälte nützen und schaden könne, wird durch Beispiele geze^. 
So die Heilung des heftigsten Fiebers durch Schnee ^*^). Bei Blattern 
brach darnach ein heilsamer Seh weiss aus '^ö). 

Ein kaltes Kly stier verursachte den Tod^^^). 

Kahr wurde durch Obst und Wachs gehoben i^^). 

Menschliches Fett leiste viel zur Zertheilung coagulirten Blutes ^^^j. 

Bei Schwindsucht brachten Schnecken i^*), beim Quartanfieber ein 
Hering ^^^) Wiederherstellung der Gesundheit. 

Molken bewährten sich bei Wassersucht^^. 

Nach einem reichlichen Trunk von kaltem Bier verschwand ein 
Tertianfieber ^ ^7). 

I Durch den Gebrauch des Magneten verloren sich Knoten am An- 
^enlied ^^^). 

Ein Kind starb durch Einblasen von Tabacksdampf in Nase und 
Mund 159). 



148) M. s.: meine Schrift über die bisherige Beurtheilongs- und Anwendnngs- 
veise der ableitenden Methode. Göttingen. 1848. 4. S. 45. 

149) Mise. Dec. 2. A. 6. 1687. App. p. 30. 

150) Ebend.: p. 50. 

151) Ebend.: A. 5. 1686. p. 53: Eapse hora terribiles insultns epileptid 
superveniunt. Tandem mors miserrima. 

152) Ebend.: Dec. 3. A. 1. 1694. p. 241: tria poma borsdorfiana ezeavata 
et cera yirginea impleta. 

153)^bend.: Dec 2. A. 6. 1687. App. p. 47, 

154) Ebend. : App. p. 28. 

155) Ebend.: App. p. 16. 

156) Mise. Dec. 2. A. 5. 1686. App. p. 62. 

157) Ebend.: p. 21. 

158) Ebend.: p. 75. 

159) Ebend.: A. 6. 1687. App. p. 71. 



88 E. F. H. MARX, 

§. 16. 

Beinahe aus allen Krankheitsklassen werden, kürzer oder ausführ- 
licher, Fälle mitgetheilt. Da ihre vollständige Erwähnung einen zu 
grossen Raum erfordern würde, so soll nur auf die interessantesten hin- 
gewiesen werden. 

So von Nervenaffectionen : 

Ueber herumschweifende Melancholie ^^o) bei einem 11jährigen 
Mädchen. 

Aus. Schlaflosigkeit gefährliche Zufälle, selbst Todi^i). 

Durch Bohnenblüten Delirien ^^^). 

Ein Rausch schnell durch Scariflcation gehoben ^^^). 

Verlust des Gedächtnisses nach Schrecken und Kälte ^^*). 

Sprachlosigkeit in Folge von vernachlässigtem Catarrh^^^), an sich 
selbst beobachtet. Ein Gurgelwasser aus gekochten Feigen half. 

Taubheit nach einer Ohrfeige i^^). 

Apoplexie aus verhaltener Menstruation ^^^. 

Lähmung durch Zorn geheilt ^^8). 

Epilepsie statt als Fallsucht als Laufsucht ^^^) bei einem 6jährigeu 
Mädchen. 

Ein 2 Ij ähriges Frauenzimmer durch den Fall in einen Bach jahre- 
lang von Epilepsie befreit ^^oj. 

160) M. Dec. 2. A. 5. 1686. App. p. 52: nesciens quo vaderet, aut ubi fuerit* 



161) Ebend. 

162) Ebend. 

163) Ebend. 

164) Ebend. 



A. 9. 1691. p. 356. 

p. 351. 

p. 355. 

A. 5. 1686. p. 63. 

165) Avavdm ex catarrho Ebend I^c. 1. A. 3. 1672. p. 106. 

166) Ebend.: Dec. 2. A. 5. 1686. p. 59. 

167) Ebend.: p. 71. 

168) Ebend.: p. 23: Accenso enim calore naturali et spiritibos fervidioribos 
ac igneis quasi factis, utique roborati sunt nervi absumtis humoribus crassis impactia 
lentaque pituita liquefacta et a calore praetematurali consumta. 

169) Gurrit per lutum et aquam. Ebend. Dec. 3. A. 3. 1695. p. 313. 

170) Ebend.: Dec. 2. A. 9. 1691. p. 353. 




ZÜB BEÜBTHEILUNa DES ARZTES CHRISTIAN FRANZ PAULLINI. 89 

Von Hautausschlägen ist die Mittheilung besonders wichtig, wo ein 
Knabe von Blattern 5mal ei^iffen wurdS^^ij. 

Von Flüssen sind folgende beachtungswerth: 

. Bei einem Bauern stellte sich, so oft er Musik hörte, Erbrechen ein ^72). 

Nachdem ein junger Mensch 8 Tage lang einen grünen Urin gelas- 
sen, verschwand sein Tertianfieber^^sj^ 

FauUini soll eine Abhandlung über wundersame Schweisse geschrie- 
ben haben ^74), allein ich konnte sie nicht ermitteln. 

Von Cachexieen verdienen hervorgehoben zu werden: Gelbsucht 
nach dem Bisse eines Eichhörnchens ^7^. 

Bei einem Gelähmten nur auf der einen Seite Wassersucht ^76j, 

Bauchwassersucht einzig durch Enthaltsamkeit vom Trinken ge- 
hoben 1 77). 

§. 17. 

Für die gerichtliche Medicin hat sich FauUini dadurch nütz- 
lieh erwiesen, dass er die Gutachten der Leipziger medicinischen Facultät, 
welche Paul Ammann [f 1691] herausgegeben ^^S), in das Lateinische 
übertrug ^7^), wodurch sie den Ausländem zugänglich wurden ^^^j^ 

Er that es für sich , ohne Mitwissen des Herausgebers » weil er 



171) Ebiend.: A. 6. 1687. App. p. 12. 

172) Ebeud.: Dec. 3. A. 3. 1695. p. 313. 

173) Ebend.: Dec. 2. fi. 9. 1691. p. 355. 

174) Diss. curiosa de sudoribus admirandis. Amstelod. 1676. 4* 

175) Mise. Dec. 2. A. 9. 1691. p. 352. 

176) Ebend.: A. 5. 1686. App. p. 61. 

177) Ebend.: p. 35. 

178) Medicina critica; sive decisoria, centuria casnum medicinalium in concilio 
Facolt. Med. Lips. antehac resolutorum. Erfurti. 1670. 4. 

179) Ammanni Medicina critica lingua germanica eyulgata, tarn benevole fuitex- 
cepta, nt C. F. Pauliini dignam eam haberet, quam in latinam transfunderet linguam 
(C. G. Kestner, Bibliotheca medica. p. 628). 

180) Pauli Ammanni Medicina Critica seu Decisoria, ab innumeris Sphalmatis 
Yindicata , N et Exteronim in gratiam Latinatati donata. Stadae. 1677. 4. 

Phys. Glosse. XVIIL M 



9Ö K. F. H; 

-ftberzeugt war, d&ss dieser ein ohne allen Selbstzweck, das allgemeine 
Beste bezweckendes Unteirneliinen nnr billigen würde. Auch ffigte lär 
einen angemessenen Index bei. 



Die lateinische Sprache hatte Paullini, wüb das bei Gelehrten da- 
Xöftls gewChnlidh Wftr, sehr in seiner Gewalt, nnd obgleich er in seiner 
Muttersprache weit besöer als viele seiner berühmten Zeitgenossen sich 
It^^^udrückeil verttand, so haben seine lateinischen Arbeiten Vorzüge 
vor den deutschen. 



Aus den vorstehenden Mittheilungen erhellt, dass Paullini besser 
war als sein Ruf. 

Unbekümmert um sein Leben, seinen Charakter und das viele 
Bi^Uclibdre, das er zu Stande brachte, wird er gar nicht mehr oder nur 
ibit Geringschätzung erwähnt. Wegen des unangemessenen Titels eines 
kleinen Büchleins hat ihn die Conduitenliste rigoroser Censoren uüd 
empfindsarber Ceremonienmeister der guten Gesellschaft für verlu*t% 
erklärt. Und da Nachbeten bequemer ist als Nachdenken, Verspotten 
häufiger als Verehren, hat die Mehrheit zugestimmt. 

Man sollte denken, einer, der in seiner Jugend wegen Freisinnigkeit 
angeklagt, von seinen strengen Richtern liebgewonnen wurde, der bei 
seinen Wanderungen durch einen grossen Theil Europa's, überall freund- 
lich aufgenommen, mit den berühmtesten Männern und Frauen in nähere, 
selbst dauernde Beziehungen kam, den man nach Pisa als Lehrer haben 
wollte, der von Fürsten und Gelehrten Auszeichnungen erhielt, der als 
Mitglied gefeierter Gesellschaften über die verschiedenartigsten Gegen- 
stände der Literatur und Medicin belobte grössere und kleinere Schriften 
veröffentlichte, der als Historiograph und dann in seiner Vaterstadt als 
erster Arzt angestellt, eines hohen Ansehens genoss und treu seine 
Pflichten erfüllte, könnte nicht unbedeutend und unerzogen gewesen seyn. 

Auch trifft , richtig erwogen , der Vorwurf der Geschmacklosigkeit 



ZUR BEÜRTHEILUNG DES ARZTES CHRISTIAN FRANZ PAÜLLINL 91 

in Abfassung seiner Ausarbeitungen nicht ihn, sondern den Ton und 
die Sitten der Periode, in der er lebte. 

Dass die Art seiner Thätigkeit ausser Mode gekommen, ist nicht 
seine Schuld. 

Die Medicin nimmt fast mit jedem Jahrhundert eine andere Gestalt 
an; darum darf aber das Ueberbleibsel eines dagewesenen, wenn auch 
abentheuerlich, nicht für verächtlich gehalten werden. 

Wer billigt und befolgt die Erklärung der Erscheinungen der Krank- 
heiten und deren Behandlung, wie solche blos vor wenigen Decennien 
von den anerkannt grösten Aerzten angegeben wurde? 

PauUini scheint seinen Denksprüchen: candore et labore, sowie 
nunquam otiosus, immerfort treu geblieben zu seyn. 

Da aber, nach dem Standpunkte unserer Bildung, seine deutsche 
Schreibart und Ausdrucksweise keine Billigung mehr findet, und das, 
was er erstrebte, nicht nur erreicht, sondern übertrofien ist, so können 
seine mannigfachen schriftstellerischen Producte fortan in Ruhe verharren. 

Sieht man sich jedoch veranlasst darauf zurück zu kommen, so 
dürfte sein Name nicht anders genannt werden, als der eines denkenden, 
kenntniss vollen , wohlgesinnten Arztes und eines der fleissigsten Männer 
seiner Zeit. 



M2 



V 



Zur Kenntniss des Baues und der Entwicklung von 
Branchipus stagnalis und Apus cancriformis. 



Von 

Prof. Dr.- C. Clam. 



Torgelegt in der Sitiang der Ednigl. Oeaellaehaft der yTissenaehaften am 4ten Jannar 1678. 

Uie Entwicklungsgeschichte Ton Apus und Branchipus, die seit 
Zaddach's^) bekannter Dissertation und seit Leydig's^) Bemerkungen 
Aber Artemia salina und Branchipus stagnalis meines Wissens 
neuerdings nicht wieder zum Gegenstand eingehender Beobachtungen 
gemacht worden ist, schien mir noch manche werthvoUe Aufschlüsse 
über den Bau und die Verwandtschaft der Entomostraken erwarten 
zu lassen und desshalb ein ergiebiges Feld für erneuete Untersuchungen 
abzugeben. In dieser Ueberzeugung habe ich die durch die Güte des 
Herrn Prof. v. Siebold in München und Dr. Brauer in Wien freund- 
lichst dargebotene Gelegenheit, Apus- und Branchipuslarven aus 
eingetrocknetem Schlamme zu erziehen, freudig aufgegriffen und, wie 
die nachfolgenden Erörterungen zeigen werden, nicht ohne zu mehr- 
fachen neuen Ergebnissen gelangt zu sein, die geeignet sind, das Bild 
von der Metamorphose wesentlich abzurunden. 

1. Branchipus stagnalis. Mit Taf. I. bis V. 

lieber die Eierlage sowie über die Beschaffenheit der Eier und 
das Eiausschlüpfen der Larven hat bereits Bön^dict Prevost^) Mit- 

l)Zaddach, De apodis cancriformis Schaeff. anatome et historia evolntionis. 
Dissertatio inaugnralis zootomica. Bonnae 1841. 

2) Er. Leydig, Ueber Artemia salina und Branchipus stagnalis. Zeitsdbr. 
für wissensch. Zoologie Tom. in, 1851. 

3) Jurine, histoire des Monocles. Geneve 1820. Taf. 21, F. 1. 



94 C. CLAUS, 

theilungen gemacht, auf die ich beim Mangel eigner Beobachtungea 
hinzuweisen mich begnügen muss. Auch ^ar e§ jenem Natur^rscheir 
bereits bekannt, dass sich die Eier, wenn sie im Schlamme eingetrocknet 
sind, Monate lang lebens- und entwicklungsföhig erhalten. Er hatte Eier 
6 Monate lang in trockner Erde aufbewahrt und nach der Befeuchtung 
später die Larven ausschlüpfen sehen, auch Herrn Jurine nach Genf 
eingetrocknete Eier zugeschickt, die dieser. Naturforscher zum Ausschlüp- 
fen gebracht hatte. 

Auch die eben ausgeschlüpfte Larve wurde von Pr^vost^) ziemlich 
genau beschrieben und nicht weniger geschickt, wenn auch nicht gerade 
qorrekt in Jurine 's bekanntem Werke und später von Baird^) abge* 
bildet. Ihrem Baue nach wiederholt dieselbe genau den Naupliusty- 
pus und zwar mit der an die Daphnien erinnernden Eigenthümlichkeit 
eiiier enormen Entwicklung des 2ten Gliedmassenpaares, mit dessen Hülfe 
die Larve in kräftigen Ruderbewegungen stossweise umherschwimmt. 
la diesem Sinne konnte Pr^vost das Bild gebrauchen „le chirocephale 
lH>uvellement eclos etc. ressemble en gros ä un petit oiseau blanc, et 
an effet il parait plutot voler que nager.** Die trübgelbe Färbung des 
kleinen Körpers, deren schon andere Beobachter Erwähnung thun, hat 
ihxen Grund in zahllosen glänzenden Körnchen und Kügelchen, welohe 
in dem subcuticularen Gewebe angehäuft, nur den Darmcanal, einige 
Maskelbänder und den Augenfleck durchschimmern lassen, während das 
Nervencentrum und der grösste TheU der Musculatur, auch eine nachher 
zu beschreibende Drüse des 2ten Gliedmassenpaares verdeckt bleiben. 

Dass diese Drüse schon jetst vorhanden ist und nicht etwa erst 
mit der weitern Entwicklung ihre Entstehung nimmt, lässt sich bei der 
allmählig eintretenden Aufhellung der Gewebe direkt nachweisen. Das 
gleiche gilt vom Nervencentrum , an welchem Gehirn , Schlundring und 
untere Gehimportion oder Mandibularganglien schon dem Naupliussta- 
dium zukommen und während der Embryonalentwicklung wahrscheinlich 



w m i n '* 



1) Jurine, histoire des Monocles. Geneve 1820. Taf. 21. F. 1. 

2) British Entomostraca. Taf. 5. Fig. 4* 




Z. KENNTN. D. BAUES U. D. ENTWICKL. V. BBANCH. STAGN. U. APÜS CANC. 95 

durch Zellen -Wucherung vom Hautblatte aus in ähnlicher Weise ent- 
standen sind, wie wir im Laufe der weitem Entwicklung die Bildung der 
Bauchganglien zu verfolgen vermögen. Ebenso möchte ich die Bildung 
des Auges auf das Hautblatt eurfickführen. 

Von den 3 Gliedmassenpaaren (Fig. la) ist das vordere einfach 
und endet wie auch in den spätem Stadien mit 3 Tastborsten. Das 2te 
sehr mächtige Oliedmassenpaar (b) fungirt wie die gleichwerthige An- 
tenne der Cladoceren als Euderarm, ist am Basalgliede des Stammab- 
schnitts mit einen grossen in eine bewegliche Hakenborste auslaufenden 
Kieferfortsatz bewaffnet, trägt auch am Ende des zweiten Stammgliedes 
eine kräftige quer nach innen gerichtete Hakenborste (Hb) und 
endet mit zwei Aesten , von denen der innere kürzere einfach bleibt und 
mit 4 Terminalborsten besetzt ist, während der um vieles grössere viel- 
gliedrige Hautast an seiner Innenseite bei Br. stagnalis 13 bei Br. 
torvicornis 15 oder 16 lange Schwimmborsten trägt. An dem Basalgliede 
des weit kürzeren dritten Gliedmassenpaares oder Mandibularfusses (c) 
erhebt sich bereits der Kieferfortsatz (K) in Form einer rundlichen Auf- 
treibung, von der grossen langgestreckten Oberlippe bedeckt. Auf das 
Basalglied folgen 3 Fussglieder, von denen das erste am Innenrande mit 
einer, das zweite mit zwei Borsten bewaffnet ist, während das Endglied 
3 Borsten trägt. Der hintere Leibesabschnitt erscheint von dem die 
Gliedmassen tragenden Vorderleib einigermassen abgesetzt und besitzt 
anfangs eine kurze kuglige, später eine ovale, längere, am hintern Pole 
wenig ausgebuchtete Gestalt. (Fig. 1). Die Zellen der Hypodermis, von 
denen sich die zarte Cuticula bei Behandlung mit Ueberosmiumsäure als- 
bald abhebt, sind wenigstens vorn am Stirnrand und am Hinterleib auf- 
fallend lange Cylinderzellen und liefern im Verlaufe der weitern Ent- 
wicklung die untere Zellen schiebt, auf welche sich die Neubildung von 
Segmenten , Gliedmassen , Ganglien und der Geschlechtsorgane zurück- 
führen lässt. 

Mit dem weitern Wachsthum der Larvenform vollzieht sich in 
kurzer Zeit eine allmählige Umgestaltung, indem sich zunächst der hin- 
tere Leibesabschnitt kegelförmig streckt und von der Basis aus segmen- 



96 C. CLAUS, 

tirt, anfangs 2 dann 3 und 4 Qaerringe unter der Caticula erscheinen 
lässt. An denselben entstehen sodann durch Wucherung der dem föta- 
len Hautblatte entsprechenden Zellenschicht zuerst zwei und wenn die 
Zahl der Segmentanlagen auf 5 und 6 gestiegen ist, drei und vier 
schwächere Paare von Querwfllsten als erste Anlage von ebensoviel Glied- 
massen. Auch an dem vorausgehenden Abschnitte bildet sich unterhalb 
der Mandibeln ein Segment, das am besten in seitlicher Lage unterhalb 
des freien Abschnittes der grossen Oberlippe erkannt wird und frühzei- 
tig die Anlagen der beiden Maxillenpaare erzeugt. 

Auf der Rückenseite des Vorderkörpers beobachtet man eine 
rundliche Randcontur, durch welche das ganze Integument schildförmig 
umsäumt wird, Dieselbe erhält sich unverändert in den spätem Sta- 
dien und erscheint dann frontalwärts vom Vorderkopf und rechts und 
links von den Seiten überwachsen als eine rundliche (Fig. 5' DP.) mit 
zunehmender Grösse des Thieres mehr und mehr zurücktretende Platte, 
die wir als Nackenschild bezeichnen wollen. 

Bezüglich der innern Organisation erkennt man das zweilappige 
Gehirn nebst Schlundring und minder scharf die untere Gehirnportion. 
In der Basis des zweiten Gliedmassenpaares, das morphologisch der Ruder- 
antenne der Cladoceren entspricht, tritt ein schleifenförmig gebogener 
feinkörniger Drüsen schlauch hervor, die Antennen drüse (AD), dereu 
Ausmündung unterhalb des Kieferhakens nachweisbar ist. Durch die 
Oberlippe hindurch erstrecken sich 2 mächtige Längsmuskeln, zu denen an 
der Basis der Oberlippe noch Quermuskeln hinzukommen, erstere wir-, 
ken nachweisbar als Levatores, letztere als Einschnürer und Herabzieher 
derselben. In der vordem freien Hälfte der Oberlippe liegt eine Gruppe 
von Zellen, welche durch den Besitz grosser Kernblasen ausgezeichnet 
die den Phyllopoden und wohl allen Crustaceen eigenthümlichen Lip- 
pendrüsen darstellen. Regelmässig unterscheidet man eine umfangreiche 
mediane Zelle, die in diesem Stadium schon 2 Kernblasen enthält, also 
wohl im Stadium der Theilung begriffen ist und rechts und links 2 
kleinere Seitenzellen. Der Pigmentkörper des Auges liegt zwischen zwei 
hellen gelblichen Seitenzapfen, deren Zusammenhang mit dem subcuticu- 




Z. KENNTN. D. BAUES ü. D. ENTWICKL. V. BRANCH. STAGN. ü. APÜS CANC. 97 

laren Gewebe direkt nachgewiesen wird. Uebrigens ist das Auge keines- 
wegs das einzige Sinnesorgan. Als solches fungirt vielmehr sowohl die 
vordere Gliedmasse , deren Innenraum mehrere spindelförmige in Nervenfil- 
den auslaufende Ganglienzellen umschliesst , als auch ein paariger zu den 
Seiten des Auges gelegener subcuticularer Stimzapfen, der als Verdickung 
der Hypodermis entstanden, mit zwei strangförmigen Ausläufern des Ge- 
hirns zusammenhängt. Eücksichtlich der Gliedmassen ist vor Allem die 
Ausbildung des Kieferfortsatzes am dritten Beinpaare zu einer feinbe- 
zahnten Mandibel hervorzuheben. Am ausgebuchteten Hinterrande des 
Abdomens erheben sich zu den Seiten der Afteröffnung 2 kleine war- 
zenförmige Vorsprünge, die Anlagen der ersten Furcalborsten. Bei Br. 
torvkomis treten dieselben früher auf als bei Br. stagnalis, sodass Lar- 
ven der erstem Art bereits 2 längere Furcaldomen besitzen zu einer 
Zeit, in welcher die Furcalerhebungen der letztern kaum sichtbar sind. 

Von den wulstförmigen Extremitätenanlagen erweisen sich die bei- 
den vordem Paare in Grösse und Entwicklung weit vorgeschrittener als 
die nachfolgenden. Wie sie zuerst als Wülste erkennbar sind, treten sie 
frei an der Bauchseite vor, wenn die folgenden noch unter der zarten 
Cuticula bedeckt liegen (Fig. 3), ein Umstand, der möglicherweise auf 
den Eintritt einer Häutung hinweist, mit welcher das 3te bis 5te Paar 
die Bedeutung freier Extremitätenstummel gewinnen. In diesem Falle 
würden wir vor der Häutung das erste Cyclopsstadium , nach derselben 
die Cyclops- Daphniden- und Cirripedienform der Segment- und Glied- 
massenzahl nach wiederholt finden. 

Die Vorgänge der Neubildungen, sowohl der Segmente und Glied- 
massen als der innern Organe, lassen sich schon an den jungem Formen 
dieses Entwicklungsstadiums, falls dieselben durch grössere Durchsich- 
tigkeit der Beobachtung günstig sind , verfolgen. Schon an Formen, an 
denen ausser den Maxillarwülsten nur die vordem Paare von Fusshöckem 
äusserlich hervortreten, kann man die Bildungsweise der Segmente und 
Gliedmassen unter der Haut des Abdomens beobachten. Man überzeugt 
sich, dass es sich zunächst um die Anlage eines seitlichen und ventra- 
len unter der Hypodermis gelagerten Blastems handelt, welches mit 
Fhys. Glosse. XVIU. N 



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98 C. CLAUS, 

der Streckung und Grössenzunahme des Hinterleibes sich continuirlich 
weiter nach hinten verlängernd eine von vorn nach hinten fortschreitende 
Gliederung und Differenzirung erfahrt. Dieses Blastem ist eine Zellen- 
wucherung an der Innenseite der Hypodermis und entspricht nach Lage 
und Bedeutung offenbar dem Keimstreifen des Arthropodenembryos. 
Freilich müssen die Bildungsvofgänge , welche sich an die Entstehung 
dieses Keimstreifens knüpfen, im Zusammenhang mit dem freien auf 
selbstständige Ernährung und Bewegung hingewiesenen Larvenlebens von 
denen des Embryonallebens in wesentlichen Punkten abweichen, wie wir 
solches bereits auch in dem Kreise der Wirbelthiere bei Amphioanis ^) er- 
fahren haben« In beiden Fällen sind die grossen Differenzen der Ent- 
wicklung von dem frühzeitigen Bedürfniss der selbstständigen Ernäh- 
rung abzuleiten. Gehen wir von der einschichtigen Keimblase als der 
verbreitetsten Form der primitiven Embryonalanlage aus, so sehen wir an 
dieser (sei es durch Einstülpung , Faltenbildung oder Abhebung entstan- 
den) ein 2tes Blatt oder Darmdrüsenblatt zur Zellbegrenzung der Ver- 
dauungshöhle hinzugetreten und vor Auftreten des Primitivstreifens funk- 
tionsfähig. Dieser entsteht in beiden Fällen von der obern Zellenschicht 
der Keimblase aus in Verbindung mit einem zur Sonderung gelangen- 
den Mittelblatte, welches bei den Insekten erst durch Abhebung einer 
untern dem Dotter aufliegenden Zellschicht das Darmdrüsenblatt hervor- 
gehnlässt (Kowalevski). An unsem Larven vollzieht sich die Sonderung 
der das Gangliensystem erzeugenden MeduUarplatte direkt an dem me- 
dianen Theil der vom Aussenblatt — nicht durch Faltenbildung 5), son- 



1) Kowalevski. Entwicklangsgeschichte des Amphioxus lanceolatus. Me- 
moires de racademie imperiale des sciences de St. Petersbourg. VII. serie 1867. 

2) Derselbe. Embryologische Studien an Würmern und Insekten. Ebend. 1871. 

3) Mir scheint die Entstehung neuer Zellenschichten oder Keimblätter auf dem 
Wege der Faltenbildung (ümwachsung und Einwachsung) und Abhebung durch Spal- 
tung nicht so fundamental verschieden , dass man nicht beide in Verbindung bringen 
könnte als abhängig von einer Verschiedenheit des Wachsthums und der Zelltheilung. 
Diese ist möglicherweise im erstem Falle mehr lokalisirt und auf Einsehiebung und 
Zwischenlagerung der neugebildeten Elemente beschränkt , im letztern auf die ganze 




i^--.. 



Z. KENNTN. D. BAUES U. D. ENTWICKL. V. BRANCH. STAGN. ü. APÜS CANC. 99 

dem Abhebung einer Zellschicht — gesonderten Mittelblatt; bei den In- 
sekten [Hydrophilus) ist die Entstehung der Medullarplatte erst nach 
Bildung des untern Blattes an eine neue mediane Differenzirung des 
äussern Blattes geknüpft. 

Wenn die Zahl der Segmente auf 5 gestiegen ist so ist der Hin- 
terkörper beinahe doppelt so lang als der vordere den Kopf reprä- 
sentirende Leibesabschnitt, und die Anlagen der Kiefer wie der bei- 
den ersten Beinpaare treten deutlich hervor* Man sieht dann das 
sechste Segment in Form eines ziemlich breiten Querbandes angelegt, 
an welchem unterhalb der zarten Hypodermis zwei Reihen grosser rund- 
licher Zellen liegen. Diese gehören aber als unteres Blatt dem Keim- 
streifen an, der allmählig von vorn nach hinten weiterwachsend an der 
Seite des Körpers auf dem natürlichen Querschnitt in Form ansehnlicher 
nach den Segmenten geordneter Verdickungen des Hautblattes erkannt 
wird. In diesen Zellen, welche sich auch über den hintern noch nicht 
segmentirten Theil des Abdomens ausbreiten und rechts und links eine 
Strecke weit auf die Bückenseite ausdehnen, liegt das Material ßlr die 
Bildung der Extremitäten, ihrer Mtiskulatur und Nerven, der Ganglien, der 
Bauch- und Rückenmuskulatur, sowie des Herzens. Sie begrenzen nach 
innen die Leibeshöhle, in der sich bereits Blutkörper langsam fortbe- 
wegen. Am Darmkanal hebt sich die Sonderung des Rectums mit der 
Klärung der Gewebe schärfer hervor , indem der Endabschnitt (ED) an 
der Körper wand durch vier Paare von Quermuskelgruppen fixirt, durch 
die Stärke des Ringmuskelbelages und der mittelst dieser Muskeln aus- 
geführten Contraktionen abweicht. Derselben entgegengesetzt wirken die 
queren Muskelbündel als Erweiterer des Darmlumens und der Afterspalte. 

Der Entstehung nach sind es einfache, quer zwischen Darm- und 
Körperwand ausgespannte Spindelzellen , die an beiden Enden in meh- 
rere Ausläufer sich spalten. Uebrigens sind diese jüngsten Stadien 
wegen des Körnchenreichthums der Gewebe noch wenig geeignet, um 



Fläche ausgedehnt und eine Quertbeilung ohne Einschiebung neuer Elemente in die 
Continuität der primären Zellenlage. 

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die wahren die Segmente des Keirastreifena betreffenden Bildungsvoi^änge 
verfolgen zu lassen. Dagegen sind hierzu etwas weiter vorgeschrittene Lar- 
ven tauglich , an deren Körper wenigstens die drei vordem Segmente des 
Abdomens als wulstförmige Erhebungen vorspringen und bereits das 7te 
und 8te Segment als Querreiben von Zellen am Keimstreifen hervortreten. 
Während hier die Anlage des Sten Segmentes wiederum aus zwei Bei- 
hen grosser Zellen besteht, welche unterhalb des Hautblattes liegen, sind 
die Zellen des zweiten Blattes der vorausgehenden Segmente kleiner und 
zahlreicher und wachsen bereits in der Medianlinie rechts und links aus 
einander. Das ist nachweisbar der Vorgang, durch welchen aus dem 
Segment des Keimstreifens die zwei medianwärts getrennten Keim- 
wülste hervorgehn. 

In diesem Stadium, dessen Abdomen {Br. torvicomis) auf Fig. 3 
in halbschräger Lage von der Rückseite aus dargestellt worden ist, be- 
obachten wir oberhalb des Darmes bereits die Anlage des Herzens (c.) 
Dasselbe erstreckt sich als zartes Rohr durch die drei vordem Segmente 
des Leibes, um im Kiefersegmente mit erweiterter Mundung zu enden. 
Noch unvollständig erscheint die Anlage der 4ten und 5ten Kammer, von de- 
nen die letztere mit dem Rückentheil des Keimstreifens durch eine Quer- 
brücke verbunden ist. An diesen noch unvollständig gebildeten Abtheilun- 
gen des Herzens nimmt man nur die Seitenstücke als verdickte aus 
Zellen gebildete Stränge wahr und Überzeugt sich durch das Verhalten 
des nachfolgenden Segmentes, dass die beiden seitlichen Hälften der 
Kammeranlage nichts sind als die dorsalen ßandwülste des Keimstrei- 
fens, welche continuirlich am zweiten Blatte zur Abgliederung gelangen. 
Die an dieselben angrenzende Partie der Keimstreifensegmente aber dif- 
ferenzirt sich in die Längsmuskulatur des RQckens und erscheint nach 
der Ablösung der Kammerabschnitte des Herzens in scharfer Linie ab- 
gegrenzt. Freilich scheint es auf den ersten Blick schwer zu begreifen, 
wie aus zwei seitlichen je etwa aus vier Zellen gebildeten Strängen eine 
Röhre wird , indessen geben etwas ältere Larven wie wir sehen werden 
Über diesen Process ausreichende und sichere Auskunft. Pulsationen 
beobachtet man am Herzen noch nicht, wohl aber treten bereits Blut- 



Z. KENNTN. D. BAUES ü. D. ENTWICKL. V. BRANCH. STAGN. ü. APÜS CANC. 101 

körperchen, die jetzt schon am Bauche und an den Seiten abwärts und 
oberhalb des Darms aufwärts steigen, durch das Lumen der vordem 
Herzröhre hindurch. An der Bauchseite haben sich an den vordem 
Keimwülsten bereits die Anlagen von Extremitätenhöckem gesondert, von 
denen die zwei bis drei vordem eine Spaltung in je zwei Querabschnitte 
erkennen lassen, Vor denselben erheben sich unterhalb der Mandibeln 
an dem Kiefersegmente die Anlagen der grossen Maxillen des ersten 
Paares und der kleinen Kieferstummel des zweiten Paares. Aber auch 
die Ganglien der Bauchkette sind an den erwähnten Segmenten sicht- 
bar und zwar nicht nur für die zwei bis drei vordem Beine, sondern 
auch jedes Maxillarsegment besitzt sein besonderes wenn auch kleines 
Ganglienpaar. Die beiden Maooillarganglienpaare (Fig. 5'" Mg\ Mg") erhal- 
ten sich auch in den spätem Larvenstadien selbstständig , und verschmelzen 
nicht etwa mit den Ganglien des Mandibelsegmentes zu einer gemein- 
samen untern Schlundganglienmasse, wie man dies a priori erwarten 
sollte. Um zu erkennen, wie und aus welchen Theilen der Keimwül- 
ste die Ganglien ihren Ursprung nehmen, sind wiederum etwas vorge- 
schrittenere Larven geeigneter, doch überzeugt man sich schon jetzt 
für die Ganglien der vordem Segmente, dass es die mediane und in- 
nere Zellenmasse der Keimwülste ist , welche gewissermassen als Me- 
dullarplatte das Ganglion liefert, während die angrenzende Schicht ein 
Segment der Längsmuskulatur des Bauches, die übrigbleibende nach 
aussen vorspringende Zellenmasse dagegen die Extremität und deren 
Muskulatur erzeugt. Ich habe diese Bildungsvorgänge sowohl an den 
Larven von Br. torvicomis als an denen von Br. stagnalis verfolgt. An 
den letztem Larven (Fig. 4 und Fig 4') treten auch schon das 6te und 
7te Segment in sanften Wölbungen hervor, während sich die Terminal- 
borste der entstehenden Furca noch auf eine warzenförmige Erhebung 
beschränkt. Auch hier ist die Seitenwand der 6ten Kammer im Be- 
griffe sich vom dorsalen Eand des Keimwulstsegmentes loszulösen, an 
der Bauchseite aber schon die Anlage eines 4ten Ganglienpaares be- 
merkbar. 

Am Darmkanal tritt nicht nur die Sonderung des gestreckter er- 



102 C. CLAUS, 

scheinenden Enddarms mit seinem kräftigen Muskelbelag schärfer her- 
vor, sondern man bemerkt auch am vordem Abschnitt zwei seitliche 
jetzt noch ziemlich flache Auftreibungen als erste Anlage der sogenann- 
ten Leberschläuche. Dieselben sind durch Fäden am Integument der 
Stirn dorsalwärts befestigt und durch aufliegende Muskeln der Wandung 
zu Contraktionen befähigt. 

Aeltere Larven von circa % bis 1 Mm. Länge (Fig. 5) sind nach 
Abstreifung der Haut in ein neues Stadium der Entwicklung eingetre- 
ten. Die beiden vordem Beinpaare erscheinen jetzt bereits vierlappig 
(Fig. 5'" p^ und p^) , jedoch noch ohne äusseren Borstenbesatz. An dem 
Keimstreifen ist das lOte, beziehungsweise Ute Segment als Doppelreihe 
von Zellen zur Sonderung gelangt. Herz und Bauchganglienkette (Fig. 5) 
haben sich ebenfalls über ein Segment weiter nach hinten fortgebildet; 
an ersterem schnürt sich die Anlage zur 7ten Kammer vom Eückentheil 
des Keimstreifens ab (Fig. 5, c^). Pulsationen des Herzens beobachtet man 
noch nicht. Als Anlage des paarigen Auges (Fig. 5" o^) erhebt sich an den 
Seiten des Kopfes ein ansehnlicher Zellenwulst, dessen untere Spitze mit 
einem seitlichen Nebengaijglion des Gehirns direkt verschmolzen ist. An 
der Verbindungsstelle entsteht eine Anhäufung von Figmentmolekülen, 
welche sich mit dem fortschreitenden Wachsthum der Larve vergrössert. 

An Larven von etwas über 1 Mm. Länge (Fig. 6 u. 6^) beobachtet 
man bereits einige Krystallkegel in dem kegelförmigen Pigmentkörper 
des paarigen Auges. Auch ein 5tes Beinpaar hebt sich als zweilappi- 
ger Zapfen ab. Dann folgen zwei bis drei (6tes bis 8tes Segment) seit- 
lich vorgewölbte Segmente, das 9te und lOte Segment sind bereits durch 
Querconturen abgegrenzt, und zu dem Uten und 12ten erscheinen die 
Anlagen als quere Zellreihen von dem bis in Furcalgegend reichenden 
Primitivstreifen abgehoben (Fig. 6' s^^). 

Zugleich erscheint die Difierenzirang der vordem Beinpaare vorge- 
schritten; nicht nur dass sich die Zahl der kurzen mittlem Lappen ver- 
mehrt hat und der Band wenigstens des ersten Beinpaares von kurzen 
Borsten umsäumt wird, auch an der Bückenseite sind Rudimente des 
Kiemen säckchens und der basalen Fächerplatte hervorgewachsen. Somit 




Z. KENNTN. D. BAUES ü. D. ENTWICKL. V. BRANCH. STAGN. ü. APÜS CANC. 103 

werden schon sämmtliche Hauptabschnitte des spätem Branchipusbeines un- 
terschieden , während das dritte und vierte Beinpaar noch vierlappig sind. 
Die Ganglien der Bauchkette kann man deutlich bis zum 5ten Bein- 
paare verfolgen ; das nunmehr lebhaft pulsirende Herz besteht aus 7 bis 8 
Kammern , zu denen noch in continuirlicher Abstufung der Ausbildung 
die Anlagen der 9ten und lOten Kammer hinzukommen. Bereits frü- 
her wurde hervorgehoben, dass die Kammern des Herzens aus den dor- 
salen Endstücken des Primitivstreifens und somit aus paarigen ursprüng- 
lich getrennten Elementen ihren Ursprung nehmen, Die Art und Weise 
dieser Entstehung, die a priori gerade nicht als die einfachste erscheint, 
der sich sogar mancherlei Bedenken entgegenhalten lassen, wird aber an Lar- 
ven unserer Entwicklungsstufe durch Vergleichung der letzten unvollständi- 
gen Kammer mit den nachfolgenden Kammeranlagen über allen Zweifel 
klar. Im Uten Segmente auf den verdickten Dorsalrand des Primitivstrei- 
fens reducirt, hat sich die Kammeranlage (Fig. 6" c^^) des lOten Segmentes 
als ein aus 4 bis 5 Zellen gebildeter Streifen bereits abgehoben, während die 
des 9ten (c^) medianwärts merklich genähert erscheint. Im 8ten Segmente 
sind die entsprechenden Stücke in der Mittellinie fast zusammengerückt, 
während an ihren Seiten der Zusammenhang mit dem Integument ihrer 
Ursprungsstelle und der aus den zunächstliegenden Segmenten des Keim- 
streifens gebildeten ßückenmuskulatur durch zarte Stränge zum Theil 
muskulöser Natur erhalten bleibt. An ihrem hintern Rande weit ab- 
stehend begrenzen sie die Seiten eines engen Rohres, welches hinten 
weit geöffnet, vom direkt in das hinter Ostium der vorausgehenden Kam- 
mer einführt. Zu den Seiten dieses letztern ist freilich die Verschmel- 
zung beider Kammern eine unvollständige, indem die beiden arteriellen 
Ostien der rechten und linken Seite als Spalten zurückgeblieben sind. 
Während die 7te Kammer noch sehr eng erscheint, ist die vorausge- 
hende mehrfach erweitert und wie die der vordem Segmente durch zwei 
seitliche in das Lumen vorspringende Zellreihen ausgezeichnet, welche 
auf die Entstehungsweise aus paarigen Abschnitten zurückweisen. Nach 
den mitgetheilten Beobachtungen dürfte sich mit Sicherheit ergeben, dass 
die paarigen Zellstreifen allmählig von rechts und links nach der Mit- 



104 C. CLAUS, 

tellinie zusammenrücken und hier zu einem engen Rohre verschmelzen, 
sei es nun, dass sie einen anfangs soliden oder gleich von vornherein 
einen von engem Hohlräume durchsetzten Strang darstellen. AUmählig 
erweitert sich dann mit eintretender Thätigkeit der Wandung das Lumen 
der so gebildeten Kammer. Auch die oben bereits beschriebene Son- 
derung der Keimstreifensegmente als zwei Zellenreihen lässt sich gerade 
in dem vorliegenden Stadium am schönsten und deutlichsten verfolgen 
(Fig. 61 Sil und Si^). 

Dem Eintritt in das nachfolgende Stadium (Fig. 7) geht eine Häu- 
tung voraus, mit der sich die Larve etwa um 0,2 Mm. verlängert. Nun- 
mehr tritt der Borstenbesatz auch am 2 ten Beinpaare äusserlich frei her- 
vor , auch das 5te Beinpaar zeigt bereits eine Quergliederung in mehrere 
Lappen, und hinter den freien und abgeschnürten Keim wüls ten der drei 
nachfolgenden Segmente unterscheidet man acht bis neun Segmentanla- 
gen, von denen die drei vordem schon schwach vorspringende Keim- 
wülste bilden. Bis zu diesen lässt sich nunmehr die DifFerenzirung der 
Bauchganglienkette verfolgen. Das Herz reicht bis in das 9te Segment 
hinein, dessen Kammer noch sehr eng ist und sich hinten mit weitem 
Ostium öffnet. Die Breite des Stirntheils und Grösse des Seitenauges 
ist bedeutender geworden, die Furcalausbuchtung endet auch bei Br. 
stagnalis jederseits mit zwei Borsten. 

Es würde zu weit führen und zu wenig Interesse bieten, wollte 
ich in der bisherigen Weise die zahlreichen ganz continuirlich in der 
Richtung von vorn nach hinten sich differenzirenden Larvenstufen ein- 
zeln vorführen; es wird genügen nur bei denjenigen Stadien länger zu 
verweilen, an welchen sich eine auffallendere Umgestaltung vollzieht. 
Larven von 1,5 Mm. Länge haben neun freie Segmente und sechs Glied- 
massen, solche von 1,6 bis 1,7 Mm. zehn freie Segmente und sieben Glied- 
massen, von denen die vier vordem an Grösse bedeutend hervortreten und 
alle Theile des ausgebildeten Phyllopodenfusses besitzen. Das 4te und 
5te Beinpaar entbehren noch des Borstenbesatzes, das 7te zeigt begin- 
nende Quergliederung , ein 8tes beziehungsweise 9tes Beinpaar ist in der 
Entstehung begriffen. Das Ute Körpersegment erscheint noch mit dem 




Z. KENNTN. D. BAUES ü. D. ENTWICKL. V. BRANCH. STAGN. U. APÜS CANC. 105 

gemeinsamen Hinterleibsstück verbunden, in welchem wohl schon die 
sämmtlichen nachfolgenden Segmente als kurze quere Zellenreihen des 
Bauchstreifens nachweisbar sind. Die Ganglien lassen sich wenig- 
stens bis zum 8ten, die Herzkammer bis in das 14te Segment ver- 
folgen. Der Furcalabschnitt ist noch verhältnissmässig kurz, ausser den 
Innern grössern und äussern kleinern Terminalborsten findet sich jeder- 
seits eine kurze Borste beziehungsweise noch die Anlage einer 2ten (Fig. 8). 
Von den Gliedmassen des Kopfes besitzen die Tastantennen etwa acht 
bis zehn feine mit Knöpfchen endigende Riechborsten, die jedoch in 
geringerer Anzahl auch schon Jüngern Larven zugehören. Die Ruder- 
antennen erscheinen der Grösse nach im Vergleich zu den jüngeren Lar- 
venstadien reducirt, da sie nicht in gleichem Verhältniss mitwachsen, be- 
züglich des Baues sind sie jedoch noch ebenso unverändert wie der Taster 
der Mandibeln und die beiden nachher noch näher zu beschreibenden Maxil- 
lenpaare. Dagegen bereitet sich an dem verbreiterten und oberhalb des 
kreisförmig umschriebenen Rückenschildes hervorgewachsenen Stirntheil 
eine Veränderung vor, die Abschnürung nämlich des medianen Ab- 
schnitts, welcher das unpaare Auge und die frontalen beinahe linsen- 
ähnlich nach innen vorspringenden Sinnesorgane enthält, von den die 
paarigen Augen umfassenden Seitentheilen. Diese gestalten sich in den 
nachfolgenden Entwicklungsstadien zu den beweglichen Stilaugen und 
enthalten jetzt schon die Anlage eines quer ausgespannten als Herab- 
zieher wirkenden Muskels. 

Larven von 1,8 bis 1,9 Mm. Länge (Fig. 9) besitzen 8 Beinpaare, 
die 6 vorderen wohl entwickelt, mit sämmtlichen Theilen des Phyllopoden- 
fusses und mit borstenbesetzten Rändern der Lappen. Das 7te Bein- 
paar ist dagegen erst vierlappig und das 8te nur zweilappig. Die An- 
lagen des 9ten und lOten Paares stellen ganz einfache Wülste vor. 
Auch sind bereits an sämmtlichen Körperringen bis zum 18ten Segmente 
die seitlichen Tastborsten entwickelt und zwar bei Br. torvicornis weit 
stärker als bei der andern Art. Am Aussenrande der Furcalglieder er- 
heben sich drei, am Innenrande ein bis zwei Seitenborsten. 

Im nachfolgenden Stadium hat der LarvenkOrper eine Länge von 
Fhys. Glosse. XVIII. Q 



106 C. CLAUS, 

2 Mm. erreicht (Fig. 10). Jetzt sind neun Fusspaare vorhanden, zu de- 
nen noch die Anlagen des lOten und Uten Fusses hinzukommen. Das 
8te Fusspaar ist von sehr kurzen Borsten umsäumt und das 9te noch 
vierlappig. An dem merklich verlängerten Hinterleibe treten sämmt- 
liehe Segmente (12 bis 19) als kurze Querringe hervor, die hintern frei- 
lich unter einander nur undeutlich gesondert und auch vom Praefurcal- 
segment nicht scharf abgehoben. Dagegen zeigen die beiden vordem, 
die spätem Genitalsegmente, in ähnlicher Weise wie die vorausgehenden 
Ringe auf frühern Entwicklungsstufen Keimwülste, welche oflfenbar 
Fussanlagen gleichwerthig, wie diese medianwärts an der Innenseite Gran- 
glienpaare zur Anlage bringen. Die Larve hat sich merklich gestreckt 
und von dem vorausgelagerten Praefurcalabschnitt , welcher die Quer- 
muskelzüge zur Befestigung desRectums umschliesst, schärfer abgesetzt. 
AmVorderleib bereiten sich jetzt schon Veränderungen vor, welche auf 
eine baldige Metamorphose der Larve hinweisen. Insbesondere beginnt 
die Umgestaltung des 2ten Antennenpaares, dessen Borsten durch Ver- 
schrumpfung ihres M^tricalgewebes auf ihre CuticularhüUe reducirt wer- 
den. Auch beginnt die Rückbildung der schleifenförmigen Antennen- 
drüse, während dagegen die Schleifendrüse des Maxillarsegments eine 
mächtigere Ausdehnung und grössere Weite ihrer Gänge gewinnt. Das 
Herz erstreckt sich bis in das 18te Segment, doch sind seine hintern 
Kammern weder vollkommen ausgebildet noch zu Pulsationen befähigt. 
Auch die Anlagen der Geschlechtsorgane (gt.) erscheinen als zwei seit- 
liche der Hypodermis dicht anliegende Zellstränge in den vier vordem 
Segmenten des Abdomens. 

Wenn die Larve eine Länge von etwa 2,2 Mm. erreicht hat, so ist 
das lOte Fusspaar noch vierlappig und das Ute ein zweilappiger Stum- 
mel (Fig. 11). Sämmtliche Herzkammern sind jetzt vorhanden , die bei- 
den hintern freilich noch unvollendet und nicht in Thätigkeit. Das Ab- 
domen ist verhältnissmässig gedrungen, seine Segmente sind noch kurz 
und nicht sehr scharf abgesetzt. Die Larve hat an jeder Seite zwei neue 
Borstenstummel gebildet. Die Seitenabschnitte des Vorderkopfes (Fig. 11*) 
heben sich als Anlagen der spätem Stilaugen von dem vorspringenden 



L. 



Z. KENNTN. D. BAUES U. D. ENTWICKL. V. BRANCH. STAGN. ü. APüS CANC. 107 

Frontalabschnitt schärfer äIs in frühem Stadien ab und werden bereits 
durch die Contraktionen des untern queren Augenmuskels (M') von Zeit 
zu Zeit wenn auch nur schwach herabgezogen. Mit dem weitern Wachs- 
thum der Larve streckt sich vornehmlich das Abdomen , dessen Segmente 
sich bedeutend verlängern und schärfer von einander abheben. Gleich- 
zeitig macht die Umgestaltung in die Form des Geschlechtsthieres weitere 
Fortschritte. Die Ruder borsten des 2ten Antennenpaares werden an- 
fangs durch kurze griffeiförmige Stummel ersetzt (Fig. 12), später ganz ab- 
geworfen (Fig. 13). Mit diesem Verlust treten die schon vorher gebil- 
deten Büschel zarter blasser Fäden an der sonst nackten Oberfläche deut- 
licher hervor, wie andererseits auch die veränderte Haltung der nach 
vorwärts umgeschlagenen Gliedmasse auf eine Veränderung des Gebrau- 
ches hinweist. Aus den zum Schwimmen und Rudern eingerichteten 
Extremitäten, welche bisher einen Hauptantheil an der Fortbewegung des 
Körpers nahm, wird nunmehr ein nach den Geschlechtern verschieden 
gestaltetes Tast- und Greiforgan (Fig. 14 a, a' und Fig. 15), die schleifen- 
förmige Drüse aber schrumpft schon vorher an der Basis des verküm- 
merten Kieferfortsatzes zu einer fettig degenerirten Körnchenmasse zu- 
sammen, deren Reste an grösseren der Ausbildung nahen Formen noch 
nachweisbar sind. Der Stirntheil des Vorderkopfes erhebt sich jetzt als 
bedeutender Vorsprung, der mit tiefer seitlicher Ausbuchtung nach den 
langen und beweglich abgesetzten Stilaugen abfällt. Auch wird der 
Kinnbackentaster rudimentär, erhält sich jedoch noch längere Zeit als 
ein mit kurzen Borsten besetzter Stummel. Die beiden letzten Bein- 
paare gewinnen gleichzeitig ihre volle Gliederung, während an den Ge- 
nitalsegmenten noch keine nach den Geschlechtern verschiedene Abwei- 
chung bemerkbar ist. 

In solcher Weise umgeformt finden wir die jungen Thiere, wenn 
sie eine Länge von 3 bis 3,2 Mm. ^) erreicht haben , so dass wir diese 



1) Es bedarf wohl keines ausdrücklichen Hinweises, dass sich die Grössenan- 
gaben auf in engen Behältern gezogene Individuen beziehen , welche an Orösse hin- 
ter denen im Freien aufwachsenden Formen einigermassen zurückbleiben. 

02 



108 C. CLAUS, 

verhältnissmässig kleinen sexuell noch indifferenten Formen kaum noch 
Larven zu nennen berechtigt sind. Auch stimmt bereits die innere Or- 
ganisation bis auf die noch unvollkommene Bildung der Sexualorgane 
mit den Geschlechtsthieren überein, bietet aber jetzt bei der geringen 
Grösse und bedeutenden Durchsichtigkeit der Gewebe für die Untersu- 
chung grössere Vortheile. 

So mag denn hier eine kurze Erörterung der Organisation von 
Branchipus angeschlossen wierden , welche durch Hinzuziehung jüngerer 
Stadien ergänzt, in einigen Punkten, wie ich hoffe, die Anatomie von 
Branchipus vervollständigen wird. Leider war das Material an älteren 
und vorgeschrittenen Formen zu beschränkt, als dass ich hätte zu einem 
vollständigem Bilde von dem Innern Bau gelangen können. 

Bezüglich der Verdauungsorgane sehen wir die Mundöffhung von 
einer gestreckt -helmförmigen und durch Blutzufluss stark schwellbaren 
Oberlippe bedeckt, deren mit feinen Härchen besetztes Vorderende in 
einen mehr oder minder abgesetzten dreieckigen Lappen ausgezogen ist. 
Im Innern der Oberlippe beobachten wir nahe der Basis eine Anzahl 
reifenartig gruppirter Ringmuskeln , sowie zwei mächtige Längsmuskeln, 
welche sich weit nach vorn erstrecken und mit den erstem in Verbin- 
dung das freie Lippenende heben und senken. In diesem letztern lie- 
gen die grossen bereits früher erwähnten Drüsenzellen, deren Zahl mit 
dem Alter eine beträchtlichere wird. Der unterhalb und zu den Seiten 
der Mundöffnung gelagerte Kieferapparat besteht aus einem Paar Man- 
dibeln und zwei Maxillenpaaren, von denen das vordere von Schaffet 
und auch noch von Leydig irrthümlich als gespaltene Unterlippe be- 
trachtet worden ist. Grube^) und Klunziger^) hingegen unter- 
scheiden und beschreiben die beiden vordem Maxillen vollkommen rich- 
tig, so dass ich auf die Angaben dieser Autoren verweisen kann. Nur 
die eine Bemerkung möchte ich beifügen, dass der schmälere Fortsatz 



1) Grube, Bemerkungen über Phyllopoden. Berlin 1853. 

2) Elunzinger, über Branchipus rubricaudatus. Zeitschr. für wiss. ZooL 
Tom. 17. pag. 27. 



."i--* 



Z. KENNTN. D. BAUES ü. D. ENTWICKL. V. BRANCH. STAGN. ü. APÜS CANC. 109 

am hintern und äussern Rande des Grundblattes mit gutem Eecht als 
eine tasterähnliche Nebenlade aufzufassen ist (Fig. 8' T.), welche von 
aussen nach innen gerichtete Bewegungen ausführt. • 

Der mit der Mundöffnung beginnende Oesophagus steigt als ein 
verhältnissmässig kurzes aber breites und mit kräftiger Muskelwandung 
ausgestattetes Rohr schräg aufwärts und wird unterhalb der medianen 
Ausbuchtung des Gehirns nahe seiner Ausmündung in den Darm von 
zwei schräg von oben und aussen nach innen und unten gerichteten 
Muskelbündeln in seiner Lage befestigt, beziehungsweise aufwärts gezo- 
gen (Fig. ir M). Der nun folgende Magendarm, dessen Struktur be- 
reits von Leydig sehr genau und ausführlich dargestellt worden ist, 
bildet am Vorderrande seines obern Endes die beiden in altern Stadien 
wiederum mehrfach ausgebuchteten sog. Lebersäckchen, deren Wandung 
mittelst schräg verlaufender Ringmuskeln lebhafte Contractionen aus- 
führt, ihrem Baue nach aber von der Darmwandung nicht verschieden 
ist. Sehr scharf setzt sich der Magendarm mittelst einer vorspringenden 
Klappe gegen den kurzen Enddarm ab , dessen Wandung durch die 
grössere Breite und dichte Gruppirung seiner Ringmuskeln, sowie durch 
die Stärke seiner längsgefalteten Intima hervortritt, dagegen des Belages 
von Zellen entbehrt, den Leydig mit Unrecht auch diesem Theile des 
Tractus zugeschrieben hat. Die vier Gruppen von transversalen zwischen 
Haut und Darmwandung ausgespannten Muskelfaden, welche wie eine 
Art ,, Muskelnetz** den als Sphincter wirkenden RingsmuskeUi entgegen 
das Darmlumen öffnen, habe ich bereits für jüngere Zustände beschrieben. 

Ueber die Schalendrüse von Branchipus ist zunächst die auffallende 
Abweichung hervorzuheben, welche die Form und Lagerungsweise ihrer 
Windungen von der entsprechenden Drüse der Apusiden und Estheriden 
darbietet. Wahrscheinlich steht die gedrungene Form der Drüsenwin- 
dungen mit dem Mangel einer. Schale im Zusammenhange, der Schlauch 
kann sich nicht nach hinten in eine Duplicatur des Kiefersegmentes aus- 
dehnen (Fig. 13') und erscheint daher in dem seitlichen Vorsprunge des- 
selben knäuelfbrmig zusammengerollt, zugleich aber mit seinem untern 
engern Abschnitt in das erste Fusssegment herabgedrängt. Auch hier 



110 C. CLAUS, 

findet sich eine reichliche Blutströmung in den engen, den Drüsengang 
umgebenden gefassähnlichen Räumen der Leibeshöhle. Eine Ausmfin- 
dung der Drüse gelang mir ebensowenig wie Leydig wahrzunehmen. 
Jedenfalls ist der griffelformige , den Ausführungsgang einschliessende 
Fortsatz, welcher sich bei den Schalen tragenden Phyllopoden findet, hier 
nicht vorhanden. In dieser Hinsicht schliesst sich Branchipus den Cladoce- 
ren an, welchen auch die Schalendrüse in der Gestalt der Windungen näher 
steht. Doch ist es bei Branchipus möglich (Fig. 13') eine Beziehung zu 
den Doppelschlingen des Drüsenganges von Apus und der Estheriden fest- 
zustellen , deren Schlingen-Zahl wir freilich auf zwei reducirt finden. Bei 
Daphnia ist die innere Schlinge (Fig. 18) a a' zudem viel kürzer als die 
äussere b b', diese aber in ihrer untern Hälfte aufwärts und nach vorn um- 
geschlagen. Möglicherweise fallt die Mündungsstelle mit der von G. O. 
Sars als rugose Stelle der Schale bezeichneten Partie zusammen. Das am- 
pullenartige Drüsensäckchen , welches jüngst von A. Dohrn für die Cla- 
doceren insbesondere für Daphnia longispina als ein Anhang der Schalen- 
drüse beschrieben wurde, habe ich mich vergebens bemüht in dem von je- 
nem Beobachter angegebenen Sinne aufzufinden. Dagegen sieht man bei 
durchsichtigen Daphniden zugleich mit den Drüsenwindungen ein sackför- 
miges Gebilde ganz vom Aussehn des vermeintlichen Drüsensäckchens, 
überzeugt sich alsbald aber bei scharfer Einstellung und genauerer Betrach- 
tung, dass dasselbe mit der Schädeldrüse nichts zu thun hat, vielmehr das 
Kiemensäckchen des unterliegenden Beinpaares ist. Da das von Dohrn 
abgebildete Säckchen nach Lage, Form und Struktur jenem Kiemenan- 
hang entspricht, so ist es mir kaum zweifelhaft, dass dieses letztere zu 
einer Täuschung Veranlassung gegeben hat. Vergl. Fig. 18 Br. 

Ueber das langgestreckte vielkammerige Herz (Fig. 16 c) besitzen 
wir bereits mehrfache eingehendere Beschreibungen, und sind auch durch 
Leydig mit dessen feinerer Struktur bekannt gemacht, so dass ich mich 
auf wenige durch bereits mitgetheilte Beobachtungen über die Entwick- 
lung des Herzens veranlasste Bemerkungen beschränken kann. Von der 
hintern unpaaren Oefihung im vorletzten Segmente abgesehen finden sich 
in allen vorausgehenden Segmenten bis zum Segmente des ersten Fuss- 




Z. KENNTN. D. BAUES U. D. ENTWICKL- V. BRANCH. STAGN. U. APÜS CANC. 111 

paares seitliche Spaltöffnungen, so dass sich die Zahl der letzem auf 18 
Paare beläuft. Das Vorderende des Herzens aber erstreckt sich in das 
.Kiefersegment hinein und mündet hier im Jugendzustande mit weitem 
Ostium. Die zarten Muskelfaden, welche in paariger Anordnung von 
Stelle zu Stelle zur Befestigung an den Rücken abgehen, entsprechen 
nach Zahl und Lage den Kammern und weisen auf die Stellen hin, an 
welchen sich bei der Loslösung der die Kammerhälften repräsentirenden 
Zellstränge vom dorsalen Rand der Keimwülste der Zusammenhang mit- 
telst ausgezogener Spindelzellen erhielt. Leydig unterscheidet an der 
Herzwand eine äussere Eingmuskelschicht und ein inneres zartes Epitel ; 
die Continuität des letztern scheint mir jedoch zweifelhaft zu sein und 
darf ich mich in dieser Hinsicht auf die bereits mitgetheilten Beobach- 
tungen über die Entwicklung der Herzkammern beziehen. 

Als ßespirationsorgane dürften ausser der gesammten Körperdeckung 
doch wohl die schlauchförmigen Branchialsäckchen in Anspruch genom- 
men werden (Fig. 17 Br). Wenn man auch an lebenden Thieren weder 
eine grössere Energie der Blutströmung noch eine bedeutendere Blut- 
menge als in andern Fusstheilen beobachtet, so möchte doch schon der 
Verlauf des Stromes in lacunären Gängen unter der Ohitinhaut und die 
abweichende Struktur dieser Anhänge auf eine andere und zwar respirato- 
rische Bedeutung hinweisen. Der Umstand, dass das Blut diese Säckchen 
nach dem. Tode des Thieres strotzend anfüllt, hat wahrscheinlich eine 
Beziehung zur Struktur und grösseren Nachgiebigkeit der Bedeckung 
und dürfte desshalb auch nicht so gering anzuschlagen sein, als dies von 
Leydig geschieht, welcher den sogen. Kiemensäckchen die Bedeutung re- 
spiratorischer Organe abspricht. Ich finde zudem nun auch, dass bei 
Behandlung mit Ueberosmiumsäure die Kiemensäckchen sich tiefer schwär- 
zen als die benachbarten Fusstheile, will jedoch diesem Umstand keine 
zu grosse Bedeutung beilegen. Auffallend ist das Vorhandensein eines 
zweiten sehr zarthäutigen und stark ausgedehnten Anhangsgebildes (Br'), 
welches vor dem Kiemensäckchen an der Basis des Fusses entspringt und 
bei den übrigen Phyllopoden vermisst wird. Auch in der sonstigen Ge- 
staltung des Schwimmfusses finden sich inanche Eigenthümlichkeiten, 



112 : C. CLAUS, 

die sich aber leicht als Modificationen des Phyllopodenfiisses ableiten 
lassen. Ein medianwärts gebogener Kieferlappen wie bei Apus fehlt, 
dagegen ist der Grundlappen sehr umfangreich und springt in weitem 
dicht mit Schwimmborsten besetztem Eande fort. Die Zweitheilung die- 
ses Lappens (LL') scheint bei allen ^) Branchipusarten angetroffen zu 
werden. Auffallend klein bleiben nun die drei folgenden Mittellappen, 
welche bei Branchipus wie bei Artemia warzenförmigen Höckern gleichen 
und in 1 oder 2 griffeiförmige Dornen auslaufen, zugleich aber noch mit 
2 bis 3 langen gebogenen Borsten besetzt sind. Der nun folgende untere 
Randlappen (Grube's Tibiallappen) (L^) zeigt nach Form und Grösse 
an den einzelnen Fusspaaren einige^ Verschiedenheiten. Im Allgemeinen 
erscheint derselbe als eine hohe und gedrungene Platte, deren Rand anstatt 
der Schwimmborsten mit kurzen befiederten Dornen besetzt ist. Der 
dorsalwärts entspringende obere Randlappen endlich (L^) besitzt eine ge- 
strecktere mehr lanzetförmige Gestalt und trägt am freien Rande zahl- 
reiche lange und befiederte Schwimmborsten. Die rückenständige vor dem 
schlauchförmigen Branchialsäckchen eingelenkte Fächerplatte, wie wir sie 
bei Apus und den Esthenden antreffen , vermissen wir bei Branchipt^ 
und Artemia, haben aber möglicherweise den obern Randlappen, den 
Grube Tarsallappen nennt, in diesem Sinne zu deuten, da das Verhal- 
ten der Fussentwicklung in jungem Larvenstadien diese Auffassung zu- 
lässt. An den wulstförmigen Erhebungen, welche die ersten Fussanla- 
gen darstellen und bei Apvs durch ihre bedeutende Breitenentwicklung 
abweichen , sondern, sich bei Branchipus zuerst die beiden Terminallap- 
pen durch eine mittlere Einschnürung. Bei Apiis treten nun auch als- 
bald die vorausgehenden Lappenfortsätze und der Kieferlappen als rund- 
liche Ausbuchtung auf, während Fächerplatte und Kiemensäckchen erst 
später an der Rückenseite des Fusses hervor wachsen. Bei Branchipus 
dagegen sondert sich nach der Differenzirung der beiden Randlappen ein 
schmales Mittelglied und ein umfangreicher Basallappen. Wenn nun 
am Rande grössere Borsten, sowie dorsalwärts die beiden Kiemensäckchen 



1) Vergl. Klunzinger 1. c! Taf. IV. Fig. 6 M'.L. 




Z. KENNTN. D. BAUES U. D. ENTWICKL. V. BRANCH. STAGN. ü. APUS GANG. 113 

hervorwachsen, während derBeihe nach die heiden vordem Mittelhöcker 
aus der Masse des sog. Tibiallappen zur Sonderung gelangen, so gewinnt 
in der That der obere Randlappen das Aussehn einer dorsalen Fächer- 
platte. 

Leydig, welcher das Nervensystem von Ärtemia und Branchipus 
näher beschrieben und namentlich das feinere Verhalten der peripheri- 
schen Nerven erörtert hat , bemerkt, dass man nur bei starker Vergrösse- 
rung und bei gedämpftem Lichte das Nervensystem zu erkennen vermöge, 
da bei der Durchsichtigkeit der Ganglien und Nerven die Anwendung 
schwacher Vergrösserungen nicht zum Ziele führe. Für die ausgewach- 
senen Formen mag Leydig Recht haben, ältere Larven und jugendliche 
Exemplare gestatten indessen auch ohne Anwendung jener Beobachtungs- 
regeln eine sehr leichte und vollständige Verfolgung der Nerven. 

Von bedeutender Grösse und complicirter Gestaltung erweist sich 
das Gehirn (Fig. 11'.), das von Leydig wohl allzu einfach als ein 
„mehrfach eingekerbter Halbring** dargestellt wird. Jedenfalls treten an 
ihm zwei seitliche medianwärts durch Querfasern verbundene Lappen her- 
vor , die als Anhäufungen grosser Ganglienzellen wieder in mehrfache 
TJnterabtheilungen zerfallen. Wir unterscheiden zwei grosse obere Cen- 
trallappen (a) und eben soviel kleine untere Lappen (c), welche seitlich 
viel weiter auseinander stehen und durch eine untere Commissur trans- 
versal verlaufender Nervenfasern verbunden sind* Unterhalb dieser 
Commissur liegen mehrere sehr grosse Ganglienzellen genau die Decke 
des Schlundrings bezeichnend, während oberhalb derselben ein zwei- 
tes Band von Querfasern mit schräg aufsteigendem Faserverlauf die 
zuerst genannten Lappen sowie zwei seitlich und dorsalwärts vorsprin- 
gende Anschwellungen (b) verbinden. Auch die den Schlundring bil- 
denden Gruppen von Längsfasern erhalten einen oberflächlichen ziem- 
lich dicken Belag von Ganglienzellen. 

Die aus dem Gehirn austretenden Nerven versorgen theils Sinnes- 
organe , theils — und diese Nerven entspringen aus dem Schlundring — 
die Muskeln der Antennen. Mehr als Ausstülpungen der beiden obem 
Dorsalganglien, denn als einfache Nerven erscheinen zwei zu dem fronta-^ 
Thys. Glosse. XVIIL P 



h^. 



■ * 



V 



114 C- CLAUS, 

len Sinnesorgane aufsteigende Stränge. Dieselben bestehn aus Gang- 
lienzellen und Nervenfasern und legen sich mittelst je fünf Ganglien- 
zellen an die Oberfläche eines glänzenden Körpers an, welcher als in- 
nerer Hautvorsprung mit der Hypodermis zusammenhängt und in seinem 
Innern zuweilen ein grosses Bläschen nachweisen lässt. Ob wir es hier 
mit einem einfachen bläschenförmigen Zellenkem oder einer Bildung zu 
thun haben , welche einem Otolithenbläschen näher steht , muss ich vor- 
läufig ebenso wie die Natur des Sinnesorganes dahingestellt sein lassen. 

Bestimmteres vermochte ich über das unpaare Auge zu ermitteln, 
welches Leydig einem besondern Oehirnlappen aufgelagert sein lässt. 
In der That hat dieses primitive im Jüngern Larvenalter ausschliesslich 
vorhandene Auge auch im vorgeschrittenen Alter einen complicirtern Bau, 
als man vermuthen möchte. Es besteht dasselbe nämlich aus einem 
zweilappigen Figmentkörper , an dessen Seiten helle lichtbrechende 
Zapfen angelagert sind und aus dem empfindenden Apparat. Dieser ent- 
springt vom Gehirn mittelst dreier Nervenstämmchen, zweier schwäche- 
ren von den Dorsalanschwellungen austretenden Seitennerven und einem 
stärkern aus der Mitte des Gehirns aufsteigenden medianen Augenner- 
ven (Fig. ir, 13" n). Der letztere bildet bei seinem Eintritt in den Pig- 
mentkörper ein Ganglion, welches bei Br. stagnalis - Larven hinter dem 
Pigmente liegt (Fig. 11'), in vorgeschrittenen Stadien von Br. torvicomis, 
dessen Augenpigment eine viel länger gestreckte und schmälere Form 
hat , ebenso an den Seiten desselben erkannt wird (Fig. 13" g). Bei aus- 
gewachsenen Thieren scheint nach Leydig's Angaben die Form des 
Pigmentkörpers bedeutender zu variiren. 

Die Nerven des grossen gestilten Seitenauges entspringen von den 
dorsalen Gehirnlappen mittelst eines besondern grossen Augenganglions, auf 
welches im Verlauf des Sehnerven vor dem Eintritt desselben in den Pig- 
menttheil des Auges noch eine zweite kleinere Ganglienanschwellung folgt. 
In Jüngern Larven , deren Seitenaugen noch in der Bildung begriffen, lie- 
gen beide Anschwellungen dicht gedrängt hinter einander. Man über- 
zeugt sich mit Hülfe verschiedener Entwicklungsstadien, dass ebenso wie 
das Frontalorgan so auch das seitliche Auge durch eine Wucherung des 




öl.:- .'^-.A 




I — ■; 



Z. KENNTN, D. BAUES ü. D. ENTWICKL. V. BRANCH. STAGN. U. APÜS CANC. 115 

Hautblattes seine Entstehung nimmt. In der wulstförmigen Auftreibung^ 
welche an der Seite des Kopfes von der Hypodermis aus gebildet wird 
und an ihrem Ende mit dem Sehnerven zusammenhängt, lagern sich 
zuerst Anhäufungen von Figmentmolekülen ab. Wenn diese noch nicht 
die halbe Grösse des unpaaren Augenflecks erlangt haben, treten die 
ersten Krystallkegel als kleine Zapfen auf. Mit der Grössenzunahme 
des Auges gewinnt der vordere Kopfabschnitt (Fig. 8) eine bedeutende 
Breitenentwicklung; ein guter Theil des nach rechts und links ausgezo- 
genen Stimrandes wird von einer streifigen aus kleinen Zellen gebildeten 
Wucherung der Hypodermis begleitet, der eigentlichen Matrix des Augen- 
stils (Ma). Offenbar ist von der Thätigkeit dieses Zellenwulstes nicht 
nur die Verlängerung der zu den gestilten Augen sich umgestaltenden 
Seitentheile des Kopfes, sondern auch die schärfere Absetzung derselben 
von der in scharfem Bogen sich vorwölbenden medianen Kopfpartie ab- 
zuleiten. Ohne auf den feinen Bau des Auges näher einzugehn, der keine 
bemerkenswerthen Besonderheiten darzubieten scheint, mag hier nur die 
durch die Entuncklu^ffsweise erwiesene Bedeutung der beweglichen Stil- 
äugen als selbstständig gewordene Kopftheüe hervorgehoben werden. Mit 
dem seitlichen Hervorwachsen der Augenstile bilden sich Muskelgrup- 
pen an der Unterseite des Auges aus, welche in transversalem Ver- 
lauf, der Achse des Auges ziemlich parallel (Fig. UM'), unterhalb des 
Sehnerven hinziehen und das Auge abwärts ziehen. Ausser diesen Mus- 
keln aber ist noch eine zweite schräg die Querachse des Auges durch- 
setzende Gruppe von Muskelfasern bemerkbar, deren Wirkung eine ent- 
gegengesetzte zu sein scheint. Jedenfalls gibt uns die Entstehungsweise 
der Stilaugen von Branchipus einen Fingerzeig auch für die morpholo- 
gische Beurtheilung des Podophthalmenauges , welches lange Zeit irr- 
thümlich als besonderes Gliedmassenpaar gedeutet wurde. 

Ausser den obern und vordem Sinnesnerven entspringen aus dem 
Gehirn und dem Schlundring vier Nervenpaare zu den Antennen. Der 
vorderste Nerv (Fig. ITn) gehört seinem Ursprung nach den untern seit- 
lich gelagerten Anschwellungen des Gehirns an und versorgt die Sinnes- 
föden, sowohl die drei hellen Borsten als die zahlreichen kurzen mit ei- 

P2 






J^< 



116 C. CLAUS, 

nem glanzenden EndknSpfchen versehenen Eöhrchen. Wie bereits Ley- 
dig richtig dargestellt hat, treten die Fasern dieses Nerven durch zwei 
Gruppen verschiedenartiger Ganglienzellen durch. Die untere Gruppe 
besteht, nur aus etwa fünf spindelförmig gestreckten Zellen von offenbar 
bipolarer Natur, die obere Gruppe, in welche die aus der erstem her- 
vorkommenden Fasern eintreten, besteht aus zahlreichen kleinern und 
mehr rundlichen Zellen. Der 2te Nerv (n') versorgt die Muskeln an der 
Basis der Antennen. Die Nerven des 3ten und 4ten Paares (n", n'") tre- 
ten zu den Muskeln und Tasthaaren der 2ten Antennen. 

Der Schlundring, der in weitem Bogen den Oesophagus umzieht, 
bildet ziemlich langgestreckte Schenkel, welche dicht unter dem Schlünde 
und von ihrem Uebergang in die Mandibularganglien merklich entfernt, 
eine Commissur von Querfasern verbindet, ein Verhalten, das sich bei 
den Stomatopoden und Decapoden wiederholt. Anstatt einer 'gemeinsa- 
men untern Schlundportion finden wir eine Anzahl von gesonderten Kie- 
ferganglien in dichter Aufeinanderfolge. Zu oberst liegt ein medianwärts 
fast zusammenfliessendes unteres Schlundganglion, ovelches die Muskeln 
der Mandibeln versorgt und auch seiner Lage nach einem Mandibeldop- 
pelganglion entspricht (Fig. 7 u. 8 Mg), dann folgt durch kurze Längs- 
commissuren getrennt und durch zarte Quercommissuren verbunden ein 
grösseres vorderes und ein kleineres unteres Maxillarganglion. Die drei 
Ganglienpaare der Kieferregion bilden den vordersten Abschnitt des Bauch- 
marks, welches in jedem fusstragenden Segmente ein Ganglienpaar er- 
hält. Diese Fussganglien aber sind grösser und gestreckter als die Kie- 
ferganglien, ihre Seitenhälften bestehen selbst wieder aus je zwei An- 
schwellungen und verbinden sich dem entsprechend durch eine doppelte 
Quercommissur (Fig. 14'). Wie bereits Leydig richtig hervorgehoben 
hat, liegen die aus den Längscommissuren eintretenden Fibrillen in der 
Mitte des Ganglions , während seitlich und oben die Ganglienzellen auf- 
gelagert sind, sich auch streckenweise auf die Commissuren fortsetzen. Der- 
selbe Autor lässt an der Aussenseite eines jeden Ganglions 3 Nerven ent- 
springen , von denen der eine zum Fuss, ein anderer zur Haut gehn soll. 
Ich habe nur 2 Nerven beobachtet,welche die Muskeln des Fusses ver- 



Z.KENNTN.D. BADES U.D.ENTWICKL.V.BRANCH. STAGN.U.APÜSCANC: 117 

• 

sollen. Dagegen finde ich der äussern Seite des Ganglions einen in 2 
Lappen getheilten Körper anliegend, welcher einige sehr grosse Kerne 
enthält (Fig. 14' g') und in einen sehr zarten Faden ausläuft. So we- 
nigstens finde ich das Verhalten an Larven von 2 bis 3 Mm. Länge, 
habe es aber leider zur richtigen Zeit versäumt, spätere Alterszustände 
auf die Beschaffenheit dieser eigenthümlichen Nebengebilde zu unter- 
suchen und bin später nicht im Stande gewesen trotz aller Mühe jene 
Stadien wieder zu erziehen. Wahrscheinlich fällt dieses wohl als Druse 
zu deutende Anhangs-Gebilde, über dessen Beschaffenheit ich mir nach 
erneuten Beobachtungen genauere Mittheilungen vorbehalte, mit dem 
eigenthümlichen Organ zusammen, welches Leydig als rundlicher, stark 
orangegelber Körper an der Unterseite jedes Beines dicht an dem 
Coxalgliede beschreibt, dessen Bedeutung aber auch er nicht anzugeben 
vermag. 

Der Bauchstrang bildet nun aber hinter den 11 Fussganglien noch 
in den beiden Genitalsegmenten Gtinglien, welche jenen erstem durch- 
aus entsprechen , nur des seitlichen Anhangsgebildes entbehren (Fig. 14). 
Hinter dem letzten Ganglion (13) , dessen Quercommissur einfach bleibt, 
setzt sich das Bauchmark in Form zweier Längsnerven in die nachfol- 
genden Segmente des Abdomens fort. 

Ueber die peripherischen Nerven, welche die zarten Sinnesfaden 
der Antennen und die zahlreichen an der Oberfläche der Leibessegmente 
paarig vertheilten Tastborsten (Fig, 9 u. 10) versorgen, verdanken wir 
bereits Leydig nähere Angaben. Auffallend erscheint der Reichthum 
an Büscheln von Sinneshaaren an der Oberfläche der 2ten Antennen, welche 
nach dem Verlust der Schwimmborsten eine für beide Geschlechter dif- 
ferente Entwicklung nehmen und bei Männchen zu ausserordentlich 
grossen wahrscheinlich mit einem feinen Gefühlsinn begabten Greifor- 
ganen werden. Schon an Formen von 3,5 Mm. Länge (Fig. 14") mar- 
kirt sich in der abweichenden Gestaltungsform der „Kopfhörner" das 
erste Anzeichen männlicher oder weiblicher Natur, da indessen meine 
auf die allmählige sexuelle Umgestaltung dieser Gliedmassen gerichteten 
Beobachtungen noch nicht den gewünschten Grad der Vollständigkeit 



118 0. CLAUS, 

erlangt haben , ziehe ich es vor, die Mittheilung derselben für eine spä- 
tere ergänzende Arbeit zu verschieben. Nur soviel will ich hinzufOgen» 
dass im weiblichen Geschlecht (Fig. 14' aa') der Nebenast ganz rudi-* 
mentär wird und später hin wegfallt, ebenso auch der obere Abschnitt 
des Hauptastes, welcher die Buderborsten trug, zu einem kleinen 
Fortsatz verkümmert. Im männlichen Geschlecht (Fig. 15) gestaltet sich 
dieser Abschnitt zu dem obem gekrümmten Haken des medianwärts mit 
dem der andern Seite verschmelzenden Greifapparates. Aus dem Ne- 
benaste aber geht möglicherweise der an der Basis entspringende füh- 
lerartige Faden hervor. 

2. Apus cancriformis. 

Mit Taf. V bis VH. 

Die jungen dem rothbraunen Eie entschlüpften Apuslarven (Taf.V 
Fig. 1) erkennt man schon mit unbewafeetem Auge an der dicken plum- 
pen Körperform und an der ünbehülflichkeit ihrer Bewegungen. Wie 
bereits Brauer richtig bemerkt hat, sinkt der neugeborene Aptis zu 
Boden, und schwimmt nur schwerföllig und zwar mittelst der Ruder- 
schläge seines 2ten Gliedmassenpaares wieder an die Oberfläche. Die 
trübkömige Beschafienheit der Gewebe, welcher die opake gelblich- 
weisse Färbung des Körpers entspricht, gestattet keinen Einblick iu 
die feinere Struktur der Organe. Man sieht nur den sackförmigen vom 
erweiterten und mit gelblich röthlichem Dottermaterial erfüllten Darm- 
canal, sowie den braunrothen fünfseitigen Pigmentkörper des unpaaren 
Auges. Der Dotterinhalt des Darmcanals ist offenbar so reichlich vor- 
handen, dass er nicht nur für das erste, sondern auch für das zweite 
und wahrscheinlich auch noch für das dritte Stadium als Nahrungsquelle 
vollkommen ausreicht. Der oval gestreckte nach hinten fast bimförmig 
verschmälerte Körper hat eine Länge von 0,6 Mm. und ist beinahe dreh- 



1) Fr. Brauer, Beiträge zur Eenntniss der Phyllopoden* Sitzungsberichte 
d. K. Akad. d. Wiss. Wien. Mai-Heft 1872. 



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Z. KENNTN. D. BADES U. D. ENTWICKL. V. BRANCH. STAGN. ü. APÜS CANC. 119 

Tund, doch sind die Seitenflächen voneinander etwas weiter entfernt als 
Bücken und Bauchseite. Am hintern Ende bezeichnet eine schwache 
mediane Ausbuchtung die Lage der AfterS&ung. 

Bezflglich der Gliedmassen hat man bislang aufiallender Weise das 
dritte Beinpaar der Naupliusform (c) ganz übersehen und gestützt auf 
die von Zaddach gegebene Beschreibung und Abbildung der Apuslarve 
nur die beiden vordem Gliedmassenpaare zugeschrieben. Das vordere 
Paar, die später Antenne, inserirt sich zu den Seiten der helmförmigen 
Mundkappe oder Oberlippe und ist wie bei allen Naupliusformen ein- 
fach stabförmig. An ihrer Spitze erhebt sich eine lange und sehr be- 
wegliche Borste , neben der noch eine zweite viel kürzere und schmäch- 
tigere Borste eingefügt ist. Unverhältnissmässig gross und in seiner 
Funktion den Ruderantennen der Cladoceren entsprechend erscheint das 2te 
Gliedmassenpaar (b). Dasselbe ist an seiner Basis mit einem bewegli- 
chen Kieferhaken bewaffnet und endet mit zwei umfangreichen Aesten, 
von denen der kürzere eingliedrig bleibt und drei Borsten trägt, wah- 
rend der längere fünfgliedrige Hauptast mit fünf langen Seitenborsten 
besetzt ist. Das dritte bisher übersehene Gliedmassenpaar (c) entspringt 
dicht unterhalb der Oberlippe, hebt sich aber bei der dunkeln trübkör- 
nigen Beschaffenheit der Leibessubstanz nicht so deutlich als die voraus- 
gehenden hervor, zumal nur der Endabschnitt desselben über den Sei- 
tenrand des Körpers hinausreicht. Ein Mandibularfortsatz ist noch nicht 
ausgebildet, indessen wenigstens als schwache kuglige Auftreibung der 
Anlage nach vorhanden. Die beiden Endglieder, die ebensoviel Aesten 
entsprechen, bleiben kurz, das obere und äussere mit 3, das innere mit 
2 kurzen Borsten bewaffnet. So einfach der birnförmige Leib unserer 
Larve auf den ersten Blick erscheint, so ergibt sich doch bei genauerer 
Betrachtung, dass in demselben nicht nur der Kopf mit der Anlage des 
Kückenschildes, sondern auch der Eumpf nebst Hinterleib enthalten ist. 
Man erkennt in seitlicher Lage des Thieres sowie vom Rücken aus eine 
die Anlage des Eückenschildes (DS) bezeichnende Abgrenzung und auf 
dem Integument dieses Abschnitts eine rundlich ovale Contur (N), welche 
eine urglasförmige helle Erhebung umschreibt, das durch alle Stadien bis 



120 C. CLAUS, 

zur ausgebildeten Form sich erhaltende Nackenorgan. Die dem Rumpf 
und Hinterleib entsprechende Eegion, etwa das hintere Drittheil des 
Larvenkörpers ausmachend, birgt unterhalb des Integumentes die Anla- 
gen zu den 5 vordem Brustsegmenten (S) und deren Gliedmassen, die 
man als ebensoviel schräg aufsteigende Querwülste leicht erkennt. 

Je mehr sich die Larve dem Zeitpunkt der ersten Häutung nähert, 
um so besser markiren sich die beiden Regionen des nachfolgenden Sta- 
diums, der grössere, den Kopf und Rückenschild bezeichnende Vorder- 
körper und der hintere allmählig verschmälerte und die Anlagen der 5 
vordem Beinpaare in sich fassende Abschnitt. Nach Abstreifung der 
Chitinhülle hat die Larve die ovale Form des Nauplius vollständig ver- 
loren und durch die schildförmige Verbreiterung des Vorderleibes sowie 
durch die Streckung des kegelförmig verengerten hintern Leibesabschnitts 
eine Gestalt gewonnen , welche am besten der einer jungen Caligus ver- 
glichen wird (Fig. 2 A u. B). Noch immer ist der Körper von einer 
Menge feiner und gröberer Körnchen erfüllt, welche zahlreiche Muskeln 
und Nerven, auch den grössten Theil des Gehirns verdecken. Nur der 
Darmcanal mit seinen nunmehr als einfache Schläuche vortretenden 
Leberausstülpungen schimmert seinem ganzen Umfang nach durch die 
Körper ge webe hindurch, die sich während des 2ten Entwicklungssta- 
diums in Folge der Kömchenauflösung nur wenig klären. Der schild- 
förmige Vorderleib umfasst Antennen und Kiefersegmente, entspricht 
somit dem Kopfabschnitt, überdeckt aber zugleich wenigstens das vor- 
dere Rumpfsegment mit der Anlage des ersten Beinpaares ziemlich voll- 
ständig. Das unpaare braunroth pigmentirte Auge liegt dem obern Rand 
des Gehirns fast unmittelbar auf und scheint zwei lichtbrechende Kör- 
per zu enthalten. Oberhalb desselben erheben sich auf zwei schwach 
gewölbten Hervorragungen zwei kleine griffeiförmige Fäden mit zartem 
fibrillären Inhalt und glänzenden Terminalkörperchen (Fr*), offenbar die 
zwei auch bei andern Entomostraken aufgefundenen Sinnesfäden des 
Stimrandes (Fr), denen wohl auch das Frontalorgan von Branchipus gleich- 
werthig ist. Die Gliedmassen des Vorderleibes haben sich kaum we- 
sentlich verändert. Die Antennen enthalten etwa in ihrer Mitte am. 




Z. KENNTN. D. BAUES U. D. ENTWICKL. V. BRANCH. STAGN. ü. APüS CANC. 121 

Innenrand eine birnförmige Zelle, die sich in spätem Stadien erhält 
und wahrscheinlich zu den später auftretenden Geruchsfaden in Bezie- 
hung steht. An der Basis der Ruderantenne, deren Innenast bereits zwei- 
gliedrig geworden ist, findet sich in undeutlicher Umgrenzung ein trüb- 
körniger schleifenfbrmig gebogener DrQsenschlauch, dessen Ausmündung 
unterhalb des Hakengliedes um so deutlicher erkannt wird, je mehr sich 
der Larvenkörper durch Resorption der Körnchen aufhellt. Es ist die 
bereits für Branchipus beschriebene schleifenfbrmige Drüse an der Basis 
des zweiten Gliedmassenpaares, die in gleicher Weise bei JEstheria und 
Limnadia (hier schon von Lerebouillet^) als räthselhaftes Organ er- 
wähnt) vorkommt und sicher auch bei den übrigen Phyllopoden auftritt. 
Morphologisch entspricht dieselbe offenbar der von mir im Körper der 
Cyclopslarven beobachteten Drüsenschleife (Claus, Copepoden Taf. L 
Fig. 2. 3. 5 und Taf. II. Fig. 9.) und ist ein bei den Entomostraken auf 
das Larvenleben beschränktes, von der sog. Schalendrüse wohl zu un- 
terscheidendes Organ. Da wir auch bei zahlreichen Malakostraken eine 
Drüse gleicher Lage und Ausmündung (an der Basis des zweiten Anten- 
nenpaares) finden, so scheint mir nichts im Wege zu stehen, die er- 
wähnte schleifenförmige Drüse der Entomostraken dem Drüsenschlauch 
an der hintern Antenne der Decapoden und Amphipoden morphologisch 
gleich zu setzen. Am Basalglied des dritten Gliedmassenpaares ist der 
Mandibularfortsatz als mächtiger noch nicht gezähnelter Kiefer hervor- 
gewachsen. Die Oberlippe ist kurz und — wie man an der frisch ab- 
gestreiften Larvenhaut nachweisen kann — am freien Rand mit 4 papil- 
lenförmigen Erhebungen versehen. Dieselbe bedeckt die Ränder der 
Mandibeln, deren Grösse und Stärke auf bereits vorhandene Funktions- 
fähigkeit hinweist. Allerdings wird der dunkelkörnige Darminhalt vor- 
nehmlich noch aus Ueberresten des Nahrungsdotters gebildet, indessen 
mögen auch bereits kleine Schlammtheile, Detritus abgestorbener Körper, 
selbstständig aufgenommen werden. Auf das Mandibelpaar mit seinem 



1) Lerebonillet, Obsenrations sur la generation et le developpement de la 
Limnadia de Hermann. Annales sc. nat. V Ser. Tom. 5. 1868. 
Thys. Classe. XVIU. Q 



122 



C. CLAUS, 



mächtig entwickelten Fussanhang folgt noch das vordere als einfache 
Platte sich darstellende Maxillenpaar. Im Innern des von trübkömigen 
Zellen erfüllten Kopfschildes markiren sich bereits hellere Hohlräume 
nnd Lakunen, in denen Blutkörperchen in langsamen Bewegungen fort- 
geführt werden. 

Wie es mir schien, waren es die Muskeln der Extremitäten, deren 
Contraktionen stellvertretend für das nicht nachweisbare Herz, die schwache 
langsame und unregelmässige Bewegung des Blutes veranlassten. Auch 
die Schalendrüse vermag man bei aufmerksamer Betrachtung, wenn, auch 
noch nicht in scharfen Umrissen, sodoch als eine schlauchförmig gruppirte 
Anhäufung von Zellen in den untern Seitentheilen des Rückenschildes nach- 
zuweisen. Der nach hinten sich verschmälernde tief ausgebuchtete Hin- 
terleib zeigt deutlich 5 Segmente, an welchen bereits die 3 bis 4 vor- 
dem Gliedmassen als Querwülste mit wellig gelapptem untern Bande 
(Taf.VI Fig. 2 C) erkannt werden. Auch ein 6tes Segment hebt sich später als 
ringförmige Querbinde von dem konischen Endgliede ab, und hinter ihm 
schimmern die Anlagen der zwei nachfolgenden Ringe durch das Inte- 
gument durch. Die Höcker, welche die terminale Ausbuchtung begren- 
zen, sind zu ansehnlichen Furcalfortsätzen ausgezogen. In der Aus- 
buchtung selbst mündet mit deutlicher OeflEhung der Enddarm aus, des- 
sen Wandung sich von dem mit trübkörniger Masse erfüllten Magen- 
darm bereits scharf abhebt. 

An den altern der Häutung nicht fern stehenden Formen dieses 
zweiten Larvenstadiums ist die Zahl der Segmente scheinbar vermehrt, 
da sich über den drei neuen grösser gewordenen Segmentanlagen 
die Cuticula vorwölbt. Aehnliches finden wir auch an den unmit- 
telbar vor der Häutung stehenden Larven älterer Stadien. Die abge- 
streifte Haut, die man durch Isolirung der Larve leicht erhält, gibt in 
jedem Falle ein Hülfsmittel an die Hand, die Zahlenverhältnisse für 
Segmente und Gliedmassen genau zu bestimmen und dient somit zur 
Controle der an den lebenden Larven gemachten Beobachtungen. 

Mit der zweiten Häutung (Taf. VI Fig. 2 C) tritt die Larve in das 
dritte Stadium (Fig. 3 Taf VI.) ein (Z ad dach Taf IV. Fig. 5), welches 



■J 



Z. KENNTN. D. BAUESU. D. ENTWICKL. V. BRANCH. STAGN. U. APÜS CANC, 12S 

beinahe eine Lange von 1 Mm. erreicht hat, aber auch im Laufe sei- 
nes Bestehens einige Veränderungen erfahrt. Dasselbe hat 6 gelappte 
Fusspaare, deren Grösse und Differenzirung von vorn nach hinten ab- 
nimmt. Ausser dem Kieferlappen und 5 ventralen schlauchförmigen 
Lappenfortsätzen besitzen die 5 vordem Beine bereits den dorsalen 
Randlappen oder die Fächerplatte (Fp) und das rückenständige Branchial- 
säckchen (Br). Auch eine 7te noch undeutlich gelappte Fussanlage ist 
vorhanden, und hinter dieser heben sich noch 2, später sogar 3 Segmente 
als kurze seitlich vorragende Wülste ab (Taf. VI Fig. 3). Das Rücken- 
schild ist noch kurz und bedeckt nur die Segmente der beiden vordem 
Beinpaare, lässt jedoch bereits die Schalendrüsen ihren Umrissen nach 
hindurchschimmern. Der Kaurand der Mandibel , deren Taster noch als 
Fuss fungirt, ist fein gezähnelt und am untern Winkel mit einem stär- 
kern Zahn bewaffnet. Auch die Anlage des 2ten Kieferpaares wird als 
schmale quer liegende Erhebung nachgewiesen. An den altern und vor- 
geschrittenen Formen, welche vor der Häutung stehen, hat sich der 
Körper bedeutend geklärt, so dass man die innern Organe deutlicher 
verfolgen kann. £s erscheint nun auch das Herz und zwar schon in 
langsamen Contraktionen begriffen bis zum 6ten Fusssegment entwickelt. 
Die Furcalglieder sind etwa 3mal so lang als breit und laufen in einen 
kurzen Borstenhöcker aus. Ihr Innenraum wird durch eine schmale 
Chitinsehne in einen äussern und innern Blutraum geschieden. Der 
letztere geht in eine den Afterdarm umgebende Lacune über, in wel- 
cher eine Anzahl querer an der Darmwandung befestigter Muskelbänder 
wie in einem Rahmen ausgespannt liegen. Es sind die auch bei Bran^ 
chipus beschriebenen Dilatoren des Darmlumens, welche beim Austritt 
des Darminhalts die Wandung nach den Seiten ziehn und die von klap- 
penförmigen Vorsprüngen des Integuments umgebene Afterspalte öffnen. 
Da wo die Chitinsehnen der Furcalglieder an dem Chitinrahmen ent- 
springen, liegen jederseits 3 Zellballen. 

Nach abermaliger Abstreifung der Haut, also nach der dritten Häu- 
tung, tritt die Larve — bei warmer Witterung noch vor Beginn des zwei- 
ten Tages nach dem Ausschlüpfen — in das vierte Stadium ein (Fig. 4) 

Q2 



-1 

■1 



124 



C. CLAUS, 



(Zaddach Fig. 9) und hat nun eine Länge von 1 bis IV4 Mm, erreicht. 
Nunmehr erscheint der Körper überaus hell und durchsichtig, und in den 
Schalen tritt sehr deutlich das Lacunensystem hervor, welches die Blut- 
körperchen langsam durchkreisen. Die Zahl der gelappten Fusspaare 
ist auf 7 Paare gestiegen, von denen die 3 bis 4 vordem vom Rücken- 
schilde bedeckt werden. Sämmtlich tragen sie schon an der Rücken- 
Seite das Branchialsäckchen und die Fächerplatte, sowie an ihrer Basis 
die median vorspringende Kieferlade. Aber auch schon an dem 8ten 
und 9ten Beinpaar beginnt die Lappenbildung; die 3 bis 4 nachfolgen- 
den Gliedmassen sind in der Entstehung begriffen und heben sich sammt 
ihren kurzen Segmenten vom Hinterleibsstück ab, dessen Furcalglieder 
jetzt 4 bis 5mal so lang als breit sind und in je einen langen Borsten- 
fortsatz auslaufen. Auf der Rückenseite markiren sich über und hinter 
dem Stirnauge die Anlagen des paarigen Auges, dessen Pigment sich in 
dem mit 2 Ganglien zusammenhängenden Blastem abzulagern beginnt. 
Die Leberanhänge des Darmes bilden jederseits schon 3 Ausstülpun« 
gen, die sich mittelst eines äusseren Ueberzuges von Ringmuskeln 
zu contrahiren vermögen. Die Schalendrüse mit ihren drei Schleifen- 
gängen ist bereits vollkommen ausgebildet. Besonderes Interesse ge- 
währt die Gestaltung des frontalen Sinnesorganes, dessen blasse Zapfen 
vom Stirnrand dorsalwärts gerückt, an den Seiten einer taschenförmigen» 
im frühern Larvenstadium bemerkbaren Hautumsäumung frei nach aussen 
vorstehen; die an sie herantretenden oberhalb des Auges von Ganglien 
entspringenden Nerven verlaufen an den Seiten innerhalb der Hautta- 
schen. Die Ruderantennen, noch immer als Hauptbewegungsorgane durch 
synchronische Ruderschläge den Körper stossweise forttreibend, haben 
an Umfang kaum verloren und lassen unterhalb ihres grossen Kiefer- 
hakens die Mündung der vordem Drüsenschleife leicht erkennen. Am 
Kaurand der Mandibeln erheben sich 2 untere Zahrifortsätze und ober- 
halb derselben von der Spitzenreihe des Randes gesondert eine Gruppe 
kleiner Spitzen , welche einem dritten Zahnfortsatz entsprechen (Fig. 4'). 
Die Sgliedrigen Kinnbackentaster stehen beinartig nach hinten gewendet 
und haben noch immer einen ansehnlichen Umfang. Am ersten Maxillen- 




Z. KENNTN. D. BAUES U. D. ENTWICKL. V. BRANCH. STAGN. ü. APÜS CANC. 125 

paare unterscheidet man schon die Anlage einer vordem kleinem Lade, 
welche von Z ad dach als Maxille des ersten Paares gedeutet wurde. 
Unterhalb der grossen Hauptlade folgt das quergestellte mit nur einer 
Borste besetzte 2te Maxillenpaar. (Zaddach's Thoracalfuss des 3ten 
Paares). Das Herz, dessen Vorderende 2 seitliche Arterien nach der 
Schalendrüse entsendet, reicht bis in das 9te Fusssegment. Der Kreis- 
lauf ist bereits sehr vollkommen und die Strömungen des Blutes in den 
Bluträumen der. l^urca sehr lebhaft. In den der Medianlinie zugekehr- 
ten Lakunen bewegen sich die Blutkörperchen von dem rahmenartig um- 
schriebenen Sinus, welcher den Enddarm umgibt, abwärts und steigen 
dann in der Lakune der Aussenseite aufwärts empor. Auch die Bauch- 
ganglienkette mit ihren dicht gedrängten Ganglien wird deutlich bis zum 
9ten Segmente erkennbar. 

Mit der vierten Häutung ist die Larve in das 5te Stadium (Taf. VHI 
Fig. 5) eingetreten und hat eine Länge von IV2 Mm. erreicht (Zaddach 
Fig. 13). Es sind nunmehr 9 deutlich gelappte Fusspaare vorhanden, welche 
sämmtlich den Kieferfortsatz und — mit Ausnahme des letzten — das 
rückenständige Branchialsäckchen besitzen. Ein lOtes Paar ist in der 
Lappenbildung begriffen und vier nachfolgende Gliedmassen sprossen an 
den entsprechenden Segmenten hervor, deren Seitentheile als Höcker 
über die Gliedmassenanlagen hinausragen, hinter diesen aber werden 
noch etwa 6 kurze Querbinden als neue Segmentanlagen unterschieden. 
Zwischen den vordem 9 bis 10 Gliedmassen treten die entsprechenden Gan- 
glienknoten in dichter Aufeinanderfolge zu einer sehr gedrungenen Gan- 
glienkette vereint, sehr deutlich hervor (Fig. 5 g.) Die Furcalglieder haben 
sich bedeutend gestreckt und erreichen fast den dritten Theil der ge- 
sammten Körperlänge, ihre Endborsten sind nun mehr beweglich abge- 
setzt und an der Einlenkungsstelle von 4 spitzen Stacheln umstellt. In 
der Bewegungsweise der Larve beginnt nun aber im Zusammenhang mit 
der alimähligen Verkümmerung der beiden vordem Gliedmassenpaare 
eine Veränderung bemerklich zu werden, es tritt die Schwimmbewegung 
der Füsse den frühern Ruderstössen der Ruderarme gegenüber in den 
Vordergrund. Vornehmlich ist es der Mandibularfuss, der eine beträcht- 



126 



C. CLAUS, 



liehe Keduktion seiner Grösse erfahren hat, und über die Mandibel, deren 
Kaurand 3 scharf abgesetzte Zahnfortsätze und eine vierte Erhebung init 
einer Gruppe feiner Spitzen darbietet, ein wenig hinausragt« . Von den 
Maxillen ist die des 2ten Paares noch so wie im frühern Alter gestaltet und 
mit der einfachen fast fingerförmigen Borste an der medialen Spitze be- 
waffnet. An der Aussenseite des vordem Maxillen paares aber bemerkt 
man unmittelbar über der Einlenkungsstelle dieses Kiefers eine kurze 
etwas gekrümmte höckerförmige Erhebung, die ich für die Anlage des 
fingerförmigen Anhangs halte, an dessen Spitze der Ausführungsgang 
der Schalendrüse liegt. Das frontale Sinnesorgan erscheint noch weiter 
vom Stirnrand nach der Rückenseite abgerückt. Zu den Seiten der ta- 
schenförmigen Hautspalte erheben sich die zwei fadenförmigen Cuticular- 
anhänge (Fig. 5 B. z), zu denen 2 Ganglienknoten ansehnliche Nerven (n) ent- 
senden. Unmittelbar hinter und unter diesen Ganglien liegt das grosse 
unpaare Auge, den beiden Lappen des Gehirns (Gh) dicht aufgelagert. 
J^nes (Fig. 5 C) besteht aus einem bimförmig- ovalen schwarzen Pig- 
mentkörper, in welchen wahrscheinlich — nach dem Verhalten von Bran- 
thipus zu schliessen — Nervenelemente von beiden Hirnhälften eintreten 
und zwei seitlichen hellen Anlagerungen, in denen eine streifige Substanz 
und hellere Kugeln erkennbar sind (Fig. 5 C. O'). Stellt man den Bücken 
der Larv6 ein (Fig. 5 B), so treten in dem von den Leberschläuchen um- 
schlossenen Räume oberhalb des undeutlich durchschimmernden Augen- 
pigments wie von einem Bahmen umschlossen die Theile des paarigen 
Auges (O) entgegen. Jedes Auge enthält zahlreiche kleine Pigmentkugeln 
und eine streifige mit Zellen erfüllte Substanz, welche einem grossen 
bimförmigen wohl als Augenganglion aufzufassenden Körper auflagert. 

Die Leberblindschläuche haben sich in dem Masse vergrössert, dass 
die beiden seitlichen Paare durch Einschnürungen in je 2 Abschnitte 
zerfallen sind, dagegen erscheint das ventrale Paar noch einfach und 
gleicht auf dem natürlichen Querschnitt einem längsovalen Sack, den 
man zumal bei seiner Lage an der Antennenbasis auf den ersten 
Blick mit einer Gehörblase verwechseln könnte. Das Herz erstreckt 
sich jetzt schon bis in das lOte Fusssegment. Blutkörperchen krei- 



r . \^i 







Z. KENNTN. D. BAUES U. D. ENTWICKL. V. BRANCH. STAGN. ü. APÜS C ANC. 127 

sen in allen Theilen des Leibesraumes in lebhafter und regelmässiger 
Bewegung. 

Nachdem die Larve zum 5ten male ihre Haut abgestreift, hat sie 
eine Länge von 2 bis 2^2 Mm. erreicht, von der allerdings beinahe zwei 
Fflnftheile auf die langgestreckten fadenförmigen Furcalglieder kommen, 
deren Oberfläche durch den ringförmigen Besatz mit kurzen Spitzen bereits 
eine Art Kingelung gewonnen hat (Zaddach Fig. 14 und 15). Es sind 
jetzt 11 bis 12 vollkommen gelappte und mit Kieferfortsätzen versehene 
Beinpaare vorhanden, von denen die 9 bis 10 vordem Branchialanhang 
und Fächerplatte tragen; dann folgen noch 2 kleinere undeutlich gelappte 
Fusspaare und 5 bis 6 kleine Fussanlagen, sodass im Ganzen 26 abge* 
schnürte Segmente gezählt werden, hinter denen noch unterhalb des In- 
teguments 6 — 7 neue Segmentanlagen als Querbinden zu unterscheiden 
sind. Von nun an schreitet die Reduktion der Ruderantennen mit der Ver- 
kümmerung ihres Kieferhakens rascher vor. Die Schleifendrüse in der 
Antennenbasis ist noch wohl erhalten , dagegen der Mandibulartaster bis 
auf einen kleinen Rest (Fig. 6' M. T.) geschwunden. Am Kaurand der 
Mandibeln erheben sich 5 diskrete Zahnfortsätze, die schon fast % der 
Länge des Kaurandes einnehmen. Die beiden Laden des vordem Maxil- 
lenpaares erscheinen eben so wie die papillenformige Erhebung (p) auf 
welcher die Schalendrüse ausmündet, merklich vergrössert. 

Schon jetzt hat die Schalendrüse eine solche Ausbildung erlangt, 
dass sie alle Theile späterer Zustände enthält, aber bei der relativ ge- 
ringen Grösse und bedeutenden Durchsichtigkeit der Larve viel deut- 
licher erkennen lässt. In der allgemeinen Form sowie in der Zahl der 
Drüsengänge zeigt dieselbe eine grosse Uebereinstimmung mit den Drü- 
sen der von Schalenklappen umschlossenen Phyllopoden, der Gattungen 
Limnetis^ Estheria und Limnadia. Die Schalendrüse der letztem Gattung 
habe ich bei einer andern Gelegenheit kürzlich näher beschrieben und 
würde ich auf diese Darstellung einfach verweisen, wenn nicht gerade 
für Aptis der Bau dieser Drüse von den bisherigen Beobachtern so irr- 
thümlich dargestellt worden wäre. Zaddach wirft die Gänge der 
Drüse mit Bluträumen zusammen und beschreibt 7, beim erwach- 



128 C. CLAUS, 

senen Thiere sogar 9 „Canäle", und auch Grube ^) gibt anknüpfend an 
die 'Schalendrüse von Limnetis eine zwar bessere, aber immerhin noch nicht 
auf richtiger Deutung basirte Darstellung. Wie bei den genannten Gat- 
tungen haben wir stets drei an dem hintern Ende schleifenförmig um- 
gebogene und einander eng umlagernde Bogengänge, welche sich um 
den in die Schale einführenden Blutraum sowie um den an der Basis des- 
selben gelegenen Schalenmuskel in Gestalt eines gestreckten Ovales her- 
umziehn. Es sind also 3 einander umschliessende je 2schenklige Bogen- 
gänge vorhanden, deren Eänder in Folge der Anheftung unter sich und an 
der Schalenwand vielfache zackige Erhebungen bilden und deren Ausklei- 
dung aus Drüsenzellen besteht. Bezeichnen wir mit Grube den inneru 
Bogen, welcher den unpaaren bei Apus sehr langgestreckten Blutraum um- 
zieht, als den ersten, den äussern als den dritten und die der Medianlinie 
zugewendeten Schenkel als die obern, so lässt sich für den Zusammenhang 
der Bogengänge folgendes auch für alle nachfolgenden Altersformen gülti- 
ges Verhältniss feststellen. Stets gehen die obern Schenkel des drittea 
und zweiten Bogenganges am vordem Ende durch Umbiegung in einander 
über und ebenso die untern Schenkel des ersten und dritten Bogengan- 
ges (Fig. 6 S. D.). So bleiben nur die vordem Abschnitte des ersten obera 
und zweiten untern Bogenganges frei. Beide umgürten die Basis des 
Blutcanals der erstere unter winkliger Umbiegung und weiter nach auf- 
wärts verlängert oberhalb des Schalenmuskels wie blind abgeschlossen. 
Wahrscheinlich vereinigen sich an dieser Stelle beide Gänge zur Bildung 
eines kurzen Ausführungscanales , der auf dem papillen- später griffeiför- 
migen Fortsatz an der Aussenseite der Maxillen mündet. Auch an der 
äussern Umgrenzung des Schalendr üsenovals wird eine reichliche Blut- 
strömung unterhalten; an altem Thieren scheint hier der äussere Drü- 
sengang wie von einem nochmaligen Gang umzogen , mit dessen Hinzu- 
ziehung Z ad dach (Taf. II Fig. Ic^) die Zahl seiner Canäle auf 9 d. h» 
einen unpaaren und 4 paarige bestimmen konnte. Was die Entwick- 
lung des Darmkanals und Herzens anbetrifft, so ist die Zahl der Leber- 



1) Grube, Bemerkungen über die Pbyllopoden. Berlin 1853 p. 45. 




• » I 



Z. KENNTN, D. BAUES U. D. ENT WICKL. V. BRANCH. STAGN. ü. APUS CANC. 1 29 

säckchen auf 6 Paare gestiegen, von denen drei noch kleine und ein- 
fache der Bauchseite angehören , die drei grossen obem Paare aber wie- 
der je 2 bis 3 Nebenausstülpungen bilden (Taf. VIII Fig. 6 L.). Das Herz 
besitzt 11 Paare von seitlichen Spaltöffnungen, aus einem vordem un- 
paaren Ostium (o) oberhalb des Arterienpaares (ar) strömt das Blut nach 
dem Gehirn und Augen paare. 

In ähnlicher Weise schreitet die Umgestaltung des wachsenden 
Leibes mit den spätem, rasch aufeinander folgenden Häutungen vor. 
Das paarige Auge vergrössert sich dem unpaaren Auge gegenüber in jedem 
spätem Stadium, ebenso gewinnt das Eückenschild fortwährend an Um- 
fang und bedeckt allmählig eine immer grössere Zahl von Leibesseg- 
menten. Die Zahl der Beinpaare mehrt sich in stetiger Zunahme, wäh- 
rend die Rückbildung der Antennen weitere Fortschritte macht. Im 
siebten Stadium, also nach der 6ten Häutung, ist die Mandibel mit sechs, 
nach der 7ten mit sieben, nach der 8ten Häutung mit acht nunmehr 
die ganze Länge des Kaurandes einnehmenden Zahnhöckern bewaffnet, 
während vom Taster kaum noch Reste bemerkbar sind. Im 9ten Sta- 
dium hat die Larve eine Länge von 4 Mm. erreicht, von der freilich 
nur die Hälfte auf das Rückenschild kommt. Nach dem Formzustande 
der bereits aus zahlreichen Blindschläuchen zusammengesetzten Leber zu 
schliessen, würde die von Zaddach in Fig. 20 gegebene Abbildung auf 
dieses Stadium zu beziehen sein. Auch macht sich jetzt eine tiefere 
Einschnürung etwas oberhalb ihres untern Drittheils an der vorderen 
Antenne bemerkbar, und es bereitet sich hiermit die Gliederung der 
Antenne in einen kurzem basalen Abschnitt und in ein langgestrecktes 
Endglied vor, dessen Endborsten sehr schmächtig geworden sind, wäh- 
rend zahlreiche blasse Riechfaden die Oberfläche bedecken. Auch 
werden jetzt schon die sexuellen Verschiedenheiten, welche Zaddach 
und V. Siebold an weiter vorgeschrittenen Larven mit 3 bis 4 Mm. 
langem Rückenschilde für das Ute Beinpaar beschrieben haben, an 
diesem noch sehr kleinen Gliedmassenpaare eingeleitet. Deutlicher frei- 
lich markiren sich die Unterschiede an etwas altern Larven nach der 

9ten und lOten Häutung; an weiblichen Larven (Fig. 7, IIF.) erscheint 
Phys. Glosse. XVIIL R 



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130 



C. CLAUS, 



die Fächerplatte (Fp) auffallend weit nach der Basis gerückt und über- 
lagert vollkommen das kleine und verkümmerte Kiemensäckchen (Br), 
welches an dem entsprechenden Beinpaare des Männchens die normale 
mit dem Kiemensäckchen der benachbarten Füsse übereinstimmende Ge- 
stalt bewahrt. An dem vordersten Beinpaare ist bereits schon früher 
eine für beide Geschlechter übereinstimmende Umgestaltung eingetreten, 
welche mit dem Wachsthum der Larve weitere Fortschritte macht und 
zu der abweichenden eigenthümlichen Gestaltung des vordem Beinpaares 
führt. Dieselbe beginnt mit einer bedeutendem Streckung des Stammes 
und Verlängerung seiner sechs Lappen, die mit der Streckung des Stam- 
mes weiter auseinander rücken. Nach der 9ten Häutung zeigt der 
sechste, aus dem untern Kandlappen der Fussanlagen hervorgegangene 
Lappen die Form eines schmalen an der Spitze mit 3 Zinken endigen- 
den Stabes , während sich die 3 vorausgehenden Lappen als cylindrische 
Fäden darstellen auf deren Oberfläche Querreihen von Spitzchen eine 
Gliederung vorbereiten. An Larven von 2^2 Mm. Schildlänge sind diese 
fühlerähnlichen Fäden bedeutend verlängert und mehrfach gegliedert, am 
längsten und aus der grössten Gliederzahl gebildet ist der 5te nunmehr 
von der Spitze des Stammes entspringende Faden, welcher die Länge 
des nun schon bedeutend geschrumpften stabförmigen Astes um mehr als 
das doppelte übertrifft (Fig. 8 L^). Später verkümmert der letzte zu der 
Form einer kleinen, dem langen fühlerförmigen Endast aufliegenden 
Schuppe. Die Ruderantenne wird immer schmächtiger und trägt nur 
noch kleine Borstenrudimente, dagegen wachsen am Innenrand der 
2ten Maxille ein Paar Borsten und Spitzen hervor. An dem Eücken- 
schilde gewinnt der Hinterrand einen Besatz von kleinen Zähnen. Die 
Furcalfäden zeigen eine deutliche durch Querreihen von Spitzen bezeich- 
nete Kingelung. 

lieber den Verlauf der weitem Entwicklung mögen wenige allge- 
meine Bemerkungen genügen, indem ich der Hauptsache nach auf die 
Beobachtungen Zaddach's verweisen kann. Von einer genauem Ver- 
folgung der zahlreichen nach Abstreifung der Haut aus einander her- 
vorgehenden Altersformen glaubte ich um so eher abstrahiren zu kSn- 




■■ _' » 





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Z. KENNTN. D. BAUES ü. D. ENTWICKL. V. BRANCH. STAGN. ü. APÜS CANC. 131 

nen , als jetzt schon im Wesentlichen die Form der Mund Werkzeuge und 
Oliedmassen erlangt ist, und auch die innere Organisation keine merk- 
lichen Umgestaltungen erfahrt. Freilich gelangt die sog. Leber auf dem 
Wege fortgesetzter Ausstülpung zu einer bedeutendem Complication der 
Gestaltung und dem entsprechend zu einer ansehnlichen Flächenver- 
grösserung. Die anfangs einfachen Ausbuchtungen ziehen sich zu lan- 
gen Schläuchen aus und erzeugen neue Nebensäckchen , zu denen sie 
sich später verhalten wie der Ausffihrungsgang einer gelappten Drüse 
zu dem secernirenden Gewebe. [Offenbar haben wir es hier mit einer 
Flächenvermehrung eines Theils der Darmoberfläche zu thun, durch 
welche nicht etwa die resorbirende Oberfläche vermehrt, sondern eine 
grosse, reichliches Secret absondernde Drüse hergestellt wird. In die 
ausführenden Schläuche treten allerdings ebenso wie in die Gänge der 
sog. Leber bei den Gastropoden auch unverdaute Nahrungstheile aus dem 
Darmlumen ein, indessen doch wohl nur um der Einwirkung des zufliessen- 
den Saftes ausgesetzt zu werden, der bei dem Mangel anderweitiger 
Drüsen sehr wahrcheinlich die Bedeutung eines Verdauungssaftes besitzt. 
Sicher werden wir auch bei den Wirbellosen in erster Linie nach Se- 
kreten zu suchen haben, welche die Eiweissstoffe in lösliche Modifika- 
tionen überführen, und auch Amylaceen in Zucker umzusetzen vermö- 
gen. Bei dem Mangel anderweitiger Drüsen wird daher die Deutung 
dieser so genannten Leberschläuche als Drüsen , welche ähnlich wie die 
Labdrüsen, beziehungsweise die Bauchspeicheldrüsen der Vertebraten wir- 
ken, viel grössere Wahrscheinlichkeit haben, als die alte der Bezeich- 
nungsweise entsprechende Auffassung derselben als gallenbereitender Or- 
gane. Was wir auf dem Gebiete der Wirbellosen „Leber** nennen, 
darf, wie mir scheint, durchaus nicht physiologisch mit der Leber der 
Wirbelthiere verglichen werden, selbst wenn die Farbe des Sekrets an 
Gallensecrcte erinnert. Zu einer Zeit, in der man die Bedeutung der 
Galle für den Verdauungsprocess überschätzte und gestützt auf eine 
irrthümliche Interpretation sowie auf die Entstehungsweise der Leber 
von der Darmwandung aus, den so verbreiteten und mannichfaltig ge- 
stalteten Drüsenanhängen am Anfang des Magendarms von Wirbellosen 

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132 



C. CLAUS, 



die Bezeichnung und mit ihr die Bedeutung einer „Leber*' beilegte. 
Nun mag allerdings die Färbung des Sekretes und der Drüse selbst wie 
z. B. bei den Weichthieren jene Deutung begünstigt haben, indessen 
dürfte diese doch nur von untergeordnetem Werthe sein. Selbst wenn 
sich Gallenfarbstoffe und Produkte der Galle in jenen Säften nachwei- 
sen lassen würde , wäre damit der Beweis der gleichen Bedeutung nicht 
geführt; denn es ist wohl denkbar, dass das Sekret zwar Stoffe beige- 
mengt enthält, welche wie, jene aus dem Blute ausgeschieden wurden, 
dabei aber doch im Wesentlichen eine andere Wirkung ausübt, und in 
dieser Hinsicht dem Magensaft und dem Pancreassekret näher kommt. 
Wir sollten daher in dem Gebrauch der Bezeichnung „Leber'* auf dem 
Gebiete der Wirbellosen möglichst vorsichtig sein, solange uns genaue 
chemische Untersuchungen und physiologische Versuche über die Bedeu- 
tung derselben fehlen. 

Auffallend ist die grosse Zahl von Häutungen, welche die jungen 
Thiere in rascher Folge zu durchlaufen haben, und mit denen das Wachs- 
thum des Körpers verhältnissmässig langsam fortschreitet. So hat bei- 
spielweise nach Ablauf der 12ten Häutung das Rückenschild keine 
grössere Länge als die von 2y2 Mm., während das Ute Beinpaar im 
weiblichen Geschlechte eine Differenzirung bietet, wie sie auf Fig. 8' 
dargestellt worden ist. Im Gegensatz zu den schalentragenden Limna- 
dien und Estherien wird jedesmal auch die dorsale Lamelle des Bücken- 
schildes abgeworfen, während dieselbe bei jenen Gattungen, wie ich 
mich durch zahlreiche direkte Beobachtungen überzeugen konnte, als be- 
sondere Schalenlagen, in deren Peripherie die neugebildete Haut einen An- 
wachsstreifen ansetzt , zur Verdickung der Schalenhaut verwendet werden. 
Ich muss in dieser Hinsicht meinen frühem auf die Beobachtung in ein- 
ander geschachtelter Estherienschalen gegründeten Widerspruch zurück- 
nehmen und die Darstellung Joly's und Grube's als richtig anerkennen. 

Die Zeit, wann die Anlagen der Geschlechtsdrüsen auftreten, ver- 
mag ich nicht genau zu bestimmen , .wahrscheinlich aber geschieht dies 
schon in verhältnissmässig jugendlichem Alter von 2 bis 2V2 Mm. Schild- 
länge, in welchem die Abweichung in der Bildung des 11. Beinpaares 




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Z. KENNTN. D. BAUES U. D. ENTWICKL. V. BRANCH. STAGN. ü. APÜS CANC. 133 

für beide Geschlechter bemerklich wird. Weitere Differenzen männli- 
cher und weiblicher Formen als die jenes Beinpaar betreffenden ver- 
mochte ich nicht aufzufinden. So nahe die Vorstellung liegt, eine rei- 
chere und stärkere Entwicklung der Riechfaden an den männlichen Fühl- 
hörnern zu finden, so gelingt es doch nicht eine solche — im Gegensatz 
zu den übrigen schalentragenden Phyllopoden — hier zu constatiren. 
Nach Brauer 1) soll die Zahl der fusslosen Segmente im männlichen 
Geschlecht um 1 grösser (7) sein als im weiblichen (6). Dagegen bleibt 
im erstem Falle die Körpergrösse merklich zurück, und mag es hiermit 
im Zusammenhang stehn, dass man bei Männchen wohl häufiger eine 
verkümmerte Ruderantenne erhalten findet, als im weiblichen Geschlecht, 
wo man sie an grossem Exemplaren stets vermisst. Ueber die Begat- 
tung beider Geschlechter habe ich keine selbständigen Beobachtungen 
gemacht und verweise in dieser Hinsicht auf die Mittheilungen Brau er' s. 
Dagegen gelang es mir die Copulationsvorgänge von Estheria dahalacensis 
mit anzusehn. 

Man beobachtet, wie sich das Männchen an der Seite der weibli- 
chen Schale mittelst der Zangen seiner Greiffüsse anlegt und mit dem 
Weibchen längere oder kürzere Zeit herumschwimmt, dann aber wäh- 
rend der Buhe sein Abdomen zwischen die Schalen des Weibchens ein- 
schlägt, während dieses seinen Leib vorzustrecken sich bemüht. Das 
Spiel währt längere oder kürzere Zeit, bis auf einmal während einer 
solchen gegenseitigen Bewegung an beiden Seiten der weiblichen Scha- 
len in der Gegend des Uten Bein paar es die Eier vorquellen und sich 
unterhalb der Schale anlagern. Dann hat die Begattung ihr Ende, und 
das Männchen macht sich vom weiblichen Körper los. Somit ist es 
mehr als wahrscheinlich, dass bei Estheria die Befruchtung eine äussere 
ist, dass die Eier im Momente ihres Austritts von dem gleichzeitig zwi- 
schen die weiblichen Schalen ergossenen Sperma befruchtet werden. 
Demzufolge würde ich auch für Apus, an dessen Innern Geschlechtsor- 



1) Fr. Brauer, Beiträge zur Kenntniss der Phyllopoden. SitzungsberieLte 
der Akad. der Wissenschaften. Wien 1872. Maiheft. 



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134 



C. CLAUS, 



ganen keinerlei Einrichtungen beobachtet wurden, welche auf eine in- 
nere Befruchtung hinweisen, die Vorstellung Kozubowsky's für zu- 
treflFend halten, nach welcher der männliche Same bei der Begattung 
in die offene Tasche des Uten weiblichen Beinpaares gelangt, in der 
sich bekanntlich auch die freilich mit einer dicken Schale versehenen 
Eier anhäufen. 



3. Schlussbemerkungen. 

Bereits nach Vollendung des Druckes der vorausgehenden Bogen 
war es mir möglich, ergänzende Untersuchungen an Larven und Jüngern 
Formen von Branchipus torvicomis anzustellen. Meine Aufmerksamkeit 
war insbesondere darauf gerichtet, bestimmtere Anhaltspunkte zur Deu- 
tung der eigenthümlichen Anhangsgebilde der Bauchganglien zu finden. 
Schon an verhältnissmässig jungen Thieren von 3 Mm. Länge beobach- 
tete ich in der Mitte der zweilappigen Masse eine rundliche Differenzi- 
rung, welche einem Gehörsäckchen ähnlich in ihrem hellen flüssigen 
Inhalt eine Anzahl undeutlich begrenzter kurzer Stäbchen umschliesst. 
An diese Partie des Anhangsgebildes treten von der Medianlinie her 2 
aneinander haftende blasse Fäden heran, die man für Nerven halten 
könnte. Dieselben sind jedoch selbstständige nicht weit von der Mittel- 
linie am Integument entspringende sehr langgezogene Zellen, deren Be- 
deutung ich als Suspensorien bestimmen möchte. (Fig. 14".) An 
grössern Exemplaren erscheint die mittlere Otolithenähnliche Bildung 
schärfer umgrenzt und bedeutend vergrössert, auch sind die Conturen 
der Stäbchen schärfer und bestimmter. (Fig. 14"'.) Li noch altern be- 
reits geschlechtlich differenzirten Formen von 8 bis 10 Mm. Länge ge- 
winnen die Lappen durch Ausbuchtungen und durch zarte peripherische 
Ausläufer eine unregelmässigere Gestalt. Im Innern ihrer Substanz 
treten mehrere blasenförmige Körper vom Aussehn grosser Zellkerne 
hervor, während die Begrenzung der centralen Stäbchenmasse ihre frü- 
here bestimmte Form verloren hat. Aus allem scheint mir für die 
Natur der merkwürdigen Anhangsgebilde hervorzugehn , dass sie nicht 





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Z. KENNTN. D. BAUES U. D. ENTWICKL. V. BRANCH. STAGN. ü. APÜS CANC. 136 

Drüsen, sondern Sinnesorgane sind, deren speciellere Bedeutung freilich 
unklar bleibt. Die grossen gewundenen Greifhömer der Männchen ge- 
hen in der Weise aus der frühem Schwimmfussantenne hervor, dass nach 
Verlust des Nebenastes der Zipfel des Hauptastes zu einem längern 
fingerförmigen Fortsatz (Fig. 19a) wird, an dessen Basis ein cylindri- 
scher Zapfen hervorwächst der sich zu dem muskelreichen cylindrischen 
und später gewundenen Greiforgan (b) umgestaltet. 

Abgesehen von den mehrfachen mehr auf die Besonderheiten der 
Entwicklung und Organisation bezüglichen Ergebnissen, die in der vor- 
ausgehenden kurzgedrängten Darstellung erörtert wurden, dürfte wohl 
durch die nähere Bekanntschaft vornehmlich mit den jungem Stadien 
der Entwicklung unsere Vorstellung von dem Verhältniss der grossen 
vielbeinigen PhyUopoden zu den Cladoceren einige Klärung gewonnen 
haben. Zunächst ist es eine nicht zu unterschätzende Thatsache, dass 
auch die Naupliusformen , denen man bisher nur 2 Extremitätenpaare 
zuschrieb , 3 Gliedmassenpaare besitzen und dies gilt nicht nur für Aptis, 
dessen Mandibularfuss bislang übersehen ward, sondern auch für die 
Larven der Limnadien und Estherien, denn auch hier fehlt keineswegs, 
wie man bisher glaubte, das vordere Paar gänzlich, sondern ist in ähn- 
licher Weise wie das dritte Gliedmassenpaar der jungen Achthereslarve 
als subcuticularer Wulst angelegt, an dessen Spitze eine lange Borste ent- 
springt. Wenn wir weiter sehen, dass die aus der Naupliuslarve her- 
vorgehenden Larvenzustände in der Zahl der Segmente und Gliedmassen 
jenen kleinen Entomostraceen mit 4, 5 beziehungsweise 6 Fusspaaren 
nahe stehen, so werden wir um somehr berechtigt sein, beiderlei Formen 
in nähere Verbindung zu bringen, als wir auch rücksichtlich der Mundes- 
gliedmassenzahl eine Uebereinstimmung finden. Während aber bei den 
Daphnien die im Embryo gegebene Anlage zur 2ten Maxille eine Rück- 
bildung erfahrt, tritt bei Apus und Branchipus die Anlage des 2ten 
Maxillenpaares später als die des ersten Paares auf, welches nun 
aber durch Bildung mehrfacher Lappen eine complicirtere Differenzirung 
gewinnt. Ebenso finden wir in der Gestaltung der jugendlichen mit den 
Ruderarmen der Daphnien nahe übereinstimmenden Gliedmassen des 2ten 






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136 



C. CLAUS, 



Paares und besonders in dem Auftreten der Schalendrüse morphologi- 
sche Uebereinstimmungen , welche zur Genüge darthun, dass die neuer- 
dings (E. y. Beneden) bezweifelte Zugehörigkeit der Cladoceren zur 
Phyllopodengruppe eine genetisch tief begründete ist. 

In dem Vorkommen zweier Paare von Drüsengängen, der Schalen- 
drüse und der an der Basis des zweiten Gliedmassenpaares ausmünden- 
den Schleifendrüse, glauben wir auch für die genetische Verwandtschaft 
der Entomostraken und Anneliden ein nicht unwichtiges Zeugniss ge« 
funden zu haben. 






Erklärang der Abbildungen. 

Taf. 1. 

Fig. 1. Naupliuslarve von Branchipus stagnalis, einige Zeit nach dem Aus- 
schlüpfen aus dem Ei. a. Antenne, b. Kuderfussantenne , deren Kieferhaken Kh 
und Hakenborste Hb. c. Mandibularfuss mit dem Kieferfortsatz K. Starke Ver- 
grösserung. 

Fig. 2. Zweites Stadium mit kegelförmig gestrecktem Abdomen, an dessen 
Basis sich 4 Segmente abschnüren. Mandibularfuss mit Kaulade. AD Antennen- 
drüse. DZ. Drüsenzellen in der Oberlippe. ED. Enddarm. Schwächere Ver- 
grösserung. 

Fig. 3. Abdomen des nachfolgenden Stadiums stark vergrössert. D Darmca- 
nal. ED Enddarm mit 4 Gruppen von Muskelfäden (M), Erweiterer des Darmlu- 
mens. Af Afteröffnung. LM Längsmuskeln. C Herz. C*, C*, C® die in der Ent- 
stehung begriffene 4te 5te und 6te Herzkammer. 

Fig. 3'. Muskel des Enddarms isolirt und stark vergrössert. 

Fig. 4. Etwas weiter vorgeschrittene Larve schräg von der Bauchseite ge- 
sehn. Gh. Gehirn. LM. Längsmuskeln der Oberlippe. RM. Ringmuskeln dersel- 
ben, ß. Blutkörperchen. G. Ganglien der Bauchkette. 

Fig. 4'. Dieselbe schräg von der Rückenseite gesehen, stärker vergrössert. 
Kw Dorsaler Band des Keimwulstes. 

Fig. 5'. Frontales Sinnesorgan einer etwas altem Larve, gz Ganglienzellen. 
k Kugliger Subcuticularwulst. 

Fig. 5". Gehirn und Sinnesnerven. 0* ünpaares Auge; — G. dessen Ganglion. 
nV paariger, n unpaarer Nerv desselben. paariges Auge. Gh Gehirn mit dem 
Augenganglion. Lebersäckchen an dem obern Ende durch einen Faden S am Auge 
befestigt. 

Taf. 2. 

Fig. 5. Larve von Br. torvicornis von ^4 Mm. Länge, schräg von der Rücken- 
seite gesehn, stark vergrössert. 0' ÜDpaares Auge. Paariges Auge. AD An- 
tennendrüse. DP Nackencontur. C Herz. C^ Anlage der 7ten Herzkammer. K* 
Dorsaler Rand des Keimwulstes vom 8ten Segment. 

Fig. 5'". Die rechte Bauchhälfte der Kiefer und Fusssegmente derselben Larve 
Mg' Vorderes Maxillarganglion. Mg^ Maxillarganglion des 2ten Paares. Mx' Maxille 
Fhys. Glosse. XVIII. ' S 






138 C. CLAUS, 

des ersten. Mx" Maxille des 2ten Paares, g'g^etc. Erstes, zweites etc. Fussganglion. 
p', p^etc. Erster, zweiter Schwimmfuss. 

Fig. 6. Schwimmfüsse und Abdomen einer altern Larve, p* Fünfter Fuss. 
br' br* Die beiden Branchialsäckchen. 

Fig. 6'. Das Ende des Keimstreifens derselben Larve mit der Anlage der 
Keimwülste des 8ten S® bis 12ten Segmentes S^K ZH Zellen der Hypodermis. Die 
Protoplasmaschicht im Umkreis der Kerne ist eine sehr spärliche. 

Fig. 6". Das Hinterende des Eückengefasses derselben Larve. C® 8te Herz- 
hammer. M Seitenmuskelfäden. C^, C^*^ Die Zellstränge am ßückenrande des 9ten 
und loten Keinawuistes, aus welchen sich die 9te und 10 te Kammer bildet. 

Fig. 7. Larve von Br. stagnalis von 1,2 Mm. Länge, von der Bauchseite ge- 
sehn. Fg^ Fünftes Fussganglion. Mx^ Erste}, Mx^ Zweite Maxille. 

Fig. 7'. Die 3 Kieferganglien und die obere Partie des ersten Fussganglions. 
Mg Mandibularganglion. Mx" Maxille des 2ten Paares. Mg' Vorderes Maxillargan- 
glion. Mg" Maxillarganglion des 2ten Paares. Fg' Vorderes Fussganglion. . 

Fig. 8. Furca einer altern Larve von V/s Mm. Länge. 
Fig. 8'. Kiefer und 1 Fussganglion derselben Larve. T Taster der vordem 
Maxille. Mx' Mx" 2te Maxille. 

Taf. ni. 

Fig. 8. Vorderkopf einer Branchipuslarve von iVs Mm. Länge, vom Bücken 
aus berechnet. Ma Matrix des Stilauges. N' Nackenorgan von unbekannter Be- 
deutung. L Leberausstülpungen des Darmes mit transversalen Muskelreifen. Fr 
Frontales Sinnesorgan. 

Fig. 9. Hintere Körperhälfte einer Br. torvicornislarve von 1,8 Mm. Länge. 
F® Fuss des 6ten Paares etc. S^S^^ etc. bezeichnen die Leibessegmente mit ihren 
seitlichen Tastborsten, g Ganglien der Bauchkette. 

Fig. 10. Hintere Körperhälfte einer Br. torvicornislarve von 2 Mm. Länge in 
einem spätem Stadium g^^, g^^ etc. Ganglion des lÖ. 11. Paares etc. gt Geni- 
talanlage. 

Fig. 10'. Die Segmente der 4 letzten Gaöglienpaare desselben Stadiums. 

Fig. 11. Die Ganglien der beiden Genitalsegmente im nachfolgenden Stadium 
2,25 Mm. Länge in seitlicher Ansicht, gt Genitalanlage. 

Fig. 12. Kopf einer Larve von fast 3 Mm. Länge. Die Borsten der Ruder- 
antenne verkümmert, gh Gehirn. M Aufwärtsziehn des Schlundes. M' Längsmus- 
keln des Auges. Md Mandibel mit Taster. Ob Oberlippe. Mx' Maxille des ersten 
Paares mit Taster. Mx'' Maxille des 2ten Paares. 





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Z. KENNTN. D. BAUES U. D. ENTWICKL. V. BRANCH. STAGN. ü. APÜS CANC. 1 39 

Taf. IV. 

Fig. ir. Gehirn und Sinnesorgane einer 2,2 Mm. langen Larve. ünpares 
Auge. Fr Fröntales Sinnesorgan. Ma Matrix für das Stilauge. M Schlondmns- 
keln. M' unterer Augenmuskel, a Oberes, c unteres und seitliches Ganglion der 
Bauchfläche, b Dorsales Lappenpaai* des Gehirns, n Nerv , welcher die Sinnesfäden 
der vordem Antenne versorgt, n' Muskelnerv^des ersten Antennenpaäres. . n"n"' Ner- 
ven der 2ten Antenne. 

Fig. 13. Kopf einer 3,2 Mm. langen Larve von der Ventralseite aus gesehn. 
a Erste Antenne, b Antenne des 2ten Paares nach Verlust der Ruderborsten mit 
5 Büscheln von Tasthaaren am Hauptast. Ob Oberlippe. Mx' Erste Maxille nebdt 
Taster Ta. Mx" Zweite Maxille. 

Fig. 13'. Schleif enförmige Drüse der rechten Seite vom Bücken aus gesehn. 
Fig. 13". ünpares Auge mit 2 Licht brechenden Körpern, g. Ganglion. n|n'. Nerven. 

Fig. 14". Nebenorgan der Bauchganglien mit der Gehörsäckchen ähnlichen Dif- 
ferenzirung von einem 3 Mm. langen Branchipus. 

Fig. 14'". Ganglien mit Nebenorgan eines grössern Thieres. 

Fig. 19. Antenne des 2ten Paares eines ganz jungen Männchens von Branchi- 
pus torvicomis. a. Der aus dem Hauptast hervorgegangene Griffel, der sich später 
zu einem längern Faden ausbildet, b. Neugebildetes cylindrisches Greiforgan, wel- 
ches sich mit dem weitern Wachsthum windet. M. Muskeln. 

Taf. V. 

Fig. 14. Ganglien des Genital - Doppelsegmentes eines Thieres von 3,5 Mm. 
Länge. 9** Zwölftes, 9^* Dreizehntes Ganglion. n Nervenstränge des Abdomens, 
gen. Genitalwülste. 

Fig. 14'. Ein Ganglion der Bauchkette, c Obere, c" Untere Quercommissur. 
M Obere Muskelgruppe. N Untere Muskelgruppe des Fusses mit den zugehörigen 
Nerven. 9' Drüsenähnliches Nebenorgan, Leydigs eigenthümliches Gebilde an dem 
Coxalgliede des Beines. 

Fig. 15. Antennen des 2ten Paares einer 3,5 Mm. langen weiblichen Jugend- 
form, a von der Seite, a' von der Fläche gesehen. 

Fig. 15'. Antenne einer 5 Mm. langen jungen männlichen Form. 

Fig. 16. Männchen von Branchiptis stagndlis ip seitlicher Lage. L Leber- 
schläuche. N Uhrglasförmiges Nackenorgan. M Mandibel. a Antenne des ersten 
Paares, b Greifantenne mit Nebenanhang. MD Magendarm. C Herz. T Hoden. 
P. Männliches Glied mit dem Ende des Vas deferens. A. Hinteres Ostium des Herzens* 

Fig. 17. Fuss desselben. Br Kiemensäckchen. Br Hinteres Branchialbiatt. 
L — L® Fusslappen. 

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140 C. CLAUS, Z.KENNTN. D. BAUES ü. D.ENTWICKL.V.BBANCH.STAGN. 

Fig. 18. Linke Schalendrüse einer Daphnia. aa' Innerer, bb' Aeusserer 
Gang einer Daphnia. B r. Darunterliegendes Kiemensächchen des ersten Beinpaares, 
welches den Eindruck eines Ampulleni'örmigen Nebensackes macht. 

Tat VI. 

Fig. lA. Eben ausgeschlüpfte Larve von Apus cancriformis. A von der 
Bauchseite aus gesehn. a. Antenne, b. Budergliedmasse (Antenne des 2ten Paares) 
c. Dritte Gliedmasse oder Mandibularfuss. MD Magendarm. L Leberschläuche. 
S Anlagen der 5 vordem Segmente des Leibes. 

Fig. 1 B. Dieselbe Larve vom Bücken aus gesehen mit Hinweglassung der 
Gliedmassen. N Bundliche Nackencontur. BS Bückenschild. 

Fig. 1 C. Dieselbe Larve von der Seite betrachtet. 

Fig. 2. Zweites Larvenstadium. A Von der Bauchseite. B von der Bücken- 
seite aus betrachtet. Fr Frontalorgan. Mx Maxille des ersten Paares. F Furca. 

Fig. 2 0. Die abgestreifte Haut dieses Stadiums. M Mandibel. Ob Ober- 
lippe. N Nackencontur p', p", p'" Erstes etc. Fusspaar. 

Taf. Vn. 

Fig 3. Drittes Larvenstadium von der Bauchseite aus gesehn, stark vergrössert. 
AD Antennendrüse. 

Fig. 3'. Ende des Hinterleibs mit der Furca. ED Enddarm. Z Gruppe von 
je 3 Zellen Chitinstab. B Blutkörperchen. 

Fig. 4. Viertes Larvenstadium von der Bauchseite. Die sog. Leber zeigt je- 
der seits schon 3 sackförmige Ausstülpungen. SD Schalendrüse. 

Fig. 4'. Kaurand der Mandibel. 

Fig. 4". Ende des Hauptastes der Buderantenne. 

Fig. 5B. Auge und frontales Sinnesorgan des 5ten Larvenstadiums von der 
Bückenseite gesehn. N Vorderrand der Nackencontur. L Wandung des Darmes 
und der Leberausstülpungen, n Nerv des frontalen Zapfens z. Pigment des paa- 
rigen Auges. 

Fig. 5 C. Dasselbe von der Bauchseite. 0' ünpaares Augengigment. Gh Gehirn. 

Taf. Vni. 

Fig. 5. Fünftes Larvenstadium. G Ganglienkette. S" Eilftes Segment. Mx 
Zweite Maxille. 

Fig. 6. Vorderdarm. Herz und Schalendrüse einer Larve des 6ten Stadiums. 
L Leberschläuche, ar Seitliche Arterien der vordem Kammer, o Vorderes Ostium 
derselben. C Herz. SD Schalendrüse. M Contur der Mandibel. BS Hinter- 
rand des Bückenschildes. MD Magendarm. 

Fig. 6'. Mundwerkzeuge desselben Stadiums. M Mandibeln. Mx' MaxiUen 
des ersten Paares mit ihren Vorderlappen Lo. Mx" MaxiUen des 2ten Paares. 
P Zapfenförmige Erhebungen, auf denen die Schalendrüse mündet. T Best des 
Mandibulartasters. 

Fig. 7. Füsse des Uten (HF) und 12ten(12F) Paares einer weiblichen Larve 
mit 2 Mm. langen Bückenschilde. Br Branchialsäckchen. Fp Fach erplatte. 

Fig. 8. Erstes Fusspaar einer Larve mit 27» Mm. langem Schilde. 

Fig. 8'. Eilftes Fusspaar derselben. L' Kieferlappen. L" — L^* Zweiter bis 
sechster Lappen. 



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KASPER HOFMAN, EIN DEUTSCHER KÄMPFER etc. 143 

Eine andere kurze Notiz theilte er im Jahre 1646 mit, indem er 
bemerkte, dass er im Jahre 1625 zur Verbesserung des Galen's sich 
gewandt habe^). 

Als die eröflFheten Aussichten zur Herausgabe sich zerschlugen, Hess 
er es zwar am Vervollständigen und Verbessern nicht fehlen , aber die 
Freude daran verwandelte sich in Wehmuth. 

Je älter er wurde und keine Möglichkeit sah die Hauptarbeit meines 
Lebens der Oeffentlichkeit zu übergeben, desto mehr erfüllte ihn eine 
drückende Sorge um sie, sowie der Wunsch, dass es wenigstens von 
anderer Seite geschehen möge. 

Im Jahre 1638 klagte er, dass in Deutschland weder noch eine 
Literatur existire, noch Beschützer derselben ; Krieg, Pest, Hunger hätten 
Alles zerstört^). 

Im Jahre 1645, als eine eingetretene Lähmung seiner rechten Seite 
ihn am Thun hinderte und schwächte, bekümmerte ihn tief die Frage, 
was wohl, nach seinem Tode, aus seinem Galen werde ö). 

Um von seiner Seite nichts zu unterlassen, übergab er 1647, viel- 
leicht im Vorgefühle seines nahen Scheidens, was er über den Perga- 
mener besass, zur weitem Besorgung, seinem Schüler J. G. Volckamer^j; 
das Jahr darauf starb er. 



4) Vorrede zu seiner Ausgabe von Galen's Methodus medendi, wo es heisst; 
conversus ad emendationem Galeni, a Wechelis Francofurtensibus mihi oblatam. 

5) In einem Briefe an Jac. Zeaemannus vom 20 Juli 1638 äussert er: In Ger- 
mania yix Uterae sunt et literarum Patroni; adeo Marte, fame, peste diruta sunt 
omnia. Bei Georgii Richteri [Procancellarius der Universität Altdorf f 1651. 
M. vergl. über ihn S. J. Apini Vitae et Effigies Procancellariorum Acadeiniae 
Altorfinae. Norimb. 1721. 4. p. 20—^62.] ejusque Familiarium, Epistolae selectiores. 
Norimbergae. 1672. 4. p. 807. 

6) In einem Briefe an G. Richter im Oct. 1645 (ebend. p. 272): Indies magis 
magisque debilitat me paralysis dextra. Quid post mortem meam futurum sit de 
Galeno meo? 

7) Dieser sagt in seiner Rede über Hofman (bei dessen Galeni methodi sani- 
tatis tuendae Libri VI. Francof. 1680. 4. p. 29): Cum naturae debitum se 



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144 K. F. H. MARX, 

Das damals in Nürnberg befindliche medicinische CoUegium ver- 
fasste , um auf den Werth der hinterlassenen Manuskripte , als auf ein 
in seiner Art einziges Werk, aufmerksam zu machen, ein äusserst gün- 
stiges Urtheil über dieselben ^) , allein es blieb unbeachtet. 

Die von Volckamer aus Pietät unternommenen und mit Eifer betrie- 
benen Versuche, einen Verleger zu gewinnen, hatten keinen Erfolg, und 
da auch er vom Tode abberufen wurde, so schwand die Hoffnung zur 
Herausgabe so sehr, dass die Erben zur Veräusserung sich entschlossen. 

Den ganzen Schatz boten sie um den Spottpreis von 80 Gulden 
zum Kauf feil, aber es fand sich in Deutschland kein Käufer; erst etwas 
später in England D. Anton Askew, der jedoch leider, kurz nach Em- 
pfang der Sendung, 1773, verschied. 

So wurde Hofman mit seinem unerfüllten Herzenswunsche begraben, 
und das, was er als ein Besitzthum für immer ansah, das gelangte in 
eine ferne verwaiste Bibliothek als unbeachtete, unbenutzte Masse. 
Aber, auch ohne den Besitz des Zeugnisses seiner Hauptthätigkeit, scheint 
es, seiner sonstigen Arbeiten wegen, Pflicht, der wissenschaftlichen Me- 
dicin seinen Namen in dankbarem Andenken zu bewahren. 



persoluturum metueret, gravi affectu linguae paralysi, per literas, me sibi successorem 
exoptans declaravit. 

8) Dieses von Decanus et CoUegium Medicum Reipublicae Norimbergensis vom 
6. März 1651 lautet: . . ut admirandum et pene stupendum Galeni opus Oraeco- 
Latinum, quasi supra vires et hominum captus, ex variis lectionibus concinnare, 
Interpretum selectissimorum, tam impressorum, quam manuscriptorum , sententias 
consarcinare, ac in decem sectiones, sive volumina, pulcherrimo, et, ad artem Medieam 
perdiscendam , aptissimo ordine dirigere potuerit. In quibus, ut avpzofnog dicamus, 
Novas quidem sententias et opiniones Interpretum temere non rejecit; nee veteres, 
sine causa, castigayit; detersis erroribus typographicis, qui in editionibus per Juntam, 
Frobenium, caeteros, irrepserant; resectis quinetiam libellis nothis, qui vel ipsi 
Galeno nostro, vel Hippoerati, falsa fuerunt adscripti: additis locis parallelis, ac 
indice copioso , tanta quidem dexteritate ac indcfesso labore , ut omnibus iis, qui in 
operibus Galeni unquam desudarunt, palmam facile praeripuerit. S: Jo. JacBaieri 
Biographiae Professorum Medicinae qui in Aeademia Altorfiana unquam vixerunt. 
Norimbergae et Altorfii. 1728. 4. p. 64. 



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EASPEB HOFMAN, EIN DEUTSCHER KÄMPFER etc; 145 

§• 2- 
Sollte wohl in unserem Yaterlande noch jetzt, bei dem tiefen Frie« 

den, bei keiner Störung durch Seuchen und bei dem verbreiteten allge- 
meinen Wohlstande eine solche ähnliche Rücksichtlosigkeit auf einen 
Schatz gelehrter ärtzlicher Forschung, wie die vor 100 Jahren b^angene, 
möglich seyn? 

Eine Antwort auf diese Frage giebt, abgesehen von dem möglichen 
Ankaufe eines reichen Liebhabers von Curiositaten , zunächst das vom 
Reichstage erlassene Gewerbegesetz für die Aerzte; dann die Thatsachen, 
dass der grösste Theil der Mediciner die Beschäftigung mit den alten 
Autoren für Zeitverlust hält; dass Schriften, die sich damit befassen, 
Ladenhüter und Maculatur werden, und dass auf Universitäten angestellte 
Lehrer für Geschichte der Medicin mit der Laterne zu suchen sind. 

Aus einer gewissen Beachtung der Tradition, vielleicht auch aus 
Schamgefühl, im Vergleich mit der historischen Bearbeitung anderer 
Doctrinen, wohl auch aus dem kühnen Anlauf des einen oder andern 
jungen Lehrers, finden sich zwar in den gedruckten Prälections- Verzeich- 
nissen solche Vorlesungen angekündigt, allein dabei hat es sein Bewenden. 

üebrigens ist in dieser Sphäre Schein von Wahrheit zu unterschei- 
den, denn nur zu oft verhalten sich die angeblichen Repräsentanten als 
Adler in Worten, Grasmücken in Thaten. 

Gesetzt aber auch, es fänden sich derartige Lehrer mit gediegenem 
Wissen, voll Liebe und Hingebung für selbständige, tiefe Forschung, 
selbst mit anziehendem Vortrage, würde ihnen von den Collegen und 
Studierenden die gehörige Anerkennung gezollt und es ihnen, gegen die 
herrschende Strömung, möglich werden, nicht blos vorübergehend, son- 
dern dauernd, Sinn und Eifer für das Studium der Geschichte zu wecken? 

In Betreff der Jugend wäre vielleicht ein günstiges Prognosticon zu 
stellen , nicht aber in Betreff der altern Fachmänner , denn diese sind 
von dem, was sie treiben und für durchaus unerlässlich erachten, so 
eingenommen, dass sie jede überflussige Vornahme für eine von der 
eigentlichen Aufgabe ableitende, die Zerstreuung begünstigende, Lieb- 
haberei von sich weisen und abrathen. 
Phys. Glosse. XVIII. T 






* 



146 E. F. H. MARX, 

Das brauchbare Alte» behaupten sie, sey in das Neue organisch 
ißbergegangen , und da man in der Vergangenheit Ton exacten Untersu- 
chungen keine Ahnung gehabt habe, so wären die überlieferten, mit 
wenigen Ausnahmen , werthlos.'v^ Erst in der Gegenwart habe man , im 
Gebiete der Sinnlichkeit, die^Wege entdeckt, um die Natur der Dinge 
zu ergründen, feste Gesetze zu ermitteln und so zur Wahrheit zu 
gelangen. 

Der Pedantismus in der Medicin, das blosse Bücherwissen hätten 
lange genug sich behauptet; Dogmen statt der Versuche wären sattsam 
in Geltung gewesen; der angehende Arzt habe nicht sanctionirte Aus- 
sprüche , halbwahre Sätze , die Ergebnisse unvollständiger Beobachtungen 
zu lernen, sondern ausgemachte Thatsachen und sicher leitende Erfah- 
rungen. Er müsse die Besultate der strengen Untersuchungen, welche 
nach den neuesten Methoden, mit den zuverlässigsten Apparaten gewon- 
nen wurden, sich aneignen. 

Er könne, um dazu zu gelangen, nicht genug mathematisches 
Wissen erwerben zur Erklärung wichtiger organischer Vorgänge oder 
zum Verständnissse selbständiger Lehrgegenstände, wie der Ophthalmie, 
zur Abfassung der Statistik etc. 

Eine genaue Einsicht in die Physik sey ihm unentbehrlich, sowie 
auch eine Uebung in Anwendung der Electricität, des Magnetismus, des 
Galvanismus, der Luftarten etc. 

Der Chemie habe er sich nicht nur in allen ihren Theilen zu be- 
mächtigen, sondern er müsse eine Leichtigkeit und Sicherheit in der 
Vornahme von Analysen erlangen. 

Dass er mit dem Mikroskop gehörig umzugehen vermöge, verstehe 
sich von selbst. 

Von Botanik, Mineralogie, Zoologie, vergleichender Anatomie müsse 
er gründlich Bescheid wissen. 

Vernachlässigung der Pharmacie und Pharmakognosie sei ihm nicht 
zu gestatten. 

Die Klimatologie und medicinische Geographie dürften ihm nicht 
fremd bleiben. 



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KASPER HOFMAN, EIN DEUTSCHER KÄMPFER etc. 



147 



Arzneimittellehre, Receptirkunst, Balneologie, Diätetik, Semiotik 
habe er gründlich zu umfassen. 

Anatomie mit Secirübungen , Physiologie, Entwicklungsgeschichte, 
pathologische Anatomie, allgemeine Pathologie und Therapie müsse er 
eingehend sich zu eigen machen, und die Abschnitte von der Ansteckung, 
von Endemieen und Epidemieen besonders vornehmen. 

In der Toxikologie, in der gerichtlichen Medicin, in der Staats- 
arzneikunde, selbst in der Veterinärwissenschaft, dürfte er kein Fremd- 
ling bleiben. 

Bei der speciellen Pathologie und Therapie habe er ein hauptsäch« 
liches Interesse zu verwenden auf Psychiatrie, auf die Krankheiten des 
Herzens und der Athmungsorgane. 

Die Chirurgie fordert, dass er bewandert sei im Aetherisiren, in der 
Instrumenten- und Bandagenlehre, und in der geschickten Ausführung 
von Operationen. 

Zur Geburtshülfe habe er sich durch häufiges Touchiren sowie durch 
Manipulationen am Phantome für die Zulassung zu Kreisenden vorzubereiten. 

Vor dem Besuche der medicinischen , chirurgischen, ophthalmiatri- 
schen, geburtshülflichen und psychiatrischen Klinik müsse er sich als 
Auskultant im Gebrauche des Stethoskops und der verschiedenen Spe- 
cula üben und auf Diagnostik die gröste Sorgfalt verwenden. Je länger 
er als Praktikant seinen Eifer zeige, desto besser. 

Dass solchen zahlreichen und lauten Competenten gegenüber das ein- 
zelne, leise Gesuch für das Studium der alten Aerzte und der Klassiker 
unbeachtet bleibt, ist erklärlich. Der sie gern empfehlen und fördern 
möchte, verharrt passiv, um nicht für unpraktisch, die Forderungen der 
Gegenwart verkennend, gehalten zu werden. 

§. 3. 
Besonnene Ueberlegung zeigt, dass im Leben wie in der Wissen- 
schaft nicht nur das Nützliche, sondern auch das Angenehme seine Be- 
rechtigung habe und dass es eine Wohlthat sei beide zu verbinden. 

Der gewöhnliche Erziehungsplan der Aerzte ergiebt sich als blos 

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148 



K. F. H« MARX} 



fSr die Ausbildung der Künstlerschaft angelegt, nicht für die der Hu- 
manität, obgleich nur durch die Vereinigung beider ein harmonisches Seyn 
und Wirken ermöglicht wird. In Behandlung der Krankheiten ist der Kenner 
des menschlichen Herzens häufig glücklicher, als der Kenner der Natur. 

Wem es versagt bleibt durch die griechischen und römischen Dichter, 
Geschichtschreiber, Tragiker, erquickt zu werden, oder der es unterlässt 
mit den Werken des Hippokrates sich näher vertraut zu machen, der 
mag am Krankenbette noch so brauchbar erscheinen, seinen Gefühlen 
und seiner Beurtheilungskraft entgehen edle Grundbedingungen. 

Die Behauptung, dass die erstaunlichen nothwendigen Anforderungen 
des Fachs jede anderweitige Thätigkeit ausschliessen , ist von dem zu 
widerlegen, welcher den Werth der Stunden, die Macht der concentrirten 
Sammlung, steter Aufmerksamkeit und des gewissenhaften Fleisses kennt. 

Wünschenswerth wäre es vom modernen Aeskulapiden nicht zu 
viel von solchen Gegenständen zu verlangen, die er mit Mühe erlernen 
muss , um sie später wieder zu vergessen , denn bei vorgeschriebenen, 
innerlich nicht zusagenden, wandelt sich, wenn die Examina überstanden 
sind, die Opposition gegen jene in völlige Gleichgültigkeit und Vernach- 
lässigung um. 

Früher war das anders, und hoffentlich kehrt die Zeit zurück, wo 
man das multa in multum wieder umtauscht. Doch vorerst bleibt nur 
übrig dem Auswendiglernen und der sinnlichen Beobachtung eine 
geistige Unterhaltung anzureihen. 

Geschieht die Darstellung einer Doctrin mit Entwicklung ihrer Ge- 
schichte, unter Hinweisung auf die Wirkungsthätigkeit und das Schicksal 
der verdienstvollsten Männer, in sinniger, gedankenreicher Weise, so ent- 
stehen dadurch Wurzeln, welche eine Dauer versprechen, und je mehr 
die Aufnahme mit lebendiger Theilnahme geschieht, um so leichter wird 
sie ein Theil des individuellen Denkens und Handelns. 

Da nun kein Volk der Erde für das rein Menschliche so viele Hin- 
weisungen und Anhaltpunkte lieferte, wie das griechische, so erscheint 
schon aus diesem Grunde ein Einblick in ihre Ueberlieferungen höchst 
empfehlenswerth und belohnend. 




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KASPER HOEMAN, EIN DEUTSCHER KÄMPFER etc. 14t 

Der Mensch heisst bei ihnen der Aufwärts schauende {txr&^wnos). 
Wie sie mit einem heitern, genialen Blick nach Schönheit der Form 
strebten, so auch nach Veredlung des Lebens, nach Simplicität, sicherem 
Wissen und nach dem Ethischen. 

Das Wirkliche lieferten sie scharf und bestimmt, gereinigt vom 
Ungehörigen und Phantastischen. Ihre Zeichnungen sowohl der gesunden 
wie kranken Zustände bestehen in den treuesten Schilderungen. Und 
da in ihren Untersuchungen stets das Bemühen vorherrscht das Gemein-» 
schaftliche vom Besondern, das Regelmässige vom Abweichenden, das 
Zufällige vom Gesetzlichen, das Stetige vom Willl^ührlichen , das We- 
sentliche vom Gleichgültigen zu unterscheiden, so haben die grösten 
Aerzte nach ihren, durch präcisen Ausdruck des Beobachteten und Ge- 
dachten, unvergleichlichen Mustern sich gebildet. Deren beste Arbeiten 
keimten und wuchsen auf dem Boden der alten Ueberlieferungen , und 
ohne diese Treiberde hätten sie nimmermehr den entscheidenden Einfluss 
auf Mit- und Nachwelt erlangt. 

§• 4. 

Das Wiederaufblühen wissenschaftlicher Bildung nach 
langer Dauer durch den Druck uncultivirter Völkerschaften, durch Er- 
oberungskriege, ungenügende Staatseinrichtungen etc. wurde, mehr als 
durch die Ausbreitung des römischen und canonischen Rechts, durch die 
Wiederbelebung der griechischen und römischen Classiker 
vermittelt. 

Diese brachten in das Leben wie in die Schule neue belebende 
Elemente , den Antrieb zu freierem Denken, zu selbständiger Forschung 
und zur Erweiterung der Gesichtspunkte. 

Das Wenige, was von jenen in den Kirchenvätern sich findet, war 
nicht hinreichend befruchtende Saamen auszustreuen; ihnen selbst nur 
war es beschieden die heilsamen Wirkungen hervor zu rufen. 

Wie kräftige Reitzmittel Nerven und Blut erregen, so brachten sie 
energisches Streben in die empfanglichen Gemüther. 

Gelang es ja selbst den Humanisten , welche als Secretaire in der 






150 E. F. EL MARX, 

Curie angestellt waren, statt des herkömmlichen amtlichen Styls, klassi- 
sches Latein zu gehrauchen, und am Sitze der Heiligkeit allmälig den 
Sinn für die schöne heidnische Sprache in dem Maasse zu wecken, dass 
sogar Päbste eifrige Sammler, Leser und Veranstalter von Uebersetzungen 
der alten Autoren wurden. 

Enea Silvio de Piccolomini (später Pabst Pius II, f 1464) unterliess 
nicht , solange er in Deutschland sich aufhielt , denen , mit welchen er 
verkehrte, Interesse für humanistische Studien beizubringen. 

So Grosses auch vom Mittelalter geschaffen und so Trefdiches in 
den Klöstern, namentlich der Benedictiner, bewahrt und benutzt wurde, 
die Naturkunde und die damit eng verbundene Medicin • blieb wenig ge* 
fördert, schon deswegen nicht, weil nur für die Kräftigung des Glaubens» 
auch an die Wunder, Sorge getragen, dadurch aber strenge Prüfung ge- 
nueden und, bei der Vorliebe für scholastische Spitzfindigkeiten, kein 
Werth auf Sachkenntniss und Ergründung der natürlichen Dinge gelegt 
wurde. 

In dem Benedictiner Kloster Monte Cassino, wo der in den griechischen 
Schriften bewanderte Constantin aus Carthago, der Afrikaner, gestorben 
war, und wo, wie in ähnlichen Stiftungen, die ehrwürdigen alten Manu- 
skripte aufbewahrt und abgeschrieben wurden, entwickelte sich allmälig, 
durch Vereinigung mehrerer trefflicher Aerzte, die stille Stätte zur Pflege 
des Wissens zur berühmten Schola Salernitana, der Civitas Hippocratica. 
Das dort verfasste und Robert, dem Sohne Wilhelm des Eroberers, ge- 
widmete diätetische Lehrgedicht in Leoninischen Versen (Ilegimen sanitatis 
Salerni) erlangte eine weite Verbreitung. 

Gesetzlich musste in der Anstalt ein Student erst 3 Jahre mit der 
Philosophie sich befasst haben, bevor er den 5jährigen Cursus der Me- 
dicin beginnen konnte ^). 

Die nach der Einnahme Konstantinopels durch die Türken geflohenen 
Gelehrten fanden in Italien eine um so willkommnere Aufnahme, als 



9] H. Gonring De Antiqnitatibns acad. Gotting. 1739. p. 61. J. G. W. 
Möhsen Gesch. der Wissensch. in der Mark Brandenburg, besonders der Arznei* 
Wissenschaft Berlm. 1781. 4. Th. 2. S. 297. 





1". 



CASPER HOFMAN, EIN DEUTSCHER KÄMPFER etc. 



151 



selbst in den dortigen Städten das Bedürfhiss nach Belehrung sich regte. 
Wurde ja Manuel Chrysoloras [f 1415] in Florenz, wo früher für Pe- 
trarca eine Facultät der schönen und freien Studien in Aussicht genommen 
war, als Lehrer der griechischen Sprache angestellt. 

Die Ausgewanderten aus Byzanz verbanden das Hellenenthum mit 
dem Abendlande. In Florenz schien Athen wieder erstanden zu seyn. 

Durch Entdeckung der Buchdrucker kun st (schon 1455 erschien 
zu Mainz die Gutenberg'sche Bibel) wurden die Schätze des Alterthums, 
welche sich bis dahin als Manuscripte oder als Vervielfältigungen der 
Scriptoren lö, nur im Besitze weniger Begünstigter befanden, Gemeingut, und 
die Aerzte, welche blos auf arabische, persische, syrische, hebräische 
Uebersetzungen der von ihnen hochgehaltenen Werke angewiesen waren, 
gelangten zu den Quellen selbst. 

Vor Entdeckung der Buchdruckerkunst mussten sich die Schüler 
an das halten, was ihnen von ihren Lehrern dictirt wurde; daher schwuren 
sie in verba Magistri; das änderte sich, nachdem sie die gedruckten 
Schriften von verschiedenen Meistern vergleichen konnten. Je mehr 
ihre Einseitigkeit sich verlor, desto mehr erreichten sie eine eigene, 
selbständige Beurtheilung. 

Der Fresse gelang es , durch den ermöglichten raschen Austausch 
der Ansichten und Urtheile, eine öffentliche Meinung wenn nicht zu 
schaffen, doch auszubilden. 

Der erwachte Sinn für die Reinheit der Sprache verbreitete sich 
mit Macht, und als Autoren, wie Cicero, allgemein gelesen wurden, hörte 
das Mönchslatein auf zu munden; die Barbarismen wurden seltner. 

Je mehr in den Geist der zugänglichen alten Schriften eingedrungen, 
diese von den Verhüllungen des Mittelalters, den Zusätzen imd Um- 
schreibungen befreit und durch Kritik das Aechte vom Unächten ge- 
schieden und der Geschmack veredelt wurden, desto mehr nahm nicht 

■ 

nur die Verehrung für die Quellenschriftsteller zu, sondern auch die 
Einsicht, dass sie Kunstwerke seyen. 



10) Die Kunst zu schreiben blieb lange blos ein Vorzug der Gebildeten , d. h. 
der Geistlichen, weswegen sie auch die geistliche Kunst (ars clericalis) genannt wurde. 



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152 E. F. H. MARX, 

Nachdem die drückende Autorität der Araber gebrochen, die dfirre 
Scholastik der Arabisten aufgegeben, nicht blos den Sätzen des Aristo- 
teles, sondern auch dem Verstände Rechte eingeräumt, die engen Mönchs- 
schulen in öffentliche gelehrte umgewandelt, die mittelalterlichen be- 
schränkten Schulbücher durch bessere ersetzt waren, tauchten, gegen 
frühere Zeit, an verschiedenen Orten viele erleuchtete Männer auf, weiche 
aber, je nach ihrem geistigen Standpunkte und ihren Zwecken, dem 
Ueberlieferten oder dem Neuen sich zuwandten und mit Leidenschaft 
ihre Farthei vertheidigten. 

Man nannte die Kämpfer für das Alte Theologen, die für das Neue 
Juristen oder Porten, die, welche Medicin und freie Künste trieben« 
Artisten. 

Zur Stütze des Erlemens natürlicher Erscheinungen diente für die 
Physik Aristoteles , für Naturgeschichte im Allgemeinen Plinius , für 
Botanik Theophrast, für Zoologie Aristoteles. 

Diese Bücher mussten aber erst von den ungehörigen Zuthaten» 
welche sie erfahren hatten, befreit und verständlich gemacht werden« 

Diejenigen, welche die Bedeutung der sinnlichen Erfahrung wfir-* 
digten, hielten sich vorzugsweise an Aristoteles und Plinius, die aber» 
welche der Speculation zuneigten und an einem philosophisch bearbeiteten 
Material Gefallen fanden, an Galen. 

Die im Dioscorides enthaltenen Schätze von den Heilmitteln konnten 
erst gehoben werden, nachdem derselbe in seine ursprüngliche Gestalt 
hergestellt, die Namen der abgehandelten Gegenstände gut gedeutet und 
eine Uebersetzung geliefert worden war, welche das richtige Verständniss 
erleichterte. 

In dieser Beziehung sind die Bemühungen des Secretairs der Repu- 
blik Florenz, des Liebhabers der Pflanzenkunde, Marcellus Yergilios 
[f 1521] dankbar zu erwähnen. 

In Beziehung auf Annahme und Verbreitung richtiger Vorstellungen 
mussten die mannigfach ererbten und festgehaltenen Vorurtheile, die 



*' 



CASPAR HOFMAN, EIN DEUTSCHER EÄBIPFER etc. 158 

Hin Weisungen auf Thaumatologie und Magie, der Glaube an Talismane 
etc. erst getilgt werden, bevor von der Aneignung gesunder Begriffe» 
sowie von Entdeckung neuer Wahrheiten die Rede seyn konnte. 

Solange noch die Urtheile über das individuelle Schicksal nach den 
Aspecten bei der Geburt, also die Nativitäts- und Horoskopsberech- 
nungen ^ ^) , mehr galten als die Ueberlegungen und Aussagen der Ver- 
nünftigsten , vermochte die Anerkennung der besseren pertönlichen Ein- 
sicht nicht zum Durchbruch zu kommen. 

Um die Reinigung des Plinius, Verbesserung hindernder ITebelstände 
und Greltendmachung reeller Kenntnisse erwarb sich die grösten Ver- 
dienste der hochgebildete Nicolaus Leonicenus [f 1524]. Mehrere Schriften 
des Hippocrates, Aristoteles und Galenus übertrug er mit Erläuterungen 
in das Lateinische. In seiner Jugend bis zum SOten Jähre an Epilepsie 
leidend , erlangte er dann , in Folge einer angemessenen Lebensweise» 
vollkommene Gesundheit bis in sein 96tes Lebensjahr. 

Wie für sich selbst, so beseitigte er für die Arzneikunde unerfreu- 
liche, gestörte Beziehungen. 

§. 6. 

Ein Ereigniss, welches durch Selbstdenken, unabhängiges Prüfen, 
muthvoUe Gedanken hervorgerufen wurde und den wohlthätigsten Ein- 
fluss auf die Ausdehnung selbstgewählter Forschung wie eines begeisterten 
Strebens nach tieferer Erkenntniss ausübte, war die Reformation. 

Durch sie gelangten der Vernunftgebrauch, die selbstbewusste Ein- 
sicht und Ueberzeugung zum Sieg über das Gebundenseyn an Formel- 
wesen und traditionelle, aufgedrungene Vorschriften. Der Gewissenszwang 
wurde gebrochen. 

Schien bis dahin das Zusammenleben im höheren Dienste Aufgabe 



11) Sogar der Arzt Marsilius Ficinus [f 1490], der üebersetzer des Plato, 
glaubte so fest an die Astrologie, dass er in seinem Buche de vita hauptsächlich 
solche Rathschläge ertheilt, wie man durch jene Hülfe Gesundheit und langes Leben 
erhalten kann. 
Fhys. Classe. XFIII. U 







154 



E. F. H. MARX, 



des Daseyns, so wollte nun der Einzelne sich und äussere Zwecke zur 
Geltung bringen. 

Die gelehrte Bildung wurde aus der kirchlichen zur weltlichen« 

Entgegengesetzt den nach hierarchischen Prinzipien eingerichteten 
Schulen wurden die Universitäten Gelehrtenrepubliken. Und in die Scha- 
len, wo bis dahin nur ein einschläferndes Formelwesen getrieben wurde, 
drang das Bedürfniss die Urtheilskraft zu entwickeln, die Phantasie zu 
beleben, die Beobachtungsgabe zu üben, den Erfindungsgeist zu wecken. 

Was aber noch weit tiefer in die Gemüther Wurzel schlug imd 
den Gedankenkreis erweiterte, das war das Gefühl, dass auch die unsicht- 
bare Kirche eine Macht besitze. 

Der individuelle Geist wurde aus dem hierarchischen Despotismus 
erlöst 

Was der Welt, unter dem Gewände der Religion und mit dem 
Stempel des päpstlichen Ansehens bekräftigt, angeboten wurde, das hatte 
sie, lange genug, als höhere Gebote, gläubig hingenommen; nun kam es 
zum Zweifel und zur Erwägung. 

Dadurch, dass man der Kritik ein unbedingtes Becht einräumte, 
fühlte sich die Wissenschaft unabhängig. 

Wie schwer es übrigens selbst den Gebildeten wurde von ererbten 
Vorurtheilen sich zu befreien, klar zu denken, rein menschlich zu fühlen 
und zu handeln, das zeigten die Scheiterhaufen, welche immer noch 
errichtet wurden, um kranke oder irregeleitete Personen, die man Hexen 
nannte, zur Ehre Gottes zu verbrennen, sowie die blutigen Streitigkeiten 
um Worte und Gebräuche, die man für Beweise der Religiosität ausgab, 
und wobei sich deren Vertreter wechselseitig verketzerten und verfolgten. 

Die Pflege der Humaniora, die Bücher, welche Luther die stummen 
Meister hiess, hatten das Ihrige zum Unterricht der Befreiung beigetragen, 
und zugleich den Beweis geliefert, dass die ethischen Grundsätze der 
antiken Welt mit denen des Christenthums zu vereinigen seyen. 

Auf Anlegung guter Bibliotheken (Librareien) wurde gedrungen. 

Philipp Melanchton, der praeceptor Germaniae, welcher neue Bahnen 
eingeschlagen, blieb auch für die Medicin nicht ohne Einfluss. Er hatte 




CASPER HOFMAN, EIN DEUTSCHER KÄMPFER etc. 155 

in Tübingen medicinische Vorlesungen besucht , den Galen studirt ^), 
und in Wittenberg Vorträge über die Alexipharmaca von Nicander 
gehalten ^5). 

unter seinen Zuhörern erhoben sich Johannes Kraft (Crato von 
Kraftheim) und Valerius Cordus ^^) zu einflussreichen Celebritäten ; jener 
hauptsächlich als Praktiker, dieser als Commentator des Dioscorides. 

Als der Blick nicht mehr auf den Buchstaben gebannt blieb, sondern 
spähend die Natur selbst betrachtete und die Objecto untersuchte, wurden 
nicht nur die einzelnen Reiche der Schöpfung selbständig bearbeitet, 
sondern auch Fragen der Scheidekunst in den Kreis wissenschaftlicher 
Thätigkeit gezogen. 

Gegen die Einführung mineralischer Arzneimittel, chemischer Prä- 
parate, namentlich durch Theophrast von Hohenheim, den sogenannten 
Peracelsus, sperrten sich zuerst die Anhänger der herkömmlichen Heilungs- 
lehre, wodurch sich ein Streit entspann zwischen den Galenisten und 
Paracelsisten, der jedoch nur wohlthätige Folgen hatte. 

Indem nemlich die Frage zur Entscheidung drängte, ob die herr- 
schenden Krankheiten, welche für neue ausgegeben wurden, in den alten 



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12) Medicam artem non neglexit , sed et hie Professores ejus docentes audivit 
studiose, et Galeni libros cum propter linguam et methodum, tum propter rerum 
cognitionem ita legit, ut sententiam autoris sit consecutus et pleraque memoriter 
recitare potuerit, ^sque rei specimen dedit in libello de Anima. Inde absque 
jaetantia ad Leonh. Fuchsium scribere potuit (Tom. Lugd. Epp. p. 271): Etsi non 
exerceo Medicinam, tarnen cognitio medelectat, ex qua quidem ad meum usum etiam 
aliquid transfero. Itaque tuus libellus ita mihi notus est, ut ungues mei. S. Joa- 
chimi Camerarii De Vita Philippi Melanchtonis Narratio. Kecens. Strobelius. 
Halae. 1777. 8. p. 15. 

13) Crato schrieb, als er Leibarzt des Kaisers Ferdinand war, aus Breslau an 
Conrad Gesner im Jahre 1559 (gleich nach dessen Vorrede zu seiner Ausgabe der 
Werke des Valerius Cordus. Argentorati. 1561. fol.): In familiaritatem ejus deveni 
ante annos viginti, cum uterque nostrum audiret Philippum Melanchtonem explicantem 
Nicandri Aleidpharmaca. 

14) M. s. über ihn meinen Aufsatz in meinen Beiträgen zur Beurtheilung von 
Personen, Ansichten und Thatsachen. Göttingen. 1868. 8. S. 70 — 75. 

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156 E. F. H. MARX, 

Autoren sich gar nicht erwähnt fönden, und ob dieselben mit den be» 
kannten Mitteln geheilt werden könnten oder nicht, wurden die Schriften 
der Vorzeit auf das genaueste durchgemustert, und die therapeutifcha 
Anwendung der empfohlenen chemischen Arzneisubstanzen musste mit um 
80 grösserer Vorsicht durch Vermeidung unzweckmässiger Präparate und 
zu starker Gaben geschehen, als der Gebrauch des Quecksilbers und 
Spiessglanzes eine Zeitlang von den Kegierungen verboten worden war. 

§•7. 

Die Deutschen , von den Ausländern, vorzugsweise von den Itali&r 
nern^^), aber auch von den eigenen Landsleuten ^^, als bloss den Sinnes- 
genüssen ergebene Barbaren aufgeführt, bewiesen durch ihre Werke, dass 
sie, im Vollgefühle ihres wahren Gehaltes, auch in der feinem, klassi- 
schen Bildung, hinter andern Nationen nicht mehr zurückstanden, sondern 
ebenbürtig aufzutreten vermochten. 

Johann Hagenbut, Cornarus [geb. in Zwickau 1500, gest. als 
Professor zu Jena 1558] fühlte, wie durchaus noth wendig es sey, den 



15) Poggio Bracciolini [f 1459], welchen A.Re um ont (Geschichte der Stadt 
Born. Bd. 3. Abth. 1. 8. 321) einen der Väter des Humanismus nennt, bezeichnet die 
Deutschen als Vasa vinaria ad pastum et somnium nata. Er bemerkt weiter: Fnit 
aliquando bellicosa germanica natio , nunc pro armis vino pugnant et crapula , tan- 
tumque habent virium, quantum vini possunt capere. S.: Poggii Florentini oratoris 
et philosophi Opera. Basileae. 1538. fol. p. 310. 

16) So klagte Jac. Mimpheling [f 1528], bitter über die Vemachlässigong 
der Bildung selbst der höchsten Stände , auch der Fürsten, welche durch ihre Um- 
gebung zu ganz andern Dingen verleitet würden. Assentatores et calämistrati, qui 
principibus dies et noctes sicut sanguisugae cohaerent, avertunt innocentissimos eonun 
animos, dicuntque esse indecorum principi discere et loqui nobilissimam lingoam* 
Timent enim impudici canes et mancipia diaboli, si principum spiritus invadat sanctos 
ardor sapientiae , studii literarum , prudentiae , virtutum, historicarum, sese qui bar- 
barie pleni sunt, contemtum iri; doctosque et graves vires sibi praeponi, qui nihil 
didicere aliud quam aucupio, venatu, furore, blasphemia, crudelitate, luxu, otio, ludo, 
libidine . . . nostram nationem infamem despectamque reddere (Epitome rerum germa- 
iucfa;am., p. 48. S.: (Sim. Schardii) Historicum Opus. Basil. 1574. fol. p. 385). 



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KASPER HOFMAN, EIN DEUTSCHER KÄBIPFER etc. 167 

Aerzten, statt der Schriften der Araber, die der Griechen in die Hände 
zu yerschaffen. Nach längerer ifergeblicher BemOhung gelang es ihm bei 
Eroben in Basel, wohin die Manuscripte aus Italien gekommen waren, 
seinen Herzenswunsch zu erfüllen. Mit kritischer Sorgfalt übersetzte er 
den Hippokrates, zum Theil auch den Galen, Dioscorides, Aetius. 

Verhältnissmässig war das Griechische noch wenig yerbreitet; erst 

durch Johann Reuchlin [f 1522] fand dasselbe bei den Gelehrten Eingang. 

Vor der Reformation wurde die griechische Sprache in den Schulen 

nicht gelehrt; die berühmtesten Männer jener Zeit machten sich erst 

auf der Universität damit bekannt. 

Winter (Guinterus) von Andernach [f 1574], eine Zeitlang Lehrer 
der griechischen Sprache, übersetzte den Paulus Aegineta, mehrere Bücher 
des Galen und beschäftigte sich mit Oribasius. 

Wilhelm Koch (Copus) [geb. in Basel 1471 gest. 1532] eiferte 
gegen die Araber , übersetzte Mehreres von. Hippokrates und Galen und 
* machte die griechischen Aerzte in Frankreich bekannt. 

Hieronymus Geschmaus (Gemusaeus) [f 1543] zeigte sich 
bewandert im Aristoteles, Theophrast, Galen und Paulus Aegineta. 

Theodor Zwinger [f 1588] versuchte die Lehren des Hippo- 
krates und Galenus allgemein verständlich darzustellen. 

Die deutschen klassisch gebildeten Aerzte beschränkten jedoch ihre 
Sorgfalt, zur Erweiterung und Begründung ihres flachs, nicht nur auf 
das sorgfaltige Studium der alten Sprachen, sondern auf die Cultur noch 
gar nicht angebauter Gebiete der Naturwissenschaft. 

So z. B. lieferte Georg Agricola [f 1555] treffliche Mittheilun- 
gen über die Fossilien, über die Bereitungsart des Salpeters, Alauns und 
Vitriols, über den Ursprung der Quellen, über die Krankheiten der 
Hüttenarbeiter und Bergleute. 

Die wissenschaftliche Bearbeitung der Botanik ist deutsches Ver- 
dienst. 

Otto Brunfels [f 1534], Euricius Cordus [f 1535], Hiero- 
nymus Bock (Tragus) [f 1554] zeichneten sich dadurch aus, dass sie 
Gewächse, nach ihrer Beobachtung in der Natur, näher bekannt machten, 



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158 E. F. H. MARX, 

die im Dioscorides v orkommenden erklärten und die Schriftsteller, welche 
bis dahin mit dieser Lehre sich abgaben, beurtheilten. 

Leonhard Fuchs [f 1565] lieferte getreue Beschreibungen und 
Abbildungen der Pflanzen, und neben diesen neuen Anschauungen auch 
Erläuterungen zu den Epidemieen des Hippokrates; zugleich machte er 
auf arge Fehler der Araber aufmerksam. 

Joh. Lange [f 1565] ergriff jede Gelegenheit, um den Nutzen 
der alten Muster sowohl für das Urtheil wie für die Behandlung seiner 
Berufsgenossen auseinander zu setzen. 

Conrad Gesner [j 1562], dieser zweite Aristoteles, Begrfinder 
einer systematischen Anordnung , umfasste nicht blos die Thiergeschichte» 
sondern auch einen Theil der Botanik und Mineralogie, wie er selbst 
sogar ein eigenes Buch über die Gestalten der Steine verfasste; er 1^^ 
das Fundament für Literärgeschichte und behau delte mehrere griechische 
Autoren mit philologischem Geiste. 

§•8 

Der einfache, besonnene Beobachter wird nicht so geachtet, wie 
der, welcher für die Erscheinungen Erklärungen und Beweisstellen mit 
Verstand so zu verknüpfen weiss, dass sie wie ein System geordnet sich 
verhalten. Er macht einen um so grösseren Eindruck, wenn er mit ei- 
ner Fülle von Kenntnissen Urtheil und Scharfsinn verbindet und die 
an den bedeutendsten Vorgängern vorgenommene Kritik zu seinem Vor- 
theil auszubeuten versteht 

Auf diese Weise erlag die Simplicitat des Hippokrates der gewin- 
nenden Masse Galenisclier Ausführungen, und je mehr diese gefielen 
und im Laufe der Zeit bewundert wurden, um so allgemeiner und fester 
verbreitete sich der Glaube an die dogmatische Xatur des Arztes von 
Pers:amum. 

Die überwiegende Zahl der Editionen und Erlauterungsschriften 
der AVerke Galeus ^^ ist dadurch erklärlich, weil er Jahrhunderte hin- 



17) Hauptsächlich tou Hugo Bcncius [f l-^-^^li Joh. Baptist Montanas [f 1551]^ 




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KASPER HOFMAN, EIN DEUTSCHER KÄMPFER etc. 



159 



darch der Götze der Aerzte war und seine Aussprüche als Orakel 
galten. 

Die Meisten kannten den Hippokrates nur aus der Art, wie Grälen 
ihn dargestellt hatte. Erst nachdem er von dessen Auslegungen befreit 
und aus den seltsamsten, Worte statt Thatsachen enthaltenden Interpre- 
tationen herausgelöst, in seiner Urgestalt studirt wurde, nahm die Ver- 
ehrung für den Coischen Weisen in steigendem Grade zu. Die schlichte 
Erfahrung im Lichte ernster Prüfung erlangte allmälig den Sieg über 
Erfahrungen, welche nach theoretischen Auffassungen gemodelt waren. 

Der nur war und ist berufener Commentator des Hippokrates, welcher 
als gereifter Praktiker erscheint sowohl in der genauesten Beobachtung 
des Verlaufs der Krankheiten wie in deren höchst einfacher Behandlung. 

Vorgefasste Meinungen, wortreiche Auseinandersetzungen, gewagte 
Vermuthungen und Erklärungen sind nicht die Wege, um die Vorgänge 
der Natur zu erkennen. Dass Einfachheit Siegel der Wahrheit ist, wird 
erst spät begriffen, dann aber vom Weisen festgehalten. 

Dadurch dass alle ächten Schriften des Vaters der Medicin zur 
Einfachheit und Wahrheit anleiten, wurden sie von den ausgezeichnetsten 
Kunstgenossen als Muster hochgehalten. 

Mit der Eeinigung des Textes und nothwendigen Erläuterungen 
befassten sich tüchtige Männer ^ 8). 

Der Wetteifer unter den Aerzten, höhere Bildung zu erlangen und 
mitzutheilen, Proben angestrengter Untersuchungen zu liefern, und aus 
theoretischen Betrachtungen wichtige praktische Folgerungen zu ziehen, 
konnte nicht verfehlen dem Einzelnen wie dem Stande Achtung und 
Ansehen in der bürgerlichen Gesellschaft zu erwerben. 



Job. FerDelius [f 1558], Job. Argenterius [f 1572], Job. Kaye (Cajus) [f 1573], 
J. B. Rasarius [f 1578], J. P. Ingrassias [f 1580], Laurentius Joubert [f 1582]. 

18) Besonders Tbomas Linacer [f 1524], Job. Manardus [f 1536], Jac. Hotd- 
lier (HoUerius) [t 1562], Job.deGorris (Gorraeus) [t 1577], Ludov. Duretus [tl586], 
Anutius Foesius [f 1595], Hier. Mercurialis [f 1606]. 



160 E.F. H. MARX, 

§.9. 

Die humanistischen Bestrebungen fanden auf den Universitäten, 
namentlich den protestantischen , die sorgsamste Pflege ; allein während 
des 30jährigen Kriegs wurde es den Lehrern schwer ihren inneren An- 
forderungen Genüge zu leisten. War überhaupt jene Zeit für unser 
Vaterland die unseligste , traurigste Heimsuchung , so ganz besonders 
auch für die "Wissenschaft und deren Vertreter. 

Der aufgestachelte Religionshass der Völker, die selbstsüchtigen 
Absichten der Fürsten, die bösen ausländischen Einflüsse, die verwilder- 
ten Sitten unterhielten das allgemeine Elend. 

Unter dem Vorgeben, Glaube und Freiheit zu vertheidigen, wurde 
für Aberglaube, Hab- und Eachsucht mit massloser Leidenschaftlichkeit 
gekämpft. 

Man bekümmerte sich hur um das Noth wendigste , um das unmit- 
telbar Nächste; die Sorge für die drängende Gegenwart gestattete keine 
für die ungewisse Zukunft. 

Von der Unruhe , den Gefahren und Bedrängnissen durch die Zu- 
muthungen einer übermüthigen Soldateska, von der Verzweiflung durch 
Feuersbrünste, Plünderungen, Gewaltthätigkeiten, vom Jammer durch die 
herrschende Pest, von den widerwärtigsten Eindrücken durch die rohesten 
Ausbrüche des Pennalismus ^^), von den gehässigen, religiösen Meinungs- 
und Partheykämpfen haben die Jetztlebenden keine Vorstellung. 



19) „Die Pest, das scheussliche Pennal -Wesen, befiel die Universität Altdorf 
1623 und kam auf den höchsten Grad des Mathwillens., der Ud Sittlichkeit, Leicht- 
fertigkeit und Grausamkeit, so dass es auch durch alle dawider ergangene Abmah- 
nungen, Wärnungen und Strafen nicht ausgerottet werden konnte" (G. A. Wills 
Gesch. der Univ. -Altdorf. A. 1801. S. 248). 

Wer sich einen Einblick verschaffen will in das wüste Treiben auf den Uni- 
versitäten damals, der lese von dem Arzte J. P. Lotich ins die Oratio super Fa- 
talibus hoc temp. Academiarum in Germania periculis. Publice recitata in Acad. 
Rintelensi. 1631. Rinteli ad Visurgum. 1631. 4. Er sagt (p. 63) Inolevit Disci- 
pulorum et Studentium insolentia, ut illi, quorum est studere, addiscere, benemo- 









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KASPER HOFMAN, EIN DEUTSCHER KÄMPFER etc. 161 

Dass dennoch fQr literarische Zwecke so Vieles und so Tüchtiges 
geschaffen wurde, das giebt einen hohen Begriff von der damaligen Ar- 
beits- und Entsagungskraft, von dem gewissenhaften Eifer, der ernsten, 
geistigen Sammlung und der zähen Ausdauer Einzelner. 

Ein Lehrer, der unter den niederschlagendsten Umständen nicht 
nachliess, neben seinen Berufsgeschäften, mit erstaunlichem Fleisse, brod- 
lose Künste, d. h. klassische Studien, zu treiben, der Galen Deutsch« 
land's^^), war Kasper Hofman in Altdorf. 

lieber sein äusseres Leben ist wenig zu sagen. 

Geboren zu Gotha 1572 verlor er, kaum ein Jahr alt, seinen Vater, 
einen mittellosen Schmied, und kam dann in die Pflege seines Gross- 
vaters von mütterlicher Seite. 

Nachdem er, als schwächlicher Knabe, die Schule seiner Vaterstadt 
besucht hatte, bezog er, 19 Jahre alt, die Universität Leipzig, wo er 
jedoch nur ein halbes Jahr blieb, bald darauf Strasburg, wo er 2 Jahre 
verweilte ^^). 

In Nürnberg, wo er sich aufhielt, fand er eine theilnahmsvolle Un- 
terstützung an dem Protonotar Matthias Schilher^^), der ihn in den Stand 



nentibus obtemperare, contra praeceptoribus obloquantur, eos audiant minus, despi- 
ciant magis. Femer (p. 65): Nulla paene publica praelectio habetur unquam, quin 
excitatis sibilis, tibiis, horrendis strepitibus temere et petulanter nimis explodantur. 
Ibi tantus boatus, clamor, latratus, ut non auditorium hominum, sed circoerum sta- 
bulum, canum, boviumque esse praetereundo adjures. Ebenso (p. 82): Academiis 
studiosae juventutis perpetrata delicta, grassationes , perpotationes , vociferationes, 
digladiationes, caedes, fornicationesque, et id genus errores, atque abusus gravissime 

• 

detestandi, omnes fenestras aperuerunt. 

20) So nennt ihn Karl Spon [f 1684] in dem Schreiben an Jac. Gousinot in 
Paris vom in Hofman's Institutiones medicae. 

21) M. vergl.: G. Koenig Programma in funere Caspari Hofmanni in M. H. 
Wittenii Memoriae Medicorum. Francof. 1676. 8. p. 133. 

22) Diesen seinen Wohlthäter hebt er namentlich hervor in der Widmung sei- 
ner Gommentarii in Galeni de usu partium an den Bath von Nürnberg, dem er 
seinen tiefen Dank zu bezeugen wünsche: Cujus rei memoriam cum conservatam 

Fhys. aasse. XVIIL X 



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162 K. F. H. MARX, 

setzte sieben Jahre in Altdorf unter den Lehrern Nicolaus Tanrellus und 
Scherbius medicinische Studien zu treiben. 

Als ihm daselbst das Aichholzsche Stipendium verliehen worden, 
begab er sich nach Fadua, wo er drei Jahre (von 1602 ^^j big 1605) 
blieb, um sich unter Hercules Saxonia, Hieronymus Fabricius ab Aqua- 
pendente und Julius Gasserius Placentinus weiter auszubilden. 

Von da ging er nach Basel, angezogen durch Felix Plater und 
Casper Bauhinus, wo er auch, nach Vertheidigung seiner Thesen de 
Lumbricis, Doctor wurde. 

Basel übte in seiner damaligen geistigen Bewegung einen wichtigen 
Einfluss auf wissenschaftliche Beschäftigung, und Felix Plater [f 1614] 
hatte ein Lehrbuch über Eintheilung der Krankheiten verfasst, welches 
unter allen bis dahin erschienenen Compendien als das vorzüglichste 
anerkannt wurde. 

Als kurz darauf 1606 in Nürnberg und Altdorf die Pest wüthete 
und von ihr die Zierde der letzteren Universität, Taurellus, weggerafft 
wurde, bekam Hofman die Bestallung als Pestarzt ^''•) und bald nachher 
auch die, als Nachfolger seines Lehrers, als Professor der Medicin. Kurz 
darauf heirathete er ^5). 



esse vellem apud - posteros , et ita conservatam , ut monimentom illud, quodcongae 
futurum esset , statuae instar aetemum perennatura foret. 

. 23) William Earyey hielt sich dort von 1598 bis 1602 auf, allein beide lernten 
sich persönlich nicht kennen. 

24) Jac. Pancratius Bruno (geb. zu Altorf 1629, gestorben als Senior der 
medicinischen Facultät 81 Jahr alt 1709) bemerkt in seiner bereits citirten Oratio 
p. 166: Hofmannus noster pro iis, qui peste infecti, Medicus Altdorfii constitutus est. 

Jo. Georg Volckamer sagt in seiner Oratio in laudem incomparabilis Cas- 
pari Hofmanni 1649 scripta, bei Vita Medica. Hoc est Galeni vytetPtSy, siyemethodi 
Sanitatis tuendae Libri VI. lUustrati a Gasp. Hofmanno curante Seb. Scheffero. 
Francof. 1680. 4. p. 40: pestilentialis oppidi hujus conductus est medicus. 

25) Darüber bemerkt er: 

non defuit unus et alter. 
Qui mihi conjugium soUicite expeteret. 
Nee res eventu caruit. Nam pronuba Juno 




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GASPER HOFMAN, EIN DEUTSCHER KÄMPFER etc. 16S 

An gewissenhafter PflichterffiUang als Lehrer liess er es nicht feh* 
len^^, obgleich die Kraft seines Körpers ihn wenig unterstützte. Er 
selbst bezeichnete denselben als ein gläsernes und schwaches Gefass^^}. 

Beständig wurde er von zwei Feinden beunruhigt, von gestörter 
Gesundheit ^^) und von Armuth ^^). 

Ein ermunterndes, frohes Ereigniss war im J. 1638 seine Berufung 
als Professor nach Padua^^), der er jedoch nicht zu folgen vermochte. 

Im J. 1641 wurde er von einer Lähmung der rechten Seite befallen, 
wozu sich häufiges Weinen und Schlucksen gesellte 5i). 



Magdalin ex omni Nereidum numero 

Et genere et pulcro praestaDtem corpore legit, 

Quae sena fecit me quoque prole patrem. 
S: Gasp. Hofmanni Poemata sacrä. Ab interitu yindicata per L. Fr. Reinhartom. 
Altdorfi. 1651. 8. N. 116. 

26) Zwei Reden von ihm, die eine de ratione discendi medicinam, die andere 
de officio medici machte J. Pancratius Bruno bekannt in Casp. Hofmanni Isagoge 
medica. Lipsiae. 1664. 12. 

Eoenig (a. a. 0. p. 136) sagt von ihm: Cum in publicum prodire non posset, 
in domum suam auditores invitabat et comparentes fideliter docebat. 

27) vitreum et imbecille vasculum (bei Bruno a. a. 0. p. 140). 

28) Schon im J. 1619 bemerkt er in der Vorrede zu seinen Yariae Lectiones: 
Facio tanto promtius, quo delicatior fit valetudo mea, jubetque spes omnes in com- 
pendium redigere. 

Wie er einmal an einem Coma vigil darniederlag, das beschreibt er ausführlich 
in einem Briefe vom J. 1639 an Reinesius. S. des letzteren Briefe. Lipsiae. 1660. 4. 
p. 27. 28. 

29) Erat ipsi bellum fere continuum cum duobus hostibus infensissimis, extemo 
uno, altero interne. lUe erat paupertas, hie vero invaletudo (Bruno a. a. 0. p. 149). 

30) Er schreibt am 20. Juli 1638 an Jac. Zeaemann dankend: ut non tantum 
Gollegam me sibi optent, verum etiam primum in consessu tam splendido locum 
ostentent (G. Richter a. a. 0. p. 806. 807). M. vergl. den Brief von Zeaemann 
ebend. p. 636. 

31) Cum A. 1641 mihi contigerit paralysis levior dextri lateris, non praegressa 
apoplexia, quamprimum aliquid accidit ad animum, sive laetum id sit sive triste, 
lacrymis inundant ocuii, cum singultu (Opusc. pro Veritate p. 85). 

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164 K. F. H. MARX, 

Das Schreiben wurde ihm schwer; die Zunge wurde ergrilSen; er 
lallte mehr als dass er sprach^^). 

Das Jahr darauf kam es zu einiger Besserung ^^). 

Das Gefühl der Hülflosigkeit , auch die Beschwerden beim Nieder- 
schlucken, nahmen jedoch immer mehr zu, so dass er, wollte er nicht 
niederstürzen, nur vermittelst eines Stockes vorsichtig im Hause herum- 
gehen konnte 54). 

Im Jahre 1643 trat zwar blos eine schwache Wiederholung der 
Lähmung ein, aber das Trinken gelang mit vieler Anstrengung 5^. 

1648 starb er, 76 Jahre alt. 

Diejenigen, welche mit Hofman näher vertraut waren, konnten 
nicht genug seine unermüdliche Arbeitslust ^6), seine Wahrheitsliebe und 
selbständige Ueberzeugung rühmen 37). 



32) Scribo equidem, ut vides (an Reinesius, dessen Epistolae p. 142), sed aegre, 
cogorque singulos apices diligenter accurare ita, ut si conferas cum prioribus literis, 
nova omnino sit ratio. De lingua idem est. Lallo enim potius quam loquor. 

33) Ebend. p. 188: Post paralysin rediit quidem per Dei gratiam usus dextrae, 
sed procedit opus lentissime, quod pro singulis lineolis cogar sublevare manum. 

84) Im Nov. 1644 schrieb er an Rhodius (bei Richter a. a. 0. p. 522): Non 
possum exhaurire tantillum pocillum, sed petitasse cogor. Ibi si deerret una gutta, 
videas silicernium illud periclitari de suffocatione. Obambulo cum baculo in domo 
cum cautione accurata, ne cadam. Ex paralysi enim leviori dextri lateris, facta 
ante triennium , tantum mihi superest debilitatis , ut si parum nutet pes, procumbam 
humi, yeluti sideratus. 

35] In einem Briefe an Reinesius a. a. 0. p. 376 : Salvis superioribus facultati- 
bus sensibusque ministris motum praecipue linguae labefecit deglutionemque, eo usque 
vitiavit^ ut non possum nisi Kazä ßqoxdov bibere. 

36) Nee laboribus diffringi, nee otii rubigine consumi voluit (Volckamer 
a. a. 0. p. 40). 

Er selbst hoffte, dass die Nachwelt ihm wenigstens das Zeugniss des Fleisses 
ertheilen würde: Spes est apud posteros, cum obtrectationis invidia decesserit, lucu- 
lentissimum me industriae testimonium (quid enim aliud sperem?) consecuturum (Vor- 
rede zu seinen Institutiones medicae). 

37) Eo perpulit ^ AXfi&sta^ Veritas vel Adrastea, quam unice coluit, unice 



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KASPER HOFMAN, EIN DEUTSCHER KÄMPFER etc. 165 

§10. 

Gut eingerichtete allgemeine Bildungs-Anstalten und specielle fdr 
die Aerzte waren in dem durch anhaltende Kriege, verheerende Seuchen 
und innere Unruhen erschöpften Deutschland in so geringer Zahl und 
in so dürftigem Zustande vorhanden, dass, wer es irgend nur möglich 
machen konnte, zur Erreichung besserer Kenntnisse ins Ausland sich 
begab. 

Eine vortreffliche Schule für humanistische Studien , welche Wohl- 
habende anlockte, bestand in Mantua, zuerst unter der Leitung des Vit- 
torino Rambaldoni da Feltre [f 1447]. 

Auf den wenigen heimathlichen Universitäten (Scholae, Studia, 
Studia generalia] fanden sich für Medicin nur selten tüchtige Männer, 
welche noch obendrein, wegen Mangels ausreichender Kräfte, verschie- 
dene Fächer in sich vereinigen mussten; von nothwendigen Instituten, 
Bibliotheken, Sammlungen zum Unterricht war keine Rede. Es fehlte 
sogar, ausser den älteren Leprosenhäusern , an Hospitälern und Apothe- 
ken, oder diese verdienten, nach ihrer fehlerhaften und unvollkommenen 
Beschaffenheit, kaum diesen Namen. 

Der für Wissenschaft und Kunst empfängliche Kaiser Maxi- 
milian I, welcher es tief empfand, dass Deutschland an Instituten zur 
Verbreitung nothwendiger Kenntnisse hinter Italien, selbst hinter Frank- 
reich, zurückstand, hatte, um diesem Mangel abzuhelfen, auf dem Reichs- 
tage zu Worms 1495 den Antrag gestellt, dass jeder Churfürst in seinem 
Lande eine hohe Schule errichten solle. Doch dauerte es lange, bis 
dieser Wunsch erfüllt wurde. 



amavit, unice amplexus, nee dimoveri se ab ea ulla ratione passus est (Bruno 
a. a. 0. p. 183). 

Richter (a. a. 0.) nennt ihn in einem Briefe vom J. 1641 assertor veritatis 
strenuus, ad nullius authoritatom alligatus, und in einem andern vom J. 1642 sagt er: 
Sed quid de Relatione tua dicam historica judicii contra Galenum acti? Prohfideml 
tantam venustatem in sene , tantam juris judiciorumque peritiam in Medice, tantam 
Yeritatis dxQißetay in argumento jocoso; imo in re maxime seria (Veritatis inquam) 
tantos sales, tantas yoluptates, tantas delitias. 



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166 K. F. H. MARX, 

• 

In dem Grade , als das Streben erwacht war in der Natur und im 
Leben mit eigenen Augen sieh umzusehen, von den Banden der Ueber- 
lieferung und eingelernten Sätzen sich zu befreien, zog es die Wissens«^ 
bedürftigen in die Ferne, namentlich nach Italien. 

In vielen dortigen Städten hatte sich ein Schatz von Bildungsele- 
menten, auch für Medicin, aus früherer Zeit erhalten, wohl eine Nach- 
wirkung des älteren Gesetzes, wodurch die erfahrenen Aerzte angewiesen 
waren fleissig die klassischen Schriftsteller zu lesen und diejenigen, welche 
sich ihrem eigenen Berufs-Fache widmen wollten , zur Ausübung anzu- 
leiten. 

Selbst nachdem das Weltreich, sowohl in Rom als in Byzanz, auf- 
gehört hatte bedeutende Heilkünstler zu vereinigen, fanden sich immer 
noch einzelne tüchtige an verschiedenen Orten. 

Manches Gute war für die Medicin geschehen, als in der morgen- 
ländischen Kirche, in Folge gew^tiger Spaltungen, ausgezeichnete Ken- 
ner der Heilkunst in entlegene Gegenden zogen und da Pflanzstätten 
für jene gründeten. Den Nestorianern hatte man die berühmten ärztli- 
chen Schulen zu Edessa und Orfa, namentlich Dschondisabur, zu ver- 
danken. 

Je mehr die erobernden Araber durch griechische Gefangene, mit 
den Wissenschaften vertraut gemacht, Interesse und Liebe dafür gewan« 
neu, errichteten auch sie einfiussreiche Lehranstalten, wie zu Bagdad^ 
Damaskus, Cahira, Nisabur. 

Was die Abbasiden in Asien geleistet, das ahmten die Ommajaden 
in Spanien nach. Cordova wurde ein Glanzpunkt in Beförderung allge- 
meiner und medicinischer Bildung. 

Wie sehr die Söhne der Wüste Gelehrsamkeit achteten, das offen- 
barte ihr Spruch, dass die Dinte des Gelehrten so werthvoU sei wie das 
Blut des Märtyrers. 

Honain Ben Ishak (Joannitius) und sein Sohn, beide Aerzte und 
nestorianische Christen, [im Anfange des 9ten Jahrhunderts nach Christus] 
übersetzten griechische Autoren. 

Als Beginn einer, wenn auch schwachen Aussaat von Kenntnissen 



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C ASPER HOFM AN, EIN DEUTSCHER KÄMPFER ete- 



167 



zur Heranbildung yon Aerzten in Deutschland erschien die Verordnung 
Karl's des Grossen vom J. 805, wornach in den Kloster schulen auch 
die Arzneikunst gelehrt werden sollte. Da aber das ganze Schulwesen 
als Theil der geistlichen Befugnisse betrachtet und zu den Fontificalien 
gerechnet wurde, wandte man der Angelegenheit der Laien geringe Auf- 
merksamkeit zu. 

Unter dem Namen Trivium begriff man lateinische Grammatik, 
Arithmetik, Musik, unter dem von Quadrivium Dialektik, Sbetorik, Geo* 
metrie , Astronomie. Als Anhang des Quadrivii wurde nun , unter der 
Bezeichnung Physik, Medicin Lehrgegenstand. 

Von den Kathedral- und Klosterschulen erlangte die zu Fulda, 
über welche seit 813 Rhabanu^ Maurus aus Mainz, ein Schüler des 
Alcuin, die Aufsicht führte, den grösten Ruhm; jedoch auch da war 
Ausbildung von Geistlichen Hauptsache. 

Die eigentliche Heilkunst blieb itjinen fremd, denn sie bedienten 
sich meistens nicht natürlicher Mittel , des Gebets , der Anrufung yon 
Heiligen, der Reliquien der Märtyrer, der Amulete. 

Machte der eine oder andere Studien, so waren ihre Quellen dürftig 
oder ungenügend 38). 

Uebrigens erfuhr ihre Thätigkeit dadurch eine Beschränkung, dass 
von Päpstlicher Seite den höheren Geistlichen die Ausübung dieser 
Kunst untersagt wurde, aus keinem andern Grunde, als weil sie sich, bei 
ihren mangelhaften Kenntnissen und Fertigkeiten, arge Blossen gegeben 
und die öffentliche Achtung eingebüsst hatten. 

Unter solchen Umständen mussten die Aerzte Deutschlands Blick 
und Weg fortwährend in das Ausland richten. 

Von denen, welche die äusseren Mittel besassen, wurde zur Be- 
gründung ihres Wissens und zur Erwerbung erforderlicher Geschicklich- 



38) Benutzt wurde zuweilen Celsus de Mediciua, weit mehr Coelius Au- 
relianus acutae et tardae passiones, Lucius Apulejus Herbarium s. de me- 
dicaminibus herbarum, Sextus Placitus Papyriensis de medicamentis ex 
animalibus, Marcellus Empiricus de medicamentis empyricis, physicis ac ratio- 
nahbus. 



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168 K. F. H. MARX, 

keiten, Salamanca besucht, von andern Bologna oder Fadua, an welchem 
Orte, wie es scheint, das erste anatomische Theater sich fand ; aber auclx 
Montpellier, welches schon in der ersten Hälfte des 12ten Jahrhunderts 
eine blähende Schule der Arzneikunde besass. 

Paris übte gleichfalls von Zeit zu Zeit eine Anziehung, die stärkste» 
als daselbst Jacob Sylvius, du Bois [f 1555J, lehrte. 

Das Bedflrfniss in die Ferne sich zu begeben, wurde allmälig da- 
durch verringert, dass die um massige Preise zu erwerbenden Bücher 
der berühmten Lehrer die kostspieligen Reisen ersetzten. 

Der Bücherschatz der Aerzte vor der Zeit, ehe ihnen die Klassiker 
und treffliche spätere Autoren zu Gebote standen, war ein erbärmlicher* 

Die kleine Sammlung, unter dem Titel Articella 39) , vertrat eine 
Bibliothek. 

Der Geschmack der Zeit war so seltsam, dass den gediegenea 
Schriften verdienter Aerzte und Naturforscher diejenigen vorgezogen 
wurden , welche von blossen Sammlern oder Geistlichen herrührten *ö)* 



39) Auch Artisella, Artesela genannt. Darin befanden sich (in den spätem Aus- 
gaben) 1) Isagoge Johannitii [f 874 nach Chr.], worin das Wissenswertheste aus den 
Zeiten der Araber, 2} Philareti (Pbilotheus, Theophilos Protospatharios) [aus dem 
7ten Jhrdt.] opusc. de pulsibus, 3] von demselben: Theophili über urinarom, 4) in 
lateinischer Uebersetzung die Aphorismen des Hippokrates mit dem Gommentar des 
Galen, 5) das Prognosticon des Hippokrates, 6) die Schrift des Hippokrates de regi-> 
mine acutorum mit dem Gommentar des Galen, 7) Galeni microtechnon nüt dem 
Conmientar des Haly Rodoan. 

40] Solche waren: G. Serenus Samonicus de medicina praecepta saluber« 
rima; Theodorus Priscianus res medicaeund de diaeta: Benedictus Crispus 
Commentarium medicinale; Walafridus Strabus Hortulus; Macer Floridus 
de viribus herbarum; Marbodus de virtutibus lapidum; Gariopontus remedia 
ad totius corporis aegritudines und de febribus: Gopho ars medendi und anatome 
porci; Nicolaus Praepositus Antidotarium; Joannes Platearius Practica 
brevis; Matthaeus Platearius de simplici medicina s. circa instans, undGlossae 
in antidotarium Nicolai; Hildegardis de Pinguia Physica; Theobaldus Phy- 
siologus de naturis duodecim animalium; Alcadinus de balneis Puteolanis; 
Otho Gremonensis de electione meliorum simplicium ac specierum medicinalium 



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KASPER HOFMAN, EIN DEUTSCHER KÄMPFER etc. 



169 



Vielen war es erwünscht statt der Originale deutsche lieber- 
Setzungen ^^) zu Hülfe nehmen zu können. 

Bei der Vorliebe für das Mittelmässige dauerte es lange, bis das 
Quellenstudium allgemeinen Eingang fand. Darum erwarben sich die- 
jenigen, welche keine Mühe scheuten, ohne Unterlass, ajif solche Schriften, 
welche durch Inhalt und Form sich auszeichnen, hinzuweisen, wesentliche 
Verdienste. 

An wenigen Orten im Vaterlande wurde das erfolgreiche Studium 
des gereinigten Textes von Hippokrates , Galen , Theophrast so warm 
und nachhaltig empfohlen, als durch Kasper Hof man in Altdorf, wo 
ein Geist freier Forschung waltete, er in den ersten Jahren des 

17ten Jahrhunderts seine Lehrthätigkeit begann und der Kritik der 

< 

alten Autoren die gröste Sorgfalt zuwandte. 

Da es der Weisheit und Kraft des Raths der Reichsstadt Nürnberg 
frühe gelungen war die Geistlichkeit seiner Oberaufsicht zu unterwerfen, 
konnte derselbe, nach eigenem Ermessen, für das Beste der Gesammtheit 
handeln . 

Insofern nemlich fast allgemein die Schule, auch die hohe, als 
Anhang der Kirche betrachtet wurde, fand in der Regel eine geringe Rück- 
sichtnahme auf die Bedürfhisse des äusseren, bürgerlichen, Lebens Statt. 

Der Rath, welcher von freisinnigen und erleuchteten Ansichten aus- 
ging, hatte in Altdorf 1576 ein Gymnasium errichtet, welches, durch 
seine kluge Verwendung, 1578 von Rudolph II zur Akademie ^2) und 
1623 von Ferdinand II zur Universität (Studium universale) erhoben 
wurde. 



rhythmi; Aegidius Corboliensis de urinis, de pulsibus, de laudibus et virtuti- 
bus compositoram medicaminum und de signis morborum. 

41) Schon früh erschienen: Celsus von Ehüffner 1531, Vegetius Renatas 
mulomedicina 1532, Plinius Thiergeschiclite von H. Eppendorf 1543, Dioscorides 
durch Danz von Ast. 1546, Sextus Placitus von Henisch. 1582. 

42) M. vergL: C. Heiners üeber die Verfassung und Verwaltung deutscher 
Universitäten. Göttingen. 1801. 8. Bd. I. S. 36. 

Phys. aasse. XVUL Y 






170 E. F. H. MARX, 

Die Beweggründe zur Stiftung einer Universität zeigten sich Öfters 
als sehr verschiedene. 

Die erste der deutschen Nation entstand zu Prag 1348 durch Kai- 
ser Karl IV., welcher in Paris seit seinem 7ten Jahre am Hofe seines 
Vetters, des französischen Königs Philipp VI., erzogen wurde, und der, 
weU er an den dortigen Einrichtungen, besonders an den Disputirübun- 
gen, Gefallen fand, ein ähnliches Institut besitzen wollte. 

Die Veranlassung zur Anlegung der Universitäten Wittenberg und 
Frankfurt an der Oder lieferte ein Streit über die venerische Krankheit ^). 

Altdorf verdankte seine Entstehung hauptsächlich dem Wunsche 
für Bewahrung des reinen Glaubens und für Bekämpfung gefahrlicher 
Irrlehren. Wie die Reformation an sich als Panier der bürgerlichen 
und Gewissensfreiheit gehalten wurde, so auch die Hochschule. 

Mitwirkend mag jedoch auch das Fehlen gebildeter, kenntnissrei- 
cher Fachmänner und die Hoffnung gewesen seyn, diesem Uebelstande 
durch eine hohe Schule abzuhelfen; denn schon im J. 1526 klagte Jo- 
hann Sturio, in einem Briefe an Bilibald Pirckheimer, über die arge Ver- 
nachlässigung der Studien und die krasse Unwissenheit der Aerzte. Sie 
wähnten, so äusserte er sich, ihre Kunst in 6 Monaten erlernen zu 
können, dienten daher auch zum Gespötte von Jedermann^). 



43) Die in Leipzig lebenden Aerzte Simon Pistoris (Pistorius) [f 1523] und 
Martin Pollich (Lux Mundi genannt) [f 1513] hatten sich durch entgegengesetzte 
Ansichten über die Lustseuche, ob eine endemische, epidemische oder rein contagiosa 
Krankheit, so verfeindet, dass sie sich nicht mehr sehen wollten und entschlossen 
waren einen andern Aufenthalt zu suchen. Um nun an andern Orten wieder eine 
angemessene Stellung als Lehrer zu erlangen, brachte es Pistoris bei dem Ghurfiirsten 
Johannes dahin, dass er Frankfurt an der Oder zur Universität auserkohr. Ebenso 
glückte es dem Pollich bei dem Ghurfiirsten Friedrich , dass dieser dazu Wittenberg 
wählte. M. vergl. Möhsen a. a. 0. H. §.XXXVin. S. 365—372. 

44) Non credo bonarum literarum et artium usum in vehementiore fuisse con- 
temptu quam hoc saeculo. Raro nostri medici suorum studiorum effectum asse- 
quuntur. Hinc mirari nemo debet, cur ars haec omnibus ludibrio sit. M. s.: Job. 
Heumann Documenta literaria. Altorfii. 1758. 8. p. 224. 



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KASPER HOFMAN, EIN DEUTSCHER KÄMPFER etc. 



171 



Aehnlich setzte der Arzt Gabriel Humelberg in einem Beileids- 
Antwortschreiben vom J. 1528 an Pirckheimer, wegen des Todes von 
Albrecht Dürer, auseinander, wie gros die Unkenntniss seiner CoUegen 
in Betreff der Pflanzen sey, so dass selbst von erfahrnen und namhaften, 
gefährliche Substanzen mit unschuldigen verwechselt *5) würden. 

Derartige Klagen werden ihren Eindruck nicht verfehlt haben, und 
von einer Universität konnte mit Recht eine Umwandlung zu besseren 
Zuständen erwartet werden. 

Die medicinische Facultät in Altdorf hatte leider die wenigsten 
Lehrer; anfanglich nur 2, seit 1625 3 ordentliche Professoren, und bis 
1648 waren einige zugleich Mitglieder der philosophischen Facultät, 
führten selbst darin das Decanat^). Allein durch kräftigen Eifer und 
unermüdliche Thätigkeit der Wenigen wurde die schwache Zahl auf- 
gewogen. 

§. 12. 

Mit welcher Sorgfalt Kasper Hofmann die Alten in sprachlicher 
und sachlicher Hinsicht benutzte, das zeigt die kleine im J. 1619 ver- 
öffentlichte Schrift '''7) , worin er hauptsächlich naturhistorische Gegen- 
stände abhandelte. 

Man erstaunt über die Reichhaltigkeit der Untersuchungen und 
über die Ausbeute, welche er durch Vergleichung mehrerer Autoren 
gewann. 

Die Kenner der Klassiker, sagt er, kümmerten sich mehr um das 



45) Unde fit, ut saepius unom pro alio et letale pro salutifero propinetur, non 
modo ab ignaris, sed a peritioribus aliquando et magni nominis medicis. S. Heu- 
mann a. a. 0. p. 104. 

46) G. A. Wells Geschichte und Beschreibung der Nümbergischen Universität 
Altdorf. 1794. Zweite Ausgabe mit Nachträgen von C. C. Nopitsch. Altdor£ 1801. 
8. S. 89. 

47) Variarum Lectionum Lib. VI. In quibus loca multa Dioscoridis, Athenaei, 
Plinii, Hippocratis, Aristotelis, Galeni, aliorum, qua illustrantur^ qua ezplicantur. 
Lipsiae. 1619. 8. 

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172 K F. H. MARX, 

Aeusserliche, die Worte ^^)» als um das darin enthaltene Beeile; bei 
ihm fände das Gegentheil Statt 

Von Interesse noch jetzt sind mannigfache Angaben*^) über ver- 
schiedenartige Gegenstände. 

Bei seiner langjährigen Beschäftigung mit Galen könnte man glau- 
ben, dass er von ihm unbedingt eingenommen gewesen sey; dem ist je- 
doch nicht so 50). Er kennt und bewundert die in dessen Schriften er- 
öffQcte Fundgrube der mannigfachsten Betrachtungen und interessanten 
Nachweisungen, aber er übersieht nicht, wo darin auch Fehlschlüsse und 
irrige Angaben sich finden. 

Besonders häufig nimmt er den Aristoteles gegen ihn in Schute 
und zeigt dessen Vorzüge 5^). 

Das Buch über den Brustkorb ^^) ist voll davon. Ebenso das über 
die Milz 55) ^nd über den Nutzen des Gehirns 54-), 

Die Schrift des Galen „von den Knochen für die Anfanger in der 

48) In solis pene rerum cortieibus, in verbis esse occupatos; sed verbis inopia 
htunana non levatur (Vorrede). 

49) So z. B. über schwarze Nieswurz (p. 1 — 8), über Coloquinten (61—64), 
über den bittem Trank, den man Christus am Ereutze reichte (61 — 64], über das 
Mutterharz (145—148), über Scammonium (178), über Mandehi (230—234), über 
Exarchiatri (244), über den Theriak (277). 

50) Die Schrift betitelt: Relatio historica judicii acti in campis elysiis coram 
Rhadamanto contra Galenum, cum approbatione Apollinis. Norimbergae. 1647. 12. 
konnte ich selbst nicht einsehen; Haller aber bemerkt darüber (Bibliotheca 
anatomica. I. 330) : Varios errores Galeni redarguit, quoties ab Aristotele discesserat. 

51) So in einem Schreiben an Herman Conring: Collatio doctrinae Aristotelis 
cum doctrina Galeni de Anima. Lutetiae Parisiorum. 1647. 4. Auch in den Opellis 
pro Veritate p. 45 — 51. 

52) De Thorace, ejusque partibus Gommentarius tripartitus. In quo discutiuntur 
praecipue ea, quae inter Aristotelem et Galenum controversa sunt. Francofurti. 
1627. fol. 

53) Casp. Hofmanni Tractatus tres de usu Lienis secundum Aristotelem. Fran- 
cofurti. Ohne Jahrszahl. 12. 

54) Casp. Hofmanni de usu Cerebri secundum Aristotelem, Diatribe. Hinter 
dem vorhergehenden. 



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KASPER HOFMAN, EIN DEUTSCHER KÄMPFER etc. 173 

Medicin'S von welcher Ferd. Balearius ^^) eine lateinische Uebersetzung 
geliefert hatte, versah Hofman mit Anmerkungen 5^, 

Zu dem physiologischem Hauptwerk des Galen „von dem Nutzen 
der Theile des menschlichen Körpers ^^j«« verfasste er, mit Verbesserung 
des Textes und Varianten, einen Commentar ^8) , in dem er auch die 
bis auf seine Zeit bekannt gewordenen Entdeckungen berücksichtigte^^). 

In Beziehung auf das pathologische Hauptwerk Gralen's „von den 
erkrankten Orten *'^ö) gab er blos eine kleine Schrift heraus ^^), worin er 
vom Herzen, dem Athmen, dem Puls, der Bewegung, dem Gefühl, der 
Gemüthsstimmung, der Schwäche der Sinnorgane, den Krankheiten der 
Brust- und Unterleibsorgane handelte. 

Ueber Galen s Bücher „von der Heilmethode^^)**, die er fibersetzte, 
erklärte er sich so ausführlich, dass von Andern viel darüber mitgetheilt 



55) In seiner Widmung an M. Goldast sagt er: er habe dessen Uebersetzung 
gewählt non quod circa uUam reprehensionis aleam sit, sed ut vetustati haberem 
hunc honorem. 

56) IIsqI datcSv totg slcayoikivotq. Claudii Galeni Pergamensis De Ossibus ad 
Tjrones Liber. Ferdinande Baleario interprete. Cum Notis perpetuis Casp. Hof* 
manni. Francofurti ad Moenum. 1630. fol. 

57) Ilsqi xqiiotq riav iv dv&qoinov ffcSfMxn fkOQhöym 

58) Casp. Hofmanni Commentarii in Galeni de Usu Partium corporis humani 
Lib. XYII. Cum variis Lectionibus in utrumque Codicem, graecum et latinum, et 
Indice gemino. Opus, non Medicis tantum, sed et Philosophis, nee minus Philologis 
paratum, Francofurti ad Moenum. 1625. fol. Die Vorrede ist vom J. 1618. 

59) Deswegen urtheilt darüber H a 1 1 e r (Bibliotheca anatomica. I. 329): Doctum 
opus, quo nuperiorum inventa cum Galenicis comparat« 

60) IIsqI t(op nsnov&6x(AV jöncov, de locis affectis. 

61) Casp. Hofmanni de locis aflfectis. Libri tres. Noribergae. 1642. 12. 

62) &€Qa7tevnx^ iii&odoq^ methodus medendi, L. XIV. Nicht zu verwechseln 
mit zixvfi iazQixij, von der Heilkunst, ars medica, welche kleinere Schrift auch den 
Titel führt microtechne oder ars parva. 

M. vergl. : Caspari Hofmanni Pathologia Parva^ in qua Methodus Galeni practica 
explicatur: ad Paulum Marquartum Siegel. In den Opellis pro Veritate. Lutetiae 
Parisiorum. 1647. 4. p.57 — 95. 



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174 K. F. H. MARX, 

wurde ^^). Auf diese vortreffliche Arbeit des Pergameners sey er durch 
Crato aufmerksam ^^) geworden. 

Die Vorrede zu Galen's Schrift „von Erhaltung der Gesundheit** 
schrieb Hofmann 1647, ein Jahr vor seinem Tode. Uebersetzung wie 
die beigefügten Erläuterungen fanden ungetheilten Beifall ^5). 

Wie Hofman in jeder Weise seine hohe Verehrung für Aristoteles 
zu erkennen gab und durch Beweise aus dessen Schriften zu erhärten 
sich bemühte, so setzte er auch in einem Schreiben vom J. 1620 an 
Adrian Spiegel in Padua, nach jenem, den Ursprung der Formen aus 
einander ^^). 

Nachdem Mundinius (Mundinus), der in Venedig lebte, eine 
Schrift für die Anhänger des Galen's gegen die des Stagiriten veröffent- 
licht hatte ^^, richtete Hofman eine gegen ihn ^^). 

Seine eigenen 6 Bücher „Anleitungen für Aerzte*' ^^) enthalten aus 

63) Praxis medica curiosa. Hoc est Oaleni Methodi medendi Libri XIV. Nova, 
eaque omnium accuratissima Versione, et perpetuis plus vice simplici desideratis Gom- 
xnentariis et Castigationibus prudentissimis , illustrati a Caspare Hofmanno* Adjectis 
nonnullis, in Epidorpismatum vicem, cumprimis de Dicterio illo, medice vivere esse 
pessime vivere. Cum Oratione J. G. Volckameri. Curante Sebastiane Scheffero. 
Francofurti. 1680. 4. 

64) So in der im J. 1646 erschienenen Vorrede. 

65) Vita medica, hoc est Claudii Galeni iyistvmv, sive Methodi sanitatis tuendae 
Libri VI; Nova eaque omnium accuratissima versione et perpetuis commentarüs et 
castigationibus prudentissimis illustrati a Caspare Hofmanno. Curante Seb. Scheffero. 
Francof. 1680. 4. 

66) De Formarum origine secundum Aristotelem Sententia, pertinens ad libros 
de Generatione hominis. Francofurti ad Moenum. 1629. fol. 

67) OeGenitura pro Galenicis adversus Peripateticos etnostraeaetatis philosophos 
disputatio, in qua nova dogmata spectantia ad fetuum generationem , similitudines, 
morbos haereditarios , facultatem formatricem, animarum conceptibilium origines re* 
fellit, nee non seminis adversus recentiores defenditur. Venet. 1622. 4. 

68) De Generatione hominis Libri quatuor contra Mundinum Mundinium. Ad- 
jedmus sententiam ejusdem de formarum origine secundum Aristotelem. Francofurti 
ad Moenum. 1629. fol. 

69) Casp. Hofmanni Institutionum medicarum Libri VI. Lugduni. 1545. 4. 



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KASPER HOFMAN, EIN DEUTSCHER KAMPFER etc. 175 

der Medicin im Allgemeinen, der Anatomie, Physiologie, Pathologie, Se- 
miotik, Diätetik, Heilmittellehre, den Indicationen, der Chirui^ie, der 
Geburtshülfe, der Pharmacie, so Vielerlei, dass jedes Buch mit einem 
eigenen Inhaltsverzeichnisse versehen wurde. 

Behauptungen Anderer, die er für unrichtig erachtete, bezeichnete 
er als Verirrungen 7^). Er eifert ^^) besonders gegen Joh. Eiolanus, den 
Vater, und gegen Gregorius Horstius, entwickelt aber auch seine Be- 
denken gegen Aeusserungen von Leonardus Fuchsins, Daniel Sennertus, 
Duncan Liddelius, Guilbertus Jacchaeus, Johannes Heurnius. 

Dieses Werk, welches oft Tadel erfuhr, weil darin zu viele Angriffe 
gegen anerkannte Männer vorkommen, ist Jedem zu empfehlen, welcher 
die frühere Medicin kennen zu lernen und mit Ausdrücken oder Vor- 
stellungen, welche längst ausser Gebrauch sind, vertraut zu werden wünscht 
Es enthält eine solche Fülle von werthvoUem Material, dass man ohne 
die gegebene Versicherung, fiberzeugt wird, der Verfasser habe es nicht 
zu frühe ^2) zu Stande gebracht. 

TJeber die scharfe Feuchtigkeit, welche aus den Wunden fliesst, 
worüber er sich in seinen Anleitungen auch ausgesprochen hatte ^5)^ 
veröffentlichte er eine eigene Schrift 7'''). 

Eine treffliche Arbeit Hofman's ist die ,,über die officinellen Arz- 



70) Aberrationes. 

71) S. 5—7. 14—15. 18—20. 25. 28—32. 35. 37. 39—41. 44. 47. 50. 56—58. 
98—101. 107—112. 130—135. 151. 158. 192—195.234.241—243.248—250.267— 
272. 278—282. 285—288. 292—294. 295—299. 303—306. 308-313. 317—221.323 
—325. 327—330. 332. 336. 340. 362—367. 369. 380—383. 386. 389. 409—413. 420. 
433—444. 462—465. 470. 484—487. 490. 498. 506—509. 516. 538—540. 542—545. 
549—552. 558. 566—568. 570. 574. 579. 584. 591. 603—605. 623—626. 628—632. 
639—644. 646. 650—656. 557. 

72) Er sagt (in der Vorrede): non adolescens semidoctus, non ante novendiam 
factus Doctor, sed postquam per 30 annos docui et scripsi, postquam 30 aliis didici. 

73) iDstitutiones medicae p. 266. 

74] Casp. Hofmanni; de Ichoribus, Et in quibus illi apparent, affectibus, Gollec- 
tanea. Bei dem Tractatus de Usu Lienis. Francofurti. 12. p. 247 — 302. 



176 E. F. H. MARX, 

neisubstanzen**^^), sowohl wegen seiner eigenen Beobachtungen, Erfah- 
rungen und Beurtheilungen , als wegen der sorgfältigen Benutzung des 
überlieferten Stoffes. 

Da er bis zum Jahre 1625 , wo Ludwig Jungermann neben ihm 
angestellt wurde, über Botanik Vorlesungen hielt und Excursionen un- 
ternahm, so sind die Pflanzen, in Betreff ihrer Beschreibung wie der An- 
gabe ihrer Kräfte, besonders gut abgehandelt. 

Für die Apotheker, welche damals in grosser Unwissenheit sich 
befanden 7^, war die ertheilte Belehrung eine nicht genug zu würdi- 
gende Wohlthat, aber auch für Aerzte. 

Für die chemischen Präparate zeigt er so wenig Vorliebe als, wie 
er sich ausdrückt , für die Aschenbläser ^). 

Ueber dieses Werk, welches Hofman an Guy Patin gesandt hatte, 
sprach dieser, in Verbindung mit Renatus Moreau, im Namen der Pa- 
riser medicinischen Facultät, die volle Billigung aus ^^j. 

§. 13. 

Noblesse oblige; Armuth verpflichtet nicht, Wenn ein nicht ve^r- 
edelter Stamm kostbare Früchte trägt, so ist das erfreulich; sie zu er- 
warten ist man nicht berechtigt. 

Hofman war, da sein mittelloser Vater frühe starb, in gedrückten 
Verhältnissen aufgewachsen. Abhängig von Verwandten und Fremden, 
musste er, auf Unterstützung gutgesinnter Menschen angewiesen, Schule 
und Universität besuchen , und als er eine selbständige Stellung erlangt 



75) Caspari Hofmanni De Medicamentis officinalibus tarn simplicibus quam, 
compositis, Libri dno. Accesserunt quasi Paralipomena , quae vel ex Animalibus, vel 
eps. Mineralibus petuntur. Opus triginta annorum. Parisiis. 1647. 4. 

76) Er bemerkt (in der Vorrede zu seiner Bearbeitung von Galen's MethoduB 
medendi L. XIV): Pharmacopoeos nostros versari in profunda ignorantiae caligine. 

77) Omnes Crollii, Quercetani, Tumeiseri, Paracelsi, LuUii, Beguini et tot alii 
nebulones de turba ciniflonum (am Ende der Vorrede). 

78) Opus polymitum et pahnarium, tam ingentis spiritus quam subacti judicii, 
ad amplificandam et illustrandam Medicae rei supellectilem inter caetera compara- 
tum (vom vor dem Gatalogus Purgantinm). 



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KASPER HOFMAN, EIN DEUTSCHER KÄMPFER etc. 



17T 



hatte, lernte er die äussere Noth, verbundea mit körperlichen Leiden» 
erst recht kennen. 

Wie wenig jedoch die harte Zeit seiner Jugend und der späteren 
Jahre sein Gemüth verstimmte oder es unempfänglich und unerkenntlich 
machte für die immerhin geringen ihm zu Theil gewordenen Wohltha- 
ten , das zeigt eines seiner Gedichte 79) , worin er die Fügung Gottes 
preist, welche ihn aus niederer Herkunft, wo sein Vater den Schmiede- 
hammer, blos bei Brod und Wasser, führen musste, zu einem ehrenvollen 
Wirkungskreis geleitet habe. 

Da er unter grossen Anstrengungen, nach vielseitigen und gründ- 
lichen Kenntnissen strebte, sich tief in das Studium des klassischen 
Alterthums versenkte, stets sich bemühte den Anforderungen seines 
Amtes in jeder Art zu genügen , da er es sich angelegen seyn Hess den 
Schein zu meiden, blos das Aechte und Wahre herauszufinden, nicht 
schmeicheln konnte ^^), und keinen Anstand nahm seine Ueberzeugung 
offen auszusprechen, die Dinge beim rechten Namen zu nennen ^i), so 
ist nicht zu verwundern, dass er in der Beurtheilung Anderer tadel- 



79] Gasp. Hofmanni quondam in universit. Altdorfina longa celeberrimi, vov yvy 
[AaxaQioVy Poematum sacrorom Genturiae IV. Ab interitu vindicatae per L. F. Rein- 
hartum. Altdorfi. 1651. 8. In Nr. GXVI, überschrieben: Gurriculum Vitae heisst es: 

Panpere sum natus tecto, qua parte suburbi 

Pannos fuUo rüdes et lavat et subigit. 

HuDC prope fabrilis magno cum murmure follis 

Insonat, ut ferrum candeat igne noYO. 

Heic pater exercet Vulcani sedulus artes, 

Gontentus pane et simplice fontis aqua. 
In den Gedichten offenbaren sich seine demuthyoUen, frommen Gesinnungen so 
sehr, dass ein Urtheil über seine Gemüthsart, ohne diesie eingesehen zu haben, man- 
gelhaft ausfallen muss. 

80) A moribus meis abest palpandi Studium (In der Dedication seiner Variae 
lectiones). 

81] In mendacii odium deductus varie pugnatum fuit in animo meo (Vorrede 
zu seiner Ausgabe von Galen's Method. med. L. XIV). 

Phys. Glosse. XVIIL Z 



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178 K. F. H. MARX, 

süchtig 8^), absprechend, wegwerfend, herrisch ^^) erschien, und für weit 
erregter, heftiger, rücksichtsloser gehalten wurde, als er war. 

Haller nennt ihn blos den scharfen Beurtheiler seiner Zeitge« 
nossen ^% 

Hofman erklärt ^^) , dass in Folge der Entartung der menschlichen 
Natur Viele meinten, nicht bestehen zu können, wenn sie nicht Andere 
herabsetzten. Das aber verhalte sich nicht so bei denen, welche das 
Rechte im Auge behielten und die Aufgaben der Tugend übten. Nicht 
ohne die unangenehmsten Empfindungen ^ habe er zuweilen seine 
Vorgänger ungünstig beurtheilen und, wie z. B. gegen Vesal , seinen Ta- 
del stark äussern müssen ^7). Für seine Sorge und Bemühung um Ermitt- 
lung des Eichtigen habe er leidenschaftlichen Hass erfahren, wogegen 
ihm nur Verachtung geblieben sey ^8). 

In einer eigenen an Guy Patin in Paris gerichteten Schrift ^^) aus 

82) Claus Worm schreibt in einem Briefe vom J. 1646 an Thomas Bartho- 
linus: Hofmannns generalem sibi in omnes censuram yendicare videtur (Thomae Bar- 
tholini Epistolarum medicinalium Gent. I. Hagae Gomitum. 1740. 8. p. 330). 

83) Wills (Geschichte von Altdorf S. 93) äussert: Kasper Hofman, der es so 
weit brachte, dass man sich vor seiner diktatorischen Heftigkeit fürchtete, war 
gleichwol ein trefflicher Arzt, guter Philosoph und stattlicher Humanist, dessen Bücher 
die Franzosen druckten. 

84) Bibliotheca anatomica I. 328: acris coaevorum censor. 

85) In der Vorrede zu seinen Yariae Lectiones: Est quidem natura humana 
adeo depravata, ut plerique putent, exstare se non posse, nisi alios deprimant; at 
apud recta ingenia plus valet virtutis Studium. 

86) Ebend: Non sine bile respexi ad praedecessores meos. 

87) Ebend. über Physiologia Galenica: Vesalius affricuit scabiem suam. 

88) Gum hactenus frcerim omnia, quae pro Veritate fieri posse judicabam, 
quid lucratus sum? Ut inimicorum meorum impotentia, furor et vaecordia quotidie 
fiat major, efferatiorque. Quos quo modo alio uliciscar quam generoso contemtu? 
(Aus der im J. 1638 geschriebenen Vorrede seiner Institutiones medicae). 

89) Gaspari Hofmanni pro Veritate opellae tres. I. Adrastea Galeni. H. Exer- 
citationes juveniles contra Parisanum, aliosque. III. Ant-Argenterius. Lutetiae Pari- 
siorum. 1647. 4. 

Er bespricht darin , gröstentheils lobend , zuweilen aber auch scharf tadelnd 







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KASPER HOFMAN, EIN DEUTSCHER KÄMPFER etc. 179 

dem Jahre 1645 setzte er aus einander» wie er kein anderes Ziel ver- 
folgt habe, als das, wie Wahrheit zu suchen, ob ihm gleich wohl be- 
kannt gewesen, dass man dabei auf glühenden Kohlen gehe. 

Nachdem der Piemontese Johannes Argen terius [f 1572] es gewagt 
hatte, den Galen anzugreifen, ohne mit den gehörigen Waffen ausgerüstet 
zu seyn , erklärte sich Hofman gegen ihn ^^) und ebenso gegen die An- 
sichten, welche derselbe mit Fernelius theilte, über die Krankheiten der 
Form und Materie. Er nannte dessen Behauptungen Träumereien ^i). 

In seinen Anleitungen für Aerzte, welche, wegen der darin gerügten 
Dinge und Personen, viel böses Blut erzeugten, findet sich auch ein 
Abschnitt „gegen Bartholin'* ^^), wahrscheinlich Thomas, wodurch Job. 
Caspar Bartholin so erbost wurde, dass er Hofman den bissigen, bellen- 
den Hund von Altdorf nannte ^^). 

Das Verkleinem liegt Manchem näher als das Lobpreisen, und die 
Glossarien der Gelehrten zeigen an Schimpfwörtern keinen Mangel. 

Aemilius Parisanus, [f zu Venedig 1643] p. 17 — 33, Job. Hieronymus Bronzieros 
[t zu Belluno 1630] p. 33—37, Thomas Fienus [f 1631 zu Löwen] p. 37—38, Jaco- 
bus Scheggius (eigentlich Degen) [f 1587 zu Tübingen] p. 38 — 39, Nicolaus Leoni- 
cenus [f 1524 zu Ferrara] p. 39, Pompejus Caimus [f zu Titiano 1631] p. 40—45, 
Nicolaus Taurellus [f zu Altdorf 1606] p. 45 — 51, Caesar Cremoninus [f zu Padua 
1631] p. 51 — 59, Hieronymus Fabricius ab Aquapendente [f zu Padua 1619] p. 59 
— 66, Franciscus Valesius [Arzt zu Alcala im 16. Jahrhundert] p. 66— 89, Fabius 
Pacius [t zu Vincenza 1614] p. 89—90, Joannes Costaeus [f zu Bologna 1603] 
p. 90 — 96, Franciscus Bonamicus [Arzt zu Florenz] p. 96 — 102 , Andreas Laurentius 
[f zu Montpellier 1609] p. 102—115, Aloysius Mundella [f zu Padua im 16. Jahr- 
hundert] p. 115, Petrus Andreas Matthiolus [f zu Trident 1577] p. 116, Mundinus 
Mundinius [f zu Venedig im 16. Jahrhundert] p 116. 

90) Ebend. S 119—135. 

91) Rejectanea pathologica. Qua de Morbis Formae et Materiae, a Femelio, 
Argenterioque per somnum yisis. Ad Thomam Reinesium. Gleichfalls in den Opellis 
pro Veritate p. 99 — 118. 

92) Instit. med. p. 226—230: Contra Bartholinum. 

93) Thomae Bartholini Epistolarum medicinalium, a Doctis vel ad Doctos scrip- 
tarum. Gent. II. Hagae Gomitum. 1740. 8. p. 432: Canis Altorfini morsus et latratua 
doctis probisque merito suo debent esse exosi. 

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180 K. F. H. MARX, 

Gestatten sich Gebildete anstössige, unerlaubte Ausdrücke, so könnte 
gezweifelt werden , ob Humanismus ^^) Humanität bedinge. Allein was 
schon vor zwei Jahrhunderten, bei anhaltenden Erschütterungen des öffent- 
lichen Lebens und bei ungezähmter Leidenschaftlichkeit der Menschen, 
zur auffallenden Ausnahme gehörte, das ereignet sich nur noch selten. 
In der Kegel entspricht dem Besitze einer höheren geistigen Weihe die 
Aeusserung eines edlen, sittlichen Benehmens. 

§. 14. 

Die Angriffe auf Hof man erstreckten sich nicht nur über das, 
was er that, sondern auch über das, was er unterliess. 

Bitter wurde ihm vorgeworfen, dass er nur Theilnahme für das 
Alte gezeigt habe, dagegen nicht nur XJnempfanglichkeit für das Neue» 
sondern geradezu Widerwillen dagegen; dass er von der Entdeckung 
Asellio's keine Notiz genommen, ja dass er nicht einmal zur Lehre vom 
grossen Kreislauf sich bekannte, von welcher Harvey persönlich ihn zu 
überzeugen suchte. 

Da der letztere Anklagepunkt vorzugsweise hervorgehoben wird, so 
ist zu bemerken, dass so gross die Achtung Harvey's für Hofman war, 
die Verehrung und Liebe Hofman s für Harvey nicht geringer erscheint. 
Die gewechselten herzlichen Worte ^5) von jenem aus Nürnberg, von 

94) Da Kasper Hofman als Verfechter des Humanismus bekannt war, so wurde 
ihm die Schrift de imminente barbarie zugeschrieben, die jedoch nicht ihn zum Ver- 
fasser hat, sondern einen früheren gleichen Namens, der zu Frankfurt an der Oder 
lehrte. 

Obgleich diese Verwechslung schon von Jo. Jac. Bai er in seinen Biographiae 
Professorum medic. Altorfii. Norimb. 1728. 4. p. 57 gerügt wurde, so findet sie sich 
noch häufig in literarischen Angaben. 

95) Harvey schrieb (bei G. Richter a. a. 0. p. 808): ludicium tuum, mi 
Hofmanne doctissime, de me, de motu et circulatione sanguinis, Candida mente scrip- 
tum, pergratum mihi est; atque me vidisse hominem doctissimum, et alloquutum 
fuisse, gaudeo, cujus amorem ita libentissime amplector, ut redamem. 

Hofman (bei Bichter p. 809) äussert sich: Humanitas tua incredibilis, mi Har- 
veje, facit, ut jam non diligam te, sed deamem. 



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KASPER HOFMAN, EIN DEUTSCHER KÄMPFER etc. 181 

diesem aus Altdorf lassen das gegenseitige Verhältniss anders erkennen, 
als es nach der gangbaren Mittheilung angenommen wird. 

Zwischen zurückhaltender Vorsicht aus gewohnter umsichtiger Prü- 
fung und kalter Abschliessung gegen überzeugende Gründe , oder gar 
aus unbedachter Verwerfung, ist ein Unterschied. 

Wer viele Jahre hindurch mit der höchsten Anstrengung des Alten 
sich zu bemächtigen suchte, vermag dem Neuen sich nicht so rasch zu- 
zuwenden, als wer blos die Vorgänge der Gegenwart mit Aufmerksam- 
keit verfolgt. 

Hofman lebte, was das Studium betrifft, mehr in der Vergangenheit; 
dem Erkennen dessen, was die Vorzeit als geistiges Eigenthum besass, 
hatte er seine besten Jahre geopfert. Vorstellungen aber und Einsichten, 
welche mit erstaunlicher Mühe gewonnen wurden, sind, zumal im vor- 
gerückten Alter, nicht so leicht aufzugeben. 

Auch hat jeder nur ein gewisses Maass von Kraft, welches kein 
Anderer kennt, oft der Mensch selbst nicht. 

Das Festhalten an Sätzen des Wissens wie des Glaubens muss mit 
um so grösserer Schonung beurtheilt werden , wenn sie tief begründet 
sind und der ganze Mensch in ihnen seine Beruhigung findet. Irrthum, 
der beim redlichsten Streben sich ereignet, ist ein verzeihlicher. Der 
Vorwurf der Engherzigkeit und Einseitigkeit erscheint da ungerecht, wo 
das ganze Leben von unbefangenem Ringen nach Erkenntniss vollgültiges 
Zeugniss ablegt. 

Dass Hofmann die Sprache einer früheren Welt besser verstand als 
die seiner Zeitgenossen, mag ihm als Fehler angerechnet werden ; bedeu- 
tend ist dieser nicht. 

Das lebendige Interesse, welches Hofman an reellen Unternehmun- 
gen, an rein menschlichen Verhältnissen und an der Beförderung der 
humanen Studien nahm, das lernt man besonders aus dem Briefwechsel ^^) 



96) Th. Reinesii ad Casp. Hoflfmannum. Christ. Ad. Rupertum. Professores 
Noricos Epistolae. Lipsiae 1660. 4. Der Briefwechsel mit Hofman nmfasst den Zeit- 
raum von 1638 bis 1644. 



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182 K. F. H. MARX, 

mit seinem Landsmanne Reinesius ^^) kennen, obgleich derselbe meistens 
literarische Gegenstände betrifft. 

Aus den darin sich findenden mannigfachen Mittheilungen nur fol- 
gende Proben: 

Man müsse, so schreibt Hofman, bei widerwärtigen Begegnissen 
ruhig bleiben, Unrecht ertragen und Gott vertrauen ^ö). 

Von Bösen würde für erzeigte Wohlthaten schlecht gedankt, weil sie 
nicht gelernt hätten Gutes zu thun^^). 

Wahrheit, diesen Theil des göttlichen Feuers ^^oj ^ diesen Pfropfreis 
des Allerhöchsten 10 1) , verehre er; Lüge, diesen Auswurf des Satans, 
verabscheue er. 

Da er das Unglück hatte seine Tochter zu verlieren, so konnte er 
es nicht unterlassen, beim Andenken an sie, Thränen zu vergiessen'^^^). 

Den trostlosen Zustand in Deutschland, namentlich in Betreff der 
Literatur, kann er nicht genug beklagen ^o^^. 

In einem Falle, wo er, vor andern Collegen, seine Meinung über 
einen Kranken auszusprechen hatte, bemerkt er: die Ansichten mögen 
verschieden sein, er halte es mit der Heilung i04j. 



97) Thomas Beinesius wurde in Gotha 1587 geboren und starb 81 Jahre alt 
in Leipzig. Schon im Uten Jahre verstand er Griechisch und Latein, um sich zum 
Arzte auszubilden, besuchte er Wittenberg, Jena, Frankfurt an der Oder, Padua, 
wurde zu Basel Doctor und lebte dann als Leibmedicus in Altenburg. 

98) Epist. p. 100: Vivit Dens is erit innocentiae certus vindex. 

99) Ebend: Quibenefacitmaleauditamalis, quiaipsibenequidfacerenondidicerunt. 

100) Ebend p. 12: Veritatem colo et veneror, quia est divini particula Ignis. 
Mendacium odi et conspuo, quia est vomitus Satanae. 

101) Ebend. p. 58: Veritas est surculus Dei. 

102) Ebend. p. 17: Non teneo lacrymas, cum cogito beatissimum finem vitae 
puellae amabilissimae filiae meae. 

103) Ebend. p. 3: In hac Germaniae vastitate, in hac speciatim et literatorum 
et librariorum ruina. 

p. 24: Talia sunt haec tempora, qualia Romae sibi fuisse Gal. ait, cum vitam 
leporis viveret. 

104) Ebend. p. 58: Pro me stat magnum Hippocratis argumentum, Curatio. 




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KASPER HOFMAN, EIN DEUTSCHER KÄMPFER etc. 183 

Was andere Schriftsteller erreicht hatten, dass ihre verschiedenarti- 
gen Schriften gesammelt erschienen, das war Hofman's angelegentlicher 
Wunsch, allein er wurde nicht erfüllt. 

Noch im Jahre 1643 äusserte er in einem Briefe an Reinesius ^^^ 
die Hoffnung, dass nächstens in drei grossen Bänden seine sämmtlichen 
gedruckten und nicht gedruckten Arbeiten, allerdings um ein beschä- 
mendes, geringes Honorar, herauskommen würden; es blieb jedoch bei 
der Hoffnung. 



Kasper Hofman strebte und kämpfte; er siegte wohl auch, aber 
im Ganzen verlief sein mühevolles Leben freudenlos. Da sein sehnlich- 
ster Wunsch, die Veröffentlichung seiner Hauptarbeit, unerfüllt blieb, 
seine meisten Schriften der Vergessenheit anheim fielen, sein Thun wie 
Lassen verkannt wurde und zum Theil noch wird, da er jedoch in Ab- 
sicht und Gesinnung rein war , trotz Krankheit und Noth unermüdet 
thätig blieb, seine vermittelst der Kritik gewonnene Ueberzeugung als 
Gesetzgeberin im Gebiete des Wissens betrachtete, dadurch viel Gutes 
äusserte und veranlasste, so schien es angemessen sein Andenken zu 
erneuern. 



Eine Hingabe an die klassischen Studien, wie solche bei Hofman 
Statt fand, ist bei den Medicinern der Gegenwart nicht mehr möglich, 
weil die Heilkunst einen zu grossen Umfang gewonnen hat, wodurch 
Zeit und Kräfte zu sehr in Anspruch genommen werden, und weil das 
öffentliche Leben, die Gesellschaft, stets neue wichtige Entdeckungen, 
der lebendige Verkehr mit den fernsten Gebieten der Erde, die Welt- 
literatur u. s. w. , mehr als ehemals, Theilnahme fordern ^o^). 



105) In dessen Epist. ad Casp. Hoflfmannum p. 318: Propediem, ut spes est, 
tribus tomis magnis exibunt heic omnia mea Opera, qua edita, qua non edita; pro 
quibus tantillum accipio, quantillum ruber prohibet dicere. Sed contentus sum, qui 
non Pecuniae servio, sed Veritati, cui trophaeum statuam hac ratione perpetuum. 

106) Früher auch reichte der Gelehrte mit der lateinischen Sprache aus; jetzt 
muss er die Kenntniss und üebung verschiedener neuerer erwerben. 



184 K. F. H. MARX, 

Dennoch ist eine gewisse Pflege der klassischen Studien ausführbar 
und von unberechenbarem Nutzen, schon deswegen, weil so gründlich 
wie die griechische und lateinische Grammatik keine andere getrieben, 
dadurch aber ein genaues Eingehen in die Gesetze der Sprache veran- 
lasst wird. 

Durch Gewöhnung an ausgezeichnete Muster des Styls gestaltet sich 
die Schreibart einfach und natürlich, der Vortrag schön, selbst bei tri- 
vialen Gegenständen nicht trocken und ermüdend ; dabei gedrängte Kürze, 
Klarheit des Dargestellten, Bestimmtheit der Begriffe, Vermeidung un- 
nöthiger fremdartiger Ausdrücke. 

Da nuu keine Literatur so sehr einer gründlichen Verbesserung in 
Betreff der Sprache bedarf wie die medicinische , (ihre Vernachlässigung 
scheint den Zweck zu haben gebildete Laien von der Leetüre abzuhal- 
ten) und keiner Genossenschaft, wie der der Aerzte, bei der bunteu 
Mannigfaltigkeit, ja Ueberfüllung ihrer Wissensgegenstände, es so drin- 
gend Noth thut im Geiste der Alten einfach zu denken und zu prüfen, 
so ergiebt sich die Noth wendigkeit der humanistischen Studien. 

Dass sie zu eifrig betrieben werde, dass eine Vorliebe für Bücher 
entstehe, ist nicht zu besorgen, denn das Gegengewicht des unentbehr- 
lichen reellen Wissens und Thuns ist zu gross. Fast jeder Gegenstand 
der praktischen Studien verlangt eigene Beobachtung, eindringende Ab- 
wägung der Gründe, Erkenntniss der Gesetze und der Ausnahmen, so- 
wie Uebung der manuellen Hülfeleistung. 

Für wahrhaft geniale Naturen giebt es keine Anleitungen; diese 
gelangen auf ihren selbstgewählten Bahnen, durch ihre wunderbaren gei- 
stigen Anlagen und ihren Erflndungstrieb, zu ungeahneten Resultaten. 



Der Einzelne bleibt um so mehr darauf angewiesen selbst den 
rechten Weg zu suchen und zu finden, da ihm derselbe nicht selten 
durch unverhoffte Hindemisse erschwert wird. 

Man sagt, ärztliche Belehrung könne nur aus dem Borne der Er- 
fahrung geschöpft werden; wie aber, wenn der Zugang zu demselben 
versperrt wird? 




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KASPER HOFMAN, EIN DEUTSCHER KÄMPFER etc. 



185 



Die reichhaltige am Krankenbette gewonnene Literatur nützt nur, 
wenn ihre Angaben allgemein verständlich bleiben und die darin empfoh- 
lenen Gaben der Mittel ebenso zu gebrauchen sind. Das ist aber bei 
neuen Gewichtsbestimmungen nur mit Mühe möglich. 

Wer, wie das Gesetz vorschreibt, mit dem Grammgewichte sich 
beschäftigt, verliert das Interesse am bisherigen, allein üblichen Medici- 
nalgewichte, und wird er in Vergleichung beider schwankend und un- 
sicher , so entsteht ein Misbehagen , das vielleicht zur Abneigung gegen 
die sonst gefeierten gedruckten Führer und Rathgeber sich ausbildet. 

Die Engländer, welche wiederholt die Frage in Ueberlegung zogen, 
ob Beibehaltung des Medicinalgewichtes oder Annahme des Grammge- 
wichtes, erklärten sich für die erstere und strichen blos Drachmen und 
Scrupel, indem sie sich auf Unzen und Gran beschränkten. Mit dieser 
Aenderung wurde das Verhältniss und die Benutzung der früheren Beob- 
achtungen wenig beeinflusst. 

Bei unsern Praktikern ist zu befürchten, dass ihnen durch das neue 
Gewicht die älteren guten Schriften über Heilung der Krankheiten noch 
mehr als bisher entfremdet werden. 

Die Chemie, welcher das Grammgewicht bequem und nothwendig 
geworden, hat dadurch, dass sie dieses auch auf die Medicin übertrug, 
einen neuen Triumph über diese davon getragen, jedoch zum grossen 
Nachtheil der Ausübung. Sie verwandelte damit die Apotheke zu einer 
Art von chemischem Laboratorium, was jene nicht ist, da sie nur der 
Kunst des Arztes, nicht der Wissenschaft dienen soll. 

Lässt man den Lebenden und der Gegenwart das volle Recht an- 
gedeihen, so darf man auch gegen die Vergangenheit kein Unrecht be- 
gehen. Die Unbekanntschaft mit dem bereits Gewonnenen zwingt immer 
von vom anzufangen und unterhält nur bei Unkundigen den Glauben 
an Fortschritt. 



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Fhys. Glosse. XVUI. 



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186 K. F. H. MARX, 



Anhang. 



Die klassischen Studien haben früher die Aerzte von beengenden 
scholastischen Glaubenssätzen befreit, zum Selbstdenken und Selbstforschen 
veranlasst und ihnen das Bedürfniss höherer Bildung eingeflösst. 

Diese gesunden Lebenskeime besit25en ihre eingebornen wohlthätigen 
Kräfte noch ungeschwächt fort, denn in der Regel offenbart der, welcher 
durch die Elemente des Alterthums mit entwickelt wurde, eine höhere 
Ansicht des Lebens, reiferes Urtheil und edlere Haltung. 

Geschieht die Lectflre jener Autoren aus eigener innerer Neigung, 
mit gehörigem Verständnisse der Sprache und offnen Sinnen, so fühlt 
sich Gemüth und Geist gehoben ; der Gesichtskreis erweitert' sich ; das 
unbestimmte zerstreute Suchen nach Aufklärung concentrirt sich ; die 
sich mehrende Fülle klarer Vorstellungen und Einsichten verdrängt 
schwankendes Meinen und Wollen; für Gemeines und Kleinliches er- 
stirbt die Empfänglichkeit; es entsteht mehr oder weniger eine ideale 
Stimmung; der Charakter erstarkt. 

Unwillkürlich regen sich höheres Selbstgefühl, Sinn für Unabhän- 
gigkeit und Freiheit, Achtung vor dem Ueberlieferten , dadurch auch 
rücksichtsvolles Benehmen und Billigkeit gegen Mitlebende, Anerkennung 
wirklicher Verdienste, Trieb nach umfassender, gründlicher Bildung. 

Die Eindrücke der durchgemusterten reichhaltigen Werke, der ge- 
schilderten grossen Männer und Thaten, sowie der dargelegten edlen 
Gesinnungen und Grundsätze drängen zur Nacheiferung ; der ganze Mensch 
wird wie von einer höheren Weihe umfangen, von einem Sehnen nach 
schaffender Thätigkeit, nach Gedankenerleuchtung, tieferem Erkennen 
gehoben. Angelegentlich wünscht er die empfangenen Lehren der Tugend 





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KASPER HOFMAN, EIN DEUTSCHER KAMPFER etc. 



187 



und Weisheit in sich zu verarbeiten, Wahrheit zu begreifen, durch und 
durch wahr zu werden, den gewählten Beruf ganz zu umfassen und ihn 
so sich zu eigen zu machen, dass derselbe segensreich für Viele werde. 

Die Naturen sind aber sehr verschieden; es giebt auch, entgegen- 
gesetzt den empfanglichen, ernsten, vorwärts strebenden, gleichgültige, 
leichtsinnige, verneinende, in denen das dargereichte Gute, Reine, Grosse 
zum Gegentheil wird. Die Kunst der Verführung ist so mannigfach 
und mächtig, dass die nachtheiligen Einflüsse die besten Entschlüsse 
und Gewohnheiten umändern; dass Manche, von denen man glauben 
sollte, sie würden, in den begünstigendsten Umständen aufgewachsen, 
bei glücklichen Anlagen, mit Freudigkeit und Stolz nur höhere Ziele 
verfolgen, durch jene in Schlaffheit und in rohe Genüsse versinken, 
wobei ihre Gewissenhaftigkeit schwindet, die Sache an sich ihnen gleich- 
gültig wird und sie nur den Schein zu retten suchen. 

Das Einzige, was solche Studierende vor zunehmender Entartung, 
Vergeudung der Zeit und. moralischen Flecken bewahrt, ist die Furcht 
vor dem Examen. Ihre Besorgniss , zunächst vor Lehrern und Commi- 
litonen, dann vor Eltern und Verwandten als Unwissende oder gar als 
Abgewiesene zu erscheinen, wird zum Motiv, dass sie stossweise sich 
zusammennehmen, um gegen eigene Schwäche und fremde böse Einflü- 
sterungen anzukämpfen und den Versuch zu machen, wenigstens ober- 
flächliche Kenntnisse durch Nothhelfer zu erlangen. 

So nothwendig und heilsam in solchen Fällen die Examina als 
Verhütungsmassregeln beklagenswerther Trägheit, unbesonnener Zer- 
streuung und heillosen Wandels sich kund geben, so darf nicht verschwie- 
gen werden , dass sie selbst zu schlimmen Uebeln geworden sind. 

Auf der Universität wenigstens emanirt für die Medicin Studirenden 
das Miasma eines verkehrten Studiums, wovon, mit seltenen Ausnahmen, 
fast Jeder ergriffen wird, so sehr aus dem Examinationswesen, dass der- 
jenige, welcher für das Wohl der betreffenden Jugend sich interessirt, 
nachdenken muss, was geschehen soll, um die Uebermächtigkeit desselben 
und die sclavische Abhängigkeit davon abzuändern. 

Sowie es jetzt mit der dadurch bedingten einseitigen , jedes wahre 

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188 . K. F. H. MARX, 

wissenschaftliche Treiben untergrabenden Richtung der Studien sich 
verhält, kann und darf es nicht bleiben. 

Ehemals richtete sich der Anfanger, damit eine sachgemässe Auf- 
einanderfolge der Wissens-Gegenstände beobachtet werde, nach der 
Anweisung gedruckter Methodologieen, oder er befragte ältere erfahrene 
Männer und Lehrer; er besuchte in den ersten Semestern die eine und 
andere Vorlesung über Philologie, Philosophie, Psychologie, Geschichte, 
Mathematik etc., doch davon ist keine Rede mehr, das ist ein überwun- 
dener Standpunkt. 

Der Immatriculirte erkundigt sich nach den Examinatoren seines 
Fachs; diese merkt er sich als legitime für den Zeitpunkt, wo er Nei- 
gung fühlen sollte zu belegen, womit er sich nicht zu beeilen pflegt. 
Geschieht dieses endlich beim Quästor, nicht bei den Lehrern, so wählt 
er solche CoUegia, die ihm von Bekannten als durchaus erforderliche 
bezeichnet werden, weil sie geprüft werden. Dass nur solche Lehrer 
Gnade finden, welche damit beauftragt sind^ versteht sich von selbst. 
Diese Begränzung wird als Methode mit jedem fortschreitenden Semester 
consequent eingehalten. 

Mag in einem Nebenfache ein noch so anziehender Docent interes- 
sante Vorträge ankündigen, für den Mediciner existiren sie nicht. Aus 
eigenem Antriebe einen Klassiker zu lesen scheint Sache der Unmöglich- 
keit. Fände sich Neigung dazu, so verlangt die Befriedigung Verbor- 
genheit, um nicht ausgelacht zu werden. 

Nur für das Examen wird studirt, darum auch auf Privatissima 
der grösste Werth gelegt. Diejenigen, welche mit den in den Prüfungen 
am häufigsten vorkommenden Fragen sich bekannt machen, gelten als 
unentbehrliche Stützen, zumal in den Schlusssemestern. Bei ihnen ver- 
säumen selbst die Unfleissigsten keine Stunde. 

Hat ein Lehrer Jahre hindurch keine Vorlesung zu Stande gebracht, 
blieb sein Name den Studierenden völlig unbekannt, sowie er zum Exa- 
minator ernannt wird, muss er sich nach einem geräumigen Hörsaal 
umsehen, denn, wenn auch nicht sein Ruhm, doch seine Macht geht 
von Mund zu Mund. 






KASPER HOFHAN, EIN DEUTSCHER KÄMPFER etc. 189 

Ob nach überstandenen Prüfungen die in diesen verlangten viel- 
artigen und speciellen Wissenszweige fortcultivirt werden, ist mehr als 
zweifelhaft, weil durch Sättigung Abneigung entsteht und durch das 
Verlangen nach Erholung eine verkehrte Neigung und Beschäftigung 
befriedigt wurd. 

Dem streng wissenschaftlichen Studium geschieht von anderer Seite 
insofern Eintrag, als Viele, welche der klassischen Bildung bar sind und 
für ihren Lebensberuf sich gar nicht darum zu kümmern brauchen, 
akademische Bürger werden können. Deren Einfluss ergiebt sich für die, 
welche höhere Aufgaben verfolgen sollen, um so weniger günstig, als 
jene grossentheils in glücklichen äusseren Umständen sich befinden, ge- 
sellschaftliche Talente besitzen und deswegen zum Umgange gesucht 
werden. 

Um den mannigfachen Gefahren, welchen der auf umfassende Studien 
angewiesene Jüngling ausgesetzt ist, vorzubeugen, ist darum nicht genug 
darauf zu sehen, dass schon auf der Schule für das Wissen erleichternde, 
für das Wollen beschützende Massregeln getroffen werden. 

Bei dem erstaunlichen Umfange des medicinischen Studiums wäre 
es von Wichtigkeit, wenn die zur Universität abgehenden bereits gute 
Vorkenntnisse aus dem Gebiete der Naturwissenschaft, der Mathematik, 
Physik und Chemie mitbrächten und zur Schärfung sinnlicher Auffassung 
Anleitung erhalten hätten. Da aber dadurch nur Hülfsbedingungen ge- 
liefert werden zur Lösung der eigentlichen humanen Aufgabe, so sind 
diejenigen Vorbereitungs- Anstalten dennoch die angemessensten, wo die 
Lehrer, erfüllt von der einfachen Auffassungs- und Darstellungsweise 
des klassischen Alterthums, in diesem Geiste wirken und sich bemühen 
darnach ein festes Fundament einer umfassenden Durchbildung zu legen. 

Zwischen dem durch treues Aufmerken noch so vollständig ausge- 
rüsteten und dem humanistisch entwickelten Arzte zeigt sich in der 
Beobachtung wie in der Behandlung der Kranken häufig ein Unterschied: 
bei jenem pflichtschuldiges, gewissenhaftes, regelrechtes Ueberlegen und 
gewandtes Thun, aber mehr in der Weise des Technikers, ohne geniale 
Eingebung und eigenmächtige Entschliessung; bei diesem scharfes indivi- 



190 K. F. H. MARX, 

duelles Auffassen, selbständige Beurtheilung, seelenvolle aufopfernde Theil- 
nähme, sichere Bewegung im ganzen Gebiete der Kunst. 

Hoffentlich lassen sich bald befähigte Berather vernehmen, wie dem 
beklagenswerthen Zustande des jetzigen medicinischen Studiums, sowie 
der Beeinträchtigung der academischen Freiheit, abgeholfen werden könne. 

Verbesserungen der gerügten Uebelstände sind vielleicht zu erwarten, 
wenn die Vorschriften der für Alle gleichartigen Studiendauer und 
das Einreichen der Belegbücher aufgehoben werden. 

Der Zwang ist zu beseitigen, die Selbstbestimmung zu erleichtem» 
denn in ungehinderter Bewegung entwickeln sich die Kräfte am sicher- 
sten. Bei Lernfreiheit wird in der BegeV der Weg zur Fortbildung der 
Anlage, dem Talent und dem Eifer ejoUprechend gewählt 

Dass, um zur Prüfung zugelassen zu werden, der musterhaft fleissige 
bis jetzt ebenso lang zu warten hat als der notorisch faule, ist nicht zu 
rechtfertigen. 

Die Nachweisungen, ob, welche und bei wem, Vorlesungen besucht 
wurden, sind durchaus für überflüssig zu erachten. Gleichviel, ob die 
erforderlichen Kenntnisse vom Autodidakten oder unter Anleitung frem- 
der, unbekannter Lehrer erworben wurden ; nur die Frage bleibt zu ent- 
scheiden, ob sie vorhanden sind. 

Man beschränke die Zahl der zu prüfenden Gegenstände, imd lasse 
ab von der Forderung, dass der künftige praktische Arzt Mineralog, 
Botaniker, Zoolog, Physiker, Chemiker sey. 

Nach dem abgelegten Tentamen ist auf diese Wissenszweige nicht 
mehr zurück zu kommen. 

Das eigentliche Facultäts Examen, das Bigorosum, in seiner prak- 
tischen Erweiterung zugleich auch Staatsexamen , umfasse alle Fächer, 
welche zur wissenschaftlichen Beurtheilung und Behandlung der Kranken, 
sowie zur umsichtigen Ausarbeitung gerichtlicher Gutachten, unerlässlich 
sind. Wer dasselbe bestanden, dem gestatte man durch eine vorgelegte 
selbstverfasste genügende Abhandlung den Doctor Grad zu erlangen. 

Den grössten Werth lege man auf die Beweise deutlicher, klarer 
Begriffe, auf Entwicklung der Gründe des therapeutischen Verfahrens» 







KASPER HOFMAN, EIN DEUTSCHER KAMPFER etc. 191 

auf Darlegung des wesentlichen Inhalts und inneren Zusammenhangs der 
verschiedenen Lehi^egenstände. 

Das blos mechanisch auswendig Gelernte , Unsicherheit in der Be- 
urtheilung noth wendiger Einsichten, nicht vollständig erworbene Fertig- 
keiten sind in ihrer Leerheit und Unbrauchbarkeit bemerklich zu machen. 

Als unbefahigt ist ein solcher zurück zu weisen , dem die einfach- 
sten Vorgänge fremd geblieben, der verworrene Vorstellungen von den 
Naturobjecten hat, arge Verwechslungen begeht und selbst in Betreff des 
Gedächtnisses so vernachlässigt erscheint, dass er in unerlässlichen Wis- 
senstheilen aufs Rathen sich verlässt. 

Erweist sich dagegen einer in seinen Antworten ruhig überlegend^ 
als Selbstdenker und in dem mannigfach Erlernten so bewandert > dass 
er dieses wie ein organisches Ganze sich aneignete; trifft er am Kran- 
kenbette, nach eingehender Untersuchung und strenger Unterscheidung, 
das Richtige , besitzt er eine gewandte Uebung in den Handthierungen, 
und erscheint er zugleich klassisch gebildet, selbst der Geschichte nicht 
unkundig, sso werde diesem eine besondere Anerkennung auch insofern 
bewiesen, dass sein Doctor-Diplom, wenn man auch sonst keine Grade 
des bestandenen Examens mehr ertheilt, mit den Worten „examine summa 
cum laude superato** geschmückt werde. 

Da die Wissenschaft keinem äusseren Gebote unterliegt, so dürfen 
auch die Jünger derselben, um sie zu erlangen, durch unnöthige Vor- 
schriften und Gesetze nicht gebunden werden. 

Bei ihrer Absicht , für hohe Aufgaben sich auszubilden , mögen sie 
aus eigener Ueberlegung . die Bedingungen in sich aufsuchen , welche 
jene zu vermitteln vermögen. 

Sie werden das auf den Schein Berechnete, das Halbe meiden, so- 
wie sie zur Einsicht gelangen, dass die Lüge zum Sclaven erniedrigt, 
die Wahrheit aber frei macht. 

Wird ihj Wille nicht weniger entwickelt und gekräftigt als ihr 
Verstand, so ist zu erwarten, dass das eigene Gewissen, das Gefühl für 
Ehre und Pflicht treu mithelfen. 

Darum ist schon früh Alles aufzubieten, um jedem die Achtimg 



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192 K. F. H. MARX, KASPER HOFMAN, EIN DEUTSCHER KÄMPFER etc- 

vor sich selbst einzuflössen und ihn in eine geistige, ideale Kichtung zu 
leiten, damit der Anlage zum niedrigen egoistischen Treiben entgegen 
gewirkt werde. 

Dem Universitätslehrer ist es zwar nur wenig vergönnt, bildnerisch 
zu verfahren, weil die Lebensgemeinschaft mit den Studierenden zu locker 
ist, jedoch auch ihm kann es glücken reine Gemfither zu erwäAnen, 
befruchtende Keime für die Zukunft in sie zu legen, für grosse Ziele 
sie zu begeistern 

Möge das Vertrauen in den guten Willen der Medicin Studirenden 
durch ernste Bestrebung und Erwerbung einer universellen Bildung ge- 
rechtfertigt und ihr Dank für Entfernung lästiger Beschränkungen durch 
eine nach Becht und Pflicht dauernde Verehrung und gewissenhafte 
Pflege ihrer preiswürdigen Kunst bezeugt werden. Das Ziel wird um 
so sicherer zu erreichen seyn, wenn die Lehrer ihnen nicht blos als 
Meister des Fachs, sondern als Muster humaner und humanistischer 
Bildung voranleuchten. 



ABHANDLUNGEN 



DER 



MATHEMATISCHEN CLASSE 



DER 



KÖNIGLICHEN GESELLSCHAFT DER WISSENSCHAFTEN 

ZU GÖTTINGEN. 



ACHTZEHNTER BAND. 



Mathem. Glosse. XVJJI. 



ABHANDLUNGEN 



DER 



MATHEMATISCHEN CLASSE 



DEB 



KÖNIGLICHEN GESELLSCHAFT DER WISSENSCHAFTEN 

ZU GÖTTINGEN. 



ACHTZEHNTER BAND. 



Mathem. Glosse. XVIII. 



Hamilton - Jacobische Theorie für Kräfte, deren Maass 
von der Bewegung der Körper abhangen 



von 



Ernst Schering. 

Vorgelegt in der Sitzung der Eönigl. Ges. d. Wiss. am 1. Novemb. 1873. 

H amilton führt durch seine zuerst im Jahre 1834 veröffentlichte neue 
Methode der Behandlung einiger mechanischen Probleme bekanntlich die 
Aufgabe der Bestimmung der Bew^ung auf die Integration einer partiel- 
len Differentialgleichung erster Ordnung zurück und erreicht dadurch eine 
besonders einfache Form der Differentialgleichungen für die Elemente ei- 
ner durch sogenannte StSrungskräfte beeinflussten Bewegung. Jacobi 
hat den Grundgedanken dieser Theorie in einer einfacheren Form aufge- 
fasst, die Anwendbarkeit der Methode verallgemeinert und dadurch in 
diesem weiten Gebiete der analytischen Mechanik eine vollständige Neuge« 
staltung der Behandlungs weise geschaffen, welcher auch die Herrn Riche- 
lot Liouville Bertrand Donkin Lipschitz neue Entdeckungen hin- 
zugefugt haben. 

In den vorliegenden Blättern werde ich diese Methode in der Form 
darstellen, dass ich als Ausgangspunkt die Aufgabe betrachte, fSr die 
Veränderlichen, die den bekannten Differentialgleichungen für die Bewe- 
gung zu Grunde liegen , andere von der Beschaffenheit einzuführen , dass 
die zwischen ihnen sich ergebenden Gleichungen eine analog einfache 
Form erhalten wie die ursprünglichen sie besitzen. Die Bedingungsglei- 
chungen für eine solche Substitution lassen sich in besonders einfacher 
Form darstellen , wenn man allgemeine von der die wirkliche Bewegung 
darstellende nach der Zeit genommenen vollständigen Differentiation so 

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4 ERNST SCHERING, 

wie von der die virtuelle Bewegung darstellende Variation verschiedene 
Differentiationen zu Hülfe zieht. Die Theorie dieser canonischen Substi- 
tutionen ihre Anwendung auf die Integrationen der Bewegungsgleichun- 
gen auch für die Einwirkung von solchen Kräften , deren Maass nicht nur 
von der gegenseitigen Lage der Körper sondern auch von deren Ortsände- 
rung abhangen , so wie ferner die Eigenschaften der im Artikel IX. aufge- 
stellten allgemeinen Gleichungen für die Variationen der Elemente dann 
der daraus sich als specielle Fälle ergebenden von Lagrange Poisson 
Hamilton und Jacobi gefundenen Gleichungen habe ich zuerst im Som- 
mersemester 1862 in meinen academischen Vorlesimgen mitgetheilt. 

Die folgenden Blätter enthalten ausser diesen Untersuchungen noch 
eine Ableitung der Hamilton sehen Gleichungen aus dem Gaussischen 
Princip des kleinsten Zwanges. Eine andere Abhandlung wird sich mit 
dem Nachweise der Existenz einer normalen Form für jede canonische 
Substitution mit den nur theilweis gegebenen Substitutionen und mit den 
Differentialdeterminanten der canonischen Veränderlichen beschäftigen. 



L 

Princip des kleinsten Zwanges. 

Unter den verschiedenen Grundgesetzen der Mechanik besitzt das 
Gaussische Princip des kleinsten Zwanges mehrere Vorzüge. Es gilt in 
ganz gleicher Form für die Bewegung wie für die Ruhe, femer für solche 
Bedingungen und Beschränkungen der Bewegungen , dass die jeder mög- 
lichen Bewegung entgegengesetzte gleich möglich oder nicht gleich möglich 
ist. Es reicht auch vollständig hin , die Bewegung in allen solchen Räu- 
men zu bestimmen, in welchen das Quadrat des Längenelementes durch 
einen homogenen Ausdruck zweiten Grades der dem Längenelemente ent- 
sprechenden Differentialen von den Coordinaten dargestellt wird. 

Gauss spricht sein Princip in folgender Form aus, Bd. V seiner Werke : 

Die Bewegung eines Systems materieller , auf was immer för eine Art 

unter sich verknüpfter Punkte, deren Bewegungen zugleich an was immer för 

äussere Beschränkungen gebunden sind , geschieht in jedem Augenblick in mdg- 



HAMILTON -JACOBISCHE THEORIE. 5 

• * 

Uch grösster Uehereinstimmung mit der freien Bewegung , oder unter möglich 
kleinstem Zwange, indem man als Maass des Zwanges^ den das ganze System 
in jedem Zeittheilchen erleidet, die Summe der Producte aus dem Quadrate der 
Ablenkung jedes Punkts von seiner freien Bewegung in seine Masse betrachtet. 

Die Anwendung dieses Grundsatzes auf die Bestimmung der Bewe- 
gung von Körpern der äusseren Natur bedarf also noch der Kenntniss der 
Bewegung eines einzelnen freien Massentheilchens. Die hierf&r geltenden 
Gesetze ergeben sich aus der Natur der Körper und aus der Art der Wir- 
kung der vorhandenen Kräfte , sind also wesentlich physikalische. Die all- 
gemein gültigsten und an den übligen Begriff von Kraft sich anschliessen- 
den sind die beiden folgenden Voraussetzungen: 

Ein einzelnes frei bewegliches Massentheüchen , auf welches keine Kraft 
wirkt, bewegt sich in einer kürzesten Linie des Raumes und mit unverändert 
licher Geschwindigkeit, beschreibt in gleich grossen Zeitabschnitten gleich 
grosse Wegstrecken. • 

Ein einzelnes frei bewegliches Theilchen mit der Masse m , welches aun 
genbUcklich noch keine Bewegung hat aber unter der Einwirkung einer Kraft 
R steht, wird eine Bewegung beginnen in der Richtung der Kraft R und 
mit der Beschleunigung gleich — wird also in jener Richtung während des 
nächsten Zeitelements dt den Weg i^—dt^ zurücklegen. 

Diese beiden Gesetze für sich bestimmen noch nicht die Bewegung 
eines freien Massentheilchens unter der Voraussetzung einer anfängli- 
chen Bewegung und der gleichzeitigen Einwirkung einer oder mehrerer 
Kräfte; aber mit Zuhülfenahme des Frincips des kleinsten Zwanges in 
seiner allgemeinsten Deutung lassen jene Fälle sich erledigen. Nach Zu- 
lassung des Frincips ist man auch berechtigt bei der Bestimmung der Be- 
wegung eines Systems irgend eine Gruppe der gegebenen freien Bewegun- 
gen durch solche andere fingirte freie Bewegungen und die g^ebenen Be- 
dingungen und Beschränkungen für die Bewegung des Systems durch 
solche andere gedachte Bedingungen zu ersetzen , so dass die Bedingungen 
im Gtinzen bestehen bleiben und die aus diesen fingirten freien Bewegun- 
gen resultirende Bewegung des ganzen Systems dieselbe wie die aus jener 
Gruppe von freien Bewegungen resultirende des ganzen Systems wird. 



6 ERNST SCHERING. 

Eine der fruchtbarsten Art der Anwendung dieses Verfahrens besteht 
darin , dass man sich die einzelnen Massentheilchen m wieder in kleinere 
Massentheilchen m^, m^, . . zerlegt denkt; so dass m= tn^-}- fn^-\' . . wird, 
und zu den vorhandenen Bedingungen noch die neuen hinzutreten lässt, 
dass m^, m^, . . untrennbar mit einander verbunden bleiben. Irgend eine 
dem Massentheilchen m innewohnende freie Bewegung kann dann durch 
eine einem beliebigen der Theilchen zum Beispiel m^ zugeschriebene be- 
stimmte freie Bewegung ersetzt werden. 

Die Lage eines Punktes des Raumes, worin die Bewegung vor sich 
gehe , sei gegeben durch die Werthe der von einander unabhängigen Ver- 
änderlichen 0?^, «Tj,.. ^;^... Von dem Punkte ^,, .r^, . . a?^. . seien kür- 
zeste Linien gezogen nach dem Punkte ir,-f-d«r^,ir,-f-da?2.-. ^^-f-do?^,.. 
und nach dem Punkte a?j-l-8a?j, 47^^+8^?^, . . «r^+ßo?^. .. und von die- 
sem letzteren Punkte eine kürzeste Linie nach der zuerst genannten Linie 
oder nach deren Verlängerung so wie der TreflEungspunkt der letztem con- 
struirt. Die von dem Punkte a? nach diesem Treffungspunkte gezogene 
kürzeste Linie heisse die Projection der von ^ nach «2?-|-2«r gezogenen 
Linie auf die von w nach a?-f-da? gezogenen Linie und werde als positiv 
betrachtet, wenn die Projection und diese Linie nach derselben Seite hin 
liegen , negativ wenn nach entgegengesetzten Seiten. Das Product der 
Länge der Projection multiplicirt in die Länge dieser Linie werde mit SD 
bezeichnet und sei gleich 

hk 

worin X^ von der Beschaffenheit des Raumes und der gewählten Coordi- 
naten oo^, x^. . abhangen, allgemein der Bedingung X^^ = X^^ genügen 
und allein Functionen von x^, w^ . . aber nicht von diT,, d,x^. . 8x^ 8x^ •• 
sind , worin 'ferner die Summation 2 über so viele Werthe 1,2,3.. der 
Indices h und k sich erstreckt , wie der Raum Dimensionen hat. Fällt 
der Punkt j?+da? mit x-\-Bx zusammen so geht jener Ausdruck in 

2X, d<r.d<r, 

^. hz h k 
hk 

über, welcher mit St bezeichnet werden soll und das Quadrat der Länge der 



/ ■ 



PRmCIP DES KLEINSTEN ZWANGES. 7 

vom Punkte x nach x-^^x gezogenen Linie bedeutet also bei beliebi- 
gen d<r immer eiQen positiven Werth annimmt. 

Die Länge einer Linie, deren Punkte durch Werthe der «r ^ , a?^ . • «r. . . 
als Functionen Einer unabhängigen Veränderlichen gegeben sind, ist gleich 

dieses Integral muss also für eine kürzeste Linie, die durch zwei feste 
Punkte, welchen die constanten Grenzwerthe des Integrals entsprechen, zu 
einem Minimum werden. Bezeichnet die Variation 6 eine beliebige Um- 
formung der Functionen x^^ x^ . . x^. . so müssen für eine kürzeste Linie 
zwischen diesen Veränderlichen solche Relationen bestehen, dass sich £^S 
auf ein vollständiges d Differential reducirt. Es ist nun, wenn man in dem 
obigen Ausdruck SD die h Differentiation in demselben Sinne nimmt wie 
hier die Variation , 

^ hk ^ hk hk 

also dieser Ausdruck, welcher von den 8x und nicht mehr von deren Dif- 
ferentialen dBx abhangt und von 8^X sich nur um ein totales Differen- 
tial d -7^ unterscheidet , muss für eine kürzeste Linie verschwinden. 

Ist diese die Bahn eines frei beweglichen Massentheilchens und 
betrachtet man bei der d Differentiation die Zeit als die einzige unabhän- 
gige Veränderliche und deren Differential d^ als constant, so wird ^St 
gleich der Geschwindigkeit multiplicirt in d ^ , demnach d^^ gleich der 
Beschleunigung multiplicirt in d ^, also , wenn . das Massen theilchen sich 
frei ohne Einwirkung von Kräften bewegen soll , muss nach dem Grund- 
gesetz d^2^ = und zufolge der obigen Gleichung demnach auch 

i8Z — d^= 

werden für jedes beliebige Werthensystem der 8x^, 8x^ . . 8x^. . . und 
unter andern auch für 8x^ =dx^, 8a?^ = d,r^, 8x^ = dx^, sodass 
die vorhergehende Gleichung d^St = als specieller Fall wieder entsteht. 



8 ERNST SCHERING, 

Die von dem Zustand der Ruhe ausgehende durch eine Kraft R her- 
vorgebrachte Bewegung eines Massentheilchens m während des ersten 
Zeitelementes d^ kann man nach dem Grundgesetz als zusammenfallend 
betrachten mit dem ersten Theile einer von dem Punkte a? nach a?+d^ 
gezogenen kürzesten Linie , wenn sie mit der Kraft R gleiche Richtung 
hat. Diese Bedingung lässt sich analytisch , wie leicht aus der Bedeutung 
der hier gewählten Bezeichnungen hervoigeht, dadurch darstellen, dass 
— die Länge der Projection einer von dem Punkte «r^, a?^, a?, . . nach 
einem beliebigen unendlich nahe liegenden Punkte cTj + Oir^, a^-^oa^, 
X +2^8 • • gßh^^den sogenannten virtuellen Bewegung auf die Richtung der 
Kraft R bezeichnen soll also dasjenige , was man die in der Richtung der 
Kraft R von dem Massentheilchen m ausgeführte virtuelle Bewegung 8r 
zu nennen pflegt. Nimmt man Mrieder die Zeit t ^als unabhängige Verän- 
derliche der Differentiation d und femer df constant, so bedeutet \/St das 
Product der Geschwindigkeit multiplicirt in df wird also nach dem Grund- 
gesetz für den Anfang der Bewegung t =i t^ zu Null , was nicht anders 
stattfinden kann, als wenn für diesen Zeitpunkt die Derivirten -^ » -^ . • • '^' 
verschwinden. Unter denselben Voraussetzungen wird d^St dem Pro- 
ducte der Beschleunigung multiplicirt in d ^ also nach dem Grrundgesetze 
dem Werth von — d r gleich. Multiplicirt man die obige allgemeine Glei- • 
chung für eine kürzeste Linie mit \/2;, so erhält man hier: 

hk 

dV2:=^d<», Sr=0. ^=0. ^ = 0... ^ = ^r, für t=t, 

für beliebige Sa?,, Sa?^, . . als Gleichungen zur Bestimmung der vom Zu- 
stand der Ruhe zur Zeit t = t^ ausgehenden Bewegung, welche die Kraft 
R in dem firei beweglichen Massentheilchen m hervorbringt. 

Indem wir uns nun zur Untersuchung eines beliebigen Systems von 
Massentheilchen wenden , bezeichnen wir für das einzelne Massentheilchen 
m mit x^, x^, x^ . . die Coordinaten und betrachten die Differentiation d 
als auf df bezüglich und zwar als diejenige Aenderung der Grössen, wie sie 
in Folge der Bewegung wirklich entsteht. Jedem Massentheilchen m mag 



i5St-dS)+^dV2 = -2X;^dd^,.8^,+ s4d<' = 0. 



Aj 



PRINCIP DES KLEINSTEN ZWANGES. 9 

eine Bewegung innewohnen , vermöge welcher es , wenn es von diesem 
Zeitpunkte t an frei wäre und von keiner Kraft eine Einwirkung erlitte, 
sich während der Zeit d^ von d&m Punkte «r^ nach dem Punkte 

bewegen würde, für welchen 

bei jetzt ganz beliebigen Bx^ wird, wenn nemlich mit S£^ und SD^ die- 
jenigen Ausdrücke bezeichnet werden, welche entstehen, wenn die Diffe- 
rentiation d im Sinne von d^ und zwar für verschiedene Massentheilchen m 
auch wieder beliebig verschieden genommen wird. Auf jedes Massentheil- 
chen m wirke je eine besondere Gruppe Kräfte JR^, JR^. . welche, wenn 
sie einzeln für sich auf m wirkten und letzteres augenblicklich im Ruhe- 
zustande aber frei beweglich wäre , je nach dem Punkte 

oder 

«^* + d,,«r,+4-d d ^. + 7-4-Td,'a7,+ . . 

Ä' "Ä**«"Ä' 1.2.3'' Ä' 

etc. treiben würden, worin 

^62: -dS),+;^ d^/sr, = -gx^d,d^,a^,+ar,5d^ = o 

" hk 

und entsprechend für die übrigen Kräfte ist. 

Jedes Massentheilchen m werde in kleinere Massentheilchen m^ m^.. 
beliebig für jedes einzelne m zerlegt , so dass also zu den ursprünglichen 
Bedingungen noch die neue hinzukommt, dass je m^ m.. , welche die Theile 
einer Masse m ausmachen, mit einander fest verbunden sein sollen. Wir 
wollen annehmen, dass die Grössen (m, m^)^ so bestimipt seien, dass es 
für die ganze Bewegung denselben Erfolg habe, ob de/ Mass^ m eine 
Bewegung innewohnt, die ihn, wenn er frei und keinen Kräften ausge- 
Mathem. Classe. XVIIL B 



/ • 



10 ERNST SCHERING, 

setzt wäre, nach dem eben angegebenen Punkte brächte, oder ob den 
Theilen m^, m^. . keine Bewegung innewohnt , dag^en dem Theile m^ 
eine solche» so dass, wenn dieser sich £rei*bew^te, er nach dem Punkte 

gelangen würde, femer mögen (wi,w)^, {m,mj^ , . der Art bestimmt sein, 
dass die Einwirkungen der Kräfte U^, R^ auf die Massen ersetzt werden 
durch Kräfte, welche auf die einzelnen Theile m , m^. . allein wirken, so 
dass diese bei freier Bewegung einzeln je nach dem Punkte 

und dem Funkte 

*;^+(m.i»JÄ{d„af^+fd,d„;r^+^d>^+ . .} • 

gelangen würden. 

Die wirklich ausgeführte Bewegung bringe die Masse m also jeden 
seiner Theile m^ rn^^nt^^. . von dem Punkte Xj^ nach 

irgend eine andere mit der Innern Verknüpfung der Massen und mit den 
Bedingungen und den äussern Beschränkungen verträgliche Lage des Sy- 
stems können wir dann in der Weise darstellen , dass die Masse m und 
also jedes seiner Theile m^ m^ m^ . . den Ort 

einnehme, so dass, weil 8 und d unendlich kleine Aenderungen bedeuten, 
auch der Ort 

für die Masse m ein mit den Bedingungen verträglicher ist. Diejenigen, 
DifFerentiale der Coordinaten, welche der Abweichung irgend einer mög- 
lichen von der freien Bewegung der Theilchen entsprechen , werden also 



PBINCIP DES KLEINSTEN ZWANGES. 11 

fflr m, 

(m, m„)^(d„a?^+id„d„a?^+ . .) — (gj?^4-dar^-f 4-dd«^+ . .) 

für f», 

(«t, OT)^(d a?^+id d,j?;^ + . .) — (8.r^+da?^+^ddj7^+ . .) 

und 80 fort also nach der für den Raum und diese Coordinaten gemachten 
Voraussetzung das Quadrat dieser Abweichung 

fÄr «tj 

hk 

X{(»»,»»„)^(d„a?^+id„d„a?^+. .) — (2^4+da?;fcH-iddj?^+ . .)} 
für m 

i 

SX^ !(»», m);^(d,a?;j + id d,j?^+ . .)_(aj.^+da:^H-f ddj?^+ . .)} x 

hk 

X{K «»,)*(d,^*+id,d ^j^ + . .) — (S^^4-diJ7^+4-dda?^+ . .)} 
also das Maass des Zwanges für diese Bewegung gleich 

X|(»», »»„)^(dod?^+id„d„a^j^+ . .)— (^J?4+da?;j4-iddj7j^+ . .)} 
+«»,5:XJ(»i.w)^(da";^4-idd,^;^ + ..)— («^*+d.r^+idd^Ä+--)}x 

+ U. 8. f.] 

Nach Gauss Princip sind die do?^ und ddo?^.. so zu bestimmen, 
dass dieser Ausdruck unter allen möglichen Werthen der ^x^ seinen 
kleinsten Werth für ^x^ = 0, ^x^ = . . ^^ß^= annimmt, also dass, 
wenn man diesen Ausdruck nach Potenzen von den 8x entwickelt, die 
sich ergebende Summe der linearen Glieder nemlich 

• 

2SI!X^jj{»i„(«»,mJj(d„j?^+id„d„a?j^H- . .) 



m hk 



hk 



m hk 



worin m^+m^+m^-t- . . durch m ersetzt ist, nie negativ wird. 

B2 



12 ERNST SCHERING. 

Die noch unbekannten (m, m„)^, (»t, «)^.. ergeben sich durch die 
Betrachtung, daS0, wenn der aus m^, m^. m^, . . bestehende Massenpunkt 
m für sich frei wäre und von keiner Kraft eine Einwirkung erführe also 
sich nach 

^*+d^AH-4ddj:,+ ^dV^+. = ^A+ Vfi+^^o VA+nfl V^*+ • • 

bewegen würde, er dahin auch gelangen müsste, wenn von seinen mit ein- 
ander fest verbundenen Theilen nur m^ eine freie Bewegung nemlich nach 

^A+K '"o)(do^A+^d„d„^A+r:T:i<^A+ • ■) 

dagegen die übrigen Theile keine freie Bewegung besässen also 

^.^h-^i^.^,^h-^rT~i^'^h~^ •• = ö für alle Ä 
sein müsste. Nach dem Frincip des kleinsten Zwanges darf dann also 

hk 
für kein Werthensystem +8;r,, . . +5j;^ . . negativ werden, muss also 
= sein. Hierin ist der Factor von Xj^^hx^ nur ein besonderer Werth 
von hx., er muss also, da für diesen besondern Fall die Summe propor- 
tional dem Quadrate eines Längenelementes im Räume wird, selbst =i 
sein, es entsteht daher mit Hinzuziehung der obigen Gleichung die Be- 
lation 

= m(d„;rj^+id„d„^^+..) 
demnach ist 

(m. Bt„)j == ^^ 
Durch gleiche Betrachtungen ergibt sich 

Nach Einsetzung dieser Werthe nimmt die in dem Maasse des Zwanges 
enthaltene Summe der in Bezug auf hx linearen Glieder die Form an: 



PRINCIP DES KLEINSTEN ZWANGES. 13 

— 25:«i5:x^j(d„.r^+id„d„^^+ . .)+(da'^+^d,d j?^+ ••)+•+• 

m hk 

In diesem Ausdrucke sind noch -^ = , -^ =z= , . . für alle In- 
dices h. Bestehen keine solche innere Verknüpfungen der Massen und 
äussere Beschränkungen der Bewegung, welche eine Unstetigkeit in der 
Grösse oder Richtung der Bewegung veranlassen, so wird 

d^cT, = d^. 

für alle Indices h und alle Massentheilchen m. 

Es reducirt sich also der in £a? lineare Theil des Maasses des Zwan- 
ges auf 

— 2Sm5:X^(4-d^d^a?^+4-d^d a?^+id^^d^a?^+ . . — ^ddo?^)«^^ 

m hk 

oder, wenn man berücksichtigt, dass nach dem Obigen 

hk hk hk 



igSr-dS),+;|d,V/2:, = -SX,,dd,a.,8^,+ Sr,5d<'= 



i8SC-dSD = iSgX^^.d^^.d^^-rdX^.d^^.gj?^— SX^dda?^^^^ 

hk nk hk 

hk hk hk 

ist, auf 

— 2:«»(i8a: — dSD) — Sfi.Sr.d** 

m t 

oder 

— 8]E-«|-mSX^d4r^dir^ + d2m5IX^da?^8a?^ — ^R.hrAl^ 

m hk m hk i 

welcher Ausdruck also für eine stetige Bewegung der Massentheilchen m 




U ERNST SCHERING. 

nie negativ werden darf, wenn nemlich «r^ die Coordinaten von m zur 
Zeit t dagegen 

^Ä+d<r^+idda?^+^3d*^^+ • • 
die Coordinaten des m zur Zeit t-^dt sind und 

solche Coordinaten des m bedeuten, welche eine Lage dieser Massentheil- 
chen bestimmen, die nach den gegebenen Innern Verknüpfungen dersel- 
ben und den äussern Bedingungen und Beschränkungen der Bewegung 
des Systems möglich ist. Die i2. bedeuten sämmtliche auf die Massen- 
theilchen einwirkenden Kräfte und 8r. die bei den virtuellen Bewegun» 
gen 8w^, Sa?j . . 8ia?^ . . entstehende virtuelle Bewegung, welche der An- 
griffspunkt von JB. in der Richtung dieser Kraft beschreiben würde. 

Für einen Kaum von der Beschaffenheit, dass bei nfacher Ausdeh- 
nung das Längenelement darin durch die vte Wurzel eines nicht reducir- 
baren homogenen Ausdrucks vten Grades der Differentiale der n Coordina- 
ten nemlich durch 

^Z =. V^SX^^^^^^do^^^do?^^ . . d^^ 

dargestellt wird , hat die Bestimmungsweise der Bewegung mit der eben 
betrachteten am meisten Analogie, wenn man, mit 12. die wirklichen 
Kräfte und mit 2) die v fache über alle aus der B^ihe 1. 2. 3..n genom- 
menen Indices h^. . h^ zu erstreckende Summe 

z]X, , , So?, dii?, . . d*p, 

, tl^ /lg • . Ay A^ Ag n^ 

bezeichnend, den Ausdruck 

— 2m(l8S — d3)) — Sie.Sr.dr ^ [i] 



für keine mit den gegebenen Beschränkungen verträgliche virtuelle Bewe- 
gung 8j?j 8a7j . . 8a?^ der Massentheilchen m negativ werden lässt Auch 
hier würde dann die freie Bewegung eines Massentheilchens m , auf wel- 



KRAEFTEFÜNCTION. U 

ches keine Kräfte wirken» mit gleicher Geschwindigkeit in einer kür2edtäll 
Linie geschehen , weil 

ist. 

Sind die für die Bewegung gegebenen Bedingungen der Art , dass zu 
jeder möglichen Bewegung auch die in entgegengesetztem Sinne möglich 
ist, so muss der obige Ausdruck [1], welcher in den beiden Fällen entge- 
gengesetzte Zeichen enthält und nie negativ werden darf, = sein. 



n. 

KräftefdnctioD« 

In dem obigen Ausdrucke [1] stehen die beiden ersten Glieder in 
der Beziehung zu einander , dass das erste Glied mit entgegengesetztem 
Vorzeichen genommen —BX die vollständige 8 Variation enthält, welche 
in dem zweiten Gliede dS) nach Ausführung der angedeuteten DiflFe- 
rentiation vorkommt, und umgekehrt das zweite Glied enthält die voll- 
ständige d Differentiation , welche in dem mit entgegengesetzten Vorzeir 
chen genommenen ersten Gliede nach Ausführung der 8 Variation vor- 
kommt. Durch diese Regel für die Bildung der Glieder ist jedes von bei- 
den schon durch das andere bestimmt. 

Bezeichnet man alle Coordinaten o?, von allen Massentheilchen m 
der Reihe nach mit 5, C^ • • 5/- • ^^d aetzt man allgemein • 

dt — ^h > Tt — ^i 
und die von Leibnitz für den Fall v = 2 lebendige Kraft genannte Grösse 

so wird die Grundgleichung 

wenn bei der partiellen 6 Differentiation einer Function die Grössen 6 



16 ERNST SCHERING. 

und 6'^ als von einander unabhängig betrachtet werden und in der Summe 
für die S^ der Reihe nach alle Coordinaten von allen Massentheilchen m 
gesetzt werden. 

Die Grundgleichung für die Bewegung wird also eine besonders ein- 
fache Form annehmen, wenn auch das letzte Glied ^R.^r.df in solcher 

t 

Weise als Differenz einer totalen Variation und totalen Differentiation dar- 
gestellt werden kann. Für die meisten Kräfte der Natur ist, wie La- 
grange zuerst bemerkt hat, 52-R^.Sr^. die totale Variation einer Function, 

welche allein von den Coordinaten der Massentheilchen m und nicht von 
dem Bewegungszustande derselben abhangen , von dieser Function enthält 
also die Variation kein Differential, oder solches ist gleich zu setzen. 

Gauss hat zuerst auch Kräfte von der Beschaffenheit betrachtet, dass 
ihr Maass nicht nur von der Lage , sondern auch von dem Bewegungszu- 
stande der Massentheilchen m abhangen. Wir wollen für die weitere Un- 
tersuchung voraussetzen , diese Abhängigkeit sei eine solche, so dass 

t 

die Differenz einer totalen Variation und einer totalen Derivirten nach der 
Zeit werde. Ist die totale Variation 

80 muss die totale Derivirte 

dl^^Wi i"^ W'i l'^ • •} 
dd6| 

sein, worin S", = -37- ^- s* f- ist- ^^^ Grösse V mag in Verallgemeinerung 
des von Gauss eingeführten Namens das Potential oder in Verallgemeine- 
rung der Hamilton sehen Bezeichnung die Kräftefunction für die gege- 
benen Kräfte bei der Bewegung eines Systems genannt werden. Wir wol- 
len unsere Untersuchung auf den Fall beschränken wo V keine höhere 
Derivirte als die ersten Z'^ enthält, so dass also 



. t • at 



?^/E, 



KRAEFTEFÜNCTIÜN. 17 

wird und die Fundamentalgleichung [1] der Bewegung die Form 

annimmt. 

Hierin besitzt der Ausdruck 

die Eigenschaft, dass sein Werth ungeändert bleibt, welche im Räume 
feste oder bewegliche von einander abhängige oder unabhängige Coordina- 
ten S auch zu Grunde gelegt werden^ 

Bezeichnen nemlich y^, ^'j'-'Jx*' ^^^^^^ ^^^ einander unabhän- 
gige Veränderliche , so müssen die . . 6^ . . als Functionen von t und den 
q dargestellt werden können , es ist demnach 

d7 = ö7 + fö^dr ^der ^^ = ^+2. — ^^ 

worin d die partiellen Differentiationen nach t und den q bezeichnen und 
^, T^ ffir alle Indices l und h von allen . .q^. . . unabhängig sind« so 
dass also allgemein 

Wh~"öTh 

Ist, und dadurch, wie bewiesen werden sollte, 

entsteht. 

Setzen wir nun entsprechend dem von Lagrange zuerst eingeschla- 
genen Wege 

80 wird die Gleichung [1] zu 
Mathem. Glosse. XVIII. C 



dt 



18 ERNST SCHERING. 

worin die Suramationen über alle Werthe 1, 2, 3 . . . n des im Ausdrucke 
allein vorkommenden Index l zu erstrecken sind. J^j^cU,^. 



III. 

Allgemeine Differentiale. 

Die Untersuchung der ^ vielen merkwürdigen Eigenschaften der 
Function T-f-F wird bedeutend vereinfacht, wenn man den Begriff ei- 
nes allgemeinen Differentials D in dem Sinne einführt, dass es für eine 
Function und die in ihr vorkommenden Grössen irgend welche nur durch 
die Form dieser Function bedingte Veränderungen darstellt, so dass also, 
wenn für die Function und deren Argumente die den gegebenen Differen- 
tialgleichungen genügenden Integralgleichungen hinzugenömmen werden 
auch die Integrationsconstanten dieser allgemeinen Differentiation unter- 
worfen werden müssen. 

Die bisher schon benutzte Variation 8, welche eine beliebige virtuelle 
Bewegung bedeutete, ist eine allgemeinere Differentiation als die nach der 
Zeit t genommene sogenannte vollständige Differentiation, umfasst aber 
von der Allgemeinen Differentiation nur diejenige , bei welcher die Coor- 
dinaten eine mit den gegebenen Bedingungen verträgliche unendlich 
kleine Aenderung erleiden. 

Die Function T+F ist nach Einführung der Grössen q, welche 
die Lage des Systems der bewegten Massen für die Zeit t bestimmen und 
dieserhalb die Coordinaten im allgemeineren Sinne des Wortes heissen mö- 
gen zunächst als Function von t, . . q^. , q^ gegeben , wenn wir also die 
partielle Differentiation in Bezug auf diese Grössen wieder mit 6 bezeich- 
nen , so wird das allgemeine Differential 




ALLGEMEINE DIFFERENTIALE. 19 

oder mit Rücksicht auf die Definitionsgleichungen [3] für die p und die 
zuletzt gefundene Bewegungsgleichung [4] 

D(r+F) = ü^)D^4-2/,D^,+ 2;,,DyV 

worin also die ^q^ und D^ vollständig unabhängige Differentiale bedeu- 
ten während Jiq y\iq . .Jiq den für die Bewegung gegebenen Beschrän- 
kungen genügen müssen. 

Die beiden hier vorkommenden Differentiationen D und d sind von 
einander unabhängig ihre Reihenfolge kann also vertauscht werden, da- 
durch entsteht aus der letzten Gleichung 

Nimmt man hierin die allgemeine Differentiation D in dem speciel- 
len Sinne der vollständigen Differentiation d nach der t und dividirt die 
so entstandene Gleichung durch den für die vollständige Differentiation d 
nach der Zeit t constanten Factor d^ so wird 

und durch Substitution des hieraus sich ergebenden Werthes der partiellen 
Derivirten von T-j- ^ nach t geht die allgemeine Gleichung in : 

B{T-^V) =±\{T-\-T-lp,q';)m-^^p^Bq,\ [5] 

oder 

D(r+F) = ^^{T-^V-lp,q).Dt+lp\Dq^ + ^ppq) [6] 

über, woraus durch specielle Annahmen über die allgemeine Differen- 
tiation Dt . . Dq, . . Dq' . . die obigen Definitionsgleichungen [3] für die p 
die Bewegungsgleichung [4] und der schon gefundene Werth für -■ ^ — * 
sich ergeben. 

Subtrahirt man von den beiden Seiten dieser Gleichung die entspre- 
chenden Seiten der identischen Gleichung 

C2 



20 EBNST SCHERING. 

80 entsteht 

oder wenn man zur Abkürzung 

-T-V-^-^p,^, = -(r+F) + 2y'/i|^ = H [7] 

und 

d7 = ^ 
setzt: 

BH = H'Jit—^pPq^-\-^q'pp^ [8] 

Für den Fall, dass mit Rücksicht auf die inneren Verknüpfungen und 
die gegebenen äussern Beschränkungen die Veränderlichen q von einander 
unabhängig sind, enthält diese Gleichung, wenn man sich in dem obigen 
Ausdrucke für H, welchen Jacobi die Hamiltonsche Function genannt 
hat, die Grössen q mit Hülfe der Definitionsgleichungen [3] für die p 
durch f , . . . q,' ' • Pi» ' ' bestimmt denkt und in Bezug auf diese letzteu 
Veränderlichen die partiellen üiflferentiationen mit d bezeichnet, als be- 
sondere Fälle die folgenden , unter specielleren Voraussetzungen als ihnen 
hier zu Grunde liegen, von Hamilton aufgestellten Gleichungen 

dpi ^i dt 

_dH _ , _^_ HT+V) rg*! 

dqi ~ Pl &t ~ ^qi *■ ■■ 

dn Txf d^ Q(r+F) 

dt "" dt 9t 

Es ist oben in [6] das allgemeine Differential von T+F durch eine 
nach t genommene vollständige Derivirte dargestellt, beschränkt man nun 
den Sinn jener allgemeinen Differentiation auf den der Variation, so er- 
gibt sich daraus der verallgemeinerte Hamiltonsche Satz: 

= 8/(r+F)d^ = ^f(Zp,^^-H)dt 




ALLGEMEINE DIFFERENTIALE. 21 

'wenn nemlich die Werthe der Grössen an den Grenzen dieses Hamilton- 
schen Integrals unveränderlich vorausgesetzt werden. Durch Ausführung 
der Variation entsteht : 

80 dass aus der Bedingung des Verschwindens der Variation auch wieder 
die zuvor aufgestellten Bewegungsgleichungen folgen. 

Diese Verallgemeinerung des Hamilton sehen Satzes hat Herr Lip- 
schitz in seiner „Untersuchung eines Problems der Variationsrechnung, 
in welchem das Problem der Mechanik enthalten ist** Borchardt's Jour- 
nal Bd. 74 als Grundlage zur Bestimmung der Bewegung angenommen, 
wenn die Bewegung unter Einwirkung von Kräften geschieht, die von der 
Lage und nicht der Veränderung des Systems abhangen und eine Kräfte- 
function V besitzen, wenn ferner der Baum so construirt gedacht ist, 
dass das Längenelement durch die v te Wurzel eines homogenen Ausdrucks 
vten Grades von den Differentialen der Coordinaten dargestellt wird. 

Aus der Gleichung -^ = ^ ^ ^ folgt, dass wenn T+F neben 
den Grössen q und q' nicht die Grösse t explicite enthält » 

^Pi^i—iT-hV) = H= const. 

ein Integral der Gleichungen [8*] für die Bewegung des Systems wird und 
die Verallgemeinerung des von Johann Bernoulli zuerst gefundenen 
Princips der Erhaltung der lebendigen Kraft bildet. 

Sind die q im Räume feste Coordinaten, so enthält T die Zeit t nicht 
explicite, in diesem Falle braucht also nur das Potential V die Zeit * 
nicht zu enthalten, damit das obige Integral gilt. 

Ist das Potential V unabhängig von der Bewegung, enthält also die 
q' nicht, sind noch . . g^^ . . im Baume feste Coordinaten, so wird unter 
Anwendung des Eulersschen Satzes auf T als homogene Function vten 
Grades von den Grössen q' 



22 ERNST SCHERING. 

Enthält ferner das Potential V die Zeit t nicht expli cite , also ist 
H = constans so wird 

fl[p,q',-H)dt=f.Tdt-Hfdt 
= nm.vydt — Hfdt = flm.vy-'ds. — Hfdt 

wenn d^. oder vAt den von dem Massentheilchen m, während der Zeit d^ 
zurückgelegten Weg bedeutet. Da die Variation des ersten Gliedes dieser 
Gleichung nach dem oben angeführten verallgemeinerten Hamiltonschen 
Satze verschwindet, so muss unter Zuhülfenahme der Integralgleichung 
JS = const. die Variation auch von f^m.vy^^ds^ zu Null werden, wie 
es für v=2 Maupertius' Princip des kleinsten Kraftaufwandes erfordert. 
Unter den hier aufgeführten Voraussetzungen und für v = 2 erhält 
man auch das Princip der Erhaltung der lebendigen Kraft 

const. = H=^p^q^—T-V= (v — ijT— F= T—V 

Zu den beiden oben aufgestellten Systemen von Differentialgleichun- 
gen kann man noch zwei andere Systeme hinzufügen. Subtrahirt man die 
Gleichung [6] nach Einführung der Function H durch Gleichung [7j 

D(r+F) = -fr.D#+2/jD?;+2p,D?, 
von der identischen Gleichung 



Km^i = ^Pi^ii+^Pi^ü+^u^Pi+^iPp'i 



80 entsteht : 

wird demnach -^^^^iPi — T — V als Function von den Veränderlichen 
^*Pi''P Pf'P dargestellt, so sind ihre nach diesen Veränderlichen ge- 
nommenen partiellen Derivirten der Reihe nach gleich H\ q\>.q , q ..q * 
Subtrahirt man dieselbe Gleichung [6] von der identischen Gleichung 

^^Pi^i = ^Pi^9i-{-^qiWi 
so ensteht 




SÜBSTITÜTIONSFÜNCTION. INTEGRATION. STOERÜNGSTHEORIE. 23 

wird demnach ^p'i^i — T — V als Function von den Veränderlichen 
t^p\^ .y ?\ . • q dargestellt, so sind ihre nach diesen Veränderlichen ge- 
nommenen partiellen Derivirten der Reihe nach gleich 

H\q,..q^, —p,..—p^ 



IV. 

Substitutionsfanction. Integration. Störongstheorie. 

Die besonders einfache Form der für ein mechanisches Problem auf- 
gestellten Differentialgleichungen ergab sich dadurch, dass zu einem System 
unabhängiger Coordinaten . . g'^ . , ein geeignetes System von Veränderli- 
chen -.jo,. . eingeführt wurde und zwar konnten die ursprünglichen . .q... 
ganz beliebig gewählt werden, es ergaben sich immer zugehörige ••Pi». 
Aber auch in noch allgemeinerer Weise können Systeme zusammengehöri- 
ger Veränderlicher von der Eigenschaft gefunden werden, dass sie den 
Differentialgleichungen jene einfache Form geben und die deshalb nach 
Jacobi den Namen Canonischer Variabein führen. In der That die 
Gleichung 

die alle übrigen enthält, zeigt, dass, wenn die cp und cp statt der p und q 
ein neues System canonischer unabhängiger Veränderlicher bilden sollen, 
es nur nöthig wird , nach Ersetzung der p und q durch die cp und ^ in 
jener Gleichung für die Function T-\-V entweder dieselbe Function jetzt 
in t cp (]^ ausgedrückt oder eine neue Function zu setzen. Dieser neuen 
Function können wir die Form T-\- V — S' geben , worin S' noch näher 
zu bestimmen bleibt , wir erhalten dann 

und nach Subtraction dieser Gleichung von der vorhergehenden noch 



24 ERNST SCHERlNa. 

Soll diese Gleichung der Substitution der canonischen Veränderlichen 
7^ ^^ fQr die p^ q^ allgemein gelten , das heisst unabhängig von den beson«* 
deren Gleichungen für ein bestimmtes mechanisches Problem, so muaa, 
weil die eine Seite eine vollständige Derivirte nach der Zeit t ist, auch die 
andere D/S' und demnach S' es sein. Es muss also eine Function 8 ge- 
ben, welche die Gleichungen 

Tt =^ 

DS= — JSD^-fSj^^Dg^^ — 2(p^D(j;^ [9] 

worin 

gesetzt ist , erfflllt. 

Umgekehrt genügt auch die Gleichung [9] bei beliebigen Functionen 
8 und JE7, damit die eingeführten Veränderlichen (p und ^ ein canonisch^s 
System werden, weil aus [9] die Gleichung [10] als specieller Fall der D 
Differentiation folgt und durch beide aus der Fundamentalgleichung [&] 
iför ..^/.., . •!?/•• diö oben aufgestellte Fundamentalgleichung fttt die 
, .^ . ., . .9^. . entsteht, die sich auch in der Form 

D(r+F-«') =^,(r+F-S'-29,f^).Df+29',D^ +29^Df, 

oder 

D(r+F-«'-29,f,) = i(r+F-«'-29,fp.D*+2cp'^D(p^-2fp9,= 

— J){H—E) = — (H'— JS')D*— S^p^^+S^'^cJ,^ [11] 

darstellen lässt. Aus der ersten dieser beiden Gleichungen folgt, dasa 
wenn T+F — S' als Function von t, c};'^, cp^ aufgefasst wird, ihre par- 
tiellen Derivirten nach diesen Grössen der Reihe nach gleich — H'^E\ 
?r ^i ^^^d®^- Wenn man T+F— Ä' — ^^i^i oder — H-^JE ata 
Function von t^ m^, ^^ betrachtet und die partiellen Derivirten nach die- 
sen Veränderlichen mit d bezeichnet , so erhält man aus der zweiten [1 1] 
jener beiden Gleichungen 



SÜBSTITÜTIONSFÜNCTION. INTEGRATION. STOERÜNGSTHEORIE. 25 

i(H-E) _ jg'_j;'_ d(J5r-.E) 

Die Fundamentalgleichung der Bewegung, die Substitutionsgleichung 
und die dadurch transformirte Bewegungsgleichung stimmen in ihrer Form 
der Art überein , dass die allgemeinen Relationen welche allein zwischen 
den Grössen q^. .q^ p^. .q^ if^..if^ cp^ . , ^^ bestehen, und welche in 
den folgenden Artikeln ausführlicher entwickelt werden, auch zwischen 
den Grössen q^-- q^ P't -Pn i\-in — 'P\ ' • ^Pn ^^^ ebenso zwi- 
schen q,..q'^ p\ . ./„ Pi • 'Pn 9\ • • ^n ^^^^^^ zwischen ^^..^^ <f\ . . 9^ 
CD . . cp ^\' '^' ^^d so fort bestehen. 

Die allgemeine Substitutionsgleichung enthält den besonderen Fall, 
wo die Grössen if ebenso wie die q die Bedeutung von Coordinaten haben, 
in der Form , dass 8 und also auch 8' zu Null wird , dass femer die 
Grössen q als Functionen von t und den <|^ gegeben sind und zwar in 
solcher unabhängigen Weise, welche die if auch als Functionen von t 
und den q darstellen lässt, und dass endlich die Grössen E und cp durch 
die Substitutionsgleichung bestimmt sind. 

Eine andere sehr allgemeine und besonders wichtige Art der Substi- 
tution ist diejenige , bei welcher die Relationen zwischen den beiden Sy- 
stemen von Veränderlichen sich so darstellen lassen, dass die p zu Functio- 
nen von den Grössen t, q, ^ werden. Durch diese letztern können dann 
auch nach Einsetzung der für die p^ erhaltenen Ausdrücke alle übrigen 
Grössen bestimmt werden. Wegen der Wichtigkeit dieser Art der Dar- 
stellung der verschiedenen Veränderlichen wollen wir für die partiellen 
nach f, q, ^ genommenen Derivirten ein besonderes Zeichen einführen und 
zwar S, da diese Differentiation die oben betrachtete Variation als spe- 
ciellen Fall enthält. Die allgemeine Substitutionsgleichung gibt dann : 

h^i=Pr ^j = —'fr ü = -'^ = di — ^'fidt+^Pi'di 
Mathem. Glosse. XVIII. D ' 



26 ERNST SCHERING. 

und hieraus ist ersichtlich , wie , wenn die p^. . .p so als Functionen von 
^^ 9i' ' ^ ^i' - ^ ff^ff^^^^ ÄtW, dass sie die nach q^ ^ - q^ genommenen par- 
tiellen Derivirten irgend einer und derselben Function sein kSnnen , die übri- 
gen Veränderlichen sich als ein Canonisches System von Veränderlichen 
^ 1 • • ^^ ? 1 • • ? bestimmen lassen. 

Wird bei einer solchen Substitution H — E von einer oder mehren 
oder allen der Grössen cj^ und 9 unabhängig , so folgt aus den Gleichun- 
gen [12] für die partiellen Derivirten von H — J5, dass die jedesmal mit 
demselben Index versehene entsprechende Grösse ^ ^ . . <f ^i - - ^ ^i^© 
Integrationscon staute ist. Wird H — E zu Null oder auch nur unabhän- 
gig von 4^ 1 • • ^„ ? 1 • • ?„ » so sind diese letztern sämmtlich Integrations- 
constanten und bilden ein vollständiges System von Integralen der Diffe- 
rentialgleichungen : 



dH 

dpi 


— 


dg/ 

d^ 


dB 

da, 


=: 


dp/ 
d^ 



Die Aufgabe , diese Gleichungen vollständig zu integriren , lässt sich 
also auch in der Form aussprechen, die Grössen — H, p^. .p als solche 
Functionen von t, q^ . . q^ und einer mit den q gleich grossen Anzahl von 
Grössen ^^ . . ^ darzustellen, dass sie die partiellen Derivirten einer ein- 
zigen Function sein können und zwar die partiellen Derivirten beziehungs- 
weise nach t q^ . . q genommen. Die mehrgliedrige Quadratur 

deren untere Grenzen absolute Constanten sind oder doch nur von den bei 
der Integration als constant anzusehenden Grössen cp abhangen, ergibt 
dann eine Substitutionsfunction Ä und deren partiellen nach f^ genomme- 
nen Derivirten bilden mit den c{; zusammen ein vollständiges System von 
Integralen der gegebenen Differentialgleichungen. 

Eine specielle Form dieser Auflösung besteht darin, die Grössen p 
als solchfe Functionen von den q und einer gleich grossen Anzahl von 
Grössen ^ darzustellen , dass sie wie zuvor die partiellen Derivirten einer 






SÜBSTITÜTIONSFÜNCTION. INTEGRATION. STOERÜNGSTHEORIE. 27 

gemeinsamen Function sein können und dass zugleich H sich auf eine 
Function allein von t und den if reducirt, die mehigliedrige Quadratur 

gibt dann eine ebensolche Substitutionsfunction wie zuvor. 

Diese Aufgabe lässt sich in der von Hamilton und Jacobi ange- 
wandten Form auch so aussprechen : die gegebene Gleichung 

H = funct. (t, q^ ..q^.. q^ p^ . .p^. .pj 
werde durch Einsetzung von 

in eine partielle Differentialgleichung 

Ö = -57 + funct. {t.q,..q^. ^ . . . 5—) 

verwandelt, deren allgemeines Integral W eine von einer additiven Con- 
stanten und von n andern Integrationsconstanten ^^ . . ^ abhängige 
Function der Grössen t, q^ . .q^ ist. Diese Function W ist dann eine 
Substitutionsfunction wie S und die übrigen Integrale der Bewegungsglei- 
chungen entstehen, wenn man ^r- = const., setzt. 

Bei der hier durchgeführten Untersuchung kann die Kräftefunction 

V auf eine beliebige Weise von den Grössen -^ • • "57 ^^^ damit T-f-F 
und ferner H = — ^ auf eine beliebige Weise von j9^ = j— abhangen, 

also sind die folgenden allgemeinen Ent Wickelungen unmittelbar auf jede 
partielle Differentialgleichung erster Ordnung anwendbar, wenn man noch 
beacAtet, dass man nach Jacobi eine Differentialgleichung, welche ausser 
den unabhängigen Veränderlichen und den partiellen Derivirten der ge- 
suchten Function W* auch noch die Function W* selbst enthält, durch 
die Einsetzung 

W = tW' also W' = '^, *|? = -^'/. T = -¥^ 

D2 



28 ERNST SCHERING. 

auf eine Diflferentialgleichung, welche die Function W ohne Differentiation 
nicht enthält, zurückführen kann. 

Gilt das Princip der Erhaltung der lebendigen Kraft , wird demnach 
H eine Constante , so gibt die partielle Differentialgleichung 

als allgemeines Integral ein von einer additiven Constante und n — 1 an- 
deren Constanten ^, . . ^^_^ abhängige Function W, und 

W—H.t 

wird eine Substitutionsfunction Ä, worin H die Stelle von ^ oder einer 
Function von ^ ^ - » - ^ _\, ^^ vertritt. 

Die hier angegebene erste Form der Aufgabe , welche mit der voll- 
ständigen Integration der 2» Gleichungen 

dH _ ^n 

dpi d< 

dH _ ^Pl 

dqi dt 

übereinstimmt, enthält den ganz speciellen aber vielfacher Anwendung 
fähigen Fall, jede der Grössen p^, wenn solches möglich ist, in der Art 
als Function von dem mit gleichem Index versehenen q^ und einem Sy- 
stem von n Grössen ^ ^ . . ^ in der Weise zu bestimmen, dass durch Ein- 
setzung dieser Ausdrücke für die p die Function H unabhängig von den 
q wird. Die Integrale in 

fp,-Dq,-\-..-[-fp^T)q^-fHDt=S 

sind dann bei unveränderlichen ^^ . . ^ einfache Quadraturen und wenn 
man als untere feste Grenzen der Integrale Functionen von den ^ nimmt 
wird 8 eine Substitutionsfunction und ^^. . .^ , r-r-, ..gj- bilden ein 

" T t TW 

vollständiges System von Integrationsconstanten für die vorgegebenen Dif- 
ferentialgleichungen. 

In dieser Form erhält man die Bestimmung der Bewegung eines freien 
Massentheilchens » welches von einem oder zwei festen Massen theilchen 



SÜBSTITÜTIONSFÜNCTION. INTEGRATION. STOERÜNGSTHEORIE. 29 

nach dem New ton sehen Gesetze angezogen wird oder auch auf einer El- 
lipsoidfläche ohne Einwirkung von Kräften zu bleiben gezwungen ist , un- 
mittelbar, wenn man, wie Jacobi es durchgeführt hat, als unabhängige 
Veränderliche die EUipsoidcoordinaten einführt. 

Die Hamilton-Jacobische Form der Störungstheorie ergibt sich 
aus der canonischen Substitution auf folgende Weise. Bezeichnet H die 
Hamiltonsche Function [7] für das vollständige mechanische Problem 
[S^*^] also mit Einschluss der sogenannten störenden Kräfte, dag^en E die 
Hamiltonsche Function für diejenige Bewegung, welche entstehen würde, 
wenn die störenden Kräfte nicht vorhanden wären , sind ferner ^ ^ . . ^I' 
^ . . <p für dies letztere Problem also für die 2 n Gleichungen 

BE _^ 
dpi ~ %t 

dE ^ 

dqi %t 

die canonischen Integrale und ist endlich 

das zugehörige Hamiltonsche Integral, demnach 

so werden wie in den Gleichungen [12] die durch die störenden Kräfte 
veränderten Elemente if und cp vermittelst der 2n Differentialgleichungen 

bestimmt , worin H — E als Function von t, if^..if^ cp ^ . . cp^ dargestellt 
gedacht ist. 



30 ERNST SCHERING. 

V. 

Kräfte deren Maass von der Bewegung abhängt. 

Gauss zuerst hat, wie es aus seinen handschriftlichen, im fünften 
Bande seiner von mir herausgegebenen Werke abgedruckten, Aufzeichnun- 
gen hervorgeht, im Jahre 1835 den Gedanken gehabt, Kräfte zu bestim- 
men , welche nicht nur von der gegenseitigen Lage der auf einander wir- 
kenden Körper sondern auch von der Bewegung derselben abhangen. 
Seine vielfachen hierauf gerichteten Untersuchungen verfolgten den Zweck, 
aus solchen Kräften die bei galvanischen Strömen auftretenden Erschei- 
nungen zu erklären. Unter der Annahme, dass die Wechselwirkungen 
zwischen dem Galvanischen Strome und seinem Träger der Art sind, dass 
jede auf den Strom wirkende Kraft übertragen wird auf den Träger, dass 
ferner die beiden auf zwei verschiedenartige Electricitätstheile an derselben 
Stelle in einander entgegengesetzten Richtungen wirkenden Kräfte einen 
Galvanischen Strom hervorbringen, dessen Intensität durch den ganzen 
linearen Stromleiter gleich gross und der Summe der beiden Kräfte pro- 
portional ist , habe ich in meiner Preisschrift *zur mathematischen Theorie 
electrischer Ströme' im Jahre 1857 zuerst streng bewiesen, wie die von 
Ampere, Faraday, Lenz und Franz Neumann gefundenen electro- 
dynamischen und electromotorischen Gesetze durch solche von Gauss un- 
tersuchte Kräfte erklärt werden können. Leider war mir zu jener Zeit 
Gauss handschriftlicher Nachlass noch nicht zugänglich, sonst würde ich 
einige Untersuchungen haben ersparen können , wenn schon ein Beweis 
des Hülfssatzes der Uebereinstimmung des Potentials für die Wechselwir- 
kung zwischen Galvanischen Strömen mit dem Potential für die Wechsel- 
wirkungen zwischen magnetischen Flächen , wie ich ihn dort gegeben habe 
bei Gauss sich nicht findet sondern nur der Beweis für die Uebereinstim- 
mung zwischen den mit den Coordinatenaxen parallelen Kräftecomponen- 
ten, Gauss' Werke Bd. V. Seite 624. 

Die neuesten von Herrn Helmholtz durchgeführten und sehr ein- 
gehenden Untersuchungen über die Natur der electrodynamischen Kräfte 
haben dargethan, dass wenn man die Wechselwirkung zwischen den electri- 



KRAEFTE DEREN MAASS VON DER BEWEGUNG ABHAENGT. 31 

electrischen Körpern und ihren Trägern nicht vollständiger bestimmt, als 
es bisher geschehen ist , die Voraussetzung solcher von der Bewegung ab- 
hängigen Kräfte zu Erscheinungen führen müsste, welche unserer Vor- 
stellung von der Natur der die Bewegungen hervorbringenden Kräfte wi- 
dersprechen. 

An dieser Stelle will ich die von der Bewegung abhängenden Kräfte 
nur mit Rücksicht darauf bestimmen, dass die analytische Behandlung der- 
selben so weit wie möglich mit der Behandlung der von der gegenseitigen 
Lage der auf einander wirkenden Körper abhängigen Kräfte übereinkommt. 
So ist das Princip der Gleichheit der Wirkung und Gegenwirkung unmit- 
telbar übertragbar. Die Principien von der Erhaltung der Bewegung des 
Schwerpunkts und der Erhaltung der Flächengeschwindigkeit werden beste- 
hen, wenntiie Kraft zwischen je zwei Massentheilchen der Masse proportio- 
nal ist, ihre Richtung in der Verbindungslinie der beiden Massen oder in 
deren Verlängerung liegt und die Grösse der Kraft im Uebrigen nur abhängt 
von der Entfernung zwischen den beiden Massen , also bei der Entfernung 
= T zwischen zwei Massentheilchen von den Intensitäten e^ e^ die Summe 
der virtuellen- Momente der beiden gegenseitig auf die Massentheilchen 
ausgeübten Kräfte durch 

TM dr ddr d*r v «v 

^A.^(^' di' d?-' "d?» • -J-^^ 

dargestellt wird. Bei der Ableitung der Bewegungsgleichimg habe ich 
oben nachgewiesen, dass die Einfachheit ihrer Form wesentlich auf dem 
Umstände beruht, dass die virtuellen Momente der Kräfte als Summe ei- 
ner totalen Variation von einer Function und der totalen nach der Zeit ge- 
nommenen Derivirten von einer Summe von Functionen multiplicirt in die 
Variation der Coordinaten dargestellt werden kann. Wenn diese einfache 
Form der Bewegungsgleichung für die hier betrachteten Kräfte gültig blei- 
ben soll, so muss also 

t:,/ dr ddr d*r x j^ 

^s.^\r^ r<' di^' d?» • •^^^ 

C.T7A d»" ddr d*r \ i d ( tt i^ dr ddr v ^ \ 



32 ERNST SCHERING. 

ÖF^ , ÖF s;dr , ÖF «jddr 

T^ dr if^^^ ^dr du» -O^^- • • 

identisch sein können, und demnach 

■n V- flFs> I dV. dr ^ . SF, ddr » , , 



'Tt 



-dr dt * ^ dt 



'dt 



o = rdd;*dF 
'd? 

dr 

also V = Function (r, j^ ) 

^di 



,^/ dr ddrx _dV d ldV\ dr ^L /AE\ ^ 

^^-/-^l^' d7» d?/ — §7 ^r\ß^l'^^ ö— \ö— / ^^ 



d^ 



sein. Ist z. B. 

F=F,+2F„.(J-rr 



n 



worin F^^ und V^ von j^ unabhängig sind, so wird 



^'.Pi'- rr j^)«'- = «l''.+2:F,(är)"l-i|X»F.(|r)'^-.«r| 



und daraus folgt für n = 2 und für constante Werthe von rV^ und rV 
das von Hrn. W. Weber im Jahre 1852 veröffentlichte Gesetz. 



V 



ZWEI FREIE MASSENTHEILCHEN. 38 

VI. 

Zwei freie Massentheilchen. 

Um die vollständige Bestimmung der Bewegung unter Einwirkung 
solcher Kräfte , welche von der Bewegung der Körper abhangen , vor Au- 
gen zu haben , will ich zwei nach der in Art. IV angegebenen speciellen 
Methode einfach lösbare Probleme hier ausfähren, und zunächst zwei in 
einem v fach ausgedehnten ebenen Eaume sich bewegende Massentheilchen 
betrachten. 

Sind m, x^p. .x^ Trägheitsmasse und rechtwinkelige geradlinige Coordi-* 

naten des einen Massenpunktes 
M, X ^ , . . X das Entsprechende für den andern Funkt 
so ist für die Entfernung r der beiden Punkte von einander 



2 



rr = 2:(a?, — XJ 



X=i 

und der Voraussetzung nach die Kräftefunction V allein von m, Af, r und 
^ abhängig. Die ganze lebendige Kraft wird 

X=v X=v 

iT = mXx\af^'^MXX\X\ 

X=l X=:l 

Setzen wir zur Abkürzung 

und führen die Grössen q^. .q^^ durch die Gleichungen 
«la?, = mLq^_^^-\-^q, cosj, 

miv^ = mLq^_^_^-{-^q^ sinq^ sinj, . . ainq^coBq^_^^ für l<X<v 
mx^ — mLq^^ -\-^q, sing, sing, . . sin j^_j sin j^ 

MX, = 3fXj,^,--^j, cosj, 

MX^ = MLq^_^_^—jfq, sinj, sin<?, . . sinj^cos^r^^, für l<X<v 

MX^ = MLq^^ —Jf^i "»?« ^^^9t • • «^?v-i ^"^?v 
ein, so wird r = Nq, und die ganze lebendige Kraft 
MatheiH. Ciasse. XVIIL £ 



34 ERNST SCHERING. 



also 









und demnach 

/==2v 



H=Xp,^,^T-V= r-F+j'.,^ 



X = v 

H-iS(?, sinq^ . . sin j^_ )-»;>j^p 

X = 2 
p.= 2v 

Setzt man analog dem Jacobischen Verfahren 
SO wird 

fx= 2v 



fl = V+l^ 



und wenn man in der Gleichung 



8 = -^J-^\t+fp^dq^-^ifsJ{2jf^-2^ cosecq^')dq^+'x'q^^^ 

mit Hülfe der Einführungsgleichung für ^^ die Grösse p^ als Function 
von q^ und von den <j> darstellt, werden alle Integrale in derselben bei 
constanten ^ zu Quadraturen, deren obere Grenzen wieder q^t q^ seien. 



In 



ZWEI MASSENTHEILCHEN IM GAÜSSISCHEN RÄUME. 35 

Es ist also die Hamilton sehe Function H durch die von einander 
unabhängigen Grössen if allein darstellbar, der Diflferentialausdruck 2jö D j. 
ist durch diese Substitution bei unveränderlichen ^ ein vollständiges DiflFe- 
tial geworden, es sind daher die durch die obigen Gleichungen bestimmten 
Functionen für alle Indices / = 1, 2, 3.. 2v 

^i = const. . ^js= —^j = const. 

gesetzt, die 4 v Integralgleichungen , durch welche die Bewegung der freien 
nach dem Gesetze der Kräftefunction V auf einander wirkenden Massen- 
theilchen m und Jlf im v fach ausdehnten ebenen Räume bestimmt wird. 
Für den speciellen Fall , wo die Kräftefunction die einfache Form 

hat und V^ V ^ V^ Functionen allein von r sind , entsteht 

2 1 !C.i 



VU. 

Zwei Massentheilchen im mehrfach ausgedehnten Ganesisi^hen and Biemannschen Baume. 

Befindet sich das eine Massentheilchen fest im Anfangspunkt der 
Coordinaten, ist von diesem Punkte nach dem beweglichen Punkte der Ba- 
dius vector r gezogen, sind von dessen Halbirungspunkte auf die v zu ein- 
ander rechtwinkligen aus kürzesten Linien gebildeten Coordinatenaxen 
kürzeste Linien gezogen und begrenzen diese auf den Axen vom Anfangs- 
punkte der Coordinaten an nach bestimmten Richtungen positiv gerechnet 
die Abschnitte 8, Sj . . S^ so wird nach meinen Untersuchungen über die 
mehrfach ausgedehnten Gaussischen und Riemannschen Räume in den 
,, Nachrichten von der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göt- 
tingen 1873 Januar 4 Nr. 2 Lehrsatz IV " 

2tangt5 • 

smiir* = 7^:2 



tangtS^« 

E 



36 ERNST SCHERING, 

und das Qnadrat des Längenelementes gleich 

^ 2(dtangtg^)» 
»f(i+2:taiig»e^*)» 

wenn nemlich die Summationen aber ji = 1, 2, 3, . • v erstreckt werden und 
I für einen Kiemannschen oder homogenen endlichen Raum den recipro- 
ken Werth der absoluten Längeneinheit dagegen för einen Gaussischen 

oder unendlichen Raum den mit ^ — 1 multiplicirten reciproken Werth der 
absoluten Längeneinheit bedeutet. 

Setzt man nun 

tangȣ, = tang^^t jj cos jj^ 

tangi$2 = tang4^f j^ sin j^ cos j, 

tangiS^ = tBiigi:iq^smq^sinq^'..Bmq^cosq^_^^ für jji<v 

tangi6^_j = tangiij, sinj^sing^j .. sing^^^^ cosg^^ 

tangig^ = tang^ij, sinj^sin j, . . sinj^^^ sin^^ 

so wird also 

2 tangiE * = tangi-i^/, q, =r 

und die lebendige Kraft, wenn für die Masse des beweglichen Theilchens 
die Einheit genommen ist , gleich 

^T = q\q\-]'j.smiq^Kq\q\'\'j.smiq^\sinq^\q\q\^.. 

-i-r.sm%q^\smq^\smq^\smq^_^\^^^^ + .. 

also 

Pi — 9}'. — «}'. ^^1 

und daher 



ZWEI MASSENTHEILCHEN IM GAÜSSISCHEN BAUME. 37 

Die Substitution 

irPxPx'^h+ 1 cosecjj^* = ^^ för 1 <X<v 

ergibt 

und für constante ^ 

DS=— HDf4- 2 p.Dq, 
Die Substitutionsfunction ist 

S = -^, t+fp.dq^+'^^i V\/(2*^-2*^+iCOsecj^*)dj^+?,V(2i) 

weil jt>^ mit Zuziehung der Gleichung f&r (p, eine Function allein von q^ 
und den Grössen cp wird. Die oberen Grenzen der Integrale sind q . 

Die in einem homogenen v fach ausgedehnten Eaume stattfindende 
Bewegung eines freien Massentheilchens , auf welches ein festes nach dem 

Gesetze der .Kräftefunction F(r, ~) wirkt, ist also durch die Gleichungen 

([> = const. . ^ = — ?/ = const. 

worin / der Reihe nach die Indices 1 , 2 , 3 . . v bedeutet , vollständig be- 
stimmt. 



:;8 ERNST SCHERING. 

vin. 

Allgemeine Differentialgleichungen für die Substitution. 

In der Theorie der allgemeinen Störungen nehmen die von Lagrange 
und P i s s n gefundenen Störungsformeln eine wichtige Stelle ein. Sie 
beziehen sich auf die Variation derjenigen Grössen , der sogenannten Ele- 
mente , welche bei der ungestörten Bewegung Integrations-Constanten sein 
würden. Sie erhalten, wie Jacob i bemerkt hat, für die von Hamilton be- 
nutzten canonischen Integrations-Constanten besonders einfache Werthe. 

Diese Relationen, sowie die von Hamilton und Jacob i hinzuge- 
fügten neuen Gleichungen ergeben sich sehr einfach aus der oben aufge- 
stellten Substitutions- Gleichung [9]: 

BS = Ip^Bqj—l^f^B^^ — EBt 

Differentürt man diese mit einer allgemeinen aber von der D Differentia- 
tion unabhängigen A Differentiation , so entsteht 

ADS = Sp^ADj^^ — 29^AD(I;^— JEADf 

Denkt man aber in der ersten Gleichung die allgemeine Differentiation A 
gebraucht 

A5f = 2|?^A^^— Scp^A^p^— JBAf 

und differentürt dann mit D so entsteht 

DAÄ = 2;)pAy^— Scp^DAcj^^-EADf 
-f. SD/^^Agr^— SDcp^Dcj;^— DjBAf 

Die beiden Differentiationen D und A sind von einander unabhängig , die 
Reihenfolge derselben ist also ohne Einfluss auf den Werth , demnach er- 
hält man durch Subtraction der beiden Differential -Gleichungen zweiter 
Ordnung von einander die Gleichung 

2(Dj^A|>^— Aj^Djt?^ =^ 2;(D(P^Acp^— Acj/^Dcp^ + D^Ai;— A^DJB [13] 



ALLGEMEINE DIFFERENTIALGLEICHUNGEN FÜR DIE SÜBTSITÜTION. 39 

oder, wenn man den Ausdruck Dg' jA^^ — ^q^Jipj^ eine Differential-Deter- 
minante von dein Functionen-Paare q^ und p^ nennt, in Worten: 

Bilden die q^ . . q^ und p^ . .p^ ein System canonischer Veränderlicher, 
so ist, damit die durch vorgegebene Substitutions - Gleichungen eingeführten 
Chössen if ..if und cp ^ . . cp^ allgemein auch ein System canonischer Veränn 
derlicher bilden, nSthig und hinreichend, dass die Summe der allgemeinen zwei- 
gliedrigen DifferentiahDeterminanten von allen zusammengehörigen Paaren q, 
und Pj sich von der ebenso aus (p^ und 9^ gebildeten Summe nur um die 
zweigliedrige DifferentiaU Determinante von der Veränderlichen t und irgend 
einer Function E unterscheidet. 

Dieser Satz gilt auch noch , wenn man den Begriff der allgemeinen 
Differentiation in so weit beschränkt , dass die Zeit t unverändert bleibt. 
Dann werden die beiden Summen der Differentialdeterminanten einander 
gleich , und es gibt immer eine Function E , welche die Bedingungen die- 
ses vollständigen Lehrsatzes erfüllt. 

Dass die Differentialgleichung [13] auch hinreicht, um die Grössen 
<f und ^ ein System canonischer Veränderlicher werden zu lassen, wollen 
wir beweisen, indem wir dabei die sechs Fälle unterscheiden 

1. es sind die p und 9 als Functionen von den q, ^ und t gege- 
ben , dann sei 

2. es sind die q und 9 als Functionen von den p, ^ und t gege- 
ben, dann sei 

ll = 9r Xn + / "= ~^r X2n-f 1 ^^ Xm "^ ^ 
^1= Pr ^n + /= ^r ^2n+i=^m= ^ 

3. es sind die p und <p als Functionen von den q, 9 und t g^e* 
ben, dann sei 

li^^Pr Xn-f / ^^ Tr X2n + 1 ^^ Xm ^^ ^ 



40 ERNST SCHERING. 

4. es sind die q und if als Functionen von den p^ cp und t gege- 
ben, dann sei 

5. es sind die q und p als Functionen von den cp , cp und t gege- 
ben, dann sei 

^9.h ^?Ä ^Ä 

^, = 4», ^„ + / = % iJ?2„+l = ^« = ' 

6. es sind die (j; und 9 als Functionen von den q, p und t gege- 
ben, dann sei 

hl A * A 

^/ = ?/ ^n + l=Pl ^2n + i=^m = ^' 

Die Bedingungsgleichung [1 3] geht für alle Fälle in die Form 

über, nimmt man nun für 5^, .. S^ irgend welche den Ausdruck 

gj j^j4-S2X2"H""^^mXm ^^^^^ verschwinden lassende Functionen von 
den cc und denkt die Gleichungen 

dy dx^ d^ ^^m 



vollständig integrirt, so werden dabei m Integrationsconstanten Jf^y^^^y 
auftreten , von denen eine , es sei y^ , mit y durch Addition verbunden 
ist und die Variabein x können als Functionen der Grössen y^y^.y . . y 
betrachtet werden. Es ergibt sich dann 



ö«^ a^ a^ dx. 



V ^-i-v r^J Uy --? — y ?-^-4-y ^^-J Uv — — 1 

Xi öy n^/.2öy ^^-^^A.^ öy ~ ■^i ^^m^ '^* öy^^'^XmÖj:^ """'* 



V 



ALLGEMEINE DIFFERENTIALGLEICHUNGEN FÜR DIE SUBSTITUTION. 41 
also fdr eine allgemeine D DifTerentiation 

worin F, . . F , Functionen von v. y^ ..y ., y sind, welche in 
Folge der obigen Bedingung zwischen den ^ ^nd o? die Gleichung: 

k=i 

erfüllen müssen. In dem speciellen Fall, dass für die D Differentiation 
alle Grössen y constant sind mit Ausnahme von y^, wo l<l<m — 1, 
und für die A Differentiation alle Grössen y constant sind mit Aus- 
nahme einmal von y und dann von y ^ wird die Gleichung zu 



•J TT fi V 



also fOr jeden Index l zwischen 1 und m — 1 ist Y^ unabhängig von y 
und von y • Demnach ist 

ein Differentialausdruck mit nur m — 1 unabhängigen Veränderlichen und 
die Coefficienten Y^ ..Y^_^ genügen mit ihren unabhängigen Veränder- 
lichen y^ . .y^__j der entsprechenden Bedingung wie die Coefficienten 
X^ ' ' 'X ^ dem linearen Ausdruck mit den m unabhängigen Veränder- 
lichen X. Der Differentialausdruck mit m — 1 Gliedern kann also nach 
demselben Verfahren auch wieder in ein Differential und in einen linea- 
ren Differentialausdruck mit m — 2 unabhängigen Veränderlichen zerlegt 
werden mit entsprechender Bedingung. Durch Fortsetzung dieses Verfah- 
rens gelangt man also dazu, den linearen Ausdruck als das Differential ei- 
ner einzigen Function darzustellen : 

Xi I>^i +X2 ^^2 + ••• +;if^D^^ = Dt^ 

Bezeichnen wir die in der Anwendung dieses Satzes auf unsere Untersu- 
Mathem. Classe. XVUL F 



42 ERNST SCHERING. 

chung in den oben unterschiedenen sechs Fällen jedesmal entstehende 
Function der Reihe nach mit w^, w^ . .w^ so wird: 



l h ^*' In * 






^h.^ ^^ ^'^h^ ,^ ^H 



= uw. 



oder mit Zuhülfenahme der identischen Gleichungen 

D^p,qi = ^pPq^-{-^q,T>Pl, D2cp^<p^ = S^^D.I-^+S-I'P?, 
und durch Zusammenziehung der partiellen Differentiale 

Ip^Bq^-l^piD^i-Edt = Bw, = DK+Sp,?^ = 
= B{w^ —^<Pi^^ = D(w^ + 2;)j^^— 2^^({»j) = Dt», = Bw 



6 



in allen Fällen existirt also eine Substitutionsfunction S, welche die bei- 
den Systeme von Veränderlichen die q, p und die cp, cp so verbindet, dass, 
wenn das eine System ein canonisches ist, auch das andere ein solches wird. 

Beschränkt man den Begriff der allgemeinen Differentiale D und A in 
der Weise, dass man die Zeit t ungeändert lässt , so wird für eine canoni^ 
sehe Substitution 

Diese Form der Bedingungsgleichung genügt , damit die Substitution eine 
canonische ist. In der That setzt man bei dem vorstehenden Beweise 
Df=0, Af=0 voraus , so ergibt sich als Kesultat die Existenz von 
Functionen w ^ w^ . . Wg , welche den zuvor gefundenen Gleichungen unter 
der Voraussetzung D ^ = genügen und demnach von E ganz unabhängig 
bestimmt werden. Setzt man dann : 



JACOBrS STORÜNGSFORMELN. 43 

worin die partiellen Differentiationen B, d^, ö,, d^, 0, ö sich der Reihe nach 
auf diejenigen Systeme der von einander als unabhängig betrachteten Ver- 
änderlichen beziehen, durch welche in jedem der sechs Fälle die übri- 
gen Grössen als Functionen dargestellt sind, so wird <Sf auf dieselbe 
Weise bestimmt, wie zuvor. 



IX. 

Jacob 1*8 Störungsformeln. 

Die allgemeine Differentialgleichung [13] 

l{lJq^^p^—^q^I)p|)===l{D^^ä^^—ä^p<p^)'{'J)t^E—^tI)E 

wird, wenn wir die Differentiationen in dem speciellen Sinne 

alle Dq=o, T>p^=iO für l>h, Df=0 

Ac[;^=0 für l^k, alle Acf) = 0, A^=0 

nehmen , zu 

also ist 

Führt man die verschiedenen speciellen derartigen Annahmen für die 
Differentiationen aus, indem man bei den D Differentiationen der Grö- 
ssen p, q, t alle diese bis auf eine und ebenso bei den A Differentiatio- 
nen der ^, 9, ^ alle diese bis auf eine unveränderlich voraussetzt, so 
erhält man die von Jacob i aufgestellten für alle Indices h und k gül- 
tigen neun Systeme von Gleichungen 





'^Ph 


At ^'P* 




»?Ä 


«9* 



44 ERNST SCHERING. 



»«Ä 


«?Ä 


»?A Ö^<;fc 


»?A 


es 


Hä 


SPh' 


*?Ä ^pa' 


ft< 


«PA 


»PA 


«•P* 


»n ö-P* 


»PA 


ö^ 


»h" 


~Öj;i' 


»f* öJA* 


»< — 


Ö?A 








%t — 





[14] 



Um diesen verschiedenen Systemen eine gemeinsame Form zu geben, 
wollen wir die Bezeichnungen 

?_v=i'v' 9 + = ^' 9-0 = * 

[h] = + 1 für Ä> + 0, [Ä] = — 1 für A<0 
einführen, die gemeinsame Form wird dann 

[Ä]«^, = [-*]a^, [1**] 

Ä= -fO, +1, +2..+n, Ä: = +0, +1, +2.. +n 

Umgekehrt besteht auch der Satz, dass wenn die Jacobischen Glei- 
chungen erfüllt sind, diese Substitution der Grössen q, p durch cp, 9 eine 
canonische ist, denn durch Ausführung der Summation über die genannten 
Werthe der h und k wird identisch 



^m]^,-[-^]^A^9-H^^., = 2[A]D^Ä^?_Ä-2[-A:]A^,D<I; 



h k 



—Ä 



also die zweite Seite dieser Gleichung zu Null , wodurch nach Wiederein- 
führung der ursprünglichen Bezeichnungen die allgemeine für die canoni- 
sche Substitution geltende Differentialgleichung [1 3] entsteht. 

Ist die Function E nicht gegeben, so braucht man in der eben durch- 
geführten Entwickelung nur D< = = A f vorauszusetzen. Die dann ent- 
standene Differentialgleichung enthält nicht die Function E und 'diese 
lässt sich nach der in Artikel VIII. ausgeführten Weise bestimmen. 




POISSOFS STÖRUNGSFORMELN. 45 

X. 

Poisson's StöningsformeliL 

Sind 9, p als Functionen von ^, (f, t und umgekehrt auch ([>, 9 als 
Functionen von q, p, t darstellbar, bezeichnet eine der 4 7^+1 Grössen 
q,p, ^, ^, t und V eine Function derselben« so ist identisch 

dj[ öv «övHr^^yöV^ 

wenn die Summationen über die Indices / = 1, 2, 3 • • n ausgedehnt wer- 
den. Nimmt man in diesen Gleichungen fflr W und der Reihe noch je 
zwei der Grössen 9, ^^ t und ersetzt mit Hülfe der Jacobischen Gleichun- 

gen im vorigen Artikel ^ und ^ durch die ihnen gleichen Derivirten, 
so erhält man für eine canonische Substitution die Bedingungen 

^ [dqi dPi ^Pi dqij ^ j für Ä = A: 



\dqidpi dpidq^J 



für ;= 1.2, 3..n. 
Benutzen wir dieselben Bezeichnungen wie im vorigen Artikel und ge- 

Q^j und (^1 in der Bedeutung, dass 






1 für A= — Ar 



46 ERNST SCHERING, 

aber in allen anderen Fällen 






m - « 



ist» dass 

in allen andern Fällen aber 



/^\ — 



d 



n 



ist, setzen wir [X] = -{- 1 für ein positives X, [X] = — 1 für einen nega- 
tiven Werth von X und [+ 0] = [ — o] = + l , so können wir den obi- 
gen fünf Systemen von Gleichungen die gemeinsame Form 

geben und andererseits folgt, dass diese Gleichung für alle Werthensy- 
steme +0, +^' +2..+w der h und k mit Ausschluss von h = — k 
= — richtig bleibt. 

Solche Differentialausdrücke, wie sie unter den obigen auf / sich 
beziehenden Summen in [15] stehen, hat Poisson zuerst aufgestellt, M^ 
moire sur la Variation des contantes arbitaires dans les questions de M^ 
canique. 1809 Octobre 16. Journal de T^cole polytechnique. Cah. 15. 

Schliesst man die Werthsysteme h = -^-O und h = — k = — 
aus , so wird bei der Summation das Glied für X = -f- immer ver- 
schwinden und die Gleichung [15*] nimmt die einfachere Form an 






ö^ö^-X 



= 



Sind diese Gleichungen [15] oder [15"^] erfüllt, so ist auch umgekehrt 
die Substition eine canonische, denn wenn man in dem Ausdrucke 



POISSON'S STOERÜNGSFOBMEL 47 



dy^n^^(^h---^-4<^yS^-<^)m} 



(h1) - 



für v = Ä = 4-0, 



für alle anderen Werthsysteme der v und h aber 









bedeuten lässt, die einzelnen Fälle, worin die eingeklammerten Glieder 
einen von den Derivirten verschiedenen Sinn haben, gesondert behan- 
delt , dann zunächst die Summationen in Bezug auf h über die Werthe 
+ 0, +1, +2..+W darnach die Summationen in Bezug auf X, v, k 
über die Werthe +0, +1, +2..+n mit Ausschluss der Combination 
Ä = — k = — durchführt , so entsteht 

V k 

Dieser Ausdruck muss also zu Null werden und ergibt dadurch wieder 
die für eine canonische Substitution geltende Digerentialgleichung [13]. 
Ist die Function E nicht bekannt, so braucht man in dieser Entwicke- 
lung nur Dt = ^t = zu setzen und die Indices + auszuschliessen, 
dann kommen die Gleichungen, welche E enthalten, nicht mit in Rech- 
nung, und diese Function bestimmt sich erst aus der zuvor berechneten 
Substitutionsfunction 8 wie in Artikel VIII. 



XI. 

Lagrange*8 Stömngsfonneln. 

Nimmt man in der allgemeinen Differentialgleichung [13] für die 
canonische Substitution die Differentiationen D und A in dem besonde- 
ren Sinne, dass je zwei der Grössen ^^ . »^ cp^ . . . <p^ und t als unabhän- 
gig veränderlich aber die übrigen als unveränderlich betrachtet werden, 
so erhält man 



48 ERNST SCHERING. 






fOx h = k 

Hl »PI ^Pl^9i\_ "[16] 






Und umgekehrt characterisiren diese fünf Systeme von Gleichun- 
gen diese Substitution als eine canonische, denn wenn man diese Glei- 
chungen der Reihe nach mit 

Dt A^^-A^Dc^^ 
Dt Acp^ — AfD^^ 

multiplicirt, dann über sämmtliche Indices summirt, die hiernach erhal- 
tenen Gleichungen addirt und die Summen partieller Differentiale zusam- 
menzieht, so erhält man wieder die für die canonische Substitution gel- 
tende allgemeine Differentialgleichung [13]. 

Es genügen auch die drei ersten Systeme von den Gleichungen [1 6], 
um die Substitution zu einer canonischen zu machen, wie sich ergibt, 
wenn in vorhergehender Untersuchung D f = = A f angenommen und 
die Functionen 8 und E wie in Artikel VIII bestimmt werden. 

Wendet man die allgemeine Differentialgleichung [13] auf den Fall an, 
wo cj;^ . . <p^9j . . 9^ Integrationsconstanten sind und stellt diese durch 
Functionen irgend welcher anderer 2 w Integrationsconstanten c^c^ . , c^ 
dar; nimmt man dann die Differentiationen D und A in dem Sinne, 
dass für D nur c , für A nur c sich ändert, die übrigen c aber und t 




HAMILTON'S STÖRÜNGSFORMELN. 49 

unverändert bleiben, so wird die zweite Seite der allgemeinen Ditferen- 
tialgleichung [13] das Product von De Ar multiplicirt in eine Function 
der Integrationsconstanten, man erhält also^den Lagr angesehen Satz 



i ( 3 — j Ä — j— J = const. 



XII. 

Ha milt 011*8 Störungsfonueln. 

Sind die Grössen p und 9 als Functionen von den q, cp und t dar- 
stellbar , so kann man in der allgemeinen Gleichung 

Dj^=0 für l^h, alle D(1> = 0, D*=0 
^qf=0 für l'^k, alle A4i = 0, Af=0 



nehmen , wodurch 



I>?*-IS^?*-^?*-I-S^?A=0 



also 



entsteht, wenn wieder die partiellen Derivirten nach den Veränderlichen 
q, ^ und t mit h bezeichnet werden. 

Setzt man 

D(jf^=0 fOr /<Ä. alle D<j> = 0, D^=0 
Mf^=Q für l>k, alle ^5^=0, A*=0 
so geht die Gleichung [13] in 

über, also ist 
Mathetn. Glosse. XVJII. G 



50 ERNST SCHERING. 

Setzt man 

Dq^ — für /<Ä, alle Dcj^ = 0, Bt=0 

alle ^q = 0, alle Acp = 
so entstellt aus der allgemeinen Gleichung 

also ist 

^ _L? 

Führt man auf solche Weise die Untersuchung aller derartig zulässigen be- 
sondern Annahmen für die D und A Differentiationen durch, so erhält man 
die fünf Systeme der unter specielleren Voraussetzungen von Hamilton 
aufgestellten Gleichungen 



^Pk ^Pk ^Ph ^?k 




^Ph IE ^n IE 





[17] 



welche für alle Indices von h und k gelten. 

Umgekehrt genügen aber diese Gleichungen bei einer beliebigen 
Function E damit die vorausgesetzte Darstellung der q und p als Functio- 
nen der ^ , <p und t eine canonische Substitution bilden , wie schon daraus 
folgt , dass es die bekannten Bedingungsgleichungen für die Existenz einer 
Function 8 sind, deren nach q^^.q , ^ ^ ' -^n ^^^ ' genommenen partiellen 
Derivirtön gleich p^ . .p , — cp^ .. — 9 und — E werden sollen. 

Setzen wir für ein positives v 

Q, = ?. Q_v = i' Qo = ' 



\ 



HAMILTONS STÖßUNGSFORMELN. 51 

so lassen sich die fünf Systeme H am ilton'scher Gleichungen in der ge- 
meinsamen Form 

für h und k gleich , + 1 , + 2 . . +n 

schreiben . multipliciren wir die beiden Seiten dieser Gleichung mit DQ 
AQ^ und Summiren über alle Werthe von h und k so erhalten wir 

2[_Ä]DP,AQ, = 2[-A:]DQ,AP, 

welches wieder die allgemeine Differentialgleichung für eine canonische 
Substitution ist. 

Die obigen fünf Systeme von Gleichungen sind in der Weise vollstän- 
dig , dass von den in q^ . . q^ ^^ . . ^^ und t ausgedrückten Functionen 
Pi * 'P 9i * ' 9 -^ beliebig viele gegeben sein können, wenn nur die zwi- 
schen diesen gegebenen Functionen nach jenem Systeme geltenden Glei- 
chungen erfüllt sind , so lassen sich die übrigen Functionen der Art be- 
stimmen , dass sie zusammen eine canonische Substitution bilden. 

In der That man braucht in der letzten Gleichung nur diejenigen Dq, 
und Ag,, Dcj^^ und Acp^^ gleich Null anzunehmen, für welche die beziehungs- 
weise mit gleichem Index versehenen jo^ und <pj^ nicht gegeben' sind, ebenso 
Dt und Af gleich Null zu setzen, wenn nicht E gegeben ist, dann kommen 
in jener Gleichung die nicht gegebenen j9^ und cp^ und etwa auch E nicht 
vor und man erhält nur für die gegebenen 

Pi^Pz "Pm^ ?« •••?^undetwaJS 
die Gleichung 

0=2 (Dj^A;?^— A^r-Dj»,)— 2 (D(J^j^A(p^— Acj;j^Dcp^N-|-Df|. AJB— Af.DJE 

1= 1 * x= i 

welche nach Artikel VIII Nr. 1 die Bedingungsgleichung dafür ist , dass 
bei Constanten q ', - - - Q^^ _. . • • ^^ der Ausdruck 

G* 



52 ERNST SCHERING. 

l = m X = fi 

1=1 X=i 

das vollständige Differential DA* einer Function S^ wird, deren partielle 
Derivirten 

und wenn E nicht gegeben war 

hs* 



u =-^ 



zu setzen sind. 



XIII. 

Nene Differentialgleicliüiigen für die canonische Snbstitntion. 

Bei den Jacobischen und Hamiltonschen Differentialgleichungen 
für die canonische Substitution kommen drei verschiedene Systeme unab-^ 
hängiger Veränderliche in Betracht, einmal die Grössen q, p^ t, dann ^, 9, t 
und endlich die q, ^, t\ die drei entsprechenden verschiedenen Differentia- 
tionen haben wir beziehungsweise mit ö, und 8 bezeichnet. Für manche 
Untersuchungen sind nun noch andere Gruppirungen der von einander un- 
abhängigen Veränderlichen erforderlich. 

Indem wir zur leichtern Uebersicht 

setzen , wollen wir 2 n Grössen unter q ^^ > - q ^^ ^ ^^ - - - ^^^ und eine 
unter q_^ ^_^ als ein System von 2w-|-l unabhängigen Veränderlichen 
gewählt denken und diese mit 

1 • • • V 1 • • • fJ. 

und deren partielle Differentiation mit b bezeichnen , so dass also für jede 
Function P identisch 




NEUE DIFFERENTIALGLEICHUNGEN FÜR DIE SUBSTITUTION. 53 

öp _ Li" 4.2 — — 

%P _ bP . ybP^gA 

bP y%P ^^/ 

^h ~ l ^/^ 
b^ _ 2 3P ^ 

ist, wenn die auf A und die auf k sich beziehenden Summationen über 
sämmtliche als unabhängige Veränderliche auftretende j^ und ^^^ und die 
auf/ sich beziehenden Summationen über sämmtliche Werthe — 0, +1, 
+ 2 . . + » erstreckt werden. 

Nach den ersten beiden Formeln geht die Gleichung: 

^v^bO bP fr j.^9h rn^*^ 

welche unmittelbar aus den Jacobischen Gleichungen [14] Art. IX folgt, 
in die Gleichung über. 

bO ,ÖP bP \ I yr ,-,bP/»<I) bO 

k 

Diese Gleichung enthält als specielle Fälle die Jaco bischen, 
wenn man die b Differentiation in dem Sinne nimmt, dass als unabhän- 
gige Veränderliche z. B. neben anderen q^ und ^^ aber nicht q_^ und 
c|>_^ gelten, und wenn man dann = y^, P = ^^ setzt. Die Glei- 
chung [18] geht in die zweite Hamilton sehe [17] über, wenn man die b 
Differentiation auf die unabhängigen Veränderlichen q^ - . q ^ " ^n * ^®" 
zieht und P = Pp = cp^ setzt ; mit Hülfe der so erhaltenen Gleichung 
ergibt sich aus der obigen [18] auch die erste Hamilton sehe Gleichung, 
wenn man P = p^, <!> = p^ setzt , und ferner die dritte , wenn man 
P = (f = cp^ setzt, auch die vierte Gleichung könnte man direct 
ableiten , wenn man die b Differentiation auf die Grössen E ^^ . • (pn 
q^ ' > q als unabhängige Veränderliche beziehn und in obiger Gleichung [1 8] 

setzen wollte, sie würde dann 



2[Ä]g^(^--^-) + 2[-A:]^(j;j;— ^-i^^) = [18] 



54 ERNST SCHERING. 

Auf analoge Weise ergibt sich die fünfte Hamilton sehe Gleichung. 

Die allgemeine Form der Gleichung für den Fall, dass JB in [18] 
als unabhängige Veränderliche gilt,* wollen wir hier nicht untersuchen. 

Bemerkenswerth an der obigen allgemeinen Relation [18] ist noch, 
dass sie nur für diejenigen ^, welche bei der b Differentiation als Un- 
abhängige auftreten und diejenigen ^ , welche in vorkommen , die für 
die Poisson sehen Differentialausdrücke geltenden Gleichungen [15] vor- 
aussetzt, denn der obige Ausdruck entsteht auch, wenn man in 

zunächst die Summation nach l über die in Betracht kommenden ^ aus- 
führt. Mit Rücksicht hierauf kann man aus der obigen allgemeinen Glei- 
chung [18] dadurch, dass man als Unabhängige für die b Differentiation 
die Grössen 

wählt, und P = p^ , = funct. {^^ . . . cJ^J z=/ setzt, die von Jacobi 
in seiner Abhandlung „Nova methodus, aequationes differentiales partiales 
primi ordinis inter numerum variabilium quemcunque propositas integrandi" 
Borchardts Journal Bd. 60 aufgestellte für jedes X<t geltende Gleichung 






'h 



als einen in [18] enthaltenen speciellen Fall ableiten. 



Berichtigungen. 

Seite 9 vorletzte Zeile lese man: dem Massenpunkte m. 
» 18 Zeile 5 füge man hinzu: wenn wir von jetzt an mit n die Anzahl der 
veränderlichen Grössen q bezeichnen. 



ABHAJSnDLÜNGEN 



DER 



HISTORISCH-PHILOLOGISCHEN CLASSE 



DEB 



KÖNIGLICHEN GESELLSCHAFT DER WISSENSCHAFTEN 

ZU GÖTTINGEN. 



ACHTZEHNTER BAND. 



Eistor, 'phüol Glosse. XVIII. 



Die Formeln der Deutschen Königs- und der Römi- 
schen Kaiser-Krönung vom zehnten bis zum zwölften 

Jahrhundert 

•^ Von 

G. Waitz. 

Vorgelegt in der Sitzang der KömgL Gesellsäiaft der Wissensohallen am 4ten Januar 1878. 



Tür die Salbung und Krönung der Könige, wie sie im Fränkischen 
Reich zuerst Pippin zutheil ward, in dem Ostfränkischen oder Deut- 
schen Keich bei Ludwig und Konrad und seit Otto I. regelmässig bei 
jedem neuen Herrscher zur Anwendung kam, imd ebenso für die Sal- 
bung und EjTönung des Kaisers in Rom haben sich bestimmte Formen 
ausgebildet, die das Interesse der Geschichte in Anspruch nehmen, da 
man erwarten kann in ihnen Anhaltspunkte für die richtige Auffassung 
und Beurtheilung , wie dieses Actes selbst, so auch wohl der Bedeutung 
des Königthums und Kaiserthums überhaupt, insonderheit wieder ihres 
Verhältnisses zu der Kirche und ihren Dienern, den Bischöfen und dem 
Papst, zu finden. Da es kirchliche Acte waren, von der Kirche an-* 
geordnet, von Geistlichen vollzogen, so ist es wohl hauptsächlich diese 
letzte Seite welche hervortritt; nur sehr beschränkt macht sich auch 
bei dem Königthum ein nationales Element geltend. Gleichartige 
Formeln sind in den verschiedenen christlichen Reichen gebraucht; und 
selbst bei der Kaiserkrönnng fehlt es an einer gewissen Verwandtschaft 
mit diesen nicht. Doch sind dann im Lauf der Zeit manche Verände- 
rungen getroffen, Umgestaltungen und Erweiterungen haben stattgefun- 
den. Bei der Krönung der Kaiser haben die Päpste später der verän- 
derten Stellung, welche sie gegen dieselben gewonnen hatten, Ausdruck 
zu geben gesucht. Und es ist deshalb hier von besonderer Wichtigkeit 
festzustellen, welche Formel zu der bestimmten Zeit galt. Aber auch 

A2 



4 G. WAITZ, 

bei der Deutschen Königskrönung hat es wohl ein Interesse» dieFormel, 
deren /man sich in älterer Zeit bedient hat, zu kennen und sich zugleich 
tlber ihren Ursprung und ihr Verhältnis zu denen anderer Beiche 
Bechenschaft zu geben. Beides aber ist bisher wenigstens nicht in aua- 
reichender Weise geschehen. 

Was wir bisdahin benutzen konnten wird grossentheils der fleissigen 
Sammlung Martenes (De antiquis ecclesiae ritibus P. II; ich benutze 
die ed. 2, Antwerpiae 1736) verdankt. Aus ihr ist meist auch entlehnt 
was in den Monumenta Germaniae historica, Leges Bd. II, zum Abdruck 
gekommen ist. Wenn sich darunter drei Stücke auf die Kaiserkrönung 
bis zum 12ten Jahrhundert beziehen, 6o wird für die Krönung des 
Deutschen Königs überhaupt nur eine Formel gegeben (S. 384), die ohne 
Zweifel erst dem ISten Jahrhundert, und zwar der zweiten Hälfte dessel- 
ben, angehört. Hier macht sich für die früheren Jahrhunderte das Bedürf- 
nis einer Ergänzung geltend, während es dort darauf ankommen wird, 
unter den mehreren Formeln bestimmter diejenige zu ermitteln, welche 
als die ältere anzusehen ist. Dies soll hier auf Grund eines ziemlich 
ausgedehnten handschriftlichen Materials , das zusammenzubringen mir 
gelungen ist, versucht werden. 

Wenn es nothwendig sein wird, bei dieser Untersuchung die beiden 
Krönungen gesondert zu behandeln, so ist zunächst einiges über die 
Sammlungen zu sagen, in denen solche Formeln überhaupt, und meist 
beide zusammen, oder vielmehr, da noch eine besondere für die Königin 
hinzugefügt zu werden pflegt, drei verbunden mitgetheilt werden. 

Es ist Hittorp, welcher in seiner Ausgabe des sogenannten Ordo 
Bomanus (Coloniae 1568. fol. ; wiederholt in der •Bibliotheca maxima 
patrum Vol. XUI ^) zuerst diese drei Formeln abdrucken liess, die dann 
Martene als bekannt voraussetzte und nicht wiederholte, Pertz aber bei 
der Zusammenstellung des Bandes der Leges überging. 

Hittorp sagt von der Sammlung, welche er giebt, da er in den 

1) Giesebrecht, Eaisergeschichte II, 3. Aufl., S. 663, der die hier gegebene 
EröDUDgsformel des Königs benutzte, drückt sich ungenau aus, wenn er sagt, Hittorp 
habe die ordines in der Bibl. abdrucken lassen. 



FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- U. D. RÖMISCH. KAISER-KRÖNÜNQ etc. 5 

Handschriften» aus welchen er den alten ordo Romanus de missa et anni 
totius officiis^) herausgegeben, auch Formeln anderer kirchlicher Ge- 
bräuche (aliorum item officiorum atque rituum ecclesiasticorum sive or- 
dines sive formulas) gefunden, so habe er es ffir angemessen gehalten 
auch diese bekannt zu machen; er denke so gewissermassen einen *an- 
tiquum pontificalem sive episcöpalem librum ex antiquis libris fideliter 
excriptum' zu geben, wie denselben ältere Schriftsteller vor Augen ge- 
habt. Er sagt aber nicht, dass alles was er mittheilt so in einem Codex 
verbunden gestanden» dass es also ein Ganzes ausgemacht habe; noch 
weniger wird etwas über das Alter oder die Herkunft der benutzten 
Handschriften bemerkt. 

Nach einer Notiz Harzheims (in seinem Catalogus codicum mss. 
bibliothecae ecclesiae metropolitanae Coloniensis, S. 104) sollen haupt- 
sächlich drei Codices eines Cornelius Gualterius von Hittorp benutzt 
sein ; mehrere Stücke aber habe derselbe Handschriften der Kölner Dom- 
bibliothek entlehnt. Die Codices, welche Harzheim beschreibt und wel- 
che in unseren Tagen an das Domcapitel zurückgegeben sind, kommen 
aber wenigstens nur theilweise mit der Sammlung Hittorps überein; und 
man könnte hiernach geneigt sein anzunehmen, dass wir es in dieser 
mit einer ganz willkürlichen Compilation des Herausgebers zu thun 
haben ^). Doch ist das wenigstens nicht in dem Masse der Fall wie es 
so scheinen möchte. 

Die Bamberger Bibliothek enthält eine Handschrift, Ed. V. 1, auf 
welche mit besonderer Beziehung auf die in ihr enthaltenen Elrönungs- 
formeln Giesebrecht (Kaisergeschichte II, 3. Aufl., S. 663) aufmerksam 
gemacht hat, und die ich durch die Güte des Hm Bibliothekar Dr. 
Stenglein hier habe benutzen können. 

Dieselbe ist, ohne Zweifel im Uten Jahrhundert, schön und deutlich 
in Folio geschrieben. Ein Titel fehlt. Aber ein Inhaltsverzeichnis am 
Anfang der drei Bücher, in welche das Ganze zerftUlt, lässt keinen Zwei- 

1) In der älteren Ausgabe von Cassander findet sich nur dieser. 

2) So hat voD Hittorps Sammlung Tommasi geurtbeilt: farrago est potius diver- 
sorum rituum secundum varias consuetudines (Mabillon, Mus. ItaL 11, S. IK). 



6 



G. WAITZ, 



fei , dass wir es mit einem einheitlichen , planmässig angelegten Werk 
zu thun haben. 

Ich theile jenes, schon wegen der leichteren Vergleichung mit an- 
deren ähnlichen Sammlungen, mit: 



Fol. 1. CAPITULA PBDfAE PABTIS. 

I. Benedictio lintheaminom et om- 
nium omamentomm ecclesiae yel 
altaris. 

II. Bened. yestinm sacerdotaliiim 
atque sequentis ordinis. 
Ben. stolae, mappulae, planetae. 
Item ad stolam. 
Bened. corporalis. 
Ben. vasculi eucharistialis. 
Ben. patinae. 
Ben. calicis. 
Ben. turiboli. 
Ben. incensi. 
Ben. capsamm. 
Ben. unius capsae. 
Ben. cyborii. 
Ben. tabulae itinerariae. 
Ben. CRÜCIS. 
Ben. crucis metallizatae. 
Ordo in coena Domini. . 
Ordo dedicationis aecclesiae. 
Dedicatio baptisterii. 
Ordo qualiter sacri ordines fiant. 
Ordinatio hostiariorum. 
Ordinatio lectorum. 
Ordin. exorcistarum. 
Ordin. acolitorum. 
Ordin. subdiaconorom. 
Ordin. diaconorum. 
Ordin. presbiteroram. 
Ordin. episcoporum. 



m. 
im. 

V. 
VI. 

vn. 

vm. 

vnn. 

X. 

XI. 

xn. 
xm. 

XTTTT. 

XV. 

XVI 

xvn. 
xvm. 
xviin. 

XX. 
XXI. 

xxu. 

xxin. 

xxnn. 

XXV. 
XXVI. 

XX vn. 

XXVffl. 



xxvnn. 


Orationes snper archiepiscopiua 




ante palliom. 


XXX. 


Ordin. abbatis. 


XXXT. 


Ordin. abbatissae monasticae. 


xxxn. 


Ordo ad virgines velandas. 


YXYm. 


Ordin. abbatiRnae canonicAe 


XXXIIII. 


Ordin. sanctimonialiom. 


XXXV. 


Consecratio yiduae. 


XXXVI. 


Ordin. regis. 


XXX vn. 


Ordin. imperatoris. 


XXXVIU 


. Ordin. reginae. 


XXXVim. Excommunicatio. 


xr.. 


De confirmatione. 


XTJ. 


Consecratio cymiterii. 


XT<n. 


Ben. moneris qaod qnis oiFerfe 




aecclesiae honorL 


Fol. 78^ stehen die 


CaPITÜLA SBCDNDAB PABTIS. 


I. 


Ordo ad catedzandnm infantes. 


n. 


Benedictio salis et aquae. 


III. 


In domo infirmorom. 


ini. 


In dormitorio. 


V. 


In pyraU. 


VI. 


In scriptorio. 


vn. 


In refectorio. 


vm. 


In cellario. 


vnn. 


In coquina. 


X. 


In pistrino. 


XT. 


In vestiario. 


xn. 


In hospitab*. 


xm. 


In lardario. 


xim. 


In area. 



FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS-Ü. D. BÖMISCH. KAISER-KRÖNÜNG etc. 



XV. 
XVI. 

xvn. 

xvni. 

xvrai. 



XXI. 

xxn. 

xxm. 

xxnn. 

XXV. 
XXVI. 

xxvn. 
xxvm. 



In granario. 

Pro exeunte de ministerio.} 

Pro intrante. 

Pro lectore. 

In domo ancillarum Dei. 

Benedictio cereorum in purifica- 

tione sanctae Mariae. 

Ordo in capite jejnnü. 

Benedictio palmarum. 

Ben. novi ignis in coena Domini. 

Salutatio sancte cruds in pa- 

rasceve. 

In sabbato sancto cerei benedictio. 

Baptismi consecratio. 

Secundum baptisma. 

Tercium baptisma. 



xxxn. 
xxxm. 



XXVmi. Benedictio casei. 

XXX. Bened. ovi. 

XXXI. In dominica paschae benedictio 
agnL 

Ben. aliamm camium. 
Ben. lactis et mellis. 

XXXnn. Ben. lavacri in albis. 

XXXV. Ben. pro segetibus contra yerme^ 

XXXVI. Ben. in campo in l^tania. 
XXXVn. Contra fulgura. 
XXXVin. Contra grandines. 
XXXVmLBen. olerum. 

XL. Ben. seminnm. 

XLI. Ben. panis et salis. 

XLII. Ben. sponsae. 
XLIII. Orationes post adeptam digni- 
tatem. 

Fol. 107^. Capitula tebciab pabtis. 
I. Benedictio pomomm in festiyi- 



n. 



täte sancti Johannis bapi 
Bened. uyae vel fabae. 



m. 
nn. 

V. 
VI. 

vn. 

vm. 

vim. 

X. 

XI. 

xn. 
xm. 

xnn. 



XV, 
XVL 

xvn. 

xvm. 

xvmi. 



xxn. 
xxm. 
xxnn. 

XXV. 
XXVL 

xxvn. 

xxvm. 

xxvim. 

XXX. 
XXXI. 

xxxn. 

xxxm. 

xxxim. 

XXXV. 



Bened. primitianun Bened. 

Bened. panis. 

Bened. panis ed enlogyas dandi. 

Bened. berbarum in assumptiono 

sanctae MARIAK 

Bened. vini. 

Bened. in monasterio. 

Bened. in atrio. 

Pro antidoto. 

Pro diminutione sanguinis. 

Bened. putei. 

Bened. fontis nbi aliqaa negli- 
gentia evenerit. 

Bened. super vascola in antiqms 
lods reperta. 

Bened. quommlibet yasonim. 

Bened. domns* 

Bened. novae domas. 

Bened. loci ubicnmqae jacaeris. 

Bened. in stabnlo. 

Bened. ad layadimm. 

Bened. sabonis. 

Bened. snper retia. 

Bened. in navL 

Gonsecratio ensis. 

Ben. vexilli bellid. 

Ben. dyitatis contra gentües. 

Oratio pro ezerdta. 

Pro iter agentibns. 

Ben. capsellanun et fostiimu 

Pro redenntibus. 

Ben. ad capillatoram. 

Ben. ad dericnm fadendom. 

Ben. ad barbam tondendam. 

Ben. ad omnia quae volneris«^ 

Ben. aqnae com cmce tactae pro 

febribns (Im Text folgt: Beconoi- 

liatio redeontis a paganis). 



XLII. Olei unctio saper infirmum. 
XLm. Obsequium circa morientes. 
XLim. Impositio super enugomiDom pai^ 

Tum baptizandum. 
XLV. Exordsmus super daemoniacom. 



8 G. WAITZ, 

XXXYL Judicium aquae calidae. 

XXXVU. Judicium aquae frigidae. 

XXXVm. Judicium aquae fluentis. 

XXXVnn. Judicium ferri ferrentis 

XL. Judicium panis et casei. 

XLI. Major ben. salis et aquae pro 

peste animalium. 
Zwischen der ersten und zweiten Pars aber steht: 
F. 68^. In gbdeosti nomine mciprr obdo catholicobum ubsobum qm 

m AECCLESIA BOMANA PONUNTÜB: 

dem eigentlichen ordo Romanus bei Hittorp S. 19 — 84 entsprechend» 
aber im einzelnen abweichend, meist kürzer, zu Anfang einiges mehr, 
schliessend mit^den Worten — celebris permansit (Hittorp S. 84). 

F. 76 1. NuMEBUS ANNOBUM V AETATüM. Prima aetas. Adam vero cum 
esset 130 annorum etc. — et fiunt simul anni quinque aetatum 3952. 
(Auf der leergebliebenen halben Seite hat eine spätere Hand die Bene- 
dictio einer Kirche geschrieben). 

Am Schluss von Pars III folgen chronologische Tafelu und Regeln» 
darunter auch unter der Ueberschrift Qualiter inveniantur anni do* 
minicae incarnationis eine Rechnung welche auf das Jahr 1067 fOhlrt, 
durch die Giesebrecht bestimmt ist die ^Abfassung des Codex in dies 
Jahr zu setzen. Da dieser Theil tiber von derselben Hand wie der 
ganze übrige Codex geschrieben ist, so könnte er auch ebenso wie der 
Hauptinhalt desselben abgeschrieben sein. 

Weiter schliest sich an: 

ein Griechisches Alphabet imd Erklärung der Griechischen Zahl-* 
zeichen ; 

De chrismate quod in singulis annis debeat consecrari ex 
epistola Fabiani papae omnibus orientalibus episcopis; 

In assumptione sanctae Mariae in nocte quando tabula 
portatur etc., das yon Giesebrecht I, S. 883 herausgegebene Gedicht^). 

1) In dem ersten Vers 1.: sancta, S. 884. Z. 10.: hominum; in dem fiinfletzten 
Vers hat der Codex venie (wo Gr. in den Noten angiebt ae, mit Ausnahme des ersten 
Aedita, stets ^. 



FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- Ü.D, RÖMISCH. KAISER-KRÖNUNG etc. 9 

(Auf dem letzten Blatt 154 steht von anderer Hand: 
Hystoriae autenticae sunt 24 etc.; 

f. 154^ wieder von anderer Hand 5 Verse: 

Alma Maria fave supplicibus lacrimis etc.). 

Wie viel von den Anhängen mit dem Hauptwerk iiT ursprünglichem 
Zusammenhang steht oder nur zufallig mit ihm in Verbindung gebracht 
ist, muss dahingestellt bleiben. 

Vergleichen wir was Hittorp S. 85 ff. gegeben hat, so findet es sich 

grossentheils in diesem Codex wieder, nur in vielfach anderer Ordnung, 

zum Theil, soweit sich bei oberflächlicher Vergleichung ergeben, mit 

etwas anderem Text. 

Hittorp S. 85. 86 entspricht HI, 31. 32. 

— S. 86 — 88. De gradibus Romanae ecclesiae etc. fehlt. 

— S. 88. Mensis primi etc. — S. 90 = I, 20—24. 

— S. 90. Benedictio ad barbam tondendam = III, 33. 

— S. 91. Mensis primi — accipiant fehlt. 

— — Ordinatio subdiaconorum — S. 95 = I, 25. 26. 27. 

— S. 95. Decretum quod — S. 97 fehlt. 

— S. 97. Ordo qualiter — S. 103 = I, 28 (wo nur der Anfang anders). 
-— S. 103. Formata epistola — S. 107 fehlt. 

— S. 107. Orationes istae etc. = I, 29. 

— S. 107. Incipit ordo de aedificanda ecciesia — S. 108 fehlt. 

— S. 108. ?irtutum — S. 117. = I, 18 (hier fehlt die litania n. a.). 

— S. 117. Benedictio linteaminum — S. 119 = I, 1—8. 

— S. 119. Ad benedicendam crucem — S. 121, = I, 15. 16. 

— S. 121. Benedictio thuribuli — S. 123 = I, 9—14. 

— S. 123. Oratio in dedicatione baptisterii — odorem incensi = I, 19. 

— S. 123. Deinde yadant etc. geht in der Dedicatio ecclesiae fort, der das Vor- 

hergehende eingefügt ist. 

— S. 128. Ordo in dedicatione baptisterii = I, 19 nochmals selbständig. 

— S. 128. Consecratio coemeterii — S. 129 = I, 41. 

— S. 129. Ordo Romanus ad dedicandam ecclesiam — S. 131, wieder yerwandt 

mit I, 18. 

— S. 131. Incipit ordo ad regem benedicendum — S. 137 = I, 36. 38. 37. 

— S. 137. Ordo ad monachum faciendum — S. 139 fehlt. 

— S. 139. Ordinatio abbatis — S. 141 = I, 30. 
Eistor.'phüol. Glosse. XVIII. B 



10 G. WAITZ, 

Hittorp S. 141. Consecratio sacrae yirgmis — S. 145 theilweise I, S2 .entsprecbendi 

doch sehr abweichend. 

— S. 145. Ordinatio abbatissae — S. 149 = I, 33. 31. 35. 

— S. 150. Ordo Romanus qualiter concilium agatur generale — S. 157 fehlt. 

— S. 157. Ordo ad benedicendam sponsam — S. 158 fehlt. 

— S. 158. Ordo ad armahdam ecciesiae defensorem yel alinm militem — S. 160 

nur theilweise verwandt mit m, 23. 

Aus dieser Zusammenstellung ergiebt eich wohl mit grosser Sicher* 
heit, dass Hittorp einen Codex hatte der dem Bamberger verwandt, aber 
nicht ganz identisch war, dass er die einzelnen Stücke, wahrscheinlich 
ohne Rücksicht auf die Ordnung der Handschrift, ziemlich willkürlich 
an einander reihte, ausserdem aber anderes Material benutzte ^) und daraus 
theils die einzelnen Theile mit abweichenden Formeln bereicherte, 
theils hinzufügte was mit dem Plan der Sammlung, die der Cod. Bäm* 
bergensis enthält, in keinem Zusaminenhang steht. Die einzelnen Stücke 
können also aus sehr verschiedener Zeit stammen. 

Was mit der Bamberger Handschrift zusammenfallt, muss wie diese 
wenigstens dem Uten Jahrhundert angehören. Für vieles wird aber noch 
ein höheres Alter angenommen werden müssen. 

Mabillon (Mus. Ital. II, S. IX) giebt Nachricht von zwei anderen 
Handschriften, die, wie er bezeugt, mit Hittorps Sammlung im wesent- 
lichen übereinstimmen, die eine aus dem Kloster zu Yendome (Vin- 
docinensis) auch aus dem Uten Jahrhundert, wie er meint vielleicht 
von dem Abt Godfried aus Rom gebracht, die andere in der Bibliotheca 
Vallicellana in Rom (die ich weder in Bethmanns Auszug aus dem Ka- 
talog , Archiv XII , S. 420 ft. , noch in Reiffenscheidts Mittheilungen, 
Sitzungsb. d. W. Ak. LIII, S. 334 flf., oder Mais kurzen Notizen, Spicil« 
VI, S. 242, wiederfinde), aus der Zeit der Ottonen. 

Auf eine Vorlage dieser Zeit geht aber ohne Zweifel auch der Bam- 
berger Codex zurück. Das amSchluss stehende Gedicht deutet auf Rom 
als Ort, auf die Regierung Otto III. als Zeit der Entstehung (Giesebrecht 

1) Dabin gehört namentlich die unten S. 15 besprochene Kölner Handschrift, 
deren c. 41 und 40 die letzten beiden Abschnitte Hittorps entsprechen. Dagegen ist 
c. 32 yerscbieden yon Hitt. S. 137. 






FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- ü. D. RÖMISCH. KAISER-KRÖNÜNG etc. 11 

S. 870). Es ist durchaus wahrscheinlich, dass es mit dem übrigen Inhält 
des Bandes zusammen aua einer Handschrift dieser Zeit abgeschrieben ward. 

Das Vorhandensein einzelner Stücke lässt sich aber auch in noch 
früherer Zeit nachweisen. 

So theilt Rockinger (Quellen VII, S. 317) aus einer Münchener 
Handschrift des 9ten Jahrhunderts die auch im Cod. Bamb. erhaltene Be- 
nedictio super vasa in antiquo loco reperta mit (es ist die zweite der 
von ihm abgedruckten), und auch andere Stücke dieser Handschrift (Lat. 
Nr. 14510) zeigen Verwandtschaft. 

Andere Formeln entsprechen, wie schon öfter bemerkt, denen wel- 
che Amalarius in seinem an Ludwig d. Fr. gerichteten Buche de eccle- 
siasticis officüs anführt; z. B. II, 7 De ostiariis: Hi quando ordinan- 
tur suscipiunt claves ecclesiae et audiunt ab episcopo: Ita agite acsi 
rationem possitis Deo reddere pro rebus quae istis clavibus includuntur; 
vgl. Cod. Bamb. I, 21: tradet eis episcopus claves aecclesiae de altari 
dicens : Sic agite quasi rationem reddituri de his rebus quae his clavibus 
recluduntur (Hittorp S. 89); — - II, 8 De lectoribus: replicat episcopus in 
oratione sua ad lectorem dicens, ut assiduitate lectionum sit aptus pro- 
nunciare verba vitae et mentis ac vocis distinctione populo monstrare 
intelligibilia ; vgl. Cod. Bamb. I, 22: ut sint apti pronuntiare verba 
vitae et mentis ac vocis distinctione populo monstrare intelligibilia (Hit- 
torp S. 89: ut assiduitate lectionum sint apti etc.). Wesentlich abwei- 
chend ist dagegen was Amalarius I. 25 De consecratione baptisterii 
über die hierbei gebrauchten Formeln sagt. Nicht dieselbe, aber eine 
ähnliche ältere Sammlung ist ihm ohne Zweifel bekannt gewesen. 

Dass die vorliegende nach Kom gehört, wird sich kaum bezweifeln 
lassen. Dafür spricht ausser dem was über die Herkunft der Bamber- 
ger Handschrift bemerkt ist auch noch anderes. Zwar sind die meisten 
Formeln, auch die Einsegnungen von Waffen und Fahnen, die Gebete 
für das Heer, für den Schutz einer Stadt u. a. so gehalten, dass sie 
überall in der ganzen Christenheit gebraucht werden konnten. Für 
Kömischen Ursprung aber kann man anführen, dass I, 29 sich die 
Orationes finden, 'dicendae super archiepiscopum a. d. papa ante pallium'« 

B2 



12 



G. WAITZ, 



Noch mehr dürfte einiges in der Bezeichnung der Formehi für Gottes- 
urtheile, die ich bei anderer Gelegenheit mittheilen werde, in Betracht 
kommen, namentlich die üeberschrift von III, 37: Qualiter perpetretur 
Judicium secundum Eomanorum institutum. 

Vor allem aber ist hervorzuheben, dass anderswo auf die in der 
Sammlung enthaltenen Krönungsformulare mit dem Worte *ordo Koma- 
nus' oder *ordo' hingewiesen wird. Willelmus Malmesburiensis , wo er, 
dem Zeitgenossen David folgend, die Kaiserkrönung Heinrich V. be- 
schreibt, und, wie wir später sehen werden, sich auch dem hier vorlie- 
genden ordo anschliesst, sagt (V, 423, SS. X, S. 479) : coepta oratione 
quae in ordine continetur; sicut praecipit Romanus ordo. 

Darnach können wir kein Bedenken tragen, den Inhalt des Codex 
Bambergensis und was in der Hittorpschen Sammlung mit demselben 
übereinstimmt, wie es bei dieser bisher üblich war, als Ordo Bomanus 
zu bezeichnen. 

Ob aber alle Stücke und namentlich die Krönungsformulare von 
Anfang an in der Gestalt, wie sie hier vorliegen, demselben angehört 
haben, kann allerdings zweifelhaft sein und bedarf näherer Untersuchung. 

Eine verwandte, aber bedeutend kürzere Sammlung enthält die 
Handschrift der Münchener Bibliothek i) Lat. 3909 (August. eccL 209) 
8. xn, 4, die ich dort vor einigen Monaten benutzte. 

Fol. 89 beginnt dies Werk mit folgendem Inhaltsverzeichnis. 



L 


De consecrandis psalmistis. 


XU. 


De imperatore benedicendo. 


n. 


De ostiariis. 


XTTT. 


De regina bened. 


TTL 


De lectoribus. 


XTITL 


De dedicanda aecclesia. 


iiir. 


De exorcistis. 


XV. 


De consecranda cruce. 


V. 


De acolitis. 


XVI. 


De benedicendis linteaminibus al- 


VI. 


De subdiaconibns. 




taris. 


vn. 


De diaconibus. 


xvn. 


De benedicendis socerdotalibus ve- 


vin. 


De presbiteris. 




stibus. 


vnn. 


De episcopis. 


xvni. 


De albis, planetis, stolis, eingnlis 


X. 


De campana benedicenda. 




benedic. 


XL 


De rege consecrando. 


xvxm. 


De corporali benedicendo. 



1) Vgl. den Cat. codd. Latin, bibl. reg. Monac I, 2, S. ISO. 



FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- U- D. RÖMISCH. KAISER-KRÖNUNG etc. IS 



XX. De yasculo eucharistiali bened. 

XXI. De patena consecranda. 
XXn. De calice consecrando. 
XXin. De turibulo benedicendo. 
XXIIII. De capsis bened. 

XXV. De ciborio consecrando. 

XXVI. De itinerario ciborio consecrando. 
^) De tabula itineraria consecranda. 

De cimeterio consecrando. 

De sepulchro et loculo consecrando. 

De fönte ad infirmum baptizandum 

consecrando« 

De reconciliatione violatae aeccie- 

siae. 

De oblationibus fidelium bened. 

De confirmatione cbristianomm. 

De agenda excommunicatione. 

De benedicendo ense. 

De benedlctione abbatis. 

De ordinatione abbatissae canonicae. 

De ordine ypapanti Domini. 

De cinere befied. in capite jejunii. 

De ordine in palmis. 

De exorcismo florom vel frondiam. 

De ordine sancti sabbati in Tigilia 

pascbae. 

De confirmatione cbristianomm. 

De benedicendo caseo. 

De bened. agni Tel aliarum camium 

in pascha. 

De benedicendo lacte vel melle. 



De ordine in parasceye. 

De ordine habendi concilii. 

De ordine cathezizandorum infantum. 

De ordine oct. pascbae. 

De letania majore. 

De missa episcopi pro se in anni- 

yersario ordinationis suae. 

De ordine signorum (in *) te igitur). 

De clerico faciendo. 

De barba tondenda clericorum. 

De capillatura parvulorum. 

De dedicatione speciali altarium. 

De benedictione linteaminum altaris. 

De benedictione loci in quo aecclesia 

construenda est. 

De ordine missae in dedicatione 

aecclesiae. 

De consecrando baptisterio. 

De consecratione sacrarum virginum« 

De ordine yelandarum Dei ?irginam« 

De diacona facienda. 

De benedictione viduarum. 

De bened. sponsa. 

De redpiendo penitente in capite 

jejunii. 

De benedict^cineris. 

De exorcismo super energumenmn. 

De infante a diabolo vexato. 

De excommunicatione. 

De ordine ad sacrosanctum mini* 

sterium in coena DominL 



De ordine in cena Domini. 
In nomine domini nostri Jesu Christi Incipit ordo qualiter in Romana 
aecclesia sacri ordines fiant. 

Nach der benedictio cineris folgt im Text: Letania in ordinatione 



1) Im Folgenden fehlen die Capitelzahlen im Codex. 



2) späterer Zusatz. 



U &WAITZ» 

epifcopi teil clmcomm^ dann fiber die olei nnctio einet Krmnkm, In* 
ctpit obfeqninm circa mofientet. 

V^or den letzten 4 CSapiteln ist anf 10 Blattern. Ton denen 2 zu 
einem Qnatemio geboren . der das Hauptwerk enthalt, ein VeneirJinia 
der FSpste bis lonocentias {II ; andere Hand : Celestinns) , der reges Tel 
impenUnen Francorum ron Dagobert os bis Konradus, der BischSfe Ton 
Ang«burg bis Waltheros (von verschiedenen Händen fortgesetzt bis Fri- 
dmcuM) eingefOgt« Mit exarcismus super enerffuwämos b^innt L 250 
eine neue I>age. 

Dieselbe Reihenfolge der« drei Krönnngsformeln wie im Bambergen- 
sis und die Gleichartigkeit der andern hier zusammengestellten Benedic- 
tiones weist auf eine Verwandtschaft mit der Bamberger Handschrift 
und Hittorj! hin; doch lassen sowohl die einzelnen Lesarten wie uf.- 
mentlich die den Krönungsformeln angehängten dazu gehörigen Missae 
an keine Ableitung denken. 

Die drei Formeln stehen aber auch in andern Handschriften zusammen. 

8o in der Pariser Handschrift Nr. 820 (früher 3866 ') , und unter 
dieser Nummer von Marlene citiert, aus der Mazarinschen Bibliothek in 
die königliche gekommen), s. XH., fol. min. Eine Beschreibung und 
tbeilweise Vergleichung hat mir durch Vermittelung des Hm G. Monod, 
der eine Zeit lang unserer Universität angehörte, gefalligst Hr L. Fannier. 
Employ^ am Departement der Handschriften, besorgt Der Band ent- 
hält ein sog. Pontificale, das 128 einzelne Stficke umfasst; Nr. 61. 62. 63 
sind die benedictio regis, imperatoris, regine. Auch hier sind die Missae 
hinzugefügt; ausserdem weicht der Text der Königskrönung an mehre» 
ren Stellen von den vorhergehenden ab. 

Daran reiht sich eine Handschrift des Kölner Domcapitels Nr. 141 
(Harzheim S. 111 ff.), auf die ich von Hrn Prof. Wattenbach aufmerksam 
gemacht bin und die ich, ebenso wie eine später zu erwähnende Handschrift 
derselben Bibliothek, der sie unlängst von Darmstadt zurackgestellt sind, 
durch geneigte Vermittelung des königlichen Ministeriums der geistli- 
chen Unterrichts- und Medicinalangelegenheiten hier benutzen konnte. 

1) Vergl. den Catalogos bibl. regiae III, S. 66. 



FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- U. D. RÖMISCH. KAISER-KRÖNÜHG etc. 16 



Es ist ein über episcopalis oäer sog. Pontificale aus der Reimser DiOcese ^)^ 
wie Wattenbach in seiner handschriftlich mir gütigst mitgetheilten Be« 
Schreibung muthmasst, von Cambray; dieser setzt den Codex ins Ute 
Jahrhundert, während Harzheim schon das 8te oder 9te annahm, ich nicht 
über das Ende des lOten Jahrhunderts hinabgehen möchte^). Derselbe ist 
schön geschrieben, der erzählende Theil abwechselnd roth und blau, 
die Initialen auch grün, einzelne mit Oold oder Miniaturen verziert; 
Inhaltsverzeichnis und Anfang in Capitalen abwechselnd roth blau und 
grün. Auch hier folgen* sich als Nr. 38. 39. 40 die Formeln für den 
König, Kaiser und die Königin; alle, besonders die erste, geben aber 
einen von allen vorhergehenden abweichenden Text. 

Hier theile ich zunächst auch das Inhaltsverzeichnis mit. 
In nomine Domini incipit libeb epi- 
scopalis. 

Gapitula sequentis libri. 

I. Ordo ad pueros consignandos. 

n. Ordo ad puerum tonsorandum. 

in. Ordo ad clericum faciendum. 

Iin. Ordo ad barbam tondendam. 

y. Ordo qualiter sacri ordines fiant. 

VI. Ordo ostiarii qualiter ordinantur. 

Yll. Ordo qualiter lectores ordinantur. 

YUI. Ordo qualiter exorcistae ordinantur. 

Vini. Ordo qualiter acoliti ordinantur '). 

X. Ordo qualiter subdiaconi ordi- 
nantur. 



XL 


Ordo qualiter diaconi consecrentur. 


xn. 


Ordo qualiter presbiteri conse- 




crentur. 


XIII. 


Sermones de supradictis ordinibus. 


xnn. 


Ordo ad benedicendum cereos in 




purificatione sanctae Mariae. 


XV. 


Ordo in capite jejunii, qualiter 




peniteantur. 


XVI. 


Ordo in ramis palmarum. 


xvu. 


Ordo in die absolutionis et de 




poenitentia. 


XVlli. 


Ordo de consecratione crismatis 




et plei. 


xvnii. 


Ordo qualiter agendum sit in pa- 




rasceve. 



1) Dies ergiebt, wie schon Harzheim S. 111 bemerkt, c. 28, fol. 124*, wo der 
zu wählende Bischof gefragt wird: Vis fidem et subjectionem sanctae ecclesiae matri 
Remensi omnes dies vitae tuae servare, und dem entsprechend antwortet: Privilegio 
etiam metropolis Remensium ecclesiae ejusque praesulis — me pboediturum — profiteor. 

2) Die drei ersten Seiten vor dem Inhaltsverzeichnis sind von jüngerer Hand des 
Uten Jahrb., am Schluss mehrere aus dem 12ten. — In der Schrift des Codex selbst 
kommt noch einzeln das offene a, am Ende der Worte, Tor. 

3) ordinanantur. Hs. 



16 



G. WAITZ, 



XX. 



XXI. 



xxn. 



xxm. 



xxim. 



XXV. 



XXVI. 



XXVII. 



xxvm. 



Ordo qualiter benedicatur novus 
ignis in sabbato. 
Ordo ad bened. et consecrand. 
ecclesiam Dei. 

Ordo ad benedicend. omnia in- 
strumenta ecclesiae. 
Ordo ad crucem Domini bene- 
dicendam. 

Ordo ad cassam vel feretrum bene- 
dicend. 

Ordo ad benedicend. ecclesiae 
Signum. 

Ordo qualiter consecretur cymi- 
terium *). 

Ordo ad reconciliationem violatae 
ecclesiae. 
Ordo ad bened. altare in tabula 



XXXI. Ordo ad benedicendum abbatem«^ 

XXXII. Ordo ad monachum faciendum. 
XXXin. Ordo ad benedic. abbatissam. 
XXXnn. Ordo ad consecr. sanctimonialem. 

XXXV. Ordo ad consecr laicam virginem« 

XXXVI. Ordo ad bened. viduam. 

XXXVII. Ordo ad bened. regem. 
XXXVni. Ordo ad ben. imperatorem. 
XXX Vnil. Ordo ad bened. reginam. 
XXXX. Ordo ad armandum militem'). 

Ordo ad bened. sponsam. 
Ordo ad bened. peregrinum. 
Ordo ad excomm. et absolut. 
Benedictio camium in pascha. 
B^edictio pomorum. 
Benedictio ad fruges novas. 
Benedictio panis novi. 
Benedictio uvae sive fabae. 



XLI. 

XLH. 

XLin. 

XLim. 

XLV. 

XLVI. 

XLvn. 

XLVUI. 



XLVnn. Benedictio vini novi. 

L. Ordo qualiter agatur synodus^). 



lignea confixum. 
XXVUn. Ordo qualiter consecretur episc. 
XXX. Ordo qualiter consecretur Bo- 
manus pontifiex. 

Endlich ist hier noch zu erwähnen die Handschrift der Berliner kön. 
Bibliothek, Xat. Quart 324 : sie enthält ein Chartular von Aachen s. XII, 
dem f. 78^ von anderer etwas jüngerer Hand, s. XIII ine, die drei For- 
meln angefügt sind, deren Abschrift ich Hrn Dr. W. Arndt verdanke. 
Der Text ist dem der vorigen Handschrift verwandt, ohne doch so weit 
wie diese sich von dem der übrigen Codices zu entfernen. 

Da trotz der Verschiedenheit der Texte und der Sammlungen denen 

sie angehören alle diese Handschriften die drei Formeln in derselben 

• 

Reihenfolge enthalten, die für die Kaiserkrönung aber jedenfalls nur in Korn 
entstanden sein kann, so wird angenommen werden müssen, dass sie 
alle auf eine Römische Grundlage zurückgehen, die freilich noch ver- 
schieden gewesen sein muss von der welche in dem Bamberger Codex 
und dem entsprechenden Texte Hittorps erhalten ist. 



1) cymterium. Hs. 



2) Hittorp S. 158 ff. 



3) fehlt im Text. 



FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- ü. D. RÖMISCH. KAISER-KRÖNUNG etc. 17 



I. Die Krönnngsformeln für König und Königin. 

Die grössten Verschiedenheiten zeigt in den verschiedenen Hand- 
schriften die Formel für die Krönung des Königs. Theilweise beruhen 
sie auf dem Umstand, dass auf verschiedene Reiche Rücksicht genommen 
ist; daneben kommen aber auch andere Umstände in Betracht. 

Charakteristisch für die Formel des vorher besprochenen ordo Ro- 
manus, mit der München und Paris im allgemeinen übereinstimmen, 
sind die gleich zu Anfang stehenden Worte: Ut eum ad imperii fasti- 
gium provehere digneris. Sie können sich nur auf den Deutschen König 
beziehen und weisen auf die Zeit nach der Kaiserkrönung Otto I. hin: 
von einem der älteren Deutschen oder anderen Fränkischen Könige hätten 
sie so allgemein nicht gesagt werden können. 

Die Stelle fehlt in dem nahe verwandten Text des früher Aache- 
ner, jetzt Berliner Codex, der auch sonst manche Abweichungen 
darbietet. Die Handschrift, wenn auch dadurch beachtungswerth dass 
sie aus der regelmässigen Krönungsstätte der Deutschen Könige stammt, 
ist zu neu, als dass man auf sie allein ein besonderes Gewicht legen 
könnte. Allein ihre Formel erhält von anderen Seiten die Beglaubigung 
eines viel höheren Alters (ich will sie im Folgenden die Kömische, die 
der Bamberger und verwandter Handschriften die Deutsche, worin beide 
übereinstimmen die Römisch-Deutsche Formel nennen). 

Schon viel früher war ein nahe verwandtes Krönungsformular in 
Italien bekannt. In einem Benedictionale des Bischofs Warmund von 
Ivrea , aus der Zeit Otto III. , jetzt in der Bibliothek des Domcapitels, 
steht ein solche^, gleich zu Anfang f. 2 , wie Dümmler in seiner Be- 
schreibung (Anselm der Peripatetiker S. 85) bemerkt hat. Da die hier 
mitgetheilte Ueberschrift : Incipit ordo ad regem benedicendum quando 
novus a clero et populo sublimatur, der des Ordo Bomanus entspricht, 
Histor.'phüol. Glosse. XVUI. C 



18 G. WAITZ, 

musste mir eine nähere Kenntnis des Textes von Wichtigkeit sein, und 
Dümmler hatte deshalb die Güte sich an den ihm bekannten Bischof 
Mons. Luigi Moreno zu wenden, der mit liebenswürdiger Gefälligkeit selbst 
eine Abschrift, verbunden mit der Durchzeichnung eines beigefügten 
Bildes, gefertigt hat, wofür ich ihm zu dem lebhaftesten Danke verpflich- 
tet bin. Der Text ist in mehr als einer Beziehung von Interesse. Er 
steht dem der Aachener Handschrift näher als jedem anderen, hat na- 
mentlich nicht die Beziehung auf den Deutschen König, ist vielmehr 
noch allgemeiner gehalten (*episcopus sedis ill*. steht wiederholt für 
*metropolitanus'), dazu kürzer als jener und alle übrigen, indem nament- 
lich auch die Reden bei üebergabe der Reichsinsignien fehlen. Man 
konnte geneigt sein zu glauben, dass diese Fassung, die durch eine so 
alte Handschrift (vielleicht die älteste der mir überhaupt bekannten) ver- 
treten ist, den Anspruch habe auch für die ursprüngliche zu gelten, so 
dass die andern alle aus dieser durch Aenderungen und Zusätze ge- 
bildet seien. Doch scheint es anderer seits nicht recht wahrscheinlich, 
dass jene Reden der ursprünglichen Fassung fremd gewesen sind, zumal, 
auch abgesehen von der anzunehmenden Römischen Grundlage des Bam- 
berger Codex, ein weiteres Zeugnis für ihr Vorhandensein in dieser Zeit 
und dieser Formel angeführt werden kann. 

Das ist die oben (S. 14) angeführte Kölner Handschrift Nr. 141, die aus 
der Reimser Flrzdiöcese stammt. Die Kxönungsformel des Königs stimmt 
zu Anfang genau mit den beiden zuletzt erwähnten Handschriften zu- 
sammen, um sich später freilich bedeutend von ihnen zu entfernen, dann 
aber doch immer wieder in einzelnen Stücken zu derselben Grundlage 
zurückzukehren. Untersucht man den (in einer Beilage vollständig mit- 
getheilten) Text genauer, so zeigt sich, dass er auf einer Combination der 
Römischen Formel und einer anderen, welche der von Martene (S. 604) *ex 
manuscripto codice Ratoldi abbatis Corbejensis'mitgetheilten genau entsprach» 
beruht ^) ; und es sind dabei auch die Stücke benutzt wel^e in Ivrea fehlen. 

Das Formular des Ratold (f 986) weicht aber in der Ordnung der 

1) Die bei der Ausgabe gemachten Bemerkungen ergeben das Nähere, hier hebe 
ich eine Stelle hervor, die es besonders anschaulich zeigt: 



FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- ü. D. RÖBflSCH. KAISER-KRÖNUNG etc. 19 



vorzunehmenden Handlungen und den an sie anknüpfenden Beden we- 
sentlich von der Römisch - Deutschen Formel ab. 

Hier folgen sich : Salbung, Ueberreichung des Schwertes, der Span- 
gen und des Mantels, des Ringes, des (Scepters und) Stabes, Krönung; 
dort : Salbung, Uebereichung des Ringes, des Schwertes, Krönung, Ueber- 
gäbe des Scepters, des Stabes, welche bestimmt unterschieden werden. 

Dagegen befindet es sich hier in vollständiger Uebereinstimmung 
mit einem Angelsächsischen Formular, das zuerst Seiden (Titles of honour 
3. edit. S. 116 ff.) stückweise, dann Taylor (The glory of regality S. 395) 
offenbar aus derselben an einer Stelle defecten Handschrift (Cotton. Claud. 
A. III) hat abdrucken lassen ^). 

Auch die begleitenden Reden und Gebete sind dieselben , so dass 
auch in der Formel Ratolds wiederholt eine Beziehung auf das Angel- 



Köln. 
Accipe regiae dignitatis 
anulum et per hunc in te 
catholicae fidei cognosee si- 
gnaculum, quia, ut hodie or- 
dinaris caput ac princeps 
regni ac populi, ita perse- 
yerabis auctor ac stabilitor 
christianitatis et christianae 
fidei, et per hunc scias tri- 
umphali potentia bestes re- 
pellere , hereses destruere, 
Bubditos coadunare et co- 
necti perseverabilitati fidei 
catholicae, ut felix in opere, 
locuplex in fide, cum Rege 
regum glorieris in aetemi- 
tate. Per eum cui est ho- 



Rat. 
Accipe anulum, signacu* 
lum fidei, soliditatem regni, 
augmentum potentiae, 



per guae scias triumphali 
potentia hostes repellere, 
haereses destruere, subditos 
coadunare et catholicae fidei 
perseverabilitati connecti. 
Per. 



Aachen. 
Accipe regiae dignitatis 
anulum, et per hunc in te 
catholice fidei cognosee si- 
gnaculum, quia, ut hodie or- 
dinaris caput et princeps 
regni ac populi, ita perse- 
yerabis auctor et stabilitor 
christianitatiSf 



ut felix in opere, locuples 
in fide, cum Rege regum 
glorieris. Per eum cui est 
honor et gloria. 
nor et gloria per infinita. 

1) Auch die Formel im dritten Band von Maskell, Monumenta ritualia ecciesiae 
Anglicanae (ein Buch das mir nicht zugänglich war), auf welche Freeman, History 
of the Norman conquest III, S. 42 ff., einige Male Bezug nimmt, ist dieselbe; s. S. 622. 



20 G. WAITZ, 

sächsische Beich hervortritt, die nur mangelhaft durch Aendenyigen 
oder Zusätze auf das Fränkische übertragen ist. Es heisst in dem 
Text des Ratold (R): in regnum N. Albionis totius, videlicet Francorum, 
eligimus^), in ganz unvermittelter Nebeneinanderstellung des ursprüng- 
lichen und veränderten Textes ; gleich nachher nur : totius regis Albionis 
ecclesiam ^) ; weiter unten : sancti Gregorii Anglorum apostolici. Alles 
dies hat Köln (K) weggelassen^ dafür aber die fast noch mehr charak- 
teristischen Worte beibehalten: regale solium, videlicet Saxonum, Mer- 
ciorum, Nordanhunbrorumque^) sceptra non deserat, die R änderte: v. 
Francorum sceptra. Die letzte Stelle, schon, von Harzheim hervorgehoben 
und in eine andere Formel übergegangen, hat schon früher Anlass ge- 
geben auf den Zusammenhang Fränkischer und Angelsächsischer Krö- 
nungsformeln hinzuweisen (Philipps, Kirchenrecht III, S. 70) "*•). Doch 
erlauben die gebrauchten Ausdrücke nicht, wie man geneigt sein möchte, 
an die Zeit des Bonifaz, die Krönung Pippins zu denken 5); erst dem 
lOten Jahrhundert, zunächst der Zeit des Königs Eadgar entsprechen die 
gebrauchten Ausdrücke: er nannte sich 'totius Albionis Imperator au- 
gustus' (Lappenberg I, S. 411 N.); er hat die Verhältnisse des nördlichen 
Englands neu geordnet, und eine zweite Krönung, die er vornehmen liess, 
bezog sieh vielleicht darauf. Im weitern Verlauf ist von zwei Völkern 
die Redß (utrorumque horum populorum)^, die der zu krönende König 
nach dem Vorgang des Vaters unter seiner Herrschaft vereinigen soll 
(paternae apicem gloriae tua miseratione unatim stabilire et gubernare 

1) Taylor S. 397: in regem Asglorum vel Saxonum pariter eligimus. 

2) a. a. 0.: totius regni Anglo-Saxonum aecclesiam. 

3) a. a. 0.: videlicet Anglorum vel Saxonum. 

4) Französische Schriftsteller haben es freilich auch auf ein Recht der Franzö- 
sischen Könige auf die Englische Krone bezogen; s. Freeman III, S. 624. 

5) Nach Taylor S. 228 wäre der erste Angelsächsische König der gesalbt Egbert 
im J. 785. Doch ist diese Frage wohl nicht mit Sicherheit zu entscheiden. 

6) Das könnte vielleicht für das höhere Alter der Fassung: Anglorum et Saxo- 
num sprechen. Dagegen ist die Form Anglo-Saxonum (N. 2) selten und kaum ursprüng- 
lich; vgl. Freeman lU, S. 45 N., der auch sonst die Nennung der drei Völker fiir 
das Ursprüngliche hält, S. 624. 



FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- ü. D. RÖMISCH. KAISER-KRÖNÜHG etc. 21 

mereatur). Das passt nur auf den Sohn Eadgars^), Ead ward, der dreizehnjäh- 
rig 975 dem Vater folgte: die in demselben Zusammenhang gebrauchten 
Worte *per longum vitae spatium' können wenigstens eine Beziehung auf 
seine Jugend haben ^). Eine andere Stelle scheint wohl noch etwas weiter 
hinabzuführen, zu dem Bruder Eadwards, Aethelred, der nach jenem -878 
die Herrschaft empfingt). Wir haben die Versprechungen welche dieser 
König bei seiner Krönung auf Anhalten des Erzbischofs Dunstan gegeben 
haben soll (aus Hickes mitgetheilt bei Kemble, The Saxons II, S. 35 N. l 
aus der Handschrift von Taylor S. 405) ^). Der hier gegebene Angelsäch- 
siche Text entspricht genau den Lateinischen Worten der Formel in R und K. 
Aber, da Aethelred seinem Bruder folgte, würden die angeführten Worte auf 
ihn nicht recht passen, und nichts hindert anzunehmen, dass Eadward, 
bei dessen Erhebung jener Erzbischof ebenfalls thätig war, dieselben Zu- 
sicherungen gegeben hat und sie nur zufallig in der Angelsächsischen 
Fassung gerade mit Aethelred in Verbindung gebracht sind. Folgen wir 
einer anderen Ueberlieferung, so sind sie selbst noch bedeutend älter. Sie 
stehen nämlich ganz entsprechend, nur mit anderer XJeberschrift (Primum 
mandatum regis ad populum hie videre potes), in einer Formel die Mar- 
tene aus einem Pontificale des Erzbischofs Egbert von York und einer 
Handschrift des Normannischen Klosters Jumieges mittheilt (S. 596 ff!.). 
Ist jene Angabe begründet, so würden wir auf den Anfang des Sten 
Jahrhunderts zurückgeführt werden. Mag das aber auch dahingestellt 

1) Eadgar selbst war der Bruder, sein Vorgänger Eadm der Neffe, Eadred anch 
der Bruder des vorhergehenden Königs. Erst Eadmund ist 940 seinem Vater Aethel- 
stan gefolgt. 

2) Dagegen dürfen die Worte in der ersten Rede ^Te invocamus' etc.: juyeni- 
lis Acre laetantem crescere concessisti' nicht in Anschlag gebracht werden, da sie 
schon in dem Pontificale Egberti stehen. 

3) und wahrscheinlich hat dies Taylor bewogen, das Yon ihm publicierte Formu- 
lar auf diesen König zu beziehen ; er selbst drückt sich aber S. 240 sehr unbestimmt 
aus, und schon Freeman III, S. 624 bemerkt, dass es wohl älter sein möge. 

4) Die Yon Schmid, Angels. Ges. S. 651, unter cyning versprochenen Nachwei« 
sungen über den Krönungseid des Angelsächsischen Königs finden sich nicht unter 
hyld-äd, auf das Terwiesen wird. 



22 G. WAITZ, 

bleiben, jedenfalls hat diese Formel einen mehr alterthümlichen Charak^ 
ter; sie lässt den König nur Scepter und Stab überreichen, statt der 
Krone einen Helm (galea) aufsetzen. Einige der Gebete in R und K 
finden sich aber auch schon hier. 

- Dass dieselben wenigstens theilweise auch im Frankischen Beich 
bekannt und gebraucht waren, zeigt die uns erhaltene Krönung Ludwig 
(II.) vom J. 877 (LL. I, S. 543). Hier ist ausserdem als Petitio epi- 
scoporum und Promissio regis gegeben was auch in R steht und in K 
mit den Versprechungen der Römisch-Deutschen Formel in Verbindung 
gebracht ist. Es entspricht so ganz den Verhältnissen des West-Fran- 
kischen Reichs am Ausgang des 9ten Jahrhunderts, dass man nicht ge- 
neigt sein kann es aus England abzuleiten. Und auch bei den gemein- 
schaftlichen Gebeten liegt dazu wenigstens kein bestimmter Anlass vor. 
Es kann auch das Umgekehrte geschehen , oder es kann eine gemein- 
schaftliche Grundlage vorhanden gewesen sein. 

Beachtungswerth ist besonders eins dieser Gebete, eben das welches 
bei der Salbung gesprochen wird : Omnipotens aeterne (oder : sempiteme) 
Dens, Creator et gubernator coeli etc. In diesem finden sich in R und 
K die vorher hervorgehobenen Stellen, welche so bestimmt nach England 
weisen. Im Pont. Egberti fehlt es ganz. Dagegen ward es bei der 
Krönung Ludwigs gebraucht, und steht auch in dem Römisch -Deut- 
schen Formular. Dort aber ist es wesentlich kürzer und wie man sagen 
muss der Text viel zusammenhängender, so dass deutlich erhellt, wie 
man in England bei der Krönung Eadwards eine längere Stelle einschal-» 
tete, die den besonderen Verhältnissen des Landes und des Falles ent- 
sprach. Auch der Römisch-Deutsche Text hat freilich eine entsprechende 
Stelle, nur mit Beseitigung der speciell auf England bezüglichen Worte, 
und man könnte geneigt sein dies für das Ursprüngliche zu halten. 
Dagegen spricht aber, dass der Text hier in der That des rechten Zu- 
sammenhangs entbehrt und nur verständlich ist, wenn man den Angel- 
sächsischen als Grundlage ansieht. So heisst es statt 'ut utrorumque 
horum populorum debita subjectione fultus' freilich nur 'horum populo- 
rum'; aber es ist hier vorher gar nicht von 'populi' die Rede gewesen. 



FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- ü. D. RÖMISCH. EAISER-KRÖNÜNG etc. 28 

Ebenso hat die Bezeichnung 'totius regni ecclesiam', wo 'Albionis' weg- 
gelassen ist, keine rechte Bedeutung; statt des *paternae apicem gloriae 
— unatim stabilire et gubernare mereatur' steht ein ziemlich nichtsssagen- 
des 'ad paternum decenter solium — conscendere mereatur'. Ausserdem 
ist der Schluss der Rede, der sich in der Krönung Ludwigs findet, wegge- 
lassei); und schon deshalb kann die Angelsächsische Formel nicht aus 
der Deutschen stammen. 

Ich bemerke übrigens gleich, dass die ganze Rede in Ivrea fehlt, 
in Aachen nicht bei der Salbung, sondern vorher steht, in einigen Hand-»- • 
Schriften der eigentlich Deutschen Formel sich zweimal findet* 

Ehe aber von dieser und ihrem Verhältnis zu der Angelsächsischen 
Formel zu sprechen, ist ein Wort über denEinfluss zu sagen, den diese 
oder ihre Ableitungen sonst ausgeübt haben ^). 

Besonders sichtlich ist derselbe in der späteren Krönungsformel der 
Französischen Könige (Marlene S. 610; ein verwandtes etwas jüngeres 
Formular für Karl V. vom J. 1365 aus einer Handschrift der Cottonschen 
Bibliothek bei Seiden S. 177 0!,). Ueber die Bestimmung dieser lassen 
die wiederholten Beziehungen auf Reims, auf den Abt von St. Remi, 
auf die Würdenträger und Pairs des Französischen Reichs nicht den min* 
desten Zweifel. Ebenso deutlich ist, dass die aus verschiedenen Be- 
standtheilen combinierte Formel von K benutzt ist , so dass selbst jene 
Stelle über die Sachsen Mercier und Nordhumbrer beibehalten ward 
(Martene S. 615. Seiden S. 189). Dazu kommen aber einzelne Sätze aus 
der Deutschen Formel, zu Anfang die Anreden an den König und Ant- 
worten desselben in directer Rede, die hier wunderlich genug mit der 
Fassung in indirecter Rede verbunden sind, später mehrere nur hier vor- 
handene Gebete; zuletzt eine Professio des Königs, die nur die Kölner 
Handschrift Nr. 139 hat, mit der und einzeln mit der Pariser auch sonst 
der Französische Text etwas nähere Verwandtschaft zeigt. Auch die 
Reihenfolge der Acte ist dieselbe wie dort. 

Nicht minder gross ist die Verwandtschaft einer späteren Formel 

1) Davon handelt Freeman m, S. 624 nach dem Vorgang von Seiden und Mas- 
kell, ohne doch den Gegenstand zu erschöpfen nnd das hohe Alter dieser Verbrei- 
tung zu erkennen. 



24 G. WAITZ, 

für die Krönung des Langobardischen Königs (LL. II, S. 506). Die 
mehrfach besprochene Stelle lautet hier : regimen Italicorum administret, 
ut regale solium (so zu lesen) videlicet Saxonum Merciorum ^) Nordanym* 
barumque aliorumque populorum sibi subditorum sceptra non deserat, 
das folgende *utrorumque' ist beibehalten. Die Acte folgen sich wie in R. 
Eine gewisse Verwandtschaft zeigt auch der ordo, den Marteife aus 
einem Pontificale Arelatense mitgetheilt hat (S. 634), und der dadurch 
merkwürdig ist, dass er in der Einleitung ausdrücklich eine Anwendung 
* auf verschiedene Reiche annimmt. Nach der Wahl, heisst es, conveniant 
episcopi omnes ad civitatem metropolim, quae major est aliarum merito 
et dignitate et quae infra limites est regni, ut in imperio Roma, Con- 
stantinopolis in Graecia, Vienna in Burgundia, Narbona in Gothia, Re* 
mis in Francia vel similiter in cetera regna. Die Zeit freilich welcher 
diese Angaben entsprachen ist schwer anzugeben: während Vienne nur 
fär das ältere Burgundische Reich , Narbonne für die frühere Zeit des 
Westgothischen genannt werden könnten, lassen das Imperium und Reims 
höchstens an die Karolingische Periode denken. Wahrscheinlich ist es 
nur falsche Gelehrsamkeit eines späteren Abschreibers, die sich hier hat 
zeigen wollen. Wenigstens fehlen in einer verwandten Münchener Hand- 
schrift diese Worte. Es ist der Cod. Lat. Nr. 10073 (Pal. M. 73) aus 
dem Jahre 1409, ein, ohne Zweifel in Italien, von Durantus Uielli ge- 
schriebenes, mit interessanten Miniaturen geziertes Pontificale. Es ent- 
hält fol. 104 ' ff. , wie die Ueberschrift heisst : Ordo Romamis ad benedU 
cendum regem vel reginam^ imperatorem vel imperatricem coronandos^ zu« 
erst eine Formel der Kaiserkrönung, die von den bisher bekannten in 
manchem einzelnen abweicht, aber entschieden einer späteren Zeit an- 
gehört, dann f. 114 : De benedictione et coronatione aliorum regum et regi^ 
narum Ruhrica, ein Abschnitt der so eingeleitet wird: Cum alius rex 
benedicendus et coronandus est. omnes episcopi regni conveniant ad civi- 

1) Wenn Pertz die beiden folgenden Worte nicht in den Text nahm, durfte er 
auch nicht 'Saxonum' mit Muratori beibehalten. Dies hat schon früher zu ganz un- 
begründeten Yermuthungen Anlass gegeben: so stützt Giulini, Memorie di Milane IV, 
S. 233, nur hierauf seine Ansicht, dass die Formel unter Heinnoh IV. zu setzen sei. 



FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- U. D. RÖMISCH. KAISER-KRÖNUNG etc. 25 

tatem metropolitanam vel regiam, in qua hoc fieri consuevit; das Fol- 
gende wenigstens mehrfach übereinstimmend mit dem Text des Arelat. 
Die Formel liegt der zu Grunde welche in die gedruckten Ausgaben des 
Pontificale Aufnahme gefunden hat (in der Lugd. 1511 f. 70iff. ; aus 
dem Pontif. Komanum Clemens VIII. wiederholt bei Seiden S. 155 ff.). 

Die Reihenfolge der Acte ist hier: Salbung, Ueberreichung des 
Schwertes (fehlt Arel.) , Krönung , Uebergabe des Scepters , Setzung auf 
den Thron. 

Von den mitgetheilten Reden in Arel. ist eine bei der Salbung *Deu8, 
Dei filius etc.' sonst nur der Angelsächsischen Formel angehörig, die an- 
deren 'Omnipotens sempiterne Dens etc.' und *Accipe virgam virtutis etc.* 
dieser und der Eömisch-Deutschen gemeinschaftlich ; zwei weitere : *Deu8, 
qui victrices Moysis manus etc.' und: 'Dens inenarrabilis, auctor mundi 
etc.' kommen sonst als Benedictiones ohne Beziehung auf Salbung und 
Krönung vor (s. Beilage IV; die erste hat auch Aufnahme in die Franzö- 
sische Formel gefunden, Martene S. 612). 

Zu der Annahme einer Benutzung der Angelsächsischen Formel ist 
somit hier kein genügender Grund. 

Wenigstens zweifelhaft ist die Sache bei der Kömischen, in den 
Handschriften von Ivrea und Aachen-Berlin. Nur die letzte hat, wie 
vorhifL bemerkt, die Rede 'Omnipotens aeteme Dens' in einer Gestalt die 
allerdings auf die Angelsächsische Formel zurückgeführt werden muss; 
allein an einer andern Stelle, in einem Zusammenhang zu dem sie in der 
That wenig passt; so dass man geneigt sein muss sie für einen späteren 
Zusatz zu halten. Wollte man alles was Aachen mehr hat als Ivrea so 
betrachten, würde so gut wie jede Verwandtschaft fehlen, indem dann nur 
die Benedictio, von welcher es hier heisst dass es die sei, quae tempore 
synodi super regem dicenda est, und die also ursprünglich nichts mit 
der Krönung zu thun hat, gemeinschaftlich wäre, alle anderen Reden 
ebenso wie die Reihenfolge der Acte verschieden. Doch glaube ich aus 
dem oben (S. 18) angegebenen Grunde so weit nicht gehen, vielmehr eine 
Abkürzung des ursprünglichen Textes in Ivrea annehmen zu müssen. Dann 
hatte aber die Römische Formel zwei Stücke mit der Angelsächsischen 
Histor.'phüol. Glosse. XVIU. D 






26 G. WAITZ, 

gemein, das Gebet bei der Ueberreichung des Stabes: Accipe virtutis 
yirgam etc., und die besonders charakteristische Eede bei der Einnahme 
des Thrones: Sta et retine amodo locum, quem hucusque paterna 
successione tenuisti etc. In dem Fontificale Egberti und ebenso dem 
Krönungsformular König Ludwigs findet sich von beiden nichts. Dass 
es aus der Angelsächsischen Formel in die Bömische übergegangen, 
muss wenig wahrscheinlich dünken, wenn man bedenkt, dass jene erst 
aus einer Zeit stammt die wenig älter ist als die welcher die frühesten 
erhaltenen Handschriften dieser angehören, dass, wenn man bei Auf- 
stellung einer allgemeinen Krönungsformel, sei es in Rom sei es an- 
derswo, überhaupt das Bedürfnis fühlte sich einer fremden Vorlage zu 
bedienen, es nahe gelegen hätte, nicht blos zwei einzelne Stücke dersel- 
ben zu entlehnen, sondern sich ihr im ganzen anzuschliessen. Dagegen 
trägt die Angelsächsiche Formel, wie wir gesehen, auch sonst den Cha- 
rakter einer Compilation an sich: einzelnes ist aus der des Fontificale 
Egberti, anderes aus der bei der Krönung K. Ludwigs gebrauchten ge- 
nommen: so kann es nichts auffallendes haben, wenn auch diese Kömi- 
sche benutzt ward. 

Was endlich die Formel betrifft die wir vorläufig als die Deutsche 
bezeichnet haben, so schliesst sie sich eng an die Bömische an, ist aber 
ausführlicher, giebt mehrere Beden welche dieser fehlen und hier mit 
der Salbung in Verbindung gebracht werden: Ungo te etc.; ünguantur 
manus etc.; Frospice omnipotens Deus etc.; Spiritus sancti etc. Haben 
diese mit der Angelsächsischen Formel nichts gemein, so ist dagegen nun 
definitiv, in einigen Handschriften sogar zweimal, die Bede *Omnipotens 
aeterne Deus, creator omni um etc., in der Gestalt aufgenommen, wie sie 
in Aachen sich findet und hier auf jene zurückgeführt werden muss. 
Man kann zweifelhaft sein, ob das aus einer directen Benutzung dersel- 
ben oder nur eines Aachen entsprechenden Textes zu erklären ist: in 
dem letztern Fall hätte der Bedactor dieses die an falsche Stelle gerathene 
Bede an den gehörigen Ort gesetzt oder vielleicht nur hier noch einmal 
wiederholt (wie sie sich in einigen Handschriften doppelt findet; was 
dann später bemerkt und verbessert ward). 



FO RMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- ü. D. RÖMISCH. KAISER-KRÖNUNG etc. 27 

Freilich ist aach noch darüber ein Zweifel möglich, ob die soge- 
nannte Römische oder die Deutsche Formel die ältere sei. Es liesse sich 
denken, dass man aus einer für das einzelne Reich bestimmten eine all- 
gemeine, in den verschiedenen Reichen anwendbare gemacht habe. Doch 
wahrscheinlicher ist gewiss das Umgekehrte. Dass die Deutsche Formel 
die Reden an den König in directer Rede giebt, erscheint auch nicht 
als solcher Vorzug, dass man um deswillen ihr ein höheres Alter bei- 
legen müsste. Die handschriftliche Beglaubigung reicht wenigstens bei 
der Römischen etwas höher hinauf. Bringt man die für die Bamberger 
Handschrift (B) als wahrscheinlich angenommene Römische Grundlage aus 
der Zeit Otto III. in Anschlag, so muss nun bemerkt werden, dass es nach 
Vergleichung eben von Aachen und Köln (K) keineswegs doch als sicher 
erscheint, ob der alte ordo Romanus wirklich den Text von B enthielt, 
ob nicht vielmehr an die Stelle der hier gegebenen allgemeinen die mehr 
specielle Formel gesetzt ist. Die Art und Weise wie K jene umgeändert, 
mit der Angelsächsischen zusammengearbeitet hat, lässt das als sehr 
wohl möglich erscheinen. Jedenfalls ist, wie schon oben (S. 14) bemerkt, 
der Text von B nicht der Art, dass aus ihm oder, wenn man ihn als 
Abschrift einer älteren Handschrift ansehen will, aus dieser die übrigen 
uns erhaltenen entstanden sein können. Sonach wird anzunehmen sein, 
das aus einer älteren allgemeinen, wahrscheinlich in Rom redigierten^), 
Formel für die Krönung eines Königs diejenige hervorgegangen ist, wel- 
che wir als die Deutsche bezeichnen. 

Dann bleibt noch die Frage, ob diese Formel wirklich in Deutsch- 
land in Gebrauch war. Dass, wie Giesebrecht {III, S. 663) meint, schon 
das Vorkommen im Bamberger Codex die Anwendung hier im Uten 
Jahrhundert verbürge, kann man ohne weiteres nicht zugeben. Die For- 
mel ist in der Handschrift eben nur Theil einer grösseren Sammlung» 
jene im allgemeinen ohne Zweifel Abschrift eines älteren Römischen 
Codex: so lässt sich für den Gebrauch in jener Zeit und in Deutsch- 

1) Von Rom schickte schon Silvester II. eine KrönuDgsformel nach Ungarn, 
Gerb, epist. 218 S. 149 (ed. Olleris): corona quam mittimus rite juxta formulam 
legatis tnis traditam coronatus. ' 

D2 



28 G. WAITZ, 

land überhaupt aus ihr wenigstens nur unter der oben gemachten Vor- 
aussetzung etwas schliessen. Etwas mehr Gewicht darf yielleicht auf die 
früher Augsburger Handschrift gelegt werden, in der es sich um eine 
Auswahl einzelner praktisch anwendbarer Stücke zu handeln scheint. 
Noch höher schlage ich an, dass eine Handschrift des Kölner Domca- 
pitels, Nr. 139, ein Pontificale der Kölner Kirche aus dem 12ten Jahr- 
hundert, denselben Text enthält, und zwar ohne die so gewöhnliche Ver- 
bindung mit den beiden andern Formeln. Vielleicht dass weitere Nach- 
forschungen, als ich sie habe anstellen können, noch andere Exemplare 
aus Deutschen Stiftern zu Tage fördern — auch der Pariser Codex oder 
seine Grundlage stammt doch wahrscheinlich aus Deutschland ^) — : eine 
weitere Verbreitung hier würde gewiss dafür sprechen, dass man der 
Formel eine praktische Bedeutung beilegte. Dagegen kann es dann nicht 
sonderlich ins Gewicht fallen, dass eine Handschrift, wenn auch gerade 
der alten Krönungsstadt Aachen, den nahe verwandten Komischen Text 
bringt. 

Die Historiker haben uns von den Krönungen der Könige meist 
keine genaueren Beschreibungen gegeben. Nur Widukind spricht aus- 
führlicher von der Salbung und Krönung Otto I. in Aachen. Es fehlt 
hier nicht an Abweichungen von beiden Formeln. Während diese zu- 
erst die Salbung stattfinden, dann die Uebergabe des Schwertes, der 
Spangen, des Mantels und Kinges, des Scepters und Stabs, zuletzt der 
Krone erfolgen lassen, empfangt der König nach Widukind zuerst das 
Schwert, wird darauf mit Spangen und Mantel bekleidet, mit Scepter und 
Stab ausgerüstet, und dann erst gesalbt und gekrönt; von den Worten, 
die der Erzbischof von Mainz bei der Bekleidung mit dem Mantel nach 
Widukind gesprochen haben soll, wissen die Formeln nichts; und auch 
die andern welche der Geschichtsschreiber mittheilt sind jedenfalls nicht 
nach diesen gemacht. Dem gegenüber zeigt sich aber doch manche 



1) Der Catalogus mss. der Pariser Bibliothek XU, S. 66 giebt über die Herkunft 
nichts näheres an, nur dass er einen catalogus regum Francorum — Heinrich L (das 
scheint der Französische König zu sein) enthalte. 



•f 

V 






FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- ü. D. RÖMISCH. KAISER-KRÖNÜNG etc. 29 

wichtige Uebereinstimmung : die Art und Weise wie die armillae und das 
Pallium bei dem Act hervorgehoben werden i), die Anrede an das Volk, 
mit der Frage ob der neue König ihm gefalle, der Umstand dass ausser 
dem Metropolitanüs wenigstens noch ein anderer Erzbischof als anwesend 
angenommen wird, weisen bei Widukind auf die Benutzung einer ähnli- 
chen Formel hin. Die Worte, in welchen nach der Deutschen Formel auf 
die künftige Erhebung zum Kaiser Rücksicht genommen wird, konnten 
bei Otto I. Krönung schwerlich gebraucht werden, und zunächst um 
ihret willen werden wir genöthigt sein, die Redaction, wie sie vorliegt, 
noch in eine etwas spätere Zeit zu setzen. Der der folgenden Ottonen 
würde sie aber wohl entsprechen. 

Damals mochte man in Deutschland am wenigsten Bedenken tra- 
gen, auch das erbliche Recht in so bestimmter Weise zu betonen, wie 
es an einigen Stellen geschehen ist. Eine dieser Stellen: Sta et retine 
amodo locum, quem hucusque patema successione tenuisti, geht, wie vorher 
(S. 26) bemerkt, auf frühere Zeit zurück« Dasselbe ist vielleicht bei einer 
zweiten anzunehmen : Reges quoque de lumbis ejus per successiones tem- 
porum futurorum egrediantur, in einer Rede (Prospice etc.) die in der 
Römischen Formel fehlt, die aber als Theil einer Kaiserkrönung vorkommt, 
obschon sie ihrem Wortlaut nach nur auf den König Bezug nimmt: ich 
werde später bemerken, dass sie wahrscheinlich der Karolingischen Zeit 
angehört. So ist freilich für die in Deutschland selbst geltende Auffas- 
sung auf diese Sätze kein grosses Gewicht zu legen. Doch kann man 
sagen, dass ihr Gebrauch dazu dienen mochte, die Vorstellung von einem 
solchen Recht der Könige in ihnen selbst und im Volk zu nähren. 

Daneben ist auch von einem Wählen die Rede. Es heisst: quem 
supplici devotione in regem eligimus (so die Handschriften fast alle, 
nicht *elegimus', wie Hittorp gedruckt hat). Entsprechend wird aber 
auch von der Königin gesagt: quam s. d. in reginam eligimus, und die 
Worte bedeuten wohl nicht eben mehr, als dass gerade dieser kirchliche 
Act wie eine Art Wahl durch die Bischöfe angesehen ward, eine Auf- 

1) Das geschieht ausserdem bei den späteren Englischen Krönungen; s. Taylor 
S. 408. 



■,t*.:i 



30 G. WAITZ, 

fassung die der Zeit des lOten und Uten Jahrhunderts nicht fremd 
war^). Fragt dann der Metropolitan das in der Kirche versammelte 
Volk, ob es diesem König sich unterwerfen, seinen Befehlen gehorchen 
will, so entspricht das , wie schon bemerkt , dem was bei der Krönung 
Otto I., und ohne Zweifel auch sonst vorkam, ohne dass damit ein wirk- 
liches Wahlrecht des Volkes überhaupt anerkannt wäre. 

Filr die Versprechungen, welche der König nach der Formel giebt, 
haben wir keine directe Bestätigung in Nachrichten zeitgenössischer Au- 
toren. Doch gehen sie nicht über das hinaus was auch der Zeit des in 
voller Macht und Ansehn stehenden Königthums angemessen war, ent- 
halten nicht wie andere auch ältere Formeln — namentlich die professio, 
die aus einer solchen der Kölner Handschrift eingefügt ist — etwas für den 
König beschränkendes, sondern eben nur die Anerkennung der Pflichten 
welche allgemein als die königlichen angesehen wurden. Und dass eine 
solche Verpflichtung förmlich übernommen ist, bestätigen wenigstens die 
Berichte, welche in der Zeit Heinrich IV. von einer Verletzung der ein- 
gegangenen Verträge sprechen, diesen König mit Rücksicht darauf des 
Meineides beschuldigen^). 



1) Namentlich tritt sie bei Richer hervor, I, 41, S. 580; 11, 4, S. 588; III, 2. 
S. 610, wo 'creatus est' sich auf die bischöfliche Weihe bezieht (111,91, S. 626 steht: 
*promotu8 est'). Aber in diesem Sinn sagt auch wohl Wolfher in der Vita Gode- 
hardi pr. c. 26, S. 186: pastores aecclesiae Spiritus sancti instinctu conciverunt con- 
silium salutis, in quo sine quolibet dissensu Ghuonradum regem elegerunt; und Ho- 
norius August, de apost. et augusto c. 4, Pez Thes. anecd. 11, S. 189: Ergo rex a 
Christi sacerdotibus , qui veri ecclesiae principes sunt, est constituendus ; consensus 
tamen laicorum requirendus. Vgl. was Freeman, The growth of the English Consti- 
tution (Leipz. 1872) S. 191 ff., über ähnliches in den Angelsächsischen Verhält- 
nissen bemerkt. 

2) Manegold in dem Auszug von Giesebrecht, S. 325 N.: cum pactum pro quo 
constitutus est constet illum prius irrupisse; Paulus Bernr. V. Gregorii VII. c. 97, 
ed. Watterich II, S. 531 : cum pactum adimplere contemserit, quod eis pro electione 
sua promiserit, und vorher: liberi homines Henricum eo pacto sibi praeposuerunt in 
regem, ut electores suos juste judicare et regali Providentia gubemari satageret. Vgl. 
Lambert 1074 S. 209 : tamquam evidentis perjurii reum . • • de reguo proturbarent. 



■■■; 



FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- ü. D. RÖMISCH. KAISER-KRÖNÜNG etc. 31 

Eine weitere Bestätigung fÄr den wirklichen Gebrauch der in meh- 
reren Handschriften Deutscher Stifter erhaltenen Krönungsformel giebt 
endlich die spätere, über deren Anwendung kein Zweifel * sein kann (LL. 
II, 8. 384), und die sich in wesentlichen Funkten an jene anschliesst, 
speciell auch da wo sich Abweichungen von der Komischen finden: so 
sind die Fragen an den König ebenfalls in directer Rede und zum Theil 
wörtlich übereinstimmend gegeben; ebenso findet sich das Gebet für die 
Erhebung zum Kaiserthum, nur mit der Aenderung: XJt eum ad regni 
et imperii fastigium feliciter perducere digneris. 

Sonach haben wir anzunehmen, dass auf Grund einer älteren, 
wahrscheinlich in Rom entworfenen und in deiji sogenannten Ordo Ro- 
manus aufgenommenenen Formel für die Krönung eines Königs über- 
haupt, unter Benutzung, sei es in dieser oder, was wahrscheinlicher, in 
einem späteren Zusatz zu derselben, einer gegen Ende des lOten Jahr- 
hunderts im Angelsächsischen Reich zusammengestellten, diejenige For- 
mel entworfen ward deren man sich in der nächsten Zeit in Deutsch- 
land bei der Krönung des Königs bediente. 

Ihren bisher nur von Hittorp bekannt gemachten Text gebe ich 
hier unter Benutzung der oben besprochenen Handschriften, von denen 
die Bamberger wohl die älteste, aber keineswegs die beste ist (1 = Köln 
139; 2 = Paris; 3 = München; 4 = Bamberg; 5 = Hittorps Aus- 
gabe), und unter Hinweisung auf die verwandten , in den Beilagen mit- 
zutheilenden , Texte der Römischen Formel (Bl = Köln 141; B2 = 
Aachen ; B3 = Ivrea) '). Dieser steht von jenen Handschriften am 
nächsten 2, deren Text ich aber deshalb nicht zu Grunde gelegt habe, 
weil er mir nicht selber vorgelegen hat, auch noch nicht die volle Aus- 
bildung der Deutschen Formel im Unterschied von der Römischen zeigt, 
sondern eine Art Zwischenstufe darstellt. 



1 
] 



1) Auffallend ist ein näherer Zusammenhang zwischen 3. 4. 5 und B3, die 
weder bei dem hier angenommenen noch einem andern Verwandtschaftsyerhältnis 
erklärt werden kann. 



S3 G. WAITZ, 

Die KrOnuDg der Königin ist in allen Handschriften wesentlich über- 
einstimmend ; in Köln 139 (1) fehlt sie ; Paris (2) habe ich nicht vei^lei- 
chen lassen, dagegen ist hier Köln 141 (Bl) und Aachen-Berlin (B2) zur 
Vergleichung herangezogen; in der ersteren finden sich einzelne Zusätze, 
die auf einer ähnlichen Compilation mit einer Angelsächsischen Formel 
(Taylor S. 403fF.) beruhen, wie sie in der vorhergehenden nachgewiesen ist. 

Die bei den Krönungen von Königinnen aus Karolingischer Zeit, 
der Hirmintmd im Jahr 866 (LL. I, S. 506) und der Judith bei ihrer 
Vermählung mit dem Angelsachsen Aethelwulf (eb. S. 450), gebrauchten 
Formeln zeigen weder mit dem allen gemeinsamen Text noch mit den. 
Zusätzen von Bl Verwandtschaft. 



' I 



FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- U. D. RÖMISCH. EAISER-ERÖNUNG etc. 88 



INCIPIT» ORDO AD REGEM* BENEDICENDÜM. 

Quando^ novus a clero et populo svblimatur in^ regnum^ primum^^ 
exeunte illo thalamum^, unus archiepiscopus cUcat hanc^ arationem: 

Omnipotens, sempiterne Dens, qui famulum tuum N. ^ regni fastigio 
dignatu^es sublimare, tribue ei\ quaesumus, ut ita in hujus^ seculi 
cursu ciL^orum in commune salutem disponat, quatinus a tuae verita- 
tis tramite^'Son recedat. Per\ 

Postea suscipiant illum duo episcopi dextera laevaque, honorifice parati^ 
habentes sanctorum^ reliquias collo pendentes. Ceteri autem clerici sint^ ca-- 
sulis^ adomati; precedente sancto etuzngelio et duabus crucibtis cum incenso^ 
boni odoris, ducant^ iüum ad aecclesiam, canentes responsorium^. Resp.^i 
Ecce mitto angelum meum^ Vers.^ : Israhel^, si me audieris; cuncto^ 
eum vulgo sequente. Ad osüum autem aecclesiae clerus subsistat^ et alius^ 
archiepiscopus dicat hanc^ orationem: 

Dens, qui scis genus humanum nuUa sua' virtute posse subsistere, 
concede propitius, ut famulus tuus N^, quem populo tuo voluisti pre- 
ferri*, ita tuo fulciatur adjutorio, quatinus quibus potuit preesse valeat 
et^ prodesse. Per. 

Introeuntes autem precedentes^ clerici^ decantent^ antiphonam: Domine, 



a) Ordinatio reg^s schickt 4 ah Ueberschrift voraus, b) b. r. 3. c) qaando (com 4) 

in regnum verbinden mit der Ueberschrift 8. 4. 6. B2. 8. d) in r. fe?Ut 4. e) pr. 

enim 1. 2. B3. f) de thalamo 1. 2. g) d. oremos 1. pontifex oratio 2. h) ilL 5 immer; 

fehlt 2. i) fehlt 2. 3. 4. k) presenti collecta multitudine 8. 4. 5. BS. \) fehlt 4. 

m) fehlt 5. 8. in e. p. r. 3. n) fehlt 8. 4. 6. B8. o) solenni apparata omati 5. sollempniter 

a. Bl. p) incensu 1. q) et d. 4. r) fehlt 4. r. c 1. 6. r. com veno. R. Ecce mitto. 

V. Israbel 8. b) fehlt 2. 4. 5. t) m. qoi precedat te 2. u) com venu 2. 4. 6. v) J. ri 
me a. feMt 2. 4. w) c. e. v. . fehlt 2. c. e. y. 8. ad o. aecleeiae. denu 8. ouncta e. plebe 8. ad 6. 
z) fehlt 2. d. a. arcb. 5. y) b. seqnentem o. 2. 8. B8. z) So 1. B8; fehlt 2. 8. 4. 5. Bl. 2. 

a) preferre 4? 6. h) fehlt 2. o) fehlt 6. d) cL eoclesiam bano d. 6. e) dam de- 

cantetor antipb. osqae introitnm cbori: D. 8. f. r. 8. 

Histor.'phüol Glosse. XVUI. E 



.li • * 



84 G. WAITZ, 

salvum^ fac regem et^ exaudi nos in die qua invocaverimus te usque^ 
in^ introitum chori. [JPsalm,^: Exaudiat te Cum Gloria Patri], Tunc epi- 
scopus^ metropoUtanus dicat hanc orationem: 

Omnipotens, sempiterne ^ Deus, caelestium terrestriumque moderator, 
qui famulum tuum N.^ ad regni fastigium dignatos es provehere, concede, 
qaaesumus\ ut a cunctis adversitatibus liberatus et aecclesiasticae pacis 
dono muniatur et ad aetemae pacis gaudia, te donante, pervenire mere- 
atur. Per. 

Tunc^ designatus princeps paUium^ deponat atque inter manus episco- 
porum perductus in chorum^ vsque^ ad altaris gradus incedat^ cunctoque pa^ 
vimento tapetihus et paUioUs contecto^, Hn^ humiliter totus^ in cruce^ pro* 
Stratos jaceat^ una^ cum episcapis et presbiteris hinc inde^ prostratis, ceteris^ 
autem in choro l^taniam breviter psallentibus, id^ est i2 apostolos^ totidem- 
qae^ martyres, confessores et virgines. Et^^) inter cetera^ in/erenda 
sunt ista^i 

üt hunc famulum tuum N. ^ ad regem eligere digneris, te rogamos. 
Audi* nos. üt eum benedicere et sublimare digneris, te rogamus^. Ut* 
cum ad imperii fastigium producere digneris, te^ rogamus. 
et^ cetera huic benedictioni convenientia. 

Finita^ l^tania, erigant se episcopi^ sublevatumque principem interroget^ 
domnus^ metropoUtanus his^ verbis^): 

Vis sanctam fidem a catholicis viris tibi traditam teuere et operi* 
bus^ justis observare? Resp.: Volo, 

a) 8. me f. 2. b) et — te fehlt 2. 5. B. c) totum n. 5. d) ad 4. Bl. 8. fehU 2. 8. &• 
e) So nur 1. Psalm. E. te Dominus 5 vor totum usque. f) fehlt 4. dominus m. 5. g) fehU 

S. 4. BS. h) fehlt 2. i) propitius 8. B2. k) Ibi autem ante chornm d. 2. 1) p. et 

arma 2. B2. 3. — p. et a. d., fehlt Bl. m) fehlt 1. n) strato 4. o) fehlt 4. p) oraoem 
4. crucis modum 2. q) fe?Ut 5. r) h. et i. 1. s) choro — psallente 4. t) id — vir- 

gines fehlt 4. u) apostolomm 3. v) ac totidem 2. w) Ubi inferendum est 4. z) oae- 

teras 5. y) haec 1. z) illust 5. a) A. n. fehlt 1. b) fehlt 1. 2. te r« fehlt 4. o) Et 2. 
d) te r. fehlt 4. te r. a. n. 8. e) et — conv. feMt 3. 4. f) Sublatus autem princeps inter- 

rogetur ab episcopo metropolitano hoc modo 2, und ähnlieh B2. 8. g) L eum 8. h) fehU 4. 

i) sie 2. 4. k) j. o. 1. 

1) Et — rogamus fehlt in B (der Römischen Formel). 

2) Das Folgende hat B in indirecter Rede. 



■i^M 



FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- U. D. RÖMISCH. KAISER-KRÖNUNG etc. 35 

^Vis sanctis^ aecclesiis aecclesiarumque ministris tutor^ et defen sor 
esse? Resp.: Volo. 

^Vis regnum tibi^ a Deo concessum secimdum justiciam patrum 
tuorum r^ere et defendere? Resp.^: In quantum divino fultus adjutorio 
ac solatio omnium fidelium suorum^ valuero, ita me per omnia fideliter - 
acturum^ esse promitto. 

Deinde dommis^ metropolitanus affatur^ populum dkens^ : 

Vis tali principi ac rectori te subicere^ ipsiusque regnum firma™ 
fide Stabilire atque jussionibus illius obtemperare juxta apostolum: Bonu 
'Omnis anima potestatibus sublimioribus subdita sit', regi^ quasi pre- 
cellenti? 

Tunc ergo ^ a circumstante clero et populo unanimiter ^ dicatur P : Fiat. 
Fiat. Amen^. 

Postea vero^ eo^ devote inclinato, dicatur ah episcopo^ haec^ oratio: 

Benedic, Domine, hunc regem nostrum N., qui regna omnium^ mo- 
deraris a seculo, et tali eum benedictione glorifica, ut Daviticae teneat 
sublimitatis sceptrum, et glorificatus in ejus protinus repperiatur merito. 
Da ei tuo inspiramine cum mansuetudine ita regere populum, sicut Sa- 
lemonem fecisti regnum^ obtinere pacificum. Tibi semper cum timore* 
sit subditus tibique militet cum quiete^. Sit tuo clipeo protectus cum 
proceribus, et ubique tua gratia victor existat. Honorifica eum pre 
cunctis regibus gentium, felix populis dominetur, et feliciter eum natio- 
nes adornent'. ViTat inter gentium catervas magnanimus, sit in judiciis 
aequitatis singularis; locupletet eum tua predives dextera; frugiferam 
obtineat patriam« et ejus^ liberis tribuas profutura. Presta ei prolixita- 
tem vitae per tempora, et in diebus ejus oriatur justicia. A te robu- 



a) Interrog./»^ 1 hinsu. b) fehU 4. c) t. e. et d. 8. d) a D. t. 1. taam 2. 

e) Yolo fügen hinzu 8. 4. Volo Volo et 2. f) fehU 4. g) peractnmm 4. h) ipse d. 2. 5. 

i) afifetar 5. alloqaatur 4. k) bis verbis 2. 8. 6. 1) r. sabici 1. m) firmare 1. 8. 4. fir- 

mare firma 2. n) et regi 8. o) fehU 4. p) respondeatnr atqne d. 8. q) Fiat 1.« 

r) fehlt 8. 8) d. e. 1. t) uno ep. 2. B2. 8. dioat episoopas bano orationom 8. u) b. o 

fehlt 2. y) omnia 8. 6. B2. w) Salemon r. merait o. 4. regnum fMt 8. x) sit s. o. t. 

4. B2. sit c. t. B. 1. sit t. s. o. t. s. 8. y) paois qaiete 8. z) adorent B2. 8 ; was woM dat 

UraprüngUche ist, a) eis 2. 



36 G. WAITZ, 

8tum teneat tegiminis solium, et^ cum jocunditate et jusücia aeterno glo- 
rietur in regno. Per^. 

Deinde^ ab alio^ episcopo dicatur haec^ oratio: 

Dens inenarrabilis , auctor mundi, conditor generis humani, guber- 
nator imperii, confirmator regni, qui ex utero fidelis amici tui patriarchae 
nostri Abrahae^ preelegisti^ reges ^ seculis profuturos, tu presentem re- 
gem hunc* N.^ cum exercitu suo per intercessionem omnium sanctorum^ 
ubere benedictione locupleta et in solium regni firma°^ stabilitate conecte» 
Visita eum sicut Moysen^ in rubo^, Jesu NaveP in prelio, Gedeon in 
agro, Samuhelem in templo; et illa eum benedictione syderea ac sapien- 
tiae tuae rore^ perfunde, quam beatus David in psalterio, Salemon fi- 
lius ejus', te remunerante, percepit e caelo. Sis ei" contra acies* ini- 
micorum lorica, in adversis^ galea, in prosperis pacientia, in protectione 
clipeus sempitemus, et presta, ut gentes illi teneant fidem, proceres sui 
habeant pacem^ diligant caritatem, abstineant se a cupiditate, loquantur 
justiciam, custodiant veritatem. Et ita populus iste sub^ ejus imperio 
puUulet, coalitus^ benedictione aetemitatis. ut semper maneant tripu- 
diantes in pace victores. Quod^ ipse prestare dignetur qui tecum vivit^. 

Tunc^ domnus metropolitaivus unffuat de oleo sanctificato caput, pectus^ 
et scapulas ambasque compages brachiorum ipsius ^ ita dicendo^: 

Unguo ^) te in regem de oleo sanctificato in nomine Patris et Filii et 
Spiritus sancti. Resp,^: Amen. — Pax tibi. Resp.^ Et cum spirito tuo. 

Deinde unguat sibi^ mantis^ de oleo sanctificato, ita^ dicendo: 

Unguantur manus istae de oleo sanctificato, unde uncti fuerunt 

a) fehlt 1. b) fehlt 4L. Per Dominum 2, 5. Hier füyen 2 und 5 mit der Bezeichnung Alia dt« 
nachher {und in 2. 5 nochmals) folgende Rede ein: Omnipotens, aetemeDeos, Creator etc., und auch B2 
hat sie an dieser Stelle. c) fehlt 4. d) altero 2. B2. 8. e) d. h. 2. 6. d. ista 8. f) fehU 2. 
preL 3. 4. h) regem — profuturum 3. 4. 5. B3. i) nostrum 3. k) fehlt 2. 1) zweimal ge- 
sehr, 4. m) fehlt 2. n) visitasti M. 3. o) mari rubre 1. p) Josue 3. q) ore *2. r) fehU 
5. f. e. fehlt 4. b) ea 4. t) acies contra inimicos 2. u) aversis 2, wo galea fehlt, y) s. ej. i« 
fehlt 3. 4. 5. B3. w) coagulatus 3. x) victoris domini nostri 4, wo Quod — vivit fehlt. y) fehlt 
1. Y. et regnat 3. B3. z) Tunc ab episcopo metropolitano unguantor manus de oleo sanctificato» 
Unguantur manus 2, wo das Uehrige fehlt. Vgl. B. a) et pectus s. 4. b) ipsius dicens 4. c) Et 
dicant 5. d) fehlt 1. 5. e) fehlt 4. f) m. ejus dicens 4. g) et ita dicat 2. 8. 5. 

1) Diese und die folgende Rede sind in B nicht vorhanden. 



tf 



70RMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- U. D. RÖMISCH. KAISER-EBÖNDNG etc. 37 

reges et prophetae, et sicut unxit Samuhel David in^ regem, ut sis be- 
nedictus et constitutus rex in regno isto super populum istum^, quem 
dominus Dens tuus dedit tibi ad regendum ac gubemandum^ Quod^ 
ipse prestare dignetur qui tecum. 

Sequitur oratio^: 

Prospice ^) , omnipotens Deus , serenis obtutibus hunc gloriosum re- 
gem N.^, et sicut benedixisti Abraham, Ysaac et Jacob, sie illum lar- 
gis benedictionibus spiritualis gratiae cum ^ omni plenitudine tuae poten- 
tiae irrigare atque perfundere dignare. Tribue ei de rore caeli et de 
pinguedine terrae habundantiam frumenti, vini et olei et omnium frugum 
opulentiam ex largitate^ divini muneris longa per tempora, ut illo re- 
gnante sit sanitas corporum in patria, et^ pax inviolata sit in regno, et 
dignitas gloriosa regalis palatii maximo splendore regiae potestatis oculis 
omnium fulgeat, luce clarissima^ clarescat atque splendere quasi spien- 
didissima fulgura^ maximo perfusa lumine videatur. Tribue ei, omni- 
potens Deus, ut sit fortissimus™ protector patriae et consolator aecclesia- 
rum atque coenobiorum sanctorum maxima cum^ pietate regalis muni- 
ficentiae, atque ut sit fortissimus regum, triumphator hostium, ad oppri- 
mendas^ rebelles et paganas nationes; sitque suis inimicis satis terribilis 
pre maxima fortitudine regalis potentiae. Obtimatibus quoque atque P 
precelsis proceribusque ac fidelibus sui regni sit magnificus et amabilis 
et^ pius, ut ab omnibus timeatur atque diligatur. Reges quoque de lum- 
bis ejus per successiones temporum futurorum egrediantur, regnum hoc 
regere totum ; et post gloriosa tempora atque felicia presentis vitae gau- 
dia sempiterna in perpetua beatitudine habere mereatur. Quod ipse 
prestare dignatur' qui cum Patre. 

a) fehlt ^, b) taam 3. c) qui vivit fügt 4 Amzti, wo Quod — oratio fehlt. d) ünde 
supra 3. e) fehlt 2. 5. f) fehlt 5. D, h. g. r. N. b. o. 2, wo et sicut fehlt, famulum tuum B2« 
g) cum — tXquQ fehlt 4. h) et largitatem 4. Fr, i) sit p. i. in 4. bü fehlt 3. k) claresc. 
clariss. 4. 1) fulgore 2. m) f. regum pr. 3. n) fehlt 3. o) prim. corr. reprim. 4. 

p) et proceribus atque f. r. s. 3. q) ac 3. r) d. q. c. P. fehlt 2. 4. 5. 

1) Auch die beiden folgenden Reden fehlen in B. Die erste ist aber in der Franzö- 
sischen Formel [Fr.) vorhanden ; der Anfang findet sich ähnlich aus einem Codex S. Gatiani 
Türen, bei Martene S. 604, die ganze Bede ähnlich in Formel 11 der Eaiserkrönung. 



38 G. WAITZ, 

Spiritus^ sancti gratia humilitatis nostrae offitio in te copiosa de- 
8cendat, ut, sicut manibus nostris indignis oleo materiali oblitus^ pingue- 
scis exterius, ita ejus invisibili unguine ^ delibutus inpinguari merearis in- 
terius, ejusque spirituali unctione perfectissime semper imbutus et illicita 
declinare tota mente et^ spernere discas seu valeas, et utilia animae 
tuae jugiter cogitare, optare atque operari queas; auxilianle domino 
nostro Jesu Christo, qui® cum Deo patre et^ eodem Spiritu sancto vivit* 
et regnat deus. 

Deus, qui es justorum gloria et misericordia ^ peccatorum, qui mi-« 
sisti filium tuum preciosissimo sanguine suo genus humanuni redimere^ 
qui conteris bella et propugnator es in te sperantium, et^ sub cujus ar- 
bitrio omnium regnorum continetur potestas, te humiliter deprecamur, ut 
presentem famulum tuum N. in tua misericordia confidentem ™ benedicas 
eique propitius^ adesse digneris, ut, qui tua expetit protectione defendi« 
Omnibus sit hostibus fortior. Fac eum, Domine °, beatum esse et^ vio- 
torem de inimicis suis ; corona eum corona justiciae et pietatis , ut ex^ 
toto corde et tota mente in te credens tibi^ deserviat, sanctam^ tuam^ 
aecclesiam defendat et sublimet populumque" a te sibi commissum juste 
regat, nullus insidiantibus ^ maus eum in injusticiam vertat. Accende, 
Domine, cor ejus ad amorem gratiae tuae per hoc unctionis oleum, unde 
unxisti sacerdotes, reges et prophetas, quatinus justiciam diligens, per tra- 
mitem similiter^ justiciae populum ducens, post peracta a te disposita 
in regali excellentia annorum curricula pervenire^ ad aeternu gaudia 
mereatur. Per eundem Dominum ^ nostrum. Per omnia secula seculo- 



a) Seqoitor oratio. Sp. 1. Alia. Sancti Spiritus 8. — 2 hat hier: Postea ab episoopo metro- 
politano ungoantur de oleo sanctificato caput pectos et scapulae ambeqae compages: üngo — eanoti. 
Sequitur oratio, und dann die Bede. b) fehlt 2. o) a. in sublimi d. 3. d) fehU 8. 

e) qui — deus fehU 2. 4. f) et — deus fehlt 1. g) v. et r. d. fehU 6. h) fehli 8. 

Deinde dicat Oratio 2. i) p. m. 8. k) redimeret 2. \) fehlt 4. m) in presenti sedo 
regali b. 2. B2. 3. Fr, n) protinns 1. o) D. quesumus b. 8. p) fehlt 4. q) tilgt 4. 

r) vel 2. s) et s. 2. 4. t) a. t. 8. u) populum s. a te 8. y) in i. 8. w) famili- 

•riter 2. fehlt 8. x) p. m. ad aetema. Per e. 8. pervenire — Jesus ChristoB dominus nostar 

(^. 40 Z. 9) fehlt 2. y) d. n. fehU 8. 4. n. fehlt 6. 



FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- ü. D. RÖMISCH. KAISER-KRÖNÜNG etc. 39 

rum. [Resp.^]: Amen. — Dominus vobiscum. [Resp.^]: Et cum spi- 
ritu tuo. — Sursum corda. [Resp. *] : Habemus ad Dominum. — Gratias 
agamus domino Deo nostro. [Resp.^]: Dignum et justum^ est. 

Praefatio ^ : Vere dignum etc. ^ usque aeteme Deus. Creator ^) om- 
nium, imperator angelorum, rex regnantium dominusque dominantium, 
qui Abraham^ iidelem famulum^ tuum de hostibus triumphale fecisti. 
Moysi et Josuae populo prelatis multiplicem yictoriam tribuisti humilem- 
que David puerum tuum regni fastigio sublimasti^) et Salemonem^ sapir 
entiae pacisque ineffabili^ munere ditasti: respice, quaesumus, ad preces^ 
humilitatis nostrae, et super hune famulum tuum N., quem supplici de« 
Yotione in regem eligimus ^, benedictionum tuarum dona in^ eo multiplica 
eumque dextera™ tuae potentiae semper et ubique circumda, quatinus 
predicti Abrahae fidelitate firmatus, Moysi mansuetudine fretus, Josuae 
fortitudine munitus , David ^ humilitate exaltatus , Salemonis sapientia 
decoratus, tibi in omnibus placeat, et per tramitem justiciae inoffenso 
gressu semper incedat; aecclesiamque^^} tuam deinceps cum plebibus 
sibi annexis ita enutriat ac ^ doceat, muniat et instruat, contraque omnes 
visibiles et invisibiles hostes idem^ potenter regaliterque tuae virtutis 
regimen administret, et ad verae fidei pacisque concordiam eorum animos, 
te opitulante, reformet, ut herum populorum debita subjectione fultus» 
condigno^ amore glorificatus, ad patemum decenter solium tua misera« 



a) fehlt 1.4. b) j. e. fehlt 4. c) fehlt 3. 4. d) eto. nsque fehlt 8. 4. — 1 schreibt 

statt dessen: Vere dignum et aequom et salutare, nos tibi semper et ubique gratias agere, domine 
sancte pater omnipotens aeteme Deus. 3fit omn. aeteme Deus beginnt die folgende Rede oben, wo 
sie B2 hat. e) Habraham 3, und so unten. f) t. f. 3. g) Salemon 4. h) fehlt 1. 

i) h. n« p. 3. k) elegimus 3. 6. 1) in eo fehU 4. Bl. 2. m) dezterae tuae potentia 4. 

n) Davidis 5. h. D. 8. o) e. ergo 1. 5. p) ao d. m* fehlt 5. q) eidem 1. 3. 4. 6. B2. 

r) cum digno 3. 4. 6. Bl. 

1) Diese Rede fehlt hier in B und scheint ursprünglich dieser Formel fremd 
gewesen zu sein; s. oben S« 25. B2 hat sie vorher. 

2) eumque de ore leonis et de manu bestiae atque Goliae sed et de gladio ma- 
ligno Saul et omnium inimicorum liberasti fügen die Krönung Ludwigs, die Formel 
Ratoldi (s. oben S. 18) mit Bl und Fr. hinzu. 

3) Das Folgende bis conscendere mereatur fehlt in den späteren Formularen 
(Pontif. Roman, ed. Lugd. f. LXXII). 



tione conscendere mereatur ; taae quoque protectionis galea monita« 
et scuto insuperabili jogiter protectus armisque caelestibus circumdatus, 
optabilis victoriae triuinphum feliciter capiat terroremque saae potentiae 
in&delibus inferat et pauem tibi militantibus laetanter reportet. Per 
Dominum nostrum. qui virtute^ sanctae'' crucis tartara destruxit, regno- 
que diaboli superato, ad caelos victor ascendit, in quo potestas omniB 
regumque'' consistit victoria, qui est gloria^ humilium et vita salasqoe 
populoTum, qui tecum vivit^. 

Oratio^: 

Deus^, Dei filius, lesus Christus, dominus noster, qui a Fatre oleo 
exultationis unctus est pre participibus suis, ipse per presentem sacti 
unguinis infusionem Spiritus paracliti super caput tuum infundat bene-^ 
dictiooem eandemque usque ad interiora cordis tui penetrare faciat, 
quatinus hoc visibili et tractabili dono invisibilia percipere, et temporal! 
regno jastis moderaminibuB executo, aeternaliter cum eo regnare merea- 
ris, qui solus sine peccato rex regum vivit et gloriatur cum Deo^ patre 
in unitate ejusdem Spiritus* sancti Deus per omnia secula seculorum amen. 

Postea^ ab episcopis ensem accipiat, et cum' ense totum. siH'^ regnum 
fideUter ad regendum [secandum^ supradkta v&rha] sciat" esse^ commen- 
datum, et'^ dicatur: 

Accipe gladium per*^ manus episcoporum, licet indignas, vice tarnen 
et^ auctoritate sanctorum apostolorum consecratas, tibi regaliter impositum, 
nostraeque benedictionis ofiltio in defensionem sanctae Dei* aecclesiae 
divinitus ordinatum; et esto memor, de quo psalmista prophetavit, di- 
Pb. cens: 'Accingere gladio tue super femur tuum, potentissime', ut in hoo 
per eundem vim aequitatia exerceas, meiern iniquitatis potenter destruas 
et sanctam Dei aecclesiam ejusque fideles propugnes ac" protegas. nee 
minus sub fide falsos quam christiani nominis' hostes execres'' ac de- 

a) in T. 0. 4. b) /ehil S. 6. c) regnumqoe c. qui 4. re^Dinqae c. viotorifte S> oon- 

■iBtat 4. d) in gl. i. e) fehU 3. v. et reguat 6. f) fehlt 2. Sequitnr o. I. Dtr 

ganze Ahtatz fehlt 3. g) Deua •- Doi 4. h) fehU 4. i) ap. — aman/eUt 4. par — amen 
fMt 2. 3. 5. k) Tnnc 1. 1) o. (i.fehU 4. m) r. a. S. 5. n) 8o 3 mit B3. 8. Fr. 

o) c B. 4. f)ftUt 4. 5. q) dicente metropoUtono 2. Fr. r) de mann 8. a) at ft. 

f«hlt 3. i)fthU 3. a) atqoe 2. t) fehlt 4. w) exeoreris 1. 



FORMELN D. DEUTSCH, KÖNIGS- ü. D. RÖMISCH, KAISER-KRÖNÜNG etc. 41 

stnias, viduas et^ pupillos clementer adjuves ac defendas, desolata res tau- 
res, restaurata conserves, ulciscaris injusta, confirmes bene disposita, 
quatinus haec in^ agendo, virtutum triumpho gloriosus justiciaeque cul- 
tor egregius, cum mundi Salvatore, cujus typum geris in nomine, sine 
fine merearis regnare*^. Qui cum Patre [et^ Spiritu sancto vivit et regnat]» 

Accinctus autem ense, similiter ah illis^ armillas et^ paMum et amUum 
accipiat^ dicente^ metropolitano : 

Accipe regiae^ dignitatis anulum, et per hunc in^ te catholicae 
fidei cognosce^ signaculum, quia, ut hodie ordinaris caput et princeps 
regni ac^ populi, ita perseverabis °^ auctor ac stabilitor christianitatis et 
christianae fidei, ut felix in opere, locuples in fide, cum Rege regum 
glorieris per° aevum. Cui est honor et** gloria per infinita secula se- 
culorum amen. 

Postea^ sceptrum et baculum accipiat, dicente sibi ordinatore^: 

Accipe virgam yirtutis atque aequitatis, qua intelligas mulcere pios 
et terrere reprobos, errantibus viam pandere, lapsis manum porrigere, 
disperdasque superbos et releves humiles; et aperiat tibi ostium Jesus 
Christus dominus noster, qui de se ipso ait: 'Ego sum ostium; per me Joh« 
si quis introierit, salvabitur*; et ipse' qui est clavis David et sceptrum * 
domus Israel, qui aperit et nemo claudit, claudit et nemo aperit; 
sitque tibi auctor, qui educit vinctum de domo carceris sedentemque in 
tenebris et umbra mortis; et in omnibus sequi merearis eum, de quo 
David propheta cecinit: *Sedes tua, Dens, in seculum seculi, virga aequi- 2§. 
tatis virga regni tui'; et imitando ipsum®, diligas justiciam et odio 
habeas^ iniquitatem; quia propterea unxit te Dens, Dens tuus, ad exem- 
plum illius, quem ante secula unxerat oleo^ exultationis pre participibus 
suis, Jesum Christum dominum^ nostrum, qui vivit et regnat per omnia 
secula seculorum amen. 



a) ac 2. 5. b) ot 8. o) r. com deo p. 8. d) felUt 1. 8. 4. e) eis 4. f) fshU 4. 

g) dicentibus 3. et dicator 4. h) fehlt 2. 4. i) in te fehlt 1. k) recogn. 8. 1) et 1. 8. 

m) perseverabitifl 8. 4. n) in 8. o) et — Bmen fehlt 4. s. b. a. fehlt 2. 5. p) Tano a. so. 

et b. d. 8. q) metropolitano 2. r) L est q. 1. s) illom 8. t) odies 8. u) o. e. 

fehlt 3. v) d. — amen fehlt 4* qui — amen fehlt 2. 8. 5. 

Eistor.'phOol Glosse. XVIII. F 



42 G. WAITZ, 

Postea^ metrapoUtanus reverenter^ coronam capiti regis^ imponat, dicens: 
Accipe coronam regni, quae, licet ab indignis, episcoporum tarnen 
manibus capiti tuo imponitur, eamque^ sanctitatis gloriam et honorem 
et opus fortitudinis expresse signare intelligas, et per hanc te® partid- 
pem ministerii nostri non ^ ignores , ita ut , sicut nos in interioribus pa- 
stores rectoresque animarum intelligimur, tu quoque in exterioribus verus 
Dei cultor strennuusque contra omnes^ adversitates aecclesiae Christi 
defensor regnique tibi a Deo dati et per offitium nostrae benedictionis 
vice^ apostolorum omniumque sanctorum tuo^ regimini commissi utilis 
exsecutor regnatorque^ proficuus semper appareas, ut inter glorioses 
athletas^ virtutum ™ gemmis ornatus et^premio sempiternae felicitatis co- 
ronatus, cum redemptore ac salvatore^ Jesu Christo, cujus nomenP vi- 
cemque gestare crederis, sine fine glorieris, qui vivit et imperat deus 

■ 

cum Deo*l Patre in unitate Spiritus sancti per' omnia secula seculo- 
xum amen. 

Et^ ab €0 statim dicatur benedictio super eum^ quae et tempore synodi 
super ^ regem dicenda est: 

Benedicat tibi Dominus, custodiatque te^, et sicut te^ voluit super 
populum suum esse regem, ita in presenti seculo felicem et aetemae fe- 
licitatis tribuat esse consortem. Amen. 

Clerum ac populum, quem sua voluit opitulatione in tua sanctione 
congregari, sua dispensatione et^ tua administratione per diuturna tem- 
pora faciat^ feliciter gubernari. Amen^. 

Quatinus divinis monitis parentes, adversitatibus carentes, bonis 
Omnibus exuberantes, tuo imperio fideli amore obsequentes, et in pre- 
senti seculo tranquillitate ^ fruantur et tecum aetemorum civium consor- 



a) Deinde 2. 4. b) fehlt 4. reverenter 2. o) cap. r. i. c. 3. ejas imponens diciat 4. 

d) quamque 3. 4. q. intelligas s. g. et 4. et o. f. e. s. et 3. e) p. m. n. te n. 3. f) n. L 

fehlt 1. g) o. sis 8. h) in y. 1. i) taorum regimine 2. 5. tibi c. regiminis a. 3. k) qae 
fehlt 3. 1) adl^tas 4. m) g. y. 3. n) et — coronatus /eA^ 3. o) s. nostro 3. B2* 

p) yicem nomenque 3. q) feJUt 4. p. d. 3. r) per — smen fehlt 4. o. — tonen fehlt 1. 

b) Statt des Folgenden : Sequitur benedictio 4. Et st. dicitor s. e. b. 3. t) aap. r. fehlt % 

n) fehlt 3. y) fehlt 1. w) fehlt 4. x) fei. f. 3. y) fehlt 2. z) pacis t 1. 



/^. 



FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- ü. D. RÖMISCH. KAISER-KRÖNÜNÖ etc. 43 

tio potiri mereantur. Amen^ Quod^ ipse prestare [dignetur, cujus 
regnum et imperium sine fine permanet in secula seculorum]. Benedio- 
tio [Dei^ Patris et Filii et Spiritus sancti descendat super te. Amen]. 

Deinde coronatus honorißce per chorum ducatur^ de^ altari ab episco- 
pis^ usque ad solium, canente^ clero. Resp.^: Desiderium animae ejus [tri- 
buisti^ ei, Domine]. 

Deinde dicat^ siU domtms metropoUtanus ^ : 

Sta et retine °^ locum amodo, quem hucusque paterna successione 
tenuisti, hereditario jure tibi delegatum per auctoritatem Dei^ omni- 
potentis et presentem traditionem nostram, scilicet omnium episcoporum 
ceterorumque servorum Dei, et quanto clerum sacris altaribus propin- 
quiorem® perspicis^, tanto ei potiorem in locis congruis honorem impen- 
dere memineris, quatinus Mediator Dei et hominum te ^ mediatorem cleri 
et plebis. 

jBToc'^) in loco domnus metropoUtanus sedere eum faciat super sedem^ 
dicendo : 

In hoc regni solio confirmet te^ et in regno aeterno secum regnare 
faciat^ Jesus Christus dominus noster, rex regum et dominus dominan- 
tium, qui cum Deo Patre et^ Spiritu Sancto vivit et regnat in secula 
seculorum. [Resp."^: Amen].* 



*) 1 ßyt hier hinjm^): 

Professio^ regis ante solium cor am Deo^ et clero ac populo. Profi teor^, 

a) fehlt 2. b) Qaod — amen fehlt 8. dign. — secoloram fe?iU 1. 4. dign. — deinde coronatus. 
fehlt 2. c) Dei — amen fehlt 1. d) duoitor 4. c) ab e. de a. 1. de a. ab e. o. fe?ilt 4. 

f) episoopo 8. g) cantante 1. h) fehlt 4. i) t. e. D. fehlt 1. 3. 4. k) dicit 8. 4. 6. 8. d. 1. 
1) m. ita: Istam 8. m) tene 2? 6. n) o. D. 4. o) propinqoare 8. p) prospiois 1. 

q) faciat fügt 4 später tu; te m. c. ed p. aptom et idoneum faciat Jesus Christus dominus noster 
8. Dass der Text unvollständig zeigt, die Vergleichung mit B. r) In hoc 1. s. eum f. d. 

m. 8. solium. In 2. Et faciat illum sedere d. m. in solio dicens 4. s) fehU 2. 4. 6. te c. S. 

t) te f. 8. u) et — seculorum fehlt 1. in s. s. fehlt 8. ▼) R. a. fehlt 1. 4. w) Die 

Ueberschrift fehlt 1. 2. x) D. cl. et p. 8. y) Ego N. p. 2. 

1) Der folgende Passus fehlt B. 

2) Derselbe Eid steht auch im Pontif. Arel. (1), dem Codex Mon. Lat. 10073 
(2) und in der Französischen Formel (3) an dieser Stelle, deren Varianten ich 
beifüge. 



44 a WAITZ, 

Post haec^ det ittis^ oscula^ pacis. Cuncius autem coetus clericorum^ 
taU^ rectore gratulans^ sonantitms campanis^ hymnum^ alta voce concinati 
Te Deum laudamus^, [cantante^ populo Kyrieleyson]. Tunc^ episcapus 
metropoUtamis missam^ celehret plena processione . 

Sequitur^ ordo missarum. 

[An. ^ : Dominus fortitudo. Ps. : Ad te, Domine, clamabo. O. : Sal- 
vum fac servum. Ver.: Anribus percipe. Alleluja, Domine in virtute. 
0/.: Populum humilem. Com.: Dominus virtutum]. 

Oratio'': 

Dens, qui miro ordine universa disponis et ineffabiliter gubemas, 
presta, quaesumus, ut famulus tuus N.^ haec in hujus seculi cursu im- 
plenda decernat^, unde tibi in perpetuum placere prevaleat. Per'. 

Secreta : 

Concede, quaesumus, omnipotens Dens, bis salutaribus sacrificiis 



et^ promitto coram Deo et angelis ejus, amodo* et deinceps legem et justidam 
pacemque^ sanctae Dei aecciesiae populoque michi^ subjecto pro posse ac 
nosse^ facere et^ conservare, salvo condigno misericordiae [Dei]^ respecto, 
sicut cum' consilio fideliom nostrormn* melius invenire^ poterimus. Ponti- 
ficibus quoque aecclesiarum Dei condignum et canonicum honorem ezhibere 
atque ea quae ab imperatoribus et regibus aecclesiis sibi® commissis coUata 
et reddita sunt inviolabiliter conservare, abbatibus etiam^, comitibus et vassis* 
dominicis nostris congruum honorem secundum consilium fidelium nostrorum' 
prestare. Amen «. Amen. 

a) Tone 2. Deinde 4. b) illi 5. c) oscalum 2. d) Cleros autem 4. Gonctus autem cleroB 
et populus 8. e) t. r. fehlt 2? 5. f) s. ymnis a. 2. s. in Dei laude signis et ymnis populos 

Eyriel. clerus Te d. 1. alia {so) voce concinentes 3. s. c. h. fehlt 4. g) te d. confit. fügt 1 himu. 

h) c. p. K. fehlt 2. 3. {vgl, N, m) 4. 5. i) Et m. 4. k) p. pr. m. c. 4. 1) cum feria 

evenerit, sed melius et honorabilius die dominica/%^2 hinzu und ebenso B. m) Allea 
Folgende fehlt 4. 5. n) Dies hat nur 3. o) Or. ad missam 3. p) rex noster 3. q) die 

cernat 2. r) fehlt 2. s) et p. fehlt 1. 3. t) a. et fehlt 2. u) et pacemque 2. i) fMt 2. 
1) et 1. 2. 3. w) nosce 2. x) ac servare 2. y) fehlt Hs. 3. z) in 3. a) meornm 8. 

nostrum 3. b) potero i. 2. c) s. c. fehlt 2. d) fehlt 2. et conventibus 1. e) vassallis 

1. vassallibus meis c 2. f) meorum 2. g) A. A. feMt 1. 2. Das zweite AmenfeMt 3. Et 

hec omnia super hec sacrosancta Dei euangelia tacta me veraciter observaturam 
juro fügt 2 hinzu. 



I 

V 



FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- U. D. RÖMISCH. KAISER-KRÖNUNG etc. 46 

placatus, ut famulus tuus N. ^ ad peragendum ^ regalis dignitatis of&cium 
inveniatur semper idoneus et caelesti patriae reddatur acceptus. Per. 

[Benedictio^ super regem: 

Omnipotens Deus, qui te populi sui yoluit esse rectorem, ipse te 
caelesti benedictione sanctificans, aeterni regni faciat esse consortem. 
Amen. Concedatque tibi contra omnes fidei christianae hostes visibiles 
atque ^ invisibiles victoriam triumphalem et pacis ac ^ quietis aecclesia- 
sticae felicissimum te fierilonge lateque fundatorem. Amen^. Quatenus, 
te gubernacula regni tenente, populus tibi subjectus christianae religionis 
jura custodiens, undique tutus pace tranquilla perfruatur, et te in con- 
cilio regum beatorum coUocato, aeterna felicitate ibidem pariter gaudere 
mereatur. Amen. Quod ipse prestare dignetur cujus regnum]. 

Ad communionem : 

Haec, Domine, salutaris^ sacrificii perceptio famuli tui N. pecca- 
torum maculas diluat^ et ad regendum secundum yoluntatem^ tuam 
populum idoneum illum reddat, ut hoc salutari misterio^ contra yisibiles 
atque ^ invisibiles hostes reddatur invictus, per quod mundus est divina 
dispensatione redemptus. Per. 



BENEDICTIO» REGINAE. 

In ingressu aecclesiae dicatur^: 

Omnipotens, aeterno*^ Deus^, fons et origo totius bonitatis, qui 
feminei sexus fragilitatem nequaquam reprobando aversaris^, sed di- 
gnanter comprobando pocius eligis, et qui infirma mundi eligendo fortia 
quaeque confundere decrevisti, quique' etian^ gloriae virtutisque tuae* 
triumphum in manu Judith feminae olim Judaicae plebi^ de hoste sae- 
vissimo resignare voluisti, respice, quaesumus, ad^ preces humilitatis^ 

a) ill. 2. b) pergendum 2. c) Dieser Absatz fehlt 1 ; die Ueherschrift 2. Er sieht auch 
in B2. d) et 2. e) et equitatis 2. f^hU 2, der nur bis hier für mich abgeschrieben iai. 

g) sac. ßal. 3. h) tergat 8. i) t v. 3. k) fehlt 3. 1) et 3. m) Ordinatio reginae schickt 4 
voraus. Incipit b. r. 2. Ordo ad benedicendam reginam Bl. n) fehlt 5. d. lata oratio 3. r. 

ecclesiam icgreesa B2. Debet regina adduci in ecclesiam cum lionore, et in ipso ingressa 
dicat metropolitanoB Bl. o) sempiterne Bl. 2. p) fehlt 4. q) a. sed d. comp, fehlt Bl. 

x) et qui gl. Bl. s) fehlt 4. t) plebe Bl. n) fehU Bl. 2. y) n. h. 3. 



46 G. WAITZ, 

nostrae, et super hanc famulam tuam N«, quam^ supplici devotione ixt 
reginam eligimus ^, benedictionum tuar um dona multiplica eamque dextera^ 
tuae potentiae semper et ubique circumda, ut umbone^ munimiuis tui 
undiquesecus ^ firmiter protecta, yisibilis seu invisibilis hostis nequicias 
triumphaliter ^ expugnare yaleat, et una cum Sara atque Kebecca, Lia 
et Rachel, beatis reverendisque feminis, fructu uteri ^ sui foecundari seu 
gratulari mereatur, ad decorem totius regni statumque sanctae^ Dei 
aecclesiae regendum necnon protegendum, per Christum dominum nostrum, 
qui ex intemerato beatae Mariae virginis alvo^ nasci, visitare ac reno* 
vare hunc^ dignatus est mundum, qui tecum vivit et^ gloriatur deus 
in unitate Spiritus sancti. Per immortalia secula seculorum. 

Benedictio^ ejtisdem ante altare: 

Deus, qui solus habes immortalitatem lucemque habitas inaccessi- 
bilem, cujus Providentia in sui dispositione non fallitur, qui^ fecisti quae 
futura^ sunt et vocas ea quae non sunt tamquam^ ea quae sunt, qui^ 
superbos^ aequo moderamine de principatu eicis^ atque® humiles di- 
gnanter in sublime provehis , ineffabilem ^ misericordiam tuam supplices 
exoramus^, ut, sicut Hester reginam, Israelis causa salutis de captivi* 
tatis suae compede solutam, ad regis Assueri thalamum regnique^ con- 
sortium transire fecisti, ita hanc famulam tuam N. humilitatis nostrae 
benedictione , christianae plebis gratia salutis, ad dignam sublimemque 
regis nostri copulam regnique sui participium misericorditer transire^ 
concedas, et ut in regalis foedere conjugii semper manens pudica, proxi- 
mam virginitati palmam continere ^ queat tibique Deo vivo et vero iu 



a) qaem 5. b) elegimus 5« c) dexterae tuae potentia 3. d) ambone aus Corr. 4. ambone 6. 
e) ondique 4. 5. B2. triamphabiliter Bl. g) uteris Bl. 2. h) fehlt B2. i) alveo 

5. utero Bl. k) fehlt Bl. 1) vivit — secalorom fehlt B2. et — seculorum fehU 8. seoulomm 
fehU Bl. m) Item b. e. 5. Cum autem ante altare perveniat dicatur ista benedictio 3. Ante al- 
tare dicatnr 4. Tuno intret ecclesiam et prosternat se ante altare ad orationem. Et 
post paululum ab episcopis elevata inclinet caput suum et archiepisoopus conae» 
cret eam hoc modo. Oremns. Bl. n) deus qui Bl. o) q. sunt et futura sunt 3. Ventura 
4. 5. p) t. c. q. B, fehlt B2. q) superbo B2. super hos 5. r) deiois 6. s) humilesque B2. 
t) fehü B2. u) rogamuB 5. v) v. sui 5. B2. w) pervenire 3. z) obtinere 4. 6. oontingere 
Bl, was wohl dcui Richtige ist. 



rOEMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- U. D. RÖMISCH. KAISER-KKÖNÜNG etc. 47 

Omnibus et super omnia jugiter placere desideret, et^ te inspirante qnae 
placita^ sunt toto corde perficiat. Per^ 

Sacri^ unctio olei:* 

Sancti Spiritus^ gratia humilitatis nostrae offitio in te copiosa de- 
scendat, ut, sicut manibus^ nostris indignis oleo^ materiali oblita pin- 
guescis exterius, ita ejus invisibili unguine delibuta impinguari merearis 
interius, ejusque spirituali^ unctione perfectissime * semper imbuta, et 
illicita declinare tota mente et spernere discas seu valeas, et utilia anir 
mae tuae jugiter cogitare, optare^ atque operari queas, auxiliante do^ 
mino nostro Jesu^ Christo, qui cum Deo Patre et eodem Spiritu sancto 
vivit et regnat deus™ in^ secuta seculorum. ** 

Coronae^ impositio: 

Officio indignitatisP nostrae seu^ congregationis in' reginam bene- 

*) Bl fügt hinzu: In nomine Patris et Filii et Spiritus sancti prosit tibi haec 
nnctio olei in honorem et consecrationem aetemam. Sequitur oratio. 
**) C fügt hineu^): 

Hie detur ei anuli4S. 

Accipe anulum fidei, signaculum sanctae Trinitatis, quo possis omnes here- 
ticas pravitates devitare et barbaras gentes virtute" tibi prestita ad agnitio* 
nem veritatis vocare* per Christum. Oremtis. 

Omnium, Domine, fons bonorum et cunctorum dator provectuum^, tribne 
famulae tuae^ adeptam bene regere dignitatem, et a te sibi prestitam in ea 
bonis operibus corroba^ gloriam. Per. 

Bic coronetur dicendo: 

Accipe coronam gloriae, bonorem jocunditatis/ ut splendida fulgeas et ae- 

tema exultatione coroneris. Per. 

Sequitur oratio. 
a) et — perficiat fehlt B2. b) q. tibi ront pl. Bl. c) Per dominum noBtrom 4. d) ünc 
tio o. 8. Inunctio o. 4. In sacri olei unctione B2. Tunc super caput ejus vergat (von neuerer Hand 
eorrigiert : fundat) metropolitanns oleum sanctum et dicat ha«o verba B2. e) sp. s. 5. B2. f) L m* 
n. 3. g) m. o. 1. h) spiritali Bl. i) fehlt B2. k) fehU 4. 1) J- — seculorum /«W< 4. 
m) fehlt 3. n) in s. s. fehlt Bl. per omnia s. B2. o) Tunc imponatur ei Corona et di« 

catur 3. Ad coronae impositionem. B2. Fr. p) indignationis 4. B2. q) s. o.fehU 8. 

p) b. o regina 3. s) virtute Dei praeemere et ad T. t) advocare praestante etc. T. u) pro- 
fectuum T. v) t. N. T. w) coroborare gl. per dominum nostrum T. 

1) Aus der Angelsächsischen Formel bei Taylor S. 403 (T), wo die Stücke aber 
in anderer Ordnung stehen. 



48 G. WAITZ, 

dicta/ accipe ^ coronam regalis excellentiae, quae, licet ab indignis, episca- 
porum tarnen^ manibus capiti tuo imponitur^; unde, velut^ exterius auro 
et gemmis redimita enites, ita et interius auro sapientiae yirtutumqae 
gemmis decorari contendas; quatinus post occasum hujus seculi cum 
prudentibus virginibus sponso perenni domino ® nostro Jesu Christo digne 
et laudabiliter occurrens, regiam^ caelestis aulae merearis ingredi^. [Per^ 
eundem dominum nostrum Jesum Christum filium tuum]. Qui cum 
Deo^ Fatre et^ Spiritu sancto vivit et regnat deus per infinita secula 
seculorum amen.* 



*) C /%^ hifum^): 

Sequitur oratio ad eompl.: 

Omnipotens, sempiterne Dens, affluentem spiritum toae benedictionis saper 
hanc famulam tuam^ nobis orantibos propitiatus infunde, ut, qoae per manns 
nostrae compositionem hodie regina efficitur°^, sanctificatione tua digna et electa 
permaneat, ut nunquam postmodum de tua gratia separetur indigna. Per Do- 
minum. 

a) retine Bl. b) fehlt 3. o) est imposita Bl. d) sicat G. e) Deo 5. f) a. r. a 8« 
g) i janoam B2. k) Dies fehlt 4. 6. Bl. 2. aoziliante eodem domino nostro Jesu Christo qid 

Gom Bl, too das Uebrtge fehlt; anxiliante domino n. J. G. q. c. d. p« B2* i)fehli 4. i) et 

-^zmesa fehlt 4. 1) t N. T. m) institoitor T. 

1) Auch dies ist aus der Angelsächsischen Formel (T). 



s*. 



FORMELN D: DEUTSCH. KÖNIGS- ü. D. RÖMISCH. KAISER-KRÖNÜNG etc. 49 



II, Die Formel für die Kaiserkrönung. 

In mancher Beziehung einfacher als die Untersuchung über den 
Ursprung und die Zeit der überlieferten Formel für die Krönung der 
Deutschen Könige stellt sich die Frage nach der aus älterer Zeit bei 
der Kaiserkrönung gebrauchten Formel; doch fehlt es nicht an zweifel- 
haften Punkten, und gerade hier haben sich manche Irrthümer geltend 
gemacht, die auch durch eine neuere Arbeit über den Gegenstand^) 
nicht gehoben sind. 

In grosser Uebereinstimmung ist ein Formular überliefert, das wir 
als das des Ordo ßomanus, wie es in einigen Handschriften ausdrück- 
lich genannt wird, bezeichnen dürfen. 

Es steht in der Ausgabe Hittorps, in den Handschriften von Bam- 
berg, Augsburg, München, Paris und Aachen - Berlin , von denen oben 
die ßede war, ausserdem in der Dresdener Handschrift des Chronicou 
Altinate, aus dem es gedruckt ist im Archivio storico Italiano (Append. 
V, S. 122). Ueberall ist ein zweites Formular oder wenigstens ein An- 
hang mit anderen Gebeten hinzugefügt. 

Das erste hat Martene (II, S. 592) aus dem oben besprochenen 
Pontificale Arelatense und einem Pontificale Constantinopolitanum her- 
ausgegeben. 

Es findet sich aber auch in der Sammlung des Cencius^) und ist 

1) Schreiber, De ceremoniis condidonibasque quibns in imperatoribus coro- 
nandis pontifex maximus populusqne Romanas inde a Carolo Magno usque ad Fri- 
dericiun lU. usi sunt. P. 1. Hai. 1870. 

2) Dies bezeugt auch Mai, Spicil. VI, S. 228, wo er den späteren ausführlicheren 
Ordo aus demselben Codex mittheilt, aber bemerkt, dass sich in ihm f. 149 auch 
ein 'brevissimus coronationis ordo Romanus* finde, was offenbar dieser ist. — Schrei- 
ber imterscheidet mit Unrecht den Ordo des Cencius (bei ihm Nr. 3) von dem Hit- 

Histor.'phüol Glosse. XVUI. G 



60 G. WAITZ, 

daraus publiciert von Eaynald (Ann. eccL 1209 Nr. 18), Mabillon (Mus. 
Ital. II, S. 215) und Muratori (Ant. Ital. I, S. 99). Der letzten Ausgabe, 
der schlechtesten von allen (nicht der Martenes, wie man nach der 
Vorbemerkung glauben sollte) ist Pertz gefolgt (LL. II, S. 97), dem sich 
wieder Watterich (Vitae pont. II, S. 328 N.) angeschlossen hat. Dem 
Text des Cencius nahe verwandt ist der in der Sammlung des Albinus, 
welchen Cenni veröffentlicht hat (Mon. domin. pont. II, S. 256). 

Pertz hat diese Formel in die Staufische Zeit gesetzt, speciell auf 
die Krönung Friedrich I. bezogen. Dagegen ist Cenni der Meinung 
(a. a. O. S. 256), dass sie nur unter den Karolingern gebraucht sein könne. 

Aber weder die eine noch die andere dieser weit auseinander ge- 
henden Ansichten wird sich festhalten lassen, wenigstens nicht, dass 
nur in so alter oder erst in so später Zeit die Formel gebraucht sei. 

Dagegen spricht vor allem der schon oben angezogene Bericht des 
Willelmus Malmesburiensis V, 423 (SS. X, S. 479), von der Krönung 
Heinrich V., der sich auf die Darstellung des Zeitgenossen David gründet ^): 
in Argentea porta receptus est rex ab episcopis et cardinalibus et toto 
clero Romano; et coepta oratione quae in ordine continetur ab Ostiensi 
episcopo, quoniam Albanus deerat, a quo debuisset dici si adesset, ad 
mediam rotam ductus est, et ibi recepit secundam orationem a Portuensi 
episcopo, sicut praecipit Romanus ordo. Deinde duxerunt cum cum 
letaniis usque ad Confessionem apostolorum, et ibi unxit eum Hostiensis 
episcopus inter scapulas et in brachio dextro. Post haec a domino apo- 
stolico ad altare eorundem apostolorum deductus, et ibidem, imposita 
sibi Corona ab ipso apostolico, in imperatorem est consecratus. Post im- 
positam coronam missa de resurrectione Domini est celebrata, in qua 
ante communionem etc. 

Ausdrücklich wird hier auf den *ordo Romanus' Bezug genommen, 
und während eine Abweichung, die durch die Umstände (die Abwesen- 



torps, des cod. Bamb. und chron. Alt. Das passt nur auf die Zusätze des Pontif. 
Constantinopolitanum, von denen er S. 31 spricht. 

1) Diesen Bericht hat Schreiber ganz übersehen. 



i.r 



l ' 



FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- ü. D. RÖMISCH. KAISER-KRÖNÜNG etc. 51 

heit des Bischofs von Alba) veranlasst ward, hervorgehoben ist, der 
Vorgang ganz in Uebereinstimmung mit dem vorher angeführten Text 
geschildert: wird das Grab und der Altar des h. Petrus als 'apostolo- 
rum' bezeichnet, so ist das nur ein anderer an sich ganz richtiger 
Ausdruck^) und insofern eine Bestätigung mehr für die Selbständigkeit 
der üeberlieferung. 

In wesentlicher Uebereinstimmung hiermit berichten die Annales 
Romani (SS. V, S. 474) von dem ersten Einzug Heinrichs zur Krönung: 
Mox super eum orationem primam, sicut in ordine continetur, Lavicanus 
episcopus dedit (also diesmal ein anderer Vertreter des abwesenden Bi- 
schofs von Alba). Sie sagen unmittelbar vorher: ad portam venit Ar- 
genteam. Ibi ex libro professionem imperatoriam fecit, et a pontifice 
imperator designatus est. 

Pertz hat (LL. II, S. 68), in Uebereinstimmung mit Cenni (II, S. 270), 
dieser Erzählung einen Eid eingefügt, der in einem Ordo bei Muratori 
Ant. I, S. 99 steht, aber aus der Sammlung des Johannes Graietanus 
stammt, die dem 14ten Jahrhundert angehört; s. Mabillon, Mus. Ital. 
II, S. 398 ; und der auf keinen Fall in so frühe Zeit gesetzt werden 
darf, während ihr der Eid der kurzen Formel ganz entspricht. Denn 
wenn Cenni diesen und damit die ganze Formel der Karolingischen Zeit 
zuschreibt, weil nur damals der Schwörende schon vor der Krönung 
sich habe 'imperator' nennen können, so beruht das offenbar auf vorge- 
fasster Meinung: gerade die Annales Romani lassen auch hier an der 
silbernen Thür wenigstens die Designation zum Kaiser, wie sie es nen- 
nen, durch den Papst erfolgen. 

Auch Boso in der Vita Hadriani beruft sich bei der Krönung 
Friedrich I. für den Eid, den er leistete, auf den *ordo', berichtet aber 
mehrere Punkte abweichend von dem gedruckten (Watterich II, S. 328): 
et ad ecclesiam beatae Mariae in turri, in qua eum ante altare pontifex 

1) So sagt auch der Brief Friedrich I. vor Ottos Gesta, SS. XX, S. 348: 
ad altare sanctomm apostolorum Petri et Pauli. Ein alter Bericht, SS. VIII, S. 12 N., 
nennt auch die Peterskirche basilica apostolorum, was Giesebrecht früher misver- 
standen; s. U, S. 621. 

G» 



■ ^ 



52 G. WAITZ, 

respectabat, ascendens, genua sua fixit coram eo, et manus suas inter ipsius 
pontificis manus imponens, consuetam professionem et plenariam securi- 
tatem secundum quod in ordine continetur publice exhibuit sibi. de- 
licto autem ibidem rege, pontifex ad beati Petri altare conscendit, cujus 
vestigia rex cum proces&ione subsequens, ante postas Argenteas orationem 
primam ab uno episcoporum nostrorum suscepit, et secundam infra eccle- 
siam in rota super eundem regem alius ex episcopis nostris dedit, ora- 
tionem vero tertiam et unctionem tertius episcopus ante Confessionem 
beati Fetri eidem regi nichilominus contulit. Missa itaque iücepta et 
graduali post epistolam decantata, rex ad pontificem coronandus accessit» 
et praesentibus imperialibus signis gladium et sceptrum atque imperii 
coronam de manibus ejusdem papae suscepit. 

Von der Ableistung des Eides in der Kirche b. Mariae in turri und 
der Ueberreichung von Schwert und Scepter durch den Papst weiss die 
vorher erwähnte Formel nichts. Dagegen sind die drei Reden und der 
Eid dieselben geblieben ; die Krönung erfolgt vor dem Altar des h. Petrus. 

Davon abweichend ist aber ein zweiter Ordo, der sich auch in einer 
Handschrift des Cencius finden soll i) und den Muratori (Ant. I, S. 101), 
Martene (II, S. 846), Gatticus (s. Cenni S. 260), Cenni (li, S. 261), 
Pertz (LL. II, S. 187) und Mai (Spicil. VI, S. 228) herausgegeben ha- 
ben , und der bald in die Zeit Heinrich HI. , bald in die Heinrich VL 
gesetzt ist. Charakteristisch ist besonders, dass nach dieser Formel der 
Kaiser dem Papst Treue (fidelitatem) gelobt, dass die Krönung vor dem 
Altar des h. Mauritius erfolgt, dass auch einer Kaiserin Erwähnung 
geschieht. 

Ein Gelöbnis der Treue entspricht am wenigsten der Zeit Heinrich UI.^). 



1) So nach Mai a. a. 0.; Mabillon dagegen fand ihn in seinem Codex nicht. 

2) Cenni II, S. 270 bemft sich auf Thietmar VH, 1, S. 836, nach dem Hein- 
rich n. von dem Papst gefragt ward: si fidelis vellet Bomanae patronus esse et 
defensor ecclesiae , sibi autem suisque successoribus fidelis , und dies bejahte. Es 
muss zweifelhaft sein, ob darunter ein förmlicher Treueid verstanden wird; s. Pabst 
in den Jahrb. Heinrich H. Bd. H, S. 425. Und für die Fränkischen Kaiser lässt 
sich daraus jedenfalls nichts entnehmen. 



V i 



i 



FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- ü. D. RÖMISCH. KAISER-KRÖNUNG etc. 58 

Gregor VII. hat es wohl von Heinrich IV. verlangt i), aber offenbar nicht 
erhalten ; bei Heinrich V. , Lothar und Friedrich I. ist davon keine 
Rede; selbst bei Heinrich VI. kann man Zweifel haben, ob er sich zu 
einem solchen Versprechen verstanden ^). 

Des Altars des h. Mauritius gedenkt P. Mallius, der unter Fried- 
rich I. und Alexander IH. schrieb (Acta SS. Juni VII, S. 39), in seiner 
Beschreibung der Peterskirche : altare S. Mauritii , ad quod scilicet al- 
tare de antiqua consuetudine Romanorum imperator a dominis episcopis 
cardinalibus benedicitur et ungitur; ad ältare vero majus b. Petri a do- 
mino papa benedicitur et coronatur, et de sacrosancto altari ejus per 
manus Eomani pontificis ad defendendam ecclesiam gladium accipit. Aber 
diese Angaben stimmen weder mit der Erzählung des Boso noch mit 
einem der beiden Ordines überein. Dort und in dem kürzeren Ordo wird 
der Altar des h. Mauritius gar nicht erwähnt, in dem längeren findet 
gerade die Bekleidung mit dem Schwert und die Krönung durch den 
Papst vor diesem statt, während die Salbung durch den Bischof von 
Ostia 'ad arcam S. Petri' erfolgt. Nur das Pontificale Constantinopoli- 
tanum kennt ein der Angabe des Mallius entsprechendes Verfahren^ 



1) Reg. Vm, 26, S. 475; vgl. Donizo H, 1, S. 382. 

2) Vgl. Rogerus de Hoveden, ed. Stubbs m, S. 101: Dominus vero papa ante 
ostium ecclesiae beati Petri supra gradus recepit sacramentnm a praedicto Alemanno- 
rum rege, qnod ipse ecclesiam Dei et jura ecclesiastica fideliter servaret illibata, et 
quod rectam justitiam teneret, et qnod Patrimonium b. Petri, si quid inde ablatnm 
esset, in integrum restitueret, et quod Tusculanum ei redderet. Toeche, Heinr. VI. 
S. 188^ ist nicht naher auf die Sache eingegangen. Dagegen macht Winkelmann, 
Philipp und Otto IV. S. 199 N., noch ein anderes Bedenken geltend. 

3) Dass dies später beibehalten blieb , ergiebt sich aus vielen Zeugnissen. Ich 
theile hier noch eine Stelle aus einem Tractatus de coronatione imperatoris d. 14. 
Jahrh. mit, Cod. Mon. Lat. Nr. 5825 f. 289: 

Tertio et ultimo coronatur de Corona aurea, per quam significatur majoritas 
et nobilitas omnium metallorum. ünde per hanc comparationem quoque in eo vi- 
get * majoritas et nobilitas ac firma et inconcussa justitia, secundum quod pape eam 
servare promittit firmiter et unieuique reddere quod est suum. Et dicta aurea 

a) vigetur Hs. 



54 G. WAITZ, 

(Martene S. 592; daraus Pertz S. 98 N.). Wann es zur Anwendung 
kam, muss dahingestellt bleiben. Dass es nicht von Alters her bestand, 
ist nach den angeführten Zeugnissen unzweifelhaft; dass bei der Krö- 
nung Friedrich I. und allenfalls Lothars so verfahren, wäre nur dann 
möglich, wenn man annehmen wollte, dass Boso in der Beschreibung 
jener sich hier mehr an den alten Ordo als an die Thatsachen selbst 
gehalten hätte. 

Die Bezugnahme auf die Gemahlin, welche mit dem Kaiser ge- 
krönt ward , in Verbindung mit der Bezeichnung des krönenden Papstes 
durch den Buchstaben C. ist bald auf Agnes und den Papst Clemens, 
also Heinrich III., bald auf Constanze und den Papst Coelestin, also 
Heinrich VI., gedeutet worden. Wie zuletzt Giesebrecht (II, S. 644) 
gegen Gregorovius (IV, S. 56) bemerkt hat , muss man sich da jeden- 
falls gegen die erste Alternative entscheiden. Was bisher angeführt ward 
und der ganze weitere Tenor der Formel entsprechen in keiner Weise der 
Zeit der Fränkischen Kaiser. Geschieht in der kürzeren Formel, die 
wir dieser vindicieren müssen, der Kaiserin überhaupt keine Erwähnung, 



Corona coronatur in ürbe per dominum papam vel legatum apostolice sedis ad hoc 
specialiter missum et deputatum. in basilica sancti Petri ante altare sancti Mauricii» 
in Signum quod est imperator et sub Romano pontifice ratione sue coronationis et 
approbationis. Postquam vero coronationem, approbationem et confirmationem re- 
cepit, idem imperator stare non debet nisi per unam noctem, et deinde recedere 
sequente die coronationis ipsius, et de ürbe recedens et exiens ascendit raontem qui 
dicitur et appellatur mons Marii* prope^ ecciesiam sancti Petri extra moros per 
duo miliaria, qui quidem mons altior est omnibus aliis et de Urbe et adjacentibus 
videtur®, et quando est in vertice montis Marii *, volvendo se dicit: ^Omnia queyidi- 
mus nostra sunt et ad mandata nostra perveniunt'. Et statim postea mittit per 
Universum mundum, et ad mandatum ejus veniunt omnes barones, principes chri- 
stiani et pagani totius mundi, qui sibi respondere tenentur. — Zu vergleichen ist auch 
das spätere Buch sacrarum ceremoniarum ^ Hoffmann SS. 11, S. 345, wo es heisst, 
nachdem der Kaiser ad confessionem s. Petri gekniet: prior episcoporum cardina- 
Uum — descendit ad imperatorem et — ducit illum ad altare sancti Mauritii, wo 
er ihn salbt, der Papst ihn krönt. 

a) Mauri Hs. b) propter Hb. c) vi Hs. d) manam Ha. 






I 



TORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- U. D. RÖMISCH. KAISER-KRÖNUNG etc. 56 

80 kann das ffir die nähere Zeitbestimmung nichts austragen^): es han- 
delt sich um eine Formel ganz aUgemeiner Art ohne alle Beziehung auf 
einen speciellen Fall. Auch in der für die Königskrönung ist von der 
Königin nicht die Rede, für diese ein besonderer Ordo aufgestellt und 
dem für den Kaiser nachgesetzt: es mochte überflüssig erscheinen nun 
auch noch einen solchen für die Krönung der Kaiserin beizufügen. 

Müssen wir so die von Cencius bewahrte, ausdrücklich als Theil des 
alten Ordo Komanus bezeugte, hier und in den Libri pontificales mehrerer 
Deutscher und anderer Stifter überlieferte Formel als die im Uten und 
Anfang des 12ten Jahrhunderts und ohne Zweifel auch schon vorher zur 
Anwendung gekommene betrachten, so tritt das der Annahme von Fertz 
(LL. II, S. 78) entgegen, dass eine andere, die er nach Martene (11, 
S. 577) mittheilt, älter sei: er hat freilich ihre Zeit nicht näher bestimmt, 
aber doch bemerkt, dass dieselbe nach den Fränkischen Kaisem nicht 
mehr gebraucht worden^). 

Dem gegenüber muss man sagen : auch nicht unter den Fränki- 
schen Kaisern, und in dieser Form wahrscheinlich zu keiner Zeit. 

Sieht man die Formel näher an, so ergiebt sich bald, dass das 
Hauptstück, die hier sogenannte consecratio: Prospice, omnipotens Do- 
mine etc. gar nicht von der Ertheilung kaiserlicher Würde spricht; nur 
von dem regnum, der dignitas regalis palatii, dem splendor regiae po- 
testatis, der regalis mimificentia u. s. w. ist die Rede : in Wahrheit findet 
sich dasselbe mit geringen Veränderungen in dem Deutschen Ordo ad 
benedicendum regem (oben S. 37) 3). Dasselbe gilt von der folgenden gladii 



1) Schreiber S. 12 will darauf Gewicht legen, Giesebrecht in einem S. 29 
mitgetheilten Brief deshalb an Otto IIL denken. 

2) Wenn Giesebrecht U, S. 663 ausdrücklich Pertzs Vermuthung, dass dieser Ordo 
der Zeit der Fränkischen Kaiser angehöre, billigt, und sagt, sie werde durch die 
Bamberger Handschrift bestätigt, so scheint er die beiden Stucke S. 78 und 97 ver- 
wechselt zu haben , da er des letzteren gar nicht gedenkt und mit diesem die Bam- 
berger Handschrift stimmt, von der andern nur einzelnes enthält. 

3) Schreiber vergleicht S. 25 N. die Worte welche Papst Stephan nachErmol- 
dus Nigellus U, 441 ff., SS. H, S. 486, bei der Krönung Ludwig des Fr. gebraucht 



56 G. WAITZ, 

traditio, die mit einem Theil derselben Rede begleitet wird die dort da- 
mit verbunden ist. Dagegen heisst es freilich zu Anfang : famulum tuum 
ill. ad regendum ill. Imperium constitue, und wenn nachher der pontifex 
als derjenige genannt wird, welcher die Krone aufsetzt und die oratio 
bei der Schwertumgürtung hält, so soll damit ohne Zweifel der Papst 
bezeichnet sein. 

Noch deutlicher tritt die Beziehung auf den Kaiser in dem zweiten 
Theil hervor, einer Litanei, wie sie wohl nach der Krönung gesungen 
ward^). Aber diese ergiebt andere Schwierigkeiten. Nach dem Gebet 
für den Kaiser folgt: tuisque praecellentissimis filiis regibus vitam. Ob* 
schon vorher der Kaiser nicht angeredet, von ihm in dritter Person ge« 
sprechen ist (Domino nostro ill. augusto a Deo coronato magno et paci- 
fico imperatori vitam), so kann sich das 'tuis' doch nur auf ihn, nicht 
etwa auf 'Christus'^) beziehen. Kein Kaiser hatte aber mehrere Söhne 
die Könige waren seit Karl d. G. und Ludwig d. Fr. Dann heisst es 
weiter: Exercitui Francorum, Romanorum et Teutonicorum vitam et vic- 
toriam. Die letzte Bezeichnung ist vor der Krönung Arnulfs nicht mög- 
lich, vor der Otto I. nicht wahrscheinlich 3). 

So passen die einzelnen Theile dieses Ordo gar nicht zusammen» 
und dass er in der Weise jemals gebraucht worden, muss sehr unwahr- 
scheinlich, ja geradezu unmöglich dünken: zu keiner Zeit, selbst nicht 

haben soll. Doch ist die Aehnlichkeit jedenfalls nur sehr gering, lässt sich nur auf 
den Satz beziehen: Beges quoque de lombis ejus per successiones temporum fiita- 
rorom egrediantur, der allerdings zunächst der Earolingischen Zeit entspricht. 

1) Vgl. dafür den Ordo LL. H, S. 102. 

2) So Schreiber S. 26, der unter den 'regibus* Otto I. und II. verstehen will. 
Aber die Vergleichung anderer Litaneien (s. Verf. G. IQ, S. 227 N. Giesebrecht 11, 
S. 590) ergiebt, dass die Söhne des Kaisers gemeint sind; ohne Zweifel ist einfach 
'suisque^ zu lesen (schon das 'que' zeigt die Beziehung auf den vorhergenannten 
£[aiser). — In der N. 1 augeführten Formel sind die Söhne weggeblieben, statt ihrer 
wird die Gemahlin genannt. 

3) Ueber den Gebrauch von Teutonici s. Dümmler 11, S. 626 N. Giesebrecht 
I, S. 553. — Ohne hierauf Bäcksicht zu nehmen, nennt die Formel Earolingisch 
Eriegk, Die Deutsche Kaiserkrönung S. 21. 



■ • 



FORMELN D. DEUTSCH, KÖNIGS- ü. D. RÖMISCH. KAISER-KRÖNÜNG etc. 57 

unter einem Johann XII. mag man an solche Gedankenlosigkeit bei ei- 
nem so wichtigen Acte glauben. 

Die handschriftliche Ueberlieferung löst die Zweifel welche sich so 
ergeben wenigstens nicht vollständig. Martene folgt besonders einem 
Codex Gemundensis, eine Bezeichnung von der ich nicht mit Sicherheit 
zu sagen weiss, auf welchen Ort sie sich bezieht: wahrscheinlich wohl 
das alte Collegiatstift Gemünden bei Westerburg im Nassauischen. Spä- 
ter ist ein anderer Text bekannt geworden, der wenigstens nahe ver- 
wandt ist^),. aus dem schon angeführten Dresdener Codex des Chron. 
Altinate, wo diese Formel sich unmittelbar an die vorher besprochene 
anschliesst. Hier fehlt die Litanei ganz. Dagegen folgt der Krönung 
erst die traditio sceptri et anuli mit den dazu gehörigen Reden, dann 
die gladii traditio mit der vollständigen (im Cod. Gemund. in der Mitte 
abgebrochenen 2) ) Rede, und diese Reden sind alle eben die welche der 
Ordo ad benedicendum regem bringt. Nur bei der Aufsetzung der 
Krone giebt dieser Codex eine andere (in Gemund. wahrscheinlich nur 
aus Versehen ausgelassene oder weggefallene 3)), die aber auch keine Be- 
ziehung auf das Kaiserthum nimmt: Accipe coronam a domino Deo tibi 
predestinatam : teneas atque possideas et filiis tuis post te in futurum 
ad honorem Deo auxiliante relinquas. Eben diese hat Martene aus dem 
Cod. Paris. 3866 (jetzt Lat. 820) angeführt. Wenn man nach seiner An- 
gabe annehmen musste, dass dieser im übrigen mit dem Cod, Gemun- 
densis übereinkam, so ist das, wie die oben erwähnte Vergleichung des 
Hrn. Pannier ergeben hat, keineswegs der Fall; von der Litanei ist hier 
nichts zu finden, auch die gladii traditio fehlt ebenso wie die in Alt. 
vorkommende Ueberreichung der Regalien. An diesen Codex schliesst 
sich wieder der Aachen-Berliner an, dessen oben Erwähnung geschah. 



1) Dies bat Schreiber riebtig eingeseben, aber der kurzen verstümmelten Form 
des Cod. Gemund. viel zu viel Gewicht beigelegt. 

2) Schreiber S. 24, der den Ordo ad coronandum regem nicht verglichen, hält 
diese kürzere Rede mit Unrecht für eine ältere. 

3) Denn nur die Schlussworte, die für sich gar keinen Sinn haben: Per eum 
cui est bonor etc. sind beibehalten. 

Histor.-philol. Glosse. XVIIL H 



58 G. WAITZ, 

Und auch Bamb., Münch. und Hittorps Ausgabe haben zum Theil das- 
selbe als Anhang zu der Formel der Kaiserkrönung, wenn auch die ein- 
zelnen Stücke in anderer Ordnung. 

Die sehr bestimmte Hervorhebung des erblichen Rechts in der an- 
geführten Rede : Prospice etc. (oben S. 29) l'ässt an die Karolingische Zeit 
denken: später wird schwerlich ein Papst sich dieser bedient haben. 
Will man der ganzen Formel , wie sie der Cod. Gemund. offenbar nur 
abgekürzt überliefert hat, überhaupt eine wirkliche Geltung zuschreiben, 
so wird man nur an jene Zeit denken können. Damals war die Schei- 
dung der Königs- und Kaiserkrönung offenbar noch nicht so bestimmt 
durchgeführt wie später; die Ann. Einh. sagen von Lothar (823 S. 210): 
apud Sanctum Petrum et regni coronam et imperatoris atque augusti 
nomen accepit; Sergius II. weihte Ludwig II. in Rom unter ähnlichen Feier- 
lichkeiten, wie sie später bei der Kaiserkrönung stattfanden, zum König. 

Damals fand auch die ümgürtung mit dem Schwert ^) und vielleicht 
auch die Ertheilung der königlichen Insignien statt, die in Gemund. und 
vollständiger in Alt. erwähnt sind, deren aber weder der Ordo Romanus 
noch die historischen Berichte von den Krönungen der Könige bis 
Heinrich V. gedenken^) und die dann erst später wieder aufgenommen 



1) Ihrer erwähnt Paschasius V. Walae c. 17, SS. II, S. 564, wo er den Lothar 
sagen lässt: coram sancto altare et coram sancto corpore b. Petri principis apostolo- 
rum a summe pontifice vestro ex consensu et voluntate benedictionem honorem et 
nomen suscepi imperialis officii, insupcr diademata capitis et gladium ad defensio- 
nem ipsius ecclesiae et imperii vestri. Dagegen finde ich des gladius nicht, wie Genni 
n, S. 254 und Schreiber S. 47 sagen, in den Verhandlungen über die Krönung 
Karl d. K. auf dem Concil von 877 erwähnt, Baluze Cap. 11, S. 253 fF., und des sceptrum 
nur in bildlicher Weise: ad imperii Romani sceptra proveximus et augustali nomine 
decoravimus; coronam imponentes sceptri et diadema imperii. Die Art wie wieder- 
holt der einzelnen Handlungen gedacht wird (sive divina benedictione sive sacra 
unctione sive coronae imperialis impositione; — sive preces benedictionis super 
Caput ejus infundendo, sive sacrae unctionis oleo celsum ipsius verticem contingendo, 
sive coronam imperii conferendo) schliesst, glaube ich, andere Acte aus. 

2) Nach der genauen Beschreibung bei Willelmus Malmesb. ist dafür gar kein 
Raum. Nach Benzo I, 9, SS. XI, S. 602, geht der König 'accinctus ense' zur Krönung. 



.* 




FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- ü. D. RÖMISCH. KAISER-KRÖNUNG etc. 59 

sind ^) : sie blieben vielleicht deshalb in den meisten Handschriften fort. — 
Was hier überliefert ist als Anhang zu der vorhergehenden, ist auch gar 
keine vollständige Formel, sondern nur eine Keihe von Gebeten dem Act 
der Krönung vorhergehend und folgend: namentlich der Salbung ge- 
schieht dabei gar nicht Erwähnung. 

Bemerkens wer th ist noch die Ueberschrift wie sie in den meisten 
Codices sich findet: Benedictio ad imperatorem secundum occidentales. 
Die letzten Worte scheinen darauf hinzuweisen, dass die Aufzeichnung 
an einem Ort erfolgte, wo in solcher Weise der Gegensatz gegen die 
orientales, die Oströmer, hervorgehoben werden mochte. Das passt auf 
Venedig und seine Umgebung, wohin das Chr. Altinate gehört; ob aber 
die andern angeführten Handschriften auch hierhin zurückgeführt werden 
können, muss dahingestellt bleiben. Die ganze Ueberlieferung ist der 
Art, dass man ihr, der so mannigfach und gut bezeugten Formel des Ordo 
Romanus gegenüber, für die Jahrhunderte, um die es hier sich handelt, 
keine Bedeutung beilegen kann. Entweder es ist eine blosse Umwan- 
delung des Krönungsformulars für Könige in ein solches für den Kaiser 
— und zu beachten ist, dass der Aachen - Berliner und der Pariser Co- 
dex , die den älteren Text repraesentieren , trotz der Ueberschrift und 
trotz der angehängten Missa pro imperatore noch mehr im Wortlaut sich 
an jenes anschliessen , statt 'imperatorem' allgemein *famulum', statt *Ro- 
manum imperium' unbestimmt *ill. imperium' sagen, auch die Worte welche 
auf das Kaiserthum deuten : et super caetera regna excellentiorem faciat, 
nicht haben ; vielleicht dass es so nie wirklich gebraucht, nur von einem 
Sammler zurecht gemacht ist ; und namentlich von der in Martenes Hand- 
schrift angehängten Litanei muss das gelten — ; oder wir haben hier 
ein Stück aus Karolingischer Zeit, wo man sich begnügte, den Ordo fElr 
die Königskrönung mit geringen Aenderungen auch bei der des Kaisers 
in Anwendung zu bringen. 

Zwei der Reden werden übrigens auch in dem Fontif. Constanti- 



1) Erst bei der Krönung Friedrich I. erwähnt sie Boso (oben S. 52); dann 
kommt sie in dem längeren Ordo vor. 

F2 



k. 



60 G. WAITZ, 

nopolitanum (Marlene II, S. 592) erwähnt, wo es heisst: Sciendum, quod, 
peracta commonitione cum impositione diadematis, dicere, si forte velit, 
apostolicus valet orationes hujuscemodi: Dominus vobiscum. Prospice, 
quaesumus , omnipotens Deus , serenis obtutibus etc. Benedic , Domine, 
hunc principem nostrum ill. etc. Deus, pater aeternae gloriae, sit adju- 
tor tuus etc. Missa pro imperatore: Deus regnorum omnium. 

Dagegen fehlt die zweite Formel und alles was mit ihr verwandt 
ist gänzlich in der oben erwähnten Kölner Handschrift Nr. 141, die 
übrigens dieselbe Verbindung der drei Ordines für König, Kaiser und 
Königin zeigt wie die Mehrzahl der hier besprochenen Handschriften, 
und offenbar auf derselben Grundlage beruht wie diese, die aber doch 
einen in mancher Beziehung abweichenden Text darbietet. Bezeichnet 
sie dabei die Formel für die Kaiserkrönung ausdrücklich auch als Ordo 
ßomanus, und bedenkt man das Alter der Handschrift, das jedenfalls 
höher hinaufreicht als das der Bamberger, wahrscheinlich dem der an- 
zunehmenden Römischen Grundlage dieser gleich kommt, so kann man 
wohl zweifelhaft sein, ob nicht dieser Fassung der Vorzug gebühre. 

Dafür könnte sprechen, dass hier die Uebereinstimmung mit der 
Königskrönung noch grösser ist, nicht blos das Gebet des Bischofs von 
Porto (das zweite), auch das des Bischofs von Ostia (das dritte) ganz 
dasselbe welches dort gebraucht , dass das abweichende des Bischofs von 
Alba (das erste) sich auch nur auf den König bezieht, es dann zum 
Schluss ausdrücklich heisst: Et sie firmetur in regno. 

Wichtiger aber noch ist die Abweichung in Beziehung auf den Eid. 
In allen übrigen Texten steht dieser voran ohne alle Bezeichnung des 
Orts wo oder der Zeit wann er geleistet ist : nur daraus dass dann das 
Gebet vor der silbernen Pforte folgt kann man schliessen, dass er auch 
hierher gehöre. Dagegen lässt dieser Text den Eid vor der Confessio 
sancti Petri erfolgen. Man kann sehr geneigt sein, das für das Ursprüng- 
liche zu halten, was erst später geändert worden, da der Papst sich 
vor dem Betreten der Kirche das Gelöbnis des neuen Kaisers habe 
sichern wollen. Wir wissen aber nicht, wann jenes Verfahren hätte zur 
Anwendung kommen sollen. Schon Sergius Hess sich von Ludwig II. 



FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- ü. D. RÖMISCH. KÄISER-KRÖNÜNG etc. 61 

vor der verschlossenen Thür das Versprechen geben ^); dasselbe geschah 
bei der Krönung Berengars ^). Ueber das Verfahren bei den Krönungen 
Otto I. und seiner nächsten Nachfolger sind wir nicht unterrichtet: es 
wäre möglich, dass da ein der Autorität der zu krönenden Herrscher 
weniger zu nahe tretendes beobachtet wäre. Doch dürfte es bedenklich 
sein, auf die Autorität dieser Handschrift hin es anzunehmen. 

Bedenken wir, in welcher Weise sie bei der Wiedergabe der bei- 
den andern Formeln verfahren ist, wie sie da offenbar verschiedenarti- 
ges combiniert und so einen wesentlich neuen Text gebildet hat, so muss 
es als möglich, ja als nicht unwahrscheinlich gelten, dass es auch hier 
sich nicht eben anders verhält, dass wir also in dem Ordo dieser Hand- 
schrift nicht sowohl eine wirklich praktisch gültige Ordnung als eine, 
dass ich so sage, theoretisch aufgestellte Formel haben. Dabei ist frei- 
lich nicht ausgeschlossen, dass nicht Bestandtheile eines echten Textes 
darin enthalten sind , denen man ein höheres Alter als dem später all- 
gemein verbreiteten beilegen müsste. 

Ich habe deshalb diesen Text wenigstens nach seinem allgemeinen 
Gefüge hier als III. abdrucken lassen, die übereinstimmenden Reden 
bei der gewöhnlichen Formel benutzt. 

Der Text derselben (I.) ist nach den früher bezeichneten Hand- 
schriften und Editionen (Paris = A2 , München = A3 , Bamberg = A4, 
Hittorp = A5, Chron. Altin. = A6; Köln 141 =B1, Aachen - Berlin 
= B2; Martene aus Pontificale Constantinopolitanum und Arelatense 
= C) und den Ausgaben des Cencius und Albinus (ßaynald = Dl, 
Mabillon = D2, Muratori = D3 , Cenni = D4) gegeben. 

Die Benedictio secundum occidentales (II.) findet sich nur in den 
Handschriften A, B2, der Anfang aus dem codex Gemundensis bei 
Martene (= C). 



1) Vita Sergii, ed. Bianchini S. 350. 

2) Gesta Bereng. v. 147, ed. Dümmler S. 131 i 

Ante fores stant ambo domus, dum vota facessit 
Rex. 



* ■ ■ "-r I • r ■ ■ ifä 



62 G. WAITZ, 



I. 
ORDO« ROM ANUS AD BENEDICENDÜM mPERATOREM" QÜANDO' 

CORONAM ACCIPIT. 

Promissio^ imperatoris: 

In nomine Christi® promitto, spondeo atque^ polliceor ego N.^ im- 
perator coram Deo et beato Petro apostolo", me protectorem ac^ defen- 
sorem esse^ hujus sanctae^ Ilomanae aecclesiae in omnibus utilitatibus, 
in quantnm divino fultus fuero^ adjutorio, secundum scire meum ac™ 

posse. 

Orationem^ primam det^ episcopus de castello Albanensi^ ante portam 
Argenteam [basüicae ^ sancti Petri\ : 

Dens, in cujus manu corda' sunt* regum, sicut^ in sacramentario 
habetur^. 

Orationem^ secundam det^ episcoptis Portuensis intra^ aecclesiam beati 
Petri apostoli^ in medio rotae: 

Dens inenarrabilis , auctor^ mundi, ut supra^ in ordinatione^ regis. 



*) A3. 4. 5. C. D geben die Bede weiter: inclina ad preces humilitatis nostrae 
aores misericordiae tuae et principi^ nostroN.® [famulo^ tuo] regimen^ tuae 
appone sapientiae, ut ^, haustis de tuo fönte consiliis, et tibi placeat et super 
omnia regna precellat. Per «f. — Bl giebt eine andere Bede. 

a) A4 schickt ah Ueberschrift voraus: Ordinatio imperatoris. — Incipit ordo A2. 8. 5. 6. Dl. 
b) fehlt B2. c) q. c. a. fehlt A8. 4. 5. q. imperator c. a. B2. d) P. L fehlt A2. e) domini 
nostri Jesu Chr. A6. ego N. p. sp. a. p. coram A3. f) ao B2. g) T. A6. h) fehlt G. D. 

i) atque A6. k) fehlt A3. 1) faero f. Bl. ero B2. m) et B2. 6. D8. n) Deinde pri- 

mam orationem dicat A8. Dehinc o. C. D. o) debet Dl. debet dicere D2. p) fehU A2. 

ep. Albanensis A4, ep. Alb. G. Dl. 2. 4. Alb. ep. D8. q) Dies fehlt A. B. Oremo8/%^ A6 

hinzu^ Oratio Dl. r) c. s. v. fehU B2. s) sum A2. t) continetur B2. a) 0. vero G. D. 

v) debet ep. P. recitare D2. w) inter A2. in ecclesia A4. x) fehU G. D. y) a. m. fehU 

B2. mondi c g. h. et cetera ut A8. 6. z) s. scriptum est A8. 5. Die Handschriften Bl. G. D 

gehen die Bede, a) ordine A2. unctione B2. b) imperatori G. D. c) fehU A4. 5. d) f. t. 
fehlt A e) regnum D2. tegimen D8. et A5. g) fehU D8. 



^ 1 

I 



FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- ü. D. RÖMISCH. KAISER-KRÖNUNG etc. 63 

Deinde vadant^ ante Confessionem beati^ Petri apostoK^, et^ prostemat 
se promis^ in terram^, et archidiaconus faciat l^taniam. Qua finita^ episco- 
pus Ostiensis unguat ei de^ oleo exordzato hrachium dextrum^ et inter scon 
pulaSy et dicat^ hanc^ orationem: 

Domine Deus omnipotens, cujus est omnis^ potestas et°^ dignitas, 
te supplici devotione atque humillima prece deposcimus , ut huic famulo 
tuo N.^ prosperum^ imperatoriae dignitatis concedas^ effectum^, ut in 
tua^ dispositione constituto ad regendam aecclesiam tuam sanctam nihil 
ei^ presentia officiant futuraque non obsistant, sed, inspirante sancti* 
Spiritus tui^ dono, populum sibi subditum aequo justiciae libramine 
regere valeat et^ in omnibus operibus suis te semper timeat^, tibi ju- 
giter placere contendat. Per^.^ 

Ponti/ex ergo^ stet sursum^ ante^ altare et imponat^ ei diadema in^ 
capite, dicens: 

Accipe Signum gloriae in nomine Patris et Filii et Spiritus sancti, 
ut, spreto antiquo hoste spretisque contagiis omnium^ viciorum, sie ju- 



*) C. D fügen hineu: Sequiiur alia^ oratio. Deus, Dei filius, Jesus Christus, do- 
minus noster, qui a^ Patre oleo exultationis unctus» es pre participibus 
suis, ipse per presentem ungiminis^ efifusionem Spiritus paracliti super Ca- 
put tuum infundat benedictionem eandemque^ usque ad interiora cordis tui 
penetrare faciat; quatinus hoc visibili et tractabili dono invisibile* percipere 
et teraporali regno justis miserationibus assecuto^ aeternaliter cum eo regnare«» 
merearis, qui solus sine peccato vivit et regnat'' cum Deo Patre in unitate 
Spiritus [sancti^. Per] etc. 
a) vadat A5. 6. vadit Bl. 2. b) sancti C. o) fehlt A4. C. Dl. 2. 4. d) et coro- 

nandus p. C. et fehlt A2. et — terram fefilt A4. e) primos B2. pronum C. D. prostemant se 

proni A2. f) terra D3. g) ex D3. de o. e. hinter scapulas B2. h) i. b, B2. i) dicens 

A3. 4. k) fehlt A3. 4. o. istam A5. 1) feJdt A2. 8. m) omnisque A4. n) fehlt A2. 

6. C. D. o) i. d. p. B2. p) concedat B2. q) aflfectum Bl. r) soa D2. s) fehlt A6. 

t) sp. 8. B2. u) fehlt B2. v) ut Bl. w) timeant — contendant Bl. x) Per ejusdem 

A3. Per Dominum in unitate ejusdem Bl. y) vero A2. ß. fehlt B. Deinde (Demum D3. 4) vero 
p. (p. Romanus D2. 3. 4) C. D. p. R. surs. a. a. imponit D3, 4. z) fehlt A4. a) fehlt D2. 

ad corr. ante Bl. b) imponens ei d. dieit A4. c) super caput A4. 5. DL diad. ei d. B2. 

d) c. mundi contagiisque v. B2. e) hec D3. 4. fehlt C. f) ex C. g) accinctus D2. u. est D3. 
h) sacri unguinis D3. i) que fehlt D2. k) invisibilia D3. 1) exsequuto D3. m) aet. 

conregnare D3. n) gloriatur D8. o) «o D3. 



G4 G. WAITZ, 

dicium et justiciam diligas et* misericorditer vivas , ut ab ipso domino^ 
nostro Jesu Christo in consortio sanctorum^ aeterni regni coronam per- 
cipias^. Qui cum Patre® et Spiritu sancto vivit et regnat deus per 
infinita secula seculorum. Resp. Amen. 

[Missa^ pro eodem imperatore: 

Deus omnium regnorum et^ cetera]. 



II. 

BENEDICTIO^ AD ORDINANDÜM IMPERATOREM SECÜNDÜM 

OCCIDENTALES. 

Exaudi\ Domine, preces nostras et famulum tuum N. ^adregen- 
dum ill. ^ imperium constitue"^, ut per te regere incipiat et per te fideli- 
ter^ regnum custodiat. Per®. 

[Consecratio ^] : 

Prospice ^) , omnipotens Deus, serenis obtutibus hunc gloriosum fa- 
mulum^ tuum N/, et sicut benedixisti Abraham, Ysaac et Jacob, sie 
illi largiaris benedictiones spiritualis gratiae® eumque^ omni plenitudine 
tuae potentiae irrigare^ atque perfundere digneris, ut tribuas ei de 
rore coeli et de pinguedine, terrae habundantiam frumenti et^ vini et 
olei et omnium frugum opulentiam^, ex^ largitate divini muneris longa 
per tempora, ut illo regnante sit sanitas corporis in patria, pax invio- 



a) et m. v. fehlt A2. et ita m. G. D. b) domino domino 61. c) jastoram Bl. d) ac- 
cipias A8. 4. percipere merearis D2. e) Patre — amen fehlt A4. Per e. ejusdem A3. Qui vivit B2. 
f) Dies haben nt^r A2 und'B2. Item mi8saA2. g) etRomani maxime proteotorA2. h) Item 
benedictione A2. Item allia b. ad ornandum i. s. o. consecrationes A6. Alia A4. Alia coronae 
impositio A5. i) A8. 4. 6 haben zuerst Accipe coronam ohne Ueberschrift; dann [Alia 8] Ez- 

audi etc, Prospice etc, — C giebt als Ueberschrift: Consecratio. k) ill. A2. 6. G. 1) Roman am 
A4. 6. hoc A6. m) con A2. n) r. f. c. fehlt A6. o) Per Dominum nostrum A6. Per 

Ghristum G. Qai cum patre A4. Qui vivit et regnat A5. Qui vivis B2. p) Alia A3, fehlt A4. 6. 6. 
q) imperatorem nostrum A3. 5. imperatorem A4. r) T. A6. ill. B2. G. imperatorem. Quere in 
ordinatione regis A4, imp. n. N. et s. b. A. Y. et J. Require supra in benedictione regis A5. s) spi- 
rituales B2. t) cumque A6. u) i. a. fehlt B2. v) fehlt B2. w) abundantiam G. 

z) et B2. 

1) Die Bede steht ähnlich oben S. 37 in der Formel für die KönigskröDung. 



* 



l . 



f • 



FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- ü. D. RÖMISCH. KAISER-KRÖNÜNG etc. 65 

lata sit* in regno et^ dignitas^ gloriosa regalis palacii. [Concede^ ei] 
maximo splendore regiae potestatis oculis® omnium luce clarissima coru- 
scare atque splendescere , qua splendidissimi^ fulguris maximo^ perfusa 
lumine videatur. Tribue ei, omnipotens Deus, ut sit^ fortissimus pro- 
tector patriae et consolator aecclesiarum atque coenobiorum sanctorum, 
maxima pietate regalis munificentiae ; atque ut sit fortissimus regum, 

• 

triumphator hostium ad obprimendas^ rebelies et paganas nationes, sit- 
que suis inimicis satis terribilis, proxima^ fortitudine regalis potentiae, 
optimatibus quoque atque precelsis^ proceribus™ atque '^ fidelibus sui 
regni munificus^ et amabilis et pius, et ab omnibus timeaturP atque di- 
ligatur. Reges quoque de lumbis ejus per successiones futurorum ^ tem- 
porum egrediantur regnum regere ill/, et post gloriosa tempora atque 
felicia presentis vitae gaudia in perpetua beatitudine habitare merea- 
tur. Per ^ 

Et^ mittat pontifex coronam auream super ^ caput ejus, dicens^ : 

Accipe^ coronam [auream^] a domino Deo tibi predestinatam : ha- 
beas^, teneas atque ^ possideas et filiis* tuis post te^ in futurum ° ad 
honorem Deo auxiliante derelinquas ^. 

Sequitur oratio^: 

Deus, pater aeternae^ gloriae, sit adjutor tuus*, et Omnipotens be- 
nedicat tibi, preces tuas in^ cunctis exaudiat et vitam tuam longitu- 
dine^ dierum^ adimpleaf^, thronum regni tui^ jugiter firmet, gentem^ 



*) et protector fügen hinzu A3. 4. 5. 
**) et semper in sua voluntate custodiat fügen hinzu A3. 4. 5. 

a) fehlt B2. b) fehlt A6. c) divinitas B2. d) C. ei fehlt A6. B2. e) fehU B2. 

f) splendidissima C. g) maxima B2. h) fehlt A6. i) opprimendos C. k) pro 

maxima r. A6. 1) fehlt A6. m) fehlt B2. n) et A6. ac C. o) sit m. C. 

p) teneatur B2. q) fehlt B2. t. f. A6. r) fehlt B2. ß) Per Christum C. t) Et — dicens 

fehlt A3. 4. 5, wo das Folgende zu Anfang steht. u) in B2. v) his verbis A6. w) Das 

Folgende fehlt C, wo es nur heisst : Per eum cui est honor et gloria per infinita saecola saeculorum, 
und dann folgt die gladii traditio, welche allen andern Texten fehlt, x) fehU A. y) hano h. 

A2. h. fehlt A6. z) ao A2. fehlt B2. a) filios taus A2. 6. B2. b) poste A2. 4. imposte A6. 
c) te futuris A5. d) rel. A6. e) fehlt A2. S. o. fehlt A6. Alia A8. 5. Item consecratio A4. 

paterne g. B2. g) e. in c. AS. h) in 1. B2. longitudinem A6. \) fehU A4. k) r. cor- 
roboret A8. 4. 5. 1) et g. A2. 6. gentes A3. 4. 5. 

Histor.-philol Glosse. XVIII. I 



66 G. WAITZ, 

populumqae* tuum* in aeternum conservet, inimicos tuos confusione 
induat, et super te Christi sanctificatio floreat"*^, ut, qui tibi^ tribuit in 
terris imperium, ipse''*'^* in caelis conferat premium. Per^f 

Missa^ pro imperatore. 

Collecta^. Dens, regnorum omnium^ et christiani^ maxime protector 
imperii^, da servo tuo imperatori nostro N. triumphum virtutis tuae 
seien ter excolere, ut, qui tua constitutione est princeps, tuo semper 
munere sit potens. Per. 

Secreta^, Suscipe, Domine, preces et hostias aecclesiae tuae pro^ 
Salute famuli tui N. ^ supplicantis , et in protectione fideKum populorum 
antiqua brachii operare miracula , ut, superatis pacis inimicis, secura tibi 
serviat christiana libertas. Per. 

Benedictio^^). Dens, qui congregatis in tuo nomine famulis me- 
dium te dixisti assistere ^ , Corona valentem ^ imperatorem , da gratiam 
sacerdotibus P tuis, quam Abraham in holocausto, Moyses in exercitu, 
Helyas in heremo, Samuel crinitus^ meruit in templo. Concede concor- 



*) p. t. subiciat et a peste et fame tuis temporibus c. A3. 4. 5. 
**) et super caetera regna excellentiorem faciat fügen hinzu A3. 4. 5. 
***) i. tibi in caelis cum electis suis conferat habere consortium A3. 4. 5. 
t) Hier folgt in A6: 

Sceptri traditio. Accipe virgam — participibus tuis. Jesum Christum 
nostrum qui vivit. 

Tradicio annuli. Accipe regie — per eorum. Cui est honor et gloria per 
infinita secula seculorum amen. 

Gladii tradicio. Accipe gladium — merearis regnare. Qui cum Deo Patre 
et Spiritu sancto vivit et regnat in secula seculorum. 
C hat das Letzte fragmentarisch; s, oben 8. 56. 

a) qua fehlt A6. b) fehlt A5. tr. t. A4. c) fehlt A2. 4. Qui vivit B2. d) M. ande 

BQpra A3. Das Folgende fehlt A4. 5. e) Secr. A3. £) o.r. B2. g) Bomani A2. 

h) imperii — Per fehlt A2. imp. et c. A6. i) fehlt A3. k) pro — Per fehlt A2. 1) H. A6, 
wo das Folgende fehlt. m) B. imperatoris A3. B. epiflcopalis A6. n) a. d. A3. o) präsentem A3, 
p) 8. t. fehlt B2. t. fehlt A6. q) fehlt A3. 6. 

1) Die beiden folgenden Abschnitte finden sich im wesentUchen übereinstimmend 
in einer Handschrift des 9ten Jahrb. zu München Cod. Lat. 14510 (S. Emm. 510), 
die ich als Beilage IV mittheile. 



FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- U. D. RÖMISCH. KAISER-KRÖNÜNG etc. 67 

diam*, quam inspirasti patriarchis, predicasti^ prophetis, tradidisti^ apo- 
stolis, mandasti ^ euangelistis, largitus es et martyrum triumphis. Resp. ® : 
Amen. 

Item^. Benedic, Domine, hunc prineipem nostrum N.^, quem 
ad salutem populi^ nobis cognoscimus fuisse concessum, fac annis esse 
multiplicem ^ , salubri corporis^ robore^ vigentem, ad senectutem opta- 
tarn pervenire felicem. Sit nobis fiducia^ obtinere gratiam pro^ populo, 
quam Aaron in tabemaculo, Elyseus"^ in fluvio, Ezechias in lecto^, Za- 
charias vetulus impetravit® in templo. Resp.: Amen» 

Älia. Sit nobis regendi auctoritas, qualem Josue in castrisP, Ge- 
deon sumpsit in preliis^, Petrus accepit in clavi, Paulus est usus in dog- 
mate, et ita pastorum cura tuum proficiat ovile, sicut Ysaac in fruge, 
Jacob est dilatatus ^ in grege.Resp.: Amen. Quod ipse prestare dignetur^ 

Ad compl} Dens, qui ad predicandum aeterni Regis^ euangelium Ro- 
manum imperium preparasti, pretende famulo tuo imperatori nostro 
N. arma caelestia, ut pax aecclesiarum nulla turbetur tempestate bello- 
rum. Per. 



m. 

ORDO ROMANÜS AD BENEDICENDUM IMPERATOREM. 

Dum venerit rex ad ecclesiam beati Petri Romae ut fiat itnperator, 
suscipiat eum plebs universa cum processione magna. Cum autem venerint 
ante portam Argenteam, parumper subsistant, et episcapus de casteüo AI- 
banensi det in hunc modum orationem primam : 

Dens, in cujus manu corda regum sunt, da famulo tuo regi nostro 
ill. prosperum suae dignitatis effectum, in qua te semper timeat tibique 
jugiter placere contendat. 



a) concordia A6. misericordiam quam in p. ▼olQi8tiB2. b) proph. pred. B2. c) ap. tr. B2. 
d) e. m. B2. e) fehlt A3, ß. f) H. A6. g) fehU B2. h) m. prinoipem A6. 

i) labore A5. s. corpore vigente et A6. k) fidaciam A6. 1} fehlt A6. m) Heliseas A3. 

n) delecto A6. o) fehlt A6. p) preliis A8. q) oastris A3. r) dilatus A3. B2. dilectatos 

A6. d. e. B2. s) d. qui com Patre et Spiritu sanoto viTit et regnat in seoala seonlomm amen A6. 
t) Das Uehrige fMt A8. u) regia etc. A6. 



68 G. WAITZ, 

Post ingressum dicat episcopus Portuensis orationem secundam intra 
beati Petri apostoli ecclesiam in media rotae: 

Deus inenarrabilis , auctor mundi — qui tecum vivit. 

Deinde vadant ante Confessionem beati Petri apostoli , et faciat Impe- 
rator ibi pro/essionem : 

In nomine Christi — scire meum ac posse. 

Postea prostemat se pronvs in terram, et archidiaconus faciat l^taniam. 
Qua finita , episcoptis Ostiensis consecret eum hoc modo : Oremus, 

Deus , qui es justorum gloria — vertat. Accende, quaesumus, Do- 
mine, cor ejus ad amorem gratiae tuae per hoc unctionis oleum ^). 

Hie unguat ei de oleo sancto compagem brachii dextri et inter scaptdas, 
et prosequatur : 

unde unxisti sacerdotes — mereatur gaudia. Per eundem. 

Item alia oratio: 

Domine Deus omnipotens — contendant. Per Dominum in uni- 
tate ejusdem. 

Summus pontifex stet sursum ante^ altare, et post haec imponat im- 
peratori diadema in capite^ dicens: 

Accipe Signum gloriae — percipias, qui cum Patre. 

8eq.: Oremus. 

Coronet te Deus corona gloriae atque justitiae, honore et opere 
fortitudinis , ut per officium nostrae benedictionis cum fide recta et mul- 
tiplici bonorum operum fructu ad coronam pervenias regni perpetui, 
ipso largiente, cujus signum permanet in secula seculorum. 

Et sie firmetur in regno. 



a) ad eotr, ante 11%, 

1) Siehe oben S. 38 die Formel der Königskrönung. 



_^ dr^£ »Aä 



FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- ü. D. RÖMISCH. KAISER-KRÖNÜNG etc. 69 



Beilagen. 



Hier theile ich eine Anzahl Stücke mit, welche mit der vorstehen- 
den Untersuchung in Verbindung stehen, und sich hx den von mir be- 
nutzten Handschriften finden. 

I. Die als Römisch bezeichnete allgemeine Formel der Königskrö- 
nung aus den Handschriften von Aachen - Berlin und Ivrea (B2. 3); 
s. oben S. 18. 25. 

II. Die aus der vorhergehenden und der Angelsächsischen For- 
mel compilierte der Kölner Handschrift Nr. 141; s. oben S. 18 ff. 

III. Aus dem oben (S. 24) erwähnten Codex zu München, Lat. 
10073 (Pal. M. 73, im Jahr 1409 geschrieben von Durantus Uielli, wie 
auf dem letzten Blatte angegeben, und mit schönen Miniaturen geziert, 
deren Autor leider nicht mehr zu entziffern ist, da die Stelle, welche 
seinen Namen enthielt , ausradiert) , die Anfange und einzelne charakte- 
ristische Stellen der KröijLungsformel (fol. 104' ff.) , die ich theils selbst 
abgeschrieben habe, theils der Güte des Hm Dr. Schum verdanke. 

IV. Aus der Handschrift zu München Cod. Lat. Nr. 14510 (S. Em- 
mer. 510), saec. IX in Octav, einem alten Benedictionale . fol. 72^, zwei 
Gebete oder Segnungen für den Fürsten und König, wie sie wohl bei 
festlichen Gelegenheiten, namentlich bei Anwesenheit des Königs in ei- 
nem Stift, auf einer Synode oder sonst, gesprochen wurden, und dann 
auch bei den Krönungen benutzt sind. Der Text bedurfte hie und da 
einer Nachbesserung. 



70 G- WAITZ, 

I. 

Die allgemeine (Römische) Formel der Königskrönung. 

INCIPIT ORDO AD REGFM BENEDICENDUM QUANDO NOVÜS A CLERO ET POPULO 

SUBLIMATÜR IN REGNUM». 

Primum^ exeunte illo thalamum unus episcoporum dicat hanc orationem: 

Omnipotens, sempiterne Deus, qui famulum tuum N. regni fastigio dignatns 
es sublimare % tribue ei, quaesumus, ut ita in hujus * seculi cursu cunctorum in • com- 
mune salutem disponat^, quatenus a tuae veritatis tramite nonrecedat. Per. 

Fostea siiscipiant illiim duo « episcopi dextra laevaque, honorifice parati, haben- 
tessanctorum reliquias collo^ pendentes. Ceteri aufem clerici^ sint^ casulis adomati; 
precedente^ sancto euangelio et duabus crucibus cum incenso boni odoris^ ducant 
illum ad ecdesiam^ oanentes responsorium^. Eesp.: Ecce mitto angelum memn*. 
Vers. : Israhel , si *> me audieris , cuncio p eum vulgo prosequente. Ad ostium atUem 
ecclesiäe clerus^ subsistat, et dlius^ episcopus dicat hanc^ orationem: 

Deus, qui scis genus humanum* nuUa sua^ virtute posse .subsistere, concede 
propitius, ut famulus tuus N. , quem populo tue voluisti preferri, ita tuo foldator 
adjutorio, quatinus quibus potuit^ preesse valeat et prodesse. Per. 

Introeuntes autem precedentes clerici decantent^ ant.^: Domine, salvum fac re- 
gem tisque in^ introitum chori. Tunc episcopus metropolitanus^ dicat hanc* ora- 
tionem: 

Omnipotens, sempiterne* Deus, caelestium terrestriumque moderator, qui fa- 
mulum tuum N. ad regni fastigium dignatus es provehere, concede, quaesumus, 
ut a cunctis adversitatibus liberatus et^ ecciesiasticae pacis dono muniatur et ad 
aetemae pacis gaudia, te donante, pervenire mereatur. Per. 

Ibi autem ^ ante chorum designatus^ princeps pallium et arma deponat atque 
inter manus episcoporum perductus in chorum, usque ad altaris gradus incedat. 
Cunctoque « pavimento tapetibus et palliolis ^ contecto , ibi * humiliter totus in cruce 
prostratt4Sy una^ cum episcopis et cunctis presbiteris hinc inde prostratis, ceteris au^ 



a) Ordo ad benedicendum regem 2. b) Primas enim 3. c) sablimari 3. d) presenti 
coUecta multitudine 8. e) c. commonem 3. f ) disponas 3. g) feUt 3. h) in vor c ge- 
tilgt 2. i) cli 3. cleri 2. k) fehü 3. 1) proc. 2. m) turba clericoram c. r. com versa 8. 
n) fehlt 2. o) Isr. etc. 3. p) Vulgo autem sequente ad 3. q) choros 2. r) arohiep. 2. 

b) h. sequentem 3. t) h. g. 2. u) fehlt 2. v) videtur 3. w) dicant 3. x) fekU 2. 

y) ad 3. z) sedis illius 3. a) et h« subsequentem o. 3. b) fehlt 3. c) propitioB 2. 

d) fehlt 2. e) enim 3. f) delegatus 3? p. d. 2. g) Cuncto autem 3. h) paUio 2. 

i) ibique 3. k) una — prostratis /«A^ 2. 



FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- ü. D. RÖMISCH. KAISER-KRÖNÜNG etc. 71 

tem* in choro letaniam breviter psdllentibtis, id est 12 apostolos ac^ totidem tnartyreSy 
cofifessores et virgines^ et cetera usque in finem huic benedictioni convenientia. 

Finita autem letania^ erigant^ se. Sublatus autem princeps interrogetur ^ a 
metropolitano y si sanctas Bei ecclesias ac rectores ecclesiarum necnon et cunctum 
populum sibi subjectum[ juste et^ religiöse regali« Providentia juxta morem patrum 
suorum defendere ac regere velit. Illo autem profitente , in quantum divino fultus 
adjutorio ac solatio omnium fidelium suorum valuerit^, ita se per^ omnia fideliter 
esse acturum^ deinde^ iterum ipse episcopus affatur populum, si tali principi ac 
rectori se suhicere ipsiusque ^ regnum firma fide^* stabilire atque jussionibus illius 
obtemperarevelint juxta apostolum: ^Omnis anima potestatibus süblimioribtis'^ subdita 
sit\ regi quasi precellenti. Tunc ergo a circumstante clero et populo unanimiter^ 
dicatur: Fiat, iSat. Amen. 

Postea vero^ eo detote inclinato, dicatur ab uno episcopo haec oratio: 

Benedic, Domine , hunc regem nostmm N.p, qui regna omnia ^ moderaris a 
seculo, et' tali eum benedictione glorifica, ut Daviticae" teneat sublimitatis sceptrum, 
et glorificatus * in ejus protinus reperiatur merito. Da ei tuo inspiramine cum man- 
suetudine ita regere populum, sicut Salomonem fecisti regnum obtinere^ pacificum. 
Tibi semper cum^ timore sit subditus tibique militet cum quiete. Sit tuo clypeo 
protectus cum proceribus, et ubique tua gratia victor existat. Honorifica eum pre 
eunctis regibus gentium , felix populis dominetur , et feliciter eum nationes adorent. 
Vivat inter gentium catervas magnanimus, sit^ in judiciis aequitatis singularis; lo- 
cuplet eum tua predives dextera; frugiferam obtineat patriam, et ejus liberis tri- 
buas profutura. Presta ei prolixitatem vitae per tempora, et in diebus ejus oriatur 
justitia. A te robustum teneat regiminis solium, et cum jocunditate et justitia ae- 
terno glorietur in regno. [Quod* ipse prestare dignetur, qui cum Deo Patre et Spi* 
ritu sancto vivit et regnat per omnia secula]. 

[Oratio J. Omnipotens, aeterno Dens, creator omnium, imperator angelormn, 
rex regnantium dominusque dominantium, qui Abraham fidelem famulum tuum de 
hostibus triumphare fecisti, Moysi et Josuae populo prelatis multiplicem victoriam 
tribuisti humilemque David puerum tuum regni fastigio sublimasti et Salomonem sa- 
pientiae pacisque ineffabili munere ditasti: respice propitius ad preces humilitatis 
nostrae, et super hunc famulum tuum N. , quem supplici devotione in regem eligi- 
mus, benedictionum tuarum dona multiplica eumque dextera tuae potentiae semper 

a) fehlt 2. b) et 3. o) fehlt 3. d) erigat 2. e) interrogatns ab episcopo sedis 

illias 3. f ) ac 3. g) regalis prudentia 3. h) fehlt 3. i) semper o. 3. k) d. i. fehlt 2. 
1) que fehlt 2. 1*) pace 2. m) sublimibus 2. n) u. d. fehlt 2. o) fehlt 8. p) fehlt 2. 
q) omnium 3. r) fehlt 2. s) Davidicom 3. t) sanctif. 3. u) o. r. 2. v) s. d. o. t. 2 

w) et 3. x) Statt Quod — saecola hat 2 tttir Amen. y) Dieser Absatz fehlt 3. 



72 G. WAITZ, 

et ubique circunda, quatenus predicti Habrahae fidelitate firmatus, Moysi mansuetu- 
dine fretus, Josuae fortitudine munitus, David humilitate exaltatüs, Salomonis sa- 
pientia decoratus, tibi in omnibus placeat, et per tramitem justiciae inoffenso gressu 
semper incedat; ecclesiamque tuam deinceps cum plebibus sibi annexis ita enutriat 
ac doceat, muniat et instruat, contraque omnes visibiles et invisibiles hostes eidem 
potenter regaliterque virtutis regimen amministret , et ad verae fidei pacisque C5on- 
cordiam eorum animos, te opitulante, reformet, ut horum populorum debita sub- 
jectione suffultus, condigno amore glorificatus, ad paternum decenter solium tua 
miseratione conscendere mereatur. Tuae quoque protectionis galea munitus et scato 
insuperabili protectus armisque caelestibus circundatus, optabilis victoriae trium- 
phum feliciter capiat terroremque suae potentiae inferat infidelibus et pacem tibi 
militantibus laetanter reportet, per Dominum nostrum, qui virtute sanctae crucis tar- 
tara destruxit, regnoque diaboli superato, ad caelos victor ascendit, in quo po- 
testas omnis regumque consistit victoria, qui est gloria humilium et vita salusque 
populorum. Qui tecum vivit]. 

Deinde ab altero episcopo dicatur^ haec oratio: 

Dens inenarrabilis , auctor mundi, conditor generis humani, gubernator impe- 
rii, confirmator^ regni, qui ex utero fidelis amici tui*' patriarchae^ nostri Habrabae 
preelegisti reges ® seculis profuturos, tu presentem regem hunc cum exercitu suo per 
intercessionem omnium^ sanctorum ubere^f benedictione locupleta et in solium regni 
firma stabilitate conecte. Visita eum sicut Moysen in rubo^, Jesu Nave in prelio, 
Gedeon in agro , Samuelem in templo ; et illa eum benedictione syderea ac sapien- 
tiae tuae rore perfunde, quam beatus David j in psalterio, Salomon filius ejus, te 
remunerante, percepit e caelo. Sis ei contra acies inimicorum lorica, in adversis 
galea, in prosperis pacientia, in protectione clypeus sempiternus, et presta, ut gen- 
tes illi^ teneant fidem, proceres sui habeant pacem, diligant caritatem, abstineant 
se a cupiditate, loquantur justitiam, custodiant veritatem, et ita populus iste sub 
ejus imperio^ puUulet", coalitus benedictione aeternitatis , ut semper maneant"^ tri- 
pudiantes in pace victores. Quod ipse prestare dignetur qui ^ tecum vivit et regnat. 

Tunc^ ab episcopo sedis illius de^ oleo sanctificato nnguatur^ [caput^], pectus 
et^ scapulae ambaeque compages brachiorum ipsius^ et dicatur [AßC'J oratio^: 

[Dominus'], qui es justorum gloria et misericordia peccatorum, qui misisti 
filium tuum pretiosissimo sanguine suo^ genus humanum redimere, qui conteris 

a) hec sequitur 8. b) conform. 2. c) t. a. 2. d) p. n. feMt 2. e) regem s. pro- 

faturmn 3. b. fehlt 2. f ) ß. o. 8. g) uberi 8. h) rubro 3. i) D. rex 3. k) i. g. 2. 

1) 8. e. i. fehlt 3. m) populetur coelitus 3? n) maneat tripudians in p. viotor 8. 

o) qui — regnat fehlt 2. o) fehlt 2. p) T. demum 3. q) ungantur 3. r) fehlt 3. s) fehlt 2. 
t) brachiorum compagines et 2. u) 3 hat hier: Versus — aeteme DevLB{s.folg. Seite). v) tuo 2. 



FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- ü. D. RÖMISCH. KAISER-KRÖNÜNÖ etc. 73 

bella et propugnator es in te sperantium , et sab cujus arbitrio* omnium regnorum 
continetur potestas, te humiliter deprecamur, ut presentem famulum tuum N. in 
tua misericordia confidentem in presenti sede regali benedicas eique propitius ad- 
esse digneris, ut, qui tua expetit protectione defendi, omnibus^ sit hostibus for- 
tior. Fac eum. Domine, beatum^' esse* et victorem de inimicis suis. Corona eum 
Corona justitiae et pietatis, ut ex toto corde et tota mente in te credens tibi de- 
serviat, sanctam tuam ecclesiam defendat et sublimet populumque^ a tesibicom- 
missum juste regat, nuUus insidiantibus malis eum in injustitiam vertat. Accende, 
Domine, cor ejus ad amorem gratiae tuae per hoc* unctionis oleum, unde unxisti 
sacerdotes, reges et prophetas, quatenus justitiam diligens, per tramitem similiter' 
justitiae populum ducens^, post^ peracta a te disposita in regali excellentia an- 
norum curricula, pervenire ad gaudia aetema^ mereatur. Per eundem. 

Vers.: Per omnia secula seculorum. 
Resp.: Amen. F.: Dominus vobiscum. ü.: 
Et cum spiritu tuo. F.: Sursum corda. 
E.: Habemus ad Dominum. F.: Gratias aga- 
mus domino Deo nostro. R.: Dignum et 
justum est. 

Yere dignum et justum et aequum et 
salutare, nos tibi semper et ubique gratias 
agere, domine sancte Pater, omnipotens, 
aeterno Deus^ 



[Item ^. Dens, Dei filius, Jesus Christus 
dominus noster, qui a Patre oleo exulta- 
tionis est^ unctus pre participibus suis, ipse 
per presentem sacri unguinis"^ infusionem 
Spiritus paracliti super caput tuum in- 
fundat benedictionem eandemque usque 
ad interiora cordis tui penetrare faciat, 
quatinus hoc visibili et tractabili dono in- 
visibilia percipere, et temporali regno justis 
moderaminibus executo, aeternaliter cum 
eo regnare merearis, qui solus sine pec- 
cato vivit et regnat rex regum. Per omnia]. 

Postea ab episcopis^ ensem acdpiat, ut cum ense^ totum regnum sibi fidelifer 
ad regendum secundum supradicta verba sciat esse commendatum^ [dicente*^ metro^ 
politano : 

Accipe gladium per manus episcoporum, licet indignas, vice tarnen et aucto- 
ritate apostolorum consecratas, tibi regaliter impositum, nostraeque benedictionis of- 
ficio in defensionem sanctae Dei ecclesiae divinitus ordinatum ; et esto memor de quo 
psalmista prophetavit, dicens: *Accingere gladio tuo super femur tuum, potentis- 
sime', ut per eundem vim aequitatis exerceas, molem iniquitatis potenter destruas et 
sanctam Dei ecclesiam ejusque fideles propugnes ac protegas, nee minus sub fide 



a) imperio 2. b) omnibueque h. b. 2. c) beatos 3. d) que fehlt 8. e) fehlt 2. 

f ) fehlt 3. g) docena 2. h) per pacta 2. i) et. g. 2. k) Dies fehlt 3, wo die 

hiernehen gesetzte Steile der letzten Rede vorhergeht, 1} aueradiert 2. m) saDgainis Hs. 

n) qui es justorum gloria ßihrt 3 fort o) episoopo 2. p) eo regnum 2. q) Dies fehlt 8. 

Histor.'philol Glosse. XVIII. K 



74 G. WAITZ, 

falsos quam christiani Hominis hostes ezecres ac destruas , viduas et pupillos cle- 
menter adjuves ac defendas , desolata restaures , restaurata conserves , ulciscaris in- 
justa , conserves bene disposita, quatinus hec in agendo, virtutum triumpho gloriosus 
justiciaeqne cultor egregius , cum mundi Salvatore, cujus typum geris in nomine, sine 
fine merearis regnare. Qui cum Patre et Spiritu sancto]. 

Accinctus autem^ ense^ simüiter ab Ulis armillas^ et pallium et[anulum^ acd- 
piat^ dicente metropolitano : 

Accipe regiae dignitatis anulum, et per hunc in te catholicae fidei cognosce si- 
gnaculum, quia, ut hodie ordinaris caput et princeps regni ac populi, ita perseverabis 
auctor et stabilitor christianitatis , ut felix in opere, locuples in fide, cum Rege 
regum glorieris. Per eum cui estiionor et gloria. 

Postea sceptrum et] baculum^ accipiat, [dicente^ ordinatore: 
Accipe virtutis Yirgam atque aequitatis, qua intelligas mulcere pios et terrere 
reprobos, errantibus viam pandere, lapsis manum porrigere, disperdasque superbos 
humilesque releves ; et aperiat tibi ostium Jesus Christus dominus noster, qui de se 
ipso ait: 'Ego sum ostium; per me si quis introierit, salvabitur', et ipse qui est 
clavis David et sceptrum domus Israel, qui aperit et nemo claudit, claudit et nemo 
aperit. Sitque tibi auctor, qui educit vinctum de domo carceris sedentemque in 
tenebris et umbra mortis; et in omnibus sequi merearis eum, de quo cecinit David 
propheta: 'Sedes tua, Deus, in seculum seculi, virga aequitatis virga regni tui'. Et 
imitando illum , diligas justiciam et odio habeas iniquitatem ; quia propterea unxit 
te Deus, Deus tuus, ad exemplum illius, quem ante secula unxerat oleo exultatio« 
nis pre participibus suis, Jesum Christum dominum nostrum, qui vivit]. 

Postea metropoUtanus^ ver enter ^ coronam capiti regis imponatj [dicens^z 
Accipe coronam regni, quae, licet ab indignis, episcoporum tamen manibus ca- 
piti tuo imponatur, eamque sanctitatis gloriam et honorem et opus fortitudinis ez- 
presse signare intelligas, et per hanc te participem ministerii nostri non ignores, 
ita ut, sicut nos intemis pastores rectoresque animarum intelligimur, tu quoque ex- 
ternis verus Dei cultor strcnuusque« contra omnes adversitates ecclesiae Christi de- 
fensor regnique tibi a Deo dati et per officium nostrae benedictionis in vice aposto- 
lorum omniumque sanctoium tuo regimini commissi utilis executor regnatorque 
semper appareas, ut inter glorioses athletas virtutum gemmis omatus et premio 
sempiternae felicitatis coronatus, cum redemptore ac salvatore nostro Jesu Christo, 
cujus nomen vicemque gestare crederis, sine fine glorieris^ qui vivit et imperat 
Deus. Per]. 

a) fehlt 2. b) armillam 2. c) Dies fehlt 3. d) bacalmnqiie a. 8. e) Episoo- 

pü8 sedifl illioB 8. f ) reverenter 2. g) etrexmosqae 2. 



FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- ü. D. RÖMISCH. KAISER-KRÖNUNG etc. 75 

Et ab eo staiim dicatur benedictio super eum^ quae et^ tempore sinodi super 
regem dicenda est: 

Benedicat tibi Dominus, custodiatque te, et sicut te voluit super populum 
suum esse regem, ita in presenti seculo felicem et ^ aetemae felicitatis tribuat esse ^ 
consortem. [Resp.^}: Amen. 

[Item ^] : Clerum ac populum , quem sua voluit opitulatione in « tua sanctione 
congregari, sua dispensatione et tua administratione per diuturna tempora fEiciat 
feliciter gubernari. Amen. 

Quatenus divinis monitis parentes, adyersitatibus ^ carentes, bonis omnibus exu- 
berantes, tuo imperio® fideli amore obsequentes, et in presenti seculo tranquillitate 
fruantur et tecum aeternorum civium consortio potiri mereantur. [Resp.^]: Amen. 
Quod ipse prestare dignetur, cujus» regnum et imperium sine fine permanet in se- 
cula seculorum, amen. Benedictio Dei Patris. 

JDeinde coronatus honorifice per« chorum de altari ducatur oft episcopis usque 
ad solium, [dicente^ sibi metropoUtano : 

Sta et retine amodo locum^ quem hucusque patema successione tenuisti, he- 
reditario jure delegatum tibi per auctoritatem Dei Patris omnipotentis et per pre- 
sentem traditionem nostram, omnium scilicet episcoporum ceterorumque Dei servo- 
rum , et * quanto clerum sacris altaribus propinquiorem perspicis , tanto ei potiorem 
in locis congruentibus honorem impendere memineris, quatinus Mediator Dei et ho- 
minum te mediatorem cleri et plebis in hoc regni solio confirmet et in regno aeterno 
secum regnare faciat Jesus Christus dominus noster, rex regum et dominus domi- 
nantium. Qui vivit]. 

Tunc det^ illisosculapacis. Cunetus autem coetus cUrieorum talirectore^ gror^ 
tulans^ sonantibus ymnis^^ alta voce concinat^: Te Deum laudamus». Tunc episco^ 
pus^ metropolitanus^ missam celebret^ plena processione. 

Sequitur ordo missarum^ si in feria evenerit, sed melius et 

honorabilius est^ die dominica, 

Dens , qui miro ordine universa disponis et ineffabiliter gubernas, presta, quae- 
sumus", ut famulus tuus N. hec in^ hujus seculi cursu implenda decemat, unde tibi^ 
in perpetuum placere prevaleat^. Per. 

Secreia: Concede, quaesumus, omnipotens Deus^, bis salutaribus sacrificiis 
placatus, ut famulus tuus N. ad peragendum regalis dignitatis officium inveniatur 
semper idoneus et caelesti patriae reddatur acceptus. Per*. 

2) fehlt 3. b) de e. 8. c) fehlt 3. d) a. omnibus 8. e) miniBterio 3. . f) ctgns — 
Patris /«Ä/< 2. g) d. a. p. eh. 8. h) Dies fehlt 8. i) e 2. k) dans 8. l)V||wtori 8. 

m) signis 8. n) concinant 8. o) fehlt 8. p} sedis illias 8. q) c. m. 2. r) m. in 

die 2. 8) feUt 2. t) in h. 8. c. fehU 8. u) fehU 2. y) valeat 8. w) fekU 8. z) fehU 8. 

K2 



76 G. WAITZ, 

[Benedidio *: Omnipotens Dens, qui te populi sui voluit esse rectorem, semper 
te caelesti benedictione sanctificans, aetemi regni faciat esse consortem. Besp.i Amen. 

Alia: Goncedatque tibi contra omnes fidei christianae bestes visibiles atque in- 
Tisibiles victoriam triumphalem et pacis et quietis ecclesiasticae felicissimum te fieri 
longe lateque fondatorem. Amen. 

Bern: Quatinus, te gubernacula regni tenente, populus tibi subjectas christianae 
religionis jura custodiens, tutns pace tranquilla perfruator, et te in consilio ^* regnm 
coUocato, aeterna felicitate ibidem tecum pariter gaudere mereatur. Amen. Qaod 
ipse prestare dignetur]. 

Post comm.: Haec, Domine, salutaris sacrificii pereeptio famuli tui N. peccatomm 
maculas diluat, et ad regendum secundum volontatem^ tuam populum® idonenm 
reddat, ut hoc salutari mysterio contra visibiles atque ^ invisibiles bestes reddator 
inyictus, per quod mundus est divina dispensatiohe redemptus. Per. 

Item^ alia missa^. 

Dens, cujus regnum est omnium seculorum, supplicationes nostras clementer 
exaudi, et christianissimi regis nostri^^ protege principatum, ut in tua yirtute con- 
fidens^, et tibi placeat et super omnia regna precellat. Per. 

Secreta: Sacrificiis, Domine, placatus oblatis, pacem^ tuam nostris temporibus 
clementer indulge. Per^. 

Post^ comm.: Dens, qui diligentibus te facis cuncta prodesse , da cordi» regia 
nostri inyiolabilem caritatis affectum , ut desideria de tua inspiratione concepta nuUa 
possint temptatione mutari^. Per. 



IL 
Formel der Königskrönung aus der Kölner Handschrift Nr. 141. 

ORDO AD CONSECRANDÜM REGEM. 

Quando novus rex a clero et populo sublimatur in regnum^ veniant cum magna 
processione in palatium^ et exeunte illo {halamum^ unus episcoporum dicat hanc ora^ 
tionem: Oremus. 

Omnipotens, sempiteme Dens, qui famulum tuum regni fastigio dignatns es 
sublimare, tribue ei, quaesumus, ut ita in hujus seculi cursu cunctorum in comf- 
mune salutem disponat, quatinus a tuae veritatis tramite non recedat. Per. 



a) Dies fehlt 2. a*) concilio 8. b) t. y. 8. c) p. illam 2. d) a. L fehlt 8. e) fehU 2. 
f) m. pro rege 2. g) chriBtianomm regam nostromm 8. h) fidentes et t. placeant et s. o. r« 
precellant 3. i) et p. 2. k) fehU 2. 1) Ad 2. m) eordiboB regom nostromm 8« n) inpediri 8« 




FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- ü. D. RÖMISCH. KAIS ER-KRÖNUNG etc. 77 

Postea susdpiant cum duo episcopi dextra levaque^ episcopaliter parati, eaeteri 
autem clerici sint soUempniter ctdomati; praecedente euangelio cum erticibus et in- 
eensoboni odoris, ducant eum ad ecclesiafn, canendo respofisorium: Ecce mitto ange- 
lnm. Vers.: Israel, si me. Äd osiium autem ecclesiae clerus suhsistat^ alter episco^ 
pus dicat orationem: 

Deus, qui scis genus humanuni nulla virtute posse subsistere, concede propi- 
tius, ut famulud tuus ill. , quem populo tuo voluisti praeferri , ita fulciatur tuo ad- 
jutorio, quatinus quibus potuit praeesse valeat et prodesse. Per Dominum. 

Introgressi autem decantent clerici antiphonam: Domine, salvum fac regem 
usque ad introitum chori, Ulis autem subsistentibtts, dicat metropolüanus: 

Omnipotens, sempiteme Deus, caelestium terrestriumque moderator, qui üamu- 
lum tuum N. ad regni fastigium provehere dignatus es, concede, quaesumuSi ut a 
cunctis adversitatibus liberatus et ecclesiasticae pads dono muniatur et ad aetemae 
pacis gaudia, te donante, pervenire mereatur. Per. 

Post haec inter manm episcoporum perductus in chorum^ usque ad altaris gror 
dus inccdat, cunctoque pavimento tapetibus et paüeolis contecto. Ibi afferantur re- 
galia et deponantur coram altari. 

Tunc interrogetur ipse princeps a metropolitano , si sanctas Bei ecclesias ae 
rectores earum necnon et cunctum populum sihi suhjeetum juste ac religiöse regaliprO' 
videntia juxta morem patrum suorum defendere ac regere velit. Ulo autem profir 
tentCy in quantum divino fultus adjutorio ac solatio omnium fidelium suorum vatuerit^ 
ita sc per omnia esse qcturum^ archiepiscopus addat legens coram omnibus^): 

A Yobis perdonari petimus, ut unicuique de nobis et ecdesiis nobis commissis 
canonicum Privilegium ac debitam legem atque justitiam conservetis et defensionem 
exhibeatis, sicut rex in suo regno unicuique episcopo et ecclesiae sibi commissae per 
rectum exhibere debet. 

Äd haec rex respondeat et taliter dicat*: 

Promitto yobis, sanctissimi^ patres, et perdono, quia unicuique de yobis et 
ecclesiis yobis commissis canonicum Privilegium et debitam legem atque justitiam 



&) Responsio regia R. b) s. p./aM R. 

1) Das Folgende hat Marlene U, S. 604 ex ms. cod. Ratoldi abb. Ck)rhejen8is nach folgen- 
dem Eingang: *Incipit percnnctatio sive electio episoopomm ac clericomm necnon populorom ad re- 
gem consecrandum siye ad benedicendum. Ammonitio episcopornm yel clericorom sea populorom 
ad regem dicenda ita legatur ab nno episcopo coram omnibos'. Dagegen beginnt der Angels. -ordo 
coronationis bei Taylor S. 896: *Incipit consecratio regis, quem de oonventa seniorom per mann« 
prodocant dno episcopi ad ecclesiam, et clems banc decantet antiphonam, duobos episoopis pre- 
oi nentibus. Ant. : Firmetnr manus tua , ut sopnu Yers. Gloria Patri. Quo finüenus ymnizato, res 
erigatur ' etc. S. unten die drei Versprechungen, welche hier angeführt werden. 



78 G. WAITZ» 

servabo et defensionem , quantum potuero adjuvante Domino, exhibebo, sicat 
in suo regno unicuique episcopo et ecclesiae sibi commissae per rectum exhibere debet. 

Deinde alloquantur duo episcopi populum in ecclesia, inquirentes eorum volun^ 
tatem^ si tali*^) principi ac rectori se subicere ipsiusque regnum firma fide stdbüire 
atque jussionihus optemperare velintj et si concordes taliter sunt in consecrcUiane 
quäliter fuerunt in electione. Ät^ si concordes invenerint^ agant gratias Deö^ et 
omnis plebs decantet: Kynrie eleyson. 

Post haec humiliter ante altare iotus in cruce prostrattts cum episcopis jaceat 
et presliteris, desuper clero l^taniam agente. Finita J^tania, e^igant se episcopi, et 
unus eorum dicat: 

Te ^) invocamus, domine sancte^ Pater omnipotens, aeteme Dens, ut hunc famn- 
lum tuum ^ N., quem tuae divinae dispensationis Providentia in primordio plasmatum 
usque in ^ hunc praesentem diem juvenili flore laetantem crescere concessisti , eum 
tuae pietatis dono ditatum plenumque gratia veritatis de die in diem coram Deo et 
hominibüs ad meliora semper proficere facias, ut Bummi regiminis solium gratiae 
supemae largitate gaudens suscipiat et misericordiae tuae muro ab hostium adver- 
sitate undique munitus plebem sibi commissam cum pace propitiationis et virtute 
victoriae feliciter regere mereatur. Per. 

Tunc^ alius episcopus appropians dicat orationem: 

Deus^), qui populis tuis virtute consulis et amore dominaris, da huie famula 
tuo^ spiritum sapientiae cum regimine disciplinae, ut tibi töto corde devotus in 
regni regimine maneat semper idoneus, tuoque munere ipsius temporibus. securitas 
ecclesiae dirigatur et in tranquillitate devotio christiana permaneat, ut in bonis ope" 
ribus perseverans ad aeternum regnum te duce valeat pervenire. Per*. 

Älit4s episcopus h 

In diebus ejus^ oriatiir omnibus^ aequitas et justitia, amicis adjutorium, in- 
imicis obstaculum, humilibus solatium, elatis correptio™, divitibus doctrina, pauperi- 
bus pietas, peregrinis pacificatio, propriis in patria pax et securitas, unicuique'^ se- 



a) si — in electione /«A/^ R. b) Et si c. fuerint, a. D. gr. omnipotenti decantantes Te 

Deom laudamus. Et dao episcopi accipiant eum per manas et deducant ante altare, et prostemet 
se usqae ad finem Te Deum laudamus. Invocatio super regem. R. c) f. illum q. T. d) ad B» 
fehlt T. e) prece R. f ) Item oratio R. Alia orat. T. g) tuo ill. T. h) Per Dominum T. 
i) Alia R. Alia oratio T. k) tuis T. 1) omnis T. m) correctio R. T. n) unumquemque T- 

1) *8i — velint' aus der Römischen Formel. 

2) Die drei folgenden Gebete stehen auch in der Formel des Pontifioale Egberti. Die Angeb. 
Formel bei Taylor fahrt nach den Versprechungen des Königs (S. 77 N. 1) fort: »Et he seqoentor 
orationes a singulis episcopis singule super regem dicende'. 

3) Dies auch in der Krönung Ludwigs, LL. I, 8. 644. 



FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- ü. D. RÖMISCH. K AISER-KRÖNÜNG etc. 79 

cundum suam mensnram ; moderate gubernans se* ipsum, sednle discat, ut tua^ irri- 
gatus compunctione toto® populo tibi^ placita praebere vitae possit^ ezempla, et per 
yiam veritatis cum grege gradiens sibi^ subdito, opes frugales abundanter adquirat^, 
simul ad salutem uon solum corporum sed etiam cordium a te^ concessa^ cuncta 
accipiat^. Sicque in te cogitatum animi cousiliumque omne componen8\ plebis ga- 
bemacula cum°^ pace simul et sapientia semper invenire videatur^, teque auxiliante, 
praesentis vitae prolizitatem percipiat ® et per tempora ^ bona usque ad summam 
senectutem perveniat^, hujusque fragilitatis finem perfectum^ ab omnibus yitiorum 
vinculis tuae' pietatis largitate liberatus, et infinitae prosperrtatis praemia perpetua 
angelorumque aetema commertia consequatur^. Per. 

Tunc consecret eum metropölitanus in haec verha^: 

Omnipotens ^) , sempiteme Dens, creator ac^ gubematur caeli et terrae, conditor 
et dispositor angelorum et hominum, rex regum et dominus dominorum^, qui Abra- 
ham fidelem famulum tuum de hostibus triumphare fecisti, Moysi et Josue tuo^ po- 
pulo praelatis multiplicem yictoriam tribuisti , humilem quoque puerum ^ tuum David 
regni fastigio sublimasti, eumque de ore leonis et de manu bestiae atque Goliae, sed 
et de gladio maligne Saul et omnium inimicorum ejus liberasti et Salemonem sapien- 
tiae pacisque ineffabili munere ditasti: respice propitius ad preces npstrae humilita- 
tis, et^) super hunc famulum tuum y, quemsupplici devotionein regnum * pariter eligi- 
mus, benedictionum tuarum dona multiplica eumque* dextera tuae potentiae semper 
nbique drcumda, quatinus praedicti Abrabae fidelitate firmatus, Moysi mansuetudine 
fretus , Josue fortitudine munitus, David humilitate exaltatus, sapientia ^ Salomonis de« 
coratus, tibi in omnibus complaceat, et per tramitem justitiae inoffenso gressu semper 
incedat; et totius regni® ecclesiam deinceps cum plebibus sibi annexis ita enutriat ac 
doceat, muniat et instruat, contraque omnes visibiles et invisibiles bestes idem potenter 
regaliterque tuae virtutis regimen ^ amministret, ut regale solium^ videlicet Saxonum * 



a) te i. sedale discatias T. sedalos R. b) supema T. c) toti R. d) Christi T. 

e) poBsis T. f) tibi T. g) hab. adqoiras T. h) Deo T. i) concessam R. k) acoipias T. 
1) coroponas ut p. T. m) gabernacolom p. T. n) videaris, Christo a. T. o) percipias T. 

p) temporalia T. q) pervenias T. r) supema p. L transcendas et T. s) conseqoaris auxi- 
liante domino nostro T. t) Consecratio regis R. — Cr. ab episcopo qui arcem tenuerit super cum 
diceuda T. u) et R. v) dominantium T. V9) p. t. T. z) D. p. t. R. T. y) t. ill. T. 

z) regnum N. Albionis totius, videlicet Franoorum R. regem Anglornm vel Saxo- 
num T. a) huDC T. b) S. s. R. T. o) Albionis R. hie totius regni Anglo-Saxo* 
Bum T. d) regimine R. e) Francornm sceptra R. v. An^loram vel Saxonum sceptra T. 

1) Aehnlich such LL. I, S. 544« 

2) LL. I, 544 fahrt fort: 'et hunc famolom toam virtutibos, quibus', wie unten S.60 Z. 8. 



80 G. WAITZ, 

Mercioram Nordanhunbrorumque^ Bceptra, non deserat, sed ad pristinae fidei pacis* 
quo concordiam eorum animos, te opitulante, reformet, ut utrorumque^ horum popn- 
lorum debita subjectione fultus , cum ^ digno amore per longum vitae spatium pater- 
nae apicem gloriae tuae^ miseratione unatim® stabilire et gubernare mereatur; tuae 
quoque protectionis galea munitus et scuto insnperabili jugiter protectus armisque 
caelestibus circundatus , optabilis Tictoriae triumphum de hostibus feliciter capiat» 
terrorem^ suae potentiae infidelibus inferat et pacem tibi militantibus laetanter re- 
portet. Virtutibus^) necnon^, quibus praeüatos fideles tuos decorasti, multiplici hono- 
ris benedictione condecora et in regimine regni sublimiter coUoca et oleo gratiae 
Spiritus sancti perunge^. 

Hic^^) unguratur oleo exorcufato, et canient clerici antiphonam: 

Unxerunt Salomonem Sadoch sacerdos et Nathan propheta regem in 6ion et^ 
[accedentes] laeti dixerunt: 'Vivat rex in aetemum'. 

Qua^ finita^ prosequatur archiepiscopusi 
unde ^) unxisti sacerdotes , reges et prophetas ac martyres , qui per fidem vicenmt 
regna et™ operati sunt justitiam atque adepti sunt promis8iones^ Cujus ^ sacra- 
tissima unctio super caput ejus deäuat atque ad interiora descendat et cordis illiua 
intima penitret^, et promissionibus, quas adepti sunt victoriorissimi reges, gratia toa 
dignus efficiatur, quatinus et in praesenti saeculo feliciter regnet et ad eorum con- 
Bortium in caelesti regno perveniat, per dominum^ nostrum Jesum Christum filiom 
tuum, qui unctus est oleo laetitiae prae consortibus suis et virtute crucis potestates 
aereas debellavit, tartara destruxit regnumque diaboli superavit et ad caelos yictor 
ascendit, in cujus manu victoria, omnis gloria et potestas consistunt, et tecam viyit 
et regnat Dens in unitate ejusdem Spiritus' sancti. Per omnia secula. 

Tost^ unctionem: 

Dens, electorum fortitudo et humilium celsitudo, qui in primordio per efiusio- 



a) nordan. humbroramque JSs. b) n. h. fe?Ut T. c) condigno a. glorificatas p. R. T. 

d) tu§ Hs. T. e) unita T. f) terroremque R. T. g) V. Christe hune g. T. h) per Do- 
minum in unitate ejusdem T. i) H. ungatur oleo. Antiph. R. H. unguatur oleo et heo cantetur 
antiphona. Udx. T. k) Nach et fügt die Hs, wie R. T. accedentes hinzUf das aber getilgt ist ; laeti 
fehlt T. 1) I^ics fehlt R. Quam sequatur oratio T. , wo der Anfang lautet : Christe perungua 
hone regem in regimen , unde. m) fehlt R. n) reprom. T. o) Tua T. p) So die A. 
q) dom. — secula fehlt T. r) Sp. Per. R. s) Alia R. T. 

1) Das Folgende LL. I, S. 544. 

2) Die Formel des Pont. Egberti lässt nach den oben angeführten drei Gebeten folgen : ' Hia 
verget oleum cum cornu super caput ipsius cum antiphona: ** Unxerunt Salomonem" et psal.: ^'Domino 
in virtute tua". Ünus ex pontificibus . . . . et alii unguant'. Und dann die Rede: 'Dens electorom'. 

8) So auch LL. I, S. 644. 



FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- ü. D. RÖMISCH. KAISER-KRÖNÜNG etc. 81 

nem diluvii crimina mnndi castigare voluisti et per columbam ramum oli^ae portan- 
tem pacem terris redditam demonstrasti iterumque Aaron famulum tuum per unc- 
tionem olei sacerdotem* sanxisti et postea per hujus unguenti infusionein ad regen- 
dum populum tuum^ Israheliticum sacerdotes, reges® ac^ prophetas perfecisti vul- 
tumque ecclesiae in* oleo ezhilarandum per propheticam famuli tui vocem David 
esse praedixisti, ita, quaesumus ,. omnipotens Pater, per hnjus creaturae pinguedinem 
hunc servurn tuum sanctificare tua benedictione digneris eumque in similitudine 
columbae pacem simplicitatis populo sibi commisso praestare et exempla Aaron in 
Dei seryitio diligenter imitari regnique fastigia in consiliis scientiae et aequitate 
judicii semper assequi vultumque hilaritatis per hanc olei onctionem, te adjuvante, 
totius plebis paratum habere facias. « Per. 

Älia : 

Dens ^), Dei filius, Jesus Christus dominus noster, qui a Patre oleo exultatio- 
nis unctus est prae participibus ' suis, ipse per praesentem sacri unguinis infusionem 
Spiritus paraclyti super caput tuum infundat benedictionem eandemque usque ad 
interiora cordis tui penitrare«^ faciat, quatinus hoc visibüi et tractabili dono invi- 
sibilia percipere, et temporali^* regno justis moderaminibus executo, aetemaliter cum 
eo regnare merearis^. 

Hie detur ei anultis a^ metropolüano : 

Accipe^ regiae dignitatis anulum et per hunc in te catholicae fidei cognosce 
signaculum , quia , ut hodie ordinaris caput ac princeps regni ac populi , ita perse- 
verabis^ auctor ac stabilitor christianitatis et christianae fidei, et') per hunc scias 
triumphali potentia hostes repellere, hereses destruere, subditos coadunare et co- 
necti^ perseverabilitati fidei catholicae, ut^) felix in opere, locuplex in fide, cum 
Rege regum glorieris in aetemitate. Per eum cui est honor et gloria per infinita. 

Sequatur oratio^: 

Deus, cujus est omnis potestas et dignitas, da famulo tuo pro spiritu suae 
dignitatis effectum, in qua, remunerante^ te, permaneat semperque te^ timeat tibi- 
que jugiter placere contendat. Per. 



a) fehU R. b) fehlt R. T. c) ac r. T. d) et R. T. e) Das Folgende fehlt in der 
Hs,, welcher T folgte indem 2 Blätter ausgefallen. f ) particibos Hs, g) 80 die Hs, g*) tem- 
poralia regna Hs. h) m. Per R. i) a m. fehU R. k) perseverabiÜB Hs. 1) et cath. f. 

pers. connecti R, wo nichts weiter. m) Oratio post analam datom R. n) te r. R. o) fehU R« 

1) Diese Rede auch in der Römischen Formel und der des Pont. Arel. 

2) Dies aus der Römischen Formel, abweichend von R (der Angelsächsischen). 

S) Dies aus R, wo es heisst: 'Accipe anulum, signaculum vid. sanctae fidei, soliditatem regni, 
augmentum potentiae , per quae scias' etc. 
4) Dies aus der Römischen Formel. 

Histor.-phüol. Glosse. XVUI. L 



82 G. WAITZ, 

Postea * ab episeopis ensem acdpiat, dicente metropolitano : 

Accipe ^) gladium per xnanus episcopornm, licet indigiias , vice tarnen et aiicto* 
ritate sanctonim apostolomm consecratas , tibi regaliter impositum nostraeque bene* 
dictionis officio in defensionem sanctae Dei ecciesiae divinitus ordinatum; et esto 
memor, de quo psalmista prophetavit, dicens: 'Accingere gladio tuo super femur tuum, 
potentissime'y ut in hoc per eundem yim aequitatis exerceas, molem iniquitatis po» 
tenter destmas et sanctam Dei ecciesiam ejusque fideles propugnes ac protegas , nee 
xninus sub fide falsos quam christiani nominis bestes execres ac destruas, viduas et 
pupillos clementer adjuves ac defendas, restaures desolata, conserves restaurata, nl* 
dscaris iDJusta, confirmes bene disposita, quatinus haec in agendo, virtutum triumpbo 
gloriosus justitiaeque cultor egregius, cum mundi Salvatore, cujus typum geris in 
nomine, sine fine merearis regnare, qui cum Patre et Spiritu sancto vivit. 

Quo^ accincio, sequatur oratio^: 

Dens, qui Providentia tua caelestia simul et terrena moderaris, propitiare chri» 
stianissimo regi ncstro, ut omuis hostium suorum fortitudo virtute gladii spiritualis 
frangatur ac, te pro illo pugnante, penitus conteratur. Per filium® tuum dominum 
DOstrum. 

Post ^ haec metropolüanus coronam capiti regia cum episeopis imponat et dicat 
haec verba: 

Accipe') coronam regni, quae, licet ab indignis, episcoporum tamen manibur 
capiti tuo imponitur, quauque sanctitatis gloriam et honorem et opus fortitudinis 
expresse signare intelligas, et per hanc te participem ministerii nostri non ignoreSi 
ita ut , sicut nos in interioribus pastores rectoresque animarum intelligimur, tu quo- 
que in exterioribus verus Dei cultor strenuusque contra omnes adversitates ecciesiae 
Christi defensor regnique a Deo tibi dati et per officium nostrae benedictionis vice 
apostolomm omniumque sanctorum tuo regimini commissi utilis executor regnator^ 
que perspicuus semper appareas, ut inter gloriosos athletas virtutum gemmis oma* 
tus et praemio sempitemae felicitatis coronatus, cum redemptore ac salvatore Jesa 
Christo, cujus nomen vicemque gestare crederis, [sine*] fine glorieris, qui vivit et 
imperat deus cum Deo patre in unitate Spiritus sancti. Per. 



a) Hie ciDgator ei gladins ab archiepiscopo R. b) Oratio post [datum T.] gladiam R.T* 

(die Hb. geht in der vorhergehenden Rede = R weiter), o) f. t. d. n. fehlt T. d) ffio 

coronetnr R. Hio coroDetor rex eiqae dicatar T (die Rede bei beiden eine andere: Coronet de 
Pens etc.)* e) fehlt Hb, 

1) Dies ans der RömiBchen FormeL 

2) Dies aus R. 

8) Dies ans der Römischen FormeL 



% 



FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- ü. D. RÖMISCH. KAISER-KRÖNÜNO etc. 83 

Sequitur^): 

Dens perpetultatis, duz virtutum, cunctoram hostium victor, h^enedic haue 
famulum tuum^ tibi caput suum inclinantem^ et prolixa sanitate et prospera eum 
felicitate^ conserva, et ubicunque veH pro quibuscanque aoxiliam taum inyocaverit, 
cito assis et protegas ac defendas. 

Tribue«, quaesumus, Domine, ei divitias gratiae taae, comple in bonis de- 
siderium ejus, Corona eum in miseratione' et misericordia , ut' tibi domino pia de«- 
votione jugiter^ famuletur. Per'**. 

Hie detur ei^ sceptrum^: 

Accipe') sceptrum, regiae potestatis^ insigne, virgam scilicet rectam"* regni, 
yirgam virtutis, qua te ipsum bene regas** 8anctamque<> ecclesiam et^ populum vide- 
licet^ christianum tibi a Deo commissum regia yirtute ab improbis defendas, pravos 
corrigas, rectos pacifices et ut viam rectam teuere possint tuo juvamine dirigas, 
quatinus de temporali regno ad aeternum regnum pervenias, ipso adjuvante, cujus 
regnum et imperium sine fine permanet in secula seculorum. 

Sequitur^ oratio: 

Omnium, Domine, fons bonorum cunctorumque, Dens, institutor profectuum, 
tribue, quaesumus, famulo tuo" adeptam bene regere^ dignitatem, et a te sibiprae- 
stitum^ honorem dignare corroborare, honorifica eum prae cunctis regibus terrae % 
uberi eum locupleta^ benedictione, et in solio regni consolida' firma stabilitate, 
visita eum in sobole, praesta^r ei prolixitatem yitae, in diebus ejus semper oriatur" 
justitia, ut cum jocunditate et laetitia aeterno glorietur in regno. Per*. 

Twwcb detur ei virga: 

Accipe') virgam virtutis atque aequitatis, qua intelligas mulcere pios et ter- 
rere reprobos, errantes viam docere lapsisque manum porrigere, disperdasque su- 
perbos et releves humiles; et* aperiat tibi* dominus noster Jesus Christus ostium, 

a) t. ill. T. b) humiliter i. T. o) f. e. R. T. d) fehU R. e) Tr. ei q. D. d. R. T. 
f ) m. et fehit T. g) tibique R. m. tua ut t. T. h) fehlt R. T. h*) Per Dominum R. Per 

etc. T. i) eique dicatur fügt T. hinzu. k) fehU R. regi T. 1) majestatis R. m) regni 

rect. T. n) geras R. o) que fehU R. et b. T. p) popalnmque R. T. q) fehlt R. 

r) Oratio post sceptrum R. Oratio saper regem postqaam datum faerit ei sceptrum T. s) tuo 

ill. R. T. t) gerere R. u) praestitutum R. concessum T. v) Brittanniae T. w) b. 1. 
R. T. x) f. st c. R. T. y) et p. T. z) superioratur T. a) Per dominum nostrnm Jesum 
Christum R. Per etc. T. b) Hie regi virga detur eique dicatur T. c) doce — porrige R. T. 
d) ut T. e) t. ost, J. Chr. d. n. R. T. 

1) Aus R, wo: * Oratio post coronam; Oratio super regem postquam oorona fuerit inposita 
super Caput ejus'. 

2) Auch in der Krönung Ludwigs, LL. I, S. 644. 

8) Diese Rede auch in der Römischen Formel und der des Pont. Arel. 

L2 



84 G. WAITZ, 

qni de se ipso ait: 'Ego sum ostimn; per me si qnis introierit, salyabitur*, et ipse, 
qui est clavis David et sceptrum domus Israel, qui aperit et nemo claudit, claudit 
et nemo aperit, sit* tibi adjntor, qni eduxit^ vinctnm de domo carceris, sedentem 
in tenebris et nmbra mortis; et^' in omnibus seqni merearis enm, de quo David' 
propbeta cecinit: 'Sedes tua, Dens, in seculum seculi, virga aeqnitatis® virga 
regni tui^; et^ imitando ipsum^, diligas justitiam et odio habeas iniquitatem; quia^ 
propterea nnzit te Dens , Dens tuus , oleo laetitiae ad exemplum illins, quem ante 
secnla nnxerat oleo^ exultationis prae participibns suis, Jesum Christum dominum 
nostmm, qui^ vivit. 

Tunc henedicat^ cum metropolitanus: 

Extendat^) omnipotens Deus^ dexteram suae benedictionis et efiEundat super 
te donum suae protectionis et circumdet^^ muro felicitatis ac custodia suae propi- 
tiationisP, sanctae Mariae ac beati Petri apostolorum principis sanctique Gregorii« 
atque omnium sanctorum intercedentibus meritis^ Amen. 

Indulgeat tibi Dominus omnia mala, quae gessisti, et tribuat tibi gratiam et 
misericordiam , quam bumiliter ab eo deposcis, et' liberet te ab adversitatibus cunc- 
tis et ab omnium ^ inimicorum ^ visibilium et invisibilium insidiis. Amen. 

Angelos suos bonos semper et ubique, qui te praecedant, comitentur et sab- 
sequantur, ad custodiam tui ponat et a peccato seu gladio et ab omnium periculo- 
nun discrimine sua potentia^ liberet. Amen. 

Inimicos tuos ad pacis caritatisque benignitatem convertat et bonis omnibus te 
gratiosum et amabilem faciat, pertinaces quoque in tui insectatione et odio confu* 
sione salutari induat; super te^ sempitema sanctificatio floreat. Amen. 

Yictoriosum te atque triumphatorem de invisibilibus atque visibilibus hostibus 
semper efficiat et sancti nominis sui timorem pariter' et amorem continuo^ cordi 
tuo iofundat et in fide recta ac bonis operibus perseverabilem reddat, et pace in 
diebus tuis concessa, cum palma victoriae te ad perpetuum regnum perducat. Amen. 

Ut', qui te voluit super populum suum constituere regem , et in praesenti se- 
culo felicem aetemae* felicitatis tribuat esse consortem^ 

Quod ipse praestare dignetur^. 

a) Sitque corr. Sit Hb. b) edndt R. T. c) ut R. T. d) p. D. R. T. e) v. recta 
est V. T. f } Imitare T. g) i. qui dicit d. R. T. h) fehU R. T. i) DominnB T. 

k) o. e. fehlt R. T. 1) q. v. fehlt R. T. m) Tano dicatar benedictio R. Benedictio ad regem T. 
d) Dominus T. o) c. te R. T. p) protectionis T. q) Angloram apoBtolici fUfft B 

hinzu, und ebenso Seiden p. 189 (apostoli T). r) h. ind. — gessistL Amen R» a) ut T. 

t) omnibus T. u) o. et i. inim.R.T. v) te p. T. w) t autem s. semp. R. T. j^ fMt B. 
y) continuum T. z) Et R. T. a) et aet T. b) o. Amen R. c) fehlt T. 

1) Auch LL. I, S. 544. 




,f 



FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- U. D. RÖMISCH. KAISER-KRÖNUNG etc. 8ö 

Item^) sequitur dlia*: 

Benedic, Domine, hunc regem nostrom^ qui regna onmiam^ moderaris a se- 
cdIo , et tali eum benedictione glorifica, ut Daviticae ^ teneat sublimitatis sceptmm ^ 
et glorificatus in ejus protinus reperiatur merito. Amen. 

Da ei, domine' Jesu, in? tuo spiramine cum^ mansnetudine ita regere popu* 
lum, sicut Salomonem fecisti regnum optinere pacificum. Amen^ 

Tibi semper cum timore^ sit subditus, tibique militet cum quiete, sit tuo 
clypeo protectus cum proceribus, et ubique tua"' gratia victor existat. Amen« 

Honorifica^ eum prae cunctis regibus gentium, feliz in populis dominetur, et 
feliciter eum omnes nationes adornent. Vivat inter gentium catervas magnanimos, 
Bit in<^ judiciis aequitatis singularis. Amen. 

Locupletet eum tua praevidens ^ deztera, fruetiferam^ optineat patriam, et 
ejus liberis tribuas^ profuturam. Amen. 

Praesta ei prolixitatem vitae per tempora, et in diebus ejus oriatur Justitiar 
a te robustum regiminis^ solium teneat, et in aeterno regno glorietur cum jucun- 
ditate et justitia. Amen. 

Quod ipse praest. 
Deinde ^ coronattis honorifice deducatur ad solium , et accijpiat stationem SiMm^ 
dicente metropolitano: 

Sta et retine amodo locum ^, quem hucusque patema snggestione l tenuisti, 
baereditario jure tibi delegatum per auctoritatem Dei omnipotentis et per praesen- 
tem traditionem nostram, omnium scilicet episcoporum caeterorumque Dei servorum. 
Et quanto clerum sacris altaribus propinquiorem prospicis, tanto ei potiorem in lo« 
eis congruis bonorem impendere memineris, quatinus Mediator Dei et hominum te 
mediatorem cleri et plebis in hoc regni solio confirmet et in regnum ' aetemum 



a) I. alia benedictio R. Alia T. b) h. praesnlem prineipem E. R. praelectnm prinoipem T. 
c) r. regrom o. a 8. m. Amen E. r. o. regom a 8. m. Amen R. T. d) Davidicnm K Davitioa — 
snblimitate R. T. e) 8C. salntis ut 8anctificataB pr. r. in merita. Da E. — sc. salaüa et sanotificae 
propitiationi8 munere reperiatar locnpletatna R. T. f) d. J. fshU E. R. T. g) a TLfehli T. 

L) c. m. i. fehlt R. T. i) Amen. Quod ip8e praestare (dignetnr T) R. T, tro da» Folgende fehU. 
]c) tremore E. 1) quieto regno E. m) n. maneat sine pngna ▼. K n) Statt hononfica — 

adornent hat E.: Sis ei contra aeies — aempitemas. Amen, wie unten, o) Sit ei in j. aeqmtaa 
a. E. p) praedita E. q) frugalem cont. E. r) snis £• a) tribnat profatura E. t) Da K 
n) j. Amen. A E. v) t. r. 8. at. c. g. et j. a. gl. in r. E, wo noch weitere Od^ete folgen. 

v) Regi8 Status designatus R. Designatio atatns regia T. z) statnin T. y) So fär socoeiBiozie 
M$. R und T. z) regno aeterno T. 

1) Daa Folgende hat Martene auch S. 697 ans dem Pontificale Egbert! (E). 



86 G. WAITZ, 

secum regnare faciat Jesus Christas dominus noster, rex regum et dominus 
tium, gui cum Deo*. 

Et dicat archiepiscopus audientibus omnUms^): 

Bectitudo regis est noviter ordinati et in solium sublimati, haec tria prae-^ 
cepta^ populo christiano sibi subdito praecipere. In primis, ut ecclesia Dei et po-^ 
pulus« Christianus veram pacem seiret^ in omni tempore®. Aliud est^ ut rapacita- 
tes et omnes iniquitates Omnibus gradibus interdicat^. Tertium est', ut in omnibus 
judiciis aequitatem et misericordiam praecipiat^, ut illi^ et nobis indulgeat suam^ 
misericordiam clemens et misericors Dens, qui^ cum Patre. 

Et ■* *) dicat rex tertio : Sic * fiat. Tunc det omnibus osculum pacis. Cunctus 
autem coetus clericorum tali rectore gratülans sonantibtis signis alta voce personent: 
Te Deum laudamus. Tunc metropolitanus celehret missam cum plena processione. 

Missa: Dens, qui miro ordine universa disponis et ineffiibiliter gubernas, 
praesta , quaesumus , ut famulus tuus ille haec in hujus seculi cursu implenda de- 
cemat, unde tibi in perpetuum placere praevaleat. 

Secreta. Goncede, quaesumus, omnipotens Dens bis sacrificiis salutaribus pla- 
catus, ut famulus tuus ill. ad peragendum regalis dignitatis officium inveniatur sem- 
per idoneus et caelesti patriae reddatur acceptus. Per. 

B(enedictio) archipraesulis : 

Benedicat tibi Dominus custodiatque te , et sicut yoluit te super populum suum 

a) Patre et Spiritus sancti B. Patre et Spirita sancto T. b) fehlt R. c) omiiis p. £. R. T. 
d) servent E. servans B. nostro arbitrio in o. t. 8. T. e) Amen ßigt £ hier und nach den beiden 
andern Sätzen hinzu. f ) fehlt T. g) interdicam T. h) praeoipiam — mihi et vobis T. 

i) per hoc n. E. k) m. 8. E. sua miserioordia B. 1) q. c. P. und alles Folgende fehU £. qni 
vivit T. m) Et tone deoBcnletor omnem olerum populumque et dicat onasquisqae: Vivat res 

feliciter in sempitemum, tribus vicibos: Yivat rex, ut supra, et post eaangelium offerat rex ad 
TPftTiPTn archiepiscopi oblationem et vinom, et sie peragatur missa suo ordine. Deinde commonice* 
inr ab archiepiscopo corpore et sangoine Christi, et sie referant Deo gratias. Post pergont ad 
mensam B. n) Sit JSt. 

1) Ygl. Martene ex pontif. Egberti S. 599 mit der üeberschrift: 'Primum mandatom regis ad 
popnlam hie videre potes; ex cod. Batoldi ohne alle Üeberschrift. — In dem Formular bei Taylor 
za Anfang (s. oben S.77 N.l): 'et ab episcopis et a plebe electus, hec tria se servaturum jura promittat 
et clara voce coram Deo omnique populo dicit : Haec tria populo ehr. et mihi subdito in Christi promitto 
nomine'. Hier folgt bei T.: ^Sequitnr oratio: Omnipotens Deus det tibi de rore coeli — super te, 
per' etc. und: Alia or. Benedic, Domine, fortitudinem — in sempitemum fiat, per Dominum*. 

2} Das Pont. Egb. hat nach der Aufsetzung der galea: 'Et dicat omnis populus tribus yicibos 
cum episcopis et presbyteris: Yivat rex N. in sempitemum. Tunc confirmabitur cum benedictiontt 
omnis populus , et osculandum principem in sempitemum (?) dicit : Amen. Amen. Amen. Tuno di« 
cunt orationem; septimam supra regem: Deus perpetuitatis auctor' etc., geht in die Messe über, 
und dann folgt das primum mandatum (N. 1). 



\. 



FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- ü. D. RÖfflSCH. KAISER-KRÖNUNG etc. »7 

esse regem , ita in praesenti seculo felicem et aeternae felidtatis tribnat esse con- 
sortem. Amen. 

Clenim ac popnlum, quem sna voluit opitnlatione in toa sanctione congregari, 
sna dispensatione et tua amministratione per diutuma tempora faciat felidter gor 
bemari. Amen. 

Quatinus divinis monitis parentes, adversitatibus carentes, bonis omnibns ex- 
nberantes, tuo imperio fideli amore obsequentes, et in praesenti seculo tranquiUi- 
täte fruantur et tecum aetemorum civium consortio potiri mereantur. Amen. 

Quod ipse praesta. 

Post comm.: Haec, Domine, salutaris sacrificii perceptio famuli tni ill. pecca» 
torum maculas dilnat et ad regendum secundum tuam volnntatem populum idonenm 
illum reddat, nt hoc salutari misterio contra visibiles atqne invisibiles bestes red- 
datur invictus, per* quod mundus est divina dispensatione redemptus. Per. 

In hac missa offerai rex ad manus archi^iscqpi panem et vinufHj et completa 
missa cammunicetur^ et sie agat J)eo gratias. 



m. 

Krönungsformeln eines späteren Fontificale. 

Ordo Bomanus ad benedicendum regem vel reginam, impera- 
iorem vel imperatricem coronandos. 

Cum rex in imperatorem electus venit Bomam ad suscipiendam ibi imperii 
coronam , quando primo deseendit de monte Gaudii et pervenit ad PaniiceUum, conr 
suevitj libro euatigeliorum caram se positOj hoc juramentum prestare Bomanis^ di^ 

cens ita: 

Ego N. fütarus rex imperator joro, me servaturum Romanis bonas consnetadi- 
nes suas. Sic me Dens adjuvet et hec sancta Dei euangelia. 

deducunt eum usque ad ecclesiam sanete Marie viriutibus, ubi, subd. euangelii textum 
ante altare tenente, rex ipse prestat super iUum corporaliter hujusmodi juramentum: 
Ego N. rex Romanorum, annuente Domino futurus imperator, promitto, spon* 
deo, polliceor atque juro coram Deo et sanctis ejus et beato Petro , me de cetero 
protectorem atque defensorem fore sanete Romane et apostolice ecciesie et tui talis 
summi et ejusdem ecciesie pontificis et successorum tuorum in omnibus necessitati- 
bus et utilitatibus vestris, custodiendo et conservando possessiones , bonores et jura 
yestra, quantum divino fultus adjutorio potero secundum scire et posse meum recta 
et pura fide. Sic me Dens adjuvet et hec sancta Dei euangelia. — 



88 G. WAITZ, 

[Er erhält auch sceptrum et pomum aureum — Schluss]: 

Consuevit autem imperator larga presbiteria omnibus Ulis ordinibtis extbere^ 
quibus ea cum coronatur summus poniifex elargitur^ videlicet episcopis^ presbiteris et 
diaconibus cardindlibtis et omnibus prelatis, primicerio et cantoribus, stdbditiconibus^ 
basilicariis^ regionariis et universitati cleri JRomani^ capellanis et cleris officiälibus 
et ministerialibt4S cufie, prefecto urbis^ senatoribus, judicibus^ advocatis et scriniariia 
ac prefectis novalium. 

De regina Bubrica. 

Si vero regina in imperairicem benedicenda et coronanda sit^ ipsa post regis 
ingressum a duobis cardinalibus deducta ingreditur ecclesiam — — — — — — 

et tunc ad thalamum reducta ibi pemianeat usque ad finem misse. 

De benedictione et coronatione aliorum regum et reginarum 

Rubrica. 

Cum alius rex benedicendus et coronandus est^ omnes episcopi regni conventF- 
unt ad civitatem metropolitanam vel regiam, in qua hoc fieri consuevit; ipse vero 
rex benedicendus et coronandus triduanum devote peragat jejunium in ebdomada 
precedenti^ videlicet 4. et 6. feria ac sahbato. Die autem dominica^ qua benedicen'- 
dus et coronandus est^ omnes episcopi conveniant mane in ecclesia^ in qua hoc fieri 
debetj et metropolitanus paret se sollempniter cum ministris sicut missam celebraturus^ 
episcopi vero parent se amictibus suppelliciiSy vel albis si velint stolis, pluvialibus et 
mitris. Ipse vero totus ablutus esse debet corpore et mundus mente. Tunc duo ex 
episcopiSj priores videlicet, cum hinc inde deducentes offerunt metropolitano coram 
altari super faldistorium residentij aliis episcopis coronam seu circulum facientibus^ 
et coronando in medio Hierum constitutOy tunc alter deducentium dicit alta voce in 
tono lectionis: Beverende pater, postuIat mater ecclesia, ut präsentem egregiam 
militem ad dignitatem regiam sublevetis. Tunc interrogat metropolitanus: Scitis, 
illum esse dignum et utilem ad haue dignitatem? Uli vero respondent: Et novimas 
et credimus, eum esse dignum et utilem ecciesie Dei et ad regimen hujus regni. Et 
respondent omnes: Deo gratias. Et mox instruitur Hie publice ; et diligenter admoneat 
de fide, dilectione Dei^ de saluhri regni et populi regiminCy de defensione ecclesiarum 
et miserabilium personarum et similibus , exponendo sibi insuper condicionem digni^ 
tatis sue et regalis statte. Quo facto , publice facit hanc prephadonemi 

Ego ^) N. profiteor prestare. Et hec omnia super hec sacrosancta Dei 

euangelia tacta me veraciter observaturum juro. 

Hiis expeditis, eo se profunde inclinante, dicit excelsa voce metropolitantis in 
modum orationis quod sequitur^ et quodcumque ipse dixerit dicunt et alii episcopi 
voce sübmissa. Oratio: 



1) Yergl. das Formular des Pontifioale Arelatense, Martene S. 684. 



I -».1 



FORMELN D. DEÜTSCff. KÖNIGS- ü. D. RÖMISCH. KAISER-KRÖNUNG eta 89 

Omnipotens, eterne Dens, creator salusque populorum, qui 

tecum yivit et regnat. Besp.: Amen. 

Post hec rege coram altari ad terram prostrato et metropoUtano et episcopis 
super fcMistoria cum mitris accumbentibus^ cantores incipiunt; cumque dixerit: ^Ut 
obsequium servitutis nostre\ iunc metropolitanus se erigenSy producta super illum 
signo cruciSj didt: 

Ut hunc electum in regem coronandnm bene 4H dicere digneris, te. 

Secundo dicit: benedicere et conse 4H crare digneris, te. 

Idemque dicunt et faciunt episcopij et a choro responsio* redit ad accübitum^ 
cantoribus resumentibus et prosequentibus letaniam. Qua finita^ metropolitanus sur- 
gens, illo et episcopis prostralis remanentibus , annunciat: 

Pater noster. Et ne nos in. Sälyam fac serynm tuam. Domine. Esto ei, 
Domine, tnrris fortitudinis. Nichil proficiat inimico in eo. Domine, exaudi. Domi« 
nus Yobiscum. 

Oratio: Oremus. Tretende, quesumns, Dömine : asseqoi mereatur, 

per Dominum. Resp.: Amen. 

Älia oratio: Acciones nostras, quesumus, Domine, aspirando. Require supra 
in titulo de benedictione abbatis. 

Post hec metropolitanus inungit in modum crticis cum oleo exorcieato dextrum 
illius brachium et inter scapulas, dicens legendo. Oratio : 

Dens, Dei filius, Jesus Christus dominus noster etc. Bequire supra sub ordi» 
natione imperatoris. 

Item alia oratio: 

Oremus. Omnipotens, sempiteme Dens — — et gloriam tui nominis 

gloriosi; per dominum. Resp.: Amen. 

Quo facto j scola inchoat et proseqüitur antiphonam ad introitum ad missam» 
Tunc rex vel in sacristania ^ vel sub papillione ad hoc parato induitur regalibus indu^ 
fnentis; induit ei super vestes oommunes lineam sive amplam camisiam lineam ad 
similitudinem albe^ amphibalum mundum^ novum et candidum — et est amphibalu^ 
vellosa vestis — ac destiper marinam purpuram auro ac gemmis decoratam. Para^ 
tus itaque rex et ornatus procedit cum suis prelatis et baronibus ad solium suum ' 
eminentem ornatum, sibi in ecclesia preparatum, et dicta coUecta officio diei compe- 
tentij dicit hanc orationem pro ipso rege: 

Dens regnorum omnium etc. Require supra in titulo sub ordinatione imperatoris. 

Beinde graduale et alleluia cantatis^ regi coram altari reducto metropolitanus 
dat gladium sub forma in eodem titulo scripta^ ubi sie fieri mos est. Deinde Corona 



a) respoDso Hs, b) sacristam Hs, 

Eistor.'philol. Classe. XVIIL 



M 



90 G. WAITZ, 

ei impanitur hoc modo. Omnes ei episcopi qui adsunt manihus suis eam de aUo/ri 
per metropolitanum sumptam tenentj ipso metropolitano illam regente et capiH iOiua 
imponentej dicendo. Oratio: 

Accipe coronam regni cum Deo patre in secula seculorum. Eesp.: Amen* 

Postea dat ei ibidem sceptrum, dicens super eum genua flectentem. Oratio: 

Accipe yirgam virtutis participibus suis Jesum Christum dominum 

nostrum, qui cum eo vivit et regnat. Resp.: Amen. 

Post hec metropolitanus et untis episcoporum deducunt illum ad sölium sive 
thdlamumy intronizantes sive ponentes eum ibi et dicentes: 

Sta et amodo retine locum tibi dominus dominancium , qui cum Deo 

Patre et Spiritu sancto vivit et regnat. Resp.: Amen. 

Deinde metropolitanus inchoat, scola prosequente: Te Deum laudamus. Q!UO 
finito, dicit super eum. Versus: Firmetur manus tua et exaltetur dexteratua. Resp.i 
Justida et Judicium preparatio sedis tue. — Domine, exaudi orationem meam. 

Oremus. Deüs qui victrices Moysi manus timere condiscat per eundem« 

Resp.: Amen. 

Item alia ienedictio: Dens inenarrabilis, auctor. Require supra in coronatione 
imperatoris. 

Omnibus igitur expeditis, eo in solio cum regalihus insigniis et regni magnati" 
hus ecciesiasticis et mundanis residente, legitur euangelium, et dicto officio, vadU ad 
offerendum. 

Secreta est: Suscipe Domine preces etc. Post communionem est: Dens, qui ad 
predicandum etc. Require supra in titulo de coronacione imperatoris. 

De ienedictione et coronatione regine. 

Si vero regina ienedicitur et coronatur , hoc ordine proceditur. Rege enim 
presente ei eam ienedici et coronari jubente, ipsa statim, eo coronato, crine soluto et 

capite cohoperto a duohus episcopis deducitur ante altare Qui vivit et regnat. 

[Darauf folgt: 
f. 123^. De Ienedictione principis sive comitis palatini Ruhr."] 



IV. 

Gebete für den König. 

Renedictio super principem. 
Deus^), qui congregatis in tuo nomine famulis te medium esse dixisti, Corona 
vallante, da gratinm sacerdotibus , quam Abrahe in holocausto, Moysi in exercitn, 

1) Vgl. oben S. 66, wo ein coirecterer Text sich findet. 



k 



W^V-i 



FORMELN D. DEUTSCH. KÖNIGS- ü. D. RÖMISCH. KAISER-KRÖNÜNG etc. 91 

Heliae in heremo, Samuhel meroit crinitus in templo. Concede, Domine, concor- 
diam, quam inspirasti patriarchis, predicasti prophetis, tradidisti apostolis, man* 
dasti yictores. 

Benedic, Domine, hunc principem nostrum ilL, quem ad salutem populi nobis 
fruBti concessus , fac eum annis esse mnitiplicem , ut cum maximo roboris corpore 
vivat , [ad ^] finem ultimum pervenire possit aetatis. Sit nobis fid«cia obtinere [gra- 
tiam*] pro populo, quam Aaron in tabernaculo, Heliseus in fluvio, Echethias in 
lectulo, Zacbarias vetulus^ impetravit® in filio. Sit nobis regendi [auctoritas »], 
qualiter Josu§ in castris, Gedeon sumpsit in* proelio, Petrus accepit in clave, Paulus 
est usus in dogmate, et ita pastorum cura proficiat, sicut Isaac in fruge, Jacob 
est dilatus in grege; per Dominum. 

Benedictio regdlis. 

Dens , qui yictrices Moysi manus in oratione firmasti , qui , quamvis aetate la- 
scesceret, infatigabili sanctitate pugnabat, dum Amelech iniquus vincitur, dum pro- 
fanus nationum populus subjugatur, ut exterminatis alienigenis hereditati tuae pos- 
sessio copiosa serviret®, babemus et nos apud te, sanctae pater, dominum Salvato- 
rem, qui pro nobis manus suas tetendit in cruce, per quem etiam precamur, Altis- 
sime, ut ejus potentia sufifragante universorum bostium frangatur impietas populus- 
que tuus, cessante formidine, te solum timere condiscat Per. 

Dens ^) inenarräbilis , auctor mundi, conditor generis bumani, gubernator im- 
perii, confirmator regni, qui ex utero fidelis amici tui patriarcbae^ [nostri Abrabae] 
prelegisti reges 8^ seculi profuturos^, tu presentem insignem^ bunc^ regem ill. cum 
exercitu suo per intercessionem omnium^ sanctorum uberrime^ locupleta et in so- 
lium regni firma stabilitate conecte". Visita eum interventu*^ sanctorum omnium, 
sicut Moysen in rubo ®, Josue in agro, Gedeon p in agro, Samubel crinitum ^ in templo. 
Et illa eum promissione syderea' ac sapientiae tuae rore perfunde, qua beatus Da- 
vid rex^ psalterio, Salomon filius* percepit e caelo. Sis ei contra acies'* inimico- 
rum lurica, in adversis galea, in prosperis patientia, in protectione clyppeum sem- 
piternum. Et presta, ut gentes illi teneant^ fidem, proceres^ atque obtimates habe- 
ant pacem. Diligat' caritatem, abstineat se a cupiditate, loquatur justitiam et7 . 



a) fehlt Ha. b) vitulus Hs, c) imperayit Ha. d) im Ha, e) servirit Ha, f) pa- 
triarcha Ha. ^ wo n.A, fehlt, g) regem profuturis Ha, h) fehlt M. i) r. h. i. M. k) s. o.M. 
1) uberi beDedictione M. m) conecti Ha. n) interventom Ha. i. 8. o. fehlt M. o) rabro Ha, 
p) Jesu Nave praelio M. q) crinitus Ha, r) sydere Ha, s) ex Ha. in p. M. t) f. ejus te 
remunerante p. M. u) actus Ha. v) servent M. w) procedis Ha. p. soi h. p. M. 

x) diligant — abstineant — loquantur — custodiant M. y) fehlt M. 

1} Das Folgende auch Martene S. 600 aus einem Cod. mon. s. Theodorici prope Remos« 

M2 



92 G. WAITZ, 

ustodiat yeritatem. Ita*^ populus iste pollulet, coalitus^ benedictione aetemitatiSi 
ut sempor permaneant^ annis gaudientes in pace victores per^ Dominum« 

Dens, pater gloriae, sit adjutor tuas, et Omnipotens bene ^ dicat tibi, preces tuas 
in cunötis ^i exaudiat et vitam tuam longitudine ® dierum 4> adimpleat, thronum regni tui 
jngiterHH firmet. Et gentem populumque tuum in aeternum conservet. Inimicos tioos 
Gonfusione induat, et super te Christi sancti4<ficatio floreat, ut qui tibi tribuit' in ter- 
ris imperium, ipse in caelis inferat meritam angelorum. lUe te bene ^ dicat, qui de 
caelo dignatus est descenderein terris, geaus humanum redimere. Bene *{« dicat tä et 
4h custodiat in vitam aetemam, qui regnat cum Patre in unitate Spiritus sancti in se- 
Gula seculorum. Amen. 



a) et ita M. b) quodalitus Hg. c) maneant tripadiantes in M* d) Q^od ipse IL 

e) longitadinem Ssm f ) tribuet JSis. 



Berichtigungen. 
8. 87 Z, 267m«; dignetur. — 8. 42 Z. 1 lies.- verenter. 



■:.M 



b 



/ 



Das Gebiet von Medina. 

Nach Arabischen Geographen beschrieben 



von 



Ferdinand Wüsknfeld. 



Vorgelegt in der Sitzung der Eönigl. Ges. d. Wies, am 3. Mai 1873. 

JJie von mir herausgegebene , »Geschichte der Stadt Medina^)** beschränkt 
sich in topographischer Hinsicht auf die Stadt und ihre nächste Umge- 
bung und die Abhandlung „über die von Medina auslaufenden Haupt^ 
Strassen'' enthält die Beschreibung der bis dahin unbekannteren Hieb« 
tungen und übergeht die Hauptstrasse nach 'Irdk ganz, weil sie zur Zeit 
der Chalifen, welche die Pilgerreise von Bagdad über Kufa machten, 
die frequenteste gewesen und eben desshalb von mehreren Geographen 
beschrieben ist und bereits zu unserer Kenntniss gebracht worden war. 
Da indess ihre Nachrichten nicht viel mehr enthalten als die blossen 
Namen der Stationen für die Karawanen und ihre Entfernungen, so 
habe ich in der vorliegenden Arbeit den Versuch gemacht, ihre Anga- 
ben, soweit meine Quellen reichen, zu vervollständigen und damit eine 
Uebersicht über das ganze um Medina gelegene Gebiet zu verbinden, mit 
möglichster Vermeidung von Wiederholungen aus den beiden erwähnten 
Abhandlungen, welche also als Ergänzung hier hinzugenommen werden 
müssen. Die Quellen sind wiederum wie früher vorzugsweise Bekri, Jan 
cüt und Samhüdi. Es ist zu bedauern, dass von den älteren umfassen- 
den und auf eigener Kenntniss des Landes beruhenden Werken über 
die Geographie von Arabien keins erhalten ist und dass wir uns mit 
dem begnügen müssen , was die späteren durch Zerlegung derselben in 



1) Im 9. Bande der Abhandl. der E. Gesellscb. der Wissenscb. 1860. 

2) Im 11. Bande. 1862. 



94 F. WÜSTENFELD, 

die einzelnen Artikel ihrer alphabetischen Verzeichnisse aufgenommeix 
haben; besonders ausführlich muss das Buch des A9ma'{, gest. im X 
216 (831 Chr.), mit dem Titel ,.die Halbinsel Arabien*' gewesen sein. 
Einiges haben noch Bekri und Samhüdi aus ihren Vorgängern im Zu- 
sammenhange beibehalten und dies bildet oft eine gute Grundlage, uxa 
daran die Angaben aus den anderen einzelnen Artikeln anzureihen und 
zu einem Ganzen «u vereinigen. — Da das Verständniss durch eine 
Karte wesentlich erleichtert wird, so habe ich eine solche zu entwerfen 
versucht und mich genau an die Angaben meiner Quellen gehalten, wie 
sie in der Abhandlung wiedergegeben sind. Sie weicht in wesentlichen 
Punkten von unseren bisherigen Karten ab und welche Berichtigungen 
und Ergänzungen darin zu machen sein werden, muss einer späteren 
Zeit vorbehalten bleiben , wo es Europäischen Ileisenden möglich sein 
wird, Arabien ungehindert nach allen Seiten zu durchforschen. Gegen- 
wärtig liegt noch am meisten daran, zum Verständniss der älteren Ge- 
schichte und wegen der zahllosen Erwähnungen von Oertlichkeiten bei 
den Dichtern sich ein richtiges Bild von dem Lande zu machen. 



I. Der Süd -Westen von Medina. 

Die Araber nennen ein langes hohes Gebirge, welches sich zwi- 
schen zwei grösseren Länderstrecken hinzieht und diese von einander 
trennt, Sardt „Rücken i)*', vorzugsweise heisst so die Bergkette, welche 
sich auf der Westseite von Arabien in einer Breite von vier Tagereisen 
und darüber von dem äussersten Jemen bis nach Syrien hinein erstreckt 
und die Gränze zwischen Na'gd und Tihäma bildet. Genauer werden 
einzelne Abtheilungen dieser Kette entweder nach den Völkerschaften 
zubenannt , die sie bewohnten , wie Sarät der Ma'äfir , Banu Seif, Alh&n, 
Azd-Schanua, Ba'gila, 'Anz, Zahrän, el-Ha'gr, Fahm, ^Adwän, Scha- 
bäba, Suleim, Banu el-Kam, oder nach den Hauptorten, welche in ih* 

1) Genau so wie wir „Bergrücken" sagen, nach der Erklärung der Araber 
„wie der Rücken eines Lastthieres", daher nicht „Nabel", wie bei Ritter, Erdkunde. 
Th. 12. S. 721, nach v. Hammers unrichtiger Deutung. 



DAS GEBIET VON MEDINA. 96 

Den liegen, wie der Sardt von ^an'd, el-Kurd, el-Ma5dni*, el-TäSf^). 
Einige nehmen besonders drei Abtheilungen an, die erste von ^and bis 
el-Tälf, bei dem letzteren Orte nach den Bewohnern auch der Sardt der 
Banu Thakif genannt, die zweite bilden die Bergwerke MdMin el-Bu- 
r&m im Gebiete der^'Adwdn, die dritte das Hochland und die Berge, 
welche von Medina bis nach Syrien über dem Meere im Westen und 
über Na'gd im Osten emporragen ; dazu kommt der Sardt der Banu Scha- 
bdba in der Nähe von Mekka. 

Ein Theil dieses Bergrückens ist auch el-Cabalija „die vorge- 
kehrte höher liegende Gegend*', welche sich von Saraf-Sajdla zwi- 
schen Malal und el-Hauhd nach el-Fara' (verschieden von Furu*) 
eine Tagereise von Medina zwischen Suweica und Math'ar bis nach 
Janbu und dem Berge el-Hutt in dem Gebiete der Banu 'Arak von 
tjuheina ausdehnt; die dem Meere zugekehrte Seite gehört zu el-Gaur 
oder Tihäma und an der Seeküste liegt der Ort el-Chabat fünf Tage- 
reisen von Medina. In diesen Bergen wird Bergbau getrieben, beson- 
ders an dem Gaschija und Kureis und bei dem Orte D s ä t el-Nufb, 
vier Stationen (Barid) von Medina, wo wahrscheinlich ein Nufb ,, Götze** 
aufgerichtet war. Die einzelnen Theile dieses Gebirges sind wieder durch 
besondere Namen unterschieden, vor allen die vorzugsweise so genann- 
ten , .beiden Berge der 'Guheina**, el-A'grad und el-Asch'ar, welche 
im Süden bei dem I)orfe el-Rauhd ihren Anfang nehmen und im 
Norden oberhalb Janbu in den beiden Höhen Buwdt enden, deren 
Fass nahe bei einander steht, während die Spitzen weit getrennt sind; 
zwischen beiden liegt ein Hügel, über welchen die Handelsstrasse von 
Mekka nach Syrien führt, wesshalb Muhammed dahin einen freilich ver- 
geblichen Zug unternahm, um der Handelskarawane der Mekkaner dort 
aufzulauern. Diesen Zug beschreibt Ihn Hischdm^) also: „Muhammed 
unternahm einen Zug gegen die Cureisch, ging zunächst durch die Schlucht 
der Banu Dindr von den Banu el-Na'g'gar an Feifd el-Chabdr vor- 



1) vergl. Kam ü 8, Bd. IV. S. 352. 

2) Das Leben Muhammeds. Bd. L S. 421. 



96 F. WÜSTENFELD, 

über und lagerte sich bei Batha Ibn Azhar unter einem Baume, wel- 
cher Dsdt el-Sdk genannt wurde, und verrichtete dort das Gebet und 
dort ist seine Moschee ; daneben sind die Spuren von dem Dreifuss sei- 
nes Kessels , worin ihm Speise zubereitet wurde , noch bekannt ; zu 
Trinken wurde ihm aus dem daselbst befindlichen Wasser el-Musch- 
tarib geholt. Dann brach er wieder auf , liess el-Chald'ik (ein Land- 
gut des Abdallah ben Ahmed ben tSrahsch) zur Linken, nahm seinen- 
Weg durch eine Schlucht, welche noch heute den Namen dieses Ab- 
dallah führt, ging dann steil hinunter, bis er Jaljal abwärts durch- 
schritten hatte, und lagerte sich bei der Vereinigung dieses Wddi mit 
dem Brunnen el-Dhabua, aus welchem er sich Wasser holen liess. 
Hierauf nahm er seinen Weg nach el-Farsch d. h. Farsch bei M alal, 
bis er bei den kleinen Felsen el-Jamdm (andere: el-Thumam) die 
Hauptstrasse erreichte, welche er weiter verfolgte, bis er bei el-Oscheira 
in der Niederung von Janbu sich lagerte. Hier blieb er den ersten 
und einige Tage des zweiten öumädä , schloss mit den dortigen Banu 
Mudli'g und ihren Schutzgenossen von den Banu Dhamra einen Frie-r 
densvertrag und kehrte dann nach Medina zurück, ohne seinen Zweck 
erreicht zu haben.** — Dieser Lagerplatz el-Oscheira war am Aus- 
gange des Gebirges bei den Höhen Buwät an der Stelle, wo noch im 
ersten Jahrhundert der Hi'gra der Ort Janbu erbaut wurde, denn die 
Moschee von el-Oscheira liegt jetzt mitten in Janbu, der Lagerplatz 
aber unmittelbar neben dem Orte , nur durch die Strasse von ihm ge- 
trennt. 

Die nordwärts nach el- Grals (d. i. Na'gd) gewandte Höhe Buwdt 
ist der Ausläufer des Gebirges el-A'grad, die südliche der des Asch'ar, 
welches seinen Namen von schidr ,, Bäume** haben soll, weil es bewaldet 
ist. Beide Höhen Buwät werden von den verbrüderten Stämmen Dsub- 
jAn und el-Rab^a , Söhnen des Easchddn von Guheina^) , bewohnt. Aucli 
die Wädis, welche sich an diesen beiden Höhen hinziehen, haben 



1) Nicht die jetzige Hafenstadt Janbu', welche viel späteren Ursprungs ist. 

2) s. meine genealogischen Tabellen, 1, 20. 



DAS GEBIET VON MEDINA. 97 

gleiche Namen, die südliche und die nördliche Haura^); in der Folge 
wurde eins derselben durch das Diminutiv Huweira ,, klein Haura'* 
unterschieden; speciell sind darin die Banu Kalb ben Kathir und *Auf 
ben Dsuhl von Guheina ansässig. In der südlichen Haura ist ein 
Wddi, welcher von Muhammed den Namen Dsul-Hudä. „der rechte 
Weg*' erhielt; nämlich Schadddd ben Omajja el-Dsuhli hatte ihm Ho- 
nig gebracht, und auf die Frage, wo er denselben gesammelt habe, 
antwortete er: in dem Wddi Dsul-Dhaläla ,, Irrweg**; Muhammed 
erwiederte: im Gegentheil: Dsul-Hudä ,,der rechte Weg.** Honig wird 
v^n dort noch immer nach Medina gebracht.. In einem anderen Wddi, 
welcher den Berg el-Fakdra, in der Folge Fakra genannt, bespült, 
wird auf bewässerten Feldern schöner Weizen gebaut und von dort aus- 
geführt; er ist bewohnt von den Banu Abdallah ben el-Hu9ein vom 
Stamme Aslum und von den Chdri'giten, d. h. den Nachkommen des 
Dichters Muhammed ben Baschir el-Chäri'gi von den Banu 'Adwdn, 
welche vor dem. Islam Schutzgenossen der 'Guheina waren. Am unte- 
ren Ende von Haura ist die Quelle des Abdallah ben el- Hasan, Su- 
weika genannt, mit einer schönen Besitzung, welche bei der Empö- 
rung seines Sohnes Muhammed el-Nafs el-zakija im J. 145 (Chr. 762) 
zerstört wurde; dann von der Familie wieder hergestellt» traf sie das- 
selbe Schicksal bei der Auflehnung eines Urenkels jenes Abdallah, des 
Muhammed ben ^dlih ben Abdallah ben Musd ben Abdallah, zur Zeit 
des Chalifen Mutawakkil, wobei der grösste Theil der Palmen abgehauen 
und die Wohnungen niedergerissen wurden, so dass sie nachher nicht 
wieder empor gekommen ist. Wenn man von hier am Fusse des Ber- 
ges den ebenen Boden durchschritten hat, kommt man nach Dsdt el- 
Schu9ub, dann nach el-Milha oder Muleiha, an dessen unterem 
Ende der Hügel el-Hubajjd liegt, welcher von der Menge seiner 
Bienen den Namen hat, denn el-huhajjä heisst ein Ort, wo Bienenhäu- 



1) Wädi Hazra, welches öfter als in dieser Gegend gelegen Torkommt, scheint 
yerschrieben zu sein, und dieser Wädi Haura ist nicht mit der Hafenstadt el-Haur& 
zu verwechseln. 

Hisior ' phüol. Glosse. XVIII. N 



98 F. WÜSTENFELD, 

ser sind; er liegt zwischen Schuweila und Haura mit dem Engpässe 
el-Oweikil. Dort ist auch el-Machddha eine Gegend, welche Ei- 
nigen von truheina gehörte und dann in den Besitz des Abd el-Sahman 
ben Muhammed ben Guweir kam; sie ist sehr uneben und aus einer 
Bergspalte wird schabh Atramentstein gewonnen, wovon der Berg Dsul- 
Schabb benannt ist. 

In der nördlichen Haura hatten die Banu Dinar Besitzungen; 
Dinar war ein Freigelassener des Ka*b ben Kathir el-'Guhani und Arzt 
des Chalifen Abd el-Malik ben Marw&n und zu seinen Nachkommen 
gehört der Schneider *Arära , welcher in Medina Sängerinnen unterhielt ^). 
Abd el-Malik selbst hatte sich während seines Chalifats dort eine Woh- 
nung eingerichtet, welche er Dsul-Hamdt nannte, weil dort viel ha- 
mät „Sycomoren** wuchsen. Auch Muhammed ben Ga'far el-Tälibf 
hielt sich dort auf in einer Gegend der Banu Dinar, während er mit Ibn 
el-Musajjib in Fehde war 2). Nahe bei Dsul (oder Dsdt) el-Hamdt ist 
der Ort el-Dheica, wo eine Moschee stand, und zwischen diesem und 
el-Haurä liegen die schwarzen Berge el-Sitär drei Tagereisen von Janbu'. 

An die Nordecke der nördlichen Haura gränzt unmittelbar der 
Wddi Hurddh mit dem gleichnamigen Brunnen, auf einer Anhöhe liegt 
die Burg des 'Imrdn ben Abdallah ben Muti' 3) ; daneben der Wddi H u- 
reidh, wo die Banu el-RaVa wohnen, mit dem Wasser el-Th&ga, 
welches ganz unbenutzt verläuft. An Hureidh stösst der Dhalim, 
ein hoher schwarzer Berg, auf welchem nichts wächst, dessen vordere 
Seite die Banu el-Härith, eine Familie der Murra von el-Rab'a, inne 
haben und an dessen unterem Ende der Brunnen des 'Oteil el-Muleihf 



1) Ein solcher Arzt Dinar ^Ujs> ist weiter nicht bekannt; Samhüdi hat dafür 
Dibän ^Uj«>, ein Name, der sonst nicht yorkommt, und es scheint hier eine Ver^ 
wechslung mit dem Stamme Dsubjän qU^ Torzuliegen, da BeJcH sagt, Dinar sei 
ein Bruder des Rab'a gewesen, was nur auf Dsubjän passt; s. oben. 

2) s. Fäsi in den Chroniken der Stadt Mekka. Bd. U. S. 189. Weil, Gesch. 
der Chalifen. Bd. II. S. 209. 

3) Der Vater Abdallah ben Mufi' ist bekannt ans der Zeit des Abdallah b« 
el-Zubeir; s. Register zu den genealog. Tab. S. 20. 



\ 



^\ 



DAS GEBIET VON MEDINA. 



99 



liegt; Muleih ist gleichfalls eine Familie der Rab'a. Auf der Höhe des 
Dhalim liegt die Besitzung el-Qahwa, wo Abdallah ben 'Abbds das 
Vermächtniss stiftete , dass die dortigen Sklaven aus dem Bast des Cha- 
zam-Baumes Stricke flechten und diese nach Medina zum Gebrauche bei 
dem Brunnen Zamzam liefern mussten; diese Sklaven haben sich dort 
lange Zeit fortgepflanzt. An die nördliche Ecke des Dhalim gränzen die 
beiden Muleiha, nämlich Muleiha el-Rimth, nach dem Dornstrauche, 
und Muleiha el-Haridh so genannt, weil hier in einer engen 
Schlucht den Kamelen von dem Gebüsch, welches den Weg sperrt, die 
Haut haradha d. i. geschunden wird. Hier ist der Berg el-Sumdr, 
welchen Ihn Ahmar in dem Verse erwähnt: 

Wenn er nach Sumdr kommt, werden ^W^hn sicher tödten; 

beim Leben deines Vaters! er kommt nicht nach Sumdr. 
Hier liegt auch 'O weis i'ga. Zwischen Dhalim und den beiden Muleiha 
ist der Wddi Da hl, welcher mit dem Wddi Sardr in Verbindung 
steht , im Gebiete der Banu Mäzin und der hohe Berg *A r d h , an des- 
sen Nordseite das Wasser el-Waschal und an der Westseite Bad ha 
^A^im; an die beiden Muleiha gränzen die erwähnten beiden Buwdt. 

Zu den Wddis von el-Asch*ar gehört noch Tdsd, welcher an el- 
Cafrd vorüberfliesst und den Banu Abd el- Gabbär, einer Familie der 
Kalbiten gehört. Auf der Seite von Gaur ist der W&di Namld, wel- 
cher an Janbu vorüberfliesst, darin sind zwei Brunnen, genannt Blr 
el-^arih, deren einer den Banu Zeid hS^ Chdlid von Gudsdm, der 
andere den Kalbiten gehört ; am unteren En^ von Namld besass Husein 
ben *A11 ben Husein mehrere Quellen, wie üsdt el-Asll, und dort 
sind auch bei den von der Familie des 'Ali ben Abu Tälib gegründeten 
Dörfern el-Balda und el-Buleid zwei Quellen im Besitz der Banu 
Abdallah ben 'Anbasa. Chafeinan oder Hafeitan ist ein Gewässer 
in der Nähe von Janbu* auf der Seite von Medina , welches durch zwei 
Schluchten theils nach Janbu, theils in dem Wddi el*Chaschrama 
ins Meer fliesst; in derselben Richtung zwischen el-^afrä und Janbu' 
liegt Da'dn (bei Jdcüt unrichtig Ri*dn) eine Quelle der Banu *Othmdn, 
in dem Verse des Kuthajjir: 

N2 



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_--\- 



100 F. WÜSTENFELD, 

Bis sie (die Karawane) mitten an Dhls vorüber war, vor welchem 
Da'dn, dann die beiden Höhen Dsul-Nu'geil , dann Janbu', 
und in derselben Nacht von dem Radhwa abbog. 
Unter den von dem A'grad nach Grals abfliessenden Wddis ist von 
Buwdt der nächste Mabkatha, [Jdcüt: Mankatha), dann folgt Gawd , »Irr- 
weg**, welchen Namen Muhammed nach der Behauptung der Guheina eben- 
falls in Kaschdd „rechter Weg** veränderte; er gehört den Banu Dsubjdn ; 
daran stösst el-Hddhira, wo das Grab des Abd el-Aziz ben Muhammed 
(? 'Imran) ben Abd el-Aziz ben Omar ben Abd el-Rahman ben ""Auf.^) 
ist mit einer Wasserquelle; in el-Hddhira ergiesst sich el-Buleij bei 
dem kleinen Berge Wdbisch, wo Muhammed ben Ibrahim el-Lahabf 
Palmenpflanzungen besass; an el-Hddhira gränzt Tibriz mit kleinen 
Quellen, wie el-Adsniba [Jdcüt: Odseina, auch Teitad genannt), 
ebenfalls mit ausgedehnten Palmenpflanzungen , die beste unter den Be- ' 
Sitzungen des Abdallah ben Muhammed ben 'Imrdn el-Talhi 2), el-Dha- 
lil dem Mubdrik el-Turkf gehörig, und andere Quellen, die sich in 
den Windungen der Berge hinziehen. Zu den Wädis, welche nach el- 
Gaur ihren Abfluss haben, gehört Huzar im Besitz der Banu Guscham, 
einer Familie der Banu Mdlik. Als Gewässer der Guheina in el-A'grad 
werden genannt : der Brunnen der Banu Sibä"" in Dsät el-Hara und 
der Brunnen el-Hawdtika in dem Engpass el-Schuttdn in der 
Mitte zwischen der Quelle der Banu Hdschim bei Malal und der Quelle 
Idham. 

Einzelne Höhen des Gebirges Cabalija werden noch unter besonde-- 
ren Namen angeführt, wie el-Zagbd, el-Kiläda, el-Kuweira, 
el-Mukscha'irr, Cirdr, Sakdb, Cd^is und el-Muheilia; Wddis 
in diesem Gebirge sind noch: Mattfar oder Mathgar, welcher von 
el-Fara* herüberkommt und an welchem der Ort Muntachir liegt, eine 
Nachtreise von Medina in der Gegend von Farsch- Malal, im Besitz der 
Guheina; el-Rass, el-Baljd, Schumeisd Nd^ifa und Waswas; 



1) genealog. Tab. S 26. 

2) gest. 189 (805) s. genealog. Tab. K 27. 



\ 



DAS GEBIET VON MEDINA. 101 

letzteres kommt aus dem A'grad und fliesst an el-Hädhira und el- 
Thalba vorüber, zwei Thälern mit Palmenpflanzungen, die den Gu- 
heina und anderen gehören; in el-Hädhira, am oberen Ende von el- 
Tha'ga nördlich von Mattfar, ist der Teich el-Charrär und eine Quelle, 
welche Eigen thum des Abd el-Aziz ben Omar war. 

Eine Fortsetzung des Sardt - Gebirges und zweiter Hauptsitz der 
Guheina ist der Berg Radhwd^), der sich von Janbu* bis nach el- 
Haurd erstreckt; dies ist der Hafen, in welchem die Schiffe von Ae- 
gypten landen. Jäcüt hatte im J 626 (1228) von Jemand, der dort ge- 
wesen war, gehört, dass er dort die Buinen einer von Kamelknochen 
erbauten Burg gesehen habe, die Gegend sei gänzlich verlassen und 
nicht mehr bebaut, das Wasser salzig. In der Nähe ist der Berg Kau- 
dam. Ein Mann von Guheina Namens Abd el-Ddr ben Hudeib wollte 
seine Stammgenossen bereden, hier ein der Kä'ba ähnliches Haus zu 
bauen , wohin die Araber ebenso wallfahrten sollten ; als sie hierauf 
nicht eingehen wollten, machte er auf sie ein Spottgedicht. — Zwischen 
el-Haurd, Janbu' und Schagb-Bada 2) liegen die Bergwerke el-Ha- 
rddha. — Zu el-Haurd gehört der Ort Dsul-March an der Küste 
nicht weit von Janbu. 

Der Hauptort Janbtf wurde erst von den Nachkommen des Cha- 
lifen 'All angelegt; man zählte in seiner nächsten Umgebung 170 Quel- 
len, welche grosse Palmenpflanzungen und Saatfelder bewässerten. In 
der Folge wurde der Ort mit Festungsmauern umgeben. — Verschie- 
den von dem Lagerplatze el-Oscheira vor Janbu' und der danach be- 
nannten Moschee im Innern der Stadt ist Dsul-'Oscheira, eine kleine 
Festung zwischen Janbu* und el-Haurd in der Richtung nach Dsul- 
Mar wa ; die dortige Dattelart gilt nächst der ^eihänf in Cheibar und der 
Burdi und A'gwa in Medina für die beste und wird denen in Hi'g&z vor- 
gezogen. 



1) vergl. die von Medina auslaufenden Hauptstrassen, S. 46. 

2) Eine sehr ungenaue Angabe, da Schagb-Bada an der Strasse nach Syrien 
weit im Norden von l^aurd liegt. 



102 F. WÜSTENFELD, 

M a b r a k oder B i r k ist der Name eines Berges mit einer Schlacht, 
durch welche vier bis fünf Meilen lang in den Engpässen von Jaljal 
nach el-Ca£rä der Weg zwischen Janbu' und Medina hinläuft; in der 
Dualform Mabrakän ist eine andere Schlucht eingeschlossen, Mundch 
genannt , durch welche man nach der Ruckseite des Beides el- Asch'ar 
gelangt; zwischen Birk und dem Orte Wad'dn Uegt die schwarze Berg- 
spitze Mureich. — Die Schlucht 'Abäthir, im Besitz der Bana 
'Athm von &uheina, führt von dem Wddi Idham durch den Radhwä 
nach Janbu und die Gewässer von'Abäthir, C&'is, Mundch und 
Manzil-Ankab fliessen an Janbu' vorüber ins Meer. — An der Küste 
zwischen Janbu und der Mündung des Geica liegt der Ort Dhabja; 
der Dichter Keis ben Dsureih nennt von der Hauptstrasse nach Mekka 
her in einer Reihenfolge die Orte: 
Verlassen ist Sarif von seinen Bewohnern, dann Surdwi*. 

dann Wddi Kudeid und die abfallenden Hügel, 
Dann Geica, dann die abschüssigen Berge von Dhabja, 

wo ich Milch von Kamelen habe, die im Herbst und im Frühjahr gebären. 
Jenseits Janbu' nahe am Meeresufer ist die Anhohe Buwdna, wo bis 
zur Zeit des Islam ein Götze stand, welchem Opfer dargebracht wur- 
den; in der Nähe sind zwei Gewässer el-Gu9eiba und el-Ma]gdz. — 
Zum Gebiete von Janbu nach Mekka zu gehört auch der befestigte Ort 
Chubza. 

el-G4r, die frühere Hafenstadt von Medina, nach welcher der 
ganze nördliche Theil des rothen Meeres von Gidda bis Culzum schlecht- 
hin el-Gär genannt wird, liegt zur Hälfte auf dem Festbnde und zur 
Hälfte auf einer Halbinsel. Die Entfernung von Medina beträgt nach Jdcüt 
eine Tag- und Nachtreise , nach Igtachri und Idrisi drei Stationen oder Ta- 
gereisen , ebensoviel von dem Ufer bei el-Guhfa , von Eila 20 Stationen ^), 
von Badr eine Nachtreise. Die Stadt ist sehr volkreich und hat eine 
Hauptmoschee mit einem Minbar und viele Schlösser , es fehlt ihr aber 
gänzlich an Trinkwasser, welches vielmehr zwei Parasangen weit von 



1) Jäcüt Bd. II. 5, 12 giebt anricbtig nur 10 Stationen an. 



V 



DAS GEBIET VON MEDINA. 103 

el-Buheir, einer Quelle am Wddi Jaljal, wo er sich in den Wddi 
Geica ergiesst, herbeigeschaflEt werden muss. Die Quelle sprudelt sehr 
stark hervor, fliesst aber in den lockern Sand, so dass nur einige we- 
nige Stellen desselben haben urbar gemacht werden können, wo Pal- 
men angepflanzt sind und Kohl und Melonen gezogen werden. el-&ftr 
wird fast nur von Kaufleuten bewohnt, und die grosse Bedeutung sei- 
nes Handels ersieht man daraus, dass dort Schiffe aus Habessinien, 
Aegypten . *Aden, Qin und Uind einlaufen. In einiger Entfernung vom 
Ufer liegt die Insel Cardf, eine Meile lang und ebenso breit, mit ei- 
nem gleichnamigen Dorfe; die Verbindung mit dem Lande wird durch 
Schiffe unterhalten, die Bewohner sind gleichfalls Kaufleute und dort 
ist vorzugsweise der Ankerplatz für die Habessinier. — Zwischen el- 
Grdr und dem Jaljal liegt das Dorf el-Odseiba mit dem Sandhügel 
Kathib- Jaljal. — Charik ist ein Wädi bei el-Gdr, der nach 
Janbu* führt. — Dsat el-Suleim, ein Wasser der Banu ^achr ben 
Dhamra ist nicht sehr weit von el-Gär. — Sechs Meilen von el-Gdr 
liegen die beiden Hügel el-Barratdn. — el-Bazwd zwischen el- 
Gdr, WaddSn und Geica ist ein hoch an der Küste gelegener weisser 
Ort, wo es ungemein heiss ist, er wird von den Banu Dhamra ben 
Bekr von Kinäna bewohnt, dem Stamme, welchem 'Azza, die Geliebte 
des Dichters Kuthajjir, angehörte, die er auch Sudd nennt. In seinen 
Versen : 

Verlassen ist die Ebene Kulfä nach ihrem Abzüge, dann el-A'gdwil, 
Dann die schwachen Quellen am Hasnä, dann das mit Steinen und Sand 

untermischte Land daneben, 
Als wäre S\id& nie in der Gegend von Geica gewesen 

und nie dort ein Lagerplatz der Sudd gesehen worden, 
ist Kulfd eine Sandebene mit ktdfa „braunrothen Steinen" neben dem 
Wädi Geica zwischen el-Gär und Waddän; el-A'gdwil ein steiniges 
Feld zur Rechten von Kulfä nach Norden nahe bei Wadddn mit 
parkartigen Anlagen , wo der Dichter Nufeib wohnte ; Hasnä ein 
Berg zwischen el-Gdr und Wadddn. In dem anderen Verse desselben 
Dichters : 



^ 



104 F. WÜSTENPELD, 

Als sie anhielten bei Dawwa zur Rechten 
und Sureir-Budhei^ zur linken Seiten, 
ist Dawwa ein Ort sechs Meilen über el-ta-uhfa hinaus; Sureir ein 
Hafenort nahe bei und links von el-Grär an dem kleinen Berge Bu- 
dhef unterhalb el-Nu'gh, ieiner Quelle der Banu Gifdr, — Sechs Mei- 
len von der Küste bei el-Guhfa liegt die Insel e 1 -Kur r. 

Derselbe Dichter Kuthajjir nennt im Eingange einer Ca9ide eine Menge 
von Orten , welche in dieser Gegend nicht weit von einander liegen : 
Halt an! und begrüsse die noch sichtbaren Spuren 
an dem Hügel von Hurudh, sie sind schon veraltet, 

Dann die Giessbäche von Hima, die seit alter Zeit herabströmen, 
am Fusse des Berges zwischen Othajjith und Thu'dl! 

Als ich dort das junge Kamel anhielt, lief 
die Fülle der Thränen wie aus der Oeffnung eines Wasserschlauches. 

Ich dachte an *Azza, als ihre Wohnung nahe stand 
bißi Kuhajjib, dann Ordjin, dann Nu ch dl, 

In den Tagen, da unsre Familien zusammen Nachbaren waren 
bei Kutdna, Furäkid und Ba'dl. 
Der Wddi Hurudh^) ergiesst sich in den Rahe an [Jäcüt: Ruhcdn), 
dieser in den Wddi el-^afrd. — Der Wddi Rima wird von deüBanu 
Scheiba bewohnt. — Statt Othajjith und Thu'dl liest Jdcüt Othajjil 
und Ba'dl; das erste für el-Otheil oder Dsu Otheil, ein Wddi, 
welcher mit Rima in Verbindung steht, zwischen el-^afrd und Badr, 
ist grösstentheils im Besitz der Banu Dhamra; eine grosse Palmenpflan- 
zung daselbst gehört der Familie Ga'far ben Abu Tdlib. Dort wurde el- 
Nadhr ben el-Hdrith ben Kaiada auf der Rückkehr von Badr, wo er in 
Gefangenschaft gerathen war, auf Muhammeds Befehl von *Ali ge- 
tödtet^). — Thudl ist eine Bergschlucht zwischen el-Rauhd und el- 
Ruweitha. — Die Niederlassung Oräjin [Jdcüt: Orabin) liegt auf ei- 



1) Jäcüt verwechselt ihn nach der Angabe des Ibn el-Sikkit mit dem weiter 
unten genannten Dsu 9urudh am Ohod bei Medina. 

2) 8. Ibn Hischam pag. 509 u. 539. 



Ml 



DAS GEBIET VON AIEDINA. 106 

ner Sandebene bei Mabrak. — Nuchdl ist eine Schlucht, deren 
Wasser in den Wddi Schrfb fliesst, welcher sich mit dem Qafrd verei- 
nigt. Die Quelle Kutdna zwischen el-^afrd und el-Otheil gehörte der 
Familie des Oa'far ben Ibrahim von den Nachkommen des 'Ga'far ben 
Abu Tdlib und kam dann in den Besitz des Abu Marjam el-Saldlf. — 
Furdkid ist eine Schlucht an der Seite von Geica, deren Wasser in 
den Wddi el-^Jafra fliesst. — Dass Ba'&l oder Btfdl hier nicht ein Ort 
bei 'Osfön , sondern ein Thal sei , welches mit dem Geica in Verbindung 
steht und von den Banu Gifdr bewohnt wird, zeigt der Zusammenhang 
und ein anderer Vers des Kuthajjir: 
Ich kenne das Haus, welches den durchs Alter abgenutzten Kleidern gleicht, 

zwischen der Ebene der beiden GdS' und Budl. 
el-GdI*dn, die beiden GfiX*, sind zwei Thäler, deren eines sich nach 
Geica, das andere nach Jaljal senkt. 



Vom südlichen Thore von Medina führt die Pilgerstrasse nach 
Mekka drei Arabische Meilen von der Stadt an dem Teiche T u d h & r u*, 
der zur Rechten bleibt, vorüber und der erste Tagemarsch nach Dsul- 
Huleifa beträgt nur 6 bis 7 Meilen, damit die Pilger sich hier erst 
sammeln und ordnen können. Auch auf der Rückkehr von Mekka ist 
hier eine Hauptstation, weil hier die Pilger aus Aegypten sich trennen, 
um den Weg nach der Küste einzuschlagen. — Die nächste Halte- 
stelle 8 Meilen von Dsul- Huleifa ist bei el-Hufeir, wo eine grosse 
Spina Aegyptiaca stand, wovon der Platz nur schlechthin el-scha'gara 
„der Baum** genannt wurde, unter welchem Asmd auf der letzten Wall- 
fahrt des Propheten den Muhammed ben Abu Bekr, nachmaligen An- 
führer der Mörder des Chalifen Omar , gebar. Hier ist ein Brunnen mit 
süssem Wasser, welchen Omar ben Abd el-Aziz hat graben lassen, und 
hier wird die Pilgerkleidung angelegt. 

Acht Meilen weiter folgt das Dorf Malal. Bekri bemerkt, der 
Weg über Malal nach Saj&la sei näher als die Haupts trasse , er nennt 
aber keine anderen Orte, über welche diese führte. Die ganze Entfer- 
nung von Medina wird verschieden zu 18, 20 oder 22 Meilen angege- 
Hisior.'phüol Glosse. XVIII. ' O 



106 F. WÜSTENFELD, 

ben, oder za zwei Nachtreisen; nach einer Ueberlieferung , die in dem 
Muwatta ^) vorkommt, hielt der Chalif Othmdn den Freitags-Gtottesdienst 
noch in Medina und war nach einem scharfen Ritt zum nächsten Mor- 
gengebete schon in Malal. Der Wlldi bei Malal hat seinen Ursprung in 
dem Warikdn, dem Berge der Muzeina, nimmt die von DsuChuschub 
aus dem Oberlande und von dem Berge Dhalim kommenden Gewässer 
auf, und vereinigt sich mit den unter dem Namen Idham bei Medina 
zusammengeflossenen Bächen; dieser hat auf seinem weiteren Laufe die 
Zuflüsse Dsu Beidha, der von Birma und Baldkith zwischen Cheibar 
und Wddil-Curd vom Norden herabkommt; dann W&di Tur*a vom Sü- 
den, ebenso Wddil-If; dann die Zuflüsse eines Wddi Hi'gr oder Hagr; 
el-Gazl und el-Ruhba, welche nicht weit von Dsul-Marwa aus dem 
Gebiete der Banu 'üdsra kommen (s. unten Cap. V), dann Widi Amu- 
ddn unterhalb Dsul-Marwa; zuletzt der Wddi Safdn, nach dessen Auf- 
nahme der Idham bei dem Berge Aräk sich dem Meere zuwendet, in 
welches er sich dann in drei Armen el-Aibüb, el-Janta'gat und 
Hakib ergiesst. 

Der besondere Name des Wddi von Malal ist el-Farsch, mit ei- 
nem kleineren, el-Fureisch genannt; das erste zieht sich in dem 
rothen Berge ^afar^) hin, der schöne Pflanzungen hat, bei denen sich 
Zeid ben Hasan ein grosses Haus bauen liess ; der Dichter Amr ben 
'Aids el-Hudseili sagt: 

Ich sehe den ^afar, wie das Haupt seiner Spitzen schon weiss ge- 
worden ist, 

und weiss ist, weil er weiss geworden, auch el-Awdkir. 
Weiss ist der Candn in den beiden Alten, der noch nicht 

weiss war, und weiss ist die benachbarte Mimose. 

1) Mälik ben ÄnaSj Muwatta, edit. Tunis, pag. 3. 

2) Von diesem Berge soll der Arabische Monat Qafar seinen Namen haben, 
weil dort während desselben Versammlungen stattfanden; dann wären die statt des- 
sen vorkommenden Lesarten Qagar und Dhafir entschieden falsch. Bekannter 
ist indess die Ableitung von gafira „leer sein'' für den Monat, in welchem die Erde 
von Saaten und Früchten geleert ist, Jäcüt I. 186,12, was freilich ein Sonnenjahr 
voraussetzt, in welchem die Monate immer in dieselbe Jahrszeit fallen. 



DAS GEBIET VON MEDINA. 107 

Awdkir sind Berge am unteren Ende des Forsch zur linken desselben 
an der Seite des Berges ^afar ; Kuthajjir sagt : 

In Fluss gebracht sind die Seiten von el-Mardbid früh morgens, 
und in Fluss gebracht davon Dhdhik und el-Aw&kir. 
„Die beiden Alten" von Farsch sind die beiden Berge im Rücken des 
^afar. Mimosen, Sajäl und Samur Bäume wachsen in der Ebene von 
Malal, die sich ein bis zwei Meilen weit ausdehnt. Im Farsch hatte 
sich Abu 'Obeida ben Abdallah ben Zama'a niedergelassen, nach wel- 
chem die dortigen Felsen ^acharät Abi'Obeida benannt sind ; der 
Dichter Kuthejjir wohnte in el-Dhifdn, zwischen beiden Orten liegen 
am unteren Ende von Farsch die Berge Dhdhik und Dhuweihik, 
welche durch den Wddi J e i n (oder Marr Jein , Marajein) geschieden 
sind; darauf beziehen sich die Worte des Ihn Odseina: 

Ich erkenne nicht mehr die Niederlassung der Schaar bei Dhdhik; 
vertilgt ist schon die Spur und verlassen ist von ihnen ^Abbild. 
Der Berg *Abbüd, zwischen Farsch und dem Eingange von Malal, liegt 
dem ^afar und Sajdla gegenüber, zwischen ihnen geht die Hauptstrasse 
durch; am Fusse des 'Abbild war eine Quelle des Hasan ben Zeid, 
welche versiegt ist. Der Dichter Ma'n ben Aus el-Muzenl nennt meh- 
rere Orte, wo wahrscheinlich gute Weiden waren, von Medina herüber 
in den Versen: 

Verlassen ist Ldj von ihnen, dann sein 'Otdid, 
dann Dsu-Salam mit seinen murmelnden Bächen, 
dann die Ebene des 'AbbAd, dann Chabrd-^dSf; 
auch Dsul-Dafr ist leer von ihnen und seine Ebenen. 

Zu Farsch gehört auch el-tSI-arfb, eine Strecke mitten in dem oben 
genannten Wddi Math'ar, vor dem Islam im Besitz der Banu Gkini, 
dann der Fazdra. Eine ganze Reihenfolge von Ortschaften nennt der 
Dichter el-Ahwa? in den Versen: 

Verlassen ist Math'ar von seinen Bewohnern, wie auch Thakib, 
dann der Fuss des Berges von Liwä bei Sdir, dann Garib. 

Auch Dsul-Sarjbi ist leer, dann die Felder mit weissen und schwar- 
zen Steinen« 
02 



108 F. WÜSTENFELD, 

als wenn in Haura kein Mensch mehr wohnte i). 

* 

Thaktb ist gleichfalls ein W&di von Fara\ S&Sx ein Berg in jener Gte- 
gend. Seitwärts von Math'ar ist ein anderes Wasser der Guheina mit 
Namen Masch'gar. — In Fureisch haben die Banu Zeld ben Hasan 
Brunnen und dort ist ein langer Berg genannt 'Odna ^) , an welchem 
Ddwüd ben Abdallah ben Abul-Kirdm und die Banu tGra'far ben Ibran 
him Niederlassungen besassen. Der Dichter Nufeib sagt: 

Wahrhaftig! wenn ich Abends in el-Farsch plötzlich sterbe« 
und deine Wohnung ist 'Abbild und *Odna oder Dhafir 

Von Farsch kommt man an den kleinen Felsen el-Thumdma 
vorüber nach Sajdla sieben Meilen von Malal; die ganze Entfernung 
von Medina wird übereinstimmend mit der Summe der einzelnen Stre- 
cken auf 29 bis 30 Meilen angegeben, und wenn es für die Einwohner 

von Medina als die erste Station nach Mekka bezeichnet wird, so ist 

* 

dies von ihrem Sammelplatze bei Dsul-Huleifa zu verstehen. Saj^a ist 
ein grosses Dorf mit vielen Brunnen nicht weit von dem Wddi Gurdn, 
daneben der rothe Bei^'Ofdria. Dort nimmt der sehr hohe schwarze 
Berg Waricdn, ein Theil des Sardt, seinen Anfang, welcher zur Linken 
des Weges bis zum Wddi el-Gij zwischen el-Ruweitha und*Arg sich 
hinzieht, so dass an seinem Fusse Sajdla, el-Bauhd, el-Buweitha und el-* 
Gij auf einander folgen; el-Glj hat auch den Namen el-Muta'aschschi 
d. i. der Ort, wo das Abendbrod verzehrt wird, mit dem Platze Bei na» 
wo eine Karawane Nachts im Schlafe von einer plötzlichen Anschwel- 
lung des Wddi überrascht wurde und im Wasser umkam. Der Berg 
ist mit verschiedenartigen Bäumen bewachsen, Obstbäumen und anderen, 



1) Mit ganz ähnlichen Namen kommen ebenso gebildet zwei Verse des Nu^eib 
vor: 

Verlassen ist Mankal von seinen Bewohnern, wie auch Nakib, 
dann der Wasserfall von el-Liwa bei Sahir, dann Mar ib. 
Auch Dsul-March ist leer, dann die Felder u. s. w. 

2) Die Vocalisation )ü J^c bei Behri und nach Samhüdi Jij^ 'Adana passt nicht 
ins Versmass ; im Alphabet hat BeJcri k^<Aa ' Adsba. 



• , 



DAS GEBIET VON MEDINA. 109 

wie Acacien, SummSk {rhus) und Chazam, dessen Stamm der Palme und 
dessen Blätter der Pflanze Bardi ähnlich sind und woraus vorzQgliche 
Stricke verfertigt werden. An dem Berge, welchen die Banu Aus ben 
Muzeina bewohnen, finden sich kleine Gewässer und sfisse Quellen, die 
sich 30 Meilen (3 oder 4 Barid) von Medina in den Wddi Rim er- 
giessen. 

Dem Waricdn zur Seite liegen die beiden hohen Berge Cuds, der 
weisse und der schwarze; der erste, welcher sich zwischen el-Arg und 
el-Sucjä ausdehnt und zu der Bergkette SarAt gehört, wird von dem 
Waricdn durch den steilen Hügel ßakiiba, der zweite von demselben 
durch den Abhang Harnt getrennt; beide gehören den Muzeina, welche 
in zahlreichen Niederlassungen unter Zelten leben und deren Besitz in 
Schaaf- und Kamel-Heerden besteht. Auf den Bergen wachsen Acacien, 
Cypressen, Schauhat- und Chazam - Bäume , auch Feigen und anderes 
Obst, und in den Thälern, in welche sich viele kleine Bäche ergiessen, 
sind schöne Parkanlagen gemacht; in den beiden Dörfern el-'Arrdb 
sind zwei bedeutende Quellen mit zwei Teichen und prächtigen Gärten. 
Eine feste Niederlassung der tGruheina im Gebirge hat den Namen Surr, 

Weiter nach Osten liegt drei Tagereisen von el-Sucjd der Berg 
Ära in Higdz, in welchem sich derSardt fortsetzt und dessen entgegen- 
gesetzte Seite an die Harra der Banu Suleim anstösst; derselbe hat 
mehrere Quellen, an deren jeder ein Dorf liegt, wie el-Furu, el-Madhik, 
wo Zeid el-Cheil die unter Anführung des 'Alcama ben 'Olatha gegen 
ihn heranziehenden Banu 'Amir erreichte und sämmtlich zu Gefangenen 
machte, darunter den Dichter el-Huteia, welcher für eine Ca9ide seine 
Freiheit wieder erhielt ; ferner el-Mahdha, Chadhira, Umm el-Ijdl, 
W a b r a und el-Fa'w ^) ; diese Dörfer sind von dem Ära von allen Seiten 
umschlossen und alle haben Palmenpflanzungen und Saatfelder; die 
Bäche vereinigen sich in dem Wddi Hacl {Samhüdi: Hakil), welcher 
nach el-Abw& fliesst und von da an dem grossen Dorfe Wadddn vor- 
über bei dem kleinen Dorfe el-Tureifa sich ins Meer ergiesst Auch 

1) Jäcüt und Samhüdi: Berg oder Dorf el-Fagwa. 



110 F, WÜSTENFELD, 

die beiden Orte Chalf und Wabi'än gehören zu diesem Gebiete und 
ein Dichter nennt folgende Namen in einem Verse hinter einander: 
in Chalf, dann el-Bureird, dann el-Haschd, 

dann Wakd bis an die beiden Nahb bei Wabfdn. 
Chalf eine Gegend des Beides Ära, mit einem Wadi, worin mehrere 
Dörfer und Palmenpflanzungen liegen, wie der Ort Baldüd; el-Bureir& 
sind Bei^e im Gebiete der Banu Suleim ; el-Hascha ein Berg eine halbe 
Meile von el-Abwd; Wakd^) ein kleiner Berg, der über Chuldtd em- 
porragt ; das Dorf Wabf dn ^) an den Abhängen des Ära. 

Den beiden Cuds gegenüber liegen zwei andere Berge, der untere 
und obere Nahb 5), nur durch einen kleinen Raum von einander ge- 
trennt; sie gehören den Muzeina und Banu Leith und in dem oberen 
ist ausser anderen kleinen Gewässern ein Brunnen, bei welchem Palmen 
stehen, die den Namen Dsu Cheim führen; zwischen diesen beiden 
Nahb, Cuds und Waricdn läuft die Hauptstrasse hin. Hierauf folgt der 
steile Abhang el-Ar'g, dessen Spitze el-Abjadh „der weisse Berg" 
heisst, mit dem Wddi Museiha; die Höhen sind mit March- {Cynanr- 
chum viminale) und Arak-Bäumen und Thumdm-Kraut bewachsen. 

Mit den beiden Cuds hängen viele kleine niedrige Berge zusammen, 
welche den Namen Dsirwa {Jdcüt: Dsara) haben, zu Tihdma gehören 
und auf deren Höhen einige Dörfer mit Ackerland liegen, welche von den 
Banu el-Härith ben Buhtha ben Suleim bewohnt sind, die grössten Theils 
unter Zelten leben. Ihre Aecker werden nicht künstlich, sondern nur 
vom Regen bewässert, da die dortigen Quellen zwischen Felsen entsprin- 
gen und nicht dahin geleitet werden können, wo sie besonders von Nutzen 
sein würden. Die Bäume , welche dort wachsen , sind der 'Afdr zum 
Feueranmachen besonders nützlich, die Acacie, deren Früchte zum Gter- 

1) oder Wakz, Rakd. 

2) oder WaU'an, Wana'än. 

3) qL^F el-Nahbän , bei BeJcri Nuhb , Nuhban vocalisirt, dann im Alphabet in 
^l^^t el-Nihjän verschrieben und dieses an einer anderen Stelle nach seiner Be- 
deutung „zwei stagnirende Wasser^' mit dem gleichbedeutenden ^USJüt el-Nak'än 
vertauscht y woraus dann auch bei Jäcüt pUSaJI „ebenes Feld" geworden ist. 



DAS GEBIET VON MEDINA. 111 

hen gebraucht werden, die Äcacia gummifera^ Zizyphus Iotas ^ Chadara 
velutina, Tdlab, aus denen Bogen verfertigt werden, und j^ß^ Athrdr mit 
Blättern wie j^*^ Satureja und Dornen wie der Granatapfelbaum, dessen 
Holz, wenn es trocken ist, sich schnell durch Beiben entzünden lässt 
und woraus auch Pech gewonnen wird wie aus der Cypresse. — West- 
lich von dem Dsirwa an dem Wddi Lacf {Jäcüt: Lahf) liegt das Dorf 
tjrabala, der älteste Ort in Tihdma mit Befestigungen aus Felsstücken, 
die ein einzelner mit heben kann; daneben das Dorf Sitdra mit dem 
gleichnamigen Wädi, welcher sich von dem Wddi Batn-Marr bis *Osf&n 
zur Linken des Weges nach Mekka zwei Tagereisen lang hinzieht. 
Oestlich von Gabala liegen mehrere Dörfer, wie el-Ka*rd an dem Wddi 
Bachm oder Bucheim, an dessen unterem Ende der Berg Dhargad 
mit Burgen und Schlössern, welche den Banu el-Hdrith, Hudseil und 
Gddhira ben Q^^bl gehören. 

An den Dsirwa schliesst sich der Berg Schaman^ir bei dem 
Dorfe Dhard; er besteht aus einem runden Felsen, dessen Gipfel noch 
von keinem Menschen erstiegen ist und von Affen bewohnt wird; er ist 
rings von Quellen umgeben, in der Höhe wachsen Nah'- (Chadara tenax)^ 
unten Schauhat-Bäume , auch Palmen und Kichererbsen, und man hat 
von dort einen Blick auf das Dorf Buh dt im Wddi Gurdn zwischen 
Sdja und Mekka, von welchem das Dorf el'-Hudeibia westlich liegt. 

Sdja ist ein grosser Wddi in der Nähe von Gabäla, welchem 
mehr als siebzig Quellen zufliessen, zwischen zwei Ebenen mit schwar- 
zen Steinen mit vielen Dörfern unter besonderen Namen, und von meh- 
reren Seiten zugänglich; es gehörte ursprüglich den Nachkommen des 
Ali ben Abu Tälib, wird aber von Leuten aus verschiedenen Stämmen, 
besonders von Muzeina und Suleim, und von Kaufleuten aus allen Ge- 
genden bewohnt; der Fräfect steht unter dem Statthalter von Medina. 
Man findet dort Palmen und Fruchtfelder, Pisang, Granatbäume und 
Weintrauben. Hier starb Leild el-Achjallja , die Geliebte des Dichters 
Tauba ben el-Humajjir, als sie aus Kufa von el-Ha'g'gä'g zurückkam. — 
Der Wddi el-Mahw: in der Gegend des Sdja ist ganz ohne Vegetation; 
höher hinauf ist der himmelhohe Berg el-Schardt, von Affen bewohnt 



112 F. WÜSTENFELD, 

und mit Nab'-, Acacien- und Schauhat - Bäumen bewachsen; er gehOrt 
vorzugsweise den Banu Leith, dann auch den Banu Dhafar ben Suleim» 
links von *Osf4n , und wer von diesem Orte nach Hi'gäz geht , passirt 
den sehr hohen, abschüssigen Abhang el-Charfta, an welchem nichts 
wächst. — Am oberen Ende des Wädi Sdja liegt das Dorf el-FAri' 
von Leuten aus verschiedenen Stämmen bewohnt, mit vielen Falmeu 
und Quell wasser, welches aber unter der Erde fortfliesst. Weiterhin 
folgt das grosse, wohlhabende und volkreiche Dorf Mahäji* in Tihäma, 
dessen Präfect von dem Statthalter von Medina ernannt wird. — Ein 
anderes grosses Dorf Ama'g hat viele Aecker und Palmen und einen 
Marktplatz, die Einwohner sind Chuzä*a ; von hier bis ""Osfän reicht der 
Wddi Beschama, dessen unterer Theil mit dem Nebenarme Ba schäl m 
den Kindna gehört. Von Ama'g führt ein Weg über el-Charrdr bei 
el-txuhfa und über den Hügel el-Mara nach Lacf dicht an Bdbig 
vorbei, wo das Wasser el-Ahja; diesen Weg nahm Muhammed auf 
seiner Flucht von Mekka nach Medina und dorthin unternahm 'Obeida 
ben el-Hdrith einen Zug und traf die Mekkaner bei el-Mara^). Der 
Wddi von Ama'g und der Gurän, an welchem die Banu Lihjdn ihre 
Niederlassungen haben, kommen aus der Harra der Banu Suleim, flie^ 
ssen an 'Osfdn und dem Sdja vorüber und ergiessen sich ins Meer. In 
jenem Wadi hatte nach der Auswanderung der Azd aus Mdrib bei der 
Trennung der Cudhä'a eine Familie derselben Namens Dhubefa ben 
Hardm ihr Nachtlager aufgeschlagen und wurde im Schlafe von einem 
Wasserstrome überrascht, welcher den grössten Theil mit sich fortnahm ; 
der gerettete Ueberrest zog weiter und Hess sich in der Umgegend von 
Medina nieder. 

Das oben genannte el-Fur' oder Furu' vier Tagereisen oder acht 
Barid von Medina links von el-Sucjä und in gerader Richtung auf Mekka, 
auf einem kürzeren Wege als die Hauptstrasse, der aber durch Wege- 
lagerer unsicher gemacht wird, ist ein grosses, wohlhabendes Dorf, in 

A 

alten Zeiten von Aditen, dann von Cureisch, Anfdr und Muzeina be- 



1) Ihn Hischäm pag. 333 und 416. 



DAS GEBIET VON MEDINA. 118 

wohnt; es hat eine Moschee mit einem Minbar und ein Absteigequar- 
tier für den Statthalter, auch viele Brunnen und Quellen, wie el-Fari*a 
und .el-Sanäm von Abdallah ben el-Zubeir, ^Ain el-Nahd und *Ain 
*Askar von dessen Bruder 'Urwa angelegt, welcher dort im J. 94 (713) 
starb, und el-Rubdh und el-Na'gaf, welche Hamza ben Abdallah an- 
legen Hess; diese bewässerten eine Pflanzung von 20,000 Palmen, el- 
Furu ist der Hauptort eines Kreises, in welchem zahlreiche Dörfer lie- 
gen und der dortige Einnehmer erhebt die Steuern von zwölf grossen 
Ortschaften mit ihren Gebieten, in denen sich ein Minbar befindet: el- 
Furu mit Madhik el-Furu' d.i. Engpass von Furu', vier Parasangen 
davon entfernt, Suwärikia, Sdja, Ruhät, el-'Amk, el-Gruhfa. 
el-Ar'g, el-Sucjd, el-Abwä, Cudeid, 'Osfan und Istdra oder 
Sitdra. — Zu el-Furu gehören el-Mureisi' eine Tagstunde weit ent- 
fernt, wohin Muhammed einen Zug gegen die Banu Mu9talik unter- 
iiahm; der gleichnamige Bach fliesst von da nach Cudeid und dann ins 
Meer; Buhrdn oder Bahrdn, ein Bergwerk der Suleim, welche Mu- 
hammed dort zu überfallen dachte, die sich aber bei Zeiten zurückge- 
zogen hatten; el-Abwd, el-Amk au einer Quelle in einem Wddi mit 
den zwei Bergen Chaschäsch, an denen Parkanlagen gemacht sind, 
von Muzeina bewohnt; Wadddn ein grosses Dorf an der Pilgerstrasse 
fünf bis sechs Meilen von Harschd, sechs bis acht Meilen von el-Abwd 
und eine Tagereise von el-'Guhfa ; es wird von den Banu Dhamra, Gifdr, 
Kindna und Fihr - Cureisch bewohnt und war der Sitz des Oberhauptes 
der Banu Ga'far ben Abu Tdlib, welche hier viele Grundstücke besassen; 
sie lebten aber mit den Banu Hasan in beständiger Fehde und es wurde 
viel Blut vergossen, bis die Banu Harb aus Jemen heraufzogen und sich 
ihrer Besitzungen bemächtigten. 

Ausschliesslich den genannten Banu Dhamra gehören auch die bei- 
den sehr hohen Berge der grosse und kleine Thdfil, von dem Radhwd 
und *Azwar zwei Nachtreisen (nach anderen: sieben Stationen) entfernt; 
zwischen beiden liegt auf weniger als einen Pfeilschuss ein Hügel. Beide 
sind, wie alle Berge in Tihdma, mit Gadhwar- Bäumen bewachsen, tra- 
gen aber auch Cypressen, Acacien, Dhajjdn, dessen Blätter zum Gerben 
Hisior.'phüol Glosse. XVIIL P 



114 F. WÜSTENFELD, 

gebraucht werden, Amyris opabalsamus und Aidd; dies ist ein Baum, 
welcher der Platane ähnlich ist, nur dass seine Zweige näher zusammen 
stehen; er hat eine rothe Blüthe, die aber keinen angenehmen Geruch 
hat und keine Früchte hervorbringt ; Muhammed verbot die Zweige davon 
abzubrechen, sowie auch von Zizyphus lotus und Tandhub (einem Baume 
mit Dornen wie die Brombeere und einer Frucht, hummakü genannt, wie 
die Pflaume, von angenehmem Geschmack), weil diese Bäume dichten 
Schatten geben und die Leute unter ihnen gegen Hitze und Kälte Schutz 
finden. Andere halten Aidd für Crocus oder Drachenblut oder Brasil- 
holz, die erste Angabe verdient aber mehr Glauben, weil sie von 'ArrAm 
gemacht wird, einem Beduinen aus jener Gegend, der die Bäume seines 
Landes am besten kennt. — In dem grossen Thdfil ist der Wadi 
Jarthad oder Arthad, welcher von Abwd längs einer Hügelkette, 
wo Zelte stehen, nach Wadddn führt; als einst ein dort Vorüberziehen- 
der den Vers eines Dichters citirte: 

O Bewohner der Zelte von Arthad an 
bis zu den Palmen von Waddän! was macht Nu'm? 
sagte zu ihm einer der Bewohner: blicke umher, ob du hier Palmen 
siehst. Er erwiederte: Nein! Da sprach jener: Es ist ein Fehler, es 
heisst in dem Verse nicht nachl ,, Palmen**, sondern nahl ,,bis an die 
Seite von Waddän**. Die Dhamra haben hier einen festen Wohnsitz, 
treiben Ackerbau und leben im Wohlstande. In jenem W&di sind die 
Brunnen Dabäb, die nicht leer geschöpft werden können und nur 
Mannslänge tief sind; sie liefern süsses Wasser. Mitten in dem kleinen 
Thdfil liegt ein rund gebautes Dorf, el-Cäha^) genannt, drei Tagereisen 
von Medina und etwa eine Meile diesseits el- Sucjd auf dem Wege von 
Mekka her^); dort sind zwei Brunnen, welche ergiebig süsses Wasser 
liefern. Zwischen el-Cdha und Sucjd liegt noch der Ort Tih'in, nach 
einigen indess drei Meilen von Sucjd. 



1) oder el-Fä'ga, Ibn Hischäm p. 333. . 

2) Die ÄDgabe „zwischen al-Ouhfa und Cudeid^' ist ganz ungehörig. 



A 



DAS GEBIET VON MEDINA. 115 



n. Das- Land der Banu Suleim. 

el-Gubeil „der kleine Berg", gewöhnlich SaT genannt, ist ein 
steiler Vorsprung zwei Meilen von Medina, an dessen Fasse der Wadi 
el-Madsdd sich hinzieht, wo ein grosser freier Platz, el-Süc „der 
Marktplatz** sich ausdehnt. Dies war der Ort, wo Muhammed el-Chan- 
dac „den Graben** ziehen Hess und sich verschanzte, als die Mekkaner 
gegen Medina heranzogen. Das Lager der Mekkaner stand eine Meile 
nördlich von dort bei el-Grammd zwischen dem Orte el-'Gurf, mit 
den Brunnen Gu schäm und Gamal, und zwischen Zagdba (fehler- 
haft Zuaba, el-Gdba) bei der Vereinigung der Bäche vonRüma, einem 
Landstrich, welcher durch sein vorzügliches Wasser bekannt war; die 
Gatafän und die übrigen Verbündeten der Mekkaner lagerten bei Dsanab- 
Nacamd an der Seite des Berges Oh od. Nahe dabei an dem Wadi 
Dsu Hurudh zwei Meilen von Medina stand schon früher einmal ein 
feindliches Lager, das des Abu Gubeila, welcher die Juden von Medina 
mit ihrem Könige el - Pitaun dorthin lockte und dann umbringen Hess ^). 

Die Harra genannten Gegenden auf der Südostseite von Medina^) 
sind weite Felder, auf denen vulkanische schwarze Steine ausgebreitet 
liegen , die öftere Erwähnung von ,, schwarzen Bergen** weist deutlich 
auf ihren Ursprung hin und es wird auch von mehreren Eruptionen be- 
richtet, welche in der Nähe von Medina vorgekommen sind^). Das 
nächste dieser Felder bei Medina ist Harra Wdkim, nach der Burg 
Wdkim benannt, wo bei der Belagerung der Stadt im J. 63 (683) die 
grossen Kämpfe stattfanden^). Dort hat ein reicher Kaufmann Nafis 
ein Schloss gebaut, welches nach ihm den Namen Ca^r Nafis führt, 
und die beiden Schlösser Scheichdn mit einem dritten el-Azrac 



1) 8. Geschichte der Stadt Medina, S. 34. 

2) vergl. die Vulkanregionen (Harra's) ton Arabien nach J&küty von 0. Lo{h\ 
in der Zeitschr. d. DMG. Bd. 22. S. 365. 

3) 8. Gesch. d. St. Medina, S. 14. — 

4) Daselbst S. 18. 

P2 



116 F. WÜSTENFELD, 

liegen in der Gegend von el-Wdli'g an einem freien Platze, wo Mu- 
hammed die nach Ohod ausrückenden Truppen musterte und die noch 
zu jung waren, ausschied und zurückschickte; er selbst übernachtete in 
Scheichän und brach am andern Morgen nach Ohod auf, indem er seinen 
Weg durch die Harra der Banu Hdritha nahm. Als er in der Schlacht 
verwundet war und die Seinigen zurückgedrängt wurden, kamen einige 
der Fliehenden bis el-Munaccä diesseits el-A^waf. Ein Dichter 
nennt noch andere Orte jener Gegend in dieser Reihenfolge: 
Dann bis zur Gränze von 'Akik, bis el-Gamm& und Sal\ 
dann die Moschee el-Ahzdb, dann Mahic, Wdkim und Quwdr bis 
zur Gränze des Berges Gurdb. 
Nach dem glücklichen Ausgange der Schlacht verfolgte Muhammed den 
Feind am anderen Morgen bis nach Hamrd el-Asad am Berge Mau- 
se hid acht Meilen von Medina auf dem Wege nach el-Furu*. 

Die grösste jener mit schwarzen Lavasteinen bedeckten Ebenen ist 
die Ilarra der Banu Suleim, welche sich durch ihr Gebiet in zwei 
langen Streifen , deren jeder nicht ganz zwei Meilen breit ist , hinzieht, 
zwischen beiden liegt ein breites freies Feld; einer von diesen Streifen 
hat den besonderen Namen Habs Sajal, weil er im Westen eine 
Tagereise von Suwdrikia durch den Berg Sajal begränzt wird. Jenes 
Gebiet beginnt auf der von Mekka über Dsdt-'Irk und Gamra her- 
aufkommenden Strasse nach Kufa bei der Station el-Muslihi) und 
reicht weit über Medina hinaus ; in der Breite erstreckt es sich von dem 
Gebirge Ära über die Strasse nach Kufa hinüber bis nahe an die Strasse 
von Bajra. 

Zwischen Muslih und der auf der Stasse nach Kufa nächsten, 34 
Meilen entfernten Station bei Ofä'ija liegt ein kleiner Beig, Dabal 
Bdn genannt, weil er mit Bdn- Bäumen bewachsen ist, von festem, har- 
tem Boden. Die Umgegend wird, von dem nicht weit davon entfernten 



1) In der Volkssprache fehlerhaft Masiah; die Angsibe hei Behri »vier Meilen 
von Mekka« ist unrichtig statt »vier Tage« , denn es liegen die Stationen Bnstän, 
Dsät-'Irk und Gamra dazwischen. 



V 



DAS GEBIET VON MEDINA. 117 

Berge el-Sitdr^) anfangend, in folgender Weise beschrieben : gegenüber 
dem Sitdr, einem rothen Berge mit mehreren zugänglichen Hügeln, liegt 
der Berg el-Harrds, an dessen Seite die beiden Quellen el-Thi'gÄr 
und Thu'geir^), deren Wasser nicht süss ist; weiter hinunter (nach 
Mekka zu) folgen in einer ebenen Gegend zwei^amüdhohe ,, säulenartige" 
Berge, deren Spitzen nur von Vögeln erreicht werden, sie heissen^Amüd 
el-Bdn und *Amüd el-Safh, letzterer zur Rechten dessen, der von 
Kufa nach Mekka hinaufzieht, eine Meile von Ofd^ija. Dieses ist ein 
grosser Hügel, gleichfalls rechts von der Strasse mit dem Dorfe O f e f i j a 
und zwischen beiden das Dorf el-Na'gl, der eigentliche Halteplatz der 
Karawanen. Da hier nur salziges Wasser ist, wird süsses (nach Jdküt 
IV, 762, im Wiederspruch mit sich selbst S. 763 und mit Bekrf) aus der 
Quelle el-Ni'gdra bei el-Nu'geirund aus der Quelle Dsu Mahbala her- 
beigeschafft. Seitwärts liegt das volkreiche Dorf ^u fein a 3), dessen Ein- 
wohner Palmen ziehen und Aecker bestellen und süsses Wasser aus dem 
Brunnen el-^ubhija schöpfen, welcher der einzige im Orte ist, der 
Weg durch die Schlucht ist sehr beschwerlich und doch biegen die Ka- 
rawanen nach hier ab, wenn sie an der Hauptstrasse in el-Zubeidia 
nicht genug Wasser finden. Eine andere Quelle Bard iii der Nähe von 
^ufeina gehört den Banu el-Hdrith von Suleim. Auf der linken Seite 
der Strasse liegt ein anderer grosser Hügel Namens Hudma oder Hu- 
dama und ein mit schwarzen Steinen bedecktes Feld genannt Maniha 
den Banu Gasr und Suleim gehörig, auf welchem nichts wächst, und von 
hier geht es hinüber nach den Orten Marrdn und Cubd an der Strasse 
von Ba9ra, woel-Daflna fünf Tagereisen von Mekka und el-Dathina 
vor dem Berge el-Chdl und westlich von diesem die beiden Dörfer 
el-Asds die äussersten Besitzungen der Suleim sind. 

1) nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Berge in der Landschaft Dha- 
rija, wie ich es selbst durch Behri verleitet gethan habe. 

2) bei Jdcüi el-Nu^ar oder el-Ni^ära und Nugeir; Bekri giebt eine Ableitung 
von ^;^^^ welches (j»l3 »kräftig hervorsprudeln« bedeute, während Jacüt sagt, dass 

die Quelle nicht kräftig sei. ^ 

3) nach Jacüt »zwei Tage von Mekka« ist zu gering angegeben. 



118 F. WÜSTENFELD, 

Von Ofd*ija an Dsabu'-Uchru'gi vorüber, einem mit Bäumen be- 
wachsenen Platze, in deren Schatten die Pilger lagern, sind 32 Meilen 
bis zur nächsten Station am Berge ^O m a k ; in der Nähe ist der Berg 
Adam und nach dem Rahahdn hinüber liegen die Hügel S c h a r a u r d» 
den Banu Asad und Banu ''Amir gehörig, welche hier nach der Erwäh- 
nung bei den Dichtern gute Weide hatten. — In der weiteren Beschrei- 
bung des Gebietes der Suleim folgen wir der bei den Arabern üblichen 
Weise von Medina nach Mekka hin. 

Wenn man die in nordöstlicher Eichtung von Medina auslaufende 
Hauptstrasse über den genannten Hügel Sal' hinaus verfolgt, kommt 
man zu den prachtvollen Besitzungen, welche die Juden zu Muhammeds 
Zeit besassen, wie drei Meilen von der Stadt die beiden Schlösser ^irdr 
mit einem schönen Brunnen und el-Rajjdn in der Gegend von el- 
tJawwanin an der Gränze der Harra Wdkim, von denen die Bann 
H&ritha ben el-Härith Besitz nahmen, nachdem sie die Eigenthfimer 
Banu Abd el- Aschhai nach Cheibar vertrieben hatten i). Acht Meilen 
von Sariiegt el-Gäba, wo die Medinenser grosse Landgüter hatten; wenn 
*Abbds ben Abd el-Muttalib sich gegen das Ende der Nacht auf den Sal* 
stellte und seinen Knechten bei el-Gdba zurief, hörten sie ihn; el-Zubeir 
ben el-'^Awwdm besass dort ein grosses Gut, welches er für 170,000 
Drachmen gekauft hatte und welches in seinem Nachlasse mit 1,600000 
bezahlt wurde. 24 Meilen von Medina kommt man an die Poststation 
Dsul-Ca99a; dorthin hatte der Prophet den Muhammed ben Maslama 
geschickt, um die Tha'laba ben Sa'd zu unterwerfen, und dorthin begab 
sich Abu Bekr um die zum Auszuge nach Syrien versammelten Truppen 
in Corps einzutheilen und die Fahne zu entfalten. 

Die erste Haupts tation der Pilger ist bei dem Wasser el-Taraf, 
nach verschiedenen Angaben einen Tag- und eine Nachtreise oder 26. 
36 oder 42 Meilen von Medina entfert. Der Platz ist von drei Bergen 
eingeschlossen: Dhalim, Hazm Beni 'Owdl und Schaurdn, welche 



1) Ausfuhrhches aber die Schlösser der Juden s. in d. Gesch. d. Stadt Medina, 
S. 31 u. 37. 



DAS GEBIET VON MEDINA. 119 

Ton den Gatafdn bewohnt werden; der Dhalim ist ein hoher schwarzer 
Berg ganz ohne Vegetation, der Hazm Beni 'Ow&l ist sehr wasserreich, 
es sind darin die Quellen Aljat el-Schat (Schafschwanz), el-Kudr, 
Harma, Bir *Omair und el-Sidra; el-Sudd ,, der Damm'*, el-Car- 
cara und La'bd sind Ansammlungen von Regenwasser, welches aber 
nie darin zu Ende geht; an der Südseite von el-La*bd ist das Wasser 
Hamdma. Aus den beiden einzelnen Namen wird auch der zusammen- 
gesetzte Carcarat el-Kudr gebildet, 8 Poststationen von Medina in 
der Nähe von el-Arhadhija , wohin Muhammed einen vergeblichen Zug 
gegen die Suleim unternahm und bis wohin er auf dem so genannten 
Mehl - Feldzuge die Mekkaner unter Abu SuiQ^^ verfolgte, nachdem 
diese in der benachbarten Gegend von el-Oreidh die jungen Palmen- 
pflanzungen verbrannt hatten ^). 

Hierher gehören noch einige andere Orte, welche der Dichter 
Kuthajjir in zwei Versen hinter einander nennt: 

Bewässre el-Kudr, dann el-La'bd, dann die Felder und Triften, 

dann Lauds-el-Ha9a bei -Taglamän, dann Adhlam, 
Dann Arwd südlich von el-Daunakdn, dann Dhd'g?, 

dann Darr, dann Obld, mit einer Wolke, die aufrichtig ihr 

Versprechen hält! 
Lauds-el-Ha^ä kann nicht in Jemen liegen, wie JAcät angiebt; neben 
Taglamdn nennt Kuthajjir in einem anderen Verse den Wadi Rim im 
Gebiete der Muzeina, in welchen sich die Bäche des Warid&n ergiessen, 
30 Meilen oder vier Poststationen von Medina; Adhlam ein Berg in der 
Nähe des Sitdr, el-Daunak ein Gewässer, Dhä'gi* ein Wadi, welcher in 
der Harra aus dem Teiche Darr, der das ganze Frühjahr Wasser hat, 
abfliesst und wo viele Salamsträuche wachsen. — Der dritte Berg 
Schaurän, welcher zur Linken des Weges über el-Sudd emporragt, 
ist bewachsen und in demselben ist eine Ansammlung von Kegenwasser, 
el-Bahar dt {Jdcüt: el-Bu'geirät , so Samhüdi oder el-Ba'gardt) genannt, 

1) Ibn Hiscbäm pag. 540 u. 543. Es ist zu bemerken, dass die Mekkaner bei 
ibren yerschfedeDen Angriffen immer erst weit üb.er Medina hinaus zogen und dann 
Ton Norden aus gegen die Stadt vorriickten. 



120 F. WÜSTENFELD, 

worin sich schwarze Fische bis zu Armeslänge finden, die einen ange- 
nehmen Geschmack haben und sehr gut bekommen. Zur Kechten liegt 
der Berg 'Acr, dann schliesst sich an den Schaurdn der Berg Mit an 
{Jdcüt: Meitän) mit dem Brunnen Dhaffa, den Banu Suleim gehörig, 
ohne Vegetation; diesem gegenüber liegt der Berg Schij {Jdcät und 
Samhüdi: el-Sinn) und andere hohe grosse Berge, el-tiildh^) genannt^ 
auf denen nichts wächst und wo nur Mühlen- und Bau-Steine gebrochen 
werden, die man in Medina und der Umgegend benutzt. Dann folgt 
el-Euheidha, ein Dorf der An9ar und Suleim, welches zu Na'gd ge- 
hört und Saatfelder, Falmenpflanzungen und Brunnenwasser hat; Jäcät 
und Samhüdi nennen den Ort el-Rihdhija, er liegt in der Mitte des 
Weges zwischen Medina und den Bergwerken der Suleim, nach jeder 
Seite etwa 50 Meilen entfernt. Der Chalif Harun el- Raschid, welcher 
den Namen in el-Arhadhija veränderte, pflegte auf der Rückkehr von 
der Pilgerfahrt von Medina aus seinen Weg über hier und die Bergwerke 
zu nehmen und 2 Meilen von diesen bei dem Orte el-Rajj4n Station zn 
machen , wo desshalb Schlösser erbaut waren. Neben Arhadhija liegt 
das Dorf el-Hi'gr^), nur von Suleim bewohnt, welches Quellwasser 
hat und einen hohen Berg zur Seite, genannt Cunnat [Samh. Cubbat) 
el-Hi'gr „die Kuppel von Hi'gr,** in welchem der Wadi Dsu Wirl&n 
{JäcAt und Samhüdi: Rüldn; Kämüs III, 416: Rauldn) im Besitz der 
Suleim, mit vielen Dörfern und Palmenpflanzungen wie Calaha, (Calhd» 
Calahij, Calahajjd) am unteren Ende des Wadi Raudha^Oreina, wo 
schon vor dem Islam ein Gehege für Pferde war; dorthin zog sich Sa'd 
ben Abu Waccd? nach der Ermordung des Chalifen 'Othmdn zurück» 
indem er seinen Leuten verbot über irgend welche Vorkommnisse ihn 
zu benachrichtigen, bevor nicht alle Partheien sich ausgesöhnt hätten; 
ein anderes Dorf ist Tactud, zwischen beiden der Berg Odeima. Am 



1) d. i. hohe Felsen, so Bekri hier im Text und im Alphabet unter g-; JäeAt^ 
Samhüdi und Kamüs l, 13 el-Hiläa. 

2) nach Samhüdi in der Medinensischen Volkssprache el-Ha^r; Bekri voca- 
lisirt el-Hagar. 






DAS GEBIET VON MEDINA. 121 

obern Ende jenes Wadi liegen die Gärten el-FilA'g, wo die Leute ini 
Frühjahr und Sommer, wenn es -regnet, sich versammeln; es giebt dort 
weder Brunnen noch Quellen, aber viel stagnirendes Wasser, wie der 
Teich el-Ma'gnabij, welcher von verschiedenen Arten von Dornsträuchen 
und Weidenbäumen umgeben, aber nur von zwei Seiten zugänglich ist. 
Ein anderes Wasser heisst Dsdt el-Carnein, weil es zwischen zwei 
kleinen Bergen liegt; man kann nur mit Schöpfge&ssen das Wasser 
herausschöpfen. Der Teich el-Sidra hat das reinste Wasser, aber 
ringsum keinen Baum. 

Wer von hier der Richtung nach Mekka folgt, geht in dem Wadi 
'Oreifitän hinab, dessen Wasser von el-Rifda kommt; daneben zieht 
sich der Berg Oblä hin, welcher etwa vier Tagereisen von Medina 
entfernt ist. In diesem Berge sind viele Gewässer, wie der aus der 
Geschichte Muhammeds bekannte Bir Ma'ünä^) zwischen dem Gebiete 
der Batiu *Amir und der Harra der Banu Suleim , nicht weit von beiden, 
aber der Harra etwas näher; der Brunnen Dsu Gumd'gim {'Gamfi'gim,, 
Hamdhim) eine Tagereise von *Omak, Dsü Sä'ida und Dsul-Wasb&. 
Im Westen des Obla liegt eine kleine Bergkuppe genannt el-Schaura 
{Jdcüt und Samhüd{: el-Sauda) den Banu Chufdf von Suleim gehörig; 
hier sind viele Quellen mit süssem Wasser, wie el-^a'bia, und eine 
weite Fläche Landes, welches bestellt wird. Um den Besitz einer dieser 
Quellen, el-Näzia^), welche besonders reichlich floss, stritten sich die 
Chufdf mit den Amir lange Zeit; der Landesfürst bot» um den Streit 
beizulegen, einen hohen Preis um selbst in den Besitz derselben zu 
kommen, aber vergebens, und nachdem darüber viel Blut vergossen war, 
verstopften die Streitenden selbst die Quelle. 

Dem Obld gegenüber nach Osten liegt der Berg el-Marca'a 
{Jdcüt: el-Mauca'a), der Aufenthaltsort vieler Steinböcke, am Fusse des- 
selben das Wasser Fardn oder Fdrdn, welches seinen Namen hat von 



1) Ihn Hischam, pag. 649. 

2) Samhüdl ist der einzige, welcher darauf aufmerksam macht, dass diese Quelle 
von dem gleichnamigen Orte bei el-Qafrd, in dessen Nähe Muhammed nach der 
Schlacht bei Badr die Beute vertheilte, yerschieden sei. 

Histor.'phüol Glosse. XVIIL Q 



122 F. WÜSTENFELD, 

einer Familie Fardn ben Bali ben 'Amr ben el-Häfi ben Cudhd'a, die 
aus Mesopotamien zurückkam, sich an die Familie '09ajja ben ChufSif 
anschloss und sich besonders auf den Bergbau legte; denn hier sind die 
berühmten Bergwerke der Suleim Ma'din bani Suleim, zugleich eine 
Hauptstation an der Pilgerstrasse von Kufa, 100 Meilen oder acht Post- 
stationen von Medina und 22 Meilen von 'Omak. Ausser Metall werden 
hier auch Lazursteine gefunden und es soll in jener Gegend in einem 
Jahre zweimal Winter und zweimal Sommer sein. In der Nähe ist das 
Land Sabäh mit schlüpfrigem Boden und das Wasser Dhabj, den 
Suleim und Gatafdn gehörig; zehn Meilen davon nach Norden, westlich 
von der Strasse liegt der Berg Azwar. — Am Fusse des Marca'a auf 
der Ostseite ist die Quelle el-Schakika oder Schafica, Schufeica» gegen 
Süden schliesst sich der Berg Ohdmir an, der ins Böthliche fällt und 
mit Garb- und Gadhwar - Bäumen und Thumdm- Kraut bewachsen ist, 
und an der Pilgerstrasse folgt in geringer Entfernung nach Westen der 
Berg Habidh. Nach dieser Gegend liegen auchBurthum (oder Jar- 
thum), el-Achrab {Jdcät: Charib) und Ti'dr, hohe Berge an denen 
nichts wächst und welche von Panthern bewohnt werden; in der Nähe 
des Ti'är giebt es kein Wasser. 

Zwischen den Bergwerken der Suleim und Suwdrikia liegen die 
beiden kleinen Anhöhen el-Schu'th und 'Oneizdt und das Wasser 
Gurnuk oder Girnik und wenn man an der Quelle el-Ndzia vorüber ist, 
gelangt man zu den Gewässern el-Hadabija [Bekri: el-Hadanija oder 
el-Hudeiba) ; es sind drei Brunnen im Besitz der Chufäf bei denen nichts 
bebaut ist und keine Palme, kein Baum steht, in einpr weiten Ebene 
zwischen zwei vulkanischen Feldern von drei Parasangen Breite und 
unbestimmter Länge, grösstentheils mit bittersalzigen Kräutern bewachsen. 
Dann kommt man drei Meilen von hier nach el-Suwdrikia oder in 
der Deminutivform el-Suweirikia einem grossen, wohlhabenden und 
volkreichen Dorfe südöstlich von Medina, mit dem es, als an der Haupt-. 
Strasse von dort nach dem oben genannten Muslih liegend, im regen 
Verkehr stand, wesshalb das südliche Thor von Medina das Thor von 
Suwdrikia hiess ; es wurde indess in der Folge zugemauert und Samhddi 



DAS GEBIET VON MEDINA. 123 

sah nur noch Spuren davon. In dieser Richtung eine massige Tagereise 
von Medina hat im J. 654 (1169) ein grosser vulkanischer Ausbruch 
stattgefunden ^). Suwärikia hat eine Hauptmoschee mit einem Minbar 
und einen Msirktplatz, welcher von Kaufleuten aus allen Gegenden be- 
sucht wird ; da das Wasser dort etwas salzig ist, so wird süsses, weiches 
Wasser aus Brunnen von dem Wadi Suwarik und dem Wadi Abtun 
zugeführt. Die Einwohner treiben Ackerbau und eine bedeutende Pal- 
menzucht, ihre Anpflanzungen von Pisang, Feigen, Weintrauben, Granat- 
äpfeln, Quitten und Pfirschen reichen sieben Tagereisen weit bis an das 
Gebiet von Dharija und sie besitzen grosse Heerden von Kamelen, 
Pferden und Schafen. Der Ort gehört vorzugsweise den Suleim, aber 
nur die dort gebornen sind darin ansässig, während die vornehmeren 
Familien als Nomaden leben und an den Hauptstrassen von Hi'gäz und 
Na'gd die Pilger mit Proviant versehen. Es giebt aber auch in diesem 
Gebiete noch mehrere feste Niederlassungen, wie der nach Medina hin 
nahe bei Suwdrikia gelegene Ort Ahbäb oder Achbäb und auf der 
entgegengesetzten Seite neun Meilen von Muslih beginnend der Bezirk 
der drei Dörfer NicjA, Kijjfi drei Parasangen von Suw&rikia und 
Hädsa, in dessen Nähe sich Löwen aufhielten, nicht weit davon das 
Wasser Ca Ib. Diese drei Dörfer, zu denen von einigen noch ein viertes 
el-Muhdath gerechnet wird, führen auch nach einem Berge den ge- 
meinschaftlichen Namen el-Atfti und dazwischen liegt ein freies Feld, 
Na'gil genannt, mit bestellten Aeckern, zu deren Bewässerung das 
Wasser auf Kamelen hingeschafft wird. Diese Gegend war im Besitz 
der Gatafdn, bis sie von den Suleim daraus verdrängt wurden. — Ein 
anderes Dorf el-Malhd, nach einer Familie der Banu Heiddn so be- 
nannt, einige Parasangen von Suwdrikia, an dem Wadi Caurdn, auch 
mit dem Zusätze Caurdn el-Bi9df nach einem benachbarten Orte, in 
welches aus der Harra drei süsswasser Bäche fliessen, hat Palmen und 
Baumpflanzungen und ist von Hügeln umgeben, welche nach einem 
grossen Teiche in ihrer Mitte den Namen Hügel von Dsu Ma'gar 



1) 8. Oeschichte d. Si Medina, S. 18. 

Q2 



124 F. WÜSTENFELD, 

führen. Oberhalb dieses Teiches ist das Wasser Lfth oder Lacf eine 
Farasange von Suwdrikia aus vielen sfisswasser Brunnen entstehend, 
aber ohne bestelltes Land, weil der Raum zu eng und der Boden zu 
hart ist. Darüber ist das Wasser Schass, ebenfalls aus vielen Brunnen 
bestehend, und über diesem der Brunnen Dsfit el-Gfir etwa drei Para- 
sangen von Suwdrikia, der reichhaltigste und grösste von allen, womit 
ihre Felder bewässert werden. Gegenüber liegt der sehr hohe Berg 
Acr£[h, auf welchem nichts wächst, welcher aber zahlreichen Fanthem 
und Steinböcken zum Aufenthalt dient. An der Strasse von Atm nach 
Suwdrikia liegt auch der Ort Iran. 

Von el-Malhfi gelangt man oberhalb Suwfirikia zu dem Berge 
Mugdr [Bekri: Mudn), in dessen Innerem sich mehrere Quellen be- 
finden, wie die Quelle el-Hadddr, welche mit reichlichem Wasser her- 
vorsprudelt, zur Seite zwei schwarze Abhänge, am Fusse des einen das 
salzige Wasser el-Eifda rings von burgähnlichen Schlössern und f^alm^ 
Pflanzungen umgeben, in deren Schatten der Wanderer sich niederlSsst« 
Das Alles gehört den Banu Suleim und liegt an dem Wege de^ Zubeid^ 
welchen sie Munaccä Zubeida „die (von Steinen und G^bü^h) g{^ 
säuberte Strasse der Zubeida^' nennen, zum Unterschiede von Munapca 
zwischen Medina und dem Ohod (s. oben S. 116). 

Neben el-Bifda mit seinem Salzboden und nicht weit von Suwdrikia 
liegt der hohe Berg Schuwdhit, wo ebenfalls Panther und Steinböcke 
hausen und von welchem viele kleine Bäche herabkommen, an d^nen 
Gadhwar-Sträuche und Thumdm-Kräuter wachsen ; er ist durch ein Treffen 
zwischen den Banu Muhdrib und Banu Amir bekannt ^). Daneben 
folgt der Wadi Birk reich an Gewächsen, besonders an stachlichten 
Salam- und 'Orfut- Bäumen, und darin das Wasser el-Buweira von 
süssem, angenehmem Geschmack. Hier ist auch der hohe Berg Burs 
gleichfalls von Fanthern und Steinböcken bewohnt, daneben der Wadi 
Beidhdn mit vielen Brunnen, an denen die Banu Chuzd'a Niederlas- 
sungen hatten und das Land bebauten, woraus sie von den Banu el- 



1] Beiske^ primae lineae bist. regn. Arab. pag. 235 i;. 242. 



DAS GEBIET VON MEDINA. 126 

Scharid ben Suleim vertrieben wurden, welche auch das Wasser el- 
Nakischa in Besitz nahmen. Zur Seite liegt der Ort (Berg) ^a]^n jpi 
Lande der Suleim über Suwdrikia mit dem Gewässer Habäa^); es 
sind viele Brunnen, die schräg unter einander gegraben sind, so dass 
der eine sich in den anderen ergiesst, mit süssem, wohlschmeckendem 
Wasser; hier wird Weizen, Gerste und ähnliche Getreide gebaut. 

Ein anderes Wasser el-Risds genannt, aus einem einzigen Brunnen 
bestehend, ist sehr reichhaltig, aber es kann daneben nichts bebaut 
werden, weil der Platz zu beschränkt ist. Unterhalb Beidhfin und über 
Suwdrikia liegt ein Ort Namens el-I? mit dem Wasser Dsindbat- 
{Jdcät: Dsanabän-) el-Ij, wo sehr vielp Salam- und Dhdl-Bäume wachsen, 
woher der Name *I9 d. i. Dickicht. Danebe^ liegt der oben genannte 
schwarze Berg e 1-H a r r d s, auf ^^^Ich^m nichts fachst, an seinem Flösse 
das stagnirendp Wasser 'ELnw^Y ^^er Qiw$l^, den Bai^u Suleim ge- 
hörig, dann folgt der Berg l^itdr, wi^ ol^pn erwähnt ist. 

Die Suleim wohnen noch ypeiter paqh No^dfEin Ij^nauf , Jiipr abpr 
meist mit puderen Stämmen gemischt, wie dpr folgqpde Ab^phnitt zq|gßu 
wird. 

ni. Die Landschaft el-Babq^dsa. 

Auf der nördlichen Hauptstrasse von Medina ist hinter der ersten 
Station bei el-Taraf der nächste Ort el-Suweid&, zwei Tagereisen 
von Medina, dann nähert man sich der Gränze zwischen Hi'gdz und 
Na'gd bei dem Berge el-Aswad, welcher hier genau die Scheide bildet, 
so dass die eine Hälfte zu diesem, die andere zu jenem gehört; es ist 
ein hoher Berg, auf welchem aber nichts wächst als Futterkräuter wie 
pllijdn und gadhwar. Nicht weit davon ist die zweite Filgerstation 
Batn-Nachl in Na'gd gelegen, wohin Muhammed den vergeblichen, 
sogen. Zug Dsdt el-Kikd' gegen die Banu Muhdrib und Tha'laba von Gra- 



1) nicht zu yerwechsehi mit dem gleiehnamigen berühmten Schlachtfelde in 
Scharabba. 



126 F. WÜSTENFELD, 

tafän unternahm ^); dies Nachl^) ist ein Dorf in dem Wadi Scharf, 
von Fazära, Asch'ga', Anmär, Cureisch und An^dr bewohnt. Zur Linken 
von Batn-Nachl soll das Land el-Gamtim liegen, wohin Muhammed 
den Zeid ben Hdritha gegen die dort ansässigen Suleim sandte ^) , und 
wäre dies dann die nördlichste Niederlassung derselben gewesen. — 
Bei Batn-Nachl theilt sich die Hauptstrasse nach zwei Sichtungen, nord- 
östlich nach Feid und östlich nach el-Rabadsa, wohin der Weg über 
die kleinen weissen Hügel el-Afdhid führt in die Ebenen von Chur- 
^än, wo an dem Wasser Mah'gür Parkanlagen gemacht sind; in dieser 
Gegend liegen auch die Wasser el-Hisä, die den Fazara gehören. 

Der mittlere Theil von Na'gd, welcher durch zahlreiche Quellen 
und Brunnen der fruchtbarste war, zerfallt in drei Gebiete oder Land- 
schaften: Dharija"*), Rabadsa und el-Schureif d. i. klein Scharaf; 
die beiden letzteren heissen auch das Gehege zur Bechten und das zur 
Linken und beide trennt der Wadi Tasrir, so dass el-Schureif nach 
Westen und el-Rabadsa nach Osten liegt; Dharija und Rabadsa werden 
auch unter dem gemeinschaftlichen Namen el-Scharaf begriffen. Von 
dem Dorfe Rabadsa, drei bis vier Tagereisen von Medina an der Haupt- 
strasse von Feid ^ nach Mekka und eine der schönsten Stationen der 
Pilger zwischen Mugltha-Mäwdn und Sa lila 5), von beiden ziemlich 
gleich weit 24 bis 26 Meilen entfernt, hat die Landschaft den Namen 
„das Gehege von Rabadsa** erhalten. Rabadsa, Schucra und Zardd 



1) Ibn Hischäm, pag. 975. 

2) an der Stelle des heutigen el-Henakie, wo Capt. Sad/ier von der Haupt- 
strasse nach Westen sich wandte. 

3) s. Ibn Hischäm pag. 975. 

4) vergl. die Abhandl., »die Strasse von Ba^ra nach Mekka mit der Landsch. 
Dharija«. 

5) Jäcüt H, 749 hat unrichtig »zwischen Salila und *Omak« aus Nagr ent- 
nommen, und Samhüdi, welcher den Nagr gleichfalls citirt, fand in seinem Exem- 
plare den Namen sji^\ 'Omak in vJuiUJf el-'Akik verschrieben und macht deshalb 

einen Zusatz »zwischen Salila und dem 'Aldk, welches bei Dsät 'Irk liegt«, wodurch 
noch mehr Verwirrung entsteht. 



DAS GEBIET VON MEDINA. 127 

waren nach der Sage Töchter des Jathrib ben Cdnia und nach ihnen 
sind drei Orte benannt. Sabadsa mit dem Marktplatze Sdca-Ahwä 
ist bekannt als Geburtsort des Gundub ben tGrundda Abu Dsarr el-Gi- 
fdri, welcher zu Muhammed kam und den Islam annahm und dadurch 
das Beispiel für seinen Stamm gab. Auf dem Zuge nach Tabtik wurde 
sein Kamel so hinfallig, dass er ihm ,das Gepäck abnehmen und selbst 
auf dem Rücken tragen musste; so folgte er dem Zuge und als ihn Je- 
mand sah und sich an Muhammed wandte mit den Worten: „da geht 
ein Mann zu Fuss des Weges", sagte Muhammed: das muss Abu Dsarr 
sein**, und als die Leute ihn näher ansahen, sprachen sie: ,,bei Gott! 
er ist es*', worauf Muhammed den Ausspruch that: ,,Gott erbarme sich 
des Abu Dsarr! er geht zu Fuss allein, stirbt allein und wird allein 
auf er weckt werden**. Dies ging in soweit in Erfüllung, dass Abu Dsarr 
in Folge eines Zwistes mit dem Chalifen Othmän aus Medina ausgewie- 
sen wurde und bloss von seiner Frau und einem Sklaven begleitet sich 
nach Babadsa zurückzog und dort im J. 32 (652) starb. Er hatte in 
dem Orte neben dem Brunnen der Moschee den Brunnen el-*Urf ange- 
legt. — Die Einwohner gehörten zu den Banu Sa'd ben Bekr ben Fa- 
zära und die Familie el-Zubeir hatte dort Besitz. Im J. 319 (931) war 
ein Streit mit den Bewohnern von Dharija ausgebrochen, diese riefen 
die Carmaten zu Hülfe, welche den Ort, nachdem die Einwohner abge- 
zogen waren, zerstörten. — Ganz nahe bei Rabadsa liegt der Berg 
'Aids und nach der Seite von Scharabba das Wasser Dhalldl. Auf 
einem anderen Berge Marwdn in der Umgegend von Rabadsa stand 
eine Burg, welche nicht lange vor Muhammed von Gdbir ben Mdlik gen. 
el-Schuleil erbaut und nach ihm *Acr Banu Schuleil benannt war. 
Der Chalif Omar ben el-Chattdb hatte jene Gegend als unverletz- 
lich nur zur Weide für die als Abgabe oder als Geschenke eingehenden 
und für den Kriegsdienst bereit gehaltenen Kamele bestimmt. Dies 
Gebiet war anfangs eine Poststation (Barld) lang und ebenso breit, den 
Mittelpunkt bildete das Wasser el-Chabira im Norden von Rabadsa, 
an welchem die Gatafdn wohnten, daneben besassen die Banu Tha'laba 
ben Sa'd ben Dsubj&n ein Wa9ser und die Asch'ga' einen Brunnen. Die 



128 F. WÜSTENFELD, 

Berge dieser Gegend sind die ersten dieses Geheges, welche man Ton 
Medina her als Nebelbilder in der Feme liegen sieht. In der Folge 
wurde es durch die Statthalter von Medina um das Doppelte vergrössert ; 
als aber zur Zeit des Chalifen el-Mahdi die Benutzung des Gebietes 
freigegeben wurde , schickten die Medinenser ihr Vieh dorthin auf die 
Weide. Zwar suchten Gä'far ben Suleimdn el- Abbdsf während seiner 
zweiten Verwaltung von Medina im J. 163 (779) und Abu Bekr Bakkdr 
el*Zubeirf, gest. im J. 195 (810) das alte Becht aufrecht zu halten, nm 
es nur für ihre eigenen Kamelheerden zu benutzen ; nachdem indess der 
letztere von seinem Posten entfernt war, ist das Verbot von keinem 
wieder erneuert. 

Dieses Gebiet^} ist von Bergen eingeschlossen, deren erster Bah- 
rahdn^) im Westen von Babadsa und 24 Meilen oder zwei Barid von 
da entfernt liegt und von den Banu Tha'laba ben SaM bewohnt wird; 
der Berg hat viele schwarze Spitzen mit tiefen Spalten, am Fusse dehnt 
sich eine' Ebene aus, in welcher weisse Disteln wachsen. Hier wurde 
vor dem Islam in dem Kriege der Keis eine grosse Schlacht geschlagen *). 
Die nächste Tränke von hier an der Strasse von Feid, el-Kadfd, hat 
uralte Brunnen mit süssem Wasser; dort wurde Babfa ben Mukaddam 
durch Nubeischa ben Habib getödtet"^); sie gehört den Banu Näschira, 
einem Zweige der Tha'laba, welche hier noch ein anderes Wasser A* wag 
mit mehreren nicht ausgemauerten und einem grossen ausgemauerten 
Brunnen besitzen. Drei Meilen von el-Kadid kommt man an den Bei^ 

1) Ich gebe diese Beschreibung, wie sie sich in diesem Zusammenhange bei 
BeJcri und zum Theil auch bei Samhüdi findet, nur dass ich aus den einzelnen Ar- 
tikeln bei Jäcüt Einiges zur Ergänzung hinzugesetzt habe*, die Lage der einzelnen 
Berge zu einander ist aber nicht ganz deutlich. 

2) Es ist ein arges Versehen, dass Jdcüt den Rahrahän in die Nähe von 
'Okädh verlegt, was noch dadurch recht auffällig wird, dass er in derselben Zeile 
richtig die Gatafän als seine Bewohner angiebt. Die unrichtige Angabe rührt indess 
von älteren Autoren her, vergl. Meidäni, Tom. 11. pag. 326. Arab. prov. T. lU. p. 558. 

3) s. EeisJce, primae lineae bist. Arab. p. 210. Ibn elrAfhir I, 411. 

4) Diese fehlerhafte Angabe kommt bei Bekri und Samhüdi vor; der Ort, wo 
Babi'a getödtet wurde, ist el-Eadid zwischen Amag und'Osfän; s. Hamäsa pag. 411, 



DAS GEBIET VON MEDINA. 129 

el-Sa'd, wo einige feste Wohnungen stehen mit einem Marktplatze 
und sQssem Wasser; in der Nähe liegen die beiden Berge Badr und 
Arm dm, drei Tagereisen (nicht drei Meilen, wie bei Jdcüt) von Medina. — 
An den Rahrahdn gränzt. auf seiner Westseite der Berg el-Giw4 im 
unteren Theile von 'Adana an der Strasse von Rabadsa nach Medina, 
von Babadsa 21 Meilen entfernt und von Banu *Abs bewohnt ; hier giebt 
es kein Wasser, das nächste ist drei Meilen weit, el-*Azzäfa genannt, 
bei Abrac el-Azz4f 12 Meilen ^) von Medina im Besitz der Regie- 
rung. — Auf el-Giwä folgen die Berge el-Cuhb in einer schönen 
Ebene, in welcher weisse Disteln wachsen, eine der besten Gegenden 
dieses Geheges etwa ein Barid von Rabadsa, wo die Banu Tha^laba und 
Anmar ihre Wohnsitze haben, links von der Hauptstrasse von Feid nach 
Medina und rechts von der Sfrasse von 'Irdk nach Mekka. Das nächste 
Wasser von da heisst schlechthin el-Gafr „der Brunnen*' d. i. Gafr el- 
Cuhb und wird von dem Dichter Wazir ben el-GaM, Bruder des ^achr 
ben el-Ga'd el-Chadhiri in den Versen erwähnt: 

Ich sah ziemlich früh , als die Sonne eben aufgehen wollte, 

mit den Augen eines Habichts mit weiten Schwingen, 

der auf Alles achtet, was sich bewegt. 

Nach Gafr in dem Grunde des Cuhb unter mir, 

während el-Gurajjib und el-Batil noch verhüllt waren. 
Der Wadi Batil wird von Dsubjdn bewohnt. — An el-Cuhb stösst 
rechts von der Strasse nach Mekka ein schwarzer Berg genannt Aswad 
el-Buram 20 Meilen von Rabadsa im Lande der Banu Suleira , wo 
schwarze Steine gebrochen werden, aus denen man buram Töpfe ver- 
fertigt; das nächste Wasser zwei Meilen weit sind die Brunnen, welche 
el-Mahdi graben Hess und welche den Namen Dsu Bacar haben. — 
Hierauf folgen links von der Strasse zwei Berge Artim oder Urüm, 
auch Gandüra genannt, und Ar dm in der Kibla (Richtung nach Mekka) 
von Rabadsa im Lande der Suleim, wo el-HafdIr liegt und ausserhalb 
des Geheges der Berg Schdba zwischen Rabadsa und Salfla (?) gegen- 



1) Diese Angabe bei Jäcüt Ui, 667 ist o£fenbar viel zn gering. 
Eisior.'phüol Glosse. XVIIL R 



130 F. WÜSTENPELD, 

über el-Schu'aiba innerhalb des Wadi Rumma; el-Catt41 el-; 
sagt: 

Ich liess Ibn Habbär an der Thür stehen, 

am Morgen lag vor mir Schdba und sein Urdm. 
Und Abu DawAd el-Ijddf sagt: 

Verlassen ist von meinem Stamm, der hin und herzieht, 

Ti'dr, dann Arilm, dann Schdba, dann el-Sitdr. 
Das nächste Wasser von Arilm, mit Namen Dsabdsab, liegt innerhalb 
des Geheges und ist 12 Meilen von Rabadsa entfernt. — Dann folgen 
die Berge von el-Ja*mala 13 Meilen von Rabadsa mit so ergiebigen 
Wasserquellen in dem Wadi el-Ja*mala, dass ein Dichter davon ver- 
gleichsweise sagt: « 

Wir haben gegraben für die Pilger den Brunnen Sunbula(in Mekka) ; 

wie Regen aus Wolken, den der Erhabene sendet, 

giesst er Wasser aus gleich dem Wasser von Ja'mala. 
Die Banu Suleiin und Muhdrib, welche hier wohnen, haben gleichen 
Theil an diesem Wasser. — Hinter dem Ja'mala im Lande der Suleim 
aber ausserhalb des Geheges liegt der Ort el-Scharabba zwischen 
Rabadsa und Mdwdn in dem Winkel, der durch die beiden Wadi Rumma 
und el-Garib gebildet wird, von denen sich der letzte in den ersten 
ergiesst, und in seinem oberen Theile bis nach Haziz reicht, einem 
Wasser der Banu MuMrib, welches von Samirä an der Strasse von Feld 
kommt; Andere rechnen das ganze Land zwischen Batn Nachl und den 
Bergwerken der Suleim zu Scharabba. Es wird von den Abdallah ben 
Gatafdn bewohnt und ist die kälteste Gegend in Na'gd; darin liegen die 
beiden Berge Hibirr und Wdhib, die Hügel el-Calib. der Ort 
Mureikib, der Brunnen Gafr el-Habda und nach Batn Nachl zu 
das Wasser el-Ja*marlja, eine Gegend, welche in dem Kriege Dähis 
und Gabrd mehrmals der Schauplatz grosser Schlachten gewesen ist ^)« 
Das Wettrennen, welches diesen 40jährigen Krieg veranlasste, fand statt 



1) s. Eitäb el-Agäni. Tom. XVI. pag. 32. ReisJce, primae lin« pag. 226. Ibn 
el'Äthir I, 420. 



DAS GEBIET VON MEDINA. 131 

im Gebiete der 'Abs an dem Wasser el-Ifad in einem Thale zwischen 
den rothen Hügeln el-Calib, welches den Namen Schi'b el-Heis er- 
hielt, weil Hamal ben Badr dort einige Krüge mit heis d. i. einem aus 
Datteln, Butter und saurer Milch zubereiteten Gerichte hingestellt hatte 
als Getränk für die Leute, welche den Hengst Dähis vom Ziele ablen- 
ken sollten, wenn er die Stute Gabrd überholte; und so kam es. — 
Der Wadi Rumma macht hier zuglefich die Gränze zwischen Scharabba 
und dem Gebiete 'Adana, indem jenes an der östlichen, dieses an der 
nördlichen Seite desselben liegt; in 'Adana finden sich die Bitterwasser 
Ocor den Gatafdn, Kuneib den Banu Schamch von Fazdra gehörig, 
'Oreitindt, el-Zaurd und 'OrdMr und der Berg el-Firs eine Tage- 
reise von el-Nacra im Besitz der Banu Murra ben 'Auf. Zu Scharabba 
gehören das salzige Wasser Guschsch-A'jdr auf der Seite von 'Adana, 
der Ort Ca tan, der Ort Hämir bei Urul im Gebiete der Gatafdn, 
wo dieses an die Banu 'Udsra gränzt, der Wadi Dsu Husd, wo Gata- 
fdn und 'Abs wohnen, und der Brunnen Sa'dija mitten in Scharabba 
im Besitz zweier Trupps der Banu Asad, da wo die Wohnungen der 
Muhdrib und Gatafdn zusammenstossen. 

An den Ja'mala schliesst sich links von der Strasse nach Mekka 
eine rothe Hügelreihe Cawdni genannt, einzeln im Singular Cania, 
auf einem Felde mit schwarzen vulkanischen Steinen, den Banu Suleim 
gehörig, 12 Meilen von Eabadsa; das nächste Wasser von dort heisst 
el-Chidhrima. Auf diese Hügel folgt ein säulenartiger Berg, ' A m il d 
el-Muhdath ,,die Säule von Muhdath**, von Muhdath, einer nach 
Sonnenaufgang befindlichen Quelle so benannt, 12 Meilen von Rabadsa, 
wo die Familie Chudhr vom Stamme Muhdrib ben Cha9afa lagert, deren 
Verwandte Na9r ben Mu'dwia das nächstgelegene Wasser HafiraNa^r 
besitzen. Dann folgt in einer weiten Ebene 'Amdd el-Ac'as ,,die 
Säule el-Ac'as", an deren Fusse die Quelle Ac'asfja entspringt, gleich- 
falls den Banu Muhdrib gehörend, zwei Barid oder 14 Meilen von Ra- 
badsa; dann in gleicher Entfernung und demselben Stamme gehörend 
die lang ausgedehnten Hügel el-Bulus {Jdcüt: Balas), der Sammelplatz 
von Strolchen, 20 und etliche Meilen von Babadsa. — Dann kommen 

R2 



182 F. WÜSTENFELD, 

schwarze Kegel genannt el-Hamäza links von der Hauptstxasse in 
einer flachen Gegend im Lande der Tha'laba, welche hier Brunnen aus 
Yorislamischer Zeit besitzen, 18 Meilen von Rabadsa, dazwischen an der 
Strasse von Mdwdn die Hügel Sanfim mit dem Wasser Schacar«15 
Meilen von Rabadsa. — An el-Hamdza schliessen sich andere Kegel 
genannt el-Häribija^) im Besitz der Banu Thä'laba, wo anch die 
Banu Näschib ein Wasser haben, 14 Meilen von Kabadsa. Nahe dabei 
sind die lang ausgedehnten rothen Hügel Hadhb el-Manhar eben- 
falls im Gebiete der Tha'laba links von der Strasse in einer flachen Ge- 
gend, welche Hakam el-Chudhri in dem Verse erwähnt: 

Oh meine Freunde! habt ihr nicht den Blitz beobachtet, 

von dem el-^ur&d erglänzte und die Hügel el-Manhar? 
Fort zieht die Wolke und steigt immer höher hinan 

gleich einem edlen, schwerbeladenen Kamele auf weichem Boden. 
Hier liegt auch der rothe Hügel T ei man im Gebiete der MuMrib oder 
Fazara nahe bei Rabadsa, welchen derselbe Dichter erwähnt, mit dem 
unebenen Felde Dsul-Nubdh zur Seite, und an den Manhar reiht 
sich wieder der Rahrahän, zwischen beiden el-Chabira, von wo die Be- 
schreibung ausgegangen ist. 



Zwischen den drei Bergen Rahrahän, el-Qurdd mit dem Orte el- 
^ureid, wo die Tha'laba ben SaM wohnen, und el-Dähina liegt das 
Wasser el-Thdmillja im Besitz der Banu Asch'ga', daneben der Berg 
el-Maraurdt, bekannt durch eine Schlacht, worin die Banu Dsubjdn 
die ^Amir besiegten, und im Westen des Rahrahän heisst ein Berg 
Abrac, vielleicht einerlei mit Burca Rahrahän. — Zwischen el- 
Rabadsa und Dharija liegt der Ort Dhila* el-Ganafd und der Berg 



1) el-Häribija bei Jacut IV, 945, ein kleines Wasser nach den Banu H&- 
riba ben Dsubjän benannt, einer kleinen Familie, welche wegen eines Streites sich 
von ihrem Hauptstamme Gatafän trennte und sich unter den Banu Tha'laba nieder- 
liess, zu denen sie dann gezählt wurde. So hat auch Samhüdi den Namen in die- 
ser Gegend, so dass el-Hädinija bei Bekri fehlerhaft ist. 



DAS GEBIET VON MEDINA. 138 

el-6arid am Ende des Wadi Oarib, welcher sich in den Rumma er-* 
giesst, von Muhärib und Fazära bewohnt. 

Von Kabadsa kommt man auf der Pilgerstrasse nach Norden an 
dem Wasser el-^uljula vorüber, welches den Muhdrib gehört, und 
gelangt dann bald zu der Station am Wasser Mdwän bei dem Berge 
Mugitha, daher Mugitha-Mfiwdn zum Unterschiede von Mugitha, der 
dritten Station von Kufa auf dieser Strasse. Bei Mäwdn sind viele 
Brunnen mit Namen Bidha an den Bergen Odeima und el-Scha* 
cadsdn und über M&wdn erhebt sich der dicke Berg Scha'r, worin 
die Suleim den Bergbau betreiben; zwischen hier, el-Nacra und den 
beiden Bergen Abdn wohnen die Banu 'Abs. 

Von, Mäwdn nach el-Nacra werden 20 oder 27 Meilen gerechnet; 
bei el-Muhdath, sechs Meilen vor Nacra, ist ein Lagerplatz, wo die 
Fürstin Zubeida ein Schloss mit mehreren Thürmen hat erbauen lassen, 
daneben ist ein Teich und zwei Brunnen mit süssem Wasser. Auf fünf 
Meilen von Nacra passirt man den Wadi DsuHurudh, wo die Abd- 
allah ben Gatafdn wohnen, dann den Ort Angal und in diese Gegend 
scheint auch der Berg All zu gehören. — el-Nacra selbst hat einen 
Teich und drei grosse Brunnen, von denen einer von dem Chalifen el- 
Mahdi, zwei von el-Raschid angelegt sind; mehrere kleine Brunnen, 
welche den Nömaden-Arabern gehören, werden bei einem grösseren Zu- 
sammenfluss von Menschen bald leer geschöpft; ihr Wasser ist süss, 
die Seile 30 Ellen lang Der Ort wird von zwei Bergen umschlossen, 
dem schwarzen und dem rothen Arfk; die Hälfte des einen gehört den 
Muharib, die andere Hälfte den Banu el-C4dir von Suleim. Auch hier 
sind wieder Bergwerke , die etwas zur Seite liegen , so dass von dem 
weiter unten zu nennenden Orte Caraurä zwei Wege abgehen, der 
eine zur Linken grade auf Nacra zu, der andere zur Kechten nach den 
Bergwerken, Ma'din el-Nacra. Abseits von der Strasse eine Tage- 
reise von Nacra ist das Wasser Dhubeij. el-Nacra ist ein Knotenpunkt, 
indem hier nicht nur die Pilgerstrassen von Mekka und Medina zusam- 
mentreffen, um nach Kufa weiter zu gehen, sondern auch von hier ein 
Weg östlich an dem einzeln stehenden Berge Dhabu' im Gebiete der 



134 F. WÜSTENFELD, 

Gratafän vorüber nach el-NibSr'g an der Strasse von Ba9ra, ein anderer 

■ 

westlich nach Cheibar und Fadak führt. 

Von Batn-Nachl an dem Orte el-Schibdk vorüber im Gebiete 
der Banu Gani ben A'gur führt ein Weg durch die Wüste nach Ba9ra, 
dessen Richtung indess nur sehr unbestimmt angegeben wird. Zunächst 
kommt man an die oben erwähnte Station Abrac el-Azz4f mit einem 
Wasser im Besitz der Banu Asad ben Chuzeima; der Name wird von 
*azif „Geisterstimmen**, welche man darin hört, abgeleitet. Hierauf folgt 
das Wasser Haumänat el-Darrä'g rechts am Wege nahe beiCunna. 
einem Lagerplatze der Banu Asad , dann das Wasser el-Kei9dina, 
eine JTage- und eine Nacht-Reise östlich von Feid und vier Tagereisen 
von el-Nibd'g, und eine Meile davon entfernt das Wasser Da'gnfja, 
zwischen beiden ein Hügel, von dessen Höhe man beide sehen kann, 
am Rande der Wüste, welche sich an dem Hazn der Banu JarbA* hin- 
zieht; sie werden zusammen in der Dualform des letzteren el-Da'gni- 
jatän genannt und gehören den verbrüderten Stämmen Bekr und Tha- 
laba ben Sa'd ben Dhabba; jedes von beiden hat über hundert Quellen 
und ebenso reichlich ist das am jenseitigen Rande der Wüste gelegene 
Wasser Ti'schdr, welches gleichfalls im Besitz der Thalaba zu dem 
Gebiete el-Waschm gehört. Von el-Keifdma ist das nächste Wasser 
el-Wacabä, wo mehrere grosse Schlachten zwischen Arabischen Stam- 
men geschlagen wurden; drei Meilen von hier ist das Wasser el-Dha'gd* 
und weitere drei Meilen ^) el-Salmdn an dem Wege von Kufa nach Ba9ra. 



Auf der nördlichen Strasse von Batn-Nachl hat man zwei Tage oder 
36 Meilen bis zu der Station bei dem Wasser el-*Oseila am Berge el- 
Candn, an welchem auch die Wasser el-Tarmus und Schirk, den 



1) Vermuthlich ist statt drei Meilen beide Male »drei Tagec zu lesen; wenn 
Jacüt n, 554 gegen die Angabe des Na^r das Bedenken äussert, dass el-Waschm 
(nicht Woschem, wie auf unseren Karten) mitten in Jemama liege, so hat er selbst 
IV, 930 das Richtige , dass es zwei Nachtreisen davon entfernt ist, da das Gebiet 
Dhartja dazwischen Hegt. 



DAS GEBIET VON MEDINA. 135 

Banu Asad gehörig; ein anderer Berg in diesei Gegend, Hiba oder 
Hubs, (woraus Gibs sicher nur verschrieben ist,) stösst an das Hoch- 
land der Gatafdn. Von el-*Öseila sind 46 Meilen , welche ebenfalls in 
zwei Tagen zurückgelegt werden, bis el-Nacra. 

Die nächste Station hinter el-Nacra auf der Strasse nach Kufa ist 
el-^aTd, bekannt aus der Geschichte des Doreid ben el-Qimma, wel- 
cher, um den Tod seines Bruders Abdallah zu rächen, dort die Gratafdn 
zu überfallen dachte, jedoch waren sie schlauer Weise bereits abgezogen^). 
In der Nähe liegt an der Westseite der Strasse der Berg el-Chaschbd. — 
Etwa zwölf Meilen von Nacra kommt man an den Brunnen el-Hasanf 
vorüber, welcher von der Fürstin Zubeida angelegt worden ist; dieselbe 
hat auch sechs Meilen weiter bei dem oben erwähnten Orte Caraurä, 
zwölf Meilen diesseits el-Hd'gir, einen Teich graben lassen, wo auch ein 
Schloss steht mit einem Brunnen mit süssem Wasser, dessen Seil etwa 
40 Ellen lang ist; auch das salzige Wasser el-Caradija ist auf dieser 
Strecke. — Zwei Meilen vor el-Hd'gir ist bei dem Orte Akamatel- 
'Ischrik die 36ste Poststation auf der Pilgerstrasse von Bagdad. 

Nahe bei el-Hd'gir war el-Bucdta^) der Lagerplatz der Banu 
Fazdra, wo Mälik ben Zuheir, der Bruder des Keis ben Zuheir, getödtet 
wurde, wodurch der Krieg Ddhis und Gabrä zum Ausbruch kam. — 
Im Westen von Hä'gir liegt der Berg Canä, von den Banu Murra von 
Fazdra bewohnt, wo ihr Gebiet an das der Tajjf am Berge *Owdridh 
anstösst; bei Dichtern werden diese beiden Berge zusammen in der 
Dualform des ersten Canawdn genannt; auf der Südseite haben die 
Murra die Parkanlagen el-Rubäb und nach Norden schliessen sich 
die beiden kleinen Berge ^dl'ratd Cand an. 

Auf der Ostseite zwischen Nacra und Hd'gir liegt der runde Berg 
Catan im Gebiete der Banu *Abs, wohin Muhammed ein Corps unter 



1) Dies drückt Doreid selbst in einem Gedichte aus, s. Jacut in. 414, 23, so 
dass er erst in einer anderen Schlacht einen Sieg erfochten haben muss ; vergi. Eitäb 
el-Agäni IX, 3 — 6. Reiske, primae lineae bist. Arab. p. 247. 

2) Hamäsa pag. 449 el-Lufadha. 



136 F. WÜSTENFELD, 

Abu Salama ben Abd.el-Asad aussandte, wobei MasMd ben 'Orwa um- 
kam ^). Der Berg ist sehr reich an Quellen und Bächen, an denen zahl* 
reiche Palmenanpflanzungen gemacht sind, wie el-Sulei*, el-Adfdg, 
el-Thajjila, el-*Akira, el-Mimhä, el-'lmdra, el-Gureira mit 
dem Wadi el-tJureir, welcher sich nach Osten in den Wadi Thädik 
ergiesst, der sich dann mit dem Wadi Rumma vereinigt; ferner das 
Wasser H a b 'g a r d mit dem Wadi Dsu Hab'gard auf der Nordseite des 
Catan im Besitz der *Abs, wo auch der Ort ^ u h e i r liegt, und der Wadi 
Chaww, welcher zwischen den beiden Bergen el-TinÄn, an dem 
die Banu Fac'as wohnen, durchfliesst und sich in den Wadi Dsul- 
'Oscheira ergiesst, an welchem die Banu Abdallah ben GatafÄn einige 
Gewässer und Palmenpflanzungen besitzen; der Dsul-Oscheira wendet 
sich dann nach Süden und ergiesst sich in den Rumma; oberhalb des- 
selben ist der Wadi Mubhil el-A'grad, worin der Brunnen Bfr 
Banu Bureima, in dessen Nähe die Abdallah ben Gatafän am Beige 
el-Mu'geimir die Bergwerke Ma'din el-Bir besitzen. Nördlich von 
dem Catan erhebt sich die Bergspitze Dsu Farkein und der Berg 
Mischhads. 

Die Station el-Hd'gir ist von Nacra 30 Meilen entfernt; hier 
fand ein Treffen statt zwischen den Banu Fazdra und Banu 'Amir, in 
welchem die letzteren in die Flucht geschlagen, aber der Anführer der 
ersteren, Hi9n ben Hudseifa ben Badr von Kurz el-Okeill getOdtet 
wurde. — An der Strasse nach Kufa ist das nächste Wasser Dsät 
el-*Oneik und eine Meile seitwärts von diesem, vier Meilen von Hä^g^ 
im Gebirge, westlich von dem Wege (von Bafra), der Wadi el-Nasch- 
näsch im Gebiete der Banu Numeir ben 'Amir, wo zwischen den Banu 
*Okeil und Banu Hanifa eine Schlacht vorfiel, in welcher die letzteren in 
die Flucht geschlagen wurden, so dass sie sich über den Berg G um rän 
zurückzogen. — Weiterhin auf der Strasse kommt man an das Wasser 
el-Hämidha, wo die Banu Abu Bekr ben KiUb wohnen, und den Brun- 
nen Hulwa mit süssem Wasser, dessen Seil zehn Ellen lang ist» und 



1) Ihn Hischäm pag. 975. 



• . 



DAS GEBIET VON MEDINA. 137 

von hier bis e 1 -'A b b d s i j a i) , wo zwei Schlösser erbaut sind und von 
der Fürstin Zubeida ein Teich angelegt ist, sind sieben Meilen, dann 
nach el-Huseinija drei Meilen; man passirt auf dieser Strecke den 
Berg Barrdk. 

Der Ort Samird (nicht so gut Sumeird), 30 Meilen von Qdgir, 
von schwarzen Bergen und Hügeln umgeben , woher es den Namen hat 
{asmar schwarz und weiss) , ist aus der Geschichte besonders dadurch 
bekannt, dass der Fseudoprophet Tuleiha hier seine Anhänger sammelte, 
dann aber von Chdlid ben el-Walid geschlagen wurde ^). Vier Meilen 
von Samxrd erreicht man el-Sucjd, einen Teich in einer Ebene mit 
festem Boden; dicht an der Strasse gegen Osten sind die Wasser el« 
Achra'ga, Ordta im Besitz der Banu 'Omeila, el-Dahdsa, el-Zu« 
geiba, el-Tammdhija und Haziz-Muhdrib; der Wadi Thalabdt» 
welcher den Wadi Armdm aufnimmt, macht hier die Gränze zwischen 
den Tajji und Dsubjdn und ergiesst sich in den Rumma ; auf der West* 
Seite der Strasse ist der Brunnen Talüb, das Gegen theil von seinem 
Namen „tief**, da das Wasser mit einem kurzen Seile geschöpft werden 
kann, und das Wasser Gusla am Berge Gusl. 

Der Berg Habaschd liegt von Samird gegen Osten, dort leben 
verschiedene Familien der Asad zusammen und er ist von mehreren 
Gewässern umgeben. Der Weg von Habaschd führt zunächst nach el^ 
Chawwa, wo die Härith ben Tha'laba wohnen, dann nach el-Scha- 
baka, el-Bagi'a, el-Dsanaba und Thaldthdn. Hier liegt auch 
der Berg el-Rabdf, nicht weit von dem oben genannten el-Tln, und 
der Ort Wdrid&t, bekannt aus dem Kriege Basüs zwischen den Bekr 
und Wdll, weil dort Bu'geir ben el-Härith seinen Tod fand 5). Ein 
Dichter fasst in zwei Versen die Namen zusammen: 

Ein zuckender Blitz schreckte mich auf diese I|jracht, 
unter ihm lagen die beiden Tin und Rabdl*. 



1) Es scheitit, dass daraus el-*Onaba, von dem etwa dasselbe gesagt wird, 
verschrieben ist. * 

2) Ibn el'Äthir Tom. II. pag. 260. 3) s. Beiake, primae lio. pag. 188. 195. 
Histor.'phüol Glosse. XVIII. S 



138 F. WÜSTENFELD, 

Dann Wdriddt, Can& und el-Näf . 

und von dem Gipfel des Kammän der hohe Bergzug. 

Von Samir& föhrt der Weg nach Kufa an dem Berge el-Hamma 
vorüber , dort steht eine Moschee und mehrere Thürme ; östlich liegt 
der Berg Tamija, die beiden schwarzen Hügel el-Garratdn und 
der Berg el-Gamr, der noch weiter nach Osten an den Adsina gränzt, 
auf welchem etwa 20 Meilen von Feid entfernt die Grenzzeichen des 
Geheges stehen; der Adsina stösst dann an den oben genannten Ha- 
baschd. — Drei Meilen von Tdz liegt der Berg el-Nubeitd. 

Am Berge Tüz 24 Meilen von Samird ist eine Hauptstation der 
Pilger; nicht weit davon an der Strasse muss der Ort Lahj-Oamal 
liegen, da er 10 Parasangen von Feid entfernt sein soll; daneben ist 
dann der Berg A c h r a m vier Meilen von Tdz und auf elf Meilen von 
Feid erreicht man den Brunnen el-Curnatdn ^) mit salzigem trübem 
Wasser zehn Ellen tief und einem runden Teiche. 



IV. Das Gebiet von Feid und die beiden Berge der Tajji. 

• 

Die Stadt Feid etwa 30 Meilen von Tüz hat nach der Sage ihren 
Namen von Feid, einem Sohne des Hdm, welcher sich hier zuerst nie- 
derliess. Nach el-Sakäni bei Jäcüt liegt Feid auf der Mitte des Weges 
von Kufa nach Mekka und von Feid über el-'Oreima, einen Ort 
zwischen dem A'ga und Salmd, der von den Fazdra bewohnt wird, mit 
dem Wasser e 1 -*A b s i a , bis nach Wadil-Curd sind sechs Nachtreisen. 
Um nach 'Irdk zu kommen giebt es keinen anderen gangbaren Weg 
als über Feid, und selbst auf dieser Strasse ist Alles unwegsamer Sand, 
bis man nach Tu bdla oder 'Acaba kommt. Etwa ein Drittel der Ein- 
wohner sind Banu Nabhdn vom Stamme Tajji, ein Drittel 'Omariten ^) und 
ein Drittel aus der Familie Abu Saldma von Hamddn mit einzelnen 
Familien von Asad und Anderen. Sie haben vorzugsweise ihren Unter- 



1) BeJcri: el-Carnan 16 Meilen von Feid; s. unten.* 

2) Vielleicht 'Amriten ebenfalls von Tajji. 



^ 



DAS GEBIET VON MEDINA. . 139 

halt davon, dass sie das ganze Jahr hindurch Futter sammeln, welches 
sie zur Zeit der Wallfahrt an die Pilger verkaufen. Diese pflegen auch 
die für die weitere Reise nach Mekka ihnen entbehrlichen Vorräthe und 
Geschirre den Einwohnern von Feid zu übergeben und überlassen ihnen 
davon etwas als Zahlung, wenn sie dieselben bei ihrer Rückkehr wieder 
in Empfang nehmen. Der Ort hat einen Marktplatz, ein Schloss, meh- 
rere Teiche und Palmenpflanzungen. Der erste, welcher im Isldm hier 
einen Brunnen' grub, der noch jetzt vorhanden ist, war Abul-Deilam ein 
Freigelassener vom Stamme Fazära; er brachte das Wasser in Fluss, 
pflanzte Palmen an und blieb im Besitz dieser Anlage, bis sie ihm von 
den 'Abbasiden abgenommen wurde. Unter den Quellen sind noch be- 
sonders drei zu nennen: 'Ain elNachl „die Palmquelle*', welche der 
Chalif 'Othmdn ben *Affän graben liess, el-Harra „die warme*' in der 
Mitte zwischen dem Schloss und dem Markte, von dem Chalifen el- 
Man9Ür und el-Bärida „die kalte" an der Hauptstrasse ausserhalb 
des Lagerplatzes, von dem Chalifen el-Mahdi angelegt; ausserdem giebt 
es viele Brunnen von geringer Tiefe, so dass nur kurze Seile zum Auf- 
ziehen des Wassers nöthig sind. Schon von Alters her waren dort zwei 
laufende Quellen, welche ein Mann von den Banu Salldm, einer Familie 
der Tajji, zusammen leitete, die hier noch bis in die Zeit der Marwani- 
den ihre Heerden weideten, und dass hier ein alter Tränkort war. zeigt 
der Vers des vorislamischen Dichters Zuheir: 

Dann zogen sie vorüber und sagten : euer Stelldichein ^) ist 

ein Wasser auf der Ostseite des Salmä, Feid oder Rakak. 

Der Ghalif *Omar ben el-Chattdb war der erste, welcher das Gebiet 
von Feid ebenso wie Dharija und Rabadsa zu einem Gehege für die 
Kriegskamele bestimmte und 'Omar ben Abd el-*Azlz hielt die Unverletz- 
lichkeit desselben so hoch, dass er einen Jeden, welcher darin etwas, 
und wäre es nur ein einziger Zweig, abhaute, geissein liess. Man sieht 
von Feid aus ringsum in einer Entfernung von 16 bis 20 Meilen die 
Berge wie Nebelbilder, welche dieses Gehege begränzen, und die Be- 



1) Andere Lesart: euer Tränkort. 

S2 



140 F. WÜSTENFELD, 

Schreibung desselben beginnt nach Ibn el- Kalbt hei Bekri und Samkädi 
von Norden nach Osten. 

Der erste Berg auf dem Wege von Kufa zwischen el-Agfur and 
Feid ist el-Gubeil ,,der kleine Berg*', auch Gubeil'Oneiza genannt« 
16 Meilen von Feid^), roth, steil, auf der Ecke des Gebietes der Banu 
Sa'd ben Tha'laba von Asad ben Chuzeima; er bildet die nOrdliche 
Oränze des Gebietes von Feid und an seiner Seite sind die beiden Gte- 
Wässer el-Kahfa in geringer Tiefe und el-Ba'ddha in einer Sand- 
ebene. Hier machte Chdlid ben el-Walid Halt, als er von Abu Bekr 
ausgesandt war, um die vom Islam abgefallenen Banu Jarbtül*, welche 
am Wasser Butdh lagerten, wieder zu unterwerfen, und wiewohl sie 
sich wieder zum Islam bekehrten, Hess sie Chdlid doch sämmtlich um- 
bringen, unter ihnen den Mälik ben Nuweira, welcher durch die Ele- 
gien, die sein Bruder Mutammim auf ihn dichtete, zu einer besonderen 
Berühmtheit gelangt ist^). — Bei der bekannten Baumreihe von el- 
Ba'ddha, die sich von dem vom Winde zusammengewehten Sandhfigel 
bei el-Marrtit bis zu dem Wasser in der Sandebene Guräd hinzieht, 
lagert ein Trupp der Banu Tuheija, weiter hinunter liegt die Ebene 
BauHn, die sich nach der Strasse von Ba9ra bei el-Nibdg hinflberzieht» 
aber gänzlich ohne Vegetation ist, so dass man darin niemals die Spur 
eines lebenden Wesens findet. 

An den Gubeil schliesst sich links von der Hauptstrasse nach 
Mekka el-*Acr nämlich 'Acr-Salmä „das Schloss der Salmä'*, den 
Banu Nabh&n gehörend; dann weiter zur Linken 20 Meilen von Feid 
el-Gamr, ein rother langer Befg, welchen eine Abtheilung der Banu 
Fachchdsch (andere Lesart: Muchdschin) inne hat und an dessen Seite 
ein Wasser el-Rucheima genannt und ein anderes, el-Tha'labija, 
(verschieden von der Station an der Hauptstrasse), sich befinden. Der 



1) Diese bestimmte Angabe, dass schon in solcher Nähe von Feid die Berge 
aufhören und die Wüste beginnt, hat mich veranlasst, das Gebirge von A^ auf der 
Karte nicht so weit nach Norden zu zeichnen, als es von Neueren geschehen ist. 

2) Ibn eUÄthir II, 272. Noldeke, Beiträge S. 87. 



DAS GEBIET VON MEDINA. 141 

Dichter Zaheir gebraucht, indem er sich einen anderen Berg hinzudenkt, 
die Dualform: 

Vertilgt ist die Spur der Wohnung der Salmä bei el-GamrAn 

wie ein Traumbild, dort ist von ihren Bewohnern nicht einer mehr. 
Vielleicht gehört in diese Gegend Gamr-Ouzeija, ein sehr reichhal- 
tiges Wasser der Banu Ganl eine Tagereise von Feid. 

Der dritte Berg in dieser Richtung weiter zur Linken ist Adsina 
oder A d s a n a , ein hoher schwarzer Kegel im Besitz der Banu el-Cartja 
(oder Farija), einem Zweige der Asad, mit dem Wasser Tha]^r; sein 
ganzes Gebiet gehört zu dem sogen. Gehege von Feid und ist von dieser 
Hauptstadt 16 bis 20 Meilen entfernt. — An den Adsana stossen die 
langen Gebirge el-Wirdk ebenfalls zur Linken, den Banu Tammdh 
von Asad gehörig, in deren Gebiete die Gewässer A f'Ä und el-Wirfica 
sich befinden; dann folgen zwei schwarze Berge el-Carn'An^), die 
16 Meilen von Feid entfernt sind und über welche der Weg von Feid 
nach Mekka führt; sie gehören den Banu HArith ben Tha^aba von Asad 
und das nächste Wasser von da heisst liTabt und ist vier Meilen davon 
entfernt. 

Auf diese beiden folgt rechts von der Strasse nach Mekka el- 
A^wal, ein schwarzer Berg im Gebiete der Tajji 16 Meilen von Feid; 
das nächste Wasser von hier ist Obdha in einer Ebene voll schwarzer 
vulkanischer Steine 10 Meilen von der Heerstrasse ab im Gebiete der 
^ajji und einer Familie derselben, Banu Milcat, gehörig, welche hier 
Palmen Pflanzungen besitzen. Zeid el-Cheil, ein Zeitgenosse Muhammeds, 
erwähnt diese Oertlichkeiten, indem er A^wal mit seiner Umgebung im 
Plur. Ag&wil nennt, in den Versen: 

Verlassen ist Obdha von seinen Bewohnern, dann el-A^Awil, 

dann Wadi Nudheidh^) und das weite Feld gegen Qber; 
Mich erinnert daran, nachdem ich's schon vergessen hatte, 



1) Jäcüt: el-Garijjän ist richtiger nach dem Metrum der dazu angefahrten 

Verse. 

2) Verschiedene Lesart: Budheidh. 



142 F. WÜSTENFELD, 

Asche und eine kaum noch sichtbare Spur in Schab&ba^); 
Dann Burca Af'ä, das ich in früherer Zeit so oft besucht habe» 

Als keineswegs nur Schafe mit ihren Jungen dort waren. 

An den A'gwal gränzt der Berg Dachndn, den Banu Nabbcbi 
gehörig , 12 Meilen von Feid ; dann folgen auf einem unebenen Boden 
die Berge el-6ubr oder el-Gabar. welche ein Dichter in dem Verse 
erwähnt : 

Als sichtbar wurde der Rücken des Gubeil und el-Gabar 
und el-Gamar, der über ^uddä-Safar emporragt. 
el-Gubr ist 10 Meilen von Feid und gehört den Banu Nu'eim, einem 
Zweige der Nabhän, welche hier Palmen und immerfiiessendes Wasser 
haben. 

An diese Berge schliessen sich zwei andere, Gdsch und G-uldsia, 
welche sefchs Meilen von einander abstehen, und hier dehnt sich das 
Gehege bis zu einer Entfernung von mehr als 30 Meilen von Feid aus; 
sie werden von den Banu Ma'kil, einem Zweige der Gadila-Tajji, bewohnt^ 
deren nächstes Wasser el-Ramdh sechs Meilen von den beiden Beiden 
entfernt ist. An diese gränzt der Berg el-Qadr 17 Meilen von Feid 
mit Gewässern in dem Wadi Mubhil^), gleichfalls den Banu Ma'kil 
gehörig. Dann folgt die weite Ebene el-Challa, in welcher kein 
Berg ist, 36 Meilen von Feid rechts von el-A'gfur; sie wird von den 
Banu Ndschira, einem Zweige der Asad, bewohnt und das nächstgelegene 
Wasser ist el-Gath'gdtha. An diese Ebene stossen mehrere sanft 
ansteigende Hügel von ähnlichem Aussehen, el-Thalam genannt, die 
über A^ur emporragen und gleichfalls den Banu Näschira gehören, 15 
Meilen von Feid; das nächste Wasser von dort ist el-Zaubdnia nnd 
el-A'gfur liegt ausserhalb des Geheges. 



Das Gebiet der Banu Tajji dehnt sich von Feid zehn Tage- 
reisen weit aus nach Dumat-el-Gandal hinauf und einen grossen Theil 

1) Verschiedene Lesart: Thutäna. 

2) Verschiedene Lesart: Manhal. 



DAS GEBIET VON MEDINA. 143 

desselben nehmen die nach ihnen so benannten beiden Berge der 
Tajji^) ein, A'ga und Salmd, welche sich von Feid südwestlich hinab- 
ziehen, der kleinere Salmä auf der Ostseite, der grössere A'ga auf der 
Westseite. Nach der Sage war Saltnä eine Frau, welche mit einem 
Amalitiker Namens A'ga ein Verhaltniss hatte; sie trafen sich in der 
Wohnung ihrer Wärterin el-Au'gä. Als dies ruchbar wurde, ergriffen 
alle drei die Flucht, wurden aber von dem Manne der Frau und ihren 
fünf Brüdern verfolgt und einzeln jeder auf einem anderen Berge ein- 
geholt und getödtet, und diese Bei^e erhielten nach ihnen ihre Namen; 
e 1 - A u 'g ä ist ein Hügel zwischen dem A'gd und Salmd. Die fünf Brüder 
Gamfm, Mudhill, Fadak, F&ld und Hadathdn zerstreuten sich und 
haben den fünf von ihnen erbauten Orten den Namen gegeben. 

Diese Berge haben verschiedene Abtheilungen und hervorragende 
Spitzen, welche immer durch besondere Namen unterschieden werden; 
aber bei dem Mangel einer zusammenhängenden ftschreibung müssen 
wir uns damit begnügen, die an ihnen gelegenen Orte in einzelnen 
Gruppen zu verzeichnen, wozu theils die Angaben über ihre Bewohner, 
theils die Erwähnung bei den Dichtern die Anhaltspunkte darbieten« 

Der Salmd tritt bis auf vier Meilen an Feid heran, so dass die 
nach dieser Seite hin liegenden oben erwähnten Berge des Geheges von 
Feid schon zu ihm gehören; nach Nordwest erstreckt er sich bis an das 
Dorf el-Muntahab und das Wasser el-Okeiliba, welche mitten 
zwischen dem A'ga und Salmd und von jedem nur so weit, als ein Pferd 
in einem Rennen läuft, entfernt liegen und von einigen schon zu dem 
A'ga gerechnet werden, er fällt dann nach Westen zu ab und geht in 



1) Der neuere gemeinschaftlicbe Name 'Gabal Schammar kommt bei den 
Arabischen Geographen nicht vor, ist aber sicher von Schammar, einem Zweige der 
Tajji, abzuleiten. Der von Amrulkeis (the Divans by Ahlwardt, pag. 131 , vergl. 
unten S. 145) erwähnte Keis ben Schammar hiess Eeis ben Thalaba ben Salam&n 
ben Thu al oder Eeis ben 'Abd ben Gadstma ben Zuheir (genealog. Tab. 6, 17 u. 19), 
80 dass Schammar die Mutter oder ein Beiname des Vaters des Keis w«r, und als 
ursprünglicher Wohnsitz der Banu Schammar wird das Dorf Tuwärun im AigSi 
genannt. 



144 F. WÜSTENFELD, 

den Rammgn über. Der A'ga beginnt zwei Nachtreisen nordwestlich 
von Feid und dehnt sich in südwestlicher Richtung bis auf eine Nacht 
von Fadak und fünf Nächte von Teimd ^) aus, und die südlichen Aas- 
läufer sind von Medina auf geradem Wege drei Nachtreisen entfernt. 

Der Salma ist beschwerlich zu ersteigen, aber, besonders in dem 
Wadi ßakk (bei Dichtern Rakak), sehr reich an Quellen, Bächen und 
ausgemauerten Brunnen und mit Feigenbäumen bewachsen, hat indess 
keine mit Getreide bestellten Felder, obgleich der Boden nicht sandig 
ist, während der Ramm&n nur aus Sand besteht. An den beiden Seiten 
des Wadi Rakk erheben sich ein Paar rothe Berge, Hummajdn and 
el-Guddt, und von einem Abhänge stürzt sich der Giessbach el-Surr4 
herab in den Wadi von Orok, einer Stadt des Salmä. Der Dichter 
Zuheir erwähnt diese Gegend in den Versen: 

Halt an bei den Wohnungen, welche die Zeit nicht vertilgt, 

sondern die 'Wmde und beständigen R^en nur verändert haben! 
Die Asmd hatte ein Haus in el-Gamr, dessen Spur verwischt ist 

wie die Schrift, es ist von ihrer Familie nicht einer mehr dort. 
Dagegen sehe ich sie zusammen unbeständig 

da wo Surrd, dann Wadil-Hafr und el-Hidam. 

Der Salma wird vorzugsweise von den Bann Nabhdn, einem Haupt* 
zweige der Tajji, bewohnt; der oben erwähnte Brunnen el-Okeilib^ 
wurde bei dem schon vor der Ankunft der "^ajUi vorhandenen Brunnen 
Ghuldd angelegt und diese Gegend mit Palmen bepflanzt, und da sie 
als Wohnsitz der Bann Sinbis^) bezeichnet wird, so werden auch deren 
fibrige Niederlassungen hierher zu setzen sein. Diese sind: Arkdn» 
ein Wasser, welches zu dem A'ga gerechnet wird; desgleichen das ge- 
nannte Dorf el-Muntahab, bei dem der Brunnen el-Hu9eilia liegt, 
in welchen die Tajji einen Verwalter der Omajjaden Namens Mu^^dlid» 



1) Statt Teimä steht bei Jacüt l^ 123 Cheibar; da aber Medina nur drei 
Tage entfernt ist, so kann Cheibar nicht fünf Tage entfernt sein. 

2) Sinbis war die Mutter des Nabban und Thu'al, der Söhne des Amr ben 
el-Gauth ben Tajji. 



DAS GEBIET VON MEDINA. 145 

der sie schlecht behandelte, Nachts hineinwarfen; darauf beziehen sich 
die Worte eines Dichters: 

Fraget el-Hu9eilia nach Mu'gdlid; 

wir haben ihn ohne Kopfkissen hinabgestürzt 

in die Tiefe deö Brunnens und den Sand der Grube. 
Ferner Bulta mit einer Quelle, Palmen und einem Wadi mit Gummi- 
Acacien an dem A'ga, der Wohnsitz des 'Amr ben Darmd von Sinbis, 
bei welchem der Dichter Amrulkeis gastliche Aufnahme und Schutz fand, 
wie er es in mehreren Gedichten erwähnt, z. B. 

Ich kehrte ein bei *Amr ben Darmd in Bulta, 
o welch ein vortrefflicher Schutzherr und welch schöner Wohn platz! 
oder mit dem Doppelnamen Bulta-Zeimar zusammen mit dem Orte 
Mistah: 

Sieh ! in den beiden Thälern, die wir haben, 
eins bei Mistah und eins mitten in Bulta-Zeimar. 

• • • 

oder in Verbindung mit anderen Ortsnamen: 

Ob ich nun zwischen Seh dt und Hajja hinschreite? 
und ob ich dem Stamm des Keis ben Schammar entgegen gehe? 

Schau hin, mein Freund ! ob du das Leuchten eines Blitzes siehst, 
der in der Finsterniss der Nacht das Lager der Himjar erhellt? 

Dann Cuseis und el-Dhuhd und Mistah bewässert, 
dann Ga ww und die Palmen des Keis ben Schammar reichlich tränkt, 

Und 'Amr ben Darmd den hochherzigen, wenn er frühmorgens 
mit dem schneidigen Flammberg wie im Löwenschritt naht, 
so auch : 

Fortwährend lassen meine Milchkamele zwischen Gaww 
und Mistah die jungen Kamele auf die Weide gehen, 
in Gaww wohnte die Familie Tha'laba ben Darmd; endlich die Gewässer 
el-Schatibija am A'ga, el-Gubdri mit seinen Acacien und el-Na- 
cab dna. 

Die Wohnsitze der verwandten Banu Bauldn ben *Amr (Sinbis) 
ziehen sich gleichfalls nach dem A'ga hinüber und hier haben sie die 
feste Niederlassung el-Achlifa, den Berg el-Gddi und das Dorf el- 
Hisior.'philol Glosse. XVIIL T 



146 F. WÜSTENFELD, 

Far'a und in ihrem Gebiete stand der von den Tajji verehrte Götze Rls 
oder Fulus, dessen Priester aus dem Stamme Bauldn war. 

Nahe Verwandte der Banu Sinbis sind die Banu Farir, welche am 
Aga bei den Gewässern Ruh ba, el-Hufeir und 'An k ab wohnten, 
dann aber auf der Strasse nach Kufa hinauf bis in die Nähe von el- 
Mugitha zogen, wo sie zwei Gewässer mit den Namen aus ihrer frü- 
heren Heimath wieder Ruhba und el-Hufeir benannten. — Ebenso 

• * 

finden wir ihre Neffen Banu Buhtur erst mitten im A'ga, wo der Park 
(Raudha) oder die Behausung Buhtur nahe bei Gaww von ihnen den 
Namen hatte; später zogen sie ebenfalls weiter gegen Norden nach 'Alig 
westlich von el-Tha'labija. 

Der Pseudoprophet Tuleiha, welcher sein Heer aus den Stämmen 
Asad, Gatafdn, Fazara und Tajji zusammengebracht hatte, wurde von 
Chälid ben el-Walid bei Buzächa geschlagen; dieses Wasser lag nach 
einigen in dem Gebiete der Asad, nach anderen in dem der Tajji, mit- 
hin jedenfalls auf der nordöstlichen Seite des Berges Salmä, wo die Grän- 
zen dieser Stämme zusammenstossen. Chälid verfolgte die Fliehenden 
bis an den Sandberg Ramm an, welcher als Aufenthaltsort von Löwen 
bezeichnet wird; er empfing hier auf seinem Lagerplatze bei Sunh 
den ""Adi ben Hatim , welcher als Abgesandter der Tajji ihm die Erklä- 
rung von deren Wiederunterwerfung brachte, und kehrte dann nach el- 
Gamr im Gebiete der Asad östlich von Feid zurück. 

Akbira ist ein Wadi des Salmd, welcher von den Banu Hudftd, 
einer Familie der Nabhdn bewohnt wird. 

Auf der Westseite des Salma liegt zwischen ihm und dem Rammftn 
die Sandfläche el-Dhahi mit dem Wasser el-Athib und einer festen 
Niederlassung am Wasser Mahrama; an der Seite des Rammdn ist das 
Dorf el-Cuweilia und die Wasser Gami-z und Gadhwar, in der 
Nähe des letzteren der Berg Dsul-Ca99a mit dem Tränkorte Sacf, 
von den Banu Tarif ben Mdlik bewohnt. 



Zwei Spitzen des Salma, Fachch und Michzam, haben den ge- 
meinschaftlichen Namen el-Scharawein und davon scheint el-Sara- 
wän nicht verschieden zu sein, mit welchem Namen zwei Niederlassungen 



DAS GEBIET VON MEDINA. 147 

der Tajji am Salmä benannt werden; ein rother Berg des Salmä heisst 
Baschir. — Dsu ^ahd und el-Grubb mit Palmen und Quellen 
sind feste Niederlassungen der Tajji am Salmä; el-Oteim und Turaba 
Gewässer auf der Westseite desselben. — Lacat ist ein Wasser zwi- 
sehen dem A'ga und Salmä. 

In der Nähe des zwischen dem Salmä und A'ga liegenden Berges 
el-Au'gä zieht sich der Wadi HälH) am A'ga hin, der von den Dich- 
tern oft genannt wird; Amrulkeis sagt: 

Meine Milchkamele übernachten sicher bei el-Curajja, 

und frei lasse ich sie ein um den anderen Tag auf den Höhen von 
Hafl umhergehen; 
Die Bann Thual sind ihre Nachbarn und Beschützer, 

und sie werden gegen die Schützen der Sa'd und Nfiil vertheidigt. 
Curajja ist ein benachbarter Ort; Thual ist der Bruder des Nabhän, 
und Sa*d und NäXl die Söhne des Nabhdn, so dass also damals die ver- 
brüderten Stämme in Fehde lebten. — Der Wadi HM ergiesst sich 
so wie die übrigen Wadis dieser Seite der beiden Gebirge in die Ebene 
Kurdkir, welche im Besitz der Tajji und Asad ist, mithin nach Osten. — 
In der Mitte des Wadi HM ist das Wasser Tunga, an welchem der 
Wohn platz des durch seine Freigebigkeit berühmten Dichters Hätim 
el-Tdi lag, und dort ist er auf dem schwarzen Berge 'Ow&ridh begra- 
ben; westlich davon erhebt sich der einzeln stehende lange kahle rothe 
Berg OdhdYf und gegenüber liegt der schwarze Berg Abadi auf der 
Gränze des Gebietes der Fazdra, daneben die Sandebene el-'Oreima 
zwischen dem A'ga und Salmä mit den Gewässern el-'Abslja und el- 

Hattäla. — 

Von Hdtim el-Täi sind die folgenden Verse: 

Noch fliessen die Wasserfalle von Nakib uud T härm ad, 
und verkünde den Leuten, dass Wacrfin noch fliesse, 



1) Hier ist eine bleibende Niederlassung entstanden, und Hafl ist jetzt der 
Hauptort jener Gegend, welchen WcUlin in den Jahren 1845 und 1848, PcUgrave 
im Jahre 1862 passirten. 

T2 



/ 



148 F. WÜSTENFELD, 

Und dass die Banu Dahmä noch in *Awdli9 wohnen, 
wenn von dem Bogen die Pfeile schwirren. 
Nakib, Tharmad und Wacran sind Schluchten im A'ga, letztere sowie 
der Berg 'Awdli^ von den Banu Tha'laba ben Saldman, einer Sippe der 
Tajji, bewohnt, wesshalb auch statt Banu Dahmd vermuthlich Banu 
Darma zu lesen ist, denn dies ist eine Familie jener Thälaba. Von 
ihnen stammt auch die Familie des Schei'a ben ^Auf ben Tha'laba , von 
welchem das Sprichwort sagt: ,,er macht's wie Schei'a*'; sie lebten am 
Berge Dabäb mit einem gleichnamigen Wasser am A'ga. 

Am Berge Farda im Gebiete der Garm starb nicht weit von sei- 
nem Wohnsitze Zeid el-Cheil, Oberhaupt seines Stammes und Dichter, 
auf der Rückkehr von Medina, wo er Muhammed seine Huldigung 
dargebracht hatte, am Fieber; als er sein Ende nahe fühlte, sprach er 
noch einige Verse, in denen er Orte seiner Heimath erwähnt: 
Brechen meine Begleiter frühmorgens nach Osten auf, 
und ich werde in einem Hause (Grabe) bei Farda in Na'gd zurftck** 

gelassen ? 
Bewässre Gott die Gegend zwischen el-Cafil und Tdba, 
dann was diesseits Arm am und über Munschid hinaus li^^)! 
In einem früheren Gedichte sagt Zeid el-Cheil: 

Und siehM rings um .Farda und 'Ondfir 
und Kutla, o Ihn Scheimd, ist ein zahlreicher Stamm. 
Einen sicheren Anhaltspunkt für die Lage dieser Orte bietet Maor 
kak, welches ebenfalls von Zeid el-Cheil erwähnt wird und nach den 
neueren Reiseberichten auf unseren Karten als an der Nordwestseite des 
A'ga gelegen verzeichnet ist; es war ein Dorf mit Palmen und Fruchl>> 
feldern im Besitz der Garm. Zeid nennt noch in seinen Gedichten als 
ihrem Gebiete angehörend die Oertlichkeiten el-Ahwardn, Or&k, 
Dsu Aub, Bawdzin, Schark, el-Matäli, Fatk, el-Ohilftca, 
el-Nagl, Jadsbul, M uwdsil und el-Rajjdn, die höchste Spitze 
des A'ga, von welcher in den Schluchten el-Galgala Giessbfiche 



1) Bekri: dann Buhba bei Irmam und was um Mnrschid liegt. 



.AÜA 



DAS GEBIET VON MEDINA. 149 

herabströmen; wenn oben ein Feuer angesteckt wird, kann man es drei 
Tagereisen weit sehen. — Zwei andere besonders hervorragende Spitzen 
heissen Üsul-Fa/ und Gadld. 

Mit dem oben als Gränze des Geheges von Feid genannten Gäsch 
ist vielleicht einerlei Gaschsch Iram, ein Theil des A'ga mit einer 
futterreichen Hochebene, die von Gazellen und wilden Eseln beweidet 
wird ; den Gipfel bewohnten die Urvölker Iram und *Ad und man findet 
an ihm in die Felsen eingehauene Figuren. Da Gäsch von dem Zweige 
Gadila-Tajji bewohnt war, so gehören hierher auch andere Orte, welche 
als in ihrem Gebiete am A'ga gelegen genannt werden, wie el-Ahsd 
und el-Saldmia, Gewässer; Bac'a ein Dorf, welches die Familie Kir- 
wasch von Gadila bewohnt, und el-Thalabdt mit einem Park, wovon 
ein Dichter sagt; 

Denn zur Seite von Thalabüt ist ein Park, 
in welchem viele gelbe Frühlingsblumen stehen. 

Nach dem Register zu Jdcät unter ^J!o und l:>< könnte das Ver- 
zeichniss von Orten , Bergen und Gewässern , welche in dem Gebiete 
der Tajji am A'ga liegen, noch um mehr als 40 Namen vermehrt werden; 
wir übergehen dieselben, weil ihre Lage nicht näher bestimmt ist. 



Von Feid nach Teimä sind fünf Tagereisen; der Weg führt zu- 
nächst nach der Quelle el-Hatma im Gebirge Salmd, wo eine Nieder- 
lassung der Tajjiten ist, dann folgt Muleiha, ein Berg auf der West* 
Seite des Salmd mit vielen Brunnen und angenehmen Plätzen, im Nor- 
den davon liegt der Berg 'A bd- Salm d und zwischen beiden das Wassßr 
Du ma in der Eichtung nach dem Aga, gleichfalls ein lieblicher Auf- 
enthaltsort. Von Muleiha gehen zwei Wege ab, der eine nach el-S cha- 
tanija^), der andere nach el-Nifj4na^), zwei Brunnen, welche eine 

1) sicher einerlei mit el-Schatlbija, wie oben nach J&cut ein Wasser dieser 
Gegeod im Gebiete der Sinbis vorkommt. 

2) mit yerschiedenen diacritischen Pimkten derselbe Name wie oben «1-Naca- 
bäna nach Jdcüt 



150 F. WUSTENFELD, 

Meile von einander entfernt liegen, und sie stossen bei el-Du'thdr 
wieder zusammen. Von hier kommt man über Mithab nach el-Bu- 
weira, einem Dorfe am Fusse des A'ga auf der Nordseite mit dem 
Brunnen el-Lakitai), dann folgen 'Orä'ir, el-'Absija^), DsuGrok^), 
Rifda, Chundfira^), el-Thamad auch Thamad el-Faldt ..die 
Quelle in der Wüste** oder Raud ha el-Thamad genannt, im Districte 
von Muleiha, dann der Berg Hadad 5), der über Teimd emporragt. . 

Ein zweiter Weg von Feid biegt bei el-Schatanija links ab nach 
*Atica, dann nach el-Gamr^), einem Wadi mit einer Quelle, die aber 
nur wenig Wasser hat, zwischen Tha'gr und Teimd, dann Sacf oder 
Sucf^), wo einige Palmen stehen; Hdtim erwähnt diese Orte in einer 
Selbstanrede : 

Du weinst? wie können die Spuren der verlassenen Wohnungen 
bei Sucf bis zum Wadi'Amüddn und el-Gamr, 

bis an die Schlucht nahe bei Maschdr, dann Tharmad, 
dann der von Sinbis erbaute Ort dich weinen machen 

über die Tochter des 'Amr? 



1) Dieser Name ist jetzt für den Ortsnamen im Gebrauch, nach WaUin ein 
grosses Dorf von mehr als 120 Familien; s. Narrative of a journey from Cairo to 
Medina in 1845, in dem Journal of the roy. geograph. Society, Vol. 24. 1854. Pol- 
grave^ narrative of a year's journey through Arabia (1862 — 63) Vol. I. p. 101 sagt, 
es habe über 400 Häuser und etwa 2400 Einwohner. 

2) Da Lakita schon auf der Nordseite des A'ga liegt, so ist Jäcüfs Angabe 
oben S. 147 ungenau, dass die Sandebene el-'Oreima mit dem Wasser el-'Abstja 
zwischen dem k'gs, und Salmä liege. 

3) Hiervon muss die oben genannte Stadt Orok am Salmä verschieden sein« 

4] wahrscheinlich einerlei mit el-Hädhira, einem Dorfe im Bereich des A^ 
mit Palmen und Pisang; Jäcüt. 

5) 'Gudad bei Bekri scheint nicht richtig zu sein, da er selbst den Vera 
eines Dichters anführt, in welchem Hadad und Teimä zusammen genannt werden. 

6) Dieser Ort wird leicht mit dem oben S. 146 genannten verwechselt, wohin 
Ghälid nach der Unterwerfung der Tajji seinen Rückmarsch antrat, der aber im 
Gebiete der Asad lag, welche nicht so weit westlich nach Teimä hin wohnten. 

7) Auch dieser Name wiederholt sich mehrmals und da der Weg an der Nord- 
seite des A^a hinläuft, kann nicht das oben erwähnte Sacf hier gemeint sein. 



•1 e 



DAS GEBIET VON MEDINA. 151 

Auf Sucf folgt el-Dhuldhula, Gafr, el-Grufdf, Gunafd oder 
Ganafd, von wo Gesandte der Fazä,ra während der Belagerung von 
Cheibar zu Muhammed kamen, dann Muleiha (von dem obigen verschie- 
den), el-Nakib am oberen Ende der Harra Leilä, Batn-Caww, 
Jumn {Bekri: Tamanni) ein^ Wasser, an welchem Banu Gatafdn woh- 
nen, zu deren Unterwerfung Muhammed ein Corps unter Baschir ben 
SaM el-An9ari aussandte, dem sie bis Saläh oder Sildh entgegen gekom- 
men waren, wo sie geschlagen wurden. Von Jumn kommt man nach den 
beiden einzeln stehenden Sandsteinbergen Ruwdf (Bekri: ßllwa) und 
Bard oder Barid, zwischen denen eine öde Wüste ist, dann nach Teimd. 

Dieser zweite Weg ist auf seinem grösseren Theile derselbe, auf 
welchem Wallin 1848 und Guarmani 1864 von Teimä nach Hdil reisten. 
Wallin nennt den nächsten Berg, an welchem er eine Stunde von Teimd 
vorüberkam, Guneim, der also mit Hadad wahrscheinlich einerlei ist, 
und bis an den Berg Bird (d. i. Barid) gebrauchte er ohne Unterbre- 
chung 15 Stunden, dann bis zu dem einzeln stehenden Sandsteinhügel 
Irndn gegen 14 Stunden, von hier bis in das Thal el-Güta 21 Stunden, 
nach der Stadt Maukak 9% Stunden, nach HM 12^/5 Stunden. 

Gilta erwähnt Jdcüt als eine Stadt der Banu Ldm von Tajji nahe 
bei den Bergen ^ubh im Gebiete der Fazdra, desshalb kann seine 
andere Angabe, dass die grosse Sandebene G all dl {Bekri: 'Guldl) im 
Westen des Salmä lifege, nicht richtig sein, da sie im Süden durch Güta' 
der Banu Ldm, im Norden durch el-Liwä, im Westen durch 'Arfa'gd, 
ein Wasser mit Palmenpflanzungen, im Osten durch Bac'a begränzt ist. 
Der Grossvater des Hirmds ben Habib hatte darin mehrere Quellen ent- 
deckt, mit denen er sich von dem Chalifen Omar belehnen liess. 'Urfa 
sind einzelne Berge von ^ubh und einige Hügel haben den besonderen 
Namen Mahddir. Zwischen Gilta und ^ubh im Norden der Harra 
Leild ist bei Dsu Urul eine künstliche Anlage gemacht, wodurch das 
Regenwasser aufgefangen wird. — Der Irndn giebt auf dieser Strecke 
den Anhalt für die Lage mehrerer anderen Berge , indem zwischen den 
beiden Bergen der Tajji und Teimä die vier Berge Da br, Irn&n, Gasal 
und Laflaf in dieser Reihenfolge jeder eine Tagereise von dem andern 



152 F. WÜSTENFELD, 

entfernt ist, der Gasal an der Hauptstrasse und der Laflaf neben dem 
Barid liegt und an ihm sich die Harra Laflaf hinzieht ^) Als Wasser 
in dieser Sandwüste werden genannt: Schunt, el-Hacän, O'eiridh 
und Cutajja. In südlicher Richtung zwischen den beiden Bergen der 
Tajji und Cheibar liegen in dem Gebiete der Gatafdn die drei Berge 
Dhargad, nach welchem die Harra Dhargad benannt ist, el-Furs 
und Aul, dieser von dem erstgenannten zwei Tagereisen entfernt, und 
der Landstrich el-Ginäb von den Bergen Dabr und 'Irnän abwärts im 
Gebiete der Fazdra, worin das Wasser Dhign; weiter nach Cheibar zu 
bewohnen sie die beiden Wasser Bagth und Bugeith mit den Dörfern 
Bare und Ta'nuc. 



Der oben genannte Wadi Thalabüt macht mit seinem Nebenarme 
el-Rahaba die Gränze zwischen den Banu Diubjdn und Tajji und an 
ihm wohnen auch die Banu Na9r ben Cu'ein ; er kommt aus den beiden 
Bergen der Tajji, zieht sich nach el-Ha'gir hinunter und ergiesst sich 
in den grossen Wadi Rumma. Oberhalb Thalabilt liegt der Berg Fan& 
mit dem Wasser el-Fandt, im Besitz der Gadsima ben Mälik. 

el-Malä heisst die Gegend an der Nordecke des A'ga zwischen 
Nac'd, einem Dorfe der Banu Mdlik ben Amr ben Thumdma von Tajji 
(wahrscheinlich dasselbe mit dem oben genannten Bac'a) am Rande der 
Sandwüste; wo diese mit dem festen Boden zusammenstösst, bis an den 
Fuss des A'ga; der Vereinigungspunkt hat noch den besonderen Namen 
el-Chardnik (oder el-Chawdnik) und Mala ist eine weisse Ebene, 
nicht Sand und nicht fester Boden, aber auch ohne Steine, auf welcher 
die Dornensträuche *Arfa'g und Catad. Birkdn- und Rimth-Bäume, Ca5i9- 
und *Alcä-Pflanzen , Qilijjidn-Kohl uud Nagij-Disteln wachsen. Durch 
diese Ebene zieht sich der Wadi el-Sab'dn, welcher aus den Bergen 
der Tajji kommt und nach A'gfur hinunter fliesst, und sie ist der Wohn- 



1) Nach dieser Angabe würde freilich die Entfernung zwischen Teima und 
Feid nicht fünf, sondern mindestens sieben Tagereisen betragen; Wallin gebrauchte 
nur bis Häil acht Tage, dazwischen war ein Ruhetag. 



DAS GEBIET VON MEDINA. 153 

sitz der Banu Suwda und Numeir von Asad geworden, nachdem sie die 
Gadsima ben Mdlik im Anfange des Islam daraus vertrieben hatten. 

Ueber Feid hinaus ist bei el-Cardi*n an der Strasse ein Teich 
angelegt und daneben ein Schloss erbaut, seitwärts nach Westen liegen 
Schar'g und Nadhira, zwei Gewässer, welche den *Abs gehören; fünf 
Meilen diesseits A'gfur kommt man an die vorzugsweise sogen. ,, Brunnen 
der Zeltaraber** Abdr el-A'rdb, und die Station el-A'gfur, 36 Mei- 
len (nicht Parasangen, wie bei Jäcüt) von Feid, ist ein Wasser, an wel- 
chem die Banu Jarbii' eine Niederlassung hatten, bis sie durch die aus 
ihren Wohnsitzen verdrängten Banu Gadsima ben Mälik im Anfange 
des Islam von dort vertrieben wurden; in der Nähe liegt Ibn Alja, 
eine Ebene von hartem Sand mit Steinen untermischt, im Besitz der 
Banu Asad. 

Von A'gfur bis an den Teich el-Chdli^a an der Strasse sind elf 
Meilen und zwei Meilen weiter erreicht man die Cisterne el-Agarr, 
wo eine Burg mit Thürmen erbaut ist, dann führt der Weg an dem 
Sandberge e 1 -'A b b d s i j a hin , der auf der Westseite liegt , weiterhin 
folgt auf der Ostseite das Wasser Ordta, dann auf sechs Meilen das 
Wasser el-Hdschimija, dann vier Meilen bis nach der Station 
el-Chuzeimlja , von wo sich, ebenfalls gegen Osten, die Sandebene 
el-'Acraba ausdehnt, und die ganze Strecke von el-Agarr bis Chuzei- 
mija beträgt 13 Meilen ^). 

Eine Meile hinter Chuzeimija liegt der Teich von Zariid mit einer 
Burg und einer Cisterne, daneben die beiden Sandwüsten von Zardd 
und drei andere, el-Garroder el-Agarrdn, Marbach die beschwer- 
lichste, durch welche der Weg an dem Wasser el-Cana' vorüber nach 
Tha'labija führt, und el-Tarida die leichteste von ihnen; alle fünf 
werden unter dem Namen el-Schakfk begriffen. Zardd ist durch eine 
Schlacht zwischen den Banu Taglib und Banu Jarbü' denkwürdig imd 



1) So wird man statt 3 Meilen, Jäcüt I, 319, 10, lesen müssen, wodarch man 
für die ganze Entfernung von A^g^fiu* bis Chnzeimija 26 Meilen erhält, welche von 
anderen auf 24 Meilen angegeben wird. 

Histor.-philol. Glosse. XVIIL U 



154 F. WÜSTENFELD, 

in det unter dem besonderen Namen el-Habir bekannten Gegend 
dieser Wüste überfiel der Carmaten-Führer Ibn Abu Sa'id el-Ganndbf am 
18. Muharram 312 (27. April 924) die rückkehrende Pilgercarawane, 
welche theils getödtet, theils gefangen genommen und ihrer Habe beraubt 
wurde. — Auf dieser Strecke passirt man auch den Teich el-Cunei'a, 
welcher von der Prinzessin Zubeida angelegt ist, und die Sandebenen 
e 1 - W a* s d. — In der Nähe von Zarüd liegt das Dorf T i b a, und nach- 
dem man etwa zehn Meilen durch die Wüste zurückgelegt hat, erreicht 
man den Teich Hamd el-Sabil, dann die Station el-Tha'lablja, 
32 Meilen von Chuzeimija. el-Tha*labija hat seinen Namen von 
Tha*laba el-*Ancd oder von Thalaba ben Diidan ben Asad, welcher dort 
eine Quelle entdeckte, und es ist bekannt als zeitweilige Station der 
Banu Ijdd bei ihrer Auswanderung aus Tihdma nach Syrien, indem 
sie dort die Perser nach Ablauf eines Wafi^enstillstandes schlugen und 
dann ihren Zug über Zubdla nach dem Euphrat fortsetzten. Der von 
den Banu Asad bewohnte Landstrich, zu welchem el-Tha'labija gehört, 
wird 'Gufäf el-Teir genannt, und es führt von dort ein Weg nach 
Ba9ra längs dem Wadi DsuAchthdl, wo die Banu Asad Saatfelder 
bestellen, ein anderer etwa drei Tage durch die Sandwüste el-Chall 
nach Lina, von hier vier Tage nach Wdsit. Von der Moschee in 
Tha*labija sind auf dem Wege Thukeib an der Hauptrasse nach Kufa 
acht Meilen bis zu einem Teiche, welchen el-Husein, ein Eunuch 
des Chalifen Hdriln angelegt hat, dann drei Meilen bis an den Teich 
des Ga*far, zwischen beiden oder gleich hinter dem letzten {Jdcüt 
9 Meilen, Ibn Chordadbeh 14 Meilen von el-Tha'labija) liegt el-Gu- 
meis, wo bei einem verfallenen Schlosse die Abendrast gehalten wird, 
dann zwei Meilen bis el-Tandhi, wo ein zerstörter und ein noch brauch- 
barer Teich ist, dann neun Meilen bis zu der Station Bitän, im Ganzen 
22 Meilen; von anderen wird diese Entfernung auf 29 Meilen angegeben. 
Bitan gehört den Banu Ndschira von Asad; hier ist das Grab 
des'Ibädf. Nämlich Ruzbeh ben Buzur'gmihr aus Hamadsän hatte 
vom Persischen Könige ein Commando an der Griechischen Gränze er- 
halten, Hess es aber ungehindert zu, dass Waffen hinübergeschafft wurden 



DAS GEBIET VON MEDINA. 155 

und der König fürchtete ihn; aber auch Ruzbeh hielt sich nicht für 
sicher , bis Sa*d ben Abu Waccd? kam und Kufa gründete , wobei ihm 
jener in der Anlegung des Schlosses und der Hauptmoschee behülflich war. 
Sa'd sandte ihn dann, mit einer Empfehlung an Omar, und nachdem er 
den Islam angenommen hatte, wurde er reich beschenkt und mit Kamel- 
führern , welche aus ^Ibäd „Dienern** ^) von Hira bestanden , an Sa*d zu- 
rückgeschickt. Ruzbeh starb unterwegs bei Bitdn, seine Begleiter gruben 
ein Grab, warteten aber, ehe sie ihn hinein legten, bis andere Reisende 
vorüber kamen , welche ihnen bezeugen sollten , dass sie ihn nicht etwa 
ermordet hätten. Da diese den Todten auch für einen solchen 'Ibädf 
hielten, bekam die Stelle den Namen Gab r el-'Ibddi ,,Grab des'Ibddi*'- 

Sieben Meilen hinter Bitdn kommt man nach el-Scha'gija, wo 
ein Teich und ein leerer Brunnen ist, dann nach dem Lagerplatze el- 
Kustamija mit einem von der Sultanin Zubeida angelegten Teiche, 
einem Schloss und einer Moschee, dann 29 Meilen von Bitdn zu der 
Station Schucüc im Besitz der Banu Salama von Asad. Von hier sind 
zwei Meilen bis Dsul-Ca99a, wo Zeltaraber Vertiefungen ausgegraben 
haben, in denen sich das Kegenwasser sammelt, welches darin frisch 
bleibt. Nach weiteren vier Meilen erreicht man el-Radhm mit einem 
Teiche und einem zweiten auf der Westseite, Eigenthum des Sultans; 
dann folgt el-Tandnir, ein Wadi mit Bäumen und Kräutern, welchen 
die Banu Saldma und Gädhira beweiden; bei einem Teiche ^ der eben- 
falls dem Sultan gehört, und einem daneben liegenden Brunnen wird 
die Abendrast gehalten. 

Die nächste Station Zubdla, etwa 20 Meilen von Schucüc, mit 
einer Burg und einer Moschee, ist im Besitz der Banu Gddhira. Von 
hier führt ein Weg östlich durch die Wüste über Gauchd, im Besitz 
der Banu Tgl, nach *Ain Qeid, wo auch die Wege von Ba9ra und 
Kufa zusammentreffen, nach Chaff dn, Janbuta, etwa 40 Meilen von 
Zubdla, nach Wdsit. 



1) d. i. Diener Gottes, vergl. die Wohnsitze n. Wander. d. Ar. Stämme. S. 24. 

U2 



156 F. WÜSTENFELD, 

An der Strasse nach Kufa ist von Zubdla der nächste Ort elf Meilen 
weit el-trureisi mit einem Teiche und einem zerstörten Schlosse; 
dann zwei Meilen nach el-Heitham mit einem Teiche und einem von 
Zubeida erbauten Schlosse; dann sechs Meilen nach der Station el-Cä\ 
deren Entfernung von Zubdla bei Anderen auf 24 Meilen ang^eben ist; 
die Banu Asad und Tajji haben sich lange Zeit den Besitz derselben 
streitig gemacht. 

Sechs Meilen hinter el-Cd' folgt el-Gralhä {Ibn Chordadbeh: el- 
Chal'gd) mit einem Teiche und verfallenen Thürmen; westlich ist ein 
Brunnen mit wenigem süssem Wasser, dessen Seil gegen 40 Klafter misst; 
nach weiteren sechs Meilen gelangt man an den Teich el-Guweir, 
wo die nach ihrer Stifterin benannten Thürme el-Zubeidija stehen; 
nicht weit von der Strasse nach Westen liegt das Schloss Humr&n. 
Dann kommt man nach Schi'b, wo ein Damm gebaut ist um das Wasser 
aufzufangen, daneben stehen verfallene Thürme und drei Meilen von 
hier erreicht man 24 Meilen von el-Cä' die Station el-'Acaba, ein 
Wasser im Besitz der Banu Ikrima von Bekr ben WM. Von hier nach 
dem Orte Grull sind etwa 20 Meilen, da dieses von Wdkifa noch 
acht Meilen entfernt ist und die ganze Entfernung von 'Acaba bis W4- 
kifa 27 oder 29 Meilen beträgt. Zwölf Meilen vor Wdki9a ist der Bron- 
nen el-Hacw, dessen Seil 50 Klafter misst; sein weniges Wasser ist 
trübe und hat einen Schwefelgeruch; daneben ist eine Cisterne und ein 
zerstörtes Schloss; Sechs Meilen vor Wäki^a ist das Wasser el-Carftri 
oder el-Fazarf, dessen Umgebung, namentlich einige kleine Thürme, 
in Trümmern liegt. 

In dem Dreieck von Wäkifa, *Acaba und dem genannten *Ain-^j5eid 
an dem Wege nach Wäsit liegt die Station Salmdn, von den beiden 
letzteren zwei Nächte, von dem ersten etwas weniger entfernt; hier ist 
ein Wasser aus der Zeit des Heidenthums, an welchem vor Alters der 
Weg von *Irdk nach Tihdma vorbei ging, und hier ist das Grab des 
Naufal ben Abd-Manat, eines Bruders des Hdschim, welcher daselbst 
auf einer Handelsreise starb. — Für diese noch gänzlich unbekannte 
Gegend findet sich bei Jdcüt eine wichtige Angabe über einen Weg von 



DAS GEBIET VON MEDINA. 157 

Ba9ra nach Kufa durch die Wüste : Von Ba9ra nach 'Ain-Q-amal 
30 Meilen, nach 'Ain-^eid 30 Meilen, nach el-Achddld (der 
dritten Station von Wdsit nach Mekka, die vierte ist Lina) 30 Meilen, 
nach Ucur 30, nach Salmdn 20, nach La'la' 20, nach Bäric 20, 
nach Mas'gid Sa*d 40, nach el-Mugitha 30, nach el-'Odseib 24, 
nach Cddisija 6, nach Kufa 45 Meilen. 

Bei der Station Wdki9a wohnen die Banu Schihdb von Tajji; 
sieben Meilen westlich von hier liegt el-Schibdk und eine kurze 
Strecke davon der Ort el-'Guweij, zwei Meilen von diesem der Teich 
^u.beib, drei Meilen von da der Teich La ff; von el-Guweij sieben 
Meilen nördlich nach el-Mugitha zu ist das Wasser el-Nucheila, 
drei Meilen von diesem el-Hufeir, der neue Wohnsitz der Banu Farir 
von Tajji und in gleicher Entfernung der Brunnen el-Ma*nija. 

Zwei Meilen hinter Wdki^a an der Hauptstrasse folgt der Brunnen 
el-Lauza im Besitz der Banu Wahb, wo Zubeida Thürme erbauen 
und Ishdk ben Ibrahim el-Rdti^i einen Teich anlegen Hess; daneben 
liegt der Ort Schardf, wo drei grosse Brunnen, deren Seile weniger 
als 20 Klafter messen, und viele ausgegrabene Vertiefungen, in denen 
sich das Regenwasser sammelt ^). Hierauf kommt man an den Teich 
el-Dharib und zwei Meilen weiter zu den Ahsä „flachen Brunnen" 
der Banu Wahb, nämlich ein Teich und neun grössere und kleinere 
Brunnen, deren Entfernung von Schardf auf acht Meilen angegeben wird. 
Fünf Meilen weiter ist der Brunnen el-Murtamd 40 und etliche Klafter 
tief, mit wenigem, aber süssem Wasser, daneben eine Cisterne und ver- 
fallene Thürme. Von hier sind noch drei Meilen bis zu der Station 
el-Car'a mit einem Teiche und mehreren Brunnen im Besitz der Banu 
Guddna ben Jarbd' ben Handhala, 8 Parasangen oder 24 Meilen von 
Wdki^a. Ein Mann von diesem Stamme Namens Abu Badr war in 
einem Sreite über einen Brunnen von einem aus dem nahe verwandten 
Stamme Ddrim ben Mdlik ben Handhala getödtet; die Ddrim erboten 
sich die Sühne zu bezahlen, indess die Jarbif schlugen dies aus und es 

1) So Jdcüt III, 270; dagegen sollen nach Bd. IV, 370 die Thürme bei Lauza 
von el-Gar'a 9 Meilen and Scharäf von Lauza 11 Meilen entfernt sein. 



158 F. WÜSTENFELD, 

kam darüber zwischen ihnen zum Kriege. — Als nächster Ort von hier 
wird el-Chabrd genannt, dann Mas'gid-Sa'd „die Moschee des Sa*d" 
ben Abu Waccd? mit einem Teiche und einem Brunnen von 85 Ellafter 
Tiefe, dessen trübes Wasser nur im Nothfall getrunken wird. 

Die Station el-Mugitha 32 Meilen von el-Carä, einst ein grosser 
von Banu Nabhan bewohnter Ort, liegt jetzt in Trümmern. Westlich 
von hier liegt das genannte Wasser el-Nucheila, wo die Scharmützel 
mit den Persern begannen, die der grossen Schlacht bei Cädisija vorauf- 
gingen. — Vorüber an el-Cubeibdt, wo eine Cisterne und ein Brun- 
nen mit wenigem süssem Wasser in einer Tiefe von 40 und etlichen 
Klaftern, kommt man nach Wadil-Siba, wo ein Teich, eine Burg 
und zwei Brunnen mit süssem Wasser 40 und etliche Klafter tief. Drei 
Meilen weiter liegt el-Zubeidija, ein von der Sultanin Zubeida ge- 
stifteter Teich, welcher nach ihrem Vornamen auch Birka ümm Öa*- 
far genannt wird. 

Bei der Station el-'Odseib mit Quell wasser, 32 Meilen von Mu- 
githa, ist das Ende der Arabischen Wüste und die Gränze von el-Sawäd 
oder *Irdc. Nachdem SaM ben Abu Wacca9 von Cädisija Besitz genom- 
men hatte, veranlasste er die Bekr ben WdSl sich bei 'Odseib niederzu- 
lassen und diese gruben östlich von dort die Brunnen, welche el-Oke i- 
liba genannt werden. Nicht weit hinter 'Odseib liegt der Wadi Mu- 
scharrik, das Schlachtfeld des Entscheidungskampfes zwischen den 
Persern und Muslim, wo drei Tage lang gekämpft wurde; diese drei 
Tage werden Armdth, Agwdth und 'A m d s genannt, man weiss nicht, 
ob darunter Oertlichkeiten jener Gegend verstanden wurden, oder ob 
diese Ausdrücke Beziehung auf den Gang der Schlacht haben. Die 
Muslim begruben ihre Todten an zwei hohen Ufern des Wadi, von 
denen das eine nach el-'Odseib, das andere nach dem Wasser 'Ain- 
S c h a m s hin liegt ; über letzteren Ort ^hatten sich die Perser zurück- 
gezogen und am vierten Tage wurde unter den Mauern von Cddisija 
ihrer Herrschaft ein Ende gemacht. 



i 



DAS GEBIET VON MEDINA. 159 

V. Cheibar, Fadak, Teimä und Tabük. 

Das über die Hauptstrasse von Medina nach Cbelbarin der frühe- 
ren Abhandlung Gesagte kann noch in einigen Punkten ergänzt werden. 
Gleich am Thore von Medina hinter dem Hügel el-Wadd' war eine 
grosse Trift, wo die Pferde weideten bis nach Heifd oder Hafjä 5 bis 6, 
oder nach anderen 6 bis 7 Meilen weit, und hier wurden Wettrennen 
gehalten. Die grossen Besitzungen der Medinenser bei el-Gäba sind 
oben S. 118 erwähnt. Hier hatte auch Muhammed Weideplätze für 
seine Kamele und bis hierher wagte sich unter Anführung des *Ojeina ben 
Hicn el-Fazfirl eine Reiterschaar der feindlichen Gatafan und trieb Mu- 
hammeds Kamele mit sich fort, nachdem der Hüter erschlagen war. 
Sobald dies in Medina bekannt wurde, rief Muhammed seine Reiter 
auf, deren sich auch sogleich acht stellten; sie holten die Gatafdn ein 
und nahmen ihnen einige Kamele wieder ab. Muhammed folgte mit 
einem Corps Fussgänger und setzte die Verfolgung fort bis nach Dsu- 
Carad, einem Wasser an der Strasse nach Cheibar, welches Talha ben 
Obeidallah käufllich erworben und dann zum allgemeinen Gebrauch für 
die Vorüberreisenden vermacht hatte, und dessen Entfernung von Medina 
auf einen Tag, von anderen auf zwei Nachtreisen angegeben wird. Hier 
lagerte Muhammed an einem Berge einen Tag und eine Nacht und 
kehrte dann, da er an einem weiteren Erfolge verzweifelte und fürchten 
musste, auf eine stärkere Macht der Gatafdn zu stossen, wieder nach 
Medina zurück. 

Oestlich von dem Berge und Wadi^Igr, an welchem Muhammed 
auf dem darauf folgenden Zuge nach Cheibar am ersten Tage lagerte, 
an dem Wadi el-Cu9eiba liegt Raudha el-Agddd, ein Dorf der 
Gatafän, an welches sich folgende Anekdote anknüpft. Der Dichter 
*Urwa war mit mehreren seiner Stammgenossen nach Cheibar gezogen 
um dort Vorräthe einzukaufen; Cheibar war berüchtigt als Pestort und 
es herrschte der Aberglaube, dass, wer sich vor dem Thore der Stadt 
niederwerfe und wie ein Esel schreie, von der Pest verschont bleibe. 
Alle Begleiter IJrwas beobachteten diese Förmlichkeit, nur er selbst 



160 F. WÜSTENFELD, 

nicht; nachdem sie dann ihre EinkäuiFe gemacht hatten und auf der 
Rückreise nach Uaudha el-A'gddd kamen, starb hier die ganze Reise- 
gesellschaft ausser *Urwa. Auf diesen Vorfall bezieht sich eins seiner 
Gedichte^). — Der Wadi Cufeiba mit einer flppigen Vegetation ist 
der südliche Ausgang des Wadi el-Daum, welcher im Norden von 
Cheibar von Gamra herabkommt und die Gränze zwischen dem Gebiete 
von Medina und Cheibar macht. 

Unter den Burgen von Cheibar hat JäcAt für el-Camti9 auch el- 
Gumiidh, statt Wa'gda unrichtig Wach da, und dann kommt noch 
bei ihm el-Dhih4r vor. Durch die Felder der von Medina her näher 
gelegenen Burgen Schikk und Natd zieht sich der Wadi el-Schu- 
reir, die entfernteren Wa'gda, Sulälim, Katiba und Watih wer- 
den durch den Wadi Ohd? bewässert. Die Einwohner von Schikk mit 
dem gleichnamigen Dorfe waren bekannt durch ihre Geschicklichkeit in 
der Anfertigung von Zügeln mit Gebiss für Pferde. — el-Rukeiba 
und Ki*ds sind zwei hohe Berge bei Cheibar. — Bei dem Orte Thi- 
bdr sechs Meilen von Cheibar tödtete Abdallah ben Oneis den Juden 
Oseir ben Rizä,m. 

Die Lage des Dorfes Fadak wird nirgends bestimmt angegeben, 
und Samhüdi, nachdem er die Entfernung nach 'Ijddh ebenso wie Bekri 
auf zwei oder drei Tage von Medina angemerkt hat, findet es selbst 
auffallend, dass sich über diesen einst so bekannten Ort nicht einmal in 
Medina eine genaue Kunde erhalten habe, und er hat darüber nichts 
weiter gefunden als den Bericht (aus dem Klassenbuche) des Ibn 8dd 
über den Zug des 'AH gegen die Banu SaM ben Bekr bei Fadak, wel- 
chen er dahin auf Muhammeds Befehl unternahm, als dieser erfuhr, 
dass jene ihren Jüdischen Glaubensgenossen in Cheibar zu Hülfe kommen 
wollten, *Ali brach mit 100 Mann auf, marschirte bei Nacht und hielt 
sich am Tage verborgen , bis er an das Wasser el-Hamag kam , zwi- 
schen Cheibar und Fadak, welches letztere sechs Nächte von Medina 
entfernt ist. Dort traf er einen Mann, welcher ihm Auskunft gab. 



1) s. NöldeJce, die Gedichte des 'Urwa, Nr. XUI. 




DAS GEBIET VON MEDINA. 161 

worauf er die SaM überfiel, in die Flucht schlug und ihnen 500 Kamele 
und 2000 Schaafe abnahm. — Die erste Angabe „zwei bis drei Tage 
von Medina'* muss hiernach sicher heissen: „zwei bis drei Tage (nörd- 
lich) von Cheibar", dazu stimmen die sechs Tage von Medina und hier- 
mit lassen sich auch die sonstigen Nachrichten vereinigen. Von Cheibar 
liegen auf dem Wege dahin der Wadi A c h t h d 1 , dann die Gegend von 
Jadf mit Wasser und Quellen, an denen die Murra wohnen, dann das 
genannte Hama'g nach Wadil-Curd hinüber, ebenfalls mit Quellen, an 
denen Palmen stehen, und in dieser Richtung wird auch der Ort el- 
Guthd als am Wege liegend genannt. Der Wadi Dsu Marach zwi- 
schen Fadak und el-Wdbischija zeichnete sich durch sein üppiges 
Grün und die Menge der Bäume aus. Die Berge der Tajji erreicht man 
von Fadak in einem Tagemarsche und die durch die grosse Entfernung 
anscheinend sehr unbestimmte Angabe, dass der Wadi el-Gars und 
der Berg Chabbdn zwischen Ma'din el-Nacra und Fadak liegen, findet 
ihre Erklärung darin, dass der Steuereinnehmer aus Nacra nach jenen 
Gegenden hinübergeht. Ueber den Weg, welchen dieser zu nehmen 
pflegte, sagt Bekri: Von Nacra eine Tagereise an den Berg el-Hibdla 
und el-Gazäl (oder el-Cadsäl), dann an einen Berg Namens Gub&r^), 
welcher auch in Verbindung mit dem oben erwähnten Berge Jumn 
vorkommt, dann Jarbag^), ein Dorf, welches den Nachkommen des Ridhd 
gehört, reich an Obst und Quellen, dann zehn Meilen durch die Harra 
nach Fadak. Ein anderer Weg, welchen der Einnehmer verfolgte, wenn 
er die Steuern besonders bei den Banu Dsubjdn und Muhärib erheben 
wollte, ging von Medina eine Poststation nach el-Cai;9a, wo die Banu 
'Owdl von Tha*laba ben Sa'd steuerten, dann nach N a c h 1 zu den Banu 
Chudhr von Muhdrib, dann nach el-Mugitha, wo die übrigen Mu- 
hdrib zahlen, dann nach el-Thamilija zu den Banu Asch'ga', dann 
nach el-Racmatein zu den Banu el-^drid, denen auch'OtdId bei 
Dhargad und 'Ozeila gehört, dann nach Murtafac zu den Banu 

1) Nach den Arabischen Schriftzügen liegt die Yermuthang nahe, dass der oben 
genannte Berg Ghabbdn derselbe sei. 

2) Die Schriftzüge ähneln sehr dem obigen Jadi' bei JäciU. 
Histor.'philol Glosse. XVIII. X 



162 F. WÜSTENFELD, 

Cattdl ben Jarbii' (d. i. Bijdh ben Jarbii' ben Geidh ben Murra» dessen 
Mutter Umm Cattäl hiess), dann nach Fadak, el-Hur.ddha, Cheibar, 
el-^ahbd zu den Banu Asch'ga', dann Dära. 

Der grösste Theil der Einwohner von Fadak bestand aus Bann 
Asch'ga*; die Burg hatte den Namen el-Schumruch. — Da nach 
der Eroberung von Cheibar der Friede mit Fadak zwischen Muhaj- 
ji9a ben Mas'iid , welchen Muhammed hinsandte , und dem damaligen 
Herrscher von Fadak, dem Juden Jdscha* ben Niln, unter denselben 
Bedingungen wie mit Cheibar, dass die Hälfte der Erträgnisse abgegeben 
werde, ohne jeden Kampf abgeschlossen war, so betrachtete Muhammed 
diesen Vertrag als einen persönlichen zu Gunsten seiner Familie. Aber 
schon Abu Bekr machte der Tochter Muhammeds Fdtima ihre Ansprflche 
streitig, während Omar sie dann anerkannte, und so änderte sich dieses 
Verhältniss für ihre Nachkommen fast bei jedem Regierungswechsel, so 
weit die Nachrichten reichen bis auf Mutawakkil. 

Die Entfernung von Medina nach Telmä beträgt acht Tagereisen; 
der Weg dahin ist mit dem nach Cheibar derselbe bis an den Berg 
Aschmads, muss dann an der Westseite von Cheibar vorübergehn, da 
er hinter dem Orte Siläh drei Tage weit den Landstrich el-Gindb, 
welcher auf der Seite von Wadil-Cura liegt, durchschneidet, wobei der 
Berg Bard zur Richtschnur genommen wird, dann kommt man nach 
Teimd; zwischen jenem Landstriche und Teimd lag die berQhmte Burg 
el-Ablak el-fard auf einem Sandhügel, nach ihrem äusseren Aussehen 
ablak ,, weiss und schwarz** so benannt; die vorhandenen Trümmer von 
Gebäuden aus Backsteinen machen gerade nicht den Eindruck von der 
Grösse und Festigkeit, welche ausser der viel gepriesenen Treue ihres. 
Besitzers Samuel, dessen Vater 'Adijä sie gebaut hatte, zum Sprüchwort 
geworden sind. 

Harra el-Ndr und Harra Leilä sind zwei neben einander lie- 
gende Landstrecken mit vulkanischem Boden, welche den gemeinschaft- 
lichen Namen Umm ^'abbdr führen und von Teimd bis Wadil-Curä 
reichen, an der ersteren ziehen sich einige Wadi hin, welche el-Ba- 
wärid heissen, und die zweite wird durch den Wadi Barüd begränzt. 



V 



j^ 



DAS GEBIET VON MEDINA. 163 

in welchem sich Brunnen befinden. Die Stämme Gudsdm, Bali, Balkein 
und 'Udsra besassen darin Niederlassungen und die Banu Suleim haben 
den Bergbau betrieben, indem dort Borax und Smaragde gefunden werden. 
Die Harra el-När wird jetzt von den Banu 'Anaza bewohnt und an der 
Seite von Cheibar ist Ladhä eine Niederlassung der 'Guheina mit dem 
nahe gelegenen Berge Kirs; neben der Harra ist der Berg Dhubär. — 
Zu dem Verse des Muzarrid: 

Suweica-Balbal bis zu seinen Fara'gdt, dann Dsul-Gugn, 
wo ich oft mit Salmä zusammen kam, bringen mich zum Weinen, 
giebt Bekri die Erläuterung : ,,Suweica-Balbdl ist ein bekannter 
Berg am unteren Theile von Dsu-Tulüh, einem Wadi der Banu Tha*- 
laba ben SaM ben Dsubjdn, zwischen el-Chuschba und der Harra 
el-Ndr; el-Fara'gdt, im Singl. Far'ga, sind Hügel und Anhöhen in den 
Bergen von el-Ma5ä9a; Üsul-Gu^n ist einer von den Teichen in der 
Harra el-Ndr neben el-Majäfa, und dieses sind lange Hügelketten, die 
sich von dem festen Boden der Harra el-När östlich bis zu dem Wadi 
von Nachl hinziehen**. In jener Gegend der Tha'laba hinter der Harra 
liegt auch der Ort Geica und auf der Ostseite kommt aus der Harra 
der Wadi Dsaura und ergiesst sich in den Wadi von Nachl zwei 
Tagereisen von Medina an der Hauptstrasse nach Tabdk. 

Zu dieser Hauptstrasse nach Tabük ist noch folgendes zu bemerken. 

An dem Wadi Dsu-Chuschub einen Tagemarsch von Medina 
besass Marwdn ben el-Hakam ein Schloss und dort hatten auch andere 
angesehene Omajjaden Besitzungen und Wohnungen, wohin sie sich kurz 
vor der Schlacht bei Harra einer nach dem anderen zurückzogen, als 
die Empörung gegen Jazid im J. 63 in Medina zum Ausbruch kam; 
sie wurden aber von dort durch Abdallah ben Handhala schmählich 
ausgetrieben, ehe die Syrischen Truppen herankamen. Diese hatten dann 
bei Dsu-Chuschub in der grossen Ebene neben den beiden Anhöhen 
el-Fahlatän ihr letztes Nachtquartier, bevor sie vor Medina rückten, 
nachdem sie Tags vorher bei el-Suweidd gelagert hatten. — Nicht 
weit davon liegt der Ort Teich oder Teich a, dann der Berg Balfi- 
kith, an dem sich da.8 grosse Feld Schabakat el-Daum ausbreitet 

X2 



164 F. WÜSTENFELD, 

bis nach Birma, von wo ein Wadi herabkommt, welcher sich an Balä- 
kith vorüber in den Wadi Idham ergiesst. — Dsul-Marwa, ein 
grosses Dorf mit Quellen , Feldern und Gärten zwischen Dsu-Chuschub 
und Wadil-Curd acht Poststationen von Medina, war besonders von Banu 
tjuheina bewohnt und die Nachkommen des Sabra ben Ma'bad el-Guhanf, 
eines Begleiters Muhammeds, der sich dort niedergelassen hatte und 
unter dem Chalifat des Mudwia gestorben ist, bildeten einen Haupttheil 
der Bevölkerung. Bekri giebt an, dass der Name Dsul-Marwa mehrere 
grosse Dörfer umfasse, sicherer ist dies der Fall mit Wadil-Curd, 
welches nicht ein einzelner Ort ist, sondern, wie schon sein Name 
„Wadi der Dörfer** andeutet, ein Thal von mindestens drei Tagereisen 
zwischen Dsul-Marwa und Hi'gr, und je nachdem der eine den Anfang, 
der andere das Ende desselben versteht, wird die Entfernung von Medina 
auf sechs Nächte und die von Hi'gr auf eine, oder wie von AbiU-Fidd 
auf mehr als fünf Tagereisen angegeben. 8amMdi sagt sogar, dass zu 
seiner Zeit auch die Umgebung von Dsu-Chuschub von den Medinensetn 
Wadil-Curä genannt werde. el-Ruhba bei den Falmenpflanzungen 
von Dsul-Marwa im Westen, dann Majasir und el-Sucj& nahe bei 
Wadil-Curä sind in dieser Reihenfolge Niederlassungen der Banu^üdsra, 
bei letzterem, zum Unterschiede von gleichnamigen Orten nach dem 
vorüberfliessenden Wadi „Sucjd am Gazl** genannt, ist das Grab des 
Castraten Sängers Tu weis. An el-Sucjd lehnt sich der BergDsahbdn, 
von Guheina bewohnt. — Als einzelne Orte von Wadil-Curd werden 
erwähnt: HdYt bani el-Midäsch, nach einer Familie so benannt, 
welcher Muhammed den Besitz zutheilte; Saff&n, el-Kifdf, Raka- 
bän, Schucca der Banu *Udsra an der Strasse, mit dem Platze el- 
Rac'a, wo Muhammeds Moschee stand, und Qa*id-Curhi) oderDdra- 
Curh, als Marktplatz im Heidenthum der Hauptort von Wadil-Curd, 
aber am oberen Ende desselben gelegen, da nicht weit davon el-*01d 
folgt. — Auch Haudhd ist der Name einer längeren Strecke Weges 



1) Samhüdi scheint der Lesart Cazah den Vorzug zu geben; indess in das 
Metrum der Verse, in denen der Name vorkommt, passt nur Curh. 



DAS GEBIET VON MEDINA. 



165 



in der Gegend von Hi'gr, in welcher Dsul-Bumma mehrere Orte nennt: 
Ich erstieg el-Gazdla, die höchste Spitze von Haudhä, 

um nach ihnen auszuspähen, 
Als wäre ich ein Falk, mit schwarzen Augen 

auf der Höhe des Sajja, der scharf umherblickt; 
Da sah ich sie, schon hatten sie Fitäch und 

die Sandfläche daneben zur Linken, 
Und schon hatten sie el-Sabija zur Rechten, 

und bogen in die Sandebene ab. 

Als Lagerplätze der Armee, welche unter Abu *Obeida von Medina 

nach Syrien auszog, werden hinter Wadil-Curd in dieser Folge el-Acra*, 

el-Guneina, Tabdk und Sarg genannt, letzteres zwischen el-Mugitha 

und Tabilk auf der Gränze zwischen Hi'gdz und Syrien, 13 Stationen 

« 

von Medina. Von Tabük sieht man im Osten den Berg Scharauird 
und im Westen das Gebirge Hismä, welches sich nach Eila und der 
Wüste Tih bani Isrdil hinüberzieht. 



Alphabetisches Ortsverzeichniss. 



138. 141. UJt 

109 >7 

133 J^ 

153 vl-«^'>l 
132 j«j*« 

129. 134 o«j*J< j;,J 

141 iUut 

123 ^\ 
162 OJkJI^^I 

119. 121 J^\ 

1 1 3 *1>J^J 



110 (ja«^« 

123>f^l 

147 ^^1 

146 v^^l 

104 ^&>^^ 

104 «MI 

143 L:?>l 

103 JjlJ»«^» 

95. 100 ^y?»^l 

149. 153 ^^1 

141 J^^i 



122 j4l»t 

123 v>-^< 
1 54 Jl^l 3<3 

1 1 6 v'i»-^' 
149. 157 *L»^'^\ 

148 0^5»-^' 
1 1 2 *Lft».^t 

157 vXpls-^t 

123 vl^t 
161 jL2ä>t 

122 y;>^' 



166 



F. WÜSTENFELD, 



137K^yä-^» 


95^^l 


129^0^ 


138 (.;i»» 


162 Juiit 


137 t3«ji 


145 KAB.^t 


131 iXM^I 


103 o*^^» 


147 3^5 


102. 106 ^t 


122 ^j, 


136 ^13^^» 


147 tjtrfl^l 


117. 151 Ajt 


118 f^» 


119 ^» 


124 0-^ 


120. 133 Jt^>>» 


128g)«l 


152 ^ji 


100 K-33^t 


1 1 6 uö^«^! 


142 yf« Ö^ 


153 ^y 


152 u»;*«» 


102. 104 <6^ 


148 ^3<y 


153 o';«^' 


158 jÄ«ä»-f«K^^ 


106 »^V 


1 1 6 N»el3« 


106. 164iUjf 


129 f'y 


126 iX*»Is:il 


1 62 ^v* 


104j:^y 


141 yji» 


1 1 * Vj^» 


114 OSjt 


117 K*«fti' 


146 il3.tjj 


120 X«Ma».^^t 


131. 157 yj» 


103*t,j^ 


144 »iSj« 


165f^^» 


112 ^U4 


150 <^^?s3 


131 isw^aSt 


147 .^«A, 


144 o^j\ 


143.158 KJUi^l 


141 tjetttai 


131 4,« 


146 8^1 


104 £«daf 


151 iji i,i 


153 Mo*' 


140^lii( 


129. 148 |>Uy 


119 «LAJt iCjJt 


154 oUn 


124 c,; 


112^1 


151 yi^*»» 


129 f^y 


148 v^t »<3 


llly^ofa* 


133 yS^;« 


165 VXi\ 


125J-*'o'»' 


1 1 5 ^j,p\ 


157 j|> 


104 jUf 


122 ^,jt 


129 J^JI 


140iwtyi«Jt 


117 j«U:»t 


96 ;»)l ^t *Uj 


152 «6si*« 


125 cy.^1 


1 1 9 ol^l 


135 KblM 


129 |>^i c»^«.« 


1 1 3 ö'j« 


129V««yJ 


99 J^^il oti 


103.;*^« 


152>Ul( 



\ 



^ 



DAS GEBIET VON MEDINA. 



167 



149. 151 K«Sj 


122. 130 jUS 


107 v^ 


106. 163 e*^ 


134^14-3 


137 olJ^ 


110 ^jOJj 


152 UU«j 


101 *MÄiJ 


99 BJJLJt 


114 ,^ 


137. 149 o,JäH 


131 oJUI 


119 ^l-J^ 


142^« 


145 it^ 


120 J^aBS 


96 (iUJt 


100 c^t 


151 15»^ 


108 X^UÜI 


100 «LftXJ' 


138 V^ 


150 OuSit 


99 iX«JLit 


136 o"^' 


136 Ki^lJt 


162 ^y^Jl 


155 jAJUxJJ 


102^1^5 


148o>»>* 


1 54 ^Uü« 


142. 149 iji^ 


95 Jj«^ 


147 KAäS 


117 JL^J 


102 KJ'^* 


143 cy»>S 


147 v-*^« 


140 o^^ 


138J53 


161^1*:?. 


124. 150 8^>Jt 


100 OOiS 


llOol^J^ 


136X£y>#j*# 


149. 162<'UftS 


143j*Äj^ 


99 g>i;«»JI ;*# 


137 CÄ^' 


143*^il,s. 


119 ;«■/»;«* 


165 J^tj-'»i/j«-3 


111 Kl«^ 


124 o*-»** 


98 i^Uil 


115. 140 J>«^t 


133 Käu 


136 jj^b 


161 ii^y 


106 «waajji 


113 JiÖ 


142 *3L?vi^t 


108 iU*# 


132 M<*l^t 


insiÄ^l 


138 äl-V 


160 ^LS 


150 ^0<^ 


100jj*3 


142 KiU3 


149 ^>X;> 


163 «^5*3 


117^L?\äJJ 


140 ^Jy»- 


147 Kj^ 


141. 150,^ 


115 iJ/i« 


106 JCe^' 


117 ,*^CÜJ 


107. 130 'r^j^i 


134 LT-»/^' 


147 VU;3 


136 «,.,j;:it 


126;,.j-J.- 


104 Jini 


156 4^*»ij4' 


105 ff/-*»S 


140. 154 K,)AU£Jt 


106. 164 Jj^t 



168 



F. WÜSTENFELD, 



149 f,\ 

115 ^J^ 

151 vJU^t 

1 54 ^Wl olA> 

151 y^ 

129 w^J/s. 

130 «*Lh^' ^ 
107 >4»s'3 

156 J^ 

151 S^ 

1 20 "t^l 

156 cLfO^I 

142 K:il>l> 

96 yr^\ 

1 1 5 *l^« 

121 ^Ua. ,3 

136 o'^*^ 

115 Jw*^ 

126 (.^1 

152. 162 vl-^< 

129 8j»v>^ 

151 sUää. 

165 K^l 



145 

129 «'^^l 

1 1 8 JC^«y4« 

155 tl»^»' 

145 c^<>^< 

157 t5>^' 



108^1 

136j:>-li« 

123 831» 

100. 150 Bytolil 

1^1 -«Ls«- 

136 Kda«Ull 

164 (J&t^l ^j ia:>U> 

147 ikL» 

136 i^r?^ 
130 ,*; 



135 (j** 
116 J^iu». 
137 
97 *L«*ai» 



122 

95 4«»;:^) 

106. 120. 164 j^\ 

150 



117 iUJi». 
111 »l^i^iJ^J 

1 1 2 y_;^i 

1 1 7 o.«yi« 

101. 162 iUstj^l 

104 u»jö- 

115. 133 uw^a-i-i 

116 f^j^ijs^ 

162,iftJ8^ 

162>iil 8^ 

115 (»S'^S^ 

100 tj^loW 



98 
118 t3l>« i^ |>j»> 

134£5*;ii5^0> 
130 

137 y,^>lj»- 

126 »L«^t 

131 »Lm» ^.3 

165 



103 _ 

135 ,^.^\ 
137 Kftift«.. * ^» 

110 ^fA^i 

152 o^^t 
144 i(«i<k«>^t 



109 

129 ^U^t 

159«l«ito> 

99 ^Ve* '» 

105. 146. 157 yk^t 

131 yMuBjftA». 

109 i)Jto. 

156>a^l 

106 iT*fti»> 

120 B«^t 

136 8^ 

105 KtAUtyi 

132 KjLgll 

98 M^\ ,3 

154 jH»««»it>Xr 

116 Ju»^! «1^ 



DAS QEBIET VOM MEDINA. 



169 



156 o'j»" 


135 cU^I 


149 Kv^ 


138Ksi' 


163 M^' 


117 KiftJjJt 


144 o*^ 


99 K^/A^l 


160 ^»vXit 


100 UCj'l^l 


131 K-^« 


119 o^J^J*^' 


125 jf^>- 


155 o"** 


104 83^ 


101 t«j)-i^ 


99 ,^«4^ 


137 iUl>jJt 


«7»,y> 


154 0^1 


130 v^i 


164 i^y>- 


144 Sik»' 


110»,/ 


134 gj^J^J» WU^ 


110 lii^A» 


110 8/ 


97 Bj:!)» 


148 lüi^t 


115^^ v^ 


159 <-Uu> 


156 *L?va« 


137 K«3J^» 


145 K«». 


110*>»li» 


163 8j,J 


160 Ü0I3. 


142 xU» 


164 0^«^ 


153 iUaJL^t 


150 iy«U*. 


112 £,»^ 


105 ^l^t 


115 v3Aii-l 


151 8,ij 


161 o<^ 


136 j*- 


135 vM 


158 '«;*Ä« 


152 Uü«>i» 


137 £!l*;i« 


107 ULjl- *',««■ 


137 «^« 


125 8Js)^t 


127 »^t 


159,*«3. 


113 (jaj/ 


102 »j*3. 


110 c«Ä.,3 


137 iUft^^t 


95 iä*^» 


164 c/S«;^ 


1 52 iui.^1 


101 /^l 


132 iU^tjJt 


106. 146. 164 i^ß 


152 Uü»^« 


114. 148 vl^> 


118. 128 o^y^-j 


1 22 v,^ 


151 ^ 


120 is»Ä».^l 


1 26 oL^-r*" 


117 iU«3Ait 


104 0^ 


112 ■ihiji\ 


134 iUÄ»^ 


104 vs^j 


103 Ulrf^ 


99 J^O 


120 K.a«>jJt 


153 K*iii« 


119,^ 


111^, 


113 (J&Läö. 


99 ö'»<> 


140 iU«^/ 


106. 163 v^-Äo-jJ 


150^)2«Jül 


99 ^« i(»J>j 


Eisior.-philol. Glosse. 2 


:rin. 


Y 



170 



F. WÜSTENFKLD, 



100 ^J.;^ 


100 sL^jIt 


100 vUCo 


125 ir^jJI 


1 37 K^/ 


151. 162 -^Üsm 


155 ^^tt»^^\ 


131 *\fi^ 


160 ,»nU 


123 ^U>jJI 


142 iC«3V» 


149X^X»JI 


155 f^^S 


145 KJ 


115 ^ 


101 ^s9io^ 


121 l«X«U ,ö 


1 07 (JL- >3 


121. 124. 150 U^^il 


108^ 


156 o'-*^ 


164 iUS^t 


107 jjL. 


143 «,,4JU 


161 ü!^/ 


111. 113 KjU 


136£«L.JI 


1 60 V^^\ 


122 ^U» 


126 Ki«L« 


139 «^^ 


152 ^Uu..^! 


103,»JLJl33 


1 64 c,^, 


165 K»^ 


99^U(«iJt 


lOgäojT, 


98. 117. 125^U-JI 


137 »ij«««« 


144. 146 oM 


111. 113 ^jJJm 


120,^1 


142 ijoA^S 


119 OuJi 


113(»U«Jt 


151 vjt,^ 


119. 121 B^JuJt 


146 ^ 


95 *l».jjJ? 


144 »t^i 


123 jj'y- 


159 .>tJi>:^t iU>,^ 


99 ,\jm 


113. 122My}«Jt 


120 TUijuVJOy, 


102 ^j«y». 


121 M^mJI 


120 o\j ,3 


94 Bl^l 


127 ^^IXSy« 


1 1 5 iU j^ 


107 J.;^»,^ 


125. 163 «tJ^t^i 


108 Kirf^pj 


165^-. 


95. 97 Uiym 


111 Jjl>, 


95. 102 oy 


163ji^U4y.. 


118. 120. 148ol*J' 


146 o'jr^l 


95. 105. 108 XJl««. 


109^, 


104 _p!;-. 


165 X««, 


104 K£, 


129 J^JuJI 


129 XfU 


155 xJly 


131 KjJüi^Jl 


98 v^* s<) 


117. 156. 158 »dJ^JjJI 


106. 164 ^Uu 


142Kjl«A 


153^,;; 


146. 150 Ukfi«. 


134. 157 «^l^&n 


1 1 5 Kjlfij 


113. 137. 164 l«ii«Jt 


■137 XJC^ 




DAS GEBIET VON MEPINA. 



171 



1 63 fyO<i\ KjCuft 


162^;*AJt 


162 »Uf>« 


165K*?taJ» 


111 jtMli^jH 


99 8^i«>it 

1 


157 o'jA 


100 ^^«»ft*'& 


119jJ»'U» 


111 ««;Ail 


152 JaiJü 


107 M5l»'Lto 


130 Kj^I 


124 Jaä».«yÄ 


100 u»U> 


126. 153 g/< 


1 1 8 o'^r* 


163^L«*» 


126 ^;^l 


121 «,yÄJt 


133 ^ 


148 <£'}A 


123. 145 S3yAi\ 


118 ^^3.Jf*Ä 


134 «Ä^ 


98 iO^yä 


96 KA^A<a]t 


118. 165 tfj,-a 


120 ifiSi 


134 f>.?wJI 


146 cri>r^' 


llöo^^WÄ 


146 tr«-«»J» 


160^^« 


164 c/S^U 


tu. 152. 161 0^/0 


126 UM;AJ» 


135 t^ b;i^ 


126Krfyia 


97 v>^M^t oti 


162jL*»f< 


152 ,yk« 


100 ^Lkajt 


151 ^ 


lOSyk^alt 


149 X^oL^I 


157 «v»«am 


120 itia> 


145 it«*<^t»A:« 


147 l^jJ 


127 j:iA» 


105 v^ 


136.;*^ 


97 y^)U»i\ yS 


156 .r*^ 


107 fcX*** ^i^ o'^i^ 


151 KLaLaJl 


131 y^J v^*a 


142 jJuaJt 


132 «Ua;^! ^ 


133y«JÄ 


142 yu. t5»*^ 


100 JniUJi 


130 >t***ÄJ' 


132 ^«^t 


107 «5Ldt:yto 


122 UUUJt 


100. 118 //* 


145 If^t 


160 Uta 


132 JSi/aii 


107 o^*«^< 


133 Q<J^X^t 


121 Kft*«^l 


98 Klft^t 


132 ^ 


106 >0 


148 i^l« 


155 o^ 


117 iCwJM» 


99 ^s^ 


164 ».& 


133 kUUJI 


118 «J>il 


153 vJM^t 


135 »ULoJt 


153 B^>il 


122 KS«&äJI 


116j«y-> 


109 Uijai\ 



Y2 



172 



F. WÜSTENFELD, 



137 v)U7 


151 ö^.« 


131 «£0^t J>^ 


163 ^3<^ 


116^;»OÜ 


106. 150 o'^^H* 


137 it«».UIaJt 


151 ^^ 


148 yoU« 


154 'in^ 


109 v>y»i' 


146 v^lC&» 


163 K^yb 


131 oUXi^ 


122 ct\^^ 


133 ^ 


ii9o«»iy^' 


136 U(«iUJt<s»l3 


122 t^ 


121 o'^J* 


135. 147 i^y^tt 


102iU*t» 


138. 147 K^yJJ 


106 jit^t 


1 57 v^' 


129 ö»>*» 


148 uA3t^ 


98. 106. 118 ^ 


113 js^ 


143. 147 «L^^ 


160 ^l*^' 


161 %« 


156 jki^\ 


136 8JL«J» 


111. 113 o^*-** 


99 JtfUMy» 


146 gJt 


134 üJL«.^! 

• 


98 JJ^yJt 


127 iXit 


135 ^^« 


1 09 «3l«^t f t 


102 ^L** 


96 B^ft-Ä-JJ 


106 v*^«*«lt 


137 iC««.LiJt 


101. 136 8,<wft*J«5.> 


125ua««it 


149 ,^*l«.a*e 


159 /*• 


157 »)-»;?• cft»» 


1<IÄ 1 i.7 1 'tO Kniiv,ftnM 


1 08 iu,Ua 


158 i/Mi^cfii* 
155. 157 i>««0(:)ei* 


107 .>jH» 


138. 156XJUJ» 


107. 161 iX<U« 


120 ;ä* 


113 /«»scitiA 


150 K«ftX. 


140 ^JUyie 


139 J.^teti« 


108 iUAa 


127 J-Lä >4_;5* 


113 «XfJt,;^^» 


129 kIÖ^ 


153 iüyüJ« 


118 »#l*» 


157. 158 w*JÄ«J« 


164 :^< 


1 24 ^UÜI ot3 


103 i^i*X«J{ 


136 s^ljJ« 


145 «j>Lj*Ä 


131. 150 ^y 


118 oii^ 


142^ 


109. 110 ^\ 


113 *-Ol 


144 gtJüÜt 


99 u»^ 


131 y^«ä"i<^^ 


153ykil 


127 öyiJ? 


117 o"^'-*^ 


108. 111 o'^ 


151 *LsJ^ 


117 gOUJt J.^w« 


138 ^^ 




DAS GEBIET VON MEDINA. 



173 





133 ^yüt 


160 i^<Ai 


158 oL«^t 




161 j-yÜJ 


1 04 ASI^J 


152 X«s> 




122 UU^ 


.121 o'^ 


109 u«Xl 




141 ol»/^' 


163 ol^jJ 


113 »XjjAS 




129 vsjyki» 


148 •<>> 


161 J'JüÜ! 




161 J<^5 


152 u-^' 


1 56 tJt;«JÜt 




165 iU«j*J» 


131 o.I*J» 


103 vJt^ 




151 Jw^ 


106. lOScAJkJ» 


147 ^<;S 




137 KI--4 


109. 112 ^]iJ» 


153 c>*'j*^' 




95 -itAt 


95. 100. 108 ^yiJ' 


1 59 ^j» ,<> 




163,^0*31,3 


149 i^^i'^ 


135K*>,8i« 




146jyöi 


146 K«;*JI 


163 irj» 




148 kUUJI 


136 cRiMi"* 


157 *t^l 


138. 


140. 146. 150>*3t 


106. 108 Ji-i/i^ 


119 8jS^» 




141 i^j^^ 


156 vJF;'j«i» 


141 oM' 




116. 160 *jU 


109 yt^t 


138 o^^' 




160 o»^t 


109 8j*4JI 


121 i:EJyÜJc»W 




146^ 


97 «;l^l 


133. 135 c5;»y» 




154 u».«^i 


121 giUJt 


95 ^J^^ 




151. 161 It^AJ» 


152 Ui 


147 Kjyül 




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174 



F. WÜSTENPELD, 



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126. 133 oS"- 


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95. 100. 107 j*l^ 


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140 W^JJ« 


117 XL^^J 


116 gJU^it 


107^5^ 


123. 131. 133 «^A^t 


110 X;«W»w* 


111 S^ 


146 K-^ 


150 jLA« 


138 J^^ 


109 Kdi^l 


96 yjä^« 



\ 



DAS GEBIET VON IIEDINA. 



175 



108/SV4-. 


116,yuXI 




141 Uia«du 


136 iltfUU 


124«*X*#j^^ 




160 Bliü 


158 ^jfS^ 


100 XSJLu 




148 JiUJI 


163 iU>UAit 


142 t)4^ 




149 Ul«^l 


109 Ulft^aXt 


117 Kig-U. 




145 XjUUit 


113 ^/Jt Ui«dM 


148 J^y 




133 9/ii\ 


124 o^ 


148 ms,- 


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152 «-UBi 


136 j«Jt (^jJUM 


151 ^^Lf* 




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122 ^^ji^^cXjM 


112 gjl** 




123 Iftli 


133 «^1 o"^*^ 


126^)^1^ 


108. 147. 


151 v^A&Üt 


157 K^l 


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126. 157. 161 K^wt^ai 


121 KrfjUi« 




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100 KiMti 




161 X«i^t^t 


152 UXI 


153 »jWi 


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1 23 cUAJLtt 


134 gUil 


158 


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97 KjaUI 


132 ^Ui( >3 


106 


ya^l 4^t, 


95. 105 JJU 


138 cti3«^t 


138. 164 


l cf ^l i5<>'> 


97. 149. 151 XdaJU 


117 8jWJJ 


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137 objl. 


99 LW;^' »'^aJ^ 


104 g^l 


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. 155 J3«t> 


99 e<w*^l X^JU 


117 J^t 


156 


. 167 K*«ä», 


136 ,^1 


117,*^« 




130 v^l. 


102 gUt 


123 J^ 




109 i^. 


100 jd«;u 


100 J.a;*MI,J 




110 o^J 


143 v4^t 


104 JU*? 




160 BJ^> 


132y5MI 


126. 161. 168 JJ^ 


103. 109. 11.3 0b> 


102 vJUt Jj^ 


157. 158 Ki«^t 




102 oIb«>> 


116. 148 »XfiwU 


136 tAU&ail 




141 U|tj^i 


108 JJU* 


95 v^*aJI citi 




141 XII. Jt 



176 



F. WOSTENFELD, DAS GEBIET VON MEDINA. 



106. 108 Jifi 

1 


125 lii^i 


161 ©,• 


nooVs^ 


154 jt^ 


114 OS,« 


121 *l*-^ ji 


149 ««^fit 


mJjä 


100 ^Jr^-i '■ 


124^^X1:» 


130 ««jM> 


99 tVf^< 


122 i^^ 


ISOSLjieX 


134 r&^t 


144pX4:t 


96,M< 


160^^ 


97 ^JJ^ 5^ 


96fU«X 


154 *L»«^I 


119 X-/ 


151 ot 


134^^ 


100 jj» 


101 e«^ 


147 o'A 


147 XJt^Jl 


155X^42« 


110 iX^5 


160 g^l 


106 «*i^U«Jt 


132 «L«^M 


156 r^ 


107 tiw 


153 Xft-^l^J' 


161 c<«Xi 




161 SÄ**]' 


148 J^ 





Verbesserungen. 

S. 106, 12-13 1. Chdf und el-Chdf&n 

116, 10 1. MaM9 

117, 3 1. el-HarrÄ8 
148, 1 1. Dhabu' 

— ,14 1. Gawwdnia 
142, 6 V. u. 1. el-Zaulftnia 
147, 7 1. el-Au'gä 

— , 23 1. Adabi 

— , 4 V. u. 1. el-HatUla 
163, 5 LNddhira 



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